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Full text of "Handbuch der Politik. Hrsg. von Paul Laband [et al.]"

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Handbuch der Politik 



Zweiter Band 



Handbuch der Politik 



Herausgegeben 



Dr. Paul Laban d 

Exzellenz, Wirklicher Geheimer Rat, 

0. Professor d. R. an der Universität 

Strassburg 

Dr. Georg Jellinek t 

weiland Geheimer Hofrat, 

0. Professor d. R. an der Universität 

Heidelberg 

Dr. Georg 

Reiohsrat der 
Geheimer Rat, o. 
Ökonomie an der U 



D. Dr. Adolf Wach 

Exzellenz, Wirlilicher Geheimer Rat, 

Mitglied der Ersten Kammer, o. Prof. 

d. R. an der Universität Leipzig 

Dr. Karl Lamprecht, LL. D. 

Geheimer Hofrat, 

0. Professor der Geschichte an der 

Universität Leipzig 

von Schanz 

Krone Bayern, 
Prof. der National- 
ni versität Würz bürg 



D. Dr. Adolf Wagner 

Exzellenz, Wirkhclier Geheimer Rat, 
M. d. H., 0. Professor der National- 
ökonomie an der Universität Berlin 

Dr. Franz yon Liszt 

Geheimer Jnstizrat, M. d. R., M. d. A., 

o. Professor d. R. an der Universität 

Berlin 



Dr. Fritz Berolzheimer 

Vorsitzender der Internationalen Ver- 
einigung für Rechts- und Wirtschafts- 
philosophie, Berlin 



Zweite Auflage 



Zweiter Band 

Die Aufgaben der Politik 

I. Teil 



Berlin und Leipzig 

Dr. Walther Rothschild 

1914 



Die Schriftleitung besorgte Dr. Fritz Berolzheimer, Berlin. 

-J i'Vj 



B(/ > 



Der Verlagsbuchhandlung sind alle Urheber- und Verlags- 
rechte an dem Gesamtwerke und seinen Teilen einschliess- 
lich des Rechtos der Übersetzung vorbehalten. 




Druck des Torgauer Druck- und Verlagsbaases U. m. h. H. 



Inhaltsverzeichnis. 



Zweiter Band: 
Die Aufgaben der Politik. 

I. Teil. 
Siebentes Hauptstück: Die politischen Parteien in Deutscliland. 

Abschnitt 

Deutschkonservative und Reichspartei. 

Von Geh. Hofrat Dr. Georg von Below, o. Professor der 
Geschichte an der Universität Freiburg 



31 



32 



Die Christlich-Sozialen. 

Von D. Ziudwig Weber, München-Gladbach 

Die Zentrumspartei. 

Von Justizrat Dr. Carl Bachern, C ö 1 n 



33 



34 



35 



36 



Von Konrad Freiherrn f^on Wangenheim, auf Klein - 

Spiegel, Vorsitzender des Bundes der Landwirte . . . 

Der Deutsche Bauernbund. 

Von Michael Meyer, Redakteur des Deutschen Bauern- 
bundes, Berlin 



Hansabund. 

Von Oberbürgermeister Alfred Knobloch, Mitglied des 
Direktoriums des Hausabundes, Berlin . 



Seite 



11 



14 



Nationalliberale. 

Von Rechtsanwalt Ernst Bassermann, M. d. R., M a n n h e i m 25 

Der Linksliberalismus. 
Von Rechtsanwalt Conrad Haussmann, M. d. R., Stuttgart 34 

Die Sozialdemokratie. 

Von I*aul Hirsch, M. d. A., B er 1 in 43 

Der Revisionismus in der Sozialdemokratie. 
Von Eduard Bernstein, M. d. R., B e r 1 i n 55 

Wirtschaftliche Bünde: 

Bund der Landwirte. 



58 



61 



63 



VIII 



Achtes Hauptstück: Die öffentlichenLasten undSchulden. 



Abschnitt 



A) Die Lasten. 



37 



38 



39 



40 



41 



42 



Gerechtigkeit in der Steuerveneilung. 
Von Finanzpräsident Dr. F. W. Rudolph Zimmermann, 

Braunschweig: 

Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 

Von Geh. Regierungrsrat Dr. Julius Wolf, o. Professor an der 
Technischen Hochschule in B e r 1 i n 

Die Reichssteuergesetze von 1913. 

Vom Geheimen Rat Dr. Karl Th. Ritter von Bheberg, 

0. Prof. der Staatswissenschaften an der Universität Erlangen 

Steuerreformen. 
Vom Geheimen Rat T)r. Karl Th. Ritt er von Eheberg, 

0. Prof. der Staatswissenschaften an der Universität Erlangen 

B) Die Kredite. 

Die öffentlichen Kredite. 

Vom WirkHohen Geh. Oberfinanzrat Dr. Otto Schwarx, Vor- 
tragender Rat im Preussischen Finanzministerium, Berlin 

Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 

Vom ^\'i^kiichen Geh. Oberfinanzrat Dr. Otto Schwarz, Vor- 
tragender Rat im Preussischen Finanzministerium, Berlin 



Seite 



71 



83 



107 



118 



143 



162 



Neuntes Hauptstück: Allgemeine Wirtschaftsfragen. 



Abschnitt 
43 



44 



45 



46 



Das Deutsche Volk in seinen sozialen und wirtschaftlichen Be- 
ziehungen. 
Von Ministerialrat Dr. Friedrich Zahn, Direktor des Kgl. 
Bayer. Statistischen Landesanites und Universitätsprofessor, 
München 175 

Der Geburtenrückgang in Deutschland. 

Von ^linisterialrat Dr. l'riedricli Zahn, Direktor des Kgl. 
Bayer. Statistischen Landesamtes und Universitätsprofessor, 
Mflnohon 216 

Die geschichtlichen Grundlagen der deutschen Wirtschaftspolitik. 
\'on Dr. Carl Johannes Fuchs, o. Professor der Volks 

wirtschaftslehre au der Universität Tübingen . . . . 231 

Schutzzoll und Freihandel. 

\'iiii \)v. Martin Weigert, vom Volkswirtschaftlichen Sekre- 
tariat der Ältesten der Kaufmannschaft, Berlin. . . . 239 

Weltwirtschaft und äussere Wirtschaftspolitik. 

Von Dr. Jiernhard Ilarnis, o. Professor der Staatswissen- 
schaften an der Universität Kiel 252 



IX 



Zehntes Hauptstück: Der öffentliche Verkehr. 



Abschnitt 



47 



48 



Eisenbahnwesen. 

Von Geh. Regierungsrat Dr. Georg Eger, Berlin . . . 

Norddeutsche Wasserstrassen. 

Von Dr.-Ing. Otto Blum, o. Professor an der Technischen 



Hochschule Hannover 



Süddeutsche Schiffahrtspläne. 

Von Oberbaurat Th. Rehhock, o. Professor an der Technischen 
Hochschule Karlsruhe 



49 Wettbewerb zwischen Eisenbahnen und Wasserstrassen 

Von Dr.-Ing. Otto Blum, o. Professor an der Technischen 
! Hochschule Hannover 



50 



Seeschiffahrt. 

Von Bernhard Huldermann, Direktor der Hamburg 
Amerika Linie, Hamburg 



Seite 



261 



274 



277 



286 



289 



Elftes Hauptstück: Handel, Geld und Kredit. 



Abschnitt 



51 



Handel. 

Von Dr. Bernhard Harms, o. Professor der Staatswissen- 
schaften an der Universität Kiel 



52 



Die privaten Gesellschaftsformen des Handels. 

Von Dr. Marl Lehmann, o. Professor der Rechte an der Uni- 
versität Göttingen 

53 I Die Privatbeamtenfrage. 

Von Dr. Martin Weigert, vom Volkswirtschaftlichen Sekre- 
I tariat der Ältesten der Kaufmannschaft, Berlin. . . . 



54 



55 



56 



Die Angestelltenversicherung. 

Von Hochschul-Professor Dr. Frit»^ Stier- Somlo, Co In . 

Notenbanken. 

Von Dr. James Breit, Rechtsanwalt am Oberlandesgericht 

Dresden 

Die Banken- Konzentration in Deutschland, ihre Vorteile und 
Gefahren. 
Von Geh. Justizrat Dr. Jacob JUesser, o. Honorarprofessor an 

der Universität Berlin 

Börsen und Börsengesetzgebung. 
Von Dr. James Breit, Rechtsanwalt am Oberlandesgericht 
Dresden 

WShrung. 

Von Geh. Ober-Regierungsrat Dr. Wilhelm, Lexis, o. Professor 
der Staatswissenschaften an der Universität Gö 1 1 i n g e n 



299 

315 

320 
325 

829 

337 
345 

350 



Zwölftes Hauptstiick: Urproduktion, Industrie und Gewerbebetriebe. 



Abschnitt 



57 Die Bedeutung der Landwirtschaft im Wirtschaftsleben der Nation 
und die staatlichen Mittel zu ihrer Förderung. 

Von Exzellenz Wirkl. Geh. Rat Dr. Hugo Thiel, Ministerial- 
direktor a. D., Berlin 



Seite 



357 



58 



59 



60 



Die Landwirtschaft mit ihren Nebengewerben 

Von Dr. Luclivig Stephinger, Professor der Staatswissen- 
schaften an der Universität Tübingen 362 

Die Industrie. 

Von Regierungsrat Dr. phil. et. iur. Josef Crt'unzel, o. Professor 

der Nationalökonomie an der Exportakademie W^ i e n . . 384 

Die Konzentration in der Montanindustrie. 

Von Universitätsprofessor Dr. Jiobert lAefniann, Fr ei bürg 405 

Elektrizitätskonzerne. 

Von Hugo Xatalis, Direktor der Siemens-Schuckert-Werke 

in Berlin 408 



61 



62 



Gesetzgebungspolitik gegenüber Kartellen und Trusts. 
Von Universitätsprofessor Dr. liobert L/iefniann, Frei bürg 413 

Handwerk und Kleingewerbe. 

Von Geh. Hofrat Dr. Julius Pierstorff, o. Professor der 

Staatswissenschaften an der Universität Jena 420 



63 1 Gewerbliches und technisches Schulwesen. 

V'on Geh. Ministerialrat Dr. Friedrich Stegeinann, f, 
Schwerin, ncubcarbcitet von Dr.=2ng. Arno Müller, 
I Leipzig 



425 



Die Aufgaben der Politik 



I. Teil 



Siebentes Hauptstück. 

Die politischen Parteien in 
Devitschland. 



31. Abschnitt, 
a) Deutschkonservatiye und Reichspartei. 

Von 

Geh. Hofrat Dr. Georg v. Below, 

0. Professor der Geschichte an der Universität Fr ei bürg (Baden). 

Llteratar : 

Das Buch von O. S t i 1 1 i c h, „Die Konservativen, eine wissenschaftliche Darlegung ihrer Grundsätze und 
ihrer geschichtlichen Entwicklung" (1908), ist ein völliger Missgriff. Vgl. die Kritiken von G. K ü n t z e 1 in der 
Deutschen Literaturzeitung 1909, Nr. 40, Sp. 2540 ff. und von F. K. W i 1 1 i c h e n in der Neuen Preussischen 
Zeitung 1908, Nr. 243 und 245 (vom 24. und 26. Mai). Auch F. N a u m a n n, „Die politischen Parteien" (1910), 
liefert nicht mehr als eine Tendenzschrift. Vgl. meinen Art. : „Ein Tendenzroman", Grenzboten vom 15. Febr. 1911, 
S. 325 ff. Ferner: W. Andreas, Zur Geschichte des deutschen Liberalismus, Histor. Ztschr. 107, S. 92 ff. sowie 
die Rezensionen von Ad. K ö s t e r im Archiv für Sozialwissenschaft 32, S. 250 f. und von mir in der Ztschr. f. 
Politik Bd. 4, S. 411 ff. Die reichhaltigsten und tiefsten Aufschlüsse über die Anfänge der konservativen Partei 
verdankt man F. M e i n e c k e, Weltbürgertum und Nationalstaat (2. Aufl. München 1911). Zusammenhängend 
habe ich „die Anfänge einer konservativen Partei in Preussen" in einer in der „Internationalen Wochenschrift" 
1911 Sept. 2 und 9 erschienenen Abhandlung dargestellt. An die Bismarckhteratur braucht nur erinnert zu werden. 
Viel Belehrung schöpft man aus den Arbeiten von H. v. Petersdorff über konservative Staatsmänner und 
Parteiführer: vor allem der Biographie Kleist-Retzows (1907), ferner zahlreichen Artikeln in der Allg. deutschen 
Biographie und Zeitschriftenauf Sätzen. Im übrigen seien hier notiert: A. W a h 1, Beiträge zur deutschen Partei- 
geschichte im 19. Jahrhundert, Histor. Ztschr. 104, S. 537 ff. E. S a 1 z e r , Stahl und Rotenhan 
(Briefe), Historische Vierteljahrsschrift 1911, S. 199 ff. F. W e g e n e r. Die deutschkonservative Partei 
und ihre Aufgaben für die Gegenwart, 3. Aufl., Berlin 1908 (vgl. dazu Grenzboten 1908, IV, S. 459 f.). Konser- 
vatives Handbuch, dritte umgearbeitete und vermehrte Auflage, bearbeitet und herausgegeben von 
Angehörigen beider konservativen Parteien (abgeschlossen am 18. Januar 1898). Berlin 1898. A. R ö d e r, 
Kulturkonservatismus. Separatabdruck aus der „Deutschen Reichspost". Stuttgart 1911. H. R e h m , 
Deutschlands politische Parteien, Jena 1912 R. Käller, Die konservative Partei in Minden-Ravens- 
berg. Heidelberger Dissert. v. 1912. M. v. Hagen, Freisinnige Kolonialpolitik unter Bismarck, Grenzboten 
vom 13. Juli 1913. Als Organ der Froikonservativen Partei ist anzusehen die Wochenschrift: ,,Das neue 
Deutschland", hcra. v. Grabowsky (Berhn, seit 1912). Der deutschkonservativen Partei steht nahe: , .Konser- 
vative Monatsschrift"' (Berhn, Reimar Hobbing). 

Die konservativen') Bestrebunsjen des 19. Jahrhunderts haben hauptsächlich zwei Ausgangs- 
punkte, die in erheblichem Umfang Gegensätze darstellen: die ständischen und die monarchisch- 
absolutistischen Anschauungen. Doch erscheinen die ständischen Anschauungen frühzeitig ver- 



') Das Wort „konservativ" lässt sich übrigens in Deutschland erst in den dreissiger Jahren des 19. Jahr- 
hunderts nachweisen. Wahl a. a. O. S. 559 Anm. 

H»ndbuch der Politik. U. AufInge. Bund H. 1 



Georg v. Below, Deutsclikousei-Tatire und Beichspartei. 



bunden mit den romantischen Ideen und durch sie modifiziert. Überhaupt treten jetzt die ständi- 
schen und die absolutistischen Aspirationen nicht einfach in der alten Gestalt hervor. iUles erhält 
einen neuen Zusammenhang. Zwischen den ständischen und absolutistischen Gedanken stellen 
sich ferner allmähüch Ausgleiche und Verbindungen her, freilich unter dauernder Wahrung eines 
gewissen Gegensatzes. Eben mit dieser Mannigfaltigkeit der Richtungen ist es gegeben, dass die- 
jenigen, die die historischen Verhältnisse erhalten sehen wollten, Änderungen der bestehenden 
Zustände nicht schlechthin ablehnten. So sind in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts \vichtige 
Reformen von den alten Mächten, insbesondere der Monarchie und dem Beamtentum, durchgesetzt 
worden und zwar mehrfach im Gegensatz gegen die Gruppen, die man als liberale bezeichnen könnte. 
Andererseits traten aus den ständischen Konservativen Wünsche auf Einschränkung des absoluten 
Regiments hervor und berührten sich hier teilweise mit den Wünschen der Liberalen. 

Den grössten Einfluss auf die Ausbildung konservativer Anschauungen im Abendland übte 
der Engländer Burke aus. Er war der gefeierte Held der politischen Romantiker. Den Kampf gegen 
das liberale Manchestertum des Adam Smith führte der deutsche Romantiker Adam Müller. Vor- 
übergehend hat schon in der Zeit der Napoleonischen Herrschaft, als Ausdruck der romantischen 
Stimmung, in Preussen eine konservative Zeitung bestanden. Der Redakteur war kein geringerer als 
Heinrich von Kleist. Das Programm dieses Kreises gipfelte in den Gedanken : Christentum, Königs- 
treue, Schutz historisch gewordener Rechte, Befreiung des Vaterlandes von der fremden Herrschaft. 

WesentUche Ideen der Romantiker übernahm die Burschenschaft. Die burschenschaftliche 
Bewegung hatte für die Entfaltung eines politischen Lebens in Deutschland grosse Bedeutung. 
Aus ihr sind sowohl namhafte Konservative wie Liberale hervorgegangen. Je nachdem man bei dem 
nationalen Moment, das die Burschenschaft so energisch erfasste, die Selbstbestimmung der Nation 
mehr nach innen oder nach aussen betonte, gelangte man zu liberalen oder zu konservativen An- 
schauungen. Früh \vurde allerdings der burschenschaftlichen Bewegung, wesentlich durch die 
Demagogen Verfolgung, eine einseitigere Richtung gegeben. 

Bedeutungsvoll für die Entwickelung eines politischen Lebens war weiterhin — wir berück- 
sichtigen zunächst die Entwicklung in Preussen — die Regierung König Friedrich Wilhelms IV. 
Zwei Streitpunkte treten hier namentlich in den Vordergrund: die kirchliche und die Verfassungs- 
frage; auch der kirchliche Streit musste zum grossen Teil innerhalb des Staats durchgekämpft 
werden. Es galt, für das positive Christentum, das sich seit den Freiheitslcriegen stärker entwickelt 
hatte, eine gesicherte Stellimg zu erringen gegen den alten Rationalismus, der bis dahin in der Kirche 
noch in namhaftem Umfang der beatus possidens war (vgl. den Kampf um die Professuren in der 
rationalistischen Theologenfakullät in Hallo), und gegen neue Formen des kirchlichen Liberalismus. 
Eben in dieser Zeit gewinnt das Programm der Konservativen nach der Icirchlichen Seite hin eine 
beatimmtere Richtung. In der Vcrfassuiigsfrage gingen ihre j\jQ3chauungen, wie schon angedeutet, 
auseinander: diejenigen, die an absolutistische Gedanken anknüpften, verhielten sich sehr ablehnend, 
während die Konservativen ständi.scher Richtung einen Ausbau der Verfassung für erwägenswert 
hielten. Überwiegend traten freilich auch diese in erster Linie für die Rechte des Königtums ein, 
und so erschien als allgemeiner Gegensatz der Konservativen und der Liberalen die abweichende 
Auffassung von dem Mass der Rechte, die der monarchischen Gewalt zuzuweisen seien. 

Neben der Frage der Einführung der Verfassung in den deutschen Einzelstaaten stand 
damals die der politischen Einigung des ganzen deutschen Volks. Es ergibt sich schon aus dem vor- 
hin Bemerkten, dass die Konservativen der nationalen Idee keineswegs ablehnend gegenüberstanden. 
Die Bewahrung deutscher Eigenart war eine ihrer mit grösstem Eifer erhobenen Forderungen. 
Die Verbreitung und der Ausbau der nation.alen Idee sind von konservativen Forschern und Poli- 
tikern seiir wesentlich gefördert worden. Aber bei der Wertschätzung, die die Konservativen den 
überkommenen staatlichen Gewalten widmeten, bei ihrem legitimistischen Zug vermochten sie 
nicht den Übergang zu der Forderung der politischen Zusammenfassung der ganzen Nation zu 
finden. Den Nationalstaat sahen sie nicht in dem nationalen Einheitsstaat, sondern in dem der 
Nation (Mitspros-scni-n Einzelstaat. Und sie fanden ja auch, wenn ihnen das Verfassungsideal des 
Libcrulinmus oder gar der Demolvratie vorgehalten wiirde, darin den Gegensatz nicht bloss gegen 
emzelne territoriale Berechtigungen der Fürsten, sondern gegen die gesamte Rechtsordnung, die 



Georg v. Below, DentschkonserTative und Relchspartei. 3 

ihnen am Herzen lag, ja sogar teilweise einen Ausdruck nivellierend-kosmopolitischer Bestrebungen, 
der von einer nationalen Idee kaum etwas übrig liess. Aber gegenwärtig war den Konservativen der 
nationale Gedanke, und zu einer späteren Zeit gewann auch die Idee der politischen Einigung von ganz 
Deutschland die entschiedenste Zustimmung bei ihnen. 

Die äussere Organisation brachte den konservativen Anschauungen und Bestrebungen das 
Jahr 1848. Jetzt schufen sich die Konservativen ein grosses publizistisches Organ, die Neue Preussi- 
sche (Kreuz-)Zeitung. Sie bildeten Vereine und agitierten. 

Der Kampf von 1848 war wesentlich ein Kampf um die Verfassung. Die Liberalen und die 
Demokraten erhielten als die eifrigsten Verfechter der Forderung einer Verfassung zunächst die 
politische Führung. Sehr bald indessen offenbarte es sich, dass sie der Aufgabe der Führung nicht 
gewachsen waren, nicht zu regieren wussten. Die Konservativen erwiesen sich als die politisch 
Fähigeren. Die konservativen Elemente und die konservativen Anschauungen boten den festeren 
Halt. Man sah überhaupt in einem konservativen Regiment die beste Stütze gegen die Fortsetzung 
oder Erneuerung der Revolution. So bewirkten die Erfahrungen des Revolutionsjahrs eine Ver- 
stärkung der konservativen Position. 

Mit den konstitutionellen Einrichtungen befreundeten sich die Konservativen seit 1848. 
Zwar hat eine Gruppe sie noch rückgängig machen wollen. Allein solchen Versuchen wurde innerhalb 
der konservativen Partei selbst Widerstand geleistet. Und es bleibt ein Verdienst der Konservativen, 
dass sie unter Ablehnung der Verfassungsformen, die die Volkssouveränetät zum Ausdruck bringen 
wollten, das Recht des Monarchen dauernd verteidigten. Der erste Theoretiker, der klar und scharf 
das monarchische und das parlamentarische Prinzip in der konstitutionellen Verfassung unter- 
schieden hat, ist ein Konservativer gewesen, J. F. Stahl. Er hat die Form der konstitutionellen 
Monarchie empfohlen, die Bismarck zur praktischen Wahrheit gemacht hat und die für Deutschland 
und seine Einzelstaaten die notwendige Verfassungsform ist. 

Das Wahlrecht, das Preussen in jener Zeit erhielt, ist das Dreiklassenwahlrecht. Es sei hier 
angemerkt, dass dies nicht etwa, wie heute so oft behauptet wird, einem besonderen Wunsch des 
Landadels der östlichen Provinzen entsprungen ist. Es ist vielmelir von bürgerlichen rheinischen 
Politikern eingeführt worden und stammt auch aus der Rheinprovinz, nämlich aus der rheinischen 
Gemeindeordnung von 1845. In der Frage des Wahlrechts gingen Konservative und Liberale (anders 
die Demolvraten) damals kaum auseinander, wie denn auch in der Zeit der Neuen Ära die Liberalen, 
als sie die Kammermehrheit hatten, nicht daran dachten, das Wahlrecht zu ändern.') 

Für die spätere Gestaltung der Parteiverhältnisse ist die Politik Bismarcks von eingreifendem 
Einfluss gewesen, und zwar sind zwei Perioden dieses Einflusses zu unterscheiden. 

Die erste setzt mit dem J. 1866 ein. Die territorialen Veränderungen, die damals durchge- 
führt wurden, verstiessen gegen das alte konservative Programm der Legitimität. Trotzdem be- 
kannten sich die preussischen Konservativen (von einer vereinzelten Ausnahme abgesehen) mit 
überraschender Schnelligkeit zu der neuen Gestaltung der Dinge; einer Schnelligkeit, die nur ver- 
ständlich wird, wenn man sich gegenwärtig hält, dass die nationale Idee von jeher in ihrem Kreis 
eine grosse Rolle spielte.') Die Unzufriedenheit "mit Bismarcks Werk von 1866 war bei den 
Liberalen (Gervinus!) und gar den Demokraten ungleich mehr verbreitet als bei den Kon- 
servativen. Die Siege von 1866 brachten der konservativen Partei auch bei den politischen 
Wahlen grosse Erfolge. 

Wenn die Konservativen sich also durchaus auf den Boden der neuen Ereignisse stellten und 
von ihnen sogar Nutzen zogen, so waren sie dagegen nicht damit einverstanden, dass Bismarck mit 
seinen Gegnern aus der Konfliktszeit Anknüpfung suchte. Das Indemnitätsgesetz, das diesem 
Zweck diente, berührte viele von ihnen unsympathisch, weil es in Widerspruch mit der verfassungs- 



2) Über diese Verhältnisse, z. B. über Mommsen als Gegner des allgemeinen gleichen Wahlrechts vgl. 
Gustav Mayer, Die Trennung der proletarischen von der bürgerlichen Demokratie in Deutschland (1863 — 70), 
Archiv für die Geschichte des Soziahsmus Bd. 2, S. 3. 

') Näheres über das Verhähnis der Konservativen zu der nationalen Idee s. in meinem Aufsatz über die 
Anfänge der konservativen Partei in Preussen. 

1* 



Georg v. Below, Deutschkonseryatire und Keichspartei. 



rechtlichen Haltung zu stehen schien, die die Regierung im Verein mit ihnen in der Konfliktszeit 
eingenommen hatte. Es kam jetzt auch zu einer Abspaltung von der Partei: in der ersten Session 
des am 3. Juli 1866 gewählten Landtags trennte sich von der konservativen Fraktion eine Gruppe 
von Abceordueten, um die freikonservative Fraktion zu bilden (die übrigens auch mancherlei 
Zuzug von den Liberalen erhielt)»*. Das Hauptmotiv der Bildung der freikonservativen Partei 
ist in der damaligen offiziellen Erklärung ausgesprochen, ,,dass auch die konservative Partei 
im Lande sich auf den Boden der Verfassung stellen müsse, deren Bestand bei weiterer Fortdauer 
des Konfhkts, mochte dieser auch wesenthch durch die Schuld der Fortschrittspartei herbeigeführt 
sein, immerhin in Frage gestellt schien". Als ihre besondere Aufgabe betrachteten die Freikonser- 
vativen die Unterstützung der Pohtik Bismarcks und, im Zusammenhang damit, die Herbeiführung 
eines Zusammenarbeitens von Konservativen und gemässigten Liberalen. Im Winter 1867 bildete 
sich auch im konstituierenden Reichstag eine freikonservative Fraktion, die weiterhin den Namen 
„Reichspartei" annahm. Aber diese Veränderungen in der Stellung der alten Konservativen zur 
Regierung waren noch nicht gerade erheblich. Sie arbeiteten mit ihr bis zur Reichsgründung durch- 
aus zusammen. Dagegen brachte der Kulturkampf eine wirkhche Entfremdung zwischen ihnen. 
Nicht blcss die einzelnen Kuiturkampfgesetze und diese nicht einmal in erster Linie, sondern 
vor allem der Geist, in dem der Kulturkampf von den Liberalen geführt wiirde,«) und 
überhaupt die allgemeinen Tendenzen dieser Blütezeit des Liberaüsmus wurden von den 
Konservativen verurteilt. Zwar stellten sie sich auch jetzt nicht übereinstimmend zur 
Regierung. Abgesehen von den Freikonservativen, die die Politik Falks vollkommen unterstützten, 
bildeten sich im preussischen Abgeordnetenhaus die Gruppen der ,, Altkonservativen" und der 
„Neukouservativen", deren Unterschied darin begründet war, dass die letzteren die Fühlung mit dem 
Kanzler nicht verlieren wollten. Doch waren beide Richtungen in der Abneigung gegen den Geist 
des Kulturkampfs, durch den auch die protestantische Kirche in Mitleidenschaft gezogen wurde, 
und gegen das iManchcstertum einig. Einmal kam es in jener Zeit zu einem heftigen Zusammenstoss 
zwischen Bismarck und den Konservativen (freilich mcht der Partei als solcher): diurch die Ära- 
artikel der Krenzzeitung. Es ist ein eigentümliches Spiel der Geschichte, dass diese Artikel, die 
Bismarck so sehr erregten und gegen die damaligen Konservativen einnahmen, sachlich mit dazu 
gedient haben, eine Stimmung für seine spätere Wirtschaftspolitik vorzubereiten, wie denn auch der 
Verfasser der Äraartikel, Perrot, später als konservativer Reichstagsabgeordneter die Bismarcksche 
Politik unterstützt hat. Die Artikel richteten sich gegen die manchesterlich-börsenfreundlichen 
Minister Delbrück und Campliausen und fügten ausserdem törichterweise eine Spitze gegen Bismarck 
hinzu. Dieser aber hat jene Minister nachher selbst abgeschüttelt. 

Wie hiermit schon angedeutet wird, fand bald wieder eine Annäherung zwischen Bismarck 
und den Konservativen statt. Eingeleitet wird sie durch die Gründung der „Deutschkonservativen" 
Partei im J. 1876. Wenn diese auch nicht um der Annäherung willen erfolgte, so trug doch die da- 
durch bewirkte Kräftigung der Konservativen dazu bei, später die Bismarcksche Politik zu stützen. 
hl der „Deutschkonservativen Partei" vereinigten sich wieder Alt- und Neukonservative. Das 
Programm („Der Aufruf") von 1876 fordert „die Stärkung und den Ausbau der für unser Vaterland 
gewonnenen Einheit auf dem Boden der Reichsverfassuug in nationalem Sinne", daneben die 
„Walirung der berechtigten Selbständigkeit und Eigenart der einzelnen Staaten, Provinzen und 
Stämme". Der Kulturkampf wird als „ein Unglück für Reich und \'olk" bezeichnet, jedoch dem 
Staat das ,, Recht zuerkannt, kraft seiner Souveränetät sein Verliältnis zur Kirche zu ordnen" ; „wir 
werden die Staatsgewalt den entgegenstehenden Ansprüclien der römischen Kurie gegenüber 
unterstützen". Endlich wird die Bekämpfung des Manchestertums verlangt und es für „Pflicht" 
erklärt, „den Ausschreitungen der soziahstischen Irrlehren entgegenzutreten". 

^»j Der Gründungsteg ist der 29. Juli 18G6. Vgl. Wolf.-;ticg, die Anfänge der Freikonservali ven 
Partei, in: Delbriick-Fe-stschrift (Berlin 1908), S. 313 ff. 

•) Zur Charakteristik dieses Geistes vgl. J. v. Eckardt, Lebenserinnerungen I, S. 147. Zu dem damals 
viel zitierten Wort der Nationulzeitung: „Es ist eine Lust zu leben; heutzutage kann man ausserhalb dos Schattens 
der Kirche leben und sterben" vgl. Archiv f. Kulturgeschichte Bd. 8, S. 327 und 468; D. v. Örtzen, Adolf Stöcker I, 
S. 1Ü8. 



Georg v. Below, Pentschkonservatire und Reichspartei. 5 

1878 besannt eine zweite Periode des Bismarckschen Einflusses auf die Parteien: es ist die 
grosse Zeit seiner inneren Politik: sie wird charakterisiert durch den Kampf gec^en die Sozialde- 
mokratie und eine eingreifende Sozial- und Wirtschaftspolitik. Deutschland geht zum Schutzzoll- 
system über. Es handelt sich aber nicht bloss um den Schutzzoll, sondern der manchesterliche 
Standpunkt d^ liberalen Ära wird in der Sozial- und Wirtschaftspolitik überhaupt verlassen. Die 
spezifischen Kulturkampfgesetze werden nach und nach beseitigt. In eben jenem Jahr 1878 er- 
folgte auch die Aussöhnung Bismarcks mit den Konservativen. Inwiefern das Programm der 
Deutschkonservativen von 1876 Anknüpfungspunkte für die neue Politik des Kanzlers bot, ergibt 
sich aus den bisherigen und den weiterhin zu machenden Darlegungen. 

Bevor wir nun die Gestaltung des konservativen Programms, wie sie sich unter dem Einfluss 
der Bismarckschen Politik vollzog, im Zusammenhang betrachten, warfen wir einen Blick auf die 
konservativen Parteibildungen in den ausser preussi sehen Staaten. Zum grossen Teil gehen die 
konservativen Parteibildungen hier auf dieselben Voraussetzungen zurück wie in Preussen: alt- 
svändische Interessen, die Verteidigung der Stellung des Monarchen, kirchliche Gesichtspunkte, 
die romantische Bewegung. Aber es bestehen auch namhafte Unterschiede, oder es tritt wenigstens 
das eine Moment an dem einen Ort mehr in den Vordergrund als an dem andern. So stand bei den 
badischen Konservativen seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Idrchliche Interesse 
zweifellos im Vordergrund, was sich damit ergab, dass die liberale Regierung sich mit dem Idrchliclen 
Liberalismus identifizierte; wenn die positiv-kirchlichen Kreise nicht alle Bedeutimg verlieren 
wollten, raussten sie nach politischem Einfluss streben. Ein Gegensatz zwischen Liberalismus und 
Monarchie war andererseits hier damals nicht vorhanden. In Württemberg zeigt sich ebenfalls ein 
starker .Ziisammenhang zwischen den positiv kirchlichen Kreisen und der konservativen Partei- 
bildung; aber in anderer Art als in Baden. In mehreren Staaten wiirde die Bildung einer konser- 
vativen Partei gehindert durch die endlosen Domänenstreitigkeiten. Die Weigerung der Regierungen, 
die Domänen als Staatseigentum anzuerkennen, rief hier eine starke Opposition hervor, während 
in Preussen, wo die Domänen längst als Staatseigentum anerkannt waren, ein solcher Stein des 
Anstosses nicht bestand. Jene Streitigkeiten beeinträchtigten die Popularität der Monarchie. 
Wenn z. B. in Gotha und Meiningen Jahrzehnte lang nie konservativ, sondern liberal oder frei- 
sinnig oder sozialistisch gewählt worden ist (im Gegensatz zu benachbarten preussischen Distrikten), 
so erklärt sich diese Erscheinung zum guten Teil gewiss aus den Domänenstreitigkeiten und ihren 
weiteren Wirkungen. Partilailaristischer Charakter haftete in den nichtpreussischen Staaten ver- 
schiedenen Parteien an. Im Königreich Sachsen hatten neben den Freisinnigen die Konservativen 
einen partiknilaristischen Zug. Auch bei den württembergischen Konservativen finden wir ihn, 
doch nicht durchweg und gemässigt durch die Sympathie, die die positiv-kirchlich gerichteten 
württembergischen Konservativen mit den preussischen Konservativen verband.') Die partiku- 
laristische Partei par excellence ist in Württemberg die demolcratische (Volkspartei). 

Bismarck hat ges^laubt, er werde durch seine Wirtschaftspolitik die alten Parteien zersprengen. 
Obwohl diese seine Hoffnung sich im vollen Masse nicht erfüllt hat, so hat seine Wirtschaftspolitik 
immerhin eine crosse Wirkung auf die Stellung der Parteien ausgeübt. In Verbindung mit andern 
Momenten — so dem Zusammenarbeiten der ausserpreussischen Konservativen mit den preussischen 
Konservativen (Bildung der deutschkonservativen Partei) und Freikonservativen, dem Gegensatz 
gegen die Sozialdemolvratie, den Beobachtungen über den Aufschwung im allgemeinen, den die 
Reichsgrünclung gebracht hat — hat die Wirtschaftspolitik Bismarcks die Folge gehabt, dass der 
Partikularismus, soweit er sich noch in den konservativen Parteien einzelner Staaten fand, ver- 
schwunden ist. Ein interessantes Beispiel liefert für diese Entwickelung der württembergische 
Politiker Varnbühler: er, der in den sechziger Jahren als württembergischer Minister vom parti- 
kularisti.schen Standpunkt aus im Einvernehmen mit der demolcratischen Partei (ohne ihr im übrigen 
anzugehören) Bismarcks Politik heftig bekämpft hatte, war bei dessen Wirtschaftspolitik dessen 



') Vsl. darüber z. B. C. Kapff, Lebensbild von S. C. v. Kapff (Stuttgart 1881), Bd. 2, S. 64 ff., 75, 117, 198j 
Rapp, die Württemberger und die nationale Frage 1863—71 (Stuttgart 1910), S. 283. 



g Georg v. Beloiv, DentschkonseryatlTe und Reichspartei. 

Hauptratgeber und schloss sich als Reichstagsabgeordneter der deutschen Reichspartei, also der 
spezifischen Partei Bismarcks, an.»*) 

Wenden w\t uns nunmehr zu einer systematischen Betrachtung des konservativen Programms, 
wie es sich seit der Zeit der Sozial- und Wirtschaftspolitik Bismarcks gestaltet hat. Wir schicken 
voraus, dass das Programm der Di utschkonservativen von 1876 im Dezb. 1892 in dem ,, Tivoli- 
Programm" wesenthch nach jener Richtung hin vervollständigt und umgestaltet wurde. Z\vischen 
den Konservativen und den Freikonservativen hat die stärkste Spannung in der Zeit des Kultiu"- 
kampfs bestanden. Seit dem Beginn der Ära der Wirtschaftspolitik Bismarcks sind beide, mit 
manchem Wechsel im einzelnen, einander näher gekommen. 

Wie schon bemerkt, stellten sich die Konservativen diu-chaus auf den Boden des neuen 
Deut.schen Reichs. Ihre Auffassung von dem Verhältnis des Reichs zu den Einzelstaaten ist in dem 
Programm von 1876 formuliert. Die nationale Idee ist für sie zu einer Grundlage ihrer politischen 
Haltung geworden ;*'•) sie betrachten die politischen Dinge wesenthch unter dem nationalen Gesichts- 
punkt. Selbstverständlich treten auch noch andere Motive hinzu: bei der Inaugurierung der Sozial- 
politik z. B. waren religiöse Motive mit wirksam. Aber der nationale Gedanke wird überall in den 
Vordergrund gestellt. Hiernach steht es von vornherein fest, dass alle partikularistischen Tendenzen 
aus den heutigen konservativen Kreisen verbannt sind. Die sächsischen Konservativen z. B. wissen 
heute nichts mehr vom Partikularismus. Die Partei verlangt nicht den Einheitsstaat und fordert 
Achtung der Einrichtungen der Einzelstaaten aixs grundsätzlicher Pietät gegen das historisch 
Überlieferte. Allein es wird sich nicht nachweisen lassen, dass die Konservativen irgendwo die freie 
Bewegung des Reichs hindern, wo das nationale Interesse sie heischt. 

In der inneren Verfassung des Reichs und der Einzelstaaten legen die Konservativen ent- 
scheidendes Gewicht auf die monarchischen Grundlagen unseres Staatswesens und auf eine Ivräftige 
obrigkeitliche Gewalt. Sie treten für das ,, Königtum von Gottes Gnaden" ein: mit dieser Formel 
wird der Gedanke ausgedrückt, dass die Krone nicht auf einer Übertragung durch das Volk, sondern 
auf eigenem historischen Recht der Dynastie beruht.') Wenn die Konservativen hiermit die Idee 
der Volkssouveränität ablehnen, so halten sie andererseits, wie schon angedeutet, an der ver- 
fassungsmässigen Beschränkung der Monarchie durchaus fest. Aber es ist die bestehende konsti- 
tutionelle Monarchie, welche sie verteidigen. Das parlamentarische Regiment verwerfen sie, weil 
es den bestehenden Verfassungen nicht entspricht, mit den Verhältnissen unseres Bundesstaats 
ebensowenig wie mit unserem Parteiwesen vereinbar ist und eine Verschlechterung der allgemeinen 
politischen Situation bedeuten würde. In der konstitutionellen Monarchie mrd den Parteien ein 
Einfluss eingeräumt, ihre Herrschaft aber ausgeschlossen. 

Die Frage des Wahlrechts für die parlamentarischen Körperschaften ist erst in neuerer Zeit 
Gegenstand eifrigerer Dislcussion geworden. Lange fanden sich Liberale und Fortschrittler von dem 
beschränkten Wahlrecht, das für die Landtage bestand, befriedigt. Die Einfülurung des allgemeinen, 



'«) Wio Bismarck durch seine Wirtschaftspolitik auch im süddentschen volksparteilichen Lager Anhänger 
gewann, dirüber s. ein interessan es Beispiel bei Rapp a. a. O. S. 21. 

'b) Hiermit ergibt sich ohne weiteres die Haltung der Konservativen in der polnischen Frage und in der 
von Elsass-Lothringen, worauf wir des uns zur Verfügung stehenden knappen Raumes wegen nur kurz hinweisen. 
Über die Stellung der Konservativen zur Judenfnige handelt der Art. „Antisemitismus" in dem „Konservativen 
Handbuch" S. 16 ff. Daselbst ist S. 17 Anm. 1 bemerkt, dass die freikonservative Partei mit der deutschkonser- 
votiven „in der Beurteilung des Einflus.ses des Judentums im allgemeinen ziemlich übereinstimmt", jedoch „der 
politischen Inangriffnahme der Judenfrape weniger geneigt ist" und über das allmähliche Aufgehen der Juden im 
Deutschtum optimistischer denkt. Scharfe Unterschiede lassen sich hier kaum aufstellen; die einzelnen Abge- 
ordneten nehmen auch eine stark abweichende Stellung ein. Im Verhältnis zu den reinen Antisemiten dürfte die 
Haltung der Kon ervativen etwa daliin zu bi* immen sein, dass bei ihnen die Ablehnung des Judentums u. a. 
durch das reliKiö.se Moment und durch den Gedanken an de staathchen Notwendigkeiten gemildert wird. Als 
Mittel zur Beklimpfung des übermössigen Einflusses des Judentums wird in dem „Konservativen Handbuch" 
S. 22 in erster Linie die Beschränkung des Zuzugs ausländischer Juden empfohlen. 

') Vgl. hierüber und über die staatsrechtliche Auffassung der Konservativen überhaupt die Darlegungen 
von Otto Hintze, Das monarchische Prinzip und die konstitutionelle Verfassung, Preussische Jahibüchor Bd. 144 



Georg v. Below, Deutschkouservative und Relchsparlei. 7 

(gleichen und direkten Wahlrechts ist da, wo sie erfolgt ist, auch nicht zum liesonderen Behagen der 
Liberalen durchgesetzt worden.') Wenn sie heute hier und da von ihnen verlangt wird, so geschieht 
es wesentlich aus taktischen Gründen. Von einem Teil der Liberalen und den Demolcraten wird das 
allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht freilich wie ein Naturrecht gefordert. Dem gegenüber stellen 
die Konservativen bei jedem Wahlrecht die Frage, ob mit ihm eine Regierung des Staats noch 
möglich sei. Sie gehen von der Erfahrung aus, dass sich bisher noch kein bestimmtes Wahlrecht 
als ein Allheilmittel erwiesen hat. So wenig die Partei die Absicht hat, das bestehende Reichstags- 
wahlrecht zu beseitigen, so widerstrebt sie doch einer weiteren Demokratisierung unserer Ver- 
fassungsverhältnisse. In den verschiedenen Bundesstaaten nehmen die Konservativen zur Wahl- 
rechtsfrage im einzelnen eine abw.^ichende Haltung ein. In Preussen sind sie zu einer Reform des 
Dreiklassen Wahlrechts in Einzelheiten bereit, halten jedoch an einer starken Abstufung fest. Preussen 
würde, wie die Dinge zurzeit liegen, die Aufgabe, die ihm für das Reich zugewiesen ist, nicht erfüllen 
können, wenn es ein vollkommen demokratisches Wahlrecht hätte.') Die Konservativen sehen auch 
eine einfach schematische Verteilung der Reichstagsmandate nach der Bevölkerungszahl als un- 
zweckmässig an, in der Erwägung, dass Beschlüsse, die schlechthin durch die staatliche Notwendig- 
keit diktiert waren, doch nur unter der Voraussetzung der jetzigen Walilki-eiseinteilung (mit \m- 
gleicher Bevölkerungszahl) zustande gekommen sind.") Die Konservativen halten die Heran- 
ziehung aller Schichten und Gruppen der Bevölkerung zur Teilnahme am pohtischen Leben für 
förderlich; sie hegen jedoch nicht die Meinung, dass die mit dieser Teilnahme gegebenen Vorteile 
an ein absolut gleiches Wahlrecht geknüpft sind. Vereinzelte konservative Stimmen haben den 
Aufbau der parlamentarischen Vertretung auf berufsständischer Grundlage empfohlen. Doch ist die 
Partei solchen Vorschlägen nie näher getreten. 

Mit der Ablehnung der vollständigen Demolaatisierung der Verfassung ist für die Konser- 
vativen ein bestimmtes Verhältnis zur Sozialdemolcratie gegeben. Sie vertreten die Anschauung, 
dass bei stärkeren Erfolgen der Sozialdemokratie dasjenige Mass von indi\ndvieller Freiheit, das 
wir heute besitzen, und speziell auch diejenige Bewegmigsfreiheit, die für das wirtschaftliche Ge- 
deihen eines Volks erforderlich ist, nicht bewahrt werden können. Während die Linksliberalen, die 
früher den ausgeprägt indi\aduell-manchesterlichen Standpunkt repräsentierten, gegenwärtig den 
Forderungen des Sozialismus weit entgegenkommen, halten die Konservativen, ohne irgendwie 
zum Manchestertum zurückzukehren (s. unten über ihre Stellung zur Sozial- und Wirtschafts- 
politik), an einem gesimden Individualismus fest.»^) 

In dem Verhältnis der Konservativen zu der Freiheit und Selbständigkeit der Gemeinden 
\md Korporationen im Staate, zu den Fragen der Selbstverwaltung stritten früher zwei Prinzipien 
mit einander: während einerseits die Überzeugung von der Notwendigkeit einer kräftigen obrig- 
keithchen Gewalt Misstrauen gegen die freie Bewegung lokaler Instanzen und der Korporationen 
einflösste, forderte man andererseits (zumal vom romantischen Standpunkt aus) für sie mehr oder 
weniger Autonomie. Einen Ausgleich dieser scharfen Gegensätze, die einen erspriesslichen Ausbau 
der Verwaltung hinderten, und überhaupt einen Wandel in der Stellung der Konservativen zu jenen 
Fragen brachte die preussische Kreisordnung vom Jahre 1872,i°) um die sich die Freikonservativen 
besondere Verdienste erworben haben. Diese hatten auch schon vorher füi- das platte Land eine 
Selbstverwaltung gefordert, wie sie die Städte seit der Stein'schen Städteordnung besassen. Vom 
Jahre 1872 ab sind unter wesenthcher Mitwirkung der Konservativen wichtige weitere Gesetze über 
die Fortbildung der Selbstverwaltung verabschiedet worden. Heute reden sie durchweg einer 



') Ülier Geschichte und Berechtigung der in Deutschland in Betracht kommenden Arten des Wahlrechts 
s. meine Schrift: Das parlamentarische Wahlrecht in Deutschland (1909). 

8) Vgl. meine angeführte Schrift S. 55, 82, 123 ff. 

') Ebenda S. 57 ff und 82 f. 

^^) Der Gedanke, dass es heute che Konservativen sind, welche das Recht der freien Persönlichkeit ver- 
teidigen, ist neuerdings von Grabowsky in einem Artikel der Neuen Preussischen (Kreuz-) Zeitung (vom 4, Mai 
1911, Nr. 208) näher ausgeführt worden, an den sich eine lebhafte Diskussion angeschlossen hat (wieder abgedruckt 
bei Röder .i. a. O. S. 5 ff.). 

">) Vgl. P. Schmitz, Die Entstehung der preussischen Kreisordnung vom 13. Dezemb. 1872. Berlin 1910. 



g Georg v. Below, Dent«ch1ionserTafire und Reichspartei. 

Stärkung der Selbstverwaltunfjskörper, einer Einschränkung der Staatsaufsicht und einer Dezen- 
trahsierung der Verwaltung überhaupt das Wort. Freilich lehnen sie die (in den Kreisen der „frei- 
sinnigen Yolkspartei" erhobene) Forderung der vollständigen Verlegung des Schwerpunktes der 
ganzen Verwaltung in die kommunalen Selbstverwaltungskörper ab.'^) 

Gehen wir zu der materiellen Staatstätigkeit über, so ergibt sich schon aiis der Stellung der 
Konservativen zur nationalen Frage, dass sie für die wirksame Sicherung des Staats nach aussen 
und eine energische äussere Politik eintreten. Aber auch die ganze Geschichte zumal der preussischen 
Konservativen führt eben dahin. In älterer Zeit s\Tnpathisierten die Parteien in der auswärtigen 
Politik mit denjenigen Staaten, deren Verfassung den eigenen Verfassungsidealen nach Möglichkeit 
entsprach. Seit Bismarck ist dies anders geworden : heute richten nur noch die ganz hnks stehenden 
Parteien ihre Stellung zur auswärtigen Politik nach den eigenen Verfassungsidealen ein. Die andern 
Parteien fragen ledif;hch: welche auswärtige Politik wird durch das Interesse unseres Volks ge- 
fordert ? 

Die Erhaltung und Sicherung des Staats ist etwas Elementares; sie muss das prius aller 
Politik sein. Was hilft alle Diskussion über die schönsten Kulturaufgaben des Staats, wenn man 
nicht dafür sorgt, dass er mid der Bestand der Nation erhalten bleiben!") Es ist ein Ruhm der 
Konservativen, dass sie sich zuerst von allen Parteien diesen Gedanken vollkommen zugänghch 
gezeigt haben. Hiernach versteht es sich von selbst, dass sie stets für ein starkes Heer und eine 
starke Flotte eintreten, ilan stellt es oft so dar, als ob sie als einseitige Agrarier für die Flotte im 
Grunde nichts übrig hätten, sogar ihre Gegner wären. Gewiss führt den agrarischen Teil der Kon- 
servativen, vom knirzsichtig egoistischen Standpunkt aus betrachtet, nichts dahin, eine besondere 
Verstärkung der Flotte zu wünschen. Allein das entscheidende ist, dass solche kurzsichtig egoisti- 
schen Erwägungen die Haltung der Konservativen nicht bestimmen.") Gerade ihr Eintreten für 
eine starke Flotte beweist, dass sie sich nicht lediglich von agrarischen Interessen leiten lassen. Und 
derselbe Beweis liegt in ihrer Befürwortung einer energischen Kolonialpolitik. Sie fassen dies alles 
unter dem allgemeinen nationalen und staatlichen Gesichtspunkt auf: das Interesse des Volks- 
ganzen verlangt ein starkes Heer, eine starke Flotte, eine energische Kolonialpolitik. 

Wenn, vna bemerkt, die Konservativen die Unentbehrlichkeit eines starken Heeres früher 
als die andern Parteien erkannt haben, so hat sich die konservative Auffassung mehr und mehr 
auch bei diesen Bahn gebrochen : sie hat damit einen grossen Siegeszug gehalten. Anfangs verhielten 
sich selbst die Nationalliberalen noch zagend gegenüber den Heeresforderungen der Reichsregierung 
(man denke an die schwierigen Verhandlungen über das Septennat zu Laskers Zeit). Etwa seit der 
Abtrennung der Sezessionisten von den Nationalliberalen sind diese aber stets mit ganzer Seele 
bei der Fürsorge für ein starkes Heer gewesen. Allmählich fasste auch beim Zentrum die Über- 
zeugimg Boden, dass ein starkes Heer unentbehrlich sei. Die Freisinnigen hatten noch nach Ein- 
führung der zweijährigen Dienstzeit die Heeresforderungen abgelehnt. Eine Annäherung an den 
kon.servativen Standpunkt bedeuten für sie namentlich die Reichstagsdebatten vom Dezember 
1906 und der bis zum Jahre 1909 bestehende Reichstagsblock. 

Einen ähnlichen, freilich bisher noch nicht so vollständigen Siegeszug der konservativen 
Anschauungen beobachten wir auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik. In dem Programm von 
1876 war dem Manchestertum der Krieg erklärt worden; man hatte jedoch noch nicht Schutzzölle 
verlangt. Die Mehrzahl der preussischen Konservativen (speziell auch der ostdeutschen Land- 
wirte) huldigte in der Zeit vor 1878 dem Freihaiidelsprinzip. Die damals sich vollziehende Ver- 
änderung der weltwirtschaftlichen Lage und die Wirtschafts- und Steuerpolitik Bismarcks be- 
stimmten jedoch die deutschkonservative wie die freikonservative Partei, die Schutzzölle für 



") Vortreffliche Eemerkungen zu diesem Thema bei J. V. Bredt, Ztschr. für Sozialwissensohaft 1911, 
S. 64 ff. 

") Vgl. hierzu Dietrich Schäfer, Politische Geschichte, Deutsche Literaturzeitung 1911. Nr. 20. Sp. 1221 ff. 

") Der einzige Beweis, den man versucht hat, liegt in dem Hinweis auf das von einem Abgeordneten ge- 
brauchte Wort von ..der grßssiiclien Flotte". Dieser hat es jedoch gebraucht, ehe er Miiglied der konservativen 
Partei war, und ihm übrigens keine praktische Folge gegeben. 



Georg v, Below, DentschkonserratiTe und Relchsparfei. 9 

Industrie und Landwirtschaft zu akzeptieren. Und diese Parteien erfassten schnell und energisch 
die Notwendigkeit, die durch die Situation gegeben war, während die Nationalüberalen mehr oder 
weniger zögernd und nur 7Aim Teil auf die Wirtschaftspolitik Bismarcks eingingen und die Frei- 
sinnigen von ihr den Ruin Deutschlands weissagten. Allmählich hat nun auch hier eine Annäherung 
der andern Parteien an den Standpunkt der Konservativen sich vollzogen. Die Nationalliberalen sind 
namentlich seit der ,, Heidelberger Erklärung" zu einer entschlosseneren Schutzzollpolitik über- 
gegangen. In der freisinnigen Partei gibt es noch zahlreiche radikale Freihändler; aber es bricht sich 
auch in ihr nach und nach die Überzeugung Bahn, dass wenigstens von einem vollständigen Abbruch 
der Schutzzollpolitik nicht dieRede sein kann. Bezeichnend ist es, dass die Freisinnigen bei den letzten 
Reichstagsverhandlungen über die Dampfersubvention für diese gestimmt haben, die ihnen früher 
als Gipfel der Verkehrtheit erschien. Jedenfalls findet heute der Schutzzoll in Kreisen Anerkennung, 
die ihm 1878 noch ganz ablehnend gegenüberstanden, und jedenfalls haben die wirtschaftlichen 
Verhältnisse Deutschlands unter diesem System einen gewaltigen Aufschwung genommen. Gegen- 
wärtig stehen wohl einzelne Schutzzölle zur Diskussion. Es wird jedoch in zunehmendem Masse 
anerkannt, dass eine vollständige Öffnung der Grenzen einer Kapitulation Deutschlands gleich- 
kommen würde. 

Wie angedeutet, treten die Konservativen ebenso für industrielle wie agrarische Zölle ein. 
Der Vorwurf, dass sie eine einseitig agrarische Partei seien, dass von ihnen sogar nur das Interesse der 
ostelbischen Landjunker wahrgenommen werde, trifft nicht zu. Ausser den Gegengründen, die 
in dem bereits Gesagten liegen, mag hier folgendes geltend gemacht werden. Jede politische Partei 
hat sich heute in ihrem Kreise mit einer wirtschafthchen oder sozialen Gruppe auseinanderzusetzen; 
es kommt dann darauf an, dass diese nicht die Alleinherrschaft in ihr gewinnt. Eine solche Situation 
teilt die konservative Partei mit den anderen Parteien ; allen kann die Gefahr drohen, dass sie durch 
eine rein wirtschaftliche oder soziale Gruppe und einen für deren unmittelbare Zwecke geschaffe- 
nen Verband einseitig beeinflusst werden. Dass die konservative Partei in agrarischen Interessen 
nicht aufgeht, dafür spricht schon der Umstand, dass sie starke Anhängerschaften in städtischen 
Kreisen (so besonders im Königreich Sachsen) findet. Ohne Zweifel würde ein blosses Plus ge- 
eigneter Agitation genügen, ihr hier eine noch grössere Verbreitung zu geben; das Programm ist 
durchaus danach angetan. Beachtung verdient es ferner, dass die konservative Partei die Be- 
strebiingen der Re.gierung auf dem Gebiet der Innern Kolonisation unterstützt. Zwar haben Gross- 
grundbesitzer als einzelne Abneigung gegen sie bekundet. Dagegen die Partei hat die innere Kolo- 
nisation stets als notwendig bezeichnet. Das preussische Enteigimngsgesetz wäre weder im Abgeord- 
netenhaus noch im Herrenhaus^*) ohne die Konservativen angenommen worden. Dii' konservative 
Partei sieht es als eine ihrer Hauptaufgaben an, sich der heute von mehreren Seiten be- 
drohten Landwirtschaft energisch anzunehmen. Ein solches besonderes Verhältnis zu einem be- 
stimmten Wirtschaftszweig ist aber gegenwärtig, wo die Stellung des Staats zum Wirtschaftsleben 
erhöhte Bedeutung gewonnen hat, bei jeder Partei zu beobachten, und es kaim bei unbefangener 
Beobachtung auch nicht bestritten werden, dass die Landwirtschaft besonderer Aufmerksamkeit 
bedarf.15) 

Durch die seit 1878 eingeführten Schutzzölle sind die Einnahmen des Reichs ausserordent- 
hch vermehrt worden. Die Frage, ob das Reich allein auf indirekte Reichssteuern angewiesen sein 
solle, wurde zur Zeit der Reichstagsverhandlungen über die Erbschaftssteuer (1909) lebhaft dis- 
kutiert. Viele Mitglieder der deutschkonservativen Partei bejahten sie. Aber wie die deutschkonser- 
vative Reichstagsfraktion die Stellung zur Erbschaftssteuer nicht ZTir Parteiangelegenheit machte, 
sondern frei gab, so haben auch namhafte Konservative (z. B. Prof. Zorn; von den konservativen 
Zeitungen z. B. der „Reichsbote") jene Frage verneint. Die Reichspartei hat der Erbschaftssteuer 



'*) Bemerkenswerte Daten hierzu s. in meiner angeführten Schrift S. 131 ff. 

'^) Eine Rechtfertigung der Begründung des ,, Bundes der Landwirte" findet man in dem „Politischen 
Handbuch der Nationalliberalen Partei" (abgeschlossen Dezember 1907), Berlin, Verlag der Buchhandlung der 
Nationalliberalen Partei, S. 631, in dem Art. über die konservative Partei. Der Art. über den Bund der Landwirte. 
S. 259 ff. ist überwiegend kritisch gehalten. Vgl. ferner meine angeführte Schrift S. 36 und S. 38 Anm. 20. 



10 Georg v. Below, Deutschkonservative und Reichspartei. 

mit wenifjen Ausnahmen zugestimmt,") Bei dem Reichsfinanzgesetz von 1913 zeigte sich eine 
ähnliche Differenz zwischen Konservativen und Reichspartei. 

Im übrigen haben die neuesten Verhandlungen über die Finanzfrage eine Rechtfertigimg 
der konservativen Auffassung gebracht. Im Jahre 1909 hatte die Linke die indirekten Steuern 
für geschlossen erklärt, dagegen den weiteren Ausbau der direkten für das Reich verlangt, im 
Namen speziell von Handel rmd Industrie, während die Konservativen die Verwertung der 
direkten Steuern durch das Reich (abgesehen von der Erbschaftssteuer, mit der angegebenen 
Differenz) verurteilten. Im Jahre 1913, in dem dann mit dem Ausbau der direkten Steuern 
im Reich Ernst gemacht wurde, erhoben sich dagegen laute Klagen gerade aus den Elreisen der 
Bank- und Handelswelt. D^r Abgeordnete Bassermann erklärte (nachdem der Reichstag seine 
Beschlüsse gefasst), dass es nun kaum möghch sein dürfte, die ,,B''sitzsteuprung" noch mehr zu 
steigern; für etwaige weitere finanzielle Anforderungen bliebe nm" die „Einführung von 
Staatsmonopoltn" übrig. In den Einzelstaaten, vor allem in Preussen, haben die Konservativen 
um die Ausbildung und Verschärfung der direkten Steuern grosse Verdienste. 

Den Kampf gegen das Manchestertum haben die Konservativen ferner durchgeführt durch 
ihre Mitwirkung (teilweise gaben sie hierbei die entscheidende Anregung) auf den Gebieten der 
Wuchergesetzgebung,'') der Nahrungsmittelpolizei, des Gewerbewesens (Schutz des Handwerks), 
der sozialen Gesetzgebung. 

Die soziale Gesetzgebung des Deutschen Reichs ist in der Hauptsache das Werk Bismareks; 
sie hat aber Anknüpfungspunkte in älteren Erscheinungen: in der Fabrikgesetzgebung des alten 
preussischen Staats,") in Bestrebungen, die religiösen Motiven entspringen, endlich in einer Bewe- 
gung der deutschen Wissenschaft. In den konservativen Kreisen reichen jene Bestrebungen weit 
zurück;") kurz vor der Inaugurierung der Bismarckschen Sozialpolitik waren sie in verstärktem 
Masse durch Stöcker aufgenommen.^") Bismarck fand für seine Sozialpolitik an den Konservativen 
ebenso seine besten Bundesgenossen wie für seine Wirtschaftspolitik. Von den liberalen Parteien 
gehörten wohl einzelne Mitglieder dem wissenschaftlichen Kreis an, der der Sozialpolitik das Wort 
redete; die Parteien als solche aber standen ihr ablehnend gegenüber. Doch gewann Bismarck die 
Nationalliberalen, die 1880 ihre ganz manchesterliche Linke durch die ,, Sezession" verloren. Diese 
und die Fortschrittspartei bekämpften die Soziabeform fast zwei Jahrzehnte lang. Die Konser- 
vativen haben sich wie am Anfang so auch weiterhin zu ihr bekannt. Freilich sind bei der Fort- 
führung der sozialpolitischen Gesetzgebung auch Schwierigkeiten hervorgetreten: die Konser- 
vativen haben anerkannt, dass die Sozialpolitik zugunsten der industriellen Arbeiter eine Grenze 
an der Leistungsfähigkeit der Industrie und an der Notwendigkeit der Erhaltung eines gewerb- 
lichen Mittelstandes finden müsse. Im einzelnen lassen sich in der Stellung der konservativen Kreise 
zur Sozialreform verschiedene Schattierungen wahrnehmen: die einen betonen mehr den einen, 
die andern den andern Gesichtspimkt. Zeitweilig haben die Deutschkonservativen sich der Sozial- 
politik mehr geneigt gezeigt als die Freikonservativen (Frh. v. Stumm). Doch ist dieser Unter- 
schied kein dauernder gewesen, wie denn der im Januar 1907 gewählte Abg. Linz, der Vertreter 
des Industriearbeiter- Wahlkreises Barmen-Elberfeld, einer der eifrigsten Sozialpolitiker, der Reichs- 
partei beitrat. 

Über das Verhältnis von Staat und Kirche sprechen sich die konservativen Programme von 
1876 und 1892 in bestimmter Weise aus. Es wird nicht ein christlicher Staat im Sinn einer Theo- 
k-ratie gefordert, aber ,,die Erhaltung und Kräftigung der christlichen Lebensanschauung in Volk 

") Historipchiw zu dem Streit um die Erbschaftssteuer s. in meiner Schrift: Die politische Lage im Reich 
und in Buden (Hoidclbcrp 1910 C. Wintor). 

") Vgl. den Art. ^Vuche^ im Wörterbuch der Volkswirtschaft (hergg. von Elster). 

'") Vpl. (i. K. Anton, Geschichte der preussischen Fabrikgesetzgebung bis zu ihrer Aufnahme durch die 
Kciihsgcwurbcordnung (Leipzig 1891). S. 57 f. vergleicht er die Gesetze des alten (absolutistischen) preussischen 
Stj>nt3 mit den entsprechenden englischen Gesetzen und entscheidet den Vergleich zugunsten Preussens. 

") \ gl. dazu meine angeführte Abhandlung über die AnfJingo der konservativen Partei in Preussen. 

") Zu der Biographie Stöckers von D. v. Örtzen vgl. den inhaltreiehen Art. von H. v. Petersdorff in der 
KunBorviiliven Moniitsichrift 1911, Fobruarheft. 



Ludivig Weber, ('hristlich-Soziale. \\ 

und Staat und ihre praktische Betätigung in der Gesetzgebung". Dass das religiöse Motiv nicht 
für alle politischen Fragen den Ausschlag geben kann und dass diese nicht sämtlich rehgiös be- 
stimmbar, dass femer die Mittel und Funktionen des Staats notwendig weltlich und nicht 
religiös-sittlich sind, dass die staatlichen Gesetze sich nur auf das äussere Handeln richten, 
\vird in der konservativen Literatur ausdrücklich hervorgehoben. 'i) Dem Staat wird „das Recht 
zuerkannt, kraft seiner Souveränität sein Verhältnis zur Kirche zu ordnen"; andererseits 
wird gegen ein ,, Übergreifen der staatlichen Gesetzgebang auf das Gebiet des inneren kirch- 
lichen Lebens" Verwahrung eingelegt. Prinzipiell wird die konfessionelle Volksschule verlangt. 
Doch beweist das preussische Gesetz über die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen vom 
28. Juli 1906 (welches von den Konservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen gemeinsam 
bewilligt ist), dass die Konservativen aus schultechnischen Erwägungen eine Einschränkung des 
Prinzips für zulässig erachten. Einzelne Konservative haben sich mit dem Gedanken der Trennung 
von Staat und Kirche befreundet. Die Partei lehnt ihn ab (mit Rücksicht auf die wünschenswerte Ein- 
wirkung der Kirche auf das Volksleben und die Ausbildung der Geisthchen), tritt jedoch ,,für das 
gute Recht der evangelischen Kirche auf selbständige Regelung ihrer inneren Einrichtungen" ein. 
Wie schon angedeutet, ist der konservativen Partei die historische Aufgabe zugefallen, dem posi- 
tiven Christentum in der evangelischen Kirche freie Luft zu verschaffen. Die Verbindung bestimmter 
kirchlicher Richtungen mit bestimmten politischen Parteien ist eine Folge der Existenz stark 
differierender theologischer Richtungen in der protestantischen Kirche (unter der Voraussetzung 
der bestehenden engeren Verbindung von Staat und Kirche). In Preussen, mit seiner starken kon- 
servativen Partei, besteht jedoch Parität für die verschiedenen theologischen Richtungen (die 
Hälfte der theologischen Lehrstühle ist mit liberalen Theologen besetzt), während in den Staaten 
mit ausschlaggebender liberaler Partei im Landtag (Baden, Hessen, Thüringische Staaten) die 
Vertreter der positiven Theologie so .gut wie ganz von den Universitäten ausgeschlossen sind. 

Die freikonservative Partei unterscheidet sich in der Kirchenpolitik von der deutschkon- 
servativeu insofern, als sie etwas stärker das Recht des Staats betont, femer in einem weniger 
nahen Verhältnis zu bestimmten kirchlichen Richtungen steht und in den parlamentarischen 
Verhandlungen eine Verständigung mit den Natiorialliberalen zu vermitteln gesucht hat. 

In neuester Zeit hat die freikonservative (Reichs-) Partei sich in Süddeutschland organisiert, 
so in Baden 1907, in Bayern 1911 (vgl. Frh. v. Pechmann in d. Allg. Zeitung vom 19. Okt. 1912), 
in Hessen 1912 (hier die Deutschkonservativen mit umfassend). 



b) Christlich- Soziale. 

Von 

D. Ludwig Weber, München-Gladbach. 

Die christlich-soziale Partei entstand 1878 als ,, Arbeiterpartei" durch Hofprediger Stöcker 
unter Mithilfe von Professor Dr. Adolf Wagner. Als Stöcker von Metz nach Berlin kam, fand er 
die Mächte des Umsturzes damals schon in vollster, zügellosester Ai-beit. Gründerära, Kultur- 
kampf, Kirchen- und Wohnungsnot, eine schlechte Presse, Mangel an .sozialer Reformtätigkeit 
und völlige Fühlungslosigkeit zwischen Besitzenden und Arbeitern hatten eine Verwirrung und 
Vergiftung der Voik.-seele herbeigeführt, und niemand wehrte ihr. Da trieb Stöcker ..die Amrst um 



^) Vgl. z. B. R. Seeberg. Christlich-protestantische Ethik, in: Kultur der Gegenwart I, IV, 2. S. 223. 
Derselbe System der Ethik (Lpz 1911). 



12 Ludwig Weber, Christlich-Soziale. 

das Volk" in die christlich-soziale Bewegung hinein. Er sah in der sozialen Frage einen Abgrund' 
der vor dem deutschen Leben klaffte, und er sprang hinein, ,, zuerst ohne die Tiefe zu ermessen, 
weil er nicht anders konnte". Stöcker war der Ansicht, dass die soziale Frage nicht lediglich eine 
wirtschaftliche, aus der modernen Produktionsweise herzuleitende sei. Er hielt mit Recht die so- 
ziale Frage auch für eine religiöse und sittliche, und er wollte in dem ,, Christlich-sozial" zum Aus- 
druck bringen, dass es im Neuen Testament ,, allgemeine menschen- und weltbeherrschende Grund- 
sätze" auch für das soziale Gebiet gäbe: ,,Der Mensch ein Haushalter Gottes, das blosse Sammeln 
irdischer Schätze keine des Christen würdige Arbeit, Bruderliebe, Barmherzigkeitdie höchste Pflicht". 
Auf dem Grunde dieser biblischen Anschauung entstand das christlich-soziale Programm. 
Man stellte sich auf den Boden des christlichen Glaubens und der Liebe zu König und Vaterland. 
Man verwarf die gegenwärtige Sozialdemokratie als unpraktisch, unchristlich und unpatriotisch. 
Man erstrebte eine friedliche Organisation der Arbeiter, um in Gemeinschaft mit den anderen Fak- 
toren des Staatslebens die notwendigen praktischen Reformen anzubahnen. Hieran wurden eine 
Anzahl Einzelforderungen an die Staatshilfe, die Geistlichkeit, die besitzenden F assen und die 
Selbsthilfe geknüpft. Politisch gmg dann — im Zusammenhang mit der ,,Ber.,Aer Bewegung" 
— die christlich-soziale Arbeiterpartei allmählich in eine Gruppe der konservativen Partei über 
und wurde damit ihrer Freiheit und Aktionskraft, sowie des Antriebs zur Propaganda und Or- 
ganisat on beraubt. Wohl betrieb man in der konservativen Partei die Sozialpolitik, so 
gut man konnte, aber man land viele Hindernisse. Von Theologen bekannten sich von 
Anfang an zur christlich-sozia en Partei ein Walter Burckhardt, Ernst Böhme, W. Philipps, 
L. Weber. Fritsch, Bcrnbeck, Seh wart zkopff; von Männern anderer Stände ein Graf Solms- 
Laubach, ein Dr. Burckhardt, viele Fabrikanten des Siegerlandes, ein L. K. Victor in 
Bremen, ein F. Behrens und unzählige spätere Arbeiterführer auf evangelischer Siite. Die langsam 
sich entwickelnde, aber seit 1895 mehr und mehr als eine Macht auf den Plan tretende ,, Christlich- 
nationale Arbeiterbewegung" sah in allen ihren Gliedern, ob katholisch oder evangelisch, in Stöcker 
einen ihrer ersten und besten Vorkämpfer. 1895 löste sich das Band zur konservativen Partei 
durch Schuld der Konservativen, die Stöcker aus dem Elferausschuss hinausdrängten, aber nicht 
ohne Mitschuld Stöckers, der Gerlach zu lange als Redakteur des ,,VoIk" festgehalten hatte. An 
der Vorberatung des erweiterten christlich-sozialen Programms, das zu Eisenach angenommen 
wurde, hatte im Hause Stöckers noch als konservativer A^ertrcter Graf Roon teilgenommen. Die 
Erweiterung der Grundlage der christlich-sozialen Partei zeigte sich in dem Eisenacher Pro- 
gramm in dessen erstem Satz: ,,Die christlich-soziale Partei (nicht mehr „Arbeiterpartei") 
erstrebt auf dem Grund des Christentums und der Vaterlandsliebe die Sammlung der vom christlich- 
sozialen Geist durchdrungenen Volkskreise aller Schichten und Berufe" ; die Erweiterung des 
Ziels in der Forderung des Kampfes ,, gegen den falschen Liberalismus und die drückende Kapitals- 
herrschaft, gegen das übcrgTcifcnde Judentum nnd die revolutionäre Sozialdemokratie". Stöcker 
vertrat die christlich-sozialen Ideen machtvoll im Parlament. 1879 — 98 war er Landtagsabgeordneter 
für Minden-Ravcnsberg, 1881 — 189.'} und dann wieder seit 1898 Beichstagsabgeordneter für Siegen. 
Neben Bcnnigsen, M'indthorst, Richter, Bebel war er der bedeutendste Redner des Parlaments, 
von einer Sachkenntnis auf seinem Gebiet, von einer Schlagfertigkeit und Wucht, wie sie nur selten 
auf der Parlamentstribüne vorkommen. Nach Stöckers von Hunderttausenden, ja Millionen 
b'trauertem Tode ist die von ihm begründete Partei festgefügt geblieben und hat auf ihrem Partei- 
tag zu Siegen 1910 ihre Grimdsätze einmütig und einstimmig wie folgt festgelegt: 

(ilnindlngcn. 

1. Die ohristlioh-soziale Partei erstrebt auf dem Grunde des Christentums und der Vaterlandsliebe die 
Durclidringung unseres Volkes in allen seinen Sohicliten und Berufen mit christlich-sozialem Geiste. Sie wll allen 
Bcliaffcndcn Stünden in Stadt und Ijanil, dem Mittelstand wie der Arbeiterschaft, der Landwirtschaft wie der In- 
dustrie und dem Handel mit Rleicher Freudigkeit dienen und auch für die gerechten Forderungen der Angestellten 
in Staats-, Gomeiiido- und Privathetriolien kräftig eintreten. 

2. Die christlich soziale Partei bekämpft deshalb alle uncliristlichen und undeutschen Einrichtungen, die 
den inneren Zusammenbruch und den äusseren l'mstur/, hcriieiführen müssen; insbesondere richtet sie iliro Waffen 
gegen die AuHwiiuliKO des Kapitalismus und die Sozialdemokratie. Sie erstrebt eine auf der Solidarität der Gesell- 
Mohaft beruhende Wirtachaftsordnung. 



Ludwig Weber, Christlich-Soziale. 13 

3. Die christlich-sozialo Partei erblickt die vornehmste Hilfe für die Schäden unseres Volkes in der Gelfend- 
machung der Lebenskräfte des Evangeliums auf allen Gebieten. Sie will Staat und Gesellschaft, Haus und Per- 
sönlichkeit unter den Einfluss des lebendigen Christentums stellen und dadurch für die Erneuerung des deutschen 
Geistes die allein wirksame Grundlage schaffen helfen. Als eine der ersten Bedingungen dazu fordert sie die Be- 
setzung der Beamtenstellen, besonders der hervorragenden, mit sittlich tüchtigen Persönlichkeiten. 

4. Die christlich-soziale Partei seht in dem korporativen Aufbau des Volkes unter Wahrung seiner poli- 
tischen Rechte das Mittel wider den gewaltsamen Umsturz des Bestehenden. Sie erstrebt eine mit Pflichten und 
Rechten ausgestattete Berufsvertretung für jeden Stand. 

5. Die christlich-soziale Partei verfolgt als Ziel die friedliche Lösung der sozialen Schwierigkeiten auf dem 
Wege einer starken Sozialreform durch die Verringerung der Kluft zwischen reich und arm und das ehrliche Zu- 
sammenwirken aller Stände an der Einheit, Freiheit, Elire und Grösse des Vaterlandes unter der Führung eines 
volkstümlichen Kaisertums. 

Die Einzelfordernngen lauten: 

I. An die Staatspolitik: 

1. Erhaltung einer starken Monarchie. Bundesstaatliche Verfassung. 

2. Wahrung der pohtischen Rechte des Volkes, insbesondere des Reichstagswahlrechts. Geheime Ab- 
stimmung für alle Wahlen. 

3. Volle Selbständigkeit der Kirchen in kirchlichen Dingen. Keine Bedrückung der Freikirchen und 
Gemeinschaften. 

4. Erhaltung der konfessionellen Schule. Wahrung der konfessionellen Rechte bei den bestehenden Si- 
multanschulen. Möglichste Durchführung einer einheitlichen Volkserziehung in den ersten Schuljahien. Gesetz- 
liche Zulassung freier Schulen unter Staat lieber Aufsicht. Ausreichende Staatsbeihilfe zum Besuche höherer Schulen 
für begabte Kinder unbemittelter Elter Pfliobtfortbildungsschule. FachUche Schulaufsicht. Beaufsichtigung 
des Religionsunterrichts durch die Kirt je. 

5. Emrichtung der Staats- und Gemeindebetriebe zu Musterbetrieben. Organisationsrecht der Staats- 
nnd Gemeindeangestellten. Beamtenausschüsse. 

6. Übernahme geeigneter Betriebe in öffentlich-rechtlichen Besitz, sofern es das Gemeinwohl erfordert. 

7. Einführung eines Rechtes, das die Benutzung des Bodens fördert und die Wertsteigerung, die er ohne die 
Arbeit einzelner erhält, möglichst dem Volksganzen nutzbar macht. 

8. Verminderung der Eide. Mitwirkung von Laien in der Rechtsprechung. Durchdringung unseres Rechti- 
lebens mit sozialem Geist nach deutschen Anschauungen. 

9. Schärfere Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit. 

II. An die Wirtscbatts- und Goircrbepolitlk: 

1. Schutz der deutschen Arbeit in Stadt und Land. Schutz der einheimischen gegen die ausländischen 
Arbeiter. 

2. Staatliche Massregeln zur Erhaltung eines gesunden und zur Einschränkung eines übergrossen Grund- 
besitzes. Schutz gegen Güterschlächterei. Förderung ländlicher Wohlfahrt und Heimatpflege. Reform des Hy- 
pothekenwesens im ländlichen Grundbesitz. Festsetzung der Verschuldungsgrenze und planmässige Entschuldung. 
Ansässigmachung ländlicher Arbeiter und innere Ansiedlung. 

3. Befähigungsnachweis. Umfassende Bekämpfung des unlautern Wettbewerbs. Erweiterung der Innungs- 
rechte. Staatliche Förderung von Handwerk und Gewerbe. 

4. Erhaltung und Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit der Industrie durch eine nationale Wirtschafts- 
politik. 

III. An die Sozialpolitik. 

1. Einordnung des Arbeiterstandes in den gesamten Volks- und Gesellschaftskörper auf Grundlage der 
Gleichberechtigung. 

2. Sicherung des Koalitionsrechts. Staatliche Anerkennung der Berufsvereine, Förderung der Tarifbo- 
strebungen. Reichsarbeitsamt. 

3. Festsetzung eines gesundheitliehen Höchstarbeitstages nach Art des Berufes und Gewerbes. Schutz 
der Arbeiter und Angestellten gegen gesundheitswidrige Zustände in den Arbeitsräumen. 

4. Ausbau der bestehenden Versicherungsgesetzgebung und Ausdehnung derselben auf alle Minderbe- 
mittelten. Verstärkter Wöchnerinnenschutz. Förderung der Arbeitslosenfürsorge. 

5. Unentgeltlicher paritätischer Arbeitsnachweis. 

6. Arbeiterschutz in der Hausindustrie. Festsetzung verbindlicher Mindestlohntarife durch Lohnämter für 
geeignete Massensachen. 

7. Tunliche Durcliführung der 36stündigen Sonntagsruhe. 

8. Ausdehnung der Ruhe auf die Angestellten des Verkehrs- und Schankgewerbes, besonders an Sonntagen. 

9. Offenthche Regelung und Beaufsichtigung der Wohnungsverhältnisse. 

10. Wirksame Beaufsichtigung aller Syndikate und Trusts und Massnahmen gegen ausbeuterische Privat- 
monopole. 

11. Handelsauf sieht. Privatbeamten- Versicherung. 



X4 Carl Bachern, Die Zentmmspartei. 

12. Kampf gegen Lehrlingszüohterei. Schutz der Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr. Verstärkter 
Frauenschutz. 

IV. An die Steaerpolitik. 

1. Gerechte Verteilung der für Reich, Staat und Gemeinde notwendigen Steuern nach dem Grundsatz 
der Leistungsfähigkeit. 

2. Proeression der Einkommen- und Vermögenssteuer unter Berücksichtigung des Familienstandes. 

3. Ausbildung der Erbschaftssteuer unter schärferer Besteuerung der grossen Vermögen. Wertzuwachs- 
Steuer. Luxussteuern. 

4. Herstellung eines gerechten Verhältnisses in der Besteuerung der Geschäfte in beweglichen und unbe- 
weglichen Gütern. 

5. Sparsamkeit bei allen Aufwendungen in Reich, Staat und Gemeinde. 

V. In der Judenlragc. 

1. Ausschluss der Juden aus allen obrigkeitlichen Ämtern und vom Offiziersstand. 

2. Zulassung der Juden zu anderen Ämtern und zur Rechtsanwaltsohaft nach dem Bevölkerungsverhältnis. 

3. Verhinderung des Überwiicherns der Juden in den chnstlichen höheren Knaben- und Mädchenschulen 
und der jüdischen Lehrkräfte an den Hochschulen. 

VI. An die Eolonialpolitik. 

1. Menschliche Behandlung der Eingeborenen und Erziehung derselben zu selbständigen wirtsohaftlicben 
Pertönlichkeiten. 

2. Erschliessung der Schutzgebiete durch Reichseisenbahnen. 

3. Sicherung der unterirdisicben Bodenschätze für das Reich. 

Die christlich-soziale Partei hat nach ihrer Auffassung ein gutes Programm, dessen sie sich 
nicht zu schämen braucht. Sie ist eine Partei der kleinen Leute, der Handwerker, der Arbeiter, 
der kleinen Landwirte und Beamten. Aber hier bewahrt sie Tausende vor dem Hinabgleiten in 
eine uferlose Demokratie, indem sie sie an Christentum und Königtum bindet. Obwohl 
sie im deutschen Reiche nur drei Abgeordnete (Verbandsvorsitzender Franz Behrens, Dr. 
Burckhardt, Lic. Mumm) und im preussischen Landtag nur einen Abgeordneten (Wallbaum) 
hat, ist sie schon mehrfach ausschlaggebend gewesen und ist in der Budgetkommission sowie 
in vielen anderen Kommissionen vertreten. Die Mitarbeit von Franz Behrens bei Ausarbeitimg 
der Reichsversicheriing.sordnung fand selbst bei entschiedenen Gegnern Zustimmung. Gedanken, 
die die christhch-soziale Partei als erste aller Parteien vertreten hat, sind inzwischen in 
manche andere Parteiprogramme übergegangen. Schon zw< imal musste das christlich-soziale 
Programm neugestaltet werden, da die Regierung insbesondere seit der echt christlich-sozialen 
Kaiserlichen Bot.schaft von 1881 viele soziale Forderungen erfüllt hat. Die mä htige Anregung 
zu christlich-sozialer Reformarbeit bleibt das unvergängliche Verdienst der christhch-sozialen Partei. 



32. Abschnitt. 
Die Zentruinspartei. 

Von 

Justizrat Dr. Carl Bachern. 

r <•; 1 n (Rhein). 

LItorntnr: 

• u ^1^ Literatur über die Zentrumspartei ist noch ^oll^ gering. Das Meiste zur Vorgeschichte und Ge- 
schjchte der Partei findet sich in biographischen Werken, nämlich: Pfülf, „Hermann von Mallinckrodt". Frei- 
burg 1892; Pastor, „August Reichensperger", 2 Bde., Freiburg 1899; G. Bazin, ..Windthorst. ses alliös et ses 
fttlversairea", Paris, librairieBloud etCie. 1896; Knopp. „Ludwig Windthorst". Dresden und Leipzigl898; Hüsgen, 



Carl Bachetn, Die Zentrumspartei. 15 

„Windthorst", Cöln 1911; J. Leapinasse-Fonsegrive, „Windthoret", Paris, Librairie de P.-J. Böduchaud, 1908; 
Martin Spahn, „Ernst Lieber als Parlamentarier", Gotha 1906. — Sodann Martin Spahn, „Das deutsche Zen- 
trum", Mainz und München 1906; „Das Zentrum eine konfessionelle Partei?", hrsg. vom Verband der Windt- 
horstbunde Deutschlands zu Cöln, Elberfeld, Wuppertaler Aktien-Druckerei; „Vierzig Jahre Zentrum", Berlin, 
Verlag der Germania 1911. — Manches auch in: Pfülf, „Bischof von Ketteier", 3 Bde., Mainz 1899, und Pfiilf, 
„Cardinal von Geissei", 2 Bde., Freiburg 1895. — Berichte über die Tätigkeit der Zentrumsfraktion im Reichstag 
von Abg. M. Erzberger unter dem Titel „Die Zentrumspolitik im Reichstag" von 1897 an, im Verlage der Ger- 
mania, Berlin; ebenso „Die Tätigkeit der Zentrumsfraktion des preussischen Abgeordnetenhauses" (von Abg. 
von Savigny) seit 1904, ebenfalls im Verlage der Germania in Berlin. — Roeren, „Zentrum und Kölner 
Richtung", Trier, 1913; Jul. Bachern, ,,Das Zentrum, wie es war, ist und bleibt''. Köln 1913; Karl Bachern, 
, .Zentrum, kathol. Weltanschauung und allg. polit. Lage", Krefeld 1913. 

Die Zentrumspartei ist entstanden zugleich mit der Entstehung des Deutschen Reiches, 
doch ohne dass diese für die Gründung der Partei massgebend gewesen wäre. Vielmehr lag die 
wichtigste, wenn auch keineswegs die einzige Ursache für die Gründung in der damaligen Zu- 
spitzung der kirchenpolitischen Verhältnisse, welche zugleich mit dem Kriege von 1866 eingesetzt 
hatte und auf katholischer Seite eine Bedrohung der verfassungsmässigen Freiheit der katholischen 
Kirche befürchten liess. Die Vorbereitungen für die Gründung begannen nicht unerhebliche Zeit 
vor dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges von 1870. Der erste veröffenthchte Aufruf 
(von Peter Reichensperger, in der Kölnischen Volkszeitung) datiert vom 11. Juni 1870. Das erste 
förmlich veröffentlichte Programm ist das Soester Programm vom 28. Oktober 1870. Den Namen 
Zentrum wählte die neue Partei im Anschluss daran, dass die frühere „Katholische Fraktion" 
sich in den letzten Jahren ihres Bestehens bereits „Zentrum" genannt hatte. 

Eine parlamentarische Zentrumsfraktion entstand zuerst im preussischen Abgeordneten- 
hause. Sie wurde gegründet in Berlin am 1.3. Dezember 1870. Als am 14. Dezember der neuge- 
wählte preussische Landtag zusammentrat, fand er die neue Fraktion fertig konstituiert vor. Ihr 
alsbald festgestelltes Programm lautet: 

„Die Fraktion stellt sich zur besonderen Aufgabe, für Aufrechterhaltung und organische 
Fortentwicklung verfassungsmässigen Rechtes im allgemeinen, und insbesondere für die Freiheit 
und Selbständigkeit der Kirche und ihrer Institutionen einzutreten. 

,,Die Mitglieder derselben suchen dieser Aufgabe auf dem Wege freier Verständigung zu 
entsprechen, und soll die Freiheit des einzelnen in bezug auf seine Abstimmung keine Beeinträchti- 
gimg erleiden." 

Von der neugebildeten Zentrumsfraktion des preussischen Abgeordnetenhauses aus wurde 
die Bildung einer gleichartigen Fraktion im ersten Reichstag des neuerstandenen Deutschen Reiches 
veranlasst. Unter dem 11. Januar 1871 erging von ihr ein dahinzielender Aufruf zu den Reichs- 
tagswahlen, welcher, von August Reichensperger verfasst, bereits alle wesentlichen Forderungen 
des späteren Programms der Zentrumsfraktion des Reichstages enthielt. Die Konstituierung dieser 
Fraktion fand statt am 20. März 1871. Als am 21. März der erste Reichstag des neuen Deutschen 
Reiches eröffnet wurde, fand auch er die neue Fraktion fertig vor. Als ihr Programm nahm diese 
folgende Sätze an: 

„Justitia fundamentum regnorum. 

„Die Zentrumsfraktion des Deutschen Reichstages hat folgende Grundsätze für ihre Tätig- 
keit aufgestellt: 

1. Der Grundcharakter des Reiches als eines Bundesstaates soll gewahrt, demgemäss den 
Bestrebungen, welche auf eine Änderung des föderativen Charakters der Reichsverfassung 
abzielen, entgegengewirkt und von der Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit der ein- 
zelnen Staaten in allen inneren Angelegenheiten nicht mehr geopfert werden, als die Inter- 
essen des Ganzen es unab weislich fordern. 

2. Das morahsche und materielle Wohl aller Volksklassen ist nach Kräften zu fördern; für 
die bürgerliche und religiöse Freiheit aller Angehörigen des Reiches ist die verfassungs- 
mässige Feststellung von Garantien zu erstreben und insbesondere das Recht der Religions- 
Gesellschaften gegen Eingriffe der Gesetzgebung zu schützen. 



jß Carl Bachern, Die Zentrnnispartei. 

3. Die Fraktion verhandelt und beschliesst nach diesen Grundsätzen über alle in dem Reichs- 
tag zur Beratung kommenden Gegenstände, ohne dass übrigens den einzelnen Mitgliedern 
der Fraktion verwehrt wäre, im Reichstage ihre Stimme aJjweichend von dem Fraktions- 
beschlusse abzugeben." 

Enthielt das Programm der Fraktion des Abgeordnetenhauses nur zwei materielle Punkte: 
Aufrechterhaltung der Verfassung sowie Vertretxmg der Freiheit und Selbständigkeit „der Kirche", 
so erweiterte das Programm der Fraktion des Reichstages, dem Soester Programme und dem er- 
wähnten Wablaufruf folgend, den Standpunkt nach verschiedenen Richtungen: es betonte den 
bundesstaatlichen Grundcbarakter des neuen Reiches und wandte sich gegen die von liberaler Seite 
angestrebte schroffe Zentralisation; es stellte ,,das moralische und materielle Wohl aller Volks- 
klassen ' sowie „die bürgerliche und religiöse Freiheit aller Angehörigen des Reiches" in den Vorder- 
grund und forderte , .insbesondere" den Schutz „der Religionsgesellschaften". 

Ausser ihren Programmen gaben sich beide Fraktionen noch kurze „Satzungen" geschäfts- 
ordnimgsmässigen Inhalts, weiche bis auf einen kurzen unwesentlichen Satzteil in ihrem Wortlaut 
übereinstimmen. Sowohl in den Programmen, wie in den Satzungen wurde mit bewusster Absicht 
jede Bestimmung vermieden, welche den Beitritt protestantischer Mitglieder zu den Fraktionen 
hätte verhindern oder erschweren können. Man wollte eine politische Partei gründen, die alle 
gläubigen Christen, Katholiken wie Protestanten, unter ihre Fahne vereinigen könnte. 

Die Gründer der Fraktion waren der Wirkliche Geheime Rat Carl Friedrich von Savigny, 
welcher, früher im diplomatischen Dienst Preussens, 1866/C7 an der Gründung des Norddeutschen 
Bundes hervorragend beteiligt, 1868 aus dem Staatsdienst (1871 endgültig) ausgeschieden war; 
dann Regierungsrat Hermann v. Malliuckrodt, Mitgründer und hervorragender Führer der frühern 
„Katholischen Fraktion" im Abgeordnetenhause; endlich die beiden Gebrüder Reichensperger, 
Appellationsgerichtsrat Dr. August Reichensperger und Obertribunalsrat Peter Reichensperger, 
diese beiden letzteren die bedeutendsten Gründer der früheren ,, Katholischen Fraktion" und deren 
massgebende Führer. Beide waren ursprünglich politisch liberal im Sinne der Zeit vor 18G0; Savigny 
und Malliuckrodt waren Männer von ausgesprochen konservativer Geistesrichtung. An den Wahl- 
vorbereitungen für die neue Partei war auch Freiherr Burghard von Schorlemer-Alst hervorragend 
beteiligt, ebenfalls ein Mann konservativer Richtung. 

Der spätere Führer des Zentrums im Reichstag und im preussischen Abgeordnetenhause, 
der frühere hannoversche Justizminister Dr. Ludwig Wiudthorst, war bei der Gründung der Frak- 
tion im Abgeordnetenhause nicht beteiligt, obwohl er zu den Vorberatungen zugezogen worden war. 
Erst später erklärte er, einer an ihn ergangenen Aufforderung folgend, seinen Beitritt. Doch unter- 
zeichnete er bereits den erwähnten Wahlaufruf und gehörte im Reichstag zu den Gründern der 
dortigen Fraktion, ^\"illlelnl Emanuel Freiherr von Ketteier, Bischof von Mainz, war an allen Vor- 
bereitungen völlig unbeteiligt, trat jedoch am 20. März 1871 der neugegrüudeten Fraktion im Reichs- 
tag unverzüglich als Mitgründer bei. 

Im preussischen Abgeordnetenhaus begann die Fraktion mit einer Mitgliedcrzahl von 48 
und erreichte bis zum Schluss der Legislaturperiode von 1870/7.'^ die Zahl von 54. Die Wahl von 
1873 brachte ihr 00 Mitglieder und 2 Hospitanten. Mit geringen Schwankungen stieg die Zahl bald 
bis auf etwa 100 Mitglieder, welche gegenwärtig als runder Bestand der Fraktion bezeichnet werden 
können. Im Reichstage brachte es die Fraktion in der ersten Legislaturperiode 1871/74 auf C3 Mit- 
glieder und 2 Hospitanten. Bei der Wahl von 1874 erreichte sie die Zahl von 91 Mitgliedern und 
3 Hospitanten. Dana stieg die Zahl noch langsam und ebenfalls mit geringen Schwankungen, bis 
sie im Jahre 1890 10(5 Mitglieder und 7 Hospitanten erreichte. Sie hielt sich in der Folge nicht ganz 
auf dieser Höhe. Aber auch im lieichstag darf die Durchschnittsstärke der Fraktion auf 100 Mit- 
glieder antiesetzt werden. 

Der gegenwärtige Bestand beider Fraktionen ist folgender: Bei der Wahl vom 15. Januar 
1907 erreichte die Zentrumsfraktion des Reichstages die Zahl von 104 Mituliedern und 1 Hospitant. 
Für Kandidaten der Zentrumspartei waren 2 179 800 Stimmen abgegeben worden. Bei der Wahl 
vom 1(). Juni 1908 gelangte die Zentrumsfraktion des preussischen Abgeordnetenhauses auf 104 
Mitglieder. Inzwischen haben durch Nachwahlen die Zuntrumsfraktion des Abgeordnetenhauses 
ein Mitglied, die 2ientrumsfraktion des Reichstages drei Mitglieder verloren. 



Cat'l Bachern, Zeiitrunispartei. J 7 



Von sämtlichen Fraktionen beider genannten Parlamente hat während dieser Zeit keine eine 
solche Stetigkeit ihrer Stärke gezeigt, wie die Zentrumsfraktioner. Wo sie nach Lage der Verhältnisse 
festen Fuss fassen konnten und gefasst haben, haben sie den gewonnenen Boden durchweg zu be- 
haupten gewusst. Die feste Organisation der Partei im Lande, auf welche die Fraktionen sich 
stützen, ihre gut geleitete grosse, mittlere und kleine Presse geben ihnen ebenso die Gewähr auf 
weiteren Bestand, wie die Zuverlässigkeit und gute politische Schulung ihrer Wähler. Doch wird 
es der Partei in letzter Zeit schwieriger, in grossstädtischen und industriellen Bezirken gegenüber 
der Sozialdemokratie ihre Stellung zu verteidigen. 

Einen fühlbaren Rückgang erlitt die Fraktion des Reichstages zuerst bei den Neuwahlen 
von 1912: sie erzielte nur noch 90 Mandate, indem ein grosser Teil der bisher behaupteten 
Stichwahlkreise durch das Zusammengehen des überwiegenden Teiles der liberalen Parteien mit 
den Sozialdemokraten verloren gingen. Bei der Hauptwahl vom 12. Januar 1912 wurden 
nur 1991000 Stimmen für die Partei abgegeben; doch waren schon bei dieser viele Tausende 
von Zentrumsstimmen für andere rechtsstehende Kandidaten abgegeben worden. 

Bei der Neuwahl zum preussischen Abgeordnetenhause im Mai 1913 dagegen behauptete 
sich die Fraktion mit 103 Mandaten. 

Im Reichstag hat die Zentrumsfraktion von Anfang an Mitglieder aller deutschen Volks- 
stämme in sich vereinigt. Vom Reichstag aus griff die Zentrumsbewegung auf die politische Ent- 
wicklung in den Einzelstaaten über, so dass, dem Beispiele des preussischen Abgeordnetenhauses 
folgend, auch in anderen einzelstaatlichen Parlamenten Zentrumsfraktionen entstanden. In der 
zweiten Kammer in Hessen bildete sich schon am 20. Dezember 1872 eine Zentrumsfraktion. Die 
im Jahre 1869 in Bayern entstandene „Partei der Patrioten" wandelte sich im Jahre 1887 in eine 
Zentrumspartei um, dieältere badische ,, Katholische Volkspartei" ebenso im Jahre 1888 ; in Württem- 
berg vereinigten sich die katholischen Mitglieder der Zweiten Kammer am 19. Februar 1895 zu 
einer Zentrumsfraktion, nachdem bereits am 11. Juli 1894 bei Gelegenheit der damahgen Land- 
tagswahlen eine württembergische Zentrumspartei gegründet worden war ; selbst im oldenburgischen 
Landtag ergab sich in den letzten Jahren eine Gruppen bildung, welche auf dem Boden der Zentrums- 
ideen steht. Alle diese Bildungen nahmen in ihrem Giundcharakter den Geist willig auf, wie er 
von der Zentrumsfraktion des Reichstages ausging, und sind bestrebt, in deren Sinne zu wirken. 
Einen etwas abweichenden, noch vielfach unklaren Charakter zeigt die im Jahre 1907 gegründete 
Zentrumsfraktion im elsass-lothringischen Landesausschuss. Er kommt auch darin zur Geltung, dass 
Mitglieder der elsass-lothringischen Zentrumspartei, welche ein Mandat zum Reichstag erhielten, 
der dortigen Zentrumsfraktion nicht beitraten, während im übrigen die Mitglieder der einzelstaat- 
lichen Zentrumsparteien mit der allgemeinen deutschen Zentrumspartei sich durchaus eins fühlen. 

Die bisherige Geschichte der Partei beweist, dass die Zentrumsbewegung eine natürliche, 
eine notwendige und bodenständige war und ist, und dass sie aus der Lage unserer allgemeinen 
Parteiverhältnisse als gegebene Folge herauswachsen musste. 

Es ist keine Frage, und kann ruhig zugegeben werden, dass der dauernd feste Bestand 
der Zentrumspartei und der Zentrumsfraktionen zusammenhängt mit der einheitlichen kirchen- 
politischen Grundanschauung ihrer Wähler, wie ja auch kirchenpolitische Gesichtspunkte den 
hervorragendsten, wenn auch nicht einzigen Anstoss zu ihrer Gründung gegeben haben. Der 
Zentrumsgedanke, auch nach seiner kirchenpolitischen Seite hin, ist seinem Wesen nach durch- 
aus verfassungsmässig und koufessionell-paritätisch. Trotzdem fand er tatsächlich im wesentlichen 
nur bei dem katholischen Volksteil fruchtbaren Boden und gewann aus dem protestantischen Volksteil 
nur vereinzelte Zustimmung. Ebenso sicher ist aber auch, dass die kirchenpolitischen Ideale der Partei 
für sich allein niemals genügt haben würden, um der Partei einen so festen Bestand und eine solange 
Dauer zu gewährleisten. Überall, wo der Parlamentarismus Wurzel geschlagen hat, zeigt die Er- 
fahrung, dass religiöse Anschauungen imd kirchenpoUtische Ziele allein auf die Dauer nicht genügen 
als Fimdament für eine grosse politische und parlamentarische Partei. Wo rein kirchliche Partei- 
bildungen versucht wurden, sind sie bald zerflossen, soweit sie nicht dazu kamen, neben dem kirchen- 
politischen auch einen klaren staatspolitischen Boden zu gewinnen. Gerade das ist das charakteri- 
stische der Zentrumspartei, dass es ihr gelungen ist, trotz ihrer kirchenpolitischen Ausgangspunkte 

H»ndbnch der Poliül. TT. Äifl«^, Band TT. 2 



\g Carl Bachetn, Zentruraspartei. 

= Tt "^^ 

sofort zu einer festen alhunfassenden staatspolitischen Haltung zu kommen, welche dem Kaiser gibt, 
was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. 

Die Zentrumspartei ist von Anfang an gegründet worden als , .Verfassungspartei", das heisst 
als allgemeine politische und parlamentarische Partei, welche das Staatsganze erfasst im Sinne der 
bestehenden Verfassung und jeder Seite der staathchen Tätigkeit ihre pflichtmässige Fürsorge 
widmet. Von politischen Einzelfordenmgen, wie sie das Soester Programm enthielt, sahen die 
späteren Fiaktionsprogramme bew\isstermassen ab und hielten so die Zukunft offen. Diesem ur- 
sprünglichen programmatischen Charakter der Partei entspricht ihre Geschichte und ihie fest- 
stehende Praxis. Die Zentrumspartei ist heute eine allgemeine Staats- und Eeichspartei, welche 
mit Recht von sich sagen darf, dass nichts, was den Staat angeht, ihr fremd ist. Sie treibt die Kirchen- 
pohtik im Rahmen ihrer allgemeinen Politik, wie ja auch die kirchenpolitische Freiheit im Rahmen 
imserer staatlichen Verfassungen festgelegt ist, indem sie die Auffassung vertritt, dass „das Wohl 
der Gesellschaft aus einem doppelten Elemente, dem religiösen und dem bürgerlichen erwächst- 
(Schreiben des Papstes Pius X. an Kardinal Fischer vom 30. Oktober 1906), und dass „zwei Pflich- 
tenkreise" die Menschen umschliessen : ,,Der erstere zielt auf die Blüte des Staates, der andere auf 
das Gesamtwohl der Kirche, beide auf die Vervollkommnung der Menschen" (Encvklika ,,Sapien- 
tiae christianae" Papst Leos XIII. vom 10. Januar 1890). 

Sie betrachtet demgemäss die KirchenpoHtik keineswegs als den einzigen, wohl aber als 
einen höchst wichtigen und sogar wesentlichen Teil ihres Programmes und hält an dem Grundsatz 
fest, dass die ReUgionsfreiheit einen integrierenden Bestandteil imserer staatlichen Zustände dar- 
stellt. Sie vertritt die Anschauung, dass wie die evangehschen Landeskirchen, so auch die 
katholische Kirche a\if ihrem eigenen Gebiete selbständig und unabhängig ist und sein soll, dass 
der Staat pflichtgemäss und gerecht handelt, wenn er diese Unabhängigkeit achtet, dass die mensch- 
liche Gesellschaft am besten fährt, wenn Staat und Kirche unter gegenseitiger Achtimg der ihnen 
zustehenden Souveränität auf ihrem eigenen Gebiet freimdschaftlich Hand in Hand gehen und 
dass, wo die beiderseitigen Gebiete sich berühren und zum Teil schneiden, von Fall zu Fall eine 
vernünftige und billige Verständigung einzutreten hat. 

Neben dieser Kirchenpolitik aber imd über sie hinaus hat die Zentrumspartei imter Führung 
der Zentrumsfraktionen in nunmehr 40j ähriger Arbeit eine eigene, eigenartige und in ihren Grund- 
zügen fest umrissene Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik entwickelt, welche, me jeder Band 
der Berichte über die Verhandlimgen unserer Parlamente dartut, den weitaus grössten Teil ihrer 
Tätigkeit beansprucht. Diese Pohtik beruht in finanzieller Hinsicht auf dem Streben nach Spar- 
samkeit in den Staatsausgaben bei voller Befriedigung der staatlichen Bedürfnisse. In wirtschaft- 
lichen Dingen vertritt sie den Grundsatz der ausgleichenden Gerechtigkeit unter den sich ent- 
gegenstehenden Interessen der verschiedenen Stände. In sozialen Fragen beruht sie auf der 
warmen Bereitwilligkeit zum Schutze der jeweils schwächeren Bevölkerungskreise, zur Erhaltung 
eines kräftigen Mittelstandes, zur Mitarbeit an der sozialen Hebung der arbeitenden Klassen und 
in dem Bestreben der Milderung der sozialen Gegensätze. In allgemein-staatspolitischen Dingen 
besteht sie, ohne an doktrinäre Überlieferungen gebunden zu sein, in der eifrigen Anteilnahme an 
der nationalen Grösse und Innern Festigkeit von Reich und Staat sowie an der Entwicklung der 
nationalen Hilfsquellen, alles in strenger Wahnmg der bestehenden Verfassungen, im Reich also 
auch in Wahrung des bundesstaatlichen Charakters und der Rechtsstellung der Einzelstaaten. 

Trotz der am Tage liegenden allgemeinen politischen Tätigkeitder Zentrumsfraktionen werden 
diese vielfach noch immer Icdighch nach den ursprünglich überwiegend kirchenpolitischen Beweg- 
gründen ihrer Entstehung betrachtet. Doch kann diese Betrachtungsweise niemals zu einem vollen Ver- 
ständnis der Zentrumspolitik und der ganzen Zentrumsbewegung führen. Dieses Verständnis ist 
nur möglich, wenn man festhält, dass die Zentrumspartei genau in demselben Sinne eine politische 
Partei ist, wie die Parteien der Rechten, die liberalen Parteien und die Sozialdemoln-atie, und dass 
sie in keinem anderen Sinne eine konfessionelle Partei ist, wie ebenfalls alle diese anderen Parteien. 
Kirchenpdlitik und Staatspohtik lassen sich nun einmal nicht trennen. Die Grundlage der mensch- 
lichen Verhältnisse ist nicht der Monismus des Staates, sondern der Dualismus von Staat und Kirche. 
Ist doch die ganze Welt vom Dualismus beherrscht: Gott und Welt, Seele und Leib, Kirche und 



Carl Bachern, Zentrumspartei. 19 

Staat. Einseitig kirclienpolitiscbe Parteibildimgeu entsprechen daher ebensowenig der vollen Aus- 
wirkung des menschlichen Lebens wie einseitig und ausschliesslich verfassungs-, wirtschafts- oder 
sozialpolitische Parteibildungen. Wo solche versacht werden, sehen sie sich bald gezwungen, auch 
zu demkirchenpolitischen Teile des staatlichen Lebens Stellung zunehmen, wenn sie nicht Lähmender 
und hemmendei Einseitigkeit verfallen wollen. In der Wirklichkeit sehen wir denn auch, dass alle 
grossen Parteien sowohl zum Staat wie zu den kiichenpoütischen Fragen Stellung nehmen. Es ist 
naturgemäss, dass diese Stellungnahme dann mitbestimmend ist für den Anschluss der Wähler an 
die eine oder die andere Partei. Soweit diese Stelhmgnahme dazu führt, dass die verfassungsmässige 
staatliche Parität der grossen christlichen Bekenntnisse anerkannt wird, ist eine solche Partei dann 
aber nicht eine konfessionelle, sondern in diesem Sinne eine politisch-paritätische, wenn auch 
ihre einzelnen Mitglieder auf religiösem Gebiet sich ihre persönliche religiös-konfessionelle Über- 
zeugung und die Zugehörigkeit zu ihrer Kirche über die Anerkennung der staatlichen Parität 
hinweg durchaus wahren. Das bleibt selbst dann wahr, wenn die konfessionelle Zugehörigkeit der 
grossen Mehrzahl der Blitgiieder einer Partei dazu führt, im politischen Leben die Interessen des 
einen oder anderen Bekenntnisses besonders zu betonen. 

So kommt es, dass in der heutigen konkreten Ausgestaltung unseres Parteilebens die konser- 
vativen Parteien tatsächlich und im allgemeinen mit den Anhängern des orthodoxen, kirchen- 
treuen Protestantismus zusammenfallen, die liberalen Parteien mit den Anhängern des liberalen 
Protestantismus, die Sozialdemokratie mit den Anhängern der materialistischen Weltanschauung. 
In demselben Sinne kann man sagen, dass die Zentrumspartei im allgemeinen zusammenfällt mit 
den Anhängern der christlichen Weltanschauung, wie sie von der katholischen Kirche vertreten 
wird. Wie aber die konservativen und liberalen Parteien grundsätzlich keinen Katholiken ab- 
weisen und wie nach deren staatspolitischen Prinzipien auch Katholiken der Beitritt zu ihnen mög- 
lich ist, so umgekehrt auch beim Zentrum : Sein „konfessioneller" Charakter ist nichts weniger als 
exklusiv katholisch; es hält allen Protestanten, welche seiner politischen Grundauffassung zu- 
stimmen, den Beitritt offen; und sogar noch mehr: es legt entscheidenden Wert darauf, politisch 
auf dem Boden des Parlamentes wie innerhalb des eigenen Fraktionsverbandes mit allen Prote- 
stanten zusammenzuarbeiten, welche gleich ihm für die religiöse Freiheit und das Recht der Reli- 
gionsgesellschaften eintreten. Nach seiner ursprünglichen Konstruktion war das Zentrum sogar 
auf ein solches Zusammenarbeiten geradezu angelegt. Wenn dann in der geschichtlichen Ent- 
wicklung nur verhältnismässig wenige Protestanten zum Zentrum traten und schUesslich nur ein- 
zelne bei ihm verbheben, so dass das Zentrum heute äusserlich als eine Partei erscheint, welche 
fast nur aus Katholiken besteht, so ist daran die Zurückhaltung der Protestanten schuld, welche 
der Absicht der Gründer wie der späteren Führer des Zentrums durchaus widerstrebte. Allerdings 
scheint es auch, dass die Überwindung des wirtschafthchen und sozialen Standesegoismus, welche 
zur Annahme der wirtschafts- und sozialpolitischen Seite des Zentrumsprogramms unentbehrlich 
ist, als Voraussetzimg einer besonderen Intensität der altruistischen, aus religiösen Empfindungen 
genähxten Grundstimmung bedarf, wie sie sich in den kirchentreuen Kreisen des katholischen 
Volksteiles findet. 

Dem ursprünghchen Charakter des Zentrums entspricht es, wenn die massgebenden Führer 
des Zentrums stets betonten, dass ihre Partei eine „christliche" sei imd auf dem „Boden der christ- 
lichen Weltanschauung" stehe. Es sollte damit ausgesprochen werden, dass sowohl gläubigen 
Katholiken als gläubigen Protestanten, welche die politischen Grundsätze des Programms aner- 
kennen und also ,. insbesondere das Recht der Religionsgesellschaften" schützen wollten, das Tor 
zum Zentrum gleicherweise offen stände und dass beide innerhalb der Fraktion gleichberechtigt 
zusammenarbeiten sollten. Es sollte damit der zwingenden Natur des paritätischen Charakters 
der deutschen Verhältnisse Rechnung getragen und der Überzeugung Ausdruck gegeben werden, 
dass auf staathchem und parlamentarischem Gebiet der konfessionelle Zwiespalt durch 
einträchtige politische Arbeit zum Wohle des Vaterlandes überbrückt werden könne, soweit nur 
die Anhänger beider Konfessionen, was ihren religiösen Glauben anlangt, sich gegenseitig 
mit der vollen bürgerlichen Achtung und auf dem staatlichen Boden mit friedfertigem 
Sinne begegnen. Es sollte endlich damit gesagt sein, dass man auf dem Boden der Zentrums- 

2* 



^() ^Jarl Bachein, Zeutrunispartei. 



politik ein Ziisammenarbeiteu mit solchen Katholiken und Protestanten allerdings für ausge- 
schlossen hielte, welche nicht gc-irillt waren, die Freiheit und Selbständigkeit der Eeligionsgesell- 
schaften und damit auch der katholischen Kirche anzuerkennen und hochzuhalten. Selbstverständ- 
lich sollte damit aber nicht gesagt sein, dass man eine willkürhche und verschwommene religiöse 
Synthese von Kathoüzismus und Protestantismus anstrebe. Vielmehr sollte jeder sich die Integrität 
seiner rehgiösen Überzeugung voll reservieren, und niu- das durchgeführt werden, dass An- 
gehörige beider Konfessionen politisch zusammenarbeiteten, um die Freiheit der Religionsübung 
und die verfassungsmässige Rechtsstellimg wie dei katholischen Kirche so der evangelischen 
Landeskirchen zu verteidigen. Die , .christliche Weltanschauung" in diesem Sinne war ledighch 
eine politische Formel, welche, ohne jeden theologischen Inhalt, das Zusammenarbeiten von 
Katholiken und Protestanten auf politischem Gebiet im Sinne des politischen Zentrums- 
gedankens ermöglichen sollte. 

Nach diesen allgemein orientierenden Bemerkungen über die Natur des Zentrums sei zu- 
nächst die Entstehungsgeschichte der Zentrumsbewegiing nachgeholt und kurz ihr bisheriger Ver- 
lauf dargestellt. 

Der Ursprung der Gedankenreihen, welche zur Gründung des Zentrums führten, liegt er- 
heblich weiter zurück wie die Gründung dieser Partei, sowohl was die kirchenpolitische, als was die 
staatspoütische Seite anlangt. 

Der kirchenpolitische Gedanke entstand zuerst. Er musste entstehen, sobald auf deutschem 
Boden Volksvertretungen errichtet wurden und innerhalb dieser, wenn nicht schon politische Par- 
teien, so doch politische Parteirichtungen sich bildeten. Es lag in der Natur der politischen Ent- 
wicklung in Deutschland, dass dieser Gedanke sich zunächst in einer spezifisch katholischen Aus- 
prägung zeigte. Nach der Zeit des harten Staatskirchentums in der Periode des Josephinismus, 
welche die katholische Kirche nach ihrer Idee und Geschichte besonders schmerzlich getroffen hatte, 
war es gegeben, dass gläubige und kirchentreue Kathohken, sobald sie in die Parlamente gelangten, 
sich der öffentlichen Rechtsstellimg ihrer Kirche annahmen und für deren Freiheit eintraten, wo 
immer sie diese beeinträchtigt fanden. So sehen wir im ersten bayerischen Landtag von 1819, als 
die Ausführung des eben abgeschlossenen Konkordates mit dem römischen Stuhle in Frage stand, 
für dieses sofort eifrige Vertreter erstehen. Es seien die Abgg. Egger, Abt, Zimrner, Magold und 
Zenger genannt, sämtlich Geistliche. Von da an haben in der bayerischen Volksvertretung niemals 
Vertreter der kirchlichen Rechte gefehlt. Doch kam es nicht zu einer Parteibildimg. Erst 1869 
entstand die „Partei der Patrioten", welche, im wesentlichen pohtischen Charakters, auch für die 
Rechte der katholischen Kirche eintrat. Im ersten hessischen Landtag von 1820 waren es Laien, 
die Mainzer Kaufleute Kertell und Lauteren und der Gutsbesitzer Bürgermeister Neeb, welche in 
derselben Richtung vorgingen. In Baden trat 1827 der Freibuiger Professor Dr. Buss in die Zweite 
Kammer, 1838 Freiherr von Andlaw in die Erste Kammer; beide verteidigten die Sache ihrer Kirche 
mit ebensoviel Eifer wie Ausdauer. Auch hier kam es erst 1869 zu einer Partei bildung, nämlich zur 
Gründung der ., Katholischen Volkspartei", welche bei der Neuwahl dieses Jahres mit vier Mit- 
gliedern in die Zweite Kammer einzog. 

Einen Markstein in dieser Entwicklung bedeutet das Jahr 1848. Es brachte die erste förm- 
liche Organisation katholischer Parlamentarier. Der Deutschen Nationalversammlung in Frank- 
furt a. M. gehörte eine grosse Anzahl kirchentreuer angesehener Katholiken an. Diese traten, als 
es dort zum Entwurf von „Grundrechten" kam, auf Einladimg dos Breslauer Fürstbischofs Melchior 
von Diopenbrock am 14. Juni als ,, Katholischer Klub" zusammen, um, nachdem die staatHche 
Freiheit ihre Vertreter gefunden hatte, auch für die kirchliche Freiheit einzustehen. Dieser Klub 
war ein „ausserparlamcntarischer Verein", welcher sich auf die Behandlung der rehgiösen und 
kirchlichen Dinge einschliesslich der Schulangelegenheiten beschränkte und alle staatspolitischen 
Fragen streng ausschloss. Die Mitglieder waren und blieben zugleich Mitgheder der verschiedenen 
politischen Fraktionen. Vorsitzender war der prcussische in Westfalen gewählte Abg. General 
v, Radowitz, dessen Stellvertreter der rheinische Abg. August Reichensperger. Dieser Klub war 
also eine rein katholisch-konfessionelle Bildung. Einen allgemeinen pohtischen Charakter gewann 
er nicht. Als Versuche gemacht wurden, ihn auch für politische Zwecke nutzbar zu machen, löste 



Carl Bachern, Zeutrumspartei. 21 



er sich auf. Tatsächlich waren die weitaus meisten Mitglieder des Klubs in politischer Hinsicht 
„grossdeutsch" gesinnt. 

In der gleichzeitig tagenden Preussischen Nationalversammlung in Berlin kam es auch wohl 
zu einem Zusammenwirken der katholischen Abgeordneten im Sinne der Sicherung der kirchlichen 
Freiheit durch die neu zu schaffende Verfassung, doch noch nicht zu einer festen Organisation. Der 
Mittelpimkt dieser Bestrebungen war liier der Kölner Erzbischof Johannes von Geissei. Ein solches 
Zusammenwirken der katholischen Abgeordneten bei kirchlichen Fragen ohne förmliche Organi- 
sation wiederholte sich in Berlin in der Zweiten Kammer während der beiden ersten Legislatur- 
perioden des neuen preussischen Landtags 1849 und 1849/52. Als Führer erscheint in dieser Zeit 
der Abg. Osterath. In Berlin wie in Frankfurt ist als Ergebnis zu verzeichnen, dass die kirchen- 
politischen Bestimmungen im preussischen Verfassungsentwurf wie in den Grundrechten der 
Deutschen eine Fassung fanden, welche im allgemeinen der Bedeutung der katholischen Kirche 
gerecht wurde und für diese annehmbar war. Diese Bestimmungen gingen im wesentlichen in 
die preussische oktroyierte Verfassung vom 5. Dezember 1848 und später in die endgültige preussische 
Verfassung vom 31. Januar 1850 über. 

Einen entscheidenden Schritt der Fortentwicklung brachte in Preussen die Wahl des Jahres 
1852. Kurz vorher waren die ,,Eaumer'schen Erlasse" ergangen, welche die soeben verfassungs- 
mässig festgelegte Kirchenfreiheit für die Katholiken wieder in mehreren Punkten zu beschränken 
suchten. Der Erfolg war die Wahl von 63 strengkirchlichen katholischen Abgeordneten, welche 
alsbald zur „Katholischen Fraktion" zusammentraten, um die Freiheit der katholischen Kirche 
und die Parität des katholischen Volksteils zu schützen. Unter dem Einfluss der Gebrüder Rei- 
chensperger gewann die Fraktion bald auch eine, obgleich noch nicht ganz einheitliche politische 
Färbung, zumal nachdem die ,, feudalen" Mitglieder sich zurückgezogen hatten. Diese Färbung 
war im wesentlichen konstitutionell-liberal im damaligen Sinne. Aufrechterhaltung der 
Verfassimg im " allgemeinen, Aufrechterhaltung der Rechtsstellung der kathohschen Kirche 
im besonderen, Konfessionalität der Volksschule, individuelle Freiheit, kommunale Selbstverwaltung 
in Gemeinde, Kreis und Provinz, pohtische Gleichberechtigung der Konfessionen und aller Staats- 
bürger wurden die Richtlinien ihrer Politik. 

Dieser Entwicklung entsprach es, dass schon nach der Wahl von 1855 die beiden 
Reichensperger den Versuch machten, den konfessionellen Namen der Fraktion zu ersetzen 
durch einen politischen. Tatsächlich war die Fraktion bereits eine pohtische Fraktion nur 
mit konfessioneller Firma. Aus dem Grundsatz der Verfassungstreue hatte sie die Folgerung 
gezogen, dass sie die Rechtsstellung der evangelischen Landeskirche und der Juden ebenso 
verteidigte, wie die Rechtsstellung der katholischen Kirche. An allen rein pohtischen Verhand- 
lungen hatte sie sich eifrig beteiUgt. Doch der Versuch misslang vorerst. Er wurde aber 
erneuert und nach den Wahlen von 1858 gelang es den Namen zu ändern in ,, Fraktion des Zentrums 
(Katholische Frakt'on)". Am 17. Januar 1859 unterzeichneten 57 Mitgheder die neuen Satzungen. 
Deren erster Satz lautete: „Aufgabe der Fraktion ist die Vorberatung aller das Haus der Abgeord- 
neten beschäftigenden Gegenstände." Nach den Wahlen von 1861 stellte Mallinckrodt den Antrag, 
die ,,korfessionelle Klammer" aus der Bezeichnung der Fraktion zu streichen, doch ohne Erfolg. 
Endlich im Mai 1862, als die Fraktion durch die Neuwahl von 1862 bereits stark geschwächt worden 
war, gelang es auf Antrag Mallinckrodts, die konfessionelle Klammer zu beseitigen. Fortan hiess 
die Fraktion nur „Zentrum". Doch ihi-e Zeit war vorbei. Der Militärkonflikt brachte Verwirrung 
in die Reihen ihrer Wähler und führte diese scharenweise der Linken zu. Sie hielt sich noch bis 
1867; dann trat sie nicht wieder zusammen. 

Nach dem deutsch-österreichischen Kriege von 1866 und der Bildung des Norddeutschen 
Bundes zeigte sich in der Entwicklung des herrschenden Liberalismus eine Seite immer stärker, 
welche in der Zeit von 1848 bis 1860 weniger scharf hervorgetreten war: der politische LiberaUs- 
raus identifizierte sich mehr und mehr mit dem kiichhchen, indem er sein individualistisches Prinzip 
aus der Pohtik in die Sphäre der Rehgion übertrug. Daraus ergab sich eine heftige Feindschalt 
gegen die katholische Kirche, welche gar manchmal zu höchst verletzendem Ausdruck kam. Zu- 
gleich übertrieb der Liberalismus sein individualistisches Freiheitsprinzip auch auf politischem 



22 Carl Bachern, Zeutruiiispartel. 



namentlich wirtschaftlichem Gebiet, indem er sich zu unhistorischem, unbesonnen fortstürmendem 
Einreissen alter Einrichtungen und Schutzwehren fortieissen Hess. Der Erfolg war, dass auch die 
politisch bisher liberal denkenden gläubigen Katholiken, welche zugleich auf staatlichem Gebiet 
am historisch Gewordenen, soweit es noch gut war, festhalten wollten, in ihm sich nicht mehr wohl 
fühlten. Bismarck aber, welcher bis 1866 in schärfster Kampfstellung gegen ihn gestanden hatte, 
stützte sich jetzt auf ihn und brachte ihn zur Herrschaft. 

Dieser Reaktion gegen den gesamten Liberalismus in seiner damaligen konkreten Gestalt, 
sowohl nach dessen kirchenpolitischer wie nach dessen staatspolitischer Seite hin, entsprang der 
Gedanke einer neuen Partei. Seit dem Frühjahr 1870 wurde er in Berlin unter den alten Führern 
der Katholischen Fraktion erwogen. Im April begannen ernsthafte, beharrlich fortgeführte Vor- 
arbeiten. Als der französische Krieg von 1870/71 ausbrach, fand er unter den Katholiken dieselbe 
patriotische Begeisterung wie unter den Protestanten. Auch das neue deutsche Reich wuide von 
den preus.=ischen Katholiken durchweg mit Jubel begrüsst, während allerdings in Bayern aus 
altüberlieferten partikularistischen Gefühlen sich Widerstand geltend machte, zumal die schroff 
zentralisierende Tendenz des Liberalismus verstimmend wirkte. Doch konnte das alles die 
Gründung der neuen Partei nicht mehr aufhalten, um so weniger, als gleichzeitig der Liberalismus 
Beine katholikenfeindliche Haltung rasch verstärkte. 

So kam es zur Gründung des heutigen Zentrums. Liberale und konservativ fühlende KathoUken 
reichten sich bei ihr die Hände. Die Spaltung, welche die erste Zeit der Kathohschen Fraktion gebracht 
hatte, \vurde wieder überbrückt. Man wurde einig, die Neugründung jetzt als eine rein politische 
Fraktion zu gestalten ohne irgendwelche konfessionelle Beschränlaing. Die ersten veröffentlichten 
Programme der neuen Partei (Aufruf Peter Reichenspergers in der Kölnischen Volkszeitung vom 
11. Juni 1870, Essener Programm vom 29. Juni, Soester Programm vom 28. Oktober) stellten sich 
zunächst fest auf den Boden der bestehenden verfassungsmässigen Zutände, ebenso später auf den 
Boden des neugegründeten Reiches. Aus dem kirchenpolitischen Bestände der früheren Kathohschen 
Fraktion entnahmen sie die Forderungen des Schutzes der Rechtsstellimg der kathohschen Kirche, der 
christlichen Ehe, der konfessionellen Schule und der Durchführung der staatsrechtlichen Parität 
der anerkannten Religionsgesellschaften. Aus den frühereu hberalen Forderungen der Katholischen 
Fraktion übernahmen sie die Forderung der Beschränkung der Staatsausgaben, damit der Beschrän- 
kung der Steuern und Lasten und zugleich einer gleichmässigeu und gerechten Verteilung derselben, 
ferner die Forderung der Dezentralisation der Staatsverwaltimg auf Grundlage der Selbständig- 
keit der Selbstverwaltung in Gemeinde, Kreis und Provinz, und endlich die Forderung der Be- 
schränkung der damals dreijährigen aktiven Dienstzeit im Heere. Daneben zeigen diese Progi-amme 
auch echt konservative Züge, was die allgemeine Richtung der Politik anlangt. iVus der alten, im 
Kerne aufgegebenen grossdeutschen Stimmung, zugleich aus gesunden realpohtischen Erwägungen 
entstammt die Forderung, den Grundcharakter des neuen Reiches als eines Bundesstaates zu be- 
wahren und die zentralisierende Tendenz des Liberalismus abzuwehren. Neu hinzugefügt wurden 
wiitschafts- und sozialpoUtischc Forderungen : Ausgleichmig der Interessen von Kapital und Grund- 
besitz, sowie von Kapital und Grundbesitz einerseits und der Arbeit andererseits, Erhaltung und 
Förderung eines kräftigen Mittelstandes in einem selbständigen Bürger- und Bauernstand, Freiheit 
für alle den gesetzlichen Boden nicht verlassenden Bemühungen zur Lösung der sozialen Frage, 
gesetzliche Beseitigung solcher Übelstände, welche den Arbeiter mit moralischem oder körperlichem 
Ruin bedrohen. Die späteren Programme der Fraktionen wurden küi-zer und allgemeiner gefasst, 
was sich in der Folge als für eine fieie Entfaltung der politischen Praxis in allen Einzelfragen höchst 
günstig erwies. Ein konfessioneller Charakter wurde ebenso entschieden abgelehnt, wie eine kon- 
fessionelle Bezeichnung. Die Forderung der Freiheit und Selbständigkeit „der Kirche" im 
Programm der preussischen Fraktion wurde im Progi'amm der Reichsfraktion bereits ersetzt 
durch die Forderung des Schutzes der Rechte ,,der Religionsgesellschafteu". Die Zentrums- 
partei sollte sein und wurde auch eine allgemeine politische Staats- und Reichspartei, welche An- 
hängern aller religiösen Bekemitnisse offenstand, soweit sienur ihre politischen Grundsätzeannahmen. 

Die Zontrumspartei war demnach weder als Oppositionspartei, noch etwa als Feindseligkeit 
gegen das neue deutsche Reich, noch gar als Gegen.'sätzlichkeit zum Protestantismus gedacht. Sie war 
\'ielmehr gedacht als eine Partei positiver politischer Arbeit auf Grund eines neuen, klaren Pro- 



Cavl Bachern, Zeutrumspartei. 23 



grammes, welches alle Seiten der Politik, Verfassungs-, Kirchen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik 
\imfasste. Sie wandte sich an die Anhänger aller Konfessionen, Stämme und Berufsstände, um 
eine Partei der politischen und sozialen Versöhnung zu werden. 

Die Gründer der neuen Partei waren sämtlich Katholiken gewesen. Zunächst 
setzten jetzt eifrige Bemühungen ein, um auch protestantische Kreise heranzi ziehen. 
August Reichensperger führte den konservativen Abg. von Gerlach in die Fraktion ein; Savigny 
verhandelte mit dem sächsischen Minister Freiherrn von Friesen, um die sächsischen Konservativen 
zum Anschluss zu gewinnen; Bischof von Ketteier veranlasste, als er 1872 sein Mandat niederlegte, 
in seinem Wahlkreise Tauberbischofsheim die Wahl des Rechtsanwalts Schultz aus Heidelberg zum 
Reichstag; Windthorst setzte durch, dass Herr von Gerlach im Januar 1873 von dem rheinischen 
Wahlkreis Sieg-Mühlheim-Wipperfürth ins Abgeordnetenhaus, 1877 vom Wahlkreis Osnabrück 
auch in den Reichstag gewählt wurde. Bei jeder Gelegenheit betonten die Führer des Zentrums, 
dass ihre Partei keine konfessionelle, sondern eine politische sei, zu welcher jedem Protestanten 
ebenso der Zutritt freistehe wie jedem Katholiken. Schultz-Heidelberg und Herr v. Gerlach traten 
der Fraktion als Mitglieder bei. Weiterhin gelang es aber nur den persönlichen Beziehungen Windt- 
horsts, die christlich-konservativ gerichteten Abgeordneten aus Hannover, welche an der weifischen 
Tradition festhielten, zu bewegen, dem Zentrum als Hospitanten sich anzuschhessen. Die Zahl 
der letzteren nahm allmählich ab; 1907/12 hatte nur die Fraktion des Reichstages noch einen 
protestantischen Hospitanten aus Hannover. Doch trat nach der Reichtagswahl vom Januar 
1912 wieder ein protestantischer Abgeordneter (aus der bayiischen Rheinpfalz) der Zentrums- 
fraktion als Mitglied bei. Der Hauptgrund dieser Zurückhaltung protestantischer Elemente 
lag in einem taktischen Kimstgriff des politischen Kampfes der siebenziger Jahre: Die Liberalen 
empfanden richtig, dass die neue Partei der Kristallisationskern einer grossen antiliberalen 
Partei werden könnte. Füi-st Bismarck argwöhnte, von liberaler Seite hierin irregeführt, ohne 
Grund, dass die neue Partei bestimmt wäre, ihm beim Ausbau des neuen deutschen Reiches Schwie- 
rigkeiten in den Weg zu legen. Von beiden Seiten wurde die neue Partei als „Katholikeupartei" 
und als „reichsfeindlich" ausgeschrieen, um ihre Verstärkung aus protestantischen Kreisen zu 
hintertreiben. Das Mittel hatte Erfolg; ob zum Nutzen des deutschen Reiches und Volkes, wird 
heute schon weiteren Kreisen fraglich sein, die sich früher in der Hitze des Kulturkampfes 
täuschen Hessen. Auf der anderen Seite Hessen die katholischen Polen sich nicht bewegen, zum 
Zentrum zu treten. Sie bildeten, wie früher schon im preussischen Abgeordnetenhause, auch im 
neuen Reichstag eine nationalistische Fraktion. Selbst die katholischen Elsässer und Lothringer 
hielten sich lange ferne. Erst das folgende Jahrhundert begann hierin eine Wandhmg anzubahnen. 

Dagegen hatten die Bemühungen, Angehörige aller deutschen Stämme und aller Berufs- 
stände in der Fraktion zu vereinigen, allmählich vollen Erfolg. So wurde das Zentrum eine wahre 
deutsche Volkspartei, welche in voller Unabhängigkeit für die Interessen des Volkes eintritt, so 
wie sie diese versteht. Wie nach Lage der Dinge im Deutschen Reiche eine Parteiregierung un- 
möghch ist, sondern jede Regierung über den Parteien stehen muss, so sind auch ausgesprochene 
Regierungsparteien unnötig und vielleicht sogar vom Übel. Der Unabhängigkeit dei Regierung 
muss die Unabhängigkeit der Parteien cntspi ecken, und dieser Erkenntnis folgend, hat die Zentrums- 
partei stets sich als völlig unabhängige Volkspartei gefühlt und geführt. 

Doch ^vurde sie zunächst durch den sofort ausbrechenden Kulturkampf zu schärfster Oppo- 
sition sowohl im preussischen Abgeordnetenhaus wie im deutschen Reichstag gedrängt. Es gelang 
dem Zentrum in diesem Kampfe nicht ganz, die Rechtsstellung der katholischen Kirche zu retten; 
doch kam es schliessHch zu einem erträgüchen modus vivendi, nachdem die Reichstagsauflösung von 
1887 nur vorübergehend zur Schwächung seiner parlamentarischen Stellung, gar nicht zur Schwä- 
chung seines Bestandes geführt hatte. Ursprünglich isoliert, gewann die Partei seit der neuen Wirt- 
schaftspohtik des Fürsten Bismarck (Zolltarif von 1879) Fühlung mit der rechten Seite beider Par- 
lamente und konnte beginnen, in positiv schaffendem Sinne für ihre Programmforderungen einzu- 
treten. In der Periode der Arbeiterversicherung (kaiserliche Botschaft vom 17. November 1880) 
wurde sie die Hauptstütze der Sozialpolitik im Reiche. Mit dem Regierungsantritt des Kaisers 
Wilhelm II. (Februareiluh-se vuu 1S90) giiangte die von ihr stets verfolgte Arbeiterschutzpolitik 
zum Siege. Früher miHtärischen Neuforderungen gegenüber als Nachwirkung der liberalen 



24 Carl Bachein, Zentnuuspartei. 



Vergangenlieit der Mehrzahl ihrer Mitglieder ablehnend oder zurückhaltend, gelangte 
sie m den letzten Lebensjahren Windthorsts (gest. 14. März 1891) auch in diesen zu posi- 
tiver Mitarbeit. Die Auflösung des Reichstages von 1893 konüte das Zentrum nur vorübergehend 
aus dieser Stellung verdrängen. Im Abgeordnetenhause war das Zentrum nicht zu gleicher parla- 
mentarischer Stellung, wohl aber seit der Jliquel'schen Steuerreform (Einkommen- und Gewerbe- 
steuergesetz von 1891, Kommunalabgabengesetz von 1893) zu gleicher positiver Blitarbeit gelangt. 
Unter Windthorsts Nachfolger, dem Abg. Dr. Lieber wurde diese in fruchtbarster Weise ausgedehnt 
bei der neuen Handelsvertragspohtik (seit 1891), bei Erlass des BürgerUchen Gesetzbuchs und bei 
Schaffung einer deutschen Flotte. In weitem Masse war damals das Zentrum der „ehrliche Makler" 
zwischen'der rechten und linken Seite des Hauses, um eine möglichst grosse Mehrheit auf einer 
gangbaren Mittellinie zu vereinigen. Da es selbst sich aus Mitgliedern der sämtlichen Stämme, 
Stände, Berufskreise und sozialen Klassen des Volkes zusammensetzt, zugleich auch aus An- 
hängern mannigfach verschiedener politischen Richtungen und wirtschaftlichen Besticbuugeu, 
welche aber alle das Bestreben haben, im Sinne des Zentrumsgedankens auf einem alle be- 
rechtigten Interessen beiücksichtigenden Boden eines billigen Ausgleichs sich zu einigen, so 
ergab in gar vielen Fällen die Haltung der Fraktion von vorne herein schon eine Politik, 
welche nach rechts wie nach linlcs zum Anschluss geeignet war und eine Verständigung zwischen 
den liberalen und konservativen Parteien ermöglichte. Dabei gewann es bei einer äusserlichen 
Betrachtung allerdings auch manchmal den Anschein, als ob das Zentrum , .herrsche", während 
der Erfolg seiner Pohtik lediglich eine gegebene Folge der bestehenden Fraktionsveihältnisse 
war. Nach Liebers Tode (31. März 1902) wurde diese Pohtik positiver Mitarbeit auf 
allen Gebieten im Reichstag unter Führung der Abgg. Dr. Spahn und Freiherr von Heitling 
fortgesetzt. Der neue Zolltarif von 1902 und die Neugestaltung der Arbeiter- Versicherungs- Gesetz- 
gebung fanden seine nachdrückliche Unterstützung. Entsprechend war die Haltung des Zentrums 
im preussischen Abgeordnetenhause unter Fühnmg des Abgeordneten Dr. Forsch. Durch die 
Reichstagsauflösung vom 13. Dezember 1906 nochmals in die Opposition gedi-ängt, hess sich das 
Zentrum alsbald wieder zu positiver Mitarbeit bereit finden, als die Notwendigkeit der Sanierung 
der Finanzen des Reiches dies erforderte. Neuerdings bewährte es seine positiv schaffende Tendenz 
bei Verabschiedung einer Verfassung für Elsass-Lothringen und der Reichsvcrsicherimgsordnung, 
welche die gesamte Arbeiter- Versichornngs-Gosetzgebung nochmals umgestaltete, dann vereinheit- 
lichte und kodifizierte, endUch bei der Mihtärvorlage und der Finanzgestaltimg (Wehrbeitrag 
und neue Steuern; von 1913. 

Die Stellung und Bewertung des Zentrums leidet in manchen Kreisen dauernd unter der Tat- 
sache, dass Partei und Fraktion fast ausschliesslich aus Kathohken bestehen. Für die objektive 
politische Würdigung seiner Natur und die gerechte historische Beurteilung seiner Tätigkeit ist 
es unzulässig, diesen Gesichtspunkt in den Vordergrund zu schieben. Die öffentHche Sleinuug ist 
eben in Deutschland noch nicht dahin gelangt, dem Zentrum gegenüber das Verhältnis von Rehgiou 
und Politik richtig zu würdigen und einer poütischen Auffassung ohne Einfluss konfessioneller 
Vorurteile zugänghch zu sein. Der Gedanke der verfassxmgsmäs.sigen Parität zwischen Katholiken 
und Protestanten ist noch keineswegs in allen Schichten des deutschen Volks zu vollem Ver- 
ständnis durchgedrungen. Hält man politische und konfessionelle Gesichtspunkte in richtigem 
Verhältnis und betrachtet man die politische Haltung des Zentrums ohne Rücksicht auf das reli- 
giöse Bekenntnis der übergrossen Mehrzahl seiner Mitglieder, so wird eine nüchterne Geschichts- 
betrachtung dazu kommen, anzuerkennen, dass das Zentrum nach seiner Natiu: und Geschichte 
die gegebene Mittelpartei ist, um zwischen den Gegensätzen von rechts und links zu vermitteln 
und namentlich in wirtschaftlichen und .sozialen Fragen eine gangbare Verständigung durchzuführen. 
Zu dieser Rolle wird das Zentrum durch sein Programm ebenso augeleitet, wie durch die Zusammen- 
setzung seines Mitgliederbestandes. Soll das Zentrum diese Rolle zum Heil von Staat und Kirche 
fortführen, so ist allerdings eine Abmilderung der konfessionellen Spannung nötig, welche zurzeit 
besteht und nicht ohne künstliche Mittel unterhalten wiid. Ob noch in weiterem Umfange eine Ver- 
einigimg protestantischer Elemente, welche politisch auf dem Boden des Zentrums stehen, mit 
diesem zu erhoffen bleibt, steht dahin. 



33. Abschnitt. 



Nationalliberale. 

Von 

Ernst Bassermann, M. d. R., 

Rechtsanwalt in Mannheim. 

Llteratnr: 

Mitteilungen für die Vertrauensmänner der nathb. Partei. Verlagsbuchhandlung d. nathb. 
Partei Berlin W. 9; — Programmatische Kundgebungen der natlib. Partei 1866—1009, Verlag 
ebendort, 1909 ; — PolitischesHandbuch der natlib. Partei, 1907, Verlag ebendort; — 1. Nach- 
trag 1910 z. vor., 1910. — Onken: Bennigsen; Dr. Böttcher: Stephan!, Leben und Wirken in 
der natl. Partei. 

Im Jahre 1866 entstand die nationalliberale Partei. 

Im preussischen Abgeordnetenhause bildete sich als Ausdiuck der Stinunmig eines Teils der 
preussischen Fortschrittspartei nach dem Siege über Oesterreich im November 1866 die „Neue 
Fraktion der nationalen Partei". Als aber der konstituierende Reichstag des norddeutschen Bundes 
auf Grund des allgemeinen gleichen geheimen und direkten Wahlrechts am 12. Februar 1867 gewählt 
war, da erstand die Fi'aktion der nationalliberalen Partei des norddeutschen Reichstags am 20. Fe- 
bruar 1867 und Rudolf von Bemiigsen wm'de ihr Vorsitzender. Ihre Entstehxmgsgeschichte blieb 
massgebend für Wesen und Ziele der Partei. In den Kämpfen um die nationale Wiedergeburt Deutsch- 
lands, wie sie sich in dem Werdegang des Nationalverems und seines Vorkämpfers von Bennigsen 
verkörpern, in dem heissen Ringen Preussens um die Vormacht in Deutschland, unter dem Donner 
der Kanonen von Königgrätz ist der nationalliberale Gedanke geboren und diejenigen, die ihm die 
Form gaben, waren liberale Männer, die ihr Leben in den Dienst liberaler Weltanschauung gestellt 
hatten. 

Die Zeit bis zum Ende der 70er Jahre war die Glanzzeit der Partei. Als stärkste Partei des 
Reichstages drückte sie der Gesetzgebung ihren Stempel auf und wie sie die Partei der Reichs- 
gründung war, so war sie es auch, unter deren hervorragenden Mitwirkimg Bismarck den Ausbau 
des Reichs im Inneren vollendete. Als die grossen Erinnerungen in den Hintergrmid traten, als 
sich die wirtschaftUche Lage Deutschlands gegen das Ende der 70er Jahre verschlechterte, da 
traten erstmals Schwierigkeiten in der nationalliberaleu Partei hervor. Der Kampf um Schutzzoll 
imd Freihandel begann, wühlte die Nation auf und in seinem Gefolge trennten sich die schutz- 
zöllnerische Gruppe Völk-Schauss und die Freihändler imter Bamberger \md Stauffenberg von 
der NationalUberalen Partei, deren Machtstellung dadmxh gebrochen wurde. Für den Liberalismus 
kamen schwere Zeiten, immer stärker befehdeten sich die Liberalen verschiedener Schattienmg 
untereinander mid legten damit den Grund zur Ohnmacht des Liberalismus. 

Mit der Waffe der wirtschaftlichen Interessen war 1879 mid 1880 die nationaUiberale Partei 
auseinandergeschlagen worden, und lange wirkten die Kämpfe zwischen Schutzzöllnern imd Frei- 
händlern nach und erschütterten das Parteigefüge. 

So waren die nächsten Jahre bis 1884 ausgefüllt mit Auseinandersetzungen imierhalb der 
Partei und die Wahlresultate entsprachen diesem Hader. Die Partei, die einst 152 Abgeordnete 



o 



2g Ernst Basseiniianii, Natioualliberale. 

zählte, sank 1881 auf 47 Mandate und die Zahl der nationalliberalen Wählerstimmen ging von 
1878 auf 1881 auf die Hälfte zurück. lu dieser Not der Partei, die noch vergrössert wurde, als sich 
1883 Beimigsen aus dem poHtischen Leben zmückzog, erwachte der feste Wille, dem Hader in den 
eignen Eeiheu ein Ende zu bereiten. Es entstand die Heidelberger Erklärung als em Bekenntnis 
zur Bismarck'schen Sozialreform, die damals nicht vom Flecke rücken wollte, als ein Appell, die 
Zollfrage als zmiächst erledigt von der Tagesordnung der nächsten Jahre abzusetzen. Auf dem 
Parteitag des Jahres 1884 erschien Bennigsen. Der Berüner Parteitag stimmte der Heidelberger 
Erklänmg zu und betonte die Selbständigkeit der Partei. Diese Entwickelmig des Jahi-es 1884 
war eine Notwendigkeit, wenn die Partei nicht der Auflösung verfallen sollte, .\ugesichts der Be- 
deutmig, die heute mehr wie zuvor dem Heidelberger Progranmi beigelegt wird, seien einige weitere 
Ausführungen gestattet. Miquel war der Vater cler Heidelberger Bewegung, er war auch ihr be- 
rufener Interpret. Auf dem Neustädter Parteitag am 14. April 1881 führt er aus: Die Heidelberger 
Erklärung ist keui Zukunftsprogi-amm. Sie beschränkt sich verständigerweise — und das sollten 
alle poUtischen Programme tun — auf eine bestimmte Stellungnahme zu den brennenden poü- 
tischen und sozialen Tagesfragen von heute. Die Heidelberger Erklärmig ist keine süddeutsche 
separatistische Parteiauffassung, sie steht voll und ganz auf dem Boden des Programms der natioi\al- 
liberalen Partei des Jahres 1881 und schUesst sich in allen Punkten an dasselbe an. Aber sie nimmt 
zu den in der Zwischenzeit schärfer und bestimmter hervorgetretenen Fi-agen naturgemäss auch 
bestimmtere und deutlichere Stellmig. 

Miquel sprach sich in derselben Rede über Parlament und Stimmi-echt aus; er sagt: 
,, Unter allen Umständen halten wir eine kr-äftige Mitwirkung des deutschen Volks und 
eine unangefochtene Stellung des deutschen Parlamentes nicht bloss zur Sicherung der Freiheit 
sondern vor allem der Einheit für unerlässlich. Ein vmabhängiges Parlament, ein würdevolles 
Parlament haben Sie deki-etiert durch das allgemeine Stimmreclit. In nnsern heutigen wirtschaft- 
liclien Verhältnissen bei der Abhängigkeit so vieler von anderen ist es eine Fälschung des Wahl- 
rechts, das geheime Stimmrecht anzugreifen. Wir wollen dasselbe verteidigen wie alle übrigen 
Rechte und Privilegien des deutschen Parlaments." 

Er verwies auf die schwieriger gewordene Lage der deutschen Landwirtschaft, aus der sich 
die Berechtigung der Agrarzölle ergebe und präzisierte den Inhalt des Heidelberger Programms 
in einem Brief an Bennigsen vom 5. Mai 1884, in welchem er schreibt, dass die nationalliberale 
Partei nach we vor Uberale Gesetzgebung rmd Entwicklung verlange, dass dieselbe aber die Sozial- 
politik des Fürsten Bismarck unterstützen wolle. Dieser Punkt sei das Entscheidende, auf ihn lege 
man in Süddcutsehland das grö.sste Gewicht, daran hefte sich die zukünftige Politik vor- 
zugsweise. 

Die Tatsache, dass die beiden führenden Geister B e n n i g s e n und M i ij u e 1 sich wiederum 
au die Spitze einer aktiven Politik der Partei gestellt hatten, gab den Parteigenossen im Lande neuen 
Mut und so ging man mit Zuversicht in die Wahl des Jahres 1884, die freilich die alte Wählerzahl 
des Jahres 1878 nicht zurückbrachte, sondern um 300 000 Stimmen hinter derselben zm'ückbheb, 
die auch die Zaiilder Mandate nur um 6 ■— von 45 auf 51 — erhöhte, die aber immerhin erwies, dass 
einem weiteicn Rückgang der Partei Einhalt geboten war. Das Jahr 1887 brachte die grosse Frage 
der Heeresverstärkung, damit die Belebung des nationalen Gedankens im Volke, den Abschluss 
des Kartells zwischen Nationalliberalen und Konservativen und als Erfolg der zugln-äftigen Parole 
für die Nationalliberalen ein Anwachsen ihrer Stimmen auf 1700 000 mit 99 Mandaten. 
Es waren hochgemute Zeiten, die leider nicht lange anhielten. Die bewilligten neuen Steuern, 
die Verlängerung der Legi.slaturperiode von 3 auf 5 Jahre brachten der Partei manche 
ungerechtfertigte Kritik ein und die Erneuerung des Kartells im Jahre 1890 war, da nationale 
Fragen nicht zur Disku.'ision standen, eine verkehrte Massnahme und wurde durch die Wahlen als 
ein Fehler erwiesen, indem die Stimmenzahl um 000 000 zurückging und die Mandate sich von 99 
auf 42 verminderten. Man befürchtete in manclien Wälderkreisen eine Gefährdung von Volksrechteu 
durch diese erneute Verbindung mit den Konservativen und wandte sich so von den Nationallibe- 
ralen üb, obwohl diese nicht willens waren, eine rückschrittliche Politik zu treiben. 



Ernst Bassennann, NatioiialUborale. 27 

Die nun folgenden 20 Jahre haben dem Parteilebeu als solchem mid den liberalen Parteien 
insbesondere manche neue Schwierigkeiten gebracht. Die immer mehr zimehmende Organisation 
der Stände imd Berufsklassen erzeugte neue Probleme auch für die Parteien. 

Hunderttausende, später Millionen deutscher Ai'beiter suchten leider ihre Vertretung in der 
Sozialdemokratie \md gingen dem Liberalismus verloren. 

In den Zeiten der Notlage deutscher Landwirtschaft entstand der Bund der Landwirte, 
dem es gelang, der nationalliberalen Partei viele Wähler abwendig zu machen. Diese beiden Klassen- 
organisationen stellten ihre Klassenforderungen mit einer solchen Entschiedenheit in den Vorder- 
grimd, dass darunter die Politik des allgemeinen Wohles imd des Ausgleiches unter den Bevölkerungs- 
klassen notleiden musste. 

Unsere Partei ist in diesen 20 Jahren sich selbst treu geblieben. Dabei hat sie eine Menge 
neuer Aufgaben und Ziele in ihr Programm aufnehmen müssen und hat mit Eifer imd Gewissen- 
haftigkeit diese ueugestellten Aufgaben zu lösen gesucht. 

So hat sie der Not der Landwirtschaft ihre volle Aufmerksamkeit gewidmet und im -Reichs- 
tag und in den einzelnen Landtagen überall mitgeholfen, wo es galt, die Produktionsbedingungeu 
der Landwii'tschaft zu verbessern. Sie hat dies insbesondere bei dem Zolltarif des Jahres 1902 
bewiesen, als sie unbekümmert um manche Schwierigkeiten im eigenen Lager, im Kampf gegen die 
Führung des Bundes der Landwirte und deren überspannte Forderungen, und gegen eine wüste 
Obstruktion der Soziaide moki'atie den Ausschlag für die höheren landwü'tschaftlichen Zölle gab, 
die überdies als Minimalzölle im Zolltarif festgelegt wurden. Dieses und die ihm folgenden Handels- 
verträge haben, wie selbst von agrarischer Seite später zugegeben werden musste, die Produktions- 
bedmgungen der deutschen Landwh'tschaft gehoben und einer gedeihlichen Entwickelmig den Weg 
gebreitet. Auch in der Frage des Schutzes der deutschen Viehzucht gegen die Einschleppung von 
Seuchen ist die Partei unbekümmert um manche Gegenströmmigen der Landwirtschaft zu Diensten 
gewesen. So stand sie auch der Gründung des deutschen Bauembimdes, der gegenüber den gross- 
agrarischen Interessen sich des kleinen und mittleren Bauernstandes annimmt, sympathisch gegen- 
über. 

Die Mittelstandsfragen wurden in weitem Umfange in den Kreis der Parteibestrebungen 
gezogen, wobei weite Teile des deutschen Mittelstandes mit ihrem sachverständigen Rate halfen ; 
die Handwerker-Organisation, die Gesetze über den luilauteren Wettbewerb, der Bauhandwerker- 
schutz und viele andere Gesetze geben hiervon Zeugnis. Freilich musste die Partei allen Bestre- 
bimgen Widerstand leisten, die vermeinten, durch Belebung mittelalterlichen Geistes dem Handwerk 
helfen zu können und den Kampf aufnehmen gegen Bestrebungen, die dem Handwerk nichts nützen 
konnten, sondern mangels freier Bewegimg es erdrosseln mussten. 

Auch die soziale Reform, die ja nimmer ein Ende finden kann, sondern sich Hand u Hand 
mit der Entwicklung der Industrie immer neuen Problemen zuwenden muss, wurde eifrig gepflegt 
und das Endziel, die missleiteten Arbeiter dem monarchischen Staat zurückzugewinnen und sie 
zu heilen von ihren undiu'chführbaren Utopien und dem Kinderglauben an den Zukunftsstaat, 
wurde stets im Auge behalten und in eifriger Mitarbeit gepflegt. 

Die beiden grossen Ziele der Partei aber: Pflege der nationalen Aufgaben und Erfüllimg 
des Volkes mit liberalem Geiste stehen nach wie vor im Vordergrmid der Bestrebmigen der national- 
liberalen Partei. So hat sie in den vordersten Reihen gekämpft fiii- den Ausbau imseres Heeres, die 
Schaffimg einer deutschen Flotte und die Entwickelung der deutschen Kolonialpolitik. Freihch 
eine unsoziale Reichsfinanzi-eform, die der Sozialdemokratie neues Wasser auf ihre Mühlen brachte, 
vermochte die Partei nicht mitzumachen und fand darin auch die einmütige Billigung ihrer Partei- 
tage in Berlin 1909 und Kassel 1910. Nicht jede Vermehrimg der Mittel des Reichs ist eine nationale 
Tat, sondern nur eine solche Reform, welche gerecht ist und nicht das Vertrauen des Volkes so sehr 
erschüttert, wie dies bei der Finanzreform des Jahres 1909 der Fall war. 

Wie sehr diese Gedanken selbstloser von Parteivorteilen und Interesseufragen nicht beein- 
flusster Sorge für eine starke Wehr unseres Vaterlandes Gemeingut der Nation geworden sind, 



28 Ernst Bassermann, Natioualliberale. 



beweist die mit überwältigender Mehrheit erfolgte Annahme der Heeresvorlage 1913, in ihr nähern 
wir uns der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht, die uationalliberale Partei hat sich in 
eifriger Vorarbeit in Presse, Vereinen und Versammlungen für die Verwirklichimg dieser Schai-n- 
horstischen Gedanken eingesetzt und den Boden für die Annahme der Vorlage bereitet. 

Unerschüttert hält die Partei das liberale Banner hoch mid bewahrt das Vermächtnis Rudolf 
V. Bennigsens. Die entschiedene Aufrechterhaltimg des liberalen Charakters der nationalliberalen 
Partei ist Bedingmig ihrer Fortexistenz imd daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass 
zeitweilig dmch starke Klassenbewegmigen die Aussichten des Liberalismus sich verschlechteDi . 

Die KonsoUdiermig der deutschen inneren Verhältnisse in nationalem Sinne musste die 
nationalUberale Partei, die das nationale Moment immer in den Vordergrmid gerückt hatte, mit 
Genugtuung erfüllen. Ihr nationales Programm wurde von anderen bürgerlichen Parteien, d!e früher 
einen negativen Staudpunkt eingenommen hatten, aufgenommen, es wurde nahezu politisches 
Gemeingut. Seit dem Jahre 1893 ist ein Konflikt zwischen Reichstag imd Regierung wegen Heeres- 
verstärkungen nicht mehr eingetreten. Man hat sich über das Notwendigste verständigt, wenn auch 
die Regierung manche militärische Forderung, deren Erfüllung wünschenswert gewesen wäre, unter 
dem Druck des Zentrumseinflusses zurückstellen musste. Wie sehr der nationale Gedanke im Marsche 
war, erwies die Entwickehing der deutschen Flottenpolitik und die Tatsache, dass die Flotten- 
gesetze von allen bürgerlichen Parteien gegen die SozialdemokTatie beschlcssen werden konnten. 
Mehr als je zuvor ist heute die Bedeutung dieses Machtmittels der auswärtigen Politik auch dem 
Kurzsichtigsten vor Augen gerückt und jedes Jahr der offenen und latenten Kämpfe der Welt- 
mächte untereinander erweist die Richtigkeit unseres Programms: Pflichtbewusstsein und Opfer- 
willigkeit, wo Macht und Ansehen des Reichs in Frage stehen. Mit dieser Entwickelung anderer 
Parteien, die einst in der Opposition standen, zur Erkenntnis der Bedeutung nationaler Forde- 
rungen entfällt für den Wahlkampf manches patriotische Moment, welches früher der national- 
liberalen Partei wirksam zugute gekommen war; das Zentrum aber — einst unter Windthorst's 
Fülirung eine Oppo itionspartei — wandelte sich in der Überzeugung, auf diese Weise am besten 
seine politischen Geschäfte zu machen zu einer Regierungspartei und Hess die patriotischen Töne 
auch im Wahlkampf mächtig anklingen. 

Wir müssen eine Entwickelung, die dem Deutschtum mid seiner Kiaft nur nützen kann, 
um so freudiger begi-üssen, als sie auch den alten Streitigkeiten, die den Liberalismus gerade auf 
diesem Gebiet zerfleischt hatten, ein Ende machte. Freilich, wie schnell oft von einem Tag zum 
anderen Wandlungen eintreten können, hat das Jahr 1906 mit seiner Reichstagsauflösimg gezeigt; 
in dem Augenblick, in dem das Zentrum in Dernbiug den Gegner erkannte und seinen Einfluss im 
Kolonialamt schwinden sah, bekam der oppositionelle Flügel Oberwasser und trieb zum Konflikt 
und dies in einer Zeit, in der unsen' Truppen unter den .schwierigsten Verhältnissen in Afrika im 
Felde standen. 

So wird auch die nationaUiberale Partei künftighin auf dem Posten sein müssen, zumal 
sich bei der Militärvorlage des Jahres 1911 eine starke Nachgiebigkeit der Regierimg gegenüber 
dem Zentrum trotz seiner ungenügenden Reichsfinanzreform gezeigt hat und sie wird auch auf 
der Hut sein müssen, dass wir nicht durch eine schwächliche Politik in der Flottenfrage wiederum 
ins Hintertreffen kommen und das mühsam EiTeichte gefährden. 

Auch in der Ostmark will es uns dünken, als wenn die Bismarck-Bülow'sche Politik nicht 
mehr zielbewusst fortgeführt werden soll, dass man vielmehr geneigt ist, abzubröckeln, teils um 
dem Zentrum entgegenzukommen, dann aber auch wegen der Gro.ssagrarier, die einer Ansiedelung 
selbständiger kleiner und mittlerer Bauern, die sich konservativem Einfluss entziehen, mit .scheelen 
Augen zusehen. Nicht ungestraft verwandelt sich in all diesen Fragen die konservative Partei in 
eine Agrarpartci, die sich demZentrum verbündet und damit auch geneigt ist, den politischen Forde- 
rungen des Zentrums Rechnung zu tragen. Die nationalliberale Partei ist bei den wachsenden 
Schwierigkeiten mehr wie je zuvor überzeugt, dass eine feste Hand in der auswärtigen Politik, die 
leider nur zu oft .seit Bismareks .4bgang vermiest werden musste, not tut in einer Zeit, m der die 



Ernst Basse t'maiin, NiitioiiiiUiberale. 29 



weltwirtschaftlichen Probleme in ungeahnter Weise sich m den Vordergrund drängen, in der der 
Kampf ura die überseeischen Märkte Lebenselement eines kraftvollen vorwärts drängenden und, 
wie sich in der Volksvermchrung zeigt, gesunden Volkes geworden ist und der Sieg in diesem Kampfe 
Lebensbedingung wird. Zu den Werkzeugen einer erfolgreichen auswärtigen Politik gehört vor allem 
eine tüchtige und modernen Ansprüchen genügende Diplomatie; hier ist vieles reformbedürftig und 
gerade die nationalliberale Partei hat diese Reformbedürfnisse immer wieder betont. Eine ziel- 
bewusste Politik wird dann vor allem sieghaft sein, wenn sie ihre Stärke findet in dem Verständnis 
eines politisch reifen Volkes, dem die Erkenntnis der Notwendigkeit staatlicher Macht in Fleisch 
und Blut übergegangen ist. Die nationalliberale Partei wird ihrer Vergangenheit entsprechend diese 
grossen nationalen Fragen immer in den Vordergrund stellen. 

Was niui die liberale Seite des Programms anbelangt, so wird die nationalliberale Partei 
auch hier ihrer Tradition treu bleiben. 

Als die Fortschrittspartei gegen die Indemnität, die dem Heeres- und VerfassungskonfUkt 
nach dem glücklichen Kriege des Jahres 1866 ein Ende machen sollte, ankämpfte, da konstituierte 
sich auf Grund einer von Lasker cntworfeiien Erklärung am 17. November 1866 die neue Fraktion 
dei? nationaHiberaleu Partei im preussischen Abgeordnetenhause mit 19 Mitgliedern, und am 28. Fe- 
bruar 1867, dem Tage vor der Eröffnung des konstituierenden Reichstags des Norddeutschen Bundes 
bildete sich mit 79 Mitgliedern die Fraktion der nationalliberalen Partei unter Rudolf von Bennigsen. 
Rudolf von Bennigsen hat die Partei eingedenk ihres Ursprungs in liberalem Geiste durch die Jahr- 
zehnte .seiner segensreichen Tätigkeit geführt. 

Als Bennigsen 1883 den Parlamenten den Rücken wandte, als Kreuzzeitung und ultra- 
montane Presse jubelten, dass ein Politiker ausschied, der ihnen von Anfang an gefährlicher er- 
.schienen war, als die bürgerlichen Radikalen, da war der Grund dieses Ausscheidens nicht zum 
letzten die tiefe Verstimmung über die Streitigkeiten der liberalen Parteien untereinander, welche 
den Liberalismus zur Bedeutimgslosigkeit herabsinken Hessen. 

Wie Böttcher mitteilt, der diese Periode mit erlebt hat, trat Beimigsen zurück, weil er .sich 
überzeugt hatte, dass der Fraktionsgeist insbesondere auf der Linken zu stark überwuchere, um 
einen gemeinsamen Boden positiven Schaffens zu ermöglichen, imd weil er auch die Möghchkeit 
einer vermittelnden Tätigkeit zwischen Regierung und Volksvertretung derzeit nicht sah. 

1887 trat Bennigsen wieder in den Reichstag ein. Der Kampf war, nachdem das Hochgefühl 
des Septenatswahlkampfes verflogen war, nicht leichter für den liberalen Führer geworden. 

Als die wirtschaftUchen Fragen eine immer grössere Bedeutung gewannen und die AgTar- 
Konservativen mit dem Antrag Kanitz ihre Zeit für gekommen erachteten, da war es Bennigsen, 
der in der schärfsten Weise gegen die Gemeingefährlichkeit dieser Forderung auftrat imd zur- Um- 
kehr von einer wüsten Agitation mahnte; er rief auf zum Kampf gegen eine Hand voll Fanatiker, 
die in einer solch gefährlichen Weise die Agitation für die Landwirtschaft betrieben. 

Als durch Zentrum und Konservative bei der Umsturzvorlage des Jahres 1895 die Freiheit 
der Wissenschaft und Kunst bedroht war, da war es wiederum Rudolf von Bennigsen, der im Reichs- 
tag den Kampf gegen den schwarzblauen Block aufnahm und aussprach, dass es eine absolute 
Forderung der Wissenschaft und ihrer notwendigen Freiheit ist, dass sie voraussetzungslos in der 
Erforschimg der Wahrheit ihre Arbeiten vollziehe und er forderte auf, die Versuche, einen Eingriff 
in diese freie voraussetzungslose Wissenschaft zu machen, abzuschlagen. 

Als Frh. V. Stumm das allgemeine Wahlrecht scharf angriff, da sprach Rudolf von Beimigsen 
folgende Worte aus: 

,,Wie soll die Entziehung des Wahlrechts möglich sein in Deutschland, wo wir die 
allgemeine Wehrpflicht besitzen, wo der Masse der Bevölkerung eine so erhebliche Ver- 
pflichtung auferlegt ist ? Wir befinden uns nicht in einem aristokratischen Staate, wo 
der Adel und die Besitzenden allein das Heer ausrüsten, nein, auch die übrigen Massen 
sind zum Waffendienst verpflichtet und erzogen. Der Versuch, diesen das Wahlrecht zu 



30 Ernst Basserrnann, Nationalliberale. 

^ - 

entziehen, würde eine Zerstörung unserer ganzen jetzigen politischen Organisation sein 
und würde wahrscheinlich zur Diuchführung ein so straffes iVnziehen der Zügel verlangen, 
dass dabei noch andere Güter der Freiheit und Kultur verloren gehen könnten, die nicht 
allein die Sozialdemolcratie angehen." 

Bei dem Zedlitz'schen Volksschulgesetzentwurf redete der Führer der nationalliberalen 
Partei der Einigung der liberalen Parteien das Wort. Er beklagte, dass es denselben nicht ge- 
lungen sei, sich über wirtschaftliche Streitigkeiten wenigstens soweit zu verständigen, dass sie dieses 
Gebiet füi- neutral erklären, um im übrigen den gemeinsamen politischen Boden aufrecht erhalten 
zu können. Er sprach folgende Worte: 

„Es könnten Verhältnisse eintreten in unserer inneren Entwicklung, die es wün- 
schenswert, ja vielleicht notwendig machen werden, dass sich jetzt bekämpfende liberale 
Gruppen und Männer einander wieder nähertreten aus Gründen gemeinsamer Kämpfe, 
welche nicht auf materiellem Boden liegen, sondern auf anderen Gebieten, wo es sich um 
ideale Güter, nicht um materielle Intere.ssen handelt. Es wüi'de das nach meiner Jleinung, 
der ich selbst stets liberal gewesen bin und bleiben will, für die weiteie Entwickelung nur 
förderlich sein. Das liberale Bürgertum in Stadt und Land, die liberalen Anschauungen 
liabcn einen Einspruch auf grössere Geltung, als sie zurzeit besitzen," 
Worte, die auch für die heutige Zeit ihre Bedeutung haben. 

Wenn je, so ist heute füi- die nationalliberale Partei Anlass und Notwendigkeit vorhanden, 
ihre liberalen Grundsätze zu betonen und zur Durchführung zu bringen. Eine tiefgehende Miss- 
.stimmung geht durch unser Volk. Das Gefühl einer ungerechten Verteilung von Rechten und 
Pflichten, die Erkenntnis, dass Gewerbe und Industrie, Handwerk und Handel nicht genügend 
zur Geltung kommen, dringt in immer weitere Krei.se und fördert die Radikalisienmg unseres 
Volkes. Hier kann die Parte i des gemässigten Liberalismus, wenn sie die berechtigten Forderungen 
des Volkes aufnimmt und vertritt, sich Vertrauen erwerben und den Abmarsch in das radikale Lager 
verhindern. 

Die nationalliberale Partei bekämpft kraft ihres liberalen Charakters jede einseitige Klassen- 
bewegung einerlei, ob diese ihren Niederschlag in der Sozialdemokratie oder anderweit fmdet; sie 
steht im ewigen Kampfe gegen den Ultramontanismus, dessen Weltanschauung dem Liberalismus 
wesensfremd und feindlich ist. Wie in den romanischen Ländern, so wird auch in Deutschland 
unbeschadet manches gemoin.samen Arbeitsgebiets der Kampf zwischen Ultramontanismus und 
Liberalismus bis zum nicht zweifelhaften Siege des letzteren geführt werden müssen. 

In wirtschaftUchen Fragen gab die nationalliberale Partei ihren Mitghedern Meinungs- 
freiheit. Dabei muss festgestellt werden, dass die Uneinigkeit, die zur Zeit der Heidelberger Er- 
klärung durch die Partei ging und sie lähmte, eiuer einheitlichen Gesamtauffassung in wirtschaft- 
lichen Fragen Platz gemacht hat. Ohne Fraktionszwang ist seit dem Kampfe um den Zolltarif 
des Jahres iy02 die Partei in dem Grundsatz des Schutzes der nationalen Arbeit in Industrie, 
Gewerbe, Handel und Landwut.<chaft einig geworden, und wird dieses Wirtschaftsprogramm 
auch bei der kommenden Zolltarif novelle imd künftigen Handelsverträgen zur Geltung bringen. 
Diese Einigkeit erhöht die Stosskraft, wie es andererseits für eine grosse Partei eine Notwendigkeit 
und Selbstverständlichkeit ist, in hochpolitischen Fragen, wie eine solche der Streit um die Erb- 
schaftssteuer, der Kampf um den Block und Bülow war, einig und geschlossen aufzutreten, wenn 
sie nicht der Lächerlichkeit verfallen will. 

Positive staatliche Wirksamkeit war mrd ist eine Wesenseigenschaft der national- 
liberalen Partei, wie dies bei der Verabschiedung des Zolltarifs, neuerdings der elsass- 
lothringi.schcn Verfassungsreform und der Reich.sversicherungsordnung, welche beide Gesetze 
ohne und gegen die nationalliberale Partei nicht zustande kommen konnten, wieder aufs 
neue erwiesen wurde. Dieser positive Charakter der Partei bewahrt sie vor einer Ueber- 
schätzung des takti.schen Momentes in der Politik, während, wie Reich.?finanzrcform und die 
jüngste «o'ienannte Wahlreform in Preussen erweisen, die liberale Weltanschauung davor 



Ernst Bassermann, Natioiialllberale. 



31 



bewahrt, „überall dabei seiu zu müssen", eine Gefahr, der eine Mittelpartei, die sich nicht jederzeit 
ihres liberalen Grundcharakters bewusst ist, unterliegen könnte. 

In dem am 12. Juni 1867 vereinbarten Programm der Partei heisst es: 

,,Die Endziele des Liberalismus sind beständige, aber seine Fordeningen und Wege 

sind noch nicht abgeschlossen vom Leben und erschöpfen sich nicht in festen Formeln. 

Sein innerstes Wesen besteht darin, die Zeichen der Zeit zu beachten und ihre Ansprüche. 

zu befriedigen." 

Wir haben, so sagt Bennigsen, praktische Politik getrieben; eine andere Grundlage für eine 

Partei, welche wirken will, ist undenkbar. Einer Partei, die ihre Prinzipien absolut und in vollstem 

Umfange verwirkliclien will und sich nicht begnügt, das Wesentlichste zur Durchführung und 

.Vnerkennun.u zu bringen, wird es ergehen, wie es den extremen Parteien von links und rechts zu 

allen Zeiten ergangen ist. Die einen suchen ihre Ideale in der Zukunft, die sie nicht erreichen, die 

andern in der Vergangenheit, die sie nie zurückführen. 

In den Ziffern der Eeichstagswahlstatistik bietet sich das folgende Bild der äusseren 
Schicksale der nationalliberalen Partei und der ihr freundschafthch nahe 
gebliebenen Gruppen dar: 





Wählerstimmen 


Abgeordnete 


vom Hundert 




Nationalliberale 


Nationalliberale 


Wahlstinimen 


Abgeordnete 


1871 


1171087 


125 


32,72 


32,72 


1874 


1 542 501 


155 


39,04 


39,04 


1877 


1 459 527 


128 


32,24 


32,24 


1878 


1330 643 


99 


24,94 


24,94 


1881 


746 575 


47 


11,84 


11,84 


1884 


997 03H 


51 


12,85 


12,85 


1887 


1 677 979 


99 


24,94 


24,94 


1890 


1177 081 


42 


10,58 


10,58 


1893 


996 980 


53 


13,35 


13,35 


1898 


971302 


46 


11,58 


11,58 


1903 


1317 401 


51 


12,85 


12,85 


1907 


1 630 581 


54 


i3,t;o 


13,60 


1912 


1 662 670 


45 


11,33 


11,:^3 



Die vorstehenden Ziffern zeigen die Entwicklung der nationalliberalen Partei in Wähler- 
stinamen und Mandaten. 

Erfreulich ist die Tatsache, dass in den Wahlen 1903 und 1907 die Partei jeweils um 300 bis 
400 OOOi Stimmen zugenommen hat. 

Ich schliesse mit Wiedergabe der 1911 neu redigierten Ziele und Bestrebungen 
der n a 1 1 o n'a 1 1 i b e r a 1 e n Partei (Zusammenfassung der Programmkundgebungen 
seit 1881 und der gesetzgeberischen Initiative der Partei in den Parlamenten), ausgegeben 
Februar 1911. 

Nationale und liberale Grundsätze und Forderungen- 
Unverbrüchliche Treue zu Kaiser imd Reich, Fürst und Vaterland! 

Das Vaterland über der Partei, das allgemeine Wohl über alle Sonderinteressen. 

Pflege der errungenen Einheitsgüter der Nation: eine Vertretung nach aussen, ein Heer- 
wesen, eine Kriegsflotte, ein Recht, ein Verkehrsgebiet, gleiche Bedingrmgen für die freie Bewegimg 
und für die freie Arbeit. 

Bei voller Wahrung der verfassimgsmässigen Rechte der Einzelstaaten weitere Entwickehmg 
der Reichseinrichtungen im nationalen und freiheitlichen Geiste. 

PfUchtbewusstsein und rechtzeitige OpferwiUigkeit, wo die Macht und das Ansehen des 
Reiches nach aussen in Frage steht. Aufrechterhaltung der deutschen Wehrkraft, insbesondere 
auch einer achtunggebietenden Flotte znm Schutze des Landes und der überseeischen deutschen 
Interessen. 



32 Ernst Basserinann, Nationalliberale. 



Weitsichtige Fortführung der Kolonialpolitik. Entwickhing der Verkehrsmittel und För- 
derung der privaten Erwerbstätigkeit in den Kolonien. Selbstverwaltung unter Beschränkung 
ihrer Verwaltungskostcn auf die eigenen Einnahmen der Kolonien. 

Schlitz des Deutschtums gegen .\ngriffe jedweder Art. Nachdrückliche Unterstützung der 
deutschen Volksgenossen in den Grenzmarken gegen antideutsche Bestrebungen. 

Festhalten an den verfassungsmässigen Rechten des Volkes und am allgemeinen gleichen, 
geheimen imd direkten Reichstagswahkecht als der Grundlage der einheitlichen Vertretmig des 
Volkes durch den Reichstag. Entschlossene Abwehr aller reaktionären und aller radikalen 
Tendenzen. 

Unabhängigkeit gegenüber der Regierung, unbefangene, sachhche Prüfiuig ihrer Vorlagen. 

Reform des Staatsrechts und des Strafverfahrens. Einheitliche Gestaltrmg und Reform 
des Strafvollzuges. 

Keine Ausnahmegesetze, aber Aufrechterhaltimg der öffentUchen Ordnung und der Achtung 
vor dem Recht; unbedingter Schutz der persönlichen Bewegimgsfreiheit. 

Konstitutionelle Verfassung in allen Einzelstaaten. Reform des preussischen Wahkechts. 
Vereinfachung der Staatsverwaltung. 

Würdigung der grossen Bedeutung des kirchlichen Lebens für unser Volk, Förderung des 
friedlichen Verhältnis.ses der Glaubensgemeinschaften untereinander. Wahrung der Rechte des 
Staates gegenüber der Kirche namentlich auf dem Gebiete der Schule. 

Gesetzliche Regelung der verfassungsmässig gewährleisteten Mitwirkung der Religions- 
gesellschaften am Religionsunterricht, doch so, dass der Staat Herr der Schule, der Lehrer unab- 
hängig von der Geistlichkeit bleibt. Durchführung der Fachschulaufsicht. 

Gleichberechtigung für alle Richtungen innerhalb der evangelischen Kirche. Lehrfrei- 
lieit für die evangelisch-theologischen Fakultäten. 

Erweiterung der Rechte der Frauen in der Gemeinde, insbesondere deren stärkere Heran- 
ziehung zur Mitarbeit in der Armen-, Waisen- und Jugendfürsorge. Anstellung von Schulärztinnen 
lind Polizeiassistentinnen. Verwendung von Frauen für Zwecke der Wohnungsinspektion. 

Finanzwesen und Verkehr. 

Sparsamkeit auf allen Gebieten des Reichs- und Staatshaushalts. Verstärkte Befugnisse 
der Reichsfinanzverwaltung. Gerechtere Verteilung der Steuern neben allgemeiner Heranziehung 
des Besitzes zu den Lasten des Reiches. 

Wirksamere Ausübung der verfassungsmässig verbüi'gten Aufsicht des Reiches über das 
Verkehrswesen, insbesondere im Interesse der Sicherheit des Betriebes im Eisenbahnverkehr. Ver- 
einfachung und Vcrbilligung des Eisenbahnverkehrs durch weitere Ausgestaltung der Betriebs- 
m ittelgemchischaf ten . 

Entwickelung des Neben- und Kleinbahnwesens, weitere Schiffbarmachung und Regulierung 
der Flüsse. Förderung der Luftschiffahrt. 

Sozial-, Handels- und Wirtschaftspolitik. 

Pflege des sozialen Friedens unter den verschiedenen Bevölkerungsklassen. Fürsorge für die 
schutzbedürftigen .schwächeren Glieder des erwerbstätigen Volkes, insbesondere ihre Ausdehnung 
auf den Stand der Privatbcamten und deren Angehörige. 

Schutz der nationalen Arbeit, Festhalten an der bewährten Schutzpolitik. 

vVnregung und Förderung geeigneter Massnahmen zur Erhaltung eines gesunden, Icräftigen 
Mittelstandes in Stadt und Land. 

Besonnene Fortführung der Arbeiterfürsorge im Sinne der kaiserlichen Botschaft vom 
17. November 1881; planmässige Heranziehung der Arbeiter zu nationaler Politik. 

Landwirtschaft. 

Erhaltung des notwendigen Zollschutzes für die heimische Produktion und Unter- 
.stützung aller Massnahmen zur Hebung derselben. Versorgung des inländischen Marktes 



Ernst Bassertnann, Nationalliberale. 53 

durch die einheimische Landwirtschaft, soweit die Voiksernähriing darunter nicht leidet. 
Eeichsgesetzlicher Schutz gegen Verfälschung der wichtigsten landwirtschaftlichen Betriebs- 
stoffe. Hebung des Bauernstandes unter Bildung neuer Stellen im Wege der inneren 
Kolonisation. Beschleunigte staatliche Erschliessung von Moor und Heide und ihre Auf- 
teilung in lebensfähige kleinbäuerliche Betriebe. Angemessene Beteiligung des Bauern- 
standes an der Kreisverwaltung. Massnahmen gegen die Leutenot, insbesondere durch ver- 
mehrte Besiedelung voq Arbeitern auf dem Lande. Gesetzliche Vorsorge gegen das üeber- 
handnehmen des gebundenen Besitzes. Besondere Berücksichtigung des platten Landes beim 
Ausbau des Eisenbahnnetzes und der sonstigen Verkehrseinriclitungen; billige Eisenbahn- 
tarife für Dünge-, Futtermittel, Viehtransport etc. Ausreichende Staatsmittel und geeignete 
Verwaltungsorganisationen für die Landesmelioration, insbesondere für eine rationelle Wasser- 
wirtschaft, für den Wegebau, für das landwirtschaftliche Unterrichts- und Versuchswesen; 
Schutz und Förderung des Obst- und AVeinbaues. Pflege des Genossenschaftswesens, ins- 
besondere für wohlfeilen Personalkredit, zum Bezüge der Betriebsstoffe zur Verarbeitung 
und Verwertung der Erzeugnisse. Sorge für gesunde Entwickelung des Reaikredits. Voller 
Schutz der heimischen Viehbestände gegen Seuchengefahr unter verständiger Handhabung 
der Seuchengesetzgebung. 

Industrie nnd Handel. 

Schutz und Förderung des gesamten deutschen Erwerbslebens. Erhaltung und Er- 
weiterung der Produktionsmöglichkeiten. Anerkennung der Berechtigung einer massvollen 
Schutzzollpolitik. Kraftvolle Vertretung der deutschen Interessen bei Abschluss von Handels- 
verträgen. Schaffung von zureichenden Uebergangsbestimmungen bei Neuregelung handels- 
politischer Verhältnisse. Stärkere Rücksichtnahme auf die weltwirtschaftlichen Interessen des 
deutschen Reiches bei Ausbildung, Auswahl und Tätigkeit der Botschafter, Gesandten und 
Konsularbeamten. Förderung des überseeischen Handels und der deutschen Schiffahrts- 
interessen. Rücksicht auf die internationale Konkurrenz bei Massnahmen der sozialen Gesetz- 
gebung. Keine Einengung der wirtschaftlichen Tätigkeit durch zu weitgehende bürokratisch- 
formelle Auf Sichtsvorschriften. 

Mittelstand. 

Förderung aller Bestrebungen zur Erhaltung und Hebung des Mittelstandes. 

Gerechtere Heranziehung der Konsumvereine, der Fabrik- nnd sonstigen Konsum- 
anstalten, auch der Militär- und Zivilbeamteuvereine zu den staatlichen und Gemeindesteuern. 

Keinerlei Begünstigung der Beamten- und Offiziersvereinigungen durch die Behörden. 

Sachgemässe Abgrenzung des Fabrikbetriebes vom Handwerksbetrieb. Gleichraässige 
Verteilung der Lasten für das Lehrlings- und Fachschulwesen auf alle mitbeteiligten Betriebe. 
Sicherung eines allgemeinen Fortbiidungsunterrichts für beide Geschlechter, unter Zubilligung 
angemessener Beihilfen an die Gemeinden. 

Sicherung einer gediegenen fachlichen Ausbildung der Lehrlinge. 

Reichgesetzliche Regelung der Submissionen. 

Beschäftigung der Insassen von Gefängnissen m landwirtschaftlichen Betrieben und 
soweit nicht durchführbar möglichst nur für den eigenen Bedarf des Staates. 

Aufhebung des § 100 q der Gewerbeordnung, nach welchem Zwangsinnungen verboten 
ist, Mindestpreise für ihre Mitglieder festzusetzen. 

Stärkere Berücksichtigung der Handwerker bei Lieferungen an Reich und Staat. 

Energische Handhabung der Gesetze gegen den unlauteren Wettbewerb und zum 
Schutze des Bauhandwerkes. 

Staatliche Massnahmen zum Schutze und zur Förderung des Heinhandels. 

Beanitenstand. 

a) Schaffung eines einheitlichen den Anschauungen der Zeit entsprechenden Beamtenrechts. 
Insbesondere Durchsicht des Disziplinarverfahrens, Beseitigung der Arreststrafen für 
Unterbeamte, Zulassung der Wiederaufnahme des Verfahrens. 

Handbnch der Politik. II. Inflage. Baml 11. 3 



34 Conrad Haussniann, Der LinkHÜberalismus. 



b) Sicherstellung der staatsbürgerlichen Rechte der Beamten. 

c) Ausgleichung der Härten des Besoldungsgesetzes. 

Geeignete Feststellung und Bemessung der Wohnungsgeldzuschüsse. Sorgfältige 
Einteilung der einzelnen Orte in die Klassen des Tarifs. 

d) Gesetzliche Besserstellung der Altpensionäre und der Hinterbliebenen im Verhältnis 
2U den erhöhten Gehältern. 

Arbeiterstand. 

Weitere Entwicklung der Gewerbeaufsicht unter Heranziehung von weiblichen Fabrik- 
inspektoren. 

Obligatorischer Fortbildungsschulunterricht für Arbeiter beiderlei Geschlechts. 

Auf dem Gebiete der Arbeiterversicherung: Reform der gesamten Arbeiter Versicherung 
und deren Ausdehnung auf die Arbeiter-Witwen und -Waisen. 

Auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes: Planmässige Durchführung der Bestimmungen 
des Gesetzes von 1891, nach Massgabe der Erfahrungen der labrikaufsicht und der 
gesammelten Materialien des Beirats für Arbeiterstatistik. Ausdehnung der Bestimmungen 
des Gesetzes von 1891, auch auf die Hausgewerbebetriebe, auf das Personal im Verkehrs- 
und Binnenschiffalirtsgewerbe usw. 

Schutz für Leben und Gesundheit und Beschränkung der Arbeitszeit für erwachsene 
Arbeiter in nachweislich mit Gefahren für die Gesundheit verbundenen Betrieben. 

Wahrung des Selbstbestimmungsrechts des arbeitswilligen Mannes und Schutz des 
freien Arbeitsvertrages. Massnahmen gegen die Ausbeutung der weiblichen und jugendlichen 
Arbeitskiaft für die Hausindustrie. 

Aufrechterhaltung des Koalitionsrechts. Unterstützung aller Bestrebungen, die durch 
Einrichtung von Arbeitsnachweisen eine zweckmässige Regelung von Angebot und Nachfrage 
auf dem Arbeitsmarkte gewährleisten. 

Pflege der gemeinsamen Interessen durch die gewerblichen Schiedsgerichte, insbesondere 
wenn sie als Einigungsämter in Tätigkeit treten. 

Wohnungsfrage. 

Im Interesse der Volksgesundheit und gegenüber der steigenden Ausgabe für Wohnungs- 
miete ist namentlich für Gross- und Mittelstädte eine kommunale und staatliche Wohnungs- 
fürsorge einzuleiten, insbesondere zum Erwerb und zur Erschliessung von Baugelände, durch 
Ausdehnung des Vorortsverkeiirs, durch Kreditgewährung für gemeinnützigen Wohnungsbau, 
durch Erhaltung der Wälder in der Nähe grosser Städte. 



34. Abscliiiitt. 
Der Linksliboralismiis. 

V..n 

Conrad Haussmann, M. d. H.. 

Kechisanwalt in Stuttgart. 
Literatur : 

L. B r R e r , Der alte Harkort. 4. Aufl. Leipzig; 1902. — A. B e rn .s te i n , Schulze-Delitzsch Lebeu, 
»nd Wirken, Berlin 1879. —Verlag der Frankfurter Zeitung: Geschieht e der Frankfurt er Zeitu ng 1856 bio 
1906 Frnnkfuri a. M. 1900. — Oskar Kl ein-Hatlingcn, Geschichte des deutschon Liberalismus. 2 Bände, 
Berlin- Scbönoberg, 1911 12. — Friedrich Naumann, Demokratie und Kaisertum, Berlin- Schöneberg, 



Conrad Haussmann, Der Linksliberallstnas. 35 

3. Aufl. 1905. Die politis'-hen Parteien, ebendort 3. Aufl. 1910. — Ludolf Parisius, Deutschlands poli- 
tische Parteien und das Ministerium Bismarck, Berlin 1878. — Leopold Freiherr von Hoverbeck, 2 Bände, Berlin I 
(1897) II 1 (1898) II 2 (1900). — Martin Philippson, Fried -ich III. als Kronprinz und Kaiser, Berlin 
1893. Das Leben Kaiser Friedrichs III., 2. Aufl. Wiesbaden 1898. Max von Forckenbeck, Dresden und Leipzig 
1898. — Eugen Richter, Jugenderinnerungen, Berlin 1893. Im alten Reichstag, 2 Bände, Berlin 1894 
und 1896. Politisches ABC-Buch, 10 Jahrgänge, der letzte 1903. — Martin Wenck, Handbuch für liberale 
Politik, Berlin Sohöneberg 1911. — Conrad Haussmann, Das Arbeitsprogramm der Fortschrittlichen 
Volkspartei 2. Aufl., Verlagsanstalt „Deutsche Presse". Berlin 1911. — Leonhard Müller, Badisohe Landtaga- 
geschichte, 4 Bände. Berlin 1900/02. — K. Schraidt-Bu hl. Schwäbische Volksmänner, Vaihingen a/Enz 1907. — 
Der bedeutendste Historiker des Linksliberalismus ist Ludo'f Parisius. Eine fruchtbare Grundlage 
bildet auch die Geschichte des Liberalismus von Oscar Klein Hettingen. Für eine genaue Kenntnis 
der linksliberalen Politik im neuen deutschen Reich ist ein Studium der ABC-Bücher von Eugen Richter, die 
ein umfassendes Material auf verhältnismässig knappem Räume verarbeitet haben, fast unerlässlich. Eine her- 
vorragendste Zeitschrift des entschiedenen Liberalismus von dauerndem Wert ist die von Theodor Barth her- 
ausgegebene Wochenschrift „Die Nation", 24 Jahrgänge, 1883 — 1907. Ferner sind zu nennen die , .Hilfe" von 
Naumann-Berlin im Hilfe- Verlag in die erscheinende Sammlung „Patria", Bücher für Kultur und Fieiheit, 
12. Band 1912 und der ,,März", Wochenschrift früher Halbmonalschrift München 1907 ff. Eine Sammlung von 
Heften „Vorkämpier deutscher Freiheit" erscheint im Verlag des Nationalvereins München, 1910 f. . 

Zeitgeschichtliche Ent^vicklung. 

Der Linksliberalismus, der heute in der Fortschrittlichen Volkspartei als 
parlamentarische Fraktion und als Partei für ganz Deutschland einheitlich organisiert ist, war 
während der ersten 40 Jahre nach Gründung des Reichs durch eine Mehrheit von Parteien mit ver- 
schiedenen Organisationen und verschiedenen Programmen politisch vertreten. Er hat sich mit den 
Parlamenten und in den Parlamenten entwickelt, die von derselben Sinnesrichtung geschaffen sind, 
wie der demokratische Liberalismus selbst. Er hat in den Einzellandtagen Preussens, Badens, 
Württembergs, Bayerns und anderer Länder sich nachdrücklich und zum Teil glänzend best tigt 
und auf das öffentliche Leben Deutschlands schon vor der Gründung des Reichs einen fühlbaren Ein- 
fluss ausgeübt. Aber der Linksliberalismus ist eine für eine kurze Betrachtung erfassbare politische 
Erscheinung und ein einheitlich wirkender Faktor in Deutschland doch erst seit der Existenz des 
Reichsparlaments geworden. Seine Wiege ist die Paulskirche in Frankfurt. Nach Auflösung 
des Frankfurter Parlaments flüchtete er in die Landtage, bis der Reichstag seine Wohnstätte 
ge\vorden ist. Seine Vorgeschichte liegt noch weit über 1848 zurück. Die Ideen des 18. Jahr- 
hunderts, von den führenden Geistern Deutschlands zuerst literarisch aufgenommen und popu- 
larisiert, passten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts ruckweise den in Deutschlands geschicht- 
lichen Verhältnissen wurzelnden Vorstellungen an. Die Proklamierung der „Menschenrechte", 
Stoffe und Strömungen der grossen Revolution in Frankreich waren in die Ideenwelt Deutsch- 
lands übergesprungen und weckten die widerstreitendsten Stimmungen. Zuerst Wilhelm von 
Humboldt und Freiherr von Stein suchten dasjenige herauszuholen, was man in Deutschland zur 
Grundlage des staatlichen Baues planmässig und weitblickend benutzen konnte. Wilhelm von 
Humboldt ist der erste grosse Vertreter des politischen Liberalismus als einer staatsumbildenden 
Macht. Die humane Idee vom Wert des Individuums imd der Entfaltung seiner Kräfte war der 
Ausgangspunkt einer von unten aufbauenden Staatsauffassung geworden. Weil staatlich ver- 
wendbare Unterscheidungsmerkmale des individuellen Werts immer schwerer zu finden sind, so 
musste diese Auffassung zu der Annahme eines Gleichwerts der Staatsbürger gelangen. Dies ist 
der demokratische Grundgedanke, der zugleich von der christlichen Vorstellung der Brüderlich- 
keit reichliche Geistesnahrung empfängt. Ebenso begreiflich war es, dass sich dieser neuen Lehre 
alle die Widerstände entgegenstellten, die umgekehrt eine Konstruktion des Staats von oben, 
von einer absoluten Spitze herab zum Ausgangspunkt nahmen und in den dieser Auffassung ent- 
sprechenden Vorstellungen, Gewohnheiten und Interessen geistig und materiell verankert waren. 
Der Gang der geschichtlichen imd nationalen Entwicklung, die ein straffes Zusammenfassen der 
Kräfte nach den verderblichen Spaltungen Deutschlands vor allem in der napoleonischen Zeit 
nötig machte, steigerte, kreuzte und hemmte die liberale und demokratische Entwicklung. 
Darum ist sie ungleichartig und nicht gradlinig. Die Regierungen des 18. Jahrhunderts brachten 
der Bewegung, die den Liberalismus erzeugte und ihn als den Träger einer neuen Organisierung 



86 Conrad Sausstnann, Der Linksliberalismus. 

bedurfte, Furcht und keine Emsicht entgegen. Der Groll über diese Einsichtslosigkeit und jene 
Widerstände schuf den Linksliberalismus, d. h. diejenige Form des Liberalismus, die sich gegen die 
herrschenden Gewalten durchsetzen wollte. Dieser Versuch führte zu dem grossartigen Auf 
Schwung von 1848 und scheiterte an dem Mangel organisatorischer Grundlagen und der Schwierig- 
keit, eine noch fehlende politische Erziehung in Zeiten höchster Erregung herbeizuführen. Diese- 
Mißserfolg kräftigte die absolutistische Richtung, die es sich deshalb auch nach der Reaktion ger 
statten konnte, scheinkonstitutionelle Zustände einzuführen. Die Ereignisse von 1866 und die- 
Herstellung der politischen Einigung von Nord- und Süddeutschland im Reich leitete die Entwick- 
lung auf eine neue und einheitliche Grundlage. Die Form und Mittel der Einigung mit ihren grossen 
politischen und wirtschaftlichen Wirkungen bedeutete zunächst eine Hemmung für den Links- 
liberalismus, schon weil sie sich unter einem Staatsmann vollzog, der die geschichtlichen Erfolge 
seiner Politik auch zu einer Desorganisation des Liberalismus nutzbar machte. 

Dies alles erklärt die Schwierigkeit der bisherigen Kämpfe des Linksliberalismus. Dieser 
halbfertige Zustand und das Ausbleiben emes auf die Volksvorstellung wirkenden Erfolgs ist 
eine der Ursachen des zeitweise mächtigen Anschwellens anderer Richtungen, die sich nicht wie 
der Liberalismus vom Mittelpunkt der Staatsidee und des Allgemeinwohles aus orientierten. 
Daliin gehören das konfessiontlle Zentrum, die agrarische Richtung, die Sozialdemo- 
kratie, welche die durch die deutsche, wirtschaftliche Entwicklung geschaffene Arbeiterarmee 
unter der Vorstellung des Klassendrucks zu einer Partei der Arbeiterklasse organisiert imd ihre 
Anhänger durch die Lohnkämpfe und durch die Ideen des demokratischen Liberalismus, übrigens 
unter gleichzeitiger Bekämpfung desselben, belebt hat. 

Dies erschwerte innerlich und äusserlich den Übergang aus halbkonstitutionellen zu konsti- 
tutionellen Zuständen, deren Herbeiführung eine Hauptaufgabe des Linksliberalismus bildet. 

Die Parteigeschichte 

kann im Rahmen dieses Überblicks nur für die Reichstagsparteien skizziert werden 
nicht auch für die Parteien in den Einzelländern, obwohl auch sie für die Parteientwicklung, 
von tiefgreifender Bedeutung waren und noch sind. Die Entwicklung der Parteien vollzieht sich 
naturgemäss parallel mit der politischen und geschichtlichen Entwicklung selbst, die deshalb zur 
Darstellung der Parteigeschichte angezogen werden muss. 

Die grösste und älteste der drei linksliberalen Parteien war die ,, Deutsche Fortschritts- 
Partei". Sie wurde gegründet 1861, ist 1884 in die ,, Freisinnige Partei" aufgegangen, die sich aus 
der Fortschrittspartei und aus der 1880 durch eine Abzweigung aus der Nationalliberalen Partei 
hervorgegangenen ,,Secession" gebildet hat. Nach der Lösung dieser Verbindung am 6. Mai 
1892 nahmen die Mitglieder der Deutschen Fortschrittspartei den Namen FreisinnigeVolks- 
p a r t e i an, während die aus der „Sezession" hervorgegangenen Mitglieder der Freisinnigen 
Partei nach deren Spaltung den Namen Freisinnige Vereinigung führten. Beide 
vereinigten sich mit der Deutschen Volkspartei am G.März 1910 auf Grund eines 
gemeinsamen Programms und Statuts zu der Fortschrittlichen Volkspartei. In 
der Entwicklung der Parteien lassen sich, soweit sie für die Reichspolitik und die Reichstags- 
fraktionen von bestimmender Wichtigkeit wurden, folgende Tatsachen und Abschnitte hervorheben. 

Die Fortschrittspartei war am 18. Juni 1861 gegründet worden. Zu ihren 
Stiftern gehörten die führenden Männer der preussischen Demokratie und des entschiedenen 
Liberalismus: Waldeck, von Hoverbeck, Virchow, Schulze-Delitzsch, von Forckenbeck. Die Partei 
übte einen bedeutenden Einfluss auf den öffentlichen Geist und die politische Erziehung aus, vor 
allem durch die Kämpfe, die sie im preussischen Abgeordnetenhaus zu schlagen hatte. An die 
Spitze ihres Programms stellte sie 1861 das Verlangen nach einer „festen Einigkeit Deutschlands, 
welche ohne eine starke Zentralgewalt in den Händen Preussens und ohne gemeinsame deutsche 
Volksvertretung nicht gedacht werden könne." 

Die Partei verfügte 1862 bis 1866 in Verbindung mit der Partei des linken Zentrums über die 
Mehilicit im preussischen Abgeordnetenhaus und führte gegen das Ministerium Bismarck in den 
Konfliktsjahren für Aufrechterhaltung der Verfassung, den schweren Kampf, der sich in jener Zeit 



Conrad Haussniann, Der Liiiksliberalisinus. 37 

aus der Militärorganisation entwickelt hatte. Materiell ging der Hauptstreit um die Einführung der 
zweijährigen Dienstzeit, die von der Fortschrittspartei für möglich, von Bismarck und Roon für 
unmöglich erklärt wurde und die sich 1893 als durchführbar erwiesen und bewährt hat. Der Konflikt 
führte zu einer Ablehnung der Mehrforderung für neue Truppenteile, zu einem Budgetlosen Regiment 
und einer verfassungswidrigen Verwaltung, bis 1866 nach Beendigung des Kriegs das Ministerium Bis- 
marck die Idemnität für die verfassungswidrige Regierung im Landtag nachsuchte. Fürst Bismarck 
selbst hat am 5. April 1876 im Abgeordnetenhaus gegenüber dem Abgeordneten Virchow ausge- 
sprochen, ,,ich habe Objektivität genug, um mich in den Ideengang des Abgeordnetenhauses von 1862 
bis 1866 vollständig einleben zu können, ich habe die volle Achtung vor der Entschlossenheit, mit 
der die damalige preussische Volksvertretung das, was sie für Recht hielt, vertreten hat. Daraus 
mache ich niemand einen Vorwurf. Sie konnten damals nicht wissen, wo meiner Ansicht nach die 
Politik schliesslich hinausgehen sollte ; ich hatte auch keine Sicherheit, dass sie faktisch dahin hinaus- 
gehen würde und s i e hatten auch das Recht, wenn ich es Dinen hätte sagen können, mir immer noch 
zu antworten: uns steht das Verfassungsrecht unseres Landes höher als eine auswärtige Politik. 
Da bin ich weit entfernt gewesen, irgend jemanden einen Vorwurf daraus zu machen oder' bin es 
wenigstens jetzt, wenn auch in der Leidenschaft des Kampfes ich es nicht immer gewesen sein mag." 

Die Leidenschaft jenes Kampfes hat im politischen Leben tiefe Risse erzeugt, nicht nur in 
Preussen, sondern auch im übrigen Deutschland, Die schroffe Kampfstellung, in welche die Fort- 
schrittspartei hineingedrängt war, hat mit ihren Verbitterungen und Verfolgungen Jahrzehnte 
hinaus das politische Leben und die Stellung der Parteien belastet. 

In Preussen, im Zollparlament und im konstituierenden und dann im neugeschaffenen 
Reichstag traten die Mitglieder der Fortschrittspartei für eine konstitutionelle Entwicklung 
für solide Finanzen, für alle liberalen Gesetze insbesondere für die grossen Gesetzgebungswerke 
ein, welche nach Gründung des Reichs die Einheitlichkeit auf dem Gebiet des Heerwesens, des 
Zivilstandes, des Münzwesens, des Gerichtswesens, des Gewerberechts und der Presse durchführten. 
Die Auffassung der Partei, dass die Staatsverwaltung in freierem Gleise geführt und der 
Individualität politisch, geistig und wirtschaftlich Raum zu fruchtbarer Selbstbetätigung und 
den Gemeinden Bewegungsfreiheit und Selbstverwaltung gelassen werden müsse, führten unter 
der Kanzlerschaft des Fürsten Bismarck liäufig zu Zusammenstössen mit diesem. Führer der Fort- 
schrittspartei im Reichstag waren Richter, Hänel und Virchow. Eugen Richter, geboren 
am 30. Juli 1838 und 1864 aus dem Staatsdienst ausgetreten war 1869 in den preussischen Landtag 
gewählt, 1871 wurde er Mitglied des konstituierenden Reichstags und blieb als eines seiner 
allerhervorragendsten Mitglieder im Reichstag bis zu seinem Tod 1906. Richter hat das Gepräge 
der Fortschrittspartei in deren heisseusten Kampfesjahren am reinsten und vollständigsten in sich 
aufgenommen, und konnte kraft der ausserordentlichen Begabung, die er für den politischen und 
parlamentarischen Kampf mitbrachte, sein Gepräge wieder in besonders charakteristischem Masse 
der Partei geben, deren unbestrittener Führer er mehr als 30 Jahre gewesen ist. Die Energie, 
mit der er seine Überzeugung und die taktischen Richtlinien festhielt, die er zur Verwirklichung 
des Fortschritts für geboten hielt, gab der von ihm geführten Partei eine grosse Geschlossenheit, 
weckte aber in Verbindung mit seinem Naturell, das an Energie demjenigen Bismarcks nichts 
nachgab, besonders heftige Gegnerschaften, die sich in der Folge konzentrisch so verdichteten, 
dass sowohl von rechts als von links die ausserordentlichen Verdienste, die Richter als wahr- 
haft staatsmännischer Parlamentarier besass, weitgehend verkannt wurden. 

Ende der 70er Jahre hatte Bismarck den Übergang zur Schutzzollpolitik vollzogen, worin 
die Fortschrittspartei für das auf den Export angewiesene deutsche Wirtschaftsgebiet ernste 
Gefahren erblickte. Diese Auffassung deckte sich mit den volkswirtschaftlichen Anschauungen 
einesTeils der der Nationalliberalen Partei, eine Reihe ausgezeichneter Politiker; Bamberger, von 
Forckenbeck, Stauffenberg, Lasker, Rieckert u. A. im Jahre 1880 „eine Sezession" 
vollzogen und eine „liberale Vereinigung" gebildet hatten. Da diese Sezessionisten auch 
politisch ausgesprochen liberal und von der Politik Bismarcks im Innern insbesondere von dem 
sozialdemokratischen Ausnahmegesetz enttäuscht waren, so führte diese Annäherung und weit- 
gehende Übereinstimmung am 5. März 1684 kurz nach Laskers Tod zu einer organischen Ver- 



38 Conrad Hatissmann, Der Linksliberalisnms. 

bindung in eine Partei, die den Namen Deutsche freisinnige Partei annahm. Sie 
umfasste 100 Jlitglieder und ihre programmatische Grundlage wurde in 6 Einigungspunkte nieder- 
gelegt. Dieselben lauteten: 

1. Entwicklung eines wahrhaft konstitutionellen Verfassungslebens in gesichertem Zu- 
sammenwirken zwischen Regierung und Volksvertretung und durch gesetzliche Organisation eines 
verantwortUchen Reichsministeriums. Abwehr aller Angrifte auf die Rechte der Volksvertretung, 
insbesondere Aufrechterhaltung der einjährigen Finanzperiode, der jährlichen Einnahmebewilligung, 
der Redefreiheit. 

2. Wahrimg der Rechte des Volkes: Erhaltung des geheimen, allgemeinen, gleichen und 
direkten Wahlrechts, Sichenmg der Wahlfreiheit, insbesondere auch durch BewilUgung von Diäten; 
Press-, Versammlungs-, Vereinsfreiheit; Gleichheit vor dem Gesetz ohne Ansehen der Person imd 
der Partei; volle Gewissens- und Rehgionsfreiheit ; gesetzhche Regelung des Verhältnisses zwischen 
dem Staate imd den Religionsgesellschaften unter gl ichcm Rechte für alle Bekenntnisse. 

3. Förderung der bestehenden VolVswohlfahrt auf Grund der bestehenden Gesellschafts- 
ordnung. Bei voller Wahrung der Gleichberechtigung, der Selbsttätigkeit und des freien Vereini- 
gungswesens der arbeitenden Klassen Eintreten für alle auf Hebung derselben fühlenden Bestre- 
bungen, Bekämpfung auch des Staatssoziali.' mus, sowie der auf Bevormundung und Fesselung des 
Erwerbs- und Verkehrslebens, der Gewerbefreiheit und Frei2Ügigkeit gerichteten Massrtgcln. 

4. Im Steuersystem Gerechtigkeit und Schonung der Volk.= kraft; Entlastung der notwen- 
digsten Lebensbedürfnisse; keine Zoll- und Wirtschaftspohtik im Dienste von Sonderinteressen; 
keine Monopole; Gesetzgebung und wirksame Aufsicht des Reiclies im Eisenbahnwesen. 

5. Erhaltung der vollen Wehrkraft des Volkes; volle Dm-chführung der allgemeinen Dienst- 
pfücht bei möglichster Abkürzung der Dienstzeit; Feststellung der Friedenspräsenzstärke innerhalb 
jeder Legislatm-periode. Dies alles zur Befestigimg der nationalen Einigung Deutschlands, in Treue 
gegen den Kaiser und auf dem vertassimgsmässigen Boden des Bundesstaates." 

Die Partei, von Richter, Bamberger, Barth, Schmid-Elberfeld, Schrader und Ricckert 
geführt, von dem Fürsten Bi^marck lebhaft befehdet, vertrat dieses Programm in den 80er Jahren 
nachdrücklich im Parlament; sie wandte sich aus Gründen des konstitutionellen Rechts 
gegen ein Septennat der Militärausgaben, weil diese siebenjährige Bindung die Dauer der 
damals dreijährigen Legislaturperioden weit überstieg. Bismarck benützte die Septennatsfrage 
und die damalige Gereiztheit zwischen Frankreich und Deutschland, um den Reichstag, in dem 
die ihm zustimmenden Kartellparteien der Konservativen und Nationalliberalen n i c h t die Mehr- 
heit gehabt hatten, anzugreiten imd aufzulösen. 

In dem unter der Erregung der natiouahstischen Stimmungen neugewählten Reichstag war 
die freisinnige Partei wesentlich geswächt eingezogen und Füist Bismarck hatte für seine Politik 
nochmals die Mehrheit erlangt. In die Zeit dieser Reichstagsperiode 1887 bis 1890 fiel der Tod 
Kaiser Wilhelm I. und die Tronbesteigung Kaiser Friedrichs. In den 100 Tagen 
seiner Regierung gab Kaiser Friedrich durch die Entlassung des konservativen Wahlministers 
Puttkammer und die Verleihung von Auszeichnungen an Virchow und von Forckenbeck seine Ab- 
sicht, trotz des energi.schen Widerstands von Bismarck dahin zu erkennen, dass er mit der Taktik 
einer Achtung der freisinnigen Politilcer gebrochen wissen wolle, und dass er eine andere Stellung für 
gerechtfertigt und notwendig halte als diejenige, dieFürst Bismarck parteipolitisch forciert hat. Der 
Tod Kaiser Friedrichs hemmte die natürliche politische Entwickelung, die sich vollzogen haben würder 
Kaiser Wilhelm II. proklamierte die Fortsetzung des alten Kurses. Fürst Bismarck 
verlangte die Verlängerung des Sozialistengesetzes, das die freisinnige Partei als Ausnahmegesetz 
und als ein verfehltes Mittel wie in früiieren Jahren so auch jetzt wieder ablehnte. Da eine Einigung 
zwischen Fürst Bismarck und der nationalliberalen Partei über die Dauer der Verlängerung nicht 
erzielt wurde, so fiel das Sozialistengesetz mangels eines die Verlängerung herbeiführenden Be- 
schlusses des Reichstags. 

Aus den unmittelbar hernach stattfindenden Neuwahlen Februar 1890 kehrte die Frei- 
sinnige Volkspartei verstärkt zurück. Die Mehrheit für die mnere Politik Biamarcks hatte eich in 



Conrad Haussmann, Der Linksliheralismas. 39 

eine Minderheit verwandelt. Die Meinungs- und Temperamentsverschiedenheit zwischen Kaiser 
Wilhelm II. und Bismarck führten zum Bruch und zur Entlassung Bismarcks am 20. März 1890. 
Die Stellung des zweiten Kanzlers Ca pri vi war durch die politischen Verhältnisse und den Gegen- 
satz, den Fürst Bismarck scharf herauskehrte und der in Verbindung mit einer Abschwächung der 
Schutzzollpolitik eine agressive Strömung in konservative und nationalliberale Kreisen erzeugte 
politisch so beengt, dass er eine neue Richtung nicht mit Entschiedenheit verfolgen konnte. 

Über die taktische Frage, inwieweit unter solchen Umständen und solcher Unsicherheit die 
freisinnige Partei die Regierung des Reichskanzlers unterstützen könne, entstanden innerhalb der 
freisinnigen Partei Meinungsverschiedenheiten, zu welchen andere, aus der Zeit vor Vereinigung der 
beiden Parteien, hinzukamen. Der hochbegabte Abgeordnete Theodor Barth vertrat eine Politik 
der Annäherung an Caprivi, Eugen Richter mit Recht eine Politik der Reserve. Bei der Beratung 
über die Modalitäten, unter denen die zweijährige Dienstzeit bei den Fusstruppen eingeführt werden 
sollte, trennte sich der Abgeordnete Barth mit einigen seiner näheren Freunden von der Mehrheit 
der Partei. Der von ihm gestellte Abänderungsantrag zum Gesetz, das eine dauernde Heeres- 
vermehrung die zweijährige Dienstzeit aber nur widerruflich einführen wollte, wurde von Caprivi 
abgelehnt, der, als er in der Folge keine Mehrheit erzielte, den Reichstag am 6. Mai 1892 auflöste. 
Die Meinungsverschiedenheiten über die angeführte Streitfrage, die einer Lösung vor Beginn des 
Wahlkampfes erwünscht bedurfte, führten zusammen mit andern Gegensätzen taktischer und 
persönlicher Art in der erregten Fraktionssitzung iinmittelbar nach Reichstagsauflösung zu einer 
Spaltung der Partei. Es bildeten sich wieder zwei Parteien, die den Namen Frei- 
sinnige Volkspartei und Freisinnige Vereinigung annahmen. Die erste be- 
stand im wesentlichen aus den Mitgliedern der alten Fortschrittspartei, unter Richter und 
Schmid-Elberfeld, die zweite aus den Mitgliedern der liberalen Vereinigung unter 
Schrader und Barth. In dem darauffolgenden Wahlkampf erlitten beide Parteien Ver- 
luste. Am 26. Oktober 1894 wurde Caprivi vom Kaiser entlassen. 

Die Zeit von 1895 bis 1905 trug unter Hohenlohe und auch anfänglich unter 
B ü 1 o w innerpolitisch einen unbestimmten Charakter. Nach den heissen Kämpfen, und den 
politischen Erschütterungen der vorangegangenen Zeit, unter der noch aktiven Kritik des Alt- 
reichskanzlers Bismarcks, unter den Versuchen Kaiser Wilhelm II. eine neue Politik einzuleiten 
trat eine gewisse Stimmung des Zuwartens auch im parteipolitischen Leben ein. Die Mitglieder 
der freisinnigen Volkspartei und der freisinnigen Vereinigung konnten sich nach der ent- 
fremdenden Spaltung nur allmählich wieder annähern, trotzdem die unsichere Lage und die vor- 
geschriebene Politik kritischer Reserve sie sachlich wieder Seite an Seite geführt hatte. 

In gleicher Richtung und zwischen den beiden andern freisinnigen Parteien politisch und 
persönlich vermittelnd war die „deutsche V o 1 k s p a r t e i" tätig. Sie umfasste die 
demokratischen Liberalen Süddeutschlands und wurde kurzer Hand als Süddeutsche 
Volkspartei bezeichnet. Die Anfänge der deutschen Volkspartei gehen wie die der Fort- 
schrittspartei zurück bis in die Bewegung des Jahres 1848. Sie leorganisierte sich, nachdem die 
Reaktionsperiode überwurden war, zunächst anfangs der 60er Jahre zunächst in Wüittcmberg 
unter Carl Mayer, Julius Haussmann und Ludwig Pfau. Die Konstituierung 
einer auch andere deutsche Gebiete umfassenden Partei zog sich von 18C5 bis 18C9 hin. Im 
September 1868 stellte eine Delegierten-Versammlung zu Stuttgart das Programm der Deutschen 
Volkspartei fest, das sodann am 12. Oktober 1873 eine Revision urd Erweiterung erfuhr. Das 
Gebiet, aus dem sie sich rekrutierte, war im wesentlichen Süddeutschland. Die Richtung war 
demokratisch. In den ersten Perioden des Reichstegs, nur dnrch sehr wenige Mitglieder, 
parunter durch Leopold Sonne mann, den hervorragenden demckratisch und sozial- 
politisch gerichteten Gründer der „Frankfurter Zei;ung" vertreten, erhöhte sich deren Zahl 
1881 und nach den Septenatswahlen, die sie vorübergehend vollständig verdrängt hatten, noch 
mehr im Jahr 1890. Führer war schon seit der 70er Jahre Friedrich Payer. der ve-dienst- 
volle demokratische Präsident des württembergischen Landtags. 1895 gab sich die Partei auf 
dem Deleiiiertentag zu München ein neues Programm, dessen Leitsätze in Anlehnung an das 
frühere Programm dahin lauteten: 



40 Conrad Haussniann, Der Linksliberalisnms. 

I. Die deutsche Volkspartei ist eine Partei des politischen Fortschritts; sie bekennt sich zu den demo- 
kratischen Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit und verlangt die gleichartige Mitw rkung aller Staatsbürger, 
bei Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung, die Durch ührung der Selbstregierung des Volks im Staate. 

II. Die Volkspartei ist ein^ Partei der nationalen Gemeinschaft und der bundesstaatlichen Selbstver- 
waltung. Sie tritt ein für die unverbrüchliche Einheit des deutschen Vaterlandes, wie für die Erhaltung der Selbst- 
ständigkeit und die Gleichberechtigung aller deutschen Volksstämme. 

III. DieVolk-partei ist eine Partei der sozialen und wirtschaftlichen Reformen. Sie erkennt an, dass die 
staathchen und gesellschaftliehen Fragen untrennbar sind, und dass die wirtschaftliche und soziale Hebung der 
arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der politischen Freiheit sich gegenseitig bedingen. Sie erstrebt den 
friedliehen Ausgleich der sozialen Gegensätze in einer die Freiheit des Einzelnen verbürgenden Gesellschafts- 
ordnung. 

IV. Die Volkspartei ist eine Partei des Friedens. Sie erkennt im Krieg und im Militarismus die schwerste 
Schädigung des Volkswohlstandes, wie der Kultur- und Freiheitsinteressen. Sie erstrebt einen Friedens- und 
Freiheitsbund der Völker. 

Im Reichstag; hatte die Politik Bismarcks, welche dazu bestimmt war, den demokratischen 
Liberalismus in die Opposition zu treiben, die Deutsche Volkspartei an die Seite der Fortschritts- 
partei und Eugen Richters geführt. Auch in der Zeit nach 1895 ergab sich ein tatsächliches Zu- 
sammenarbeiten der Deutschen Volkspartei vor allem Anfang des Jahrhunderts bei dem Kampf 
gegen den hochschutzzöUnerischen Zolltarif mit der Freisinnigen Volkspartei und mit der Frei- 
sinnigen Vereinigung, die aber alle in getrennten Fraktionssitzungen arbeiteten. Ausserhalb des 
Parlaments vollzog sich dann eine Verschmelzung zwischen der .Freisinnigen Vereinigung" und 
der vierten linksliberalen Richtung, der ,, nationalsozialen Partei", die von der starken Per- 
sönlichkeit Friedrich Naumanns geführt und belebt war. In der Folge ab>T trat 
Theodor Barth, der dem Reichstag nicht mehr angehörte, aus der Freisinnigen Vereinigung 
aus kurz vor seinem Tode 1908, der zwei Jahre nach dem Tode Eugen Richters eintrat. 

In den folgenden Jahren war im Parlament allmählich die Zeit einer Vorherrschaft 
des Zentrums dadurch eingetreten, dass dieses auf der Mittellinie zwischen der national- 
liberalen und konservativen Politik gesetzgeberisch tätig wurde, sie stellte für die so gerichtete 
Politik eine Mehrheit her und machte sich der Regierung des Kanzlers Hohenlohe und nachher 
Bülow nützlich, nicht ohne ihre Unentbehrlichkeit durch zeitweiliges Abrücken nach links fühlbar 
zu machen. Unter dieser Konstellation und unter dem Vorrücken des schutzzöllnerischen Agrarier- 
tums, das sich in dem ,,B und derLandwirte" eine scheinbar politisch neutrale Organisation 
geschaffen hatte und auf die Erhöhung der LcbensmittelzöUe drängte, wuchs die Sozialdemo- 
kratie immer stärker heran, welche schliesslich 1903 eine Zahl von Mandaten erlangte, die es dem 
Zentrum als der ziffermässig stärksten Fraktion des Reichstags ermöglichte, auch mit der Sozial- 
demokratie allein eine Mehrheit zu bilden. Als das Zentrum im Dezember 1906 bei der materiell 
untergeordneten Frage einer letztmaligen Au.?gabe für die Aufstandstruppen in Südwestafiika von 
dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht hatte und die Regierung, mit der in dieser Frage die drei 
übrigen Parteien, Rechte, Nationalliberale und Linksliberale gestimmt hatten, in die Minderheit 
versetzt war, löste Fürst Bülow den Reichstag auf. Er schuf damit, zunächst nur für die 
Wahlen, die über die abgelehnte Forderung entscheiden sollten, eine neue Parteikon- 
Btellation. Sie erhielt in den Wahlen tatsächlich die Mehrheit. Nachdem jene Forderung 
bewilligt war, versuchte Reichskanzler Bülow die 1 alb zufällig entstandene Parteigruppierimg 
der neuin Mehrheitsparteien entspechend seiner Wahlparole zur Grundlage einer konservativ- 
liberalen Regierungspolitik zu machen. Die drei Linksliberaleii Parteien, die fünfzig Mandate 
erlangt hatten, schlössen sich in dieser neuen Situation parlamentarisch zu einer Fraktions- 
Gemeinschaft zusammen und erklärten, jenen Versuch, welcher der Wählerkonstellation 
entsprach, so lange nicht hindern zu wollen, als die Regierungspolitik dem Liberalismus Vor- 
teile tatsächlich bieten werde. Der Versuch der Blockpolitik des Fürsten Bülow glückte im ersten 
Jahr bei dem liberalen Rcichsvereinsgesetz, das vom Zentrum und von der Sozialdemokratie be- 
kämpft wurde und auch noch im zweiten bei dem konstitutionellen Verstoss der Novembor- 
debatte, scheiterte aber im dritten Versucl sjalir an der Rcichsfinanzreform, aus 
welcher Konservative und Zentrum die Reichserbschaftssteuer ausmerzten. Der Nebenzweck ihrer 
Politik war, den Fürsten Bülow zum Rücktritt zu zwingen. Der „Blau-schwarze Block", 



Conrad Haussmann, Der Linksliberalismus. 41 

wie die mit 8 Stimmen Sieger gebliebene Vereinigung von Konservativen und Zentrum genannt 
wurde, war der erste greifbare Ausdruck eines völlig neuen Aufmarsches der 
Parteien, eines Lagers der Rechten gegenüber einem Lager der Linken. Der neue 
Reichskanzler Bethmann Hollweg wich in seiner Eröffnungsrede diesem Gedanken aus 
und proklamierte die Sehnsucht nach einer baldigen Verwischung der Gegensätze, indem er 
gleichzeitig für die Regierung „die Stellung über den Parteien" reklamierte. 

Die ParteieiiHg:uiig des Linksliberalismus. 

Die drei freisinnigen Parteien erkannten angesichts dieser Lage die Notwendigkeit engster 
Geschlossenheit. Sie lösten am 5. März 1910 die einzelnen Parteien formell auf und schufen am 
6. März zu Berlin eine einheitliche Partei des Linksliberalismus, die den Namen „Fortschritt- 
liche Volkspartei" und ein am selben Tage beschlossenes, zuvor von allen einzelnen 
Parteien genehmigtes Programm und Partei-Statut annahm, auf Grund von Entwürfen, welche 
die Reichstagsabgeordneten Wiemer, Schrader, Payer und Müller-Meiningen 
gemeinsam aufgestellt hatten. 

Das Organisationsstatut setzt als oberstes Organ der Partei den Parteitag, 
der aus den Reichstagsabgeordneten, einer Anzahl Landtagsabgeordneter, den Reichstagsabgeord- 
neten der letzten Periode, den Zentralausschussmitgliedern und den Delegierten der Reichstags- 
wahlkreise besteht. Weitere Organe sind der Zentralausschuss und der Geschäftsführende Aus- 
schuss. Die Parteimitgliedschaft setzt Zustimmung zum Programm, Anmeldung und Beitrags- 
leistung voraus. Die Partei gliedert sich in Ortsvereine, Bezirksvereine und Landesverbände, 
welche selbständige Kompetenzen haben. Für die Entscheidung bei Stichwahlen ist die Partei- 
organisation des Wahlkreises zuständig. 

Das Programm stellt den Einzelforderungen folgende Leitsätze voran : 

Die Partei tritt ein für Schutz und Stärkung des Reiches und die Autrechterhaltung seiner bundesstaat- 
lichen Giurdlogen. 

Die Partei fordert die gleichberechtigte Mitwirkung aller Staatsbürger in Gesetzgebung, Verwaltung und 
Rechtsprechung zur Förderung des politischen und sozialen Fortschritts, zur He- 
bung der Wohlfahrt und Volksbildung, sie bekämpft alle Sonderbestrebungen, die dem Ge- 
meinwohl zumderlaufen, und erstrebt den friedlichen Ausgleich der sozialen Gegensätze 
ineiner die Freiheit des einzelnen verbürgenden Gesellschaftsordnung. 

Die Partei verpflichtet ihre Mitglieder zu tatkrä'tiger Mitarbeit auf allen Gebieten des 
öffentlichen Lebens und erwarte von diesem gemeinsamen und planmä-sigen Wirken den Ausbau der 
politischen Freiheit und die für die Gesamtheit uneui behrliche Steigerung des berechtigten Einflusses des deutschen 
Bürgertums. 

Die Einzelforderungen erstrecken sich über das ganze Gebiet der staatlichen Ein- 
wirkimgsmöglichkeit. Eine Darstellung der leitenden Gedanken habe ich im Auftrag des geschäfts- 
führenden Ausschusses in einer Schrift „Das Arbeitsprogramm der Fortschrittlichen Volkspartei" 
versucht. Die Forderungen des Programms, sind von einer sie verbindenden und einheitlichen 
Staatsauffassung getragen, sie lassen sich unter den Hauptkategorien, die den neun Abschnitten 
des Programms ent'^prechen, dahin zusammenfassen: 

Der Staat: Gleichheit vor dem Gesetz. Ämter und Stellen. Schutz gegen Laune, 
Willkür und Amtsmissbrauch. Auswahl nach Tüchtigkeit. Das Wahlrecht, Minderheitsschutz, 
Wahlfreiheit, Wahlkreiseinteilung. Reichsländische Verfassung. Die Reichsverfassung, kon- 
stitutionelle Regierungsweise, Budget- und Gesetzgebungsrecht, Erziehung zur Verantwortlich- 
keit. Kollegiales und verantwortliches Reichsministerium. Die Unzulänglichkeit des Bundes- 
rats, Vereins-, Versammlungs- und Pressrecht. Hebung der Presse, Selbstverwaltung. Verein- 
fachung und Verbilligung des Verwaltungsapparates, Fremdenrecht. 

Gewissens- und Religionsfreiheit, Schule und Unterricht. 
Schutz für die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, des Gewissens, der Wissenschaft, Forschung 
und Kunst. Gleichheit der Religionsgesellschaften. Toleranz, Parität, Neutralität und Oberhoheit 
des Staats. Staatlicher Unterricht. Freiheit des Staats und Freiheit der Kirchen, Trennung ihrer 
Gebiete, Verbreitung und Vertiefung der Volksbildung. Keine konfessionelle Trermung in der 
Schule. Unentgeltlichkeit der Volksschule. 



42 Conrad Haussmann, Der Linksliberalismus. 



Die Wehrkraft. Planmässige Entwicklung der vollen körperlichen Kraft ohne 
gefährliches Übermass von Strapazierung oder Drill. Sicherung der vollen Wehrkraft. Keine 
Luxusausgaben. Keine Bevorzugungen. Dienstzeit nicht länger als nötig auch bei den reitenden 
Waffen. Reform des Offizierspensionswesens. Scharfblickende Aufsicht wegen Soldatenmisshand- 
lungen. Einschränkung der Militärgerichtsbarkeit, Reform des Militärstrafrechts. Wirksameres 
Beschwerderecht. 

Rechtspflege. Unparteilichkeit und Wohlwollen. Zweckmässige Ausbildung der 
Juristen. Mitwirk-ung der Laien bei der Rechtsprechung. Praktische, gerechte und prompte 
Rechtspflege. Politische Prozesse und Pressprozesse an die Geschworenen. Reform des Straf- 
rechts, des Strafprozessrechts- und des Strafvollzugswesens. Trennung von Justiz und Ver- 
waltung. Unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit. 

Staatshaushalt und Staatslasten. Entschlossene und planvolle Sparsamkeit, keine 
unverantwortliche Sorglosigkeit und keine ungesunde Anleihewirtschaft, gute Finanzwirtschaft, er- 
trägliche Steuerbelastung und gerechte Steuerverteilung. Schrittweise Herabsetzung der Lebens- 
mittel wie der Industriezölle zur Verminderung der Gefahr einer künstlichen Beteuerung der Lebens- 
haltung und einerstaatlichen Verschiebung der natürlichen Privatwirtschaftsbedingungen. Schutzder 
deutschen Arbeit durch Ausführe: möglichung. Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuer. 
Progressivsteuern als Gebot steuerlicherGerechtigkeit. Steuerprivilegien auch nicht für die tote Hand. 

Soziale Besserstellung: Gesetzgi'bung, Verwaltung, Selbsthilfe und beruflicher 
Zusammenschluss in planvoller Wechselwirkung. Humanisierunij der Rechtsvorstellungen und des 
Arbeitsvertrags. Gleichheit vor dem Gesetz und der staatlichen Gewalt. Koalitionsfreiheit, Berufs- 
vereine. Arbeiterschutz, in verdoppeltem Mass für Jugendliche und Frauen. Gewerbeaufsicht, 
verstärkt durch Beiziehung von Arbeitern und Arbeiterinnen. Tarifverträge. Einigungsämter. 
Staatsbürgerliche Unabhängigkeit. Bedürfnis der Reichsversicherungsreform. Versicherung der 
Privatangestellten, Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit, Freizügigkeit, Gesund- 
heitspflege, Wohnungspolitik, Verkehrspolitik. Vervollkommnung der Arbeitsordnung in den 
Betriebswerkstätten, staatliche Musterwerkstätten. Internationale Arbeiterschutzvereinbarungen. 

Die Erwerbsstände. Grundsätzliche Gleichstellung von Landwirtschaft, Gewerbe und 
Handel und gleichmässige planvolle Förderung aller Fachausbildung. Nutzbarmachung aller 
modernen Hilfsmittel, Anschauungsunterricht, Auskunft und Belehrung, Pflege der Fähigkeiten. 
Aktivmachung der Selbsthilfe als die beste Staatshilfe. Erleichterung des gewerblichen und des 
bäuerlichen Kredits. Gewerbefreiheit. Kein Rücksinken in die Zunftkrankheiten. Förderung der Ent- 
wicklung von Spezialindustrien für Q lalitätswaren und kunstg>^\verbliche Erzeugnisse, entsprechen 
der Verfeinerung der Be lürfnisse. Volkswirtschaftlich verständige Aufsicht über Gefängnis- und 
Militärwerkstättenarbeit. Anteil am Weltverkehr. Verkehrserleiehternde Handelsvertragspolitik an- 
gesichts ihrer Einwirkung auf Preise und Löhne. Eisenbahn und 1 isenbahntarife als Mittel einer 
einheitlichen wirtschaftlichen Entwicklung. Bedürfn s wachsender Vereinheitlichung i ^er deutschen 
Eisenbahn Verwaltungen. Entwicklung i ler Wasserstrassen. Vorkehrungen g<'gen die Gefahr der Aus- 
mün lung des Wirtschaftslebens in Kartelle und Monopole. Schutz (es soliden Geschäfts ^.egen 
die unlauteren Formen des Wettbewerbs, Volkswirtschaftlich einsichtige Rcgduig • 'es Subnii-;.4on8- 
wesens. Fidt Lcommisseinschränkung zur Beseitigung der in der Bildarg von Kiesengütern li genden 
Gefahren. Innere Kolonisation unl Melioration. Schaffuig leistungsfähiger Kommunalverbände. 
Beseitigung der kommunalen Privilegien des Grossgrurdbcsitzes. 

Die S t e 1 1 u n g d e r Frauen. Zulassung der Frauen an allen Schulen und Bildungs- 
stätten, zu allen geeigneten Berufen und Erwerbsmöglichkeiten. Gleichberechtigung in den 
Rcichsversicherungseinrichtungcn. Zulassung zur sozialen Fürsorge in den Gemeinden. Teilnahme 
an dem Versammlungs- und Vereinsleben als Massstab für das Interesse an politischen Angelegen- 
heiten. Schutz des ehelichen Güterrechts und gesetzliche Gewährung eines Anteils an der ehe- 
lichen Errungenschaft. 

Die Völkerannäherung. Förderung der Bestrebungen auf Annäherung der 
Völker zu gemeinsamer Kulturarbeit und gleichmässiger Erleichterung der Rüstungslast. Ausbau 
des Völkerrechts und der internationalea Schiedsgerichtseiurichtuugen zum friedlichen Ausgleich 



Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 43 

entstehender Streitigkeiten. Das friedliche Wachstum Deutschlands und die europäische Interessen- 
gemeinschaft. Diplomatenauslese. Politik internationaler Freundschaften unter fester, loyaler 
und würdiiijer Wahrung der nationalen Lebensinteressen Deutschlands. 

Geschichte und Programm der fortschrittlichen Volkspartei zeigen, dass der Linksliberalis- 
mus auch in Deutschland ein Ausdruck der zeitgeschichtlichen Vorwärtsbewegung und die 
Organisierung der Kräfte ist, die zwischen der nationalliberalen und der sozialdemokratischen 
Geistesrichtung die dem deutschen Gesamt- und Staatsinteresse dienliche Richtung erkennen, 
die bei normaler Entwicklung nach Herstellung der inneren und äusseren Einheitlichkeit die 
Anwartschaft auf eine steigende Beeinflussung der öffentlichen Meinung hat. 



35. Abschnitt, 
a) Die Sozialdemokratie. 

Vuii 

Paul Hirsch, 

Stadtverordneter, M. d. A., C h a r 1 o 1 1 e u b u r g. 

Literatur: 

Frauz Mehring. Ge.?clvichte der deutschen Sozialdemokratie, zweite verbesserte Auflage. Stuttgart 1904. 

Geschichte der Sozialdemokratie. — Artikel aus dem Volkslexikon von E. Wurm. Nürnberg ISi)7. 

Die Gründling der deutschen Sozialdemokratie. Eine Festschrift der Leipziger Arbeiter zum 23. Mai 1903. 

August Bebet. Aus meinem Leben. Stuttgart 1910 und 1911. 

Ignaz Aller. Von Gotha bis Wyden. Berlin 1901. 

Nach 10 Jahren. Material und Glossen zur Geschichte des Sozialistengesetzes. London 1889. 

Ferdinand Lassalles Reden und Schriften. Herausgegeben von Ed. Bernstein. Berlin 1893. 

Paul Hirsch und Bruno Borchardt. Die Sozialdemokratie und die Wahlen zum deutschen Reichstage. 
Berlin 1907. 

Wilhelm Schröder. Handbuch der sozialdemokratischen Parteitage von ISfiS bis 1909. 

Die ersten deutschen Soziahstenkongresse. Urkunden aus der Jugendzeit der deutschen tjuzialdemokratie. 
Frankfurt a. M. 1006. 

Protokolle der sozialdemokratischen Parteitage. 

Entwicklung. 

Den ersten Ansätzen zur Bildung einer selbständigen Arbeiterpartei in Deutsehland 
begegnen wir bereits in den Jahren 1848/4'.). Aber greifbare Gestalt gewannen diese 
Bestrebungen erst, und in einen bewussten Gegensatz zu den bürgerlichen Parteien traten 
die Arbeiter als Klasse erst nach dem Erscheinen des offenen Antwortschreibens von 
Ferdinand Lassalle an das Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen 
Arbeiterkongresses zu Leipzig im Jahre 1863. Ein Leipziger Komitee, das unter Zu- 
stimmung der Fortschrittspartei mit den vorbereitenden Schritten zur Einberufung eines 
grossen Arbeiterkongresses betraut war, wandte sich, nachdem die Antwort der Führer der 
Fortschrittspartei, wie sie sich zu der Frage des allgemeinen Wahlrechts stellten, unbefrie- 
digend ausgefallen war, an Lassalle, der besonders durch seinen am 12. April 1862 vor 
Berliner Arbeitern gehaltenen Vortrag über den besonderen Zusammenhang der gegen- 



AA Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 



wärtijjen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes, das sogenannte Arbeiter- 
Prooraram, unter den Arbeitern bekannt geworden war. Wesentlich durch die Lektüre 
dieses Vortrages, worin er die Arbeiterklasse als den Fels bezeichnet, auf welchen die 
Kirche der Gegenwart gebaut werden soll, wurde das Leipziger Komitee bestimmt, Lassalle 
zur Abfassung eines Offenen Briefes über die Aufgaben des zu berufenden Arbeiter- 
kongresses aufzufordern. Das Offene Antwortschreiben erschien am 1. März 1863. 
Oro-anisieren Sie sich," rief Lassalle hier den Arbeitern zu, „als ein allgemeiner deutscher 
Arbeiterverein zu dem Zweck einer gesetzlichen und friedlichen, aber unermildlichen, 
unablässigen Agitation für die Einführung des allgemeinen und direkten Walilrechts in 
allen deutschen Ländern. Von dem Augenblicke an, wo dieser Verein auch nur 100000 
deutsche Arbeiter umfasst, wii'd er bereits eine Macht sein, mit welcher Jeder rechnen 
muss. Pflanzen Sie diesen Ruf fort in jede Werkstatt, in jedes Dorf, in jede Hütte. 
Mögen die städtischen Arbeiter ihre höhere Einsicht und Bildung auf die ländlichen Arbeiter 
überströmen lassen. Debattieren Sie, diskutieren Sie überall, täglich, unablässig, unauf- 
hörlich, wie jene grosse englische Agitation gegen die Korngesetze, in friedlichen, öffent- 
Hchen Versammlungen, wie in privaten ZusamraenkönFten die Notwendigkeit des allgemeinen 
und direkten Wahlrechts. Jemehr das Echo Ihre Stimme millionenfach widerhallt, desto 
unwiderstehlicher wird der Druck derselben sein." Neben dem Kampf für das allgemeine 
und direkte Wahlrecht bezeichnete Lassalle als „den einzigen Weg aus der Wüste, der 
dem Arbeiterstand gegeben ist", die „freie individuelle Association der Arbeiter, aber die 
freie individuelle Association ermöglicht durch die stützende und fördernde Hand des Staates". 
Die Bedeutung des Offenen Antwortschreibens fasst M e h r i n g kurz dahin zusammen, 
dass Lassalle damit dem deutschen Proletariat die Waffen gegeben hat, deren es bedurfte, 
um seinen historischen Emanzipationskampf zu beginnen. „Nichts falscher als die Behaup- 
tung, dass Lassalle die deutsche Arbeiterbewegung aus dem Boden gestampft habe, aber 
auch nichts ungerechter, als die Behauptung, dass sie in diesem auf lange hinaus entscheiden- 
den Augenblick seiner nicht bedurft habe. Das unbefangene Urteil der Nachwelt kann 



nur untersclirciben, was Lassalle selbst schon gesagt hat: Die Arbeiterbewegung war da, 
aber ihr fehlte das theoretische Verständnis und das praktische Losungswort. Beides hat 
ihr Lassallo gegeben; das ist seine unsterbliche Tat und sein unvergängliches Verdienst".') 

Die nächste Folge des Offenen Antwortsehreibens war die Gründung des Allgemeinen 
deutschen Arbeitervereins am 23. Mai 1863, dessen erster Präsident Lassalle wui-de. 
Nach seinem Tode am 30. August 1864 trat Bernhard Becker und später im Jahre 1867 
J. B. von Schweitzer, der Redakteur des Vereinsorgans „Der Sozialdemokrat" an die 
Spitze des Vereins. Der Einfluss, welchen die Idee, die Arbeiter zur selbständigen 
Wahrung ihrer Interessen durch eine politische Partei zusammenzufassen, zunächst auf 
die Beteiligten ausübte, war nur sehr gering. Auf den Generalversammlungen des 
Allgemeinen deutschen Arbeitervereins finden wir in den ersten Jahren nur wenige 
tausende Arbeiter aus verschiedenen Teilen Deutschlands vertreten. 

Freilich waren nicht alle, welche die selbständige Vertretung der Arbeiterklasse 
und die vollständige Umgestaltung der wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft auf 
ihre Fahne geschrieben hatten, im Allgemeinen deutschen Arbeitererein organisiert; 
seine Mitglieder erstreckten sich vornehmlich auf Norddeutschland und das Rheinland, 
während die sächsischen und süddeutschen Arbeiter sich vorzugsweise in den sächsischen 
und süddeutschen Arbeitervereinen organisierten, die sich zunächst noch als zugehörig 
zur sächsischen und süddeutschen Volkspartei betrachteten, aber durch die natürliche 
Entwicklung der Dinge ebenfalls auf den Boden gedrängt werden, auf dem der Allgemeine 
deutsche Arbeiterverein stand : die selbständige politische Vertretung der Arbeiterklasse zu 
fordern und darzustellen. Auf dem fünften Vereinstag der deutschen Arbeitervereine vom 
5. bis 7. September 1868 in Nürnberg wurde in Erwägung, 

') Die Griindang der deutsohen Sozialdemokratie. 



Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 45 



„das3 alle auf die ökonomifolie Emanzipation gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der 
Solidarität (Vereinigung) zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem Nichtvorhandensein 
eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den arbeitenden Klassen der verschiedenen Länder gescheitert 
sind; dass die Emanzipation der Arbeit weder ein lokales, noch ein nationales, sondern ein soziales Problem (Auf- 
gabe) ist, welches alle Länder umfasst, in denen es moderne Gesellschaft gibt, und dessen Lösung von der prak- 
tischen und theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittenen Länder abhängt", 

der Anschluss an die Bestrebungen der Internationalen Arbeiter-Association beschlossen. 
Gleichzeitig gelangte nach lebhaften Auseinandersetzungen mit 69 gegen 46 Stimmen 
folgendes Programm zur A nnahme : 

Der zu Nürnberg versammelte fünfte deutsche Arbeitervereiostag erklärt in nachstehenden Punkten 
seine Übereinstimmung mit dem Programm der Internationalen Arbeiterassoziation: 

\. Die Emanzipation (Befreiung der arbeitenden Klassen) muss durch die arbeitenden Klassen selbst er- 
kämpft werden. Der Kampf für die Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für Klassenpri- 
vilegien und Monopole, sondern für gleiche Rechte und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassen- 
herrschaft , 

2. Die ökonomische Abhängigkeit des Mannes der Arbeit von dem Monopolisten (dem ausschliesslichen 
Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der 
geistigen Herabwürdigung und der politischen Abhängigkeit. 

3. Die politische Freiheit ist die unentbehrliche Vorbedingung zur ökonomischen Befreiung der arbeitenden 
Klassen. Die soziale Frage ist mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt und nur 
möglich im demokratischen Staat. 

Zum Präsidenten wurde August Bebel gewi^hlt. 

Beide Richtungen der Arbeiterbewegung hatten sich bereits an den Wahlen zum 
konstituierenden Reichstag im Februar 1867 und zum norddeutschen Reichstag im August 
1867 beteiligt. Bei den Wahlen zum konstituierenden Reichstag entfielen auf den Allge- 
nieiuen deutschen Arbeiterverein rund 40000 Stimmen, ohne dass es ihm gelang, ein 
Mandat zu erobern, während die sächsische Volkspartei, deren Kern die sächsischen 
Arbeitervereine bildeten, und die sich am 19. August 1866 in Chemnitz konstituiert 
hatte, mit etwa 18000 Wählerstimmen in Glauchau - Meerane Bebel und in Zwickau — 
Crimmitschau Schraps, beide allerdings erst in der Stichwahl, durchbrachte. Bei den 
Wahlen zum norddeutschen Reichstag wurden 7 Kandidaten der Arbeiterpartei gewählt, 
und zwar für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein von Schweitzer in Elberfeld — 
Barmen und Reincke in Lennep — Mettmann, für die sächsischen Arbeitervereine Bebel in 
Glauchau— Meerane, Schraps in Zwickau — Crimmitschau, Wilhelm Liebknecht in Stollberg — 
Schneeberg, Dr. Götz in Leipzig-Land und Försterling in Chemnitz. Auf den Streit zwischen 
beiden Richtungen einzugehen würde zu weit führen. Man kann die Differenzpunkte in An- 
lehnung an Mehring") wohl am besten so präzisieren, dass, nachdem in der Schlacht bei 
Königgrätz die eisernen Würfel zu Gunsten Preussens gefallen waren, der Allgemeine 
deutsche Arbeiterverein die nunmehr geschaffene Sachlage annahm, nicht mit irgend welcher 
Anerkennung, geschweige denn Begeisterung, sondern als den Abschluss einer historischen 
Entwicklung, die sich nicht mehr rückgängig machen lasse, die auch das Proletariat 
annehmen müsse, nicht als einen Boden, auf dem es sich einrichten könne, sondern als 
einen Platz, von dem aus es nunmehr den Kampf um seine Emanzipation führen müsse, 
wohingegen die sächsische Volkspartei die durch den Krieg geschaffenen Zustände unver- 
söhnlich zu bekämpfen, die gross-deutsch-demokratische Einheitstendenz ungeschmälert auf- 
recht zu erhalten und die Zusammenberufung eines konstituierenden Parlaments zu erstreben 
beschloss, das von allen deutschen Staaten mit Einschluss Deutsch-Oesterreichs zu beschicken 
sei. In diesem Beschluss lag nach Mehring der Schwerpunkt des Chemnitzer Programms, 
das lieh in seincL politisch sozialen Forderungen sonst nahe mit dem Programm des Allge- 
meinen deutschen Arbeitervereins berührte, wenn es auch nicht so prinzipiell sozialistisch war. 

•) Die Gründung der deutschen Sozialdemokratie. 



46 Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 

Mit dem Verhalten Schweitzers unzufrieden, erliessen hervorragende Mitglieder des 
Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, darunter Wilhelm Bracke, AVillielm Klees und 
Theodor York am 22. Juni 1869 einen Aufruf zur Beschickung eines grossen allgemeinen 
Kongresses zur wirklichen Vereinigung aller Sozialdemokraten Deutschlands. Wie Bebel 
in seinen Lebenserinnerungen mitteilt, hatten auch er und Liebknecht an der Besprechung, 
die der Veröfientlichung des Aufrufs voranging, mitgewirkt; die beiden unbestrittenen 
Führer der spateren sozialdemokratischen Partei Deutschlands haben also schon damals alles 
zur Einigung der Arbeiter getan. Vierzehn Tage später erschien ein zweiter Aufruf von 
Sozialisten der verschiedensten Richtung mit der Ankündigung, dass der Einigungskongress 
am 7. August I8t59 in Eisenach zusammen treten wei-de. Hier wurde am 8. August 1869 
die Gründimg der sozialdemokratischen Arbeiterpartei mit einem Programm beschlossen, 
welches als Ziel die Einrichtung des freien Volksstaates hinstellte und folgende Grundsätze 
proklamierte : 

1. Die heutigen politischen und sozialen Zustände sind im höchsten Grade ungeresht und daher mit der 
grössten Energie zu bekämpfen. 

2. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für Klassenprivilegien und 
Vorrechte, sondern für gleiche Rechte und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft. 

3. Die ökonomische Abhänsigkeit des Arbeiters von dem Kapitalisten bildet die Grundlage der Knecht- 
schaft in jeder Form, und es erstrebt deshalb die sozialdemokratische Partei unter Abschaffung der jetzigen Pro- 
duktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit den vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter. 

4. Die politische Freiheit ist die unentbehrlichste Vorbedingung zur ökonomischen Bsfreiung der ar- 
beitenden Klassen. Die soziale Frage ist mitlün unzertrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt 
und nur möglich im demokratischen Staat. 

5. In Erwägung, dass die politische und ökonomische Befreiung der Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn 
diese gemeinsam und einheitlich den Kampf führt, gibt sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei eine einheitliche 
Oiganisation, welche es aber auch jedem einzelnen ermöglicht, seinen Einfluss für das Wohl der Gesamtheit 
geltend zu machen. 

6. In Erwägung, dass die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch nationale, sondern eine soziale 
Aufgabe ist, welche alle Länder, in denen es moderne Gesellschaft gibt, umfasst, betrachtet sich die sozialdemo- 
kratische Arbeiterp;^rtei. soweit es die Vereinsgesetze gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiter- Assoziation, 
sich deren Bestrebungen anschliessend. 

Organ der Partei wurde der „Volksstaat", das bis dahin von Wilhelm Liebknecht 
redigierte nDemokratische Wochenblatt". 

Auf die Dauer konnten die beiden Gruppen nicht getrennt bleiben, die Gegensätze, 
die zum Teil in Personen begründet waren, musstcn sich abschleifen, und die Verfolgungen 
der Regierung, die sich in gleicher Weise gegen die Lass lUeaner wie gegen die Eisenacher 
richteten, taten das übrige zur Annäherung. Von Schweitzer hatte, nachdem der „Sozial- 
deniokrat" am 3U. April 1871 eingegangen war, am '60. Juni desselben Jahres das Präsidium 
des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins niederlegt. Bald darauf trat er aus dem Verein 
aus, die Erbitterung gegen ihn nahm solche Dimensionen an, dass eine am 22. Mai 1872 
in Berlin abgehaltene Generalversammlung ihn als Regierungsagenten hinstellte, der die 
Arbeiterbewegung zu spalten und aufzuhalten gesucht habe, und den Bcschluss fasste, ihn 
gegebenenfalls nicht wieder in den Verein aufzuneinnen. Unter seinem Nachfolger Wilhelm 
Hascnclevcr hörten die Kämpfe mit den Eisenachern zunächst noch nicht auf. Aber 
politische Differenzpunkte zwischen den beiden Gruppen bestanden so gut wie nicht 
mehr, an Stärke waren sie fast gleich, und so konnte denn — gefördert durch die 
Aera Tesseiidorf, des Berliner Staatsanwalts, der im Sommer 1874 die vorläufige 
Schliessung sowohl des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins als auch der Berliner 
Mitgliedschaft der Eisenacher Partei verfügte — der endliche Zusammenschluss nur noch 
eine Frage der Zeit sein. Während die Frankfurter Generalversammlung des Allgemeinen 
deutschen Arbeitervereins 1873 über einen Antrag auf Anbahnung einer Vereinigung der 
beiden Fraktionen mit allen gegen die «wei Stimmen der Antragsteller xur Tagesordnung 



Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 4? 

übergegangen war, stimmten auf der Generalversammlung zu Hannover im Jalire 1874 
bereits 19 von 69 Delegierten für einen Antrag, der die Notwendigkeit einer Vereinigung 
aller sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands betont, wenn er auch von bestimmten 
Vorschlägen absah, solange nicht ,,der Kongress der Eiseiiacher konstatiert, dass auch er 
eine Einigung aufrichtig anstrebt''. Nachdem dann der Kongress der Eisenacher in Coburg 
(18 — 21. Juli 1874) erklärt hatte, dass er der Einigung der beiden deutschen Arbeiter- 
fraktionen geneigt sei, bot im Herbst desselben Jahres Wilhelm Töicke namens des Allgemeinen 
deutschen Arbeitervereins den Eisenachern die Hand zur Versöhnung, und so trat denn 
nach vertraulieiien Vorbesprechungen und nach Veröffentlichung eines Programm- und 
Organisationsentwurfs vom 22. bis 27. Mai 1875 der Vereinigungskongress in Gotha zusammen. 
Das hier beschlossene Programm lautet in seinem grundsätzlichen Teile : 

1. Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da allgemein nutzbringende Arbeit nur 
durch die Gesellschaft möglich ist, su gehört der Gesellschaft, d. h. allen ihren Gliedern, das gesamte Arbeits- 
produkt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem Recht, jedem nach seinen vernunftgemässen Bedürfnissen. 

In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte 
Abhäng'gkeit der Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in allen Formen, 

Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft und 
die genossenschaftliche Regelung der Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung 
des Arbeitsvertrages. 

Die Befreiung der Arbeit muss das Werk der Arbeiterklasse sein, der gegenüber alle anderen Klassen nur 
eine reaktionäre Masse sind. 

2. Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit allen 
gesetzlichen Mitteln den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen Lohngesetzes 
durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung 
aller sozialen und politischen Ungleichheit. 

Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst im nationalen Rahmen wirkend, ist 
sich des internationalen Charakters der Arbeiterbewegung bewusst und entschlossen, alle Pflichten, welche 
derselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüflerung aller Menschen zur Wahrheit zu machen. 

Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die 
Errichtung von sojialistisehen Produkt ivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontr. lle 
des aibeitenden Volkes. Die Produki ivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem Umfange ins 
Leben zu rufen, dass aus ihnen die so^ialistisehe Organisation der Gesamtarbeit entsteht. 

Die Organisation der Partei wurde so gestaltet, dass an die Spitze ein fünfköpfiger 
Vorstand mit dem Sitz in Hamburg und eine siebengliedrige Kontrollkommission mit dem 
Sitz in Leipzig trat. In den Vorstand wurden drei Lassalleaner und zwei Eisenacher ge- 
wählt, und zwar Hasenclever als erster. Hartmann als zweiter Vorsitzender, Auer und 
Derossi als Schriftführer, Geib als Kassierer. Vorsitzender der Kontrollkommission wurde 
Bebel. In Konfliktsfällen zwischen beiden Körperschaften sollte ein Ausschuss 
von 18 Mitgliedern aus verschiedenen Orten Deutschlands die Entscheidung treffen. Die 
höchste Instanz bildete der Kongress. Als offizielles Parteiorgan bestanden „Volksstaat" 
und „Neuer Sozialdemokrat" vorläufig nebeneinander; beide Blätter wurden auf dem nächsten 
Kongress, der vom 19. bis 28. August 1876 gleichfalls in Gotha tagte, zu einem einheit- 
lichen Organ „Vorwärts" verschmolzen. Erscheinungsort des Blattes war Leipzig, zu 
Redakteuren wurden Liebknecht und Hasenclever ernannt. Im ganzen verfügte die Partei 
damals über 23 Blätter, von denen 2, die Berliner Freie Presse und das Hamburg-Altonaer 
Volksblatt, täglich erschienen. Bis zum nächsten Kongress, der im Jahre 1877 wiederum in 
Gotha zusammentrat, hatte sich die Zahl der politischen Blätter auf 41 vermehrt, darunter 
1.3 täglich erscheinende. Dazu kam das Unterhaltungsblatt „Neue Welt", und am 1. Oktober 
1877 erschien auch die erste Nummer einer wissenschaftlichen Parteizeitschrift unter dem 
Namen „Die Zukunft". 

Auch bei den Reichstagswahlen war die Zahl der für die Sozialdemokratie abgegebenen 
Stimmen und die Zahl der sozialdemokratischen Mandate von Jahr zu Jahr gestiegen. Als 
die vereinigte Partei zum erstenmal an die Wahlurne trat, am 10. Januar 1877, brachte 



4$ Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 

sie es auf 493 000 Stimmen gegen 352 000 im Jahre 1874. Das bedeutet eine Vermehrung 
um 40 "/o, während die Bevölkerungsziffer um noch nicht 4 % und die Zahl der Wahl- 
berechtigten nur um 4,7 ^\q gestiegen war. Mehr als der zwanzigste Teil aller Wahl- 
berechtigten hatten ihre Stimmen für die Kandidaten der Sozialdemokratie abgegeben, von 
denen 7 im ersten, und 5 weitere im zweiten Wahlgang gewählt wurden. Bei der voran- 
gegangenen Wahl hatte die Sozialdemokratie es nur auf 9 Mandate gebracht. 

So waren alle Vorbedingungen für eine gedeihliche Weiterentwicklung der Partei 
gegeben, als plötzlich ein Ereignis eintrat, das die Entwicklung zwar nicht aufhalten konnte, 
ihr aber doch zunächst wenigstens schwere Hemmnisse in den Weg legte. Schon vor den 
Walilen des Jahres 1877 hatte die Regierung beim Reichstage anlässlich der Reform des 
Strafgesetzbuches eine Gesetzesbestimmung beantragt, durch welche mit Gefängnis bedroht 
werden sollte, „wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene 
Klassen der Bevölkerung gegeneinander öffentlich aufreizt oder wer in gleicher Weise die 
Institute der Ehe, der Familie und des Eigentums öffentlich durch Rede oder Schrift an- 
greift". Der Reichstag hatte die Bestimmung einmütig abgelehnt. Ais nun am 11. Mai 
1878 in Berlin Unter den Linden ein Klempnergeseile Hödel in dem Augenblick, als der 
Kaiser vorüberfuhr, einige Revolverschüsse abgab, die als ein Attentat gegen das Staats- 
oberhaupt ausgelegt wurden, benutzte Bismarck die Gelegenheit, dem Reichstage noch in 
demselben Monat einen „Gesetzentwurf zur Abwehr sozialdemokratischer Ausschreitungen" 
zu unterbreiten, der neben anderen drakonischen Massnahmen gegen die Sozialdemokratie 
dem Bundesrat die Ermächtigung geben sollte, Druckschriften und Vereine, welche die 
Ziele der Sozialdemokratie verfolgen, zu verbieten, der ferner der Polizei das Recht gab, 
Versammlungen zu verbieten oder aufzulösen, wenn Tatsachen vorliegen, welche die An- 
nahme reclitfei-tigen, dass sie Zielen der Sozialdemokratie dienen sollen. Das Gesetz sollte 
sofort in Kraft treten, seine Geltungsdauer war auf drei Jahre berechnet. Ob Hödel wirklich 
ein Attentat gegen Wilhelm I. beabsichtigt hatte, oder ob er nicht vielmehr, wie er be- 
hauptete, sich selbst hat erschiessen wollen, um dadurch die Aufmerksamkeit des Kaisers 
auf das Elend der Massen zu lenken, bleibe dahingestellt. So viel aber ist sicher, dass er 
mit der sozialdemokratischen Partei nicht das allergeringste zu tun hatte, als Anhänger 
Stöckers vielmehr ein fanatischer Gegner der Sozialdemokratie war. Bei der Beratung des 
Gesetzentwurfs im Reichstage Hess die sozialdemokratische Fraktion durch den Mund 
Liebkneclits folgende Erkiäruntr abgeben : 

„Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche Untersuchung geschlossen ist, zur 
Ausführung eines lange vorberoiteten Reaktionsstreichs zu benutzen, um die „moralische Urheberschaft" des noch 
uner^v^esenen Murdattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei aufzuwalzen, welche den Mord in jeder Form 
verurteilt und die wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen einzelner Personen ganz un- 
abhängig auffasst, richtet sich selbst so vollständig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, dasa wir, die Ver- 
treter der sozialdemokratischen Wähler Deutschlands uns zu der Erklärung gedrungen fühlen: 

Wir erachten es mit unserer Würde nicht vereinbar, an der Debatte des dem Reichstag heute vorliegenden 
Ausnahmegesetzes teilzunehmen und worden uns durch keinerlei Provokationen, von welcher Seite sie kommen 
mögen, in diesem Entschiusa erschüttern lassen. Wohl aber werden wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil 
wir es für unsere Pflicht halten, zur Verhütung eines beispiellosen Attentats auf die Volksfreiheit d:is unsrige 
beizutragen, indem wir unsere Stimmen in die Wagschale weifen. Falle die Entscheidung des Reichstages aus, 
wie Bio Wolle, die deutsche Sozialdemokr.atie, an Kampf und Verfolgung gewöhnt, blickt weiteren Kämpfen mit 
jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die das Bewusstsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht." 

Der Gesetzentwurf fand nicht die Zustimmung des Reichstages, er wurde am 24. Mai 
1878 gegen die Stimmen der Konservativen und der beiden Nationalliberalen Bcseler und 
von Treitschke abgelehnt. Wenige Tage darauf, am 2. Juni, erfolgte das Attentat Nobilings 
auf den deutschen Kaiser. Obwohl Nobiiing in der Sozialdemokratie vollständig unbekannt 
war und den sogenannten besten Kreisen angehörte, und obwohl man niemals erfahren hat, 
was ihn zu dem Attentat veranlasste, machte Hismarck auch für dies Attentat ohne weiteres 
die Sozialdemokratie verantwortlich. Der Reichstag, der sich seinen Bestrebungen nicht 
willfährig genug gezeigt hatte, wurde unbekümmert darum, dass sich jetzt auch die national- 



Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 49 

liberalen Abgeordneten und die nationalliberale Presse für ein Ausnahmegesetz erklärten, 
am 11. Juni aufgelöst und die Neuwahlen auf den 30. Juli festgesetzt. Trotz eines mit 
beispielloser Verhetzung gegen die Sozialdemoki-aten geführten Wahlkampfes — wurden 
d och die Sozialdemokraten mit den verruchtesten Mördern auf eine Stufe gestellt ^ erlitt 
die Partei doch nur eine geringe Einbusse an Stimmen, die Zahl derselben sank von 
493 000 auf 437 000 und die Zahl der Mandate von 12 auf 9. Im übrigen wies der neue 
Reichstag in seiner Zusammensetzung eine solche Veränderung auf, dass Bismarck erreicht 
hatte, was er wollte; er konnte je nachdem eine konservativ-nationalliberale oder eine 
konservativ -ultramontane Mehrheit bilden. Sofort bei seinem Zusammentritt legte die 
Regierung dem Reichstage den Entwurf eines „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen 
Bestrebungen der Sozialdemokratie" vor, der an Schärfe den abgelehnten Entwurf weit 
übertraf. Verlangte er doch das Verbot von Vereinen, welche durch sozialdemokratische, 
Bozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- und 
Gesellschaftsordnung bezwecken ! Des weiteren sah er die Auflösung aller sozialdemokratischen 
Versammlungen, ja sogar von vornherein ihr Verbot vor, und ebenso das Verbot aller 
sozialdemokratischen Schriften. Auf die Uebertretung des Gesetzes stand schwere Strafe. 
Das sclüimmste aber war, dass nach dem Entwurf die Verhängung des kleinen Belagerungs- 
zustandes und in Verbindung damit die Ausweisung sozialdemokratischer Agitatoren zulässig 
war. Der Entwurf wurde mit unwesentlichen Aenderungen und unter Beschränkung seiner 
Geltungsdauer auf 2^/2 Jahre mit 221 gegen 149 Stimmen am 10. Oktober 1878 angenommen 
und bereits 2 Tage darauf am 21. Oktober als Gesetz verkündet. 

Zwölf Jahre lang hat die deutsche Sozialdemokratie unter dem Ausnahmegesetz 
gestanden, das zwar ursprünglich nur bis zum 31. März 1881 Geltung hatte, dann aber 
von Periode zu Periode verlängert wurde. Eine Zeit der schwersten Verfolgungen brach 
über die Partei und ihre Mitglieder herein, fast die gesamte sozialistische Literatur wurde 
unterdrückt, Versammlungen wurden planmässig verboten, Vereine sowohl politischer als 
gewerkschaftlicher Ai't wurden autgelöst, über Berlin und andere Grossstädte wurde der 
Belagerungszustand verhängt. Zahllos waren die Ausweisungen, unerhört hart die Bestrafungen, 
kurz und gut, das Gesetz wurde in der denkbar schärfsten Form ausgelegt, Tausende von 
Existenzen wurden vernichtet. In folgenden Zahlen spiegelt sich die Leidensgeschichte der 
Sozialdemokratie unter dem Ausnahmegesetz wieder: Nach einer ungefähren Statistik waren 
unter dem Sozialistengesetze 1.300 periodische oder nichtperiodische Druckschriften und 
332 Arbeiterorganisationen der einen oder anderen Art verboten worden. Ausweisungen 
aus den Belagerungsgebieten waren gegen 900 erfolgt, von denen über 500 die Ernährer 
von Familien betroffen hatten; auf Berlin fielen 293, auf Hambui-g 311, auf Leipzig 164, 
auf Frankfui't 71, auf Stettin 53, auf Spremberg 1; in Offenbach hatte sich die hessische 
Regierung an der Ausweisung nicht ortsangehöriger Reichsbürger genügen lassen. Die 
Höhe gerichtlich verhängter Freiheitsstrafen belief sich auf etwa 1000 Jahre, die sich auf 
1500 Personen verteilten. Mehring^), dem wir diese Angaben entnehmen, fügt hinzu: 
„Wenn alle diese Ziffern noch nicht entfernt an die Wirklichkeit heranreichten, so gaben 
sie auch an und für sich nur ein ganz ungenügendes Bild von der Fülle des vernichteten 
Menschenglückes und Menschenlebens, von den zahllosen Märtyrern, die durch kapitalistische 
oder polizistische Drangsalierungen von ihrem armen Herde vertrieben, ins Elend der Ver- 
bannung gejagt, in ein frühes Grab gestürzt worden waren." 

Der Schlag traf die Partei unvorbereitet, aber schon nach einem Jahre hatte sie sich 
soweit wieder erholt, dass sie im Auslande ein Blatt „Sozialdemokrat" ins Leben rufen 
konnte, dessen erste Nummer am 28. September 1879 in Zürich erschien. Im Jahre 1888 
wurde die Redaktion, da die Leiter des Blattes infolge des Drucks, den die deutsche Re- 
gierung auf die schweizerischen Behörden ausübte, aus der Schweiz ausgewiesen wurden, 
nach London verlegt. Die Verbreitung des „Sozialdemokrat" war mit grossen Gefahren 



*) Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Band 4. 
Hundbudi der Politik. iL Auflagu. Band U. 



50 l*aHl Mirsch, Die Sozialdeiiioknitie. 



verknüpft, Gefahren, denea nur opfermiitige und von der Heilig-keit ilirer Sache durch- 
drungene Männer sich zu unterziehen imstande sind. Mit allen Mitteln wurde der „Sozial- 
demokrat" in Deutschland verfolgt, mit den schwersten Strafen wurde seine Verbreitung 
geahndet, aber ungeachtet aller Gefahren wurde er Woche für Woche über die Grenze 
geschmuggelt und mit einem waliren Heisslmnger von den Parteigenossen verschlungen. 
Welcher Verbreitung sich das Blatt erfreute, erlicllt am besten daraus, dass es nicht nur 
seine Herstellungskosten deckte, sondern noch reichliche Mittel zu Agitationszwecken abwarf. 
Auch sonst Hess es die Partei an der Herausgabe aufklarender Schriften über den Sozialismus 
nicht fehlen; besonders hervorzuheben ist die in Zürich erschienene „Sozialdemokratische 
Bibliothek", eine Sammlung von Abhandlungen, die während des Ausnahmegesetzes und 
nachher ungeheuer viel zur Verbreitung sozialistischer Ideen unter den Arbeitern bei- 
getragen haben. 

Der erste Kongress der Partei nach Erlass des Sozialistengesetzes tagte vom 20. bis 
23. August 1880 auf Schloss Wyden in der Nähe von Ossingen im Kanton Zürich. Der 
Ort der Tagung dieses sowie aller übrigen Kongresse unter dorn Ausnahmegesetz blieb trotz 
der vorherigen Ankündigung, dass ein Kongress abgehalten werde, stets tiefes Geheimnis, 
vor allem erfuhr die Polizei niemals etwas davon. Der wichtigste Beschluss des AVj'dener 
Kongresses, der von 56 Teilnehmern — in ilirer überwiegenden Meln-zahl aus Deutschland, 
aber auch Vertretern der deutschen Sozialisten in der Schweiz, in Frankreich und Belgien 
sowie von je zwei österreichischen und schweizerischen Parteigenossen — besucht war, war 
die Streichung des Wortes „gesetzlich" aus dem zweiten Absatz des Gothaer Programms. 
Die Gegner der Sozialdemokratie und eine Reihe von Staatsanwälten zogen aus der Streichung 
dieses Wortes den Schluss, damit sei ausgesprochen, dass die Partei in Zukunft nur noch 
mit ungesetzlichen und revolutionären Mitteln ihre Ziele zu erstreben suchen werde. Auf 
dem Kongress selbst wurde von den Rednern, welche für den Antrag sprachen, ausgeführt, 
dass es nach der Art und Weise, wie das Sozialistengcäetz gehandhabt werde, einfach ein 
Widersinn wäre, das Wort „gesetzhch" im Programm stehen zu lassen. Die Partei sei 
tatsächlich ausserhalb des Gesetzes gestellt und für vogelfrci erklärt, und was von der Partei 
ausgehe, werde verfolgt. Unter solchen Umständen sei die Erklärung, nur mit gesetzlichen 
Mitteln wirken zu wollen, entweder eine der Partei unwürdige Heuchelei oder aber, wenn 
man das Wort ernst nehmen wolle, ein Verzicht auf jede selbständige Aktion und sozial- 
demokratische Propaganda.*) 

Schon der nächste Kongress (29. März bis 2. April 1883 in Kopenhagen) zeigte, dass 
die Partei die Schlappen, die ihr das Sozialistengesetz beigebracht hatte, überwunden hatte. 
Der dritte und letzte Kongress unter dem Ausnahmegesetz (2. bis 6. Oktober 1887 in 
St. Gallen) beauftragte Auer, Bebel und Liebknecht mit der Durcharbeitung des Partei- 
programms. Der Entwurf sollte in allen seinen Teilen in der sozialistischen Presse zur 
Besprechung kommen, zur Abstimmung sollte der hieraus sich ergebende Entwurf auf dem 
nächsten Parteitage gelangen. Wie wenig sich die Sozialdemokratie durch die Verfolgungen 
und Drangsalierungen der Behörden entmutigen Hess, zeigt die Schlussrede des Vorsitzendon 
Paul Singer, der der festen Zuversicht Ausdruck gab, „dass die Partei in Deutschland trotz 
aller Bedrückungen unentwegt vorwärts marschieren werde und dass keine Macht der Erde 
imstande sei, den befreienden Ideen der Sozialdemokratie sich mit Aussicht auf Erfolg ent- 
gegenzustellen". Das war nicht die Sprache von Besiegten, nicht die Sprache von Leuten, 
die vor dem Feinde kapitulieren, sondern die Sprache von Männern, die gewillt sind, den 
Kampf bis zu Endo zu führen. 

Es liegt kein Grund vor, zu leugnen, dass die Partei im ersten Jahre des Ausnahme- 
gesetzes vor dem Zusammenbruch stand, dass es einer Riesenarbeit und grosser Hingebung 
bedurft hat, um sie wieder aufzm-ichten. Aber die Mühe, deren sich so mancher bravo 
Parteigenosse unterzog, wurde herrlich belohnt, fester und fester schlössen sich die Reihen der 



'J Nach 10 Jahren, Material und Glossen zur Oosohiohte des Sozialistengesetzes. 



Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 51 

überzeugten Sozialdemolcraten, und sobald man sich von dem ersten Schreck erholt hatte, stiegen 
auch wieder die bei den Reichstagswahlen abgegebenen Stimmen, die bei der ersten Wahl unter 
dem Ausnahmegesetz im Jahre 1881 auf 312 000 gesunken waren. Man darf aber nicht vergessen, 
dass die Wahlbeteiligimg eine verhältnismässig schwache war, und dass zweifellos ein Teil der für 
den Sozialismus bereits gewonnenen Arbeiter durch die beständigen Verfolgungen und fortgesetzten 
Drohungen eingschüchtert wnrden und deshalb von der Wahlurne fernblieben. Trotz des Stimmen- 
rückgangs errang die Partei im Jahre 1881 13 Mandate, allerdings erst in den Stichwahlen, von 
denen eins mibesetzt bleiben musste, da Liebloiecht doppelt gewählt war und in der Nachwahl 
das Mandat für Mainz verloren gmg. Glänzend war der Wahlsieg im Jahre 1884, wo es die Sozial- 
demokratie auf 550 000 Stimmen und 24 Mandate brachte, von denen sie neun sofort in der Haupt- 
wahl eroberte. Bei den Septennatswahlen des Jahres 1887 stieg die Stimmenzahl auf 763 000, aber 
trotzdem verlor die Partei mehr als die Hälfte ihrer Mandate, sie brachte in der Haiiptwahl nur 
sechs und in den Stichwahlen nur fünf Kandidaten durch. 

Inzwischen war das Sozialistengesetz wiederholt, zuletzt bis zum 30. September 1890 ver- 
längert worden. Im Winter 1889/90 verlangte Bismarck vom Reichstage das Erlöschen des'Gesetzes 
als Ausnahmegesetz und seme Umgestaltung zu einem dauernden ordentlichen Gesetze. Die Mehr- 
heit des Reichstages war bereit, ihm zu folgen, doch verlangten die NationalUberalen gewisse Mil- 
dermigen, vor allem die Streichimg der Ausweisiuigsbefugnis der Polizei. Hierfür waren die Kon- 
servativen nicht zu haben, sie stimmten, da die NationalUberalen in der zweiten Lesung ihren Willen 
durchgesetzt hatten , nunmehr gegen das ganze Gesetz, das somit am 25. Januar 1890 abgelehnt wurde. 
Bei den Wahlen, die bald darauf, am 20. Februar 1890 stattfanden, erwies sich die Sozialdemokratie 
als stärkste politische Partei Deutschlands. Der Erfolg kam selbst den Parteigenossen überraschend, 
die Stimmenzahl hatte sich fast verdoppelt, sie war von 763 000 auf 1 427 000 emporgeschnellt 
luid betrug 14,1 % aller Wahlberechtigten. Ja, von denen, die ihr Wahlrecht ausgeübt hatten, 
hatten sogar 19,7 %, fast der fünfte Teil, für die sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt. Die 
Zahl der errungenen Mandate allerdings stand zu der Stimmenzahl in keinem Verhältnis, denn 
während das Zentrum mit 1 340 000 Stimmen 106 Mandate erhielt und auf die beiden konservativen 
Parteien mit 1 370 000 Stimmen 93 Mandate entfielen, wurden die fast 1^,4 MilUonen sozialdemo- 
kratischen Wähler nur durch 35 Abgeordnete vertreten, von denen 20 ohne Stichwahl den Sieg 
errangen. Vier Wochen nach den Wahlen, am 20. März 1890, reichte Bismarck sein Entlassungs- 
gesuch ein, und an eine Verlängermig des Sozialistengesetzes dachte niemand mehr, sodass es im 
September 1890 ohne weiteres erlosch. 

Während der nächsten zwei Jahrzehnte zeigte die Sozialdemokratie ein gleichmässiges 
unaufhaltsames Fortschreiten. Im Jahre 1893 errang sie bei der 1 787 000 Stimmen 44, im Jahre 
1898 bei 2107 000 Stimmen 56 und im Jahre 1903 bei mehr als 3 Millionen Stimmen 81 Mandate, 
davon 56 sogleich in der Hauptwahl. Im Jahre 1907 sank die Zahl ihrer Mandate zwar auf 43, aber 
die Zahl der für die Partei abgegebenen Stimmen war auf 314 Millionen gestiegen, die Kandidaten 
der Sozialdemokratie hatten mehr Stimmen auf sich vereinigt als die irgend einer anderen Partei. 
Allerdings war die Stimmenzunahme nicht eine so grosse wie in früheren Jahren, aber die Nieder- 
lage von 1907, wenn man in dem Wahlausfall durchaus eine Niederlage erblicken will, wurde reich- 
lich wettgemacht dm-ch die Er;olge bei den Nachwahlen, wo es der Sozialdemokratie gelang, eine 
Reihe von lüeisen zu erobern, die noch niemals in ihrem Besitz gewesen waren, und durch das 
Resultat der Wahlen zum Preussischen Landtag im Jahre 1908, wo zum erstenmal Vertreter der 
Sozialdemokratie in das Preussische x\bgeordnetenhaus einzogen. Mehr als ausgeglichen wurde 
der Misserfolg von 1907 bei den Wahlen des Jahres 1912, wo die Sozialdemokratie mit 110 Abge- 
ordneten, die 414 Milhonen Stimmen auf sich vereinigt hatten, als stärkste Partei in den Reichstag 
zog. Auch die Wahlen zu den gesetzgebenden Körperschaften in anderen Bundesstaaten fielen recht 
günstig aus. 

An Versuchen zur Unterdrückung der Sozialdemokratie hat es auch nach dem Fall 
des Sozialistengesetzes nicht gefehlt, nur glaubte man jetzt auf Grmid des gemeinen Rechtes 
vorgehen zu sollen. Der erste Versuch dieser Art war die dem Reichstage im Jahre 1894 
unterbreitete Umsturzvorlage, zu deren Begründung der damalige Reichskanzler Fürst Hohen- 

4* 



52 Paul ftirsch. Die Sozialdemoknitie. 



lohe ausführte: .,0b das Ausnahmegesetz gute oder geringe Wirkung gehabt hat, lasse ich 
dahingestellt. Man hat es wieder fallen lassen, und die gegen die Monarchie, die Religion 
und alle Grundlagen unserer Staats- und Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen 
konnten ungehindert ihren Fortgang nehmen; dem kann der Staat nicht untätig zusehen. 
Wir suchen die Abhilfe nicht in einem Ausnahmegesetz, aber in einer Verschärfung und 
Ergänzung der Bestimmungen des gemeinen Rechts." Der Reichstag lehnte die Vorlage ab. 
Der nächste gesetzgeberische Versuch war die sogenannte Zuchthausvorlage, die dem Reichs- 
tage am 1. Juni 1899 unterbreitet wui'de, aber gleichfalls nicht die Zustimmung der Mehrheit 
fand. Schon vorher war ein Versuch der preussischen Regierung im Jahre 1897, das 
damalige preussische Vereinsgesetz zu verschärfen iind es zu einem Kampfgesetz gegen die 
Sozialdemokratie zu gestalten, gescheitert. 

Über die Entwicklung der Sozialdemokratie seit dem Fall des Sozialistengesetzes 
geben Auskunft die Berichte, die der Parteivorstand alljährlich an den Parteitag erstattet. 
Auf dem ersten Parteitag zu Halle 1890 konstituierte sich die Partei als „Sozialdemokratische 
Partei Deutschlands". Auf dem Erfurter Parteitag 1891 schuf sie sich ihr Programm, das 
bis zum heutigen Tage unverändert geblieben ist, das sogenannte Erfurter Programm, dessen 
prinzipiellen Teil wir im Wortlaut folgen lassen: 

Die ökonomische Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Naturnotwendigkeit zum Unter- 
gang des Kleinbetriebes, dessen C4rundlage das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln bildet. 
Sie trennt den Arbeiter von seinen Produktionsmitteln und verwandelt ihn in einen besitzlosen Proletarier, 
indes die Produktionsmittel das Monopol einer verhältnismässig kleinen Zahl von Kapitalisten und Grossgrund- 
besitzern werden. 

Hand in Hand mit dieser Monopolisierung der Produktionsmittel geht die Verdrängung der zersplitterten 
Kleinbetriebe durch kolossale Grossbetriebe, geht die Entwicklung des Werkzeugs zur Maschine, geht ein riesen- 
haftes Wachstum der Produktivität der menschlichen Arbeit. Aber alle Vorteile dieser Umwandlung werden von 
den Kapitalisten und Grossgrundbesitzern monopolisiert. Für das Proletariat und die versinkenden Mittelschichten 
— Kleinbürger, Bauern — bedeutet sie wachsende Zunahme der Unsicherheit ihrer Existenz, des Elends, des 
Drucks, der Knechtung, der Erniedrigung, der Ausbeutung. 

Immer grösser wird die Zahl der Proletarier, immer massenhafter die Armee der überschüssigen Arbeiter, 
immer schroffer der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, immer erbitterter der Klassenkampf 
zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der die moderne Gesellschaft in zwei feindliche Heerlager trennt und das 
gemeinsame Merkmal aller Industrieländer ist. 

Der Abgrund zwischen Besitzenden und Besitzlosen wird noch erweitert durch die im Wesen der kapita- 
listischen Produktionsweise begründeten Krisen, die immer umfangreicher und verheerender werden, die allgemeine 
Unsicherheit zum Normalzustand der Gesellschaft erheben und den Beweis liefern, dass die Produktivkräfte der 
heutigen Gesellschaft über den Kopf gewachsen sind, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln unvereinbar 
geworden ist mit deren zweckentsprechender Anwendung und voller Entwicklung. 

Das Privateigentum an Produktionsmitteln, welches ehedem das Mittel war, dem Produzenten das Eigentum 
an Beinern Produkt zu sichern, ist heute zum Mittel geworden, Bauern, Handwerker und Kleinhändler zu expropri- 
ieren und die Nichtarbeiter — Kapitalisten, Grosfgrundbositzer — in den Besitz des Produkts der Arbeiter zu setzen. 
Nur die Verwandlung des kapitahstischon Privateigentums an Produktionsmitteln — Grund und Boden, Gruben 
und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Mascliinen, Verkehrsmittel — in gesellschaftliches Eigentum, und die Um- 
wandlung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion kann es 
bewirken, dass der Grossbetrieb und die stets wachsende Ertragsfähigkeit der gesellschafthchen Arbeit für die 
bisher ausgebeuteten Klassen aus einer Quelle des Elends und der Unterdrückung zu einer Quelle der höchsten 
Wohlfahrt und allseitiger harmonischer Vervollkommnung werde. 

Diese gesellschaftliche Umwandlung bedeutet die Befreiung nicht blos des Proletariats, sondern des gesamten 
Menschengeschlechts, d.is unter den heutigen Zuständen leidet. Aber sie kann nur das Werk der Arbeiterklasse sein, 
weil alle anderen Klassen, trotz der Interossenstreitigkeiten unter sich, auf dem Boden des Privateigentums anPro- 
duktionsmitteln stehen und die Erhaltung der Grundlagen der heutigen Gesellschaft zum gemeinsamen Ziel haben. 

Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung ist notwendigerweise ein politischer 
Kampf. Die Arbeiterklasse kann ihre ökonomischen Kämpfe nicht führen und ihre ökonomische Organisation 
nicht entwickeln ohne politische Rechte. Sie kann den Übergang der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamt- 
heit nicht bewirken, ohne in den Besitz der politischen Macht gekommen zu sein. 

Diesen Kampf der Arbeiterklasse zu einem bewussten und einheitlichen zu gestalten und ihm sein naturnot- 
wendiges Ziel zu weisen — das ist die .Xufgabe der sozialdemokratischen Partei. 



l*aul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 53 



Die Interessen der Arbeiterklasse sind in .allen Ländern mit kapitalistischer Produktionsweise die gleichen. 
Mit der Ausdehnung des Weltverkehr.-; und der Produktion für den Weltmarkt wird die Lage der Arbeiter eines 
jeden Landes immer abhängiger von der Lage der Arbeiter in den anderen Ländern. Die Befreiung der Arbeiter- 
klasse ist also ein Werk, an dem die Arbeiter aller Kulturländer gleichmässfg beteiligt sind. In dieser Erkenntnis 
fühlt und erklärt die sozialdemokratische Partei Deutschlands sich eins mit den klassenbewussten Arbeitern aller 
übrigen Länder. 

Die sozialdemokratische Partei Deutschlands kämpft also niclit für neue Klassenprivilegien und Vor- 
rechte, sondern für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst und für gleiche Rechte und 
gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Von diesen Anschauungen aus- 
gehend bekämpft sie in der heutigen Gesellschaft nicht blo.ss die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, 
sondern jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein 
Geschlecht oder eine Rasse. 

Von Fragen, die die weiteren Parteitage be.schäftigten, seien genannt der Staatssozialis- 
nius, die Stellung der Sozialdemokratie zur Gewerkschaf t.slaewegung, die Agrarfrage, die Frauen- 
frage, die Frage der Beteiligung an den preussischen Landtagswahlen, die Zoll- und Handelspolitik, 
die Grundanschauungen und die taktische Stellungnahme der Partei, eine Frage, deren Erorterimg 
durch das Auftreten der Revisionisten notwendig wurde, ferner die Frage dov Weltpolitik, der 
Arbeiterversichenmg, der Kommunalpolitik, des politischen Massenstreiks, der Volkserziehung, 
der Sozialpolitik, die Genossenschaftsfrage, die Alkoholfrage, die Steuerfrage und die Frage der 
Bekänipfimg der .Arbeitslosigkeit. Vom Jahre 1900 ab haben auch wiederholt besondere Frauen- 
konferenzen getagt, die letzte im Jahre 1911 in Jena. Die Protokolle über die Parteitage, über die 
Landesversammlungen der Sozialdemola-aten in den einzelnen Bundesstaaten, über die Kon- 
ferenzen der sozialdemokratischen Gemeindevertreter bieten ein Bild von dem regen Leben, das in 
der Partei herrscht. 

Getreu ihren Grundsätzen betätigt sich die Sozialdemokratie auch auf internationalem 
Gebiet. Auf den internationalen Arbeiter- und Sozialistenkongressen (1890 in Paris, 1891 in 
Brüssel, 1893 in Zürich, 1900 in Paris, 1904 in Amsterdam, 1907 in Stuttgart, 1910 üi Kopen- 
hagen und 1913 in Basel) war sie vertreten und hat regen Anteil an den Verhandlungen genommen, 
dem internationalen sozialististischen Bureau in Brüssel ist sie angeschlossen. 

Über den augenblicklichen Stand der Bewegung gibt der Bericht an den Parteitag in Jena 
.Ui.skunft. Hiernach belief sich die Anzahl der organisierten Sozialdemokraten am 31. März 1913 
auf 982 850, gegenüber dem 1. Juli 1912 ein Mehr von 12 738. Die Fortschritte der proletarischen 
Jugendbewegung lassen sich an dem Abonnentenstand der ,, Arbeiterjugend" ermessen, der zurzeit 
89 409 beträgt und sich auf mehi' als öm Orte verteilt. Jugendausschüsse bestehen an 655, besondere 
Jugendheime an 291 Orten. Die Agitation unter den Landarbeitern hat gleichfalls gute Fortschritte 
gemacht, und ebenso ist über die Frauenbewegung nur Günstiges zu berichten. 

In den Landtagen von 22 Bundesstaaten sitzen insgesamt 231 sozialdemokratische Abge- 
ordnete, in .509 Städten und 2973 Landgemeinden zählt die Partei zasammen 11681 Gememdever- 
treter, wozu noch 320 Vertreter im Magistrat, im Stadtrat oder im Gemeindevorstand von 65 Städten 
imd 120 Landgemeinden kommen. Die Zahl der Tageszeitungen beträgt 90. Das Zentralorgan, 
der ,, Vorwärts", lieferte im letzten Jahre 280 000 M., die wissenschaftliche Revue „Die neue Zeit", 
das Witzblatt ,,Der wahre Jakob" und die Frauenzeitimg, die ,, Gleichheit", zusammen 100 000 M., 
die Buchhandhmg „Vorwärts" 20 000 M. als Überschuss an die Parteikasse ab. Dagegen erfordert 
die ,, Kommunale Praxis" Zuschüsse. Vom Parteivorstand ressortiert ein besonderes Pressebureau, 
das die Parteizeitungen mit Nachrichten versorgt, ein Bildungsausschuss, die Zentialstelle für 
die arbeitende Jugend und die Parteischule, die bereits ihren sechsten halbjährigen Kursus hinter 
sich hat. Die Gesamteinnahmen allem bei der Zentralkasse beliefen .sich im letzten Jahre auf 
1469 718 M., die Gesamtausgaben auf 1075 551 M. 

Das Wesen der Sozialdemokratie geht aus der Entstehungsgeschichte der 
Partei imd aus ihrem Programm deutlich hervor. Als Vertreterin einer wii-tschafthch 
schlecht gestellten und politisch unterdrückten Klasse, flu' deren soziale Hebung imd 
poütische Gleichberechtigaing sie kämpft, muss die Sozialdemokratie ihrem innersten Wesen 



54 Paul Hirsch, Die Sozialdemokratie. 



nach demokratisch sein, nnd zwar radikal-demokratisch. Gleichzeitig muss sie für weit- 
gehende Eingriffe der öffentlichen Gewalten in die freie Gestaltung der wirtschaftlichen 
Verhältnisse zu Gunsten der wirtschaftlich Schwächeren eintreten, wie sie das besonders in 
den Parlamenten, vor allem bei Beratung der Arbeiterschutzgesetze, von jeher getan hat. 
Das politische Ziel ergibt sich aus dem Vorhergehenden von selbst : eine 
radikale Demokratie, also eine Demokratie ohne jede Beschönigung, eine Staatsverfassung 
auf republikanischer Grundlage. Ueber die Einzelheiten einer solchen Verfassung, ob 
Republik nach französischem Muster mit einem Präsidenten an der Spitze, oder nach 
schweizerischem Muster mit einem Bundesrat, oder wie sonst, hat die Partei noch nie 
Gelegenheit gehabt, offiziell ihre Ansichten zu entwickeln. Aus leicht erklärlichen Gründen. 
Die unmittelbaren politischen Kampfziele können nicht nach dem Belieben von Parteien 
gewählt werden, sie resultieren vielmehr aus der gesamten Gestaltung der politischen Ver- 
hältnisse. Nach Lage der Dinge aber ist in Deutschland, speziell in Preussen, eine Partei- 
stellun" im politischen Kampf: hie Repu1)likaner — hie Monarchisten ! vorläufig ausgeschlossen. 
Hier handelt es sich zunächst lediglich um eine stärkere Demokratisierung unserer gesamten 
staatlichen und gesellscliaftlichen Einrichtungen, um ihre Durchdringung mit demokratischem 
Geiste. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass als weiteres Ziel die völlige demokratische 
Verfassung auf republikanischer Grundlage mit aller Klarheit und Deutlichkeit hingestellt wird. 
Auch auf wirtschaftlichem Gebiete erschöpft sich die unmittelbare Tätigkeit zwar in 
dem Kampf um eine Besserung der Lage der Arbeiterklasse mit Hilfe der Gesetzgebung 
— nicht nuj" der Industriearbeiter, sondern aus dem Wesen der Partei folgt der Versuch 
der Einbeziehung aller schlechtgestellten Klassen, vor allem auch der Landarbeiter in die 
Reihen der Partei. Dieser unmittelbare Tageskampf kann selbstredend kein endgültiges 
Ziel sein, das eine Partei als ihr Ideal bezeichnet und für das sie Kämpfer aus allen 
Klassen werben kann. Ebensowenig kann sie als Ziel die Errichtung einer neuen Klassen- 
herrschaft, etwa die Herrschaft der Klasse der Industriearbeiter oder der Arbeiter schlecht- 
weg aufstellen. Ziel der Sozialdemolcratie ist vielmehr die Schaffung eines Zustandes, in 
welchem die Klassengegensätze überhaupt vei'schwunden sind. Die Partei erstrebt daher 
die Ueberwindung der Klassengegensätze durch Aufiicbuug der Klassen selbst. Mit der 
völligen politischen Gleichberechtigung muss Hand in Hand gehen eine Beseitigung der 
vei'schicdfnen Klassen und damit eine vollständige Beseitigung der wirtschaftlichen Grund- 
lagen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. An die Stelle der Warenproduktion, der 
Produktion der Verbrauchsgiiter als Waren für den Markt, soll eine sozialistische Produktion 
treten, in welcher alle Güter als Verbrauchsg Liter hergestellt werden und die den Gegensatz 
zwischen den um Lohn arbeitenden Proletariern und den am Verkauf der Waren 
interessierten Unternehmern beseitigt. 

Charakteristisch für die sozialdemokratische Partei ist das Bewusstsein ihrer eigenen 
historischen Bedingtheit, wie überhaupt der historischen Bedingtheit aller politischen 
und wirtscliaftlichen Zustände. Die Partei stellt ihre Ziele nicht als willkürliche auf, die 
zu einer beliebigen Zeit ersonnen und verwirklicht werden können, sie ist vielmehr von 
einer Entwicklung des Menschengeschlechts im Sinne einer aufsteigenden Kultur überzeugt 
in dem Sinne, dass nicht nur die Kultur selbst immer mehr verfeinert wird, sondern dass 
vor allem der Genuss der Kulturgüter über immer breitere Massen sich erstreckt. Die 
Ti'äger dieser .Vufwärtsontwieklung der Menschheit sind von jeher die Unterdrückten 
gewesen, deren Kampf daher stets auch ein Kampf für die Förderung der allgemeinen 
Kultur war. So ist es auch heute, und deshalb ist gerade die sozialdcmokratisciie Partei 
diejenige, die den Kam])f für die aligemeinen Kulturintcressen führt. Aus der jeweils erreichten 
Entwicklungsstufe ergeben sieh mit innerer Notwendigkeit die Aufgaben, die erfüllt werden 
müssen, um zu einer höheren Kulturstufe emporzusteigen. Deshalb glaubt die Partei, ihre 
Ziele nicht nach Willkür gesetzt zu haben, sondern sie sucht sie aus dem allgemeinen 
politischen und wirtschaftlichen Entwicklungsgang zu erschliessen, und in dem Eintreten für 
diese Ziele glaubt Bio den notwendigen Entwicklungsgang zu befördern und zu beschleunigen. 



1)) Der Revision ismiis in der Sozialdemokratie. 

Von 

Eduard Bernstein, M. d. R., Berlin. 

Literatur: 

1. Die Protokolle folgender Piuteitage der deutschen Sozialdemokratie: Erfurt (1891), Breslau (1895), 
Hannover (1899), Lübeck (1901), Dresden (1903), Nürnberg (1908), Magdeburg (1910). 2. Auf Sätze von Ed. Bernstein, 
Dr. Ed. David, Ad. von Eltn, Paul Göhre, Paul Kampftmeyer, Ludwig Frank, Hugo Lindemann, Dr. Conrad 
Schmidt und anderen in verschiedenen Jahrgängen der von Dr. Jos. Bloch herausgegebenen „Soziahstischen 
Monatshefte'- (Erscheinungsort: Berlin). 3. Schriften von Ed. Beinstein (Die Voraussetzungen des Soziahs- 
mus und die .\ufgaben der Sozialdemokratie, Stuttgart, J. H. W. Dietz Nachf. ; Zur Theorie und Geschichte des 
Sozialismus, Berlin, Ferd. Dümmler; Der Revisionismus in der Sozialdemokratie, ein Vortrag vor Studenten, 
Amsterdam, Martin 0. Cohen Nachf.), von Dr. Ed. David (Der Sozialismus und die Landwirtschaft, Berlin, Verlag 
der Sozialistisclien Monatshefte), von Rudolf Goldscheid (Verelendungs- oder lleliorationstheorie? Berlin, eben- 
daselbst), von Paul Kampffmeyer (Wohin steuert die ökonomische und staatliche Entwicklung? Berlin, ebenda- 
selbst). Von nichtsozialdemokratischen Autoren behandeln insbesondere H. Herkner in ' den neueren Auflagen 
seiner „Arbeiterfrage" und "Werner Sombart in den neuesten Auflagen seines „Sozialismus und soziale Bewegung 
im 19. Jahrhundert'' die Entwicklung des Eevisionismus in der Sozialdemokratie. Kritisch behandelt diesen 
Gegenstand Robt. Brunhuber „Die heutige Sozialdemokratie", Jena 190G, Gustav Fischer, welche Schrift die 
Gegenschrift des Unterzeichneten „Die heutige Sozialdemokratie in Theorie und Praxis", München 1906, G. Birk 
& Co., hervorgerufen hat. Von Abhandlungen aus sozialdemokratischen Kreisen gegen die revisionistischen 
Tendenzen ist die eingehendste die Streitschrift K. Kutskv's ,, Bernstein und das .sozialdemokratische Programm". 
Stuttgart 1899, J. H. W. Dietz Nachfolger. 

Es gibt in der Sozialdemokratie Deutschlands keine abgeschlossene Fraktion, die sich als 
revisionistisch bezeichnete, noch gibt es eine genau umgrenzte Theorie oder ein ausgearbeitetes 
Programm, die diesen Titel fükrten. Revisionismus ist vielmehr der Name für eine Strömmig, der 
Sozialisten angehören oder zugerechnet werden, die in vielen Punkten wiederum unter sich diffe- 
rieren, etwa wie das in der Reformation hinsichtlich des Protestantismus, in der grossen englischen 
Revolution beim Puritanismus und in der ersten Periode der grossen französischen Revolution bei 
jenen PoHtikern der Fall war, die sich zunächst unterschiedslos als Demokraten bezeichneten. Das 
Wort zeigt nur das Bedürfnis oder Verlangen nach Änderungen an, ohne diese Änderungen schon 
genau zu umgrenzen. LcdigHch ihre Richtung steht ausserhalb allen Zweifels. Revisionismus heisst 
Weiterbildimg von Theorie und Praxis der Sozialdemokratie im evolutionistischen Sinne. 

Wer die Geschichte der Sozialdemokratie kennt, weiss, dass es solche Tendenzen immer in 
der sozialistischen Partei gegeben hat. Auch die heute von der Sozialdemokratie aller Länder als 
Begründer der Theorie des modernen SoziaUsmus anerkannten K a r 1 M a r x und Friedrich Engels 
waren gegenüber den zu ihrer Zeit vorherrschenden soziahstischen Doktrinen Revisionisten. Der 
dogmatisch kritisierenden Ideologie stellten sie die materiaüstische Geschichtsauffassung gegen- 
über, die vor allem gesellschaftliche Entwickhmgstheorie ist. In der Anwendung der Theorie 
wiederum verhält sich schon der an Jahren jüngere Ferdinand Lassalle ihnen gegenüber stark ab- 
weichend, noch mehr aber würde auf Lassalle's befähigtesten Nachfolger in der Leitung des allge- 
meinen Arbeitervereins J. B. von Schweitzer die Bezeichnung als Revisionist passen. Denn 
wenn Lassalle sich von Marx-Engels durch die grössere Wertung des allgemeinen gleichen 
Wahlrechts tmterscheidet, so war J. B. von Schweitzer Neuerer in bezug auf die ganze Stellung 
zum Parlamentarismus. Er ist in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie der Vater der 
parlamentarischen Reformarbeit. 

Schweitzer fand, wie man weiss, mit seiner Neuerimg einen erbitterten Gegner und Kritiker 
in Wilhelm Liebknecht, und in dem Kampf dieser beiden Männer spiegelt sich der Kampf 
zweier Betrachtungsweisen wieder, die in allen Parteien, in allen grossen Bewegungen einander 
den Rang streitig machen und deren Widerstreit eng auf unser Thema Bezug hat : der Kampf der 
absolutistischen mit der relativistischen Behandlung der Dinge. Die letztere war hier durch Schweitzer, 
die erstere durch Liebknecht repräsentiert, dessen apodiktische Argumentierungsweise drastisch 



56 Eduard Bernstein, Der ReTisioiiisinus in dor Sozialdemokratie. 

in dem bekannten Satz aus seiner 1869 gegen Schweitzer gerichteten Rede „Die politische Stellung 
der Sozialdemokratie'^ zum Ausdruck kommt, die den Parlamentarismus verwirft. Sie lautet: 
„Die Sozialdemokratie darf unter keinen Umständen und auf keinem Gebiet mit den 
Gegnern verhandeln. Verhandeln kann man nur, wo eine gemeinsame Grundlage 
besteht. Mit prinzipiellen Gegnern verhandeln heisst sein Prinzip opfern. Prin- 
zipien sind imteilbar; sie werden entweder ganz bewahrt oder ganz geopfert. Die 
geringste prinzipielle Konzession ist die Aufgebung des Prinzips. Wer mit Feinden 
parlamentelt, parlamentiert, wer parlameutiert, paktiert." 
Diese Sätze sind nun freilich nie in der deutschen Sozialdemokratie buchstäblich befolgt 
worden. War doch auch Liebknechts engerer Bundesgenosse August Bebel schon damals in 
bezug auf den Parlamentarismus etwas andre Wege gegangen, so dass die Rede zugleich an seine 
Adresse gerichtet war. Aber Liebknecht siegte persönlich über Schweitzer, und bei seiner grossen 
Popularität beeinflusste seine Beurteilung des Parlamentarismus doch lange Zeit das Denken seiner 
Partei. Sie konnte dies um so mehr, als sie im Endergebnis in hohem Grade mit den Anwendungen 
zusammenfiel, die Marx und Engels aus ihrer Lehre vom Klassenkampf und den ökonomischeu 
Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft gezogen hatten, so wenig Liebknechts Deduktion, dass man 
schon durch blosses Verhandeln mit Gegnern Prinzipien opfere, der materialistischen Geschichts- 
auffassung entspricht. Die letztere Theorie ist aber systematisch erst Ende der siebziger Jahre und im 
Laufe der achtziger Jahre in der Sozialdemokratie propagiert worden und eroberte die Geister in 
der Epoche des Bismarck'schen Ausnahmegesetzes, die nicht geeignet war, eine Abrechnung mit 
jenen poUtischen Deduktionen herbeizuführen. 

Nachdem aber das Soziahstengesetz gefallen war, musste das Bedürfnis nach jener Abrech- 
nung sich um so eher aufdrängen, als schon in den letzten Jahren der Geltung des Gesetzes die 
Sozialdemokratie dem Parlamentarismus einige weitere Zugeständnisse (Teilnahme an Kom- 
missiousberatungen etc.) gemacht hatte, und das starke Wachsen ihrer Vertretungen im Reichstag 
und den Landtagen verstärkte Wahrnehmung von Arbeiterinteressen möglich machte. Es er- 
folgten im Jahre 1891 die Reden Georg von V o 1 1 m a r s in München über die nächsten Aufgaben 
der Sozialdemokratie, die eine Konzentration auf bestimmte Reformen vorschlugen, und wenn 
der Vorschlag auch noch im Herbst jenes Jahres auf dem Kongi-ess der Sozialdemokratie zu Erfurt 
eine Ablehnung erfuhr, so war die Diskussion der Fragen, die die Debatte über ihn aufgewühlt 
hatte, damit noch nicht abgeschlossen. 

Neue Fragen traten vielmehr hinzu. So gegen die Mitte der neunziger Jahre die A g r a r - 
frage. Die immer stärkere Hinaustragimg der Agitation auf das platte Land, wo man namentlich 
in Süddeutschland mit demokratisch gerichteten Klein- und selbst Mittelbauern zusammenstiess, 
sowie der damalige gro.sse Preissturz auf dem Markt der Haupt produkte der Landwirtschaft legten 
den Gedanken nahe, dass die Sozialdemokratie sich auch der Bauern anzunehmen habe. Aber wie 
sollte das geschehen und wo war die Grenze zu ziehen, wenn die Partei sich nicht mit den Sätzen 
des eignen, 1891 in Erfuit beschlossenen Programms in Widerspruch setzen wollte, das die Bauern 
als eine vor dem Grossgrundbetrieb versinkende Schicht geschildert hatte ? Es geschah in den De- 
batten über diese Frage, dass zuerst die Parole Revision der Parteianschauungen 
ausgegeben wurde. Auf dem Parteitag von Breslau (1895) erldärte der Delegierte Dr. Bruno Schön- 
I a n k , es vollziehe sich eine ,,Revision der Vorstellungsweise" in der Sozial- 
demokratie, eine ,,Umbildung der Begriff c", die „unaufhaltsam weitergehe" und vor 
der „der Fanatismus der Parteidogmatiker zu zerbröckeln" beginne. (Breslauer Protokoll S. 152.) 
Prinzipiell war damit die Grenze einer bloss taktischen Diskussion schon überschritten, war die 
theoretische Grundlage des Parteipiogramms an einem wichtigen Punkt in Frage gestellt. 
Andere warfen die Frage auf, ob die materialistische Geschichtsauffassung in der Auslegung stimme, 
in der sie zumeist in der Partei propagiert \vurde, ob der bewussten Aktion nicht eine grössere ge- 
schichtliche Bestimmungskraft zugeschrieben werden müsse, als wie es nach jener Auslegung er- 
.scheiue, und schliesslich ward 1899 in einem Buch des Unterzeichneten ,.Die Voraussetzungendes 
Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" ausgeführt, die Sozialdemokratie müsse die 
Idee von einem in Bälde zu erwartenden wirtschaftlichen Zusammenbruch der Gesellschaft ganz 



Eduard Bernstein, Der Revisionismus in der Sozialdenioliratie. 57 

verabschieden und um so konsequenter auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet Reformarbeit 
betreiben. Das Buch rief leidenschaftlichen "Widerspruch hervor, und der sozialdemokratische 
Parteitag von 1899 (Hannover) beschloss nach mehrtägigen Debatten eine Resolution, in der er- 
klärt wurde, dass für die Sozialdemokratie keine Ursache vorliege von ihren Grundanschauungen 
abzugehen. Aber in der Debatte hatten eine namhafte Anzahl von Rednern sich mehr oder weniger 
zu ähnlichen Anschauungen bekannt, wie der Verfasser jenes Buches, und die Strömung behielt 
Bestand. In Anknüpfimg an eine Schrift von Dr. Alfred Nossig ,, Revision des Sozialismus", 
die 1901 herauskam, ward ihr schliesslich die Bezeichnung ,, Revisionismus" beigelegt, obwohl die 
Schrift selbst vonden meisten, die man nach ihr nannte, ziemhch schroff abgelehnt worden war. Nossig 
kehrte der Sozialdemokratie den Rücken, aber die Bezeichnung selbst blieb und erhielt schliesslich 
auch bei denen Kiu's, die erst damit getroffen werden sollten. Der Revisionismus bezieht sich also 
sowohl auf die Theorie wie auf die Praxis des Soziahsmus. In ersterer Hinsicht bedeutet er die 
Nachprüfung und entsprechende Neuformulierung der Theorie an der Hand der Erfahrung und 
erweiterten Erkenntnis. Da aber diese Theorie selbst Entwicklungstheorie ist und ihre Schöpfer 
das dogmatische Denken und die Proklaniierung von letzten Wahrheiten verwarfen, he'sst die 
Revisioii hier fast nur Ablehnung von bestimmten Auslegungen der Theorie und von Folgerungen, 
die zu verschiedenen Zeiten aus ihr gezogen wurden. DieGegen überstellung Marxis 
m u s — R e v i s i o n i s m u s h a t i n s o f e r n k e i n e R e a 1 i t ä t. Sie erhält sie erstdadurch, 
dass man Sätze von sekundärer Bedeutimg und gewisse Anwendungen der Marx'schen Theorie für 
integrierende Teile dieser erklärt und danach die Scheidung vornimmt. Die Fundamentalsätze der 
Marx'schen Gesellschaftstheorie werden auch von den Revisionisten anerkannt. Soweit die Theorie 
in Betracht kommt, wäre es also richtiger von einem Revisionismus im Marxismus 
als von einem antimarxistischen Revisionismus zu sprechen. 

In der Praxis heisst der Revisionismus grundsätzliche Betonung der R e f o r m a r b e i t 
in Politik und Wirtschaft. Es wird das zuweilen mit „Opportunismus" gleichgesetzt. Aber in der 
Politik knüpft sich an den Begriff des Opportunismus die Vorstellung der Preisgabe wichtiger Grund- 
sätze, von Erfolgshascherei und schwächlicher Rechnimgsträgerei, und deshalb muss die Gleich- 
setzung abgelehnt werden. Es ist auch eine konsequente Reformarbeit ohne das möglich. Aus ähn- 
lichem Grunde ist das, auch sprachlich unschöne Wort „Possibilismus" abzulehnen. Viele revisio- 
nistischeSozialdemokraten haben dagegen die Bezeichnung als Reformisten für sich akzeptiert. 

In der Betonung der Reform liegt das Wesen der Praxis des sozialdemokratischen Revi- 
ionismus. Da nun auch die in der Sozialdemokratie vorherrschende Richtung für Reformen kämpft, 
das geltende Programm der Partei Reformen aller Art fordert und Partei tagsbeschlüsse dasReform- 
programm sehr erweitert haben, ist auch hier der Unterschied nur einer des Grades der Akzen- 
tuierung. Massgebend für die stärkere oder schwächere Betonung ist aber nicht die Rücksicht auf 
Mächte des Tages, sondern die Auffassung vom allgemeinen Gang der gesellschaftlichen Entwicklung. 
Wo keine solche theoretische Grundlage das Handeln normativ bestimmt, fehlt ein für den Revi- 
sionismus wesentliches Moment. Aber auch ohne sie können Parteien oder Parteifraktionen durch 
die Sprache der Tatsachen zu Änderungen ihrer Politik veranlasst werden, die jener Auffassung 
entsprechen. Ein Beispiel dafür liefern die Budgetbewilligungen durch sozialdemolcratische Frak- 
tionen in süddeutschen Landtagen. Grundsätzlich kann die Frage der Abstimmung über Budgets 
nur unter Bezugnahme auf die Theorie der politisch-sozialen Entwicklung entschieclen werden, und 
es liegt auf der Hand, dass die wesentlich evolutionistische Auffassung von der Stellung der Sozial- 
demokratie im modernen Staatsleben dahin führt, unter bestimmten Voraus.setzungen auch im 
nichtsozialdemokratischen Staat Budgets zu bewilligen. Da in Süddeutschland jene Voraussetzungen 
ziemlich gegeben waren, Hess jedoch schon einfaches politisches Nachdenken die Budgetbewilligung 
als angezeigt erscheinen. 

Auf drei Kongressen — Lübeck 1901, Nürnberg 1908 und Magdeburg 1910 — hat sich die 
Mehrheit der deutschen Sozialdemokratie scharf gegen die Budgetbewilligungen ausgesprochen, 
und nachdem schon auf einem andern Kongress — Dresden 1903 — die revisionistischen Ten- 
denzen, definiert als ,, Entgegenkommen an die bestehende Ordnung der Dinge", heftige Verur- 
teilung erfahren hatten, ward auch den Resolutionen von Nüi-nberg und Magdeburg eine ent- 



58 Konrad v. Wangenheim, Bund der Laudwirte. 

sprechende Formulierimg gegeben. Es wäre aber irrig, diese Beschlüsse als Anzeigen für die all- 
gemeinen Aussichten der Eeformideen des Re\äsionismu3 in der Sozialdemokratie zu nehmen. Sie 
sind zum Teil dadurch erklärt, dass die politischen Verhältnisse in den Norddeutschen Staaten, 
dem grösseren Teile Deutschlands, noch nicht so geartet sind, Sozialdemolcraten die Bewilligung 
der Budgets zu empfehlen. Auch wird eine grosse, und namentlich eine radikale Partei an ihrer 
traditionellen Politik immer nur langsam ändern. In anderen Punkten, wie z. B. in der Würdigung 
der Gewerkschaf tsaktionen, insbesondere der Tarifverträge, in der Wertschätzung der Arbeiter- 
konsumvereine und der kommunalen Reformarbeit, lässt sich eine Entwicklung zu der vom Revi- 
sionismus vertretenen Auffassung gar nicht verkennen. Sie entspricht auch, wie im Vorstehenden 
gezeigt wurde, der ganzen Entwicklungsgeschichte der Partei. Dass sie sich nicht ununterbrochen, 
nicht in grader Linie vollzieht, ist die natürliche Folge des eigentümlichen Ganges der allgemeinen 
Entwicklung in Deutschland . Reaktionsmassregeln der Regierenden wirken ihr entgegen und können 
sie unter Umständen sogar zurückwerfen. Aber, wie nach dem Fall des Sozialistengesetzes, wird 
auch dann, nachdem der Sturm erst vorüber, der Sozialdemokratie der revisionistische Einschlag 
nicht fehlen. 



3(). Absciniitt. 

Wirtselialtliclie Bünde. 



a) Blind der Landwirte. 



Vuii 

Konrad Freiherrn von Wangenheim auf Kl ein -Spiegel, 

\ oisit/.uiulein lies Bundes der [iandwirte. 

Literatur : 

von Kic.ienwulter, ,,Zehii Jalav Wiitscluilts-poliliselicn Kiiiupfe,---, Beilin 1^03; ,.Konesi)omleu/. dos 
B.d.L."; ,, Stimmen aus dem agiari.sclien T/iigor"; ,,I\Iatcrialien zum Zolltarif"; ,,Dic Vorhandlungoli der 
Kreditkommis.sion des B.d.L. vom 17. bis 19. 7. 1894"; Satzungen des B.d.L."; „Eiläuterungon zu § 29 
der Satzungen des B.d.L. (Gewährung besonderer •wirtschaftlicher Vorteile für die Mitglieder des B. d. L.)"; 
„Bundeskniender"; „Mitteilungen des B. d. L."; Agrarisches Handbuch", siimthch erschienen im Verlag des 
B. (1. L. — ..Deutsclie .Agrarkorresjjondenz'-, hrsg. von Edmund Klapper. 

Der Bund der Landwirte umfasst das Gebiet des deutschen Reiches und hat seinen Sitz in 
Berlin. Der Zweck des Bundes ist: alle landwirtschaftlichen Interessenten, ohne Rücksicht auf die 
politische Partelstellung und Grösse des Besitzes, zur Wahrung des der Limhvirtschaft gebührenden 
Eiiiflusee.'' auf die Qesetzgebimg zusammen zu schliessen, um der Landwirtschaft eine ihrer Be- 



Konrad v. Wangenheim, Bund der Landwirte. 59 



deutung entsprechende Vertretung in den parlamentarischen Körperschaften zu verschaffen. 
(§ 2 d. S.) 

Die Mitglieder müssen deutsche Reichsangehörige sein und einem der christhchen Bekennt- 
nisse angehören (§ 3 d. S). 

Die Organe des Bundes sind (§ 6 d. S.): 

a) Die General- Versammlung, 

b) der Ausschuss, 

c) der Bundesvorstand, 

d) das Direktorium. 

Die General- Versammlung beschliesst mit verbindlicher Kraft in allen Bundesangelegen- 
heiteu, soweit sie nicht von anderen Buudesorganen zu besorgen sind. Der Ausschuss besteht aus 
dem Gesamtvorstand und den Vertretern der einzelnen Bundesstaaten. Er wählt den Bundesvor- 
stand und beschliesst über die Verwendung des Vermögens. Der Gesamtvorstand besteht aus 
14 Mitgliedern: 

1. den beiden Vorsitzenden, 

2. 11 anderen MitsHedern, 
.''i. dem Direktor. 

Die Mitglieder zu 1 una 2 beldeiden ihr Amt als Ehrenamt, die beiden Vorsitzenden und der Direktor 
bilden den engeren Vorstand. 

Die Organisation des Bimdes wird in folgender Weise geregelt (§ 2-5 d. S.) ; es werden gebildet : 

1. Ortsgruppen, 

2. Hauptgruppen, 

3. Bezirksabteilungen, 

4. Wahlkreis-Abteilungen, 

5. Provinzial- und Landes-Abteilungen. 

Sämtliche Vorsitzende und Stellvertreter werden von den in der betreffenden Gegend eingesessenen 
Bundesmitgliedem gewählt. Der Mindestbeitrag beträgt 3 M. ; als Beitragsnorm gilt in Preusseu 
die Gnmdsteuer, sonst die landwirtschaftlich benutzte Fläche. Die Gewährung wirtschaftlicher 
Vorteile: Buchführung, Beschaffung von Original- Saatgut, Futtermitteln und künstlichen Dünge- 
mitteln, landwirtschaftlichen Maschinen, Trichinenentschädigung, Raterteilung in Rechts- und Ver- 
sicherungsfragen, Vermittlung von Kreditauskünften erfolgt diuroh die ,, Verkaufsstelle des B. d. 
L.", G. m. b. H. Die GenossenschaftHche Zentralkasse des B. d. L., zum Zwecke der Finanzierung 
von Genossenschaften und zum bankmässigen Verkehr mit den Mitgliedern des B. d. L. gegründet, 
nimmt Depositeneinlagen entgegen und verzinst diese mit 3^4%- Auch wird sachgemässei Rat in 
Hypotheken- Angelegenheiten erteilt. 

Von den 327 470 Mitgliedern des B. d. L. wohnen westlich der Elbe 183 130, östlich der Elbe 
144 340; dem Gross- Grundbesitz gehören an 1733. 

Die deutschen Landwirte sind von Natur wenig geneigt, sich politisch zu betätigen. Einmal 
erschwert die Eigenart ihres Berufs, die ausserordentliche Verschiedenheit der wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse und das getrennte Wohnen einen Zusammenschluss, sodann aber war die Landwirtschaft 
von jeher daran gewöhnt, die Fürsorge für ihre Bedürfnisse der Regierung zu überlassen. Das war 
angängig, solange Deutschland überwiegender und exportierender Agrarstaat war, musste sich aber 
ändern mit der zimchmeuden Ausdehnung der Industrie, der gesteigerten Einfuhr ausländischer, 
landwirtschafthcher Erzeugnisse und dem dadm'ch veiursachteu Sinken der Preise derselben. 
Fürst Bismarck, selbst Landwirt, erkannte die veränderten Verhältnisse und vollzog deshalb den 
Übergang zur Schutzzollpolitik. Im Vertrauen auf seine Einsicht und Fürsorge wartete die Landwirt- 
schaft, trotz immer steigender Lasten und Löhne und stetig fallender Preise ihrer Erzeugnisse, ruhig 
die Weiterentwicklung ab. 



gO Kont'ad i: Wangenheim, Bund der Landwirte. 



Der Umscli\vung trat ein mit dem von Capri\T eingeschlagenen neuen Kurse der deutschen 
Wirtschaftspolitik. Die dadurch heraufbeschworene Gefahr rüttelte die Landbevölkerung aus ihrer 
Gleichgültigkeit auf. Caprivi woirde so indirekt der Begründer des B. d. L. Den ersten Anstoss zu 
der grossen Agrarbewegung gab der in der ,, Landwirtschaf tHchen Tierzucht" (Bunzlau) veröffent- 
lichte Artikel von Ruprecht-Ransern: „Ein Vorschlag zur Besserung unserer Lage"; — seine 
Wirkimg war eine gewaltige, weil er alles das offen aussprach, was Hunderttausende bewegte und 
mit schwerer Sorge erfüllte. Ihm folgte nach kurzer Zeit in demselben Blatt ein Aufruf Pommerscher 
Landwirte — ,,Eine Frage an die Regierung, eine Malmung au die deutschen Landwirte'", — dessen 
wesentücher Zweck es war, die entfachte Bewegung in ruhige Bahnen zu leiten und zu positiver 
Arbeit zu nutzen. Anschlies.send an diesen Aufruf fand alsdann am 18. 2. 1893 im Tivolisaal zu 
Berhn die Gründung des B. d. L. statt. Schon in diesem ersten Dokument sind die grundlegenden 
Anschauungen für den B. d. L. klar ausgesprochen : Erhaltung der christlich-monarchischen Staats- 
form, OpferwilUgkeit in allen nationalen Fragen, Schutz jeder nationalen Arbeit, insbesondere der 
Landwirtschaft als der Grundlage der Macht und der Stärke miseres Vaterlandes, Unabhängigkeit 
vom Auslande, Unabhängigkeit von den politischen Parteien. 

Die Arbeit des B. d. L. ist in erster Linie darauf gerichtet, dem deutscheu Volke diejenigen 
Grundlagen zu sichern, auf welchen allein es in luitionaler und idealer Beziehung stark und gesund 
erhalten werden kann. Durch den Schutz aller nationalen Arbeit will er Deutschland's wirtschaft- 
liche Unabhängigkeit vom Auslande herbeiführen, durch Erhaltung und Vermehrung eines boden- 
ständigen Mittelstandes in Stadt und Land, die durch die Industrialisierung gefährdete körperliche 
und sittliche Gesundheit unseres Volkes erhalten. Er steht so im schärfsten Gegensatz zu der gross- 
kapitalistischen Entwicklung, welche durch xVnhäufung riesiger Vermögen, durch Proletaiisierung 
der Massen, durch einseitige Förderung des Export-Handels noch jedes Kulturvolk zum Untergang 
geführt hat. In unveisöhnlichcr Gegnerschaft gegenüber der Sozialdemokratie tritt er für die 
Wahrung der göttlichen und weltlichen Autorität ein; im Gegensatz zu der individualistischen An- 
schauung unserer herrschenden Nationalökonomie vertritt er die christlich-organische Auffassung, 
welche jeden Menschen und jeden Berufsstand als Glieder des gesamten staatlichen Organismus 
betrachtet, der nur bei einem harmonischen Zusammenwirken aller seiner Glieder dauernd gedeihen 
kann. Der B. d. L. tritt deshalb für eine Verständigung ein zwischen den verschiedenen Berufs- 
ständen auf der gemeinsamen Grundlage des Schutzes der produktiven Arbeit. 

Der B. d. L. ist seit seinem Bestehen bemüht, durch Wort und Schrift diese Anschauungen 
in die weitesten Kreise des Volkes zu tragen und so die Überzeugung von der Gemeinsamkeit ihrer 
Interessen allen Berufsständen zum Bewusstsciu zu bringen. Wenn er in erster Linie für die Interessen 
der Landwirtschaft eintritt, so tut er das nicht um ihrer selbst willen, sondern in der Erkenntnis, 
dass sie die Grundlage unseres gesamten Staatsorganismus bildet, auf der alle übrigen Berufsstände 
sich aufbauen. Die Richtigkeit dieser Anschauung beweist die Geschichte aller Kultm-völker, be- 
weisen auch die Erfolge der jetzigen Politik des Schutzes der nationalen Arbeit, insbesondere der 
landwirtschaftlichen Produktion. Die deutsche Industrie hat die schwere Krisis der Jahre 1908 
bis 1910 nur deshalb leichter überstanden als diejenige anderer Länder, weil eine kaufkräftige Land- 
wirtschaft durch einen aufnahmefähigen Inlandsmarkt sie unabhängig von den Erschütterungen 
des Weltmarktes machte. Wenn also der B. d. L. durch Förderung einer gesunden, inneren Kolo- 
nisation, durch Förderung der landwil'tschaftlicheu Technik auf allen Gebieten, die Erweiterung 
des Inlandsmarktes erstrebt, so .sorgt er damit in ganz besonderem ATasse für die Interessen der 
deut.schen Industrie und des heimischen Gewerbes. 

Für die Verbreitung seiner Anschauung steht dem B. d. L. seine Presse (Koncspondenz des 
B. d. L.; das Wochenblatt B. d. L.; die Illustrierte landw. Zeitung) zur N'erfügimg. In zahlreichen 
Veröffentlichungen und durch einen Stab geschulter Wanderredner sucht er seine Anschauungen 
zu verbreiten, unterstützt durch eine Anznhl ihm licfreuudeter Zeitungen (Deutsche Tageszeitung, 
Berliner Blatt usw.). 

Der B. d. L. ist stets bereit gewesen, für tlie nationalen Bedürfnisse jedes noi wi'ndige Opfer 
zu bringen. Er ist stets bereit, die Autorität der Regierung zu stützen, lehnt aber blinden Gouver- 
uementalismus ebenso ab, wie die Umschmeichehmg der Massen. Gemäss seineu Grundsätzen sucht 



Michael Meyer, Der Deutsche Kauernbuud. 01 

der B. d. L. die wirtschaftlicLe Gesetzgebung dui'cli seine Veröffentlichungen und durch Einwirkung 
auf die Wahlen zu beeinflussen. Unter voller Wahrung seiner Selbständigkeit ist er bereit, alle 
politischen Parteien zu unterstützen, welche für seine Forderungen eintreten. 

Naturgemäss hat der B. d. L. durch diese seine Stellungnahme sich die erbitterte Gegner- 
schaft derjenigen wirtschaftlichen und politischen Parteien zugezogen, deren Bestrebungen er durch- 
kreuzt. Der Kampf zwischen ihm und jenen ist ein Kampf zwischen zwei grundverschiedenen Welt- 
anschaimngen, zwischen denen eine Versöhnung unmöglich ist. Sozialdemokratie und freihänd- 
lerischer Gross-Kapitalismus sehen deshalb in der Tätigkeit des B. d. L. mit vollem Recht das 
Hemnis für die von ihnen erstrebte Entwicklung. 

Ebenso wie auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet sucht der B. d. L. auch auf konfes- 
sionellem Gebiet versöhnend und ausgleichend zu wirken, indem er überall diejenigen Momente 
hervorhebt, welche die Gegensätze auszugleichen geeignet sind. 

Der B. d. L. ist bestrebt, seine Unabhängigkeit nach jeder Richtung zu bewahren ohne Rück- 
sicht auf Gunst oder Gegnerschaft. Politisches Strebertum und persönliche Eitelkeit finden bei 
ihm keine Unterstützung. Bei seiner Gründung wurde ihm ein Wahlspruch mitgegeben, welcher 
seine Richtschnur bisher war und stets bleiben wird: ,,Treu unserra Gott, treu unserm Kaiser, treu 
uns selbst." 



b) Der Deutsche Bauernbimd. 

Von 

Michael Meyer, 

Hedakteur des ..Deutschen Bauernbundes", Berlin-Steglitz. 

Literatur : • 

Stenographischer Bericht über die erste Bundesversammlung des Deutschen Bauembundes in G n e s e n 
am 6. Juli 1909. — K. Böhme, Deutsche Bauernpolitik, eine Auseinandersetzung mit dem Bund der Landwirte, 
Würzburg 1911. — Derselbe, Finanzreform und Bauernstand, Berlin und Leipzig 1909. — Derselbe, 
30 Jahre deutscher Schutzzollpolitik, Heidelberg 1909. — Derselbe, Die Agrarkonservativen und die innere 
Kolonisation, Berlin 1913. — Stenographischer Bericht über die Generalversammlung des Deutschen Bauembundes 
in Osnabrück 1912. — Jahrbuch des Deutschen Bauernbundes 1913. 

Der Deutsche Bauernbund ist eme wirtschaftspolitische Organisation, welche alle auf dem 
Boden des Schutzes der nationalen Arbeit stehenden und freiheitlich gesmnten Landwii'te, Bauern 
und Bauernfreunde, Landarbeiter und kleine Gewerbetreibende in allen deutschen Gauen ver- 
einigen will. 

Bereits am 17. März 1909 war in einer Ansiedlerversammlung in Gnesen die Schaffung eines 
Ansiedlerbnndes beschlossen worden, und daraufhin einigten sich die Führer dieser An- 
siedlerbewegung mit westdeutschen Landwirten zur Gründmig eines allgemeinen ,, Deutschen 
Bauernbundes". Dieser konstituierte sich am .30. Juni 1909 und schon am 6. Juli desselben Jahres 
konnte in Gnesen die erste grosse Bundesversammlung stattfinden. 

Bisher kam als einzige landwirtschaftlich-politische Organisation — wenn man von den 
konfessionellen katholischen Bauernvereinen absah — nur der Bmid der Landwii'te in Betracht. 
Mit der Zeit hatte man aber mehr und mehr dessen Politik als eine einseitige, engherzige Partei- 
politik zugunsten der Konservativen und als eine Klassenpolitik zugunsten des Grossgrundbesitzes 
erkannt. Im Osten war es die Restgüterfrage, welche weiten Kreisen der Bauernschaft den Anlass 
zum Protest gegen die Führimg des Bmides der Landwirte gab; zumal, als am 27. Februar 1909 
letztere in einer Audienz beim Reichskanzler eine Resolution überreichte, in der kieistagsfähige 
Restgüter von 1000 bis 1-500 Morgen gefordert wru'den. Es wurde darin betont, dass es sich hier um 



62 Michael Meyer, Der Deutsche Bauerubund. 

eiiie Forderung der gesamten deutschen Landwirtschaft der Pro\Tnz Posen handle. Die Bundes- 
leitung konnte mm aimehmen, dass die bäuerliche Ansiedlung in Zukunft eingeschränkt 
und dass dafür künftig grosse Restgüter geschaffen werden, welche kreistagsberechtigt sind. In der 
dagegen protestierenden Ansiedlerversammlung zu Gnesen war der Führer des Bundes der Land- 
wirte, Dr. Roesicke, nicht zu bewegen, eine den Wünschen der Ansiedler entsprechende Erklärung 
abzugeben; dmch dieses Verhalten \nu-de der endgiltige Bruch herbeigeführt. 

Die wachsende Missstimmung gegen den Bund der Landwirte machte sich aber auch in den 
anderen Teilen des Reiches geltend. Während der Bund in Versammlungen, in der Presse und im 
Proussischen Abgeordnetenhaus für Restgüter mid gegen vermehrte Vertretmig der Bauern in 
den Kreistagen, gegen das Genossenschaftswesen der Ansiedler, aber f ü r Sondervorteile des 
Gro.ssgrundbesitzers bei der Entschuldung kämpfte, machte er im Reichstage im Verein mit Zen- 
trum, Polen und Weifen eine Reichsfinanzieform, die den kleinen imd mittleren Bauernstand 
schwer belastete. An Stelle der abgelehnten Erbanfallstener kam der B. d. L. mit dem Grund- 
stückrmrsatzstempel, den er ursprünglich ohne Rücksicht auf die Grösse des verkauften Grund- 
stückes durchgeführt haben wollte. 

Als nun die Führer der Ansiedlerbewegimg zusammen mit westdeutschen Bauern die Not- 
wendigkeit des selbständigen Zusammenschlusses erkannten und die Gründimg des ,, Deutschen 
Bauern bmides" beschlossen, erliessen sie an die Deutschen Bauein einen Aufruf, der auch das neue 
Pj'ogramm enthielt. Reichstagsabgeordneter Hofbesitzer W a c h h o r s t de W e n t e wurde 
zum ersten mid Landtagsabgeordneter Hofbesitzer W a m h o f f zum zweiten Vorsitzenden ge- 
wählt. Die Hauptgeschäftsleitung übernahm Reichstagsabgeordneter Dr. Böhme. Nach Grün- 
dung der Hauptgeschäftsstelle in Berlin, Schellingstr. 2 setzte bald eine energische AVerbetätigkeit 
ein. In der Generalversammkmg am 15. Dezember 1912 komite bereits em Mitgliederstand von 
41 2-15 bekannt gegeben werden. Es hatten sich angeschlossen der ,, Fränkische Bauernbmid" unter 
Führmig des Herrn Memminger (Bayer. Landeszeitmig), sowie die ,, Hessisch-Thüringische Bauern- 
partei" unter Führmig der Herren Landwirt Trieschmann-Oberellenbach mid Rudloff-Grandenborn. 
Am 1. Januar 1913 vollzog sich dann auch noch der Anschluss des ,, Deutschen Bauern bunds im 
Königreich Sachsen" miter Führimg des Herrn Landtagsabgeordneten Clauss-Flöha. 

Offizielles Organ ist die wöchentlich erscheinende Zeitschrift , .Deutscher Bauernbund", 
Berlin ; für Bayern erscheint in Würzburg unter gleichem Titel eine Wochenschrift. Ausserdem gibt 
die Geschäftsstelle in Berlin alljährlich ein Taschenbuch und ein Jahrbuch heraus. 

Bei den bisher stattgefundenen Reichstags- und Landtagswahlen hat in verschiedenen Wahl- 
laeisen der Deutsche Bauernbund eingegriffen und in ungeahnter Weise Erfolge erzielt ; ein Beweis 
für die Zugkraft seines Programms. 

Dieses fordert: 

,,E n e r g i s c h e Vertretung der bäuerlichen I n t e r e s s e n in den Par- 
lamenten und in den kommunalen Körperschaften auf nationaler Grundlage unter dem Wahlspruch : 

„,, Unter allen Umständen Kräftigung des R eich s g ed a n k e n s"" und mit 
tlem Grundsatze: ,,,,D a s Vaterland über der Partei.'"' 

Denkbar energischste Betätigung bei den Wahlen zu diesen Körper- 
schaften, damit Männer gewählt werden, die gewillt sind, gesunde Wirt- 
schafts- und Bauernpolitik zu treibe n." Weiter hält das Programm fest an dem 
bestehenden Schutzzollsystem. Infolge dieses Grundsatzes machte der Deutsche Bauernbund auch 
energisch Front gegen die beabsichtigte Einfuhr von überseeischem Gefrierfleisch und die Ooffnimg 
der Grenzen für ausländisches Vieh. Er wies nach, dass solche Massregeln unsere einheimische Vieli- 
zucht ruinieren, andererseits aber eine Sicherstellung der deutschen Fleisch versorgimg nicht er- 
reichen können. 

Ferner verlangt das Programm des Deutschen Bauernbimdes eine gleichmässige und gerechte 
Verteilung der Steuerlasten, unter Vcrmeidmig einer besonderen Belastung einzehier Stände, ins- 
besondere des Bauernstandes; des Weiteren Ausbau und Verbesserung des Wahbechtes für die 
Landtage der Einzclstaaten ; Reform der Kreisordnungen speziell in den östlichen Provinzen, wie 
überhaupt Vermehrung der Vertreter eines aufi'echten, selbstbewussten Bauernstandes in den 



Alfved Kiiobloch, Uausabuud. 63 

Parlamenten iind Körperschaften; Förderung der Verkehrs- und Schulverhältnisse im Kultur- 
\ind Wirtschaftsinteressc der Landbevölkenmg, grosszügige Bauer i,ansiedlung ohne Restgiiter und 
dadiuc-h SicherTuig der VoUcserniihrung und nationalen Wehrlaaft, Aufteilung der Latifundien \md 
Einschränkung der Fideikommisse, Verbesserung der .Vi'beiterverhältnisse auf dem Lande und 
Schaffung eines grundbesitzendon Arbeiterstandes, Förderung der Entschuldung des ländlichen 
Grundbesitzes usw. 

Der Deutsche Bauernbund will alle Bauern und Freunde des Bauernstandes ohne Unterschied 
der Konfession zusammenfassen. Er bekämpft das Gegeneinanderhetzen von Stadt und Land, das 
demagogische Ausspielen eines Standes gegen den andern. Er will Befreiung des Bauernstandes 
von unwürdiger Vormmidschaft, um demselben auch den ihm gebührenden Platz an der Sonne zu 
erringen. Die Zukimft imserer Nation erscheint dem Deutscheu Bauernbund nur dann gesichert, 
weim ein gesunder, kräftiger, frei auf seiner Scholle sitzender deutscher Bauernstand erhalten und 
weiterhin gefördert wird! 



(') Hausabimd. 



Von 

Oberbürgermeister Alfred Knobloch, 

Mitglied des Direktoriums des Hansabundes, Berlin. 

Die Gründung des Hansabundes am 12. Juni 1909 in Berlin, die unter Teilnahme von etwa 
6000 Personen, Vertretern aus allen Ivreisen des deutschen erwerbstätigen Bürgertums, erfolgte, 
hatte zwar zum äusseren Anlass die Reichsfinanzreform, entsprang aber in ihrem inneren Grunde 
tieferliegenden allgemeinen Verhältnissen. 

Die Fundamentaltatsache zur Erklärung dieser Bewegung ist die allmähhche Umwandlung 
Deutschlands aus einem Agrarstaat in einen Handels- und Industriestaat ohne gleichzeitige pro- 
portionale Verschiebung der parlamentarischen Interessenvertretung. Die Übermacht rein agra- 
rischer Interessen in den Parlamenten der Bundesstaaten und des Reichs hat nicht nur der laudwirt- 
schaftlichen Gesetzgebung einen an die Zeiten der Ständeprivilegien erinnernden Charakter der 
Bevorzugimg, sondern auch der industriellen und Handelsgesetzgebung den Stempel der 
VerkehrsfeindUchkeit aufgeprägt. 

Das Schulbeispiel ist die Kanalvorlage. Der grösste verkehrspolitische Gedanke der neueren 
Zeit ist in beiden Häusern Preussens imter dem Gesichtswinkel der prinzipalen Berücksichtigung 
rein agrarischer Forderungen entschieden worden. Nachdem die Mittellandkanal- Vorlage 1901 
gänzlich scheiterte, tauchte sie 1904, verstümmelt und mit gewichtigen Einschränkimgen der 
Verkehrsfreiheit beschwert (Streichung des Mittelteils Hannover-Magdeburg, Schiffahrtsabgaben, 
Schleppschiffahrtsmonopol) wieder auf. Weitere Etappen auf diesem Wege waren die Bank-Börsen- 
Spiritus-Stempelsteuer-Gesetzgebung. Den Schluss bildete die Reichsfinanzreform mit ihren ein- 
seitigen Konsumsteuern und ilirer Ruinierung der Tabak- und Zündholz-Industrie zu Gunsten der 
Beseitigung der Erbanfallsteuer, einer Belastung, die den deutschen Bauernstand nahezu garnicht, 
die übrige deutsche Landwirtschaft unter den denkbar massigsten Bedingungen traf. 

Im natürlichen Zusammenhange mit der Zusammensetzung der Parlamente diente die Staats- 
verwaltung im Reich und in den Bundesstaaten — von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen — 
in erster Linie oder doch vorwiegend agrarischen Interessen. Hinzu trat noch die bekannte Welt- 
fremdheit der deutschen Bureaukratie, sowie ihre Neigung, das der Bewegungsfreiheit zu allererst 



64 Alffed Knobloch, Uansabund. 



bedürftige Gewerbe, sei es Industrie, Handwerk oder Handel, in die Zügel fiskalisch bevor- 
mundender Reglementierung zu nehmen und dadurch sowohl in Form direkter finanzieller Lasten, 
wie indirekter Einbussen unberechenbar zu schädigen und dem Auslande gegenüber in dauernde 
Gefahr des UnterUegens zu bringen. 

Die angesichts dessen mehr imd mehr zum Bewusstsein kommende Notwendigkeit, allen 
ErwerbsständenGleichberechtigung im Staatswesen zu er kämpfen, 
ist demnach die Ursache, aus der eine Einigung des deutschen gewerbtätigen Bürgertums im Hansa- 
bunde für Gewerbe, Handel und Industrie, über alle Gegensätze pohtischer, konfessioneller und 
berufsmässiger Natur hinweg, zustande kam. 

Die Persönlichkeit, der das Verdienst der Lösung dieser in Deutschland unerhörten und für 
unmöglich gehaltenen Aufgabe, der Schaffung des Hansabundes, zukommt, ist der ordentliche 
Honorarprofessor der Rechte an der Universität Berlin, Geheimer Justizrat Dr. Riesser. Seiner 
umfassenden Kenntnis des modernen wirtschafthchen Lebens, seiner feurigen Initiative imd 
Beredsamkeit, seiner genialen Vermittlung ist es in der Hauptsache zu danken, dass die ver- 
schiedenen, nach dem gleichen Ziele gerichteten Strömungen innerhalb der einzelnen bürgerlichen 
Berufsstände zu einem einzigen einheitlichen Strome zusammengefasst wurden. Die grosse Idee 
hat in ihm ihren Apostel gefunden. 

Der Kampf, den der Hansabund, unabhängig von besonderen Parteibestrebungen, zu führen 
hat, ist ein doppelter. Einmal gilt es, die Zusammensetzung der Parlamente nach den oben berührten 
Gesichtspunkten zu ändern, also bei den Wahlen unter Bekämpfung der Vertreter einseitig agrarischer 
Interessen die Angehörigen von Gewerbe, Handel und Industrie in imgleich grösserer Zahl als bisher 
in die Parlamente zu bringen und damit einer gewerbfreundlichen Tendenz der Gesetzgebung und 
Verwaltung die Wege zu bahnen. Sodann aber ist es Aufgabe des Hansabundes, ausserhalb der 
Parlamente in Form der Aufldärung in Presse, Büi-gertum und Verwaltung, sowie in Gestalt posi- 
tiver Reformarbeit gegenüber den bestehenden Missständen praktisch den Gründixngszweck des 
Hansabundes zu betätigen. 

Dieses Programm des Hansabundes ist in seiner Durchführung den Einzelheiten nach ent- 
halten in den am 4. Oktober 1009 vom Präsidium und Direktorium des Bundes beschlossenen, 
unter dem 11. Juni 1912 erweiterten 

Richtliiuen: 

I. Der Haii.sa-Bun<l ist davon clurchdrungen, daas der müderne Staat nur gedeihen kann, wenn der Grundsatz 
der Gleichberechtigung allerErwerbsstände, insbesondere Gewerbe, Handel, Inihistrie 
und Landwirtschaft, den loitondeii Gedanken und die unverrückbare Grundlage auch seiner Wirtschafts- 
politik bildet. 

Der Han-sa-Buud wird daher mit aller Kraft dahin wirken: 

1. dass Deutschlands Grtiwerbe, Handel und Industrie die ihnen auf Grund ihrer wrtschaftlichen Bedeutung 
zukommende Gleichberechtigung sowohl in der Gesetzgebung wie in der Verwaltung und 
Leitung des Staates nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch eingeräumt und der gewerblichen Arbeit, 
ihren X'crtretern und .Vngestclltcn eine bessere Würdigung im Staatsleben zuteil werde. 

•>. das-s der für eine gesunde vvirt.schaftliche Entwickclung der Nation, für den Frieden im Innern und für 
unser Verhältnis mit dem Auslande gleich unheilvolle Einfluss jener einseitigen a g r a r-d e m a g o- 
gischen Richtung beseitigt werde, die sieh bisher in ihrer praktischen Tätigkeit von entgegen- 
gesetzten Grundanschauungen leiten Hess. 

.^. dass den berechtigten Interessen der im Hansa-Bund vereinigten Erwerbsstände, unter voller Achtung 
der berechtigten Interes.sen der übrigen Erwerbsstände, sowohl bei dem Abschluss von Handelsverträgen 
und bei dem Erlass von Gesetzen. \'erordnungen und \'erfügungcn, wie bei deren Durchführung Rechnung 
getragen werde. 

Er wird zu diesem Zweck namentlich verlangen: 
a) diujs vor dem Abschluss von Handelsverträgen und vor dem Erlass von Gesetzen, V'erordnungen und 
Verfügungen in gewerblichen, kaufmännischen und industriellen Angelegenheiten Sachverständige aus 



Alfred Knobloch, Hansnbnud. gg 



diesen Kreisen in ausreichender Zahl rechtzeitig angehört werden und dasa das Gleiche vor dem Erlass 
von Einführungs- oder Ausführungs- Gesetzen oder Verordnungen geschehe. 

b) dass in Staatsbetrieben und in der Staatsverwaltung zur Mitentscheidung solcher Fragen, welche 
kaufmännische, gewerbliche oder industrielle Kenntnisse voraussetzen, ständige Beiräte aus 
den gedachten gewerblichen Kreisen eingesetzt werden. 

o) dass in die Kreis- und Provinzial-Ordnungen oder in die entsprechenden Verwaltungs-Ordnungen der 
Einzelstaaten, in Abänderung des jetzigen Zustandes, Bestimmungen aufgenommen werden, welche 
eine gerechte Vertretung von Gewerbe, Handwerk, Handel und Industrie sichern. 

d) dass das Wahlrecht für die Landtage (Zweiten Kammern) in allen Bundesstaaten jedenfalls den 
modernen Erfordernissen der direkten und geheimen Wahl entsprechen muss, um insbesondere die 
kleingewerbU hen Kreise und das Handwerk bei der Stimmabgabe vor jedem unberechtigten Druck 
zu schützen. 

e) dass die Wahlkreise im Reiche und in den Bundesstaaten eine auch den Interessen von Gewerbe, Handel 
und Industrie entsprechende andorweite Einteilung erfahren. 

f) dass auch den im Hansa-Bund vereinten Erwerbsgruppen, unbeschadet des den Landesherren zu- 
stehenden Ernennung.ürechtes, ein gesetzliches Recht auf Sitz und Stimme in den ersten Kammern 
(auch im Pi'eussischen Herrenhause) eingeräumt werde. 

II. Bei der Durchführung dieser Grundsätze wii'd der Hansa-Bund 

1. die nationalen Intere sen allen einseitigen gewerblichen Interessen bedingungslos voranstellen. 

Der Hansa-Bund wird daher für die Bewilligung derjenigen Mittel eintreten, welche im nationalen 
Interesse, also zur Sicherung unserer Gesamtwirtschaft nach Lmen und unserer wirtschaftlichen, finan- 
ziellen und politischen Machtstellung nach Aussen, notwendig sind, unter Beachtung der zur Erhaltung 
unserer finanzielbn Kriegsbereitscliaft erforderlichen Voraussetzungen und derjenigen Deckungsgrundsätze, 
welche in diesen Richthnien sub III, Ziffer 2a, b und c festgestellt sind. 

2. alle auf Erregung von Unzufriedenheit in den einzelnen Erwerbsgruppen sowie alle auf die Verschärfung 
der Klassengegensätze und auf die Vernichtung unserer konstitutionell-monarchischen Staatsordnung 
und unserer Wirtschaftsordnung gerichteten Bestrebungen mit aller Entschiedenheit bekämpfen und 
gleichzeitig die Voraussetzungen und Grundlagen dieser Bestrebungen, welche im schärfsten Gegensatz 
zu den Grundsätzen des Hansa-Bundes stehen, zu beseitigen versuchen, insbesondere durch Herbeiführung 
einer gerechten, d. h allen Erwerbsständen gleichermassen gerecht werdenden Politik auf sämtlichen 
Gebieten des Staatslebens. 

3. ausschliesslich die gemeinsamen berechtigten Interessen und Forderungen der in ihm vereinten Erwerbs- 
gruppen einschhesslich der Angestellten vertreten, fördern und vor Argriffen und Schädigungen schützen, 
nicht aber irgendwelche Sonderforderungen oder Sonderinteressen einzelner Erwerbsgnippen oder ihrer 
Angehörigen. 

Er wird jedoch im allgemeinen staatüchen und nationalen Interesse auf die tunlichste Ausgleichung 
oder Annäherung der verschiedenen in ihm vertretenen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Richtungen 
und Interessen hinwirken, um eine mittlere Linie zwischen den sonst zum Schaden der Gesamtinteressen 
und des Staates leicht auseinanderstrebenden Forderungen zu finden. Die Vermittlung in einzelnen 
konkreten Streitfragen wird der Hansa-Bund überneluuen, wenn dies von beiden Seiten gewünscht wird. 
Im übrigen wird sich der Hansa-Bund in sozialpolitischen Fragen, unter Innehaltung strengster Neutralität, 
jeder Tätigkeit da enthalten, wo die Vertretung entgegengesetzter Literessen nach Obigem Sache der für 
diese Aufgaben bestehenden Sonderverbände sein mu=s. 

4. seine Reihen jedem, gleichgültig, welcher bürgerlichen politischen Partei er angehört, und ohne Unterschied 
der reUgiösen Überzeugung oder des Geschlechts, offen halten, welcher durch seine Beitrittserklärung die 
Satzungen und die Richtlinien des Hansa-Bundes zu den seinigen macht, so dass insbesondere auch jede 
Austragung rein poUtisoher oder konfessioneller Gegensätze oder Interessen dem Hansa-Bunde fernliegt. 

b. daran festhalten, dass er selbst keine politische Partei ist und sich mit keiner identifiziert, da alle seinen 
Richtlinien zustimmenden Jlitglieder der verschiedenen bürgerhchen politischen Parteien ihm angehören 
können, dass er vielmehr eine wirtschaftliche Vereinigung ist mit den durch ihre Richtlinien bedingten 
wirtschaftspoUtischen Zielen. Behufs Erreichung dieser Ziele wird der Hansa-Bund gelegenthoh der Wahlen 
die Aufstellung und Durchsetzung solcher — in erster Linie aus seinen eigenen Reihen zu entnehmender — 

Handbuch der Politik. IT. .\iifla!?i>. Band II. Ö 



5(5 Alfred Knobloch, Hansabuud. 



Kandidaten der bürgerlichen politischen Parteien fördern, welche nicht nur behaupten, sondern auch die 
Gewähr dafür bieten, dass sie sich auch in ihrer parlamentarischen Tätigkeit für die praktische Durch- 
führung dieser Richtlinien und für den Hansa-Bund mit Entschiedenheit einsetzen werden. 

m. Im einzelnen wird der Hansa-Bund eintreten: 

1. Im Staatsleben: 

a) gegen die Gewährung von nicht durch das Oesaintwohl gebotenen Sondervorteilen oder ^'orrechten 
an einzelne Stände oder Gesellschaftsklassen. 

b) für freie Bewegung und Entwicklung von Gewerbe, Handel und Industrie, also gegen unnötige Ein- 
griffe, Verfügungen und '\'erordnungen von Staats- und Verwaltungsbehörden. 

c) für die praktische Durchführung und ausnahmslose VerMirkliclumg des (auch für die Stellung des 
erwerbstätigen Bürgertums im Staate entscheidenden) Grundsatzes, dass alle Staatsstellen aus- 
schliesslich mit Rücksicht auf die persönliche Tüchtigkeit und Be- 
fähigung des Bewerbers vergeben werden dürfen. 

Zur Ermöglichung einer allgemeinen Durchführung dieses Satzes würden insbesondere' die Stellen 
im auswärtigen Dienste des Reiches besser als bisher zu besolden sein. 

d) für Vereinfachung des Verwaltungsapparates und Verminderung des Schreibwerks in der Reichs-, 
Staats- und Kommunal-Verwaltung und in den Staats- und Kommunalbetrieben und für t'bertragung 
aller Verfügungen und Eintragungen, welche eine juristische, technische oder staatswisseaschafthche 
höhere Vorbildung nicht mit Notwendigkeit erfordern, an die Gerichtsschreiberei oder Kanzlei ; für eine 
weitere Berücksiclitigung und raschere Erledigung der aus gewerblichen Krei?.en au die Verwaltung 
und Gesetzgebung gestellten berechtigten Forderungen, insbesondere auf dem Gebiete der Handels- 
politik, der Zoll-, Steuer- und Wasser-Gesetzgebung und der Genehmigung gewerbhcher Anlagen; 
für eine umfassendere Beteiligung der kaufmännisch, gewerblich vind technisch gebildeten Kreise an 
der Staats-Verwaltung; für eine dem heutigen Wirtschaftsleben angepasste Gestaltung des Unterrichts 
an unseren Volksschulen, gewerblichen und kaufmäruiischen Fortbildungsschulen, höheren Lehranstalten 
und Universitäten; für eine praktische Ausbildung und Fortbildung unserer Gerichts- und Verwaltungs- 
Beamten. 

<•) für eine — auch mit Rücksicht auf die gewerblichen Interessen notwendige — grössere Selbständigkeit 
und Unabhängigkeit der kommunalen Selbstverwaltung, unter angemessener Beschränkung des Auf- 
sicht«-, Bestätigung«- und Verfügungsrechts der vorgesetzten \'erwaltungsstellen. 

2. In der Finanzpolitik: 

a) für die Durchführung des Grundsatzes, dass vor BewilUguug der Staats- Ausgaben die Art der 
Deckung derselben feststehen muss, die nach den sub b — c verzeichneten Grundsätzen zu erfolgen hat 

b) für eine gerechte, also auch eine etwa geringere Leistungsfähigkeit einzelner Erwerbsstände berück- 
sichtigende Verteilung der Reichs- und Staatssteuern sowie der sozialen Lasten und für die Berück- 
sichtigung wirtschaftlicher Notstände, wie Streiks und Boykotts, bei der Einziehung der Steuern der 
gewerbhchen Unternehmungen für das laufende Jahr. 

Vor allem aber: 

c) für eine gerechte Verteilung der direkten Steuern und Lasten unter sämtliche Erwerbsstiinde und 
unter die Einzelnen nach Besitz und Leistungsfähigkeit und für die Einführung sach- 
gemäss auszugestaltender allgemeiner Besitzstcuern, wie einer Eibanfallsteucr, mit denjenigen Vorsichts- 
massregeln, welche gegen eine unbegrenzte Erhöhung und eine die wirtschaftlichen Interessen 
schädigende Art der Einziehung geboten sind, und gegen das Herausgreifen einzelner Steuerobjekte in 
der Absicht oder mit dem Erfolg einseitiger Belastung einzelner Erwerbsgruppen. 

Zwecks gerechter Veranlagung der direkten Steuern für eine von der politischen Verwaltung völlig 
unabhängige Einschätzungsbehörde, in welcher alle gewerbhchen Kreise, einschliesslich der Land- 
wirtschaft, gleichmässig als mitentscheidende Faktoren vertreten sein müssen. 

.'I. In der Verkehrspolitik: 

11 ) für die I>eitung dieser Politik unter dem alleinigen Gesichtspunkt der Förderung des Verkehrs, also 
unt<T Zurückutellung einseitiger fiskalischer Interessen. 



Alfred Knobloch, Hansaband. 67 



b) für eine den Bedürfnissen des Verkehrs entsprechende, durchgreifende und organische Verbesserung 
der bestehenden Verkehrswege, also in erster Linie der Eisenbahnen, der Wasserwege (Kanäle) und 
sonstigen Wasser-Bauten (Tal-Sperren). 

e) für eine den berechtigten gewerbhchen Interessen, namentlich den Export-Interessen, entsprechende 
Ermässigung der Fernsprechgebühren, sowie der Post- und Telegraphen-Gebühren im Inland und im 
Verkehr mit dem Ausland, speziell für die Einführung eines internationalen auf einen möglichst niedrigen 
Satz zu bringenden einheitlichen Briefportos (Penny-Portos). 

d) für die Herstellung von Eisenbahn-Betriebsgemeinschaften und demnächst einer auf föderativer 
Grundlage beruhenden Reichseisenbahn- Gemeinschaft. 

o) für die Verfolgung einer die Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie ebenso wie die der Land- 
wirtschaft berücksichtigenden Eisenbahn-Tarifpolitik. 

f) für die Durchfühnmg eines auch den gewerblichen Interessen voll entsprechenden Kleinbahnnetzes. 

g) für eine den Interessen des Verkehrs entsprechende Vermehrung der Betriebsmittel, Geleise, St9,tions- 
anlagen und Güterbahn-Anschlüsse. 

4. In der Handels-, Gewerbe- und Zollpolitik: 

a) für den Abschluss solcher Handelsverträge, die auf einer gerechten Abwägung der gewerblichen und 
der landwirtschaftlichen Interessen beruhen. 

Der Hansa-Bund wird auch bei der Vorbereitung der Handelsverträge und bei der Feststellung des 
Zolltarifs seiner oben (II, 2) bezeichneten allgemeinen Aufgabe nachkommen, zwischen den entgegen- 
stehenden wirtschaftlichen Interessen und Richtungen als ehrhcher Makler zu vermitteln, unter voller 
Wahrung des notwendigen Schutzes jeder nationalen Arbeit, aber unter entschiedener Ablehnung einer 
weiteren Erhöhung der Agrarzö.le und des sogenannten ,, lückenlosen Zolltarifes." 

Der Hansa- Bund wird eintreten für hygienische und veterinärpoUzeiliohe Massregeln bei Einfuhr von 
Vieh und Fleisch, jedoch gegen jede missbräuchliche Anwendung solcher Massregeln zu anderen als den 
vom Gesetzgeber gewollten Zwecken. 

b) für die Unterlassung aller Massnahmen, welche die Entwickelung unserer Exportindustrie und unseres 
Exporthandels hemmen oder unterbinden, welche letzteren internationale Arbeit mit nationalen Zielen 
verrichten, da sie nach Lage der heutigen Verhältnisse zusammen mit der Landwirtschaft unserem 
starken Bevölkerungszuwachs Nahrung und Beschäftigung zu verschaffen haben und damit die Pro- 
duktionskraft der produzierenden und die Kaufkraft der konsumierenden Bevölkerung, also gleichzeitig 
den inneren Markt, heben und die Absatz-Möghchkeiten auch des Mittelstandes und des Handwerks 
sowie den Gesamt- Wohlstand der Nation vermehren. 

Insbesondere ward der Hansa-Bund wirken für: 

eine energische und sachverständige diplomatische und konsularische Vertretung unserer kaufmänni- 
schen, industriellen und gewerblichen Interessen im Ausland; 

eine praktische Ausbildung und Fortbildung der zu dieser Vertretung ausersehenen Beamten und für 

eine den gewerblichen Gesamtinteressen entsprechende richtige Auswahl unserer Wahl-Konsuln im 
Ausland ; 

eine dauernde und enge Fühlungnahme der Regierung mit den heimischen Export-Interessenten, welche 
ständig, au h ohne dass Handelsvertrags- Verhandlungen bevorstehen, über ihre Beobachtungen 
Wünsche und Beschwerden zu berichtenhätten und für periodische Konferenzen unserer Regienings- 
vertreter mit den Vertretern aller mit uns im Vertragsverhältnis stehenden auswärtigen Staaten 
behufs Besprechung und Beseitigung der bei Ausführung der bestehenden Handelsverträge zutage 
getretenen Zweifel und Schwierigkeiten; endhch für: 

eine internationale Rechts-Ausgleichung auf dem Gebiete des Verkehrs in möglichst weitem Rahmen, 
insbesondere auf dem Gebiete der Wechsel und sonstigen Wertpapiere, sowie des Warenzeichen-, 
Patent- und Gesellsohafts-Rechts ; 

eine Erweiterung des internationalen Rechtshilfeverfahrens; 

die Aufnahme von Vorschriften über schiedsgerichthche Erledigung von Zoll- Streitigkeiten in die 
bestehenden und neu abzuschhessenden Handelsverträge und 

die Schaffung eines internationalen Schiedsgerichts für zivilrechtliche Streitigkeiten zwischen Privat- 
personen und ausländischen Staaten. 



ßg Alfred Knobloch. Uansabund. 

o) für alle positiven jrassnahmen, welche geeignet sind, den gewerblichen Mittelstand, das Kleingewerbe, 
den Detailliandcl und das Handwerk in ihrer Leistung»- und Konkurrenzfähigkeit zu erhalten und zu 
heben, und zwar, behufs ^Liderung entgegenstellender Interessen und Ausgleichung unnötiger Härten 
und Schärfen, unter Mitarbeit auch der übrigen im Hansa-Band vertretenen Erwerbsgruppen; ferner 
für alle Be.strebungen, welche auf eine Verbesserung des Kreditsystems, auf Beseitigung der 3Iängel des 
Submissionswesens und auf eine bessere und gründlichere Ausbildung der heranwachsenden Generation, 
namenthch auch in gewerbUchen Fach- und Fortbildungsscliulen, gerichtet sind. 

Der Hansa-Bund wird zu diesem Zwecke das auf S. 4 verzeichnete vorläufige Programm über die 
von ihm zu verfolgende Mittelstandspohtik, unter Mitwirkung der an seiner Zentrale errichteten Zentral- 
Ausschüsse für die gemeinsamen Interessen des im Hansa-Bund vereinigten Handwerks und Detail- 
handels, durchzuführen suchen. 

5. In der Sozialpolitik: 

a) für die Sicherung der Zukunft und Erhaltung der Arbeitsfreudigkeit aller Arbeitnehmer notwendige 
Fortführung einer sozialen Gesetzgebung, welche auf die gemeinsamen berechtigten Interessen der 
ArbeitgelxT und Arbeitnehmer, unter \'ermeidung bureaukratischer Auswüchse, Rücksicht zu nehmen 
hat, deren Tempo. Inhalt und Kostenlast aber sowohl der KonkurrenzmögUchkeit der deutschen 
Industrie auf dem Weltmarkt wie der inneren wirtschaftlichen Lage Rechnung tragen muss. (Im 
übrigen vgl. oben II, 2, Abs. 2 u. 3.) 

b) für internationale Vereinbarungen zur Erreichung eines tunlichst gleichmässigen Umfangs der sozialen 
Lasten ; 

c) für einen wirksamen Schutz des für Arbeitgeber und Arbeitnehmer (Angestellte und Arbeiter) gleich 
unentbehrlichen Grundsatzes der Willens- und Gewerbe-Freiheit und für energische Bekämpfung des 
politisclicn und w^irtschaftlichen Zwangs- und Racheboykotts. 

d) für die Anerkennung der Streik-Klausel bei Aufträgen des Staats und der öffentlichen Körperschaften. 

G. Auf dem Gebiete der Staatsverwaltung: 

für Errichtung eines Roichs-Verwaltungsgerichts zur Entscheidung von Venvaltvingsstreitsachen aus 
solchen Bvindesstaalen, denen ein oberstes Verwaltungsgericht fehlt oder zur Plenar-Entscheidung in 
solchen Fälkm, in denen eine Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichts eines Einzelstaats sich in 
Widerspruch mit einer solchen des Reiclisverwaltungsgerichts gesetzt hat, ferner zur Entscheidung von 
zweifelhaft oder streitig gewordenen, nicht durch Schiedsgerichte zu erledigenden Zollfragen. 

IV'. Der Hansa-Bund wird ferner: 

1. fortlaufende Aufklärung in allen Schichten der Bevölkerung, insbesondere auch in den länd- 
lichen Bezirken verbreiten über Stellung und Bedeutung von: 

Gewerbe, Industrie, Handwerk, Handel und Landwirtschaft, sowie der Angestellten dieser Erwerbs- 
gruppen und des ländlichen und stäitischen Haus- und Grundbesitzes 
im Staate und in der Gesamtwirtschaft; über ihre Ziele und Ix'istungen, über die ihnen auferlegen öffent- 
lich-rechthchen Steuern und Lasten, sowie über Inhalt und Cluirakter der für sie wichtigen Gesetze 
und Verordnungen. 

2. mittels derartiger und weiterer Aufklärungsarbeit und mittels sonst geeigneter Jlassregeln 

(Hansa- Bund- I>^hrgä ge, Diskussionskurse usw.) das gewerbliche Bürgertum und damit das Bürger- 
tum überlunipl überzeugen von der Pflicht tätiger M twirkung an den Aufgaben der Staats- und Selbst- 
verwaltung, ])ersönliclier Bet<'iligung an öffentlicher, kommunaler und parlamentarischer Tätigkeit und 
aktiver Teilnahme an den Wahlen: sowie von der unl)edingten Notwendigkeit eines durch Disziplin. 
Solidarität und Opfcrwjlligkeit zu betätigenden Standesbcwusstscins und Bürgerstolzes. 

.^. für die Erhaltung und Belebung der staatlichen und persönlichen Verbindung der im Auslande lebenden 
Deut.schen mit dem \'aterlande Sorge tragen, besonders auch durch weiteren Ausbau der bereits vom 
llansa-Bund Ix'gründeten .Auslandsabteilung. 

1. seine Tätigkeit durch diejenigen innerhalb seiner Zuständigkeit liegenden Aufgaben erweitern, welche ihm 
von den einzelnen gewerblichen Gruppen und Wrtretungen noch unterbreitet werden. 

Bei dieser sowie bei seiner gesamten Tätigkeil wird der Hansa-Bund davon ausgehen, dass er nur 
groKRe Fragen, welche inncrlialb seiner Zuständigkeit liegen, Ix-handeln «ird, und zwar unter ständiger 



Alfred Knobloch, Uansnbuiid. 69 



Fühlung mit dem Deutschen Handelst.ag und den übrigen deutschen wirtschafthchon Verbänden. Der 
Hansa-Bund ist davon überzeugt, dass die vorstehenden Richtlinien, da sie bestimmt und geeignet sind, 
den dringend notwendigen Frieden nach Innen, insbesondere zwischen den einzelnen im Hansa-Bund ver- 
tretenen Er\TOrbsgruppen untereinander und zwischen diesen und der Landwirtschaft, zu sichern, das 
wirtschaftliche Zukunftsprogramni des Deutschen Reiches werden muss, und dass es dessen Kraft und 
Ansehen nach Innen und Aussen stärken wird. — 

Die Organisation dea Hansabundes teilt sich in die Zentralleitung und die Unterabteilungen . 
Der Hansabtmd wird nach aussen und innen vertreten durch das Direktorium, hervorgegangen aus 
den Wahlen des Gesamtausschu.sses. Die Vertretung des Direktoriums erfolgt durch das Präsidium, 
das wiederum einen Teil seiner Befugnisse, im wesentlichen die laufende Verwaltung, der Geschäfts- 
führung übertragen hat. 

Die Organisation im Deutschen Reich ruht auf 26 Landes- und Provinzialverbänden, 35 
Bezirks- und Kreisgruppen, 672 Ortsgruppen und 780 Vertrauensmännern an Orten ohne Orts- 
grtippen. Angescalossen sind 893 selbständige Vereine und Verbände. 

Die Arbeiten und Aufgaben des Hansa-Bundes umfassen das gesamte Gebiet der deutschen 
Volkswirtschaft, mit Ausschluss der Landwirtschaft, vtnd greifen selbst in diese hinüber, sofern es 
sich um deren Beziehungen zu anderen gewerblichen Betrieben handelt (z. B. Innere Kolonisation 
als Mittel zur Steigerung der Viehhaltung). 

Im einzelnen hat sich die bisherige Arbeit des Hansabundes auf nachfolgende Gebiete und 
Fragen erstreckt. 

Im Interessenbereich der Angestellten: Gesetzentwurf über die Versicherung der 
Privatbeamten und Konkurrenzklausel ; Mittelstandsfragen: Hebung des kleingewerblichen 
Kredits, Borgunwesen, Einziehtingsämter, Diskontierung von Buchforderungen, Förderung der 
Kreditgenossenschaften; Konsumvereine und Beamtenkonsumvereine; Fragen des Detailhandels, 
unlauterer Wettbewerb, Sonderrabattwesen, Wanderlager, Bekämpfung des Kreditbetruges; 
Fragen des Handwerks, Stellung der Handwerkskammern, Gefäugnisarbeit, Ausführung des II. 
Teils des Gesetzes, betreffend die Sicherung der Bauforderungen in Ausnahmefällen, Befähigungs- 
nachweis für das Baugewerbe, Reichshandwerksamt, Konkurrenz staatlicher und städtischer 
Betriebe; Submissionswesen; kl er vom Hansabund aufgestdlte Gesetzentwurf für das Submis- 
sionswesen beschäftigt z. Z. die XV' Rei^hstagskommission); gewerbliches Bildungswesen, Aus- 
bildung er Lehrlinge, Fortbildungsschulen, Weiterbildung des Kaufmanns; Fragen von Handel 
und I n dus tri e: Wertzuwachssteuer, Telephongebührenordnung, Kurpfuschereigesetz, Rege- 
lung des Verkehrs mit Arzneimitteln, Zoll vertrag mit Japan und Schweden; gemeinsame 
Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie: Kalenderreform, Reichs- 
versicherungsordnung, Schiffahrtsabgaben, Verteuerung der Lebensmittel, Verwaltungsreform, 
Reichseisenbahngemeinschaft, Neueinteilung der Reichstagswahlkreise. 

Sodann ist vom Hansabund ein statistisches Werk grossen Stiles herausgegeben worden, 
das die gesamten öffentlich-rechtlichen Belastungen von Gewerbe, Handel und Industrie auf 
steuerlichem, gewerbepohzeiHchem und sozialpolitischem Gebiete umfasst, die erste derartige 
Publikation in Deutschland, die atif speziell hierfür gesammeltes, umfassendes, statistisches 
Material gestützt ist. Fernere Harausgaben des Hausabundes sind: „Des Kaufmanns täghcher 
Ratgeber". „Handbuch wirtschaftlicher Vereine und Verbände des deutschen Reiches". ,, Jahr- 
buch des Hansabundes für 1912, 1913". Das Jubiläumswerk: ,,Die freiwilHsten sozialen Für- 
sorge- und Wohlfahrtscinrichtungen in Industrie, Handel und Gewerbe im Deutschen Reich". 
„Die Monatsschrift" (unentgeltlich an alle Mitglieder). 

Endlich sorgen Hansabund-Lehrgänge in den einzelnen Ortsgruppen, sowie eine in 
populärem Tone geschriebene Bürgerkunde des Geschäftsführers des Hansabundes, Regierungs- 
assessors Dr. Kleefeld, für die Verbreitung praktischer Kenntnisse unter dem gesamten gewerb- 
tätigen Bürgertum in Sachen der Volkswirtschaft, der Staatenverfassung und der Staatsgeschichte. 
Der bürgerlicherseits bekundete Mangel an Teilnahme für die Vorgänge in der Wirtschaftspolitik 
beruht nicht zum mindesten auf der weit verbreiteten Unkenntnis gewerblicher Kreise über 
politisch wichtige Ereignisse und Tatsachen. Hier aufklärend zu wirken, die Bedeutung des 



70 Alfred Knobloch, Haiisabiind. 

politischen Lebens und der Wirtschaftspolitik, die Notwendigkeit aktiver Betätigung des Bürger- 
tums bei beiden in den weitesten Kreisen überzeugend zu verbreiten, den Sinn für die Tragweite 
von Gesetzen und parlamentarischer Arbeit überhaupt zu wecken und zu schärfen, ist eine noch 
auf lange hinaus an erster Stelle stehende Aufgabe des Hansabundes. Nur wenn die Zusammen- 
fassung und Vorwärtsführung des deutschen Bürgertums unter wirtschaftlich einigenden Zielen, 
wie sie der Hansabund erstrebt, zustande kommt, wenn die Macht an Intelligenz, Unter- 
nehmungsgeist und Geld, die das deutsche Bürgertum repräsentiert, geschlossen auf dem wirt- 
schaftspolitischen Kampfplatz in die Schranken tritt, nur dann ist ihm der Sieg gegenüber 
anderen mächtigen, nach Alleinherrschaft im Staatsleben ringenden wirtschaftUchen Tendenzen 
gesichert. 



Achtes Hauptsttiek. 

Die (Jflentlicheii Lasten 
viiid Schulden. 



A. Die Lasten. 



87. Abschnitt. 

Gerechtigkeit in der Steuerverteiliiiig. 

Vom 

Finanzpräsident Dr. F. W. R. Zimmermann zu Brauuschweig. 

Inhalt: 
Literatur, 1. UegrU'fsbestiiumuug. 'i. Relativität der Gerechtigkeit in der Steuerverteilung. 3. Eigenart 
der Jetztzeit. Keine Einhcltssteuor. 4. Steuersystem. 5. Oberste Steuerprinzipien, a) Finanzpolitische Prinzipien. 
b) Volkswirtschaftliche Prinzipien, c) Prinzipien der Gerechtigkeit, d) Prinzipien der Steuerverwaltung. 6. Ge- 
rechtigkeit im Steuersystem und in den einzelnen Steuerarten. 7. Steuersystem der einzelnen Steuergewalten und 
Gesamtsteuersystem. 8. Einfluss des historischen Entwicklungsgangs. 9. Verhältnis der obersten Steuerpriu- 
zipicn zu einander. 10. Resondere Schwierigkeiten in der Verwirklichung. 11. Endergebnis. 

Literatur : 
Eheberg, Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 2. Aufl. Bd. VI S. 1125 ff. — vonHecliel, 
Lehrbuch der Finanzwissenschaften. Bd. I S. 144 ff. — Röscher, System der Finanzwissenschaft. 3. Aufl. 
S. 186 ff. — S h ä f f 1 e , Die Steuern. Bd. I S. 35 ff. S. 330 ff. Bd. II S. 16 ff. — v o n Stein, Lehrbuch der 
Finanz\vissenschaft. Bd. I S. 455 ff. — Wagner, Finanzwissenschatt. Bd. II S. 247 ff. — Des Weiteren zu 
vergleichen die besonderen Literaturnaohweise liei Eheberg a. a. 0. S. 1164 und bei Wagner a. a. O. S. 292, 
332, 372, 389, 428, 469. 

1. Begriffsbestimmung. 

Die Steuern sind — um der kurzen aber treffenden Definition von Mayis zu folgen — 
allgemeine Geldbeiträge der Bevölkerung, welche zur Bestreitung des öffentlichen Aufwands kraft 
der Finanzhoheit erhoben werden. Die Steuer ist aber nicht etwas von selbst Gegebenes, ohne 
weiteres in den öffentlichen Einrichtungen nach jeder Richtung Begründetes; sie muss vielmehr, 
wie sie kraft der Finanzhoheit erhoben wird, von der die Finanzhoheit ausübenden Stelle, also im 
wesentlichen und nach dem Ausgangspunkt vom Staat, besonders festgelegt und im einzelnen ge- 
regelt werden. Daraus ergibt sich als eine in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Aufgabe des 



72 J*« W- -K« Zininiertnann, Gerechtigkeit in der Steuerverteilnug. 

Staats und der öffentlichen Verbände innerhalb desselben die Steuerpolitik, das ist in sachge- 
mässer Ausübung eine folgerichtige Behandlung und Ausgestaltung der Steuer und der Steuerauf- 
legung. Durch eine solche Steuerpolitik muss die Gerechtigkeit in der Steuerver- 
teilung zum Ausdruck gebracht werden, die sich danach als etwas sehr viel weiter gehendes 
und umfassenderes wie die unten zu berührende Gerechtigkeit unter den sogenannten obersten 
Steuerprinzipien darstellt. Unter Gerechtigkeit in der Steuerverteilung haben wir alles zu ver- 
stehen, was darauf hinzielt, die Stoueranforderungen des Staats und der öffentlichen Verbände 
mit der Steuerkraft und den wirtschaftlichen und sonstigen Verhältnissen der steuerpflich- 
tigen Bevölkerung sachgemäss in Emklang zu bringen. 

2. Relativität der Gerechtigkeit in der Steuerverteilung. 

Diese in der Gerechtigkeit der Steuerverteilung liegende Steuerpolitik ist aber ebenmässig 
nichts Abstraktes, für alle Zeiten gleichförmig Festliegendes, sondern sie ändert sich, 
wenn auch unter Umständen nur bis zu einem gewissen Grade, mit dem Entwicklungsgang der im 
Staat vereinten öffentlichen und privaten Wirtschaften, mit der Entfaltung der inneren politischen 
und sozialen Verhältnisse beziehungsweise der Volkswirtschaft überhaupt. Dem allen hat sie sich 
stets mehr oder weniger eng anzugliedern und muss danach für die einzelnen unterschiedlichen 
Zeiträume stets eine entsprechende Umgestaltung erfahren, wie ja auch Steuer und Besteuerung 
selbst in ähnlicher Weise einem inneren Wechsel unterliegen. Diesen Werdegang näher zu verfolgen 
oder im allgemeinen darzulegen, würde uns hier zu weit führen; der Hinweis darauf, dass er statt- 
gefunden, muss genügen, womit gleichzeitig angedeutet ist, dass die Entwicklung fortläuft und 
weitere Verschiebungen in der Steuerpolitik zeitigen wird. Wir können unsere Betrachtung nur 
auf der derzeitigen allgememen Lage, auf den Verhältnissen des neuzeitigen entwickelten Staats- 
wesens mit seiner Staats- und volkswirtschaftlichen Grundlage, seiner Eechts- und Gesellschafts- 
ordnung aufbauen, wobei allerdings in Einzelfragen ein Rückblick auf die Vergangenheit wie ein 
Ausblick in die Zukunft nicht ausgeschlossen sein dürfte. 

3. Eigenart der Jetztzeit. Keine Einheitssteuer. 

Als in einem besonderen Masse für die augenblicklichen einschlagenden 
Verhältnisse eigenartig ist von vornherein hervorzuheben einmal das ausserordent- 
liche und keineswegs bereits zu einem Abschluss gekommene Anwachsen des Steuer- 
bedarfs, wie es überall in den modernen Staaten mit der schwierigeren Sicherung ihres 
Bestandes durch Heer und Flotte, mit dem stetigen Fortschreiten, Erweitern und Vertiefen ihrer 
kulturellen Aufgaben Platz greift und notwendigerweise Platz greifen muss, und sodann ferner 
der stets in sich verzweigter und verwickelter gewordene Stand der Volkswirtschaft 
mit seinen weitgehenden Verschiedenheiten im Volksemkommen und im Volksvermögen, der sich 
durch die fortschreitende Entwicklung auf allen einzelnen wirtschaftlichen Gebieten herausgebildet 
hat. Wie diese in ihrer Einwirkung scharf vortretenden Sonderverhältnisse der Jetztzeit einer- 
seits die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung besonders bedeutungsvoll machen, gleichzeitig aber 
auch in ihrer Durchführung nicht unwesentlich erschweren, so dürften sie andererseits schon allein 
und für sich die Möglichkeit einer Einheitssteuer, m welcher man rein theoretisch vielleicht 
die Verwirklichung einer Gerechtigkeit in der Steuerverteilung am einfachsten und zweckmässig- 
sten erachten könnte, von vornherein ausschliessen, ohne dass, wie es tatsächlich der Fall ist, noch 
eine Reihe anderer Ausschliessungsgründe, die sich aus unserer weiteren Erörterung ergeben werden, 
hinzuzukommen brauchte. Weiter zusammenhängend die Utimöglichkeit einer Einheitssteuer, 
welche dem Bedürfnis und einer gerecliten Steuerverteilung Rechnung tragen würde, nachzuweisen, 
werden wir uns bei der Einhelligkeit, mit welcher die Theorie — an eine praktische Durch- 
führung ist wohl nie gedacht — solche anerkennt, versagen. 

4. Steuersystem. 
Wir haben demnach als von Anfang an feststehend mit dem Vorhandensein einer Mehrheit 
von Steuern zu rechnen, einer Mehrheit, die unter der Einwirkung jeuer oben berührten Sonder- 



F. W. H. Zimmermann, Gerechtigkeit in der Steuerrerteilung. 73 

Verhältnisse der Jetztzeit eine ausgebildetere und zersplittertere sein muss. Die Durchfülirung 
der Gerechtigkeit in der Steuerverteilung bedingt aber wiederum, dass die Einzelsteuern, aus 
welchen sich die Mehrheit in der Gesanatbesteuerung zusammensetzt, nicht etwa ohne jede weitere 
innere Berührung zusammenhangslos ledij;lich nebeneinander gestellt sind, sondern dass sie im 
Hinblick auf das Ganze, das sie bilden sollen, eng ineinander gegliedert und in sich verbunden 
werden, dass sie in einen festen inneren Zusammenhang gebracht sind und so ein systematisches 
Ganzes ausmachen, in welchem sich die Gerechtigkeit der Steuerverteilung zu verwirklichen hat. 
So werden wir es also stets mit einem Steuersystem zu tun haben, in welchem eine mehr 
oder weniger grosse Anzahl von Einzelsteuern folgerichtig und zweckentsprechend behufs ge- 
rechter Steuerverteilung zusammengefügt sein muss. 

Vollkommen ausgeschlossen winl es dabei erscheinen, ein sozusagen Normal- 
steuersystem zu allgemeiner Annahme zu bilden, in welchem eine Reihe als vorzugsweise 
berechtigt anerkannter Einzelsteuern unter sachgemässer Durchführung zum Ganzen ineinander- 
gegliedert und gleichzeitig die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung für dieses Ganze voll zum Durch- 
bruch gebracht wäre. Selbst bei mustergültigster Ausgestaltung würde ein solches Normalsteuer- 
system sich für jede etwaige praktische Durchführung als unbrauchbar erweisen, denn die Besteue- 
rung als .solche ist zu eng einerseits mit den tatsächlichen Verhältnissen und andererseits der histo- 
rischen Entwicklung des einzelnen Gebietes verknüpft, als dass sie irgendwie eine Schematisierung, 
wie sie in dem Normalsystem liegen würde, vertragen könnte. Dementsprechend ist wiederum für 
jedes Gebiet eines besonderen Steuersystems oder für den Gesamtüberblick einer Mehrheit von 
Steuersystemen, imter welchen jedes einzelne seine Eigenart in verschiedenster Weise bald mehr 
bald weniger stark hervortreten lässt, Rechnung zu tragen. 

Die praktische Lösung für unsere Frage wird dadurch zweifellos zu einer verwickeltereu. 
Eine ähnliche tatsächliche Erschwe, ung liegt bei uns des ferneren in den besonderen deut- 
schen Verhältnissen, dass wir hier m formeller Unabhängigkeit von einander einer- 
seits die Finanzhoheit des Reiches und andererseits die der einzelnen Bundesstaaten haben, welche 
beide selbständig auf dem Gebiet der Besteuerimg vorgehen und die Bevölkerung des Deutschen 
Reichs mithin in doppelter Weise steuerlich belasten, wozu des weiteren dann noch die in ver- 
schiedener Art mit Finanzhoheit ausgestatteten grösseren und kleineren öffentlichen Verbände in 
den Bundesstaaten hinzutreten. Unter dieser Mehrheit der Steuergewalten muss naturgemäss 
für die Gesamtbesteuerung der Deutschen Bevölkerung sich eine Gerechtigkeit in der Steuerver- 
teilung um so schwieriger durchführen lassen. 

5. Oberste Steuerprinzipien. 

Die theoretische Grundlage für die Frage nach der Gerechtigkeit in der Steuer- 
verteilung bilden die sog. obersten Steuerprinzipien, welche ihrem allgemeinen 
Gehalt nach wohl ziemlich übereinstimmend anerkannt worden sind, obgleich im einzelnen formell 
manche Abweichungen bestehen. Wenn wir dieselben nachstehend gesondert darstellen, so 
folgen wir dabei im wesentlichen der von Adolph Wagner angewandten Unterscheidung, die im 
allgemeinen weitere Anerkennung gefunden hat. Vorweg sei noch bemerkt, dass von vornherein 
hier und überhaupt bei Festlegung von Steuerprinzipien unter Steuer nur die formell und materiell 
zu Recht bestehende Steuer verstanden sein kann; lediglich für eine solche wird man grundsätz- 
lich die Gerechtigkeit in der Verteilung erörtern können. Die Gesetzmässigkeit der 
Steuer, welc e für das materielle und das formelle Steuerrecht gegeben sein muss, führen wir 
deshalb nicht mit unter den obersten Steuerprinzipien an; sie ist eine unumgängliche Vorbedingung 
der Besteuerung, wie sie für- uns in Frage kommt, und ist hier ohne weiteres in dem Begriff der 
Steuer gegeben. 

a) Finanzpolitische Prinzipien. 
Die finanzpolitischen Prinzipien ergeben sich aus der Stellung, welche die 
Steuern in der Finanzwirtschaft einnehmen, aus dem inneren finanziellen Zweck der Steuern, 
welche zur Deckung des den öffentlichen Gemeinwesen durch die Erfüllung ihrer Verpflichtungen 



74 -f- W- -R- Zinuneruiann, Gerechtigkeit iu der Steilerverteilung. 

erwachsenden Finanzbedarfs, soweit eine solche nicht aus anderen Quellen erfolgen kann, 
dienen sollen. 

Es ist daraus zunächst der Grundsatz der Ausreichendheit oder Zuläng- 
lichkeit der Steuer abzuleiten, welcher ohne weiteres als in der Natur der Sache be- 
gründet erscheint. Die Steuern in ihrer Gesamtheit müssen so zusammengefügt und wiederum in 
sich abgemessen sein, dass sie als Ganzes ihren Zweck erfüllen, mithin durch ihren Gesamtertrag 
jeweilig dem Finanzbedarf eine genügende Deckung bieten. Es hat dieses nach beiden Richtungen 
hin Bedeutung; das Bedürfnis muss voll befriedigt werden; ebensowenig wie der Steuerertrag 
hinter dem Finanzbedarf zurückbleiben darf, ist aber ein Überschreiten des letzteren zulässig. 

Als zweites finanzpolitisches Prinzip ist die Beweglichkeit der Steuer anzu- 
führen. Der durch die Steuern zu deckende Finanzbedarf ist kein in seiner Höhe stetig gleich- 
bleibender. Einerseits bildet, wie schon oben bemerkt, das mehr oder weniger starke Anwachsen 
desselben, das in engem Zusammenhange mit der Vermehrimg und Vertiefung der Aufgaben der 
öffentlichen Gemeinwesen steht, gewissermassen ein Kennzeichen der neueren Zeit; anderseits 
wird unter dem natürlichen Wechsel der Verhältnisse oder infolge ausserordentlicher Umstände 
der Finanzbedarf in den einzelnen Zeiträumen sich verschieden gestalten; er kann einzelne 
Jahre höher, einzelne Jahre niedriger werden. Diesen Veränderungen im Bedarf muss das Steuer- 
system von vornherein Rechnung tragen, weil ein Eingreifen in die Steuergesetzgebung, wie es 
sonst erforderlich sein würde, nur möglichst wenig geschehen darf. Da die einzelnen Steuerarten 
eine sehr verschiedene Beweglichkeit zeigen, so ist bei der Bildung des Steuersystems darauf zu 
achten, dass in demselben in einem entsprechenden Masse Steuern mit einer grösseren Beweglich- 
keit vertreten sind. Bei den Realsteuern ist die Beweglichkeit nur in sehr geringen Grenzen vorhanden, 
während Verbrauchs- und Ertragssteuern wie Einkommens- und Vermögenssteuern, desgleichen 
auch Verkehrssteuern sich stets bis zu einem gewissen Grade der jeweiligen allgemeinen und wirt- 
schaftlichen Entwicklung anschliessen werden; bei steigender Bevölkerung, g-ünstiger Entfaltung 
der Wirtschaftsverhältnisse, wachsendem Reichtum wird sich regelmässig eine Steigerung ihres 
Ertrages geltend machen und umgekehrt. Sehr zweckentsprechend und ausgiebig lässt sich das 
Prinzip der Beweglichkeit bei der Einkommens- und Vermögenssteuer durchführen, wenn das 
Steuergesetz nur einen bestimmten, niedriger gegriffenen Einheitssatz für die Steuer festlegt, dem 
jedesmaligen Finanzgesetz aber die Bestimmung darüber zuweisst, wie oft dieser Einheitssatz 
in der Finanzperiode zur Hebung gelangen soll. 

b) Volkswirtschaftliche Prinzipien. 

Die volkswirtschaftlichen Prinzipien kommen zur Erscheinung einmal 
in der Wahl der richtigen Steuerquellen und sodann gleicherweise in der Wahl 
der Steuerarten. 

Die regelmässige Steuer quelle darf nur das Nationaleinkommen bilden, 
welches dauernd lediglich so in Anspruch zu nehmen ist, dass das Nationalvermögen und das National - 
kapital geschont wird; nur in Ausnahmefällen (Staatsuotstand, Krieg) darf auf letztere vorüber- 
gehend zurückgegriffen werden. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das Einzelvermögen sich nicht 
stets und vollkommen mit dem Nationalvermögen deckt ; deshalb erscheint eine strengere Schonung, 
wie sie beim Nationalvermögen angebracht, für das Einzelvermögen oder das Privatkapital nicht 
geboten. Es ergibt sich daraus, dass unter Umständen auch das Einzelvermögen als regelmässige 
Stcuerquelle dienen kann, wobei wiederum eine Unterscheidung nach dem Ursprung (Vermögen 
aus eigener Arbeit, Vermögen ohne eigene Leistung) und nach dem Zwecke (Gebrauchsvermögen, 
Kapital) zu machen sein wird. In erster Linie wnd aber immer das Einzeleinkommen als die 
hauptsächlichste regelmässige Steuerquelle hinzustellen sein. 

Bei der \\' a h 1 der S t e u c r a r t e n ist namentlich die W i r k u n g auf den Steuer- 
zahler zu berücksichtigen. Hier muss die Steuerüberwälzung eine grosse Rolle 
spielen, d. i. die im Verkehr sich verwirklichende Übertragung der Steuerlast von dem Steuerzahler 
auf einen Dritten, den Steuerträger; sie kann als Fortwälzung oder als Rückwälzung sich äussern. 
Die wesentliche und nicht voll zu beseitigende Schwierigkeit liegt in den tatsächlichen Ver- 



F. W. R. Ziinmevmann, Gerechtigkeit in der Stenerverteilnng. 75 

hältnissen, dass es unmöglich ist, im voraus oder überhaupt mit absoluter Sicherheit zu übersehen, 
ob und in welcher Weise sich in dem freien Verkehr, den man entsprechend zu regeln nicht in der 
Lage ist, die Steuerüberwälzung wirklich vollziehen wird. Theoretisch lässt sich sehr leicht der 
Satz aufstellen, die Steuerarten sind so zu wählen und zu bestimmen, dass im Endergebnis vermöge 
der Steuerüberwälzung stets der richtige Steuerträger, d. h. derjenige, dem man die Steuer wirk- 
lich auferlegen wi 1, getroffen wird. Ob der Erfolg in der gewollten Richtung eintritt, muss immer 
fraglich bleiben, da man nur mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen imstande ist. Regelmässig 
wird bei den indirekten Steuern die Überwälzung als gewollt, bei den direkten Steuern als nicht 
gewollt anzunehmen sein. Vollzieht sich die Steuerüberwälzung nicht in der von der Steuergesetz- 
gebung vorausgesetzten und gewollten Weise, so wird dadurch die rationelle Steuerpolitik durch- 
brochen und vereitelt; hierin zeigt sich gerade die bedenkliche Seite der Steuerüberwälzung und 
ihrer Unbestimmbarkeit. In der Berücksichtigung der Steuerüberwälzung wird man nach alledem 
stets mit der grössten Vorsicht zu verfahren haben. 

c)Prinzipienderöerechtigkeit. 
Als Prinzipien der Gerechtigkeit werden angeführt die Allgemeinheit 
der Besteuerung und die G'eichmässigkeit derselben. Dazu ist aber vorweg 
hervorzuheben, dass nach dem derzeitigen allgemeinen Entwicklungsstande, auf welchem sich die 
Besteuerung als solche aufzubauen hat, beide Prinzipien nicht nach ihrem strengen Wortlaute 
sondern nur mit gewissen Einschränkungen als zutreffend anzuerkennen sind. 

Der Grundsatz der Allgemeinheit fusst zunächst darauf, dass die passive 
Besteuerung eine allgemeine staatsbürgerliche Pflicht ist. Dementsprechend würden für diese 
Besteuerung ausschliesslich die Staatsbürger in Betracht kommen. Eine derartige Einschränkung 
der Besteuerung müsste jedoch unter den jetzigen verwickeiteren und verzweigteren allgemeinen 
rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Gerechtigkeit, die hier nur als relative in Be- 
tracht kommen kann, geradezu widersprechen. Die Allgemeinheit der Besteuerung ist demgemäss 
für die Jetztzeit begrifflich weiter zu fassen. Bezüglich der physischen Personen ist sie über den 
Kreis der Staatsbürger hinaus auf die Ausländer (NichtStaatsangehörige) auszudehnen, welche sich 
im Inlande dauernd oder vorübergehend aufhalten. Die Allgemeinheit erstreckt sich sodann aber 
ferner auf die juristischen Personen im weitesten Sinne und zwar sowohl auf die des öffent- 
lichen Rechts (Staat, Provinz, ELreis, Gemeinde pp.) wie auf die des Privatrechts Erwerbs- und 
Handelsgesellschaften, Aktiengesellschaften, Aktienkommanditgesellschaften, Erwerbs- und Wirt- 
schaftsgenossenschaften, Berg Werksgenossenschaften, Vereine etc.), unter Umständen auch hier 
auf ausländische mit. Daneben kann endlich noch die Besteuerung des Einkommens der 
Personen schlechthin, der inländischen Ertragsquellen für gewisse Bezüge und des Vermögens 
in Betracht kommen. Der Grundsatz der Allgemeinheit in der Besteuerung, wie er jetzt aufzufassen, 
lässt sich auf eine Einheitssteuer unbedingt nicht anwenden; es ist dieses ein weiterer ausschlag- 
gebender Grund für die Unmöglichkeit einer solchen Steuer, die schon oben hervorgehoben wurde. 

Ausserdem ist noch einer Durchbrechung des Prinzips der Allgemeinheit zu gedenken, 
welche jedoch gerade auf der Gerechtigkeit, die das Prinzip vertreten soll, beruht, der Steuer- 
freiheit des Existenzminimums bezw. der damit im Zusammenhang stehenden 
Befreiungen in einer unteren Steuerbegrenzung. Unter lediglich finanziellem Standpunkt würde 
eine derartige prinzipielle Befreiung nicht anzuerkennen sein, wohl aber muss sie vom sozialpoli- 
tischen, welcher in der neueren Zeit schärfer in den Vordergrund gebracht ist, gefordert werden. 
Durchzuführen ist die Befreiung nur bei einem Teil der Steuern, so namentlich bei der direkten 
Einkommens-, Ertrags- und Vermögensbesteuerung, desgleichen meist bei den Verkehrssteuern, 
während sie bei der indirekten Besteuerimg, den Verbrauchs- und Gebrauchssteuern, durchweg ausge- 
schlossen erscheint, zum Teil jedoch durch die Steuerüberwälzung zum Ausgleich gebracht werden 
wird. Eine weitergehende Durchführung der fraglichen Befreiung wird namentlich da zu fordern 
sein, wo der steigende Finanzbedarf stärker auf die Verbrauchsbesteuerung von Lebensbedürf- 
nissen zurückzugreifen zwingt. 



76 F. W. B. Zimmermann, Gerechtic:keit in der Steuerverteilung. 



Das zweite Gerechtiplceitsprinzip, die Gleichmässigkeit in der Besteue- 
rn n g , würde, rein nach der Wortbezeichnung aufgefasst, zur Hebung eines gleichen Steuer- 
betrages von allen Steuerpflichtigen und damit unbedingt zu einer grossen Ungerechtigkeit führeu. 
Unter Gleichmässigkcit ist hier demnach Gleichmässigkeit im Verhältnis zu verstehen, so dass 
also de Verschiedenheit nach dem allgemeinen wirtschaftlichen Stand der einzelnen Steuerpflichtige 
entsprechend zur Berücksichtigung kommt. Während man früher als Grundlage für die Fest- 
legung des Verhältnisses das Interesse und den Vorteil annahm, welcher dem Steuerpflichtigen 
aus seiner Zugehörigkeit zum Staat insgesamt oder in den einzelnen Beziehungen erwachsen musste 
(Genusstheorie, Assekuranztheorie), erkennt man jetzt als unter dem vorgeschritteneren Ent- 
wicklungsstand der Gerechtigkeit allein entsprechend durchweg nur das Verhältnis nach 
der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des einzelnen Steuerpflichtigen an, 
wie solches allein der Natur des Staats und der gegenseitigen Beziehung zwischen Staat und 
Steuerpfl chtigen entsprechen dürfte. Jeder Steuerpflichtige hat d mnach gemäss seiner wirt- 
schaftlichen Leistungsfähigkeit an der Steuerlast teilzunehmen. AVenn dieses nun auch sozu- 
sagen als oberster Grundsatz für die Gleichmässigkeit in der Besteuerung hinzustellen ist, so hat 
sich das Iiiteressenprinzip doch bei einzelnen Steuerarten nach Massgabe deren besonderer Eigen- 
schaftlichkeit bis jetzt erhalten und wird sich voraussichtlich in diesem beschränkteren Masse 
weiter erhalten; es ist dieses namentlich bei den Gebühren und bei einer Reihe von Verkehrs- 
steuern der Fall. 

Bei der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit kommen wiederum 
verschiedene besoiidi're Momente in Betracht. Dass ein gewisses Mindestmass von wirtschaftlicher 
Leistungsfähigkeit überhaupt von der Besteuerung frei zu lassen ist (Steuerfreiheit des Existenz- 
minimums), hatten wir schon bei dem vorigen Prinzip der AUgemehiheit berührt. Es schlägt hier 
ferner lier die Proportionalität und die Progression der Steuer. Bei der 
proportionalen Besteuerung bestimmt sich der Steuerbetrag zwar nach der Höhe des Steuerobjekts, 
aber lediglich m der Weise, dass das Verhältnis zwischen Steuer und Steuerobjekt ohne Rücksicht 
auf die Höhe des letzteren sich stets gleich bleibt; der Steuersatz wechselt also nur gleichmässig 
mit der Höhe des Steuerobjekts. Die progressive Besteuerung lässt mit der Höhe des Steuerobjekts 
auch die Steuersätze der Höhe nach steigen, so dass mit dem höheren Steuerobjekt das Verhältnis 
zwischen Steuer und Objekt gleichfalls in einer entsprechenden Weise sich erhöht. Die progressive 
Besteuerung beruht aut dem Gesichtspunkt, dass die Leistungsfähigkeit einer Emzel Wirtschaft 
bezw. eines einzelnen wirtschaftlichen Objektes für die Regel mit der Grösse nicht nur proportional 
sondern progressiv ansteigt. Die proportionale Besteuerung entspricht im wesentlichen dem Ge- 
nuss- und Assekuranzprinzip; sie hat sich jedoch auch unter dem Prinzip der Besteuerung nach 
der Leistungsfähigkeit noch bei gewissen Steuerarten erhalten, so bei den Gebühren und vielfach 
bei den Verkehrssteuern, namentlich bei denen, welche in der Form des Stempels erhoben werden. 
Die progressive Besteuerung bringt recht eigentlich das Prinzip der Besteuerung nach der Leistungs- 
fähigkeit zum Durchbruch; durch sie wird am entschiedensten nach den neueren Grundsätzen 
den wirtschaftlichen und sozialpolitischen Gesichtspunkten Rechnung getragen. In der ausge- 
sprochensten Weise durchgebildet erscheint die progressive Bdsteueruug gerade bei den jüngst- 
hin hauptsächlich bedeutungsvoll gewordenen Steuerarten, bei den Einkommens- und Ver- 
mögenssteuern; sie bricht sich aber auch bei anderen Steuern in neuester Zeit mehr Bahn, so bei 
der Erbschaftssteuer und in besonderen Beziehungen bei einzelnen Stempelsteuern. 

Ein weiter hier einschlagendes sozialpolitisches Moment beruht auf der Erwägung, dass 
die L c i s t u n g s f ä h i g k e i t des Einkommens durch die Quelle, aus der es 
fliesst, in einer unterschiedlichen Weise bedingt wird, dass die Leistungsfähigkeit eine um so 
grössere sein muss, je sicherer diese Quelle fliesst. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint das fun- 
dierte Einkommen, das Einkommen aus einem Besitz oder aus Rente das leistungsfähigste; ihm 
gegenüber steht sodann das unfundierte Einkommen, dasjenige aus reiner Arbeit; zwischen beide 
stellt sich das gemischte Einkommen, welches teils auf Besitz teils auf Arbeit beruht und in der 
Hauptsache das gewerbliche Einlioramcn umfa.sst. Eine Gleichmässigkeit in der Besteuerung nach 
der Leistungsfähigkeit ist in vollem Masse daher nur vorhanden, wenn die so nach der Quelle 



F. W. ß. Zimmermann, GcM-eclitigkelt in der Slouervcrteilung. 77 

geschiedenen Einkommen steuerlich entsprechend verschieden behandelt werden. — Wie das 
vorberührte Moment wesentlich nur die Einkommensbesteuerung betrifft, so haben wir zum Schluss 
noch ein sich in der gleichen Richtung bewegendes aber von weniger einschlagender Bedeutung 
hervorzuheben. Auf dem Einkommen können gewisse Lasten oder Verpflichtungen 
wie namentlich solche aus Familienverhältnissen (grosse Kinderzahl) ruhen, welche die Leistungs- 
fähigkeit sei es dauernd sei es vorübergehend in einer bestimmten Weise beeinträchtigen. Auch 
sie entsprechend bei der Steuerbemessung zu berüclcsichtigen, muss wiederum die Gleichmässigkeit 
in der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit bedingen. 

d) Prinzipien der Steuerverwaltung. 
Die Prinzipien der Steuerverwaltung wollen wir nur kurz herausheben, 
da sie für unsere Frage von untergeordneter Bedeutung sind und wesentlich die Gesetzgebungs- 
und Verwaltungstechnik betreffen. Zunächst gilt der Grundsatz der Bestimmtheit der 
Besteuerung. Die Steuer muss gegenüber dem Steuerpflichtigen nach Betrag, Zahlungszeit, 
Zahlungsort, Zahlungsart fest und scharf bestimmt sein; gleichzeitig sind diese Einzelpunkte in 
einer einfachen und verständlichen Weise zum Ausdruck zu bringen, so dass bei dem Pflichtigen 
ein Zweifel bezüglich seiner Steuerpflicht nach keiner Richtung hin entstehen kann. Sodann der 
Grundsatz der Bequemlichkeit in der Besteuerung. Die Einhebung der 
Steuer ist be7.üglich der Zeit, das Orts und der Ajt der Zahlung so festzulegen und einzurichten, 
dass für den Pflichtigen aus der Zahlung selbst möglichst geringe Beschwerden erwachsen; unter 
Umständen kann auch die Zulassung von Raten- und Teilzahlungen in Frage kommen. End- 
lich das grundsätzliche Streben nach möglichst geringen Erhebungs- 
kosten der Steuer. Es ist dieses bei der Ausgestaltung der einzelnen Steuer sowohl wie 
bei der Wahl der Steuerarten in dem Steuersystem zu berücksichtigen; hier laufen die wirt- 
schaftlichen Interessen des Hebenden und des Zahlenden der Hauptsache nach in der gleichen 
Richtung, denn jede Erhöhung der Erhebungskosten würde in der Regel eine Erhöhung des zu 
hebenden Gesamtsteuerbetrages bedingen. 

6. Gerechtigkeit im Steuersystem und in den einzelnen Steueraiten. 

Da die tatsächlichen Verhältnisse und die Grundprinzipien der Besteuerung nach ihrer 
neueren Entwicklung eine Einheitssteuer aus^chliessen müssen, so ist die Gerechtigkeit in der 
Steuerverteilung in dem hier angewandten weiteren Sinn in einem Steuersystem zum 
Ausdruck zu bringen. Dieses Steuersystem ist so zu bilden, dass in ihm insgesamt die Gerechtig- 
keit in der Steuerverteilung zur Durchführung kommt. Es kann sich bei der Bildung des Steuer- 
systems mithin nicht etwa nur darum handeln, eine mehr oder weniger grosse Zahl von Einzel- 
steuern willkürlich und lediglich unter dem finanzpolitischen Prinzip der ausreichenden 
Deckung des Finanzbedarfs aneinanderzureihen. Die Einzelsteuern sind vielmehr sorgfältigst 
unter Berücksichtigung ihrer inneren Eigenart auszuwählen und systematisch zusammenzusetzen, 
so dass in dieser Zusammenfügung selbst, die auf diese Weise sich in Wirklichkeit als ein Steuer- 
system darstellt, die Grundprinzipien der Besteuerung im ganzen gewahrt erscheinen und gleich- 
zeitig der Gerechtigkeit in der Sti uerverteilung sachgemäss Rechnung getragen ist. Dabei verschlägt 
es nichts, wenn bei der einzelnen eingestellten Steuerart das eine oder das andere Grundprinzip 
mehr zurück- oder hervortritt; eine Verschiedenheit in dieser Beziehung ist durch die Eigenart 
der einzelnen Steuern sogar notwendig bedingt; diese Verschiedenheit wird entsprechend zum 
Ausgleich zu bringen sein. 

Gleichzeitig ist aber bei der Regelung und Ausbildung der einzelnen 
Steuerarten in sich den Grundprinzipien der Besteuerung und der Gerechtigkeit in der 
Steuerverteilung nach Möglichkeit Rücksicht zu tragen. Innerhalb der einzelnen Steuerarten selbst 
ist also schon tunlichst ein Ausgleich anzustreben, wie er trotz der unterschiedlichen Eigenart bis 
zu einem gewissen Grade zu erreichen sein dürfte. Für die Steuersystembildung muss hier- 
durch eine nicht unwesentliche Erleichterung geschafft werden. Hat man behufs Herstellung einer 
Gerechtigkeit in der Steuerverteilung bei der Steuorsystembildung in erster Linie darauf zu sehen, 



78 i- W. i?. Zimmermann, Gerechtigkeit in der Steuerverteiinng. 



dass die Steuerobjekte. Erwerb. Besitz, Gebrauch, iu einem sachgemässen, jener Gerechtigkeit 
entsprechenden Verhältnis zur Besteuerung herangezogen werden, so ist bei der Ausgestaltung 
der einzelnen Steuerarten vornehmlich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen 
zu berücksichtigen, dass nach ihr und nach den oben berührten, der neueren sozialpolitischen Ent- 
wicklung entsprechenden Einzelmomenten die Steuer, soweit deren Eigenart es zulässt, abgemessen 
wird. Nach dem hierdurch erzielten Ergebnis wird sich dann wieder die Systembildung vermöge 
des stetigen gegenseitigen Ineinandergreif ens zu richten haben. 

7. Steuersystem der einzeliieu Steuergewalten und üesamtsteuersystem. 

Ebenso wie die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung in den einzelnen Steuern sowohl wie 
in der Zusammenfassung derselben, dem Steuersystem, zum Ausdrucke kommen muss, ebenso ist 
sie nicht etwa nur in dem Steuersystem der einzelnen Finanzhoheit, welcher 
das Recht einer Steuererhebung gesetzmässig zusteht (Steuergewalt), sondern auch in der Ge- 
samtheit dieser Steuersysteme, sozusagen einem Gesamtsteuersystem des staat- 
lichen Gemeinwesens überhaupt zu verwirklichen. Die Steuergewalten sind daher 
in der Ausübung ihres Besteuerungsrechts nicht unbeschränkt; sie können sich nicht beliebig ein 
selbständiges Steuersystem mit in sich geschlossen durchgeführter Gerechtigkeit in der Steuer- 
verteilung bilden, sondern sie sind vielmehr gezwungen eine solche Bildung in imbedingter Rück- 
sichtnahme auf die Ausübung des Besteuerungsrechts der anderen Steuergewalten vorzunehmen. 
Um die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung für das Deutsche Reich im ganzen zur Geltung zu 
bringen, ist ein bis zu einem gewissen Grade gemeinsames Vorgehen des Reichs, der Bundesstaaten, 
der grösseren mittleren Verbände imd der Gemeinden hinsichtlich der Besteuerung notwendig, 
welches naturgemäss bei der loseren bezüglichen gesetzlichen Abgrenzung namentlich zwischen 
Reich und den übrigen Faktoren stets Schwierigkeiten bieten wird und leicht im einzelnen zu 
Verletzungen des gerechten Verteilungsprinzipes führen kann. 

Eine äussere Abscheidung. die allerdings durch die neueste Steuerg''setz2;pbunfr des 
Reichs mit ihrer Vermögensbf^steuerung erhel lieber durchbrochen wurde, ist hier insofern getroffen, 
als das Reich in erster Lini<" Konsumsteuem, gewisse Bereicherungssteuern, namentlich einen Teil 
der Verkehrssteuern und Erbschaftssteuer erhebt, während die übrigen Faktoren vorzugsweise Ein- 
kommens- und Vermögenssteuer, daneben aber auch Ertrags- und Verkehrssteuer ihrer Besteuerung 
zugrunde legen; zugleich sind den mittleren Verbänden und den Gemeinden stellenweise ganz oder 
doch zum vorragenderen Teil die Realsteuem zugewiesen. Durch die gegenseitige Beschränkung in 
der Besteuerungsmöglichkeit muss wesentlich auch unter der vorbezeichneten äusseren Abgrenzung 
die Gerechtigkeit in der St€uerverteilung bei dem Steuersystem des einzelnen Faktors wie Reich, 
Bundesstaat pp. zum Teil mehr oder weniger zurücktreten, weil ja die einzelnen Steuerarten, auf 
welche jede Steuergewalt für ihre Besteuerung angewiesen ist, vielfach nach ihrer unab- 
änderlichen Eigenart nur eine beschränktere Durchführung jener oben bezeichneten obersten 
Steuerprinzipien, auf welchen die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung beruht, gestatten. Dieses 
Zurücktreten in dem einen Steuersystem wird aber in der Hauptsache wieder ausgeglichen werden 
bei einem anderen Steuers)'stem, welches vorwiegender Steuerarten mit der entgegengesetzten 
Tendenz enthält, bezw. nach Lage der Sache enthalten muss. Dadurch wird in der Zusammenfassung 
der einzelnen Steuersysteme für das darin zum Ausdruck gelangende Gesamtsteuersystem des 
Deutschen Reichs die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung wiederum erreicht. 

8. Einfluss des historischen Entw ickhingsgangs. 

Wir haben im Vorstehenden stets schlechthin von Bildung von Steuersystemen und Aus- 
gestaltung einzelner Steuerarten behufs Durchführung des Prinzips einer gerechten Steuerverteilung 
gesprochen. In Wirklichkeit kann sich diese Bildung und Ausgestaltung keineswegs so einfach 
und ohne weiteres vollziehen. Niemals wird es sich nämlich um eine vollständige Neubildung eines 
Steuersystems sozusagen von reinem Tisch aus handeln, sondern stets nur um eine Aus-oderUm- 
b i I d u D g in engeren oder weiteren Grenzen auf Grund und unter wesentlicher Berücksichtigung 



F. W. B, Zimmei'^mann, Oerechtigkeit iu der Stenerverteilnng. 79 

der historisch überkommeuen Verhältnisse. Dass man in die Lage kommen 
sollte, ein Steuersystem für eine einzelne Steuergewalt oder gar für sämtliche Steuergewalten eines 
Staatswesens unter Überbordwerfung der gesamten früheren Besteuerung von Grund aus neu zu 
bilden, dürfte ausL'r schlössen erscheinen, obgleich eine derartige Steuersystembildung für die Durch- 
führung einer gerechten Steuerverteilung weitaus das Einfachste und Günstigste sein würde. Gerade 
in der Besteuerimg wird man grundsätzlich das Überkommene und von altersher Bestehende 
besonders zu achten haben, wenn man nicht weitgehende Schwierigkeiten und eventuell auch 
Missstände zeitigen will; es kommt hier der in einer entsprechenden Beschränkung immerhin 
als zutreffend anzuerkennende Satz, dass jede alte Steuer besser sei als eine neue, zur Geltung. 
Alle Änderungen im Steuersystem, welche sich mit der Entwicklung der rechtlichen, wirt- 
schaftlichen und sozialen Verhältnisse behufs Beibehaltung bezw. Durchführung des Prinzips der 
gerechten Steuerverteilung vermöge der historischen Relativität des letzteren notwendig vollziehen 
müssen, werden sich regelmässig auf der bisherigen Besteuerung, diese tunlichst aber jedenfalls bis zu 
einem gewissen Grade schonend, aufzubauen habeui Dass hierdurch bei dem Maugel der Einheit- 
lichkeit und der Unmöglichkeit, das historisch zu Übernehmende den Verhältnissen der Gegenwart 
in allen Einzelheiten und mit der gleichen Vollkommenheit wie eine Neubildung anzupassen, grossere 
Schwierigkeiten für die Durchführung unseres Prinzips erwachsen müssen, ja dass dieselbe dadurch 
nach einzelnen Richtungen hin sogar beeinträchtigt werden kann, braucht kaum näher nachge- 
wiesen zu werden. Die Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen werden natürlich um so grösser, 
je verschiedener die Kulturepochen, welche die Umgestaltung des Steuersystems bedingen, sich 
voneinander abheben. Unter Umständen wird man sich damit helfen können, die Umgestaltung 
nach und nach in gewissen Zwischenräumen und dann insgesamt um so einschneidender zu voll- 
ziehen; dem steht allerdings wieder entgegen, dass cxundsätzlich gesetzliche Eingriffe in die 
bestehende Besteuerung so wenig wie möglich voruenommen werden sollen. Nach der ungünstigen 
Seite verschärfend muss endlich noch der Umstand einwirken, dass durch die vermöge der 
kulturellen Weiterentwicklung notwendigen Umgestaltungen der Besteuerung die Steuersysteme 
alle der einzelnen Steuergewalten des Staatswesens gleichzeitig teils schon an und für sich teils 
durch ihren gegenseitigen Zusammenhang unter einander berührt werden. 

9. Verhältnis der obersten Steuerprinzipieu zu einander. 

Bislang smd die in der Hauptsache mehr äusserlichen Momente für die Bildung des 
Steuersystems unter dem Gesichtspunkte des gerechten Steuerverteilungsprinzips erörtert ; dabei 
ist davon ausgegangen, dass das uns hier interessierende Prinzip der Gerechtigkeit in der Steuer- 
verteilung in den Steuersystemen der Steuergewalten, allein und zusammengefasst, und eventuell 
auch in den einzelnen Steuerarten durch eine möglichst weitgehende Beobachtung der obersten 
Steuergrundsätze, welche wir in den Anfang gestellt hatten, zum Durchbruch gebracht werden 
müsste. Die obersten Steuerprinzipien werden aber weder an und für sich noch 
für unsere besondere Frage unter sich als gleichwertige zu erachten sein, el enmässig sind sie 
nicht derart, dass sie überall neben einander, wenn auch nur mehr oder weniger weitgehend, zur An- 
wendung kommen könnten ; es treten vielmehr in ihnen oder wenigstens in einzelnen von ihnen immer- 
hin gewisse innere Gegensätze zur Erscheinung, welche, wenngleich nur in Einzelbeziehungen, eine 
entgegengesetzte Stellung und ein gegenseitiges Ausschliessen bedingen. Wie hierdurch unsere 
Frage, die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung, näher berührt werden muss, wie mithin die einzelnen 
obersten Steuerprinzipien für diese Frage in besonderer Weise zu bewerten und eventuell gegen- 
einander in ihren Einzelbeziehungen abzuwägen sind, werden wir nunmehr darzulegen haben; wir 
müssen uns aber auch hier wieder auf die grossen Grundzüge beschränken ohne auf die viel- 
fachen Einzelbeziehungen, welche für die verschiedenen Steuerarten in Betracht kommen 
können, näher einzugehen. 

Die finanzpolitischen Prinzipien und die Steuer Verwaltungs- 
prinzipien wollen wir in eins zusammenfassen und vorwegstellen. Obwohl diese Prinzipien 
stets die notwendige Voraussetzung für eine gute Besteuerung und in letzterer auch für die 



80 F. W. M. Zimmermann, Gerechtigkeit In der StenerTerteilnng. 



Grereclitigkeit iu der Steuerverteilung bilden, so ist ihre unmittelbare Einwirkung auf diese 
Gerf chtigkrit doch nur von untergeordneter Art. In der Hauptsache stehen sie unserer Frage etwa 
in der gleichen Weise gegenüber, wie nach den obigen Ausführungen die Gesetzmässigkeit in 
der Besteuerung den obersten Steuerprinzipien in ihrer Gesamtheit. Unter Umständen kann 
jedoch eine unmittelbare Berührung bis zu einem gewissen Grade gegeben sein. Durch eme 
de Finanzbedarf nicht entsprechende Besteuerung wii-d sogleich oder in der Folge vermöge eines 
ungenügenden Ausbaues des Steuersystems oder einzelner Steuerarten die Gerechtigkeit in 
der Steuerverteilung in Mitleidenschaft gezogen werden können, wie ebenso die gleiche Möglichkeit 
vorliegt, wenn wegen der Unbeweglichkeit in der Besteuerung diese den Verschiebungen in den 
allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen zu folgen nicht in derLage ist. Auch durch Mängel bezüglich 
der Bestimmtheit oder der Bequemlichkeit in der Besteuerung wieebenfallsdurchzuhoheErhebungs- 
kosten werden möglicherweise die einzelnen Klassen der Steuerträger in einem verschiedenen Grade 
getroffen, wodurch gleicherzeit die Gerechtigkeit in der SteuerverteUung beeinflusst werden würde. 
Es sind dieses jedoch immerhin nur Einwirkungen untergeordneter Art; man wird deshalb die 
unmittelbare Bedeutung der finanzpolitischen und der Steuerverwaltungsprinzipien für die 
Gerechtigkeit in der Steuerverteilung nur als eine geringfügigere anzusehen haben, welche 
keinesfalls mit der der beiden anderen Prinzipiengruppen in Vergleich gestellt werden kann. 

Die volkswirtschaftlichen und die Gerechtigkeits-Prinzipieu 
stehen für unsere Frage wiederum in einem engen Zusammenhang zu einander und zwar der Haupt- 
sache nach in dem Verhältnis, dass die volkswirtschaftlichen Prinzipien die breitere Grundlage 
abgeben, auf der allein erst vermöge der Prinzipien der Gerechtigkeit die Gerechtigkeit in der 
Steuerverteilung aufzubauen ist. 

Die Beobachtung der volkswirtschaftlichen Prinzipien stellt sich als 
die notwendige, unter allen Umständen zu erfüllende Vorbedingung für eine Darchführung der 
Gerechtigkeit in der Steuerverteilung dar, obwohl diese Durchführung selbst sich eigentlich noch 
nicht in den volkswirtschaftlichen, sondern erst in den Gerechtigkeitsprinzipien vollzieht. Die 
volkswirtschaftlichen Prinzipien geben nach unseren obigen Ausführungen die richtige Steuer- 
quelle und den richtigen Steuerträger — durch Auswahl der Steuerarten nach ihrer Wirkung unter 
Berücksichtigung der Steuerüberwälzung — an; ohne beides ist an eine Gerechtigkeit in der 
Steuerverteilung nicht zu denken. Die Steuerquelle muss nach Massgabe der jeweiligen Verhält- 
nisse in Volks- und Privatwirtschaft unter zutreffender Abmessung sachgemäss festgelegt sein; 
eben.so muss der Steuerträger, welchen die Steuerbelastung nach den wirtschaftlichen und recht- 
lichen Grundlagen des Staats zu treffen hat, in zweckentsprechender Weise bestimmt sein. In 
beiden Beziehungen ist den volkswiitschaftlichen Prinzipien in vollstem Masse Rechnung zu tragen. 
Erst wenn Steuerquelle und Steuerträger nach dem tatsächlichen Verhältnis auf die wirkliche wirt- 
schaftliche Grundlage des Staats gestellt sind, wie solches durch die Beobachtung der volkswirt- 
schaftlichen Prinzipien geschieht, kann eine Gerechtigkeit in der Steuerverteilung zur Geltung 
gebracht werden Dementsprechend bilden für letztere die obersten Steuerprinzipien der Volkswirt- 
schaft stets eine notwendige und unabweisbare Voraussetzung und sind als solche zn bewerten. 

Die Prinzipien der Gerechtigkeit sind, wie schon in der Bezeichnung selbst 
zum Ausdruck kommt, diejenigen, in welchen die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung sich 
nach ihrem spezifischen Gehalt und ihrer inneren Eigenart ausprägt und in vollständiger Weise 
verwirklicht. In ihnen kann die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung überhaupt erst zu einer sach- 
gemä.s.sen uneingeengten Durchführung gebracht werden; ohne sie würde eine solche überhaupt 
nicht denkbar sein ; sie bilden die festen Grundpfeiler für dieselbe. Ihre Beobachtung ist daher 
in Hinsicht auf die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung unbedingt als das Wesentlichste anzusehen. 
Dabei ist aber nicht auf die erste Grundgestaltung, sozusagen auf den Wortlaut jener beiden obersten 
Steuerprinzipien, sondern auf ihren inneren Gehalt, wie er sich in seinen Einzelheiten unter den 
derzeitigen rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen herausgearbeitet hat. Gewicht 
zu ic gen; er ist zii berücksichtigen, so wie wir ihn oben zur Darstellung gebracht haben. Dement- 
sprechend ist als der Hauptgrundsatz für die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung, in welchem 
gewissermassen beide Prinzipien ihrem eigentlichen Gehalt nach zum Ausdruck kommen, dpr Satz 



F. W. R. Zimmertnann, Gerechtigkeit in der Steneryerteilnng. 81 

hinzustellen, dass Jeder nach seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zur 
Besteuerung heranzuziehen ist. Dem Prinzip der Allgemeinheit in der Besteuerung dürfte damit 
gleicherweise Rechnung getragen sein, da jeder Leistungsfähige heranzuziehen ist, ein gewisses 
Mindestmass von Leistungsfähigkeit aber immerhin ausser Betracht gelassen werden kann. 

Die Leistungsfähigkeit ist mit allen den einzelnen Verschiedenheiten, die 
bezüglich ihrer nach den massgebenden Richtungen hin zur Erscheinung kommen, zu berück- 
sichtigen, wobei namentlich nicht ausser acht zu lassen ist, dass mit den grösseren Mitteln die 
Leistungsfähigkeit nicht nur proportional sondern progressiv anwächst. Die Progressivbesteuerung 
gewinnt dadurch für die Gerechtigkeit in der SteuerverteUung eine ganz besondere Bedeutung. 
Gerade in jenen Einzelmomenten, in welchen sich in der Hauptsache der Entwicklungsstand der 
Jetztzeit geltend macht, liegt, und zwar eben aus diesem Grunde, der springende Punkt; durch sie 
wird den rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der Zeit Rechnung getragen, was 
als eine Hauptbedingung für die Diurchführung der Gerechtigkeit in der Steuerverteilung anzu- 
sehen ist. Dadurch müssen die in Frage stehenden beiden obersten Steuerprinzipien noch weiter 
in den Vordergrund gerückt werden ; sie stellen sich als das für die Gerechtigkeit in der Steuer- 
verteilung hauptsächlich Massgebende dar. 

10. Besondere Schwierigkeiten in der Verwirklichung. 

Aus der vorgehenden Erörterung der Bedeutung, welche die obersten Steuerprinzipien für 
unsere Frage im Verhältnis zu einander haben, ergibt sich, dass bis zu einem gewissen Grade alle 
die einzelnen Prinzipien auf die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung von Einfluss sind. Die obersten 
Steuerprinzipien lassen sich jedoch bei den einzelnen Steuerarten keineswegs beliebig oder bis 
zu festliegenden Grenzen gleichmässig zur Anwendung bringen. Die Sonderheiten der 
einzelnen Steuerarten gestatten vielmehr eine Durchführung der obersten Steuer- 
prinzipien, wie schon berührt, nur in einer sehr verschiedenen Weise oder nach einer stark unter- 
schiedlichen Abstufung. Um so mehr ist es natürlich ausgeschlossen, bei den einzelnen Steuerarten 
der Gerechtigkeit in der Steuerverteilung auf einer gleichmässigen und übereinstimmenden Grund- 
lage Geltung zu verschaffen, da bei ihr sämtliche Prinzipien und noch dazu nach einer bestimmten 
abgestuften Bedeutung in Frage kommen. Die einzelnen sich hieraus ergebenden Verschiedenheiten 
bezüglich aller der zahlreichen Steuerarten näher zu verfolgen, muss ausgeschlossen erscheinen; 
auf einzelnes haben wir oben hingewiesen; wir können jetzt nur die Tatsache als solche hervor- 
heben, die aber wohl kaum zu Zweifeln Anlass bieten dürfte. 

Um zu einer absoluten Gerechtigkeit in der Steuerverteilung zu 
gelangen, müssten bei der Bildung des Steuersystems alle diese Verschiedenheiten der Steuerarten 
durch die entsprechende Zusammenfügung derselben vollkommen zum Ausgleich gebracht werden. 
Nach den tatsächlichen Verhältnissen wird es aber bei der ausserordentlichen Mannigfaltigkeit 
in den Abweichimgen, die sich zugleich dem Grade nach wiederum in der grössten Verschiedenheit 
abstufen, als vollkommen ausgeschlossen anzusehen sein, überhaupt jemals ein solches Ziel zu er- 
reichen. Wenn Adolph Wagner sagt, dass die Bildimg eines rationellen, theoretisch richtigen, 
praktisch brauchbaren Steuersystems eine in jeder Hinsicht ausserordentlich schwierige und immer 
nur mehr oder weniger gut zu lösende Aufgabe sei, so muss dieses ebenmässig und wohl noch in 
einem erhöhten Masse von der Durchführung einer Gerechtigkeit in der Steuerverteilung gelten. 

Eine absolute, in allen einzelnen Beziehimgen durchschlagende Gerechtigkeit in der Steuer- 
verteilung wird man selbst bei einem rein theoretischen Aufbau eines Steuersystems 
kaum je erreichen können, denn es dürfte als ausgeschlossen erscheinen, die einzelnen Steuerarten 
zu dem System gerade so zu vereinigen, dass die für die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung mass- 
gebenden obersten Steuerprinzipien in ihren bei diesen Steuerarten in verschiedener Weise und 
nach beiden Seiten hin zur Erscheinung kommenden Abweichungen sich behufs Erzielung der 
vollen Gerechtigkeit ganz genau und ohne ein Überschiessen nach der einen oder nach der anderen 
Seite hin ergänzen, dass sozusagen stets das Plus auf der einen Seite durch ein entsprechendes Minus 
auf der anderen vmd umgekehrt ausgeglichen wird. Ausserdem kommt in Betracht, dass die bei 

Handbuch der Politik. U. Auflajo. Hand II. Ü 



82 JP"' TT. i?. Zimmermann, Gerechtigkeit in der Steuerverteilung. 



vielen wichtigen Steuerarten eine so grosse Eolle spielende Steuerüberwälzung in ihrem tatsäch- 
lichen Erfolge häufig oder meist nicht einmal mit unbedingter und zweifelloser Sicherheit abzu- 
schätzen ist. Gewisse Unstimmigkeiten, wenn sie auch vielleicht auf ein verhältnismässig 
geringes Minimum zu beschränken sind, werden bei der rein theoretischen Bildung eines Steuer- 
systems stets noch verbleiben und entsprechend die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung beein- 
trächtigen. 

In wie viel höherem Grade muss dieses aber bezüglich des für die reale Wirklichkeit 
zu bildenden Steuersystems der Fall sein, wo des weiteren nach den tatsächlichen Verhältnissen 
die Bewegungsfreiheit gehemmt ist und aus solchen neue Schwierigkeiten sich ergeben. 

Unter den realen Verhältnissen kommt diesbezügHch einmal in Betracht, dass, wie wir 
oben schon gesehen, bis zu einem gewissen Grade die historische Entwicklung zu 
achten ist. Jede Umbildung des Steuersystems hat sich an das von früher Überkommene anzu- 
schliessen. Damit müssen notwendig für das neuere Prinzip, in dem sich wesentlich die gerechte 
Steuerverteiluni; zu verkörpern hat, Beeinträchtigungen nach dieser Richtung hin gegeben sein. 

Ein anderer ähnlich wirkender Umstand ist der, dass für die Bildung des Gesamtsteuer- 
systems, in welchem die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung endgültig zum Ausdruck zu bringen 
ist, eine Mehrheit von Steuergewalten — Reich, Bundesstaaten, mittlere Verbände 
(eventuell mehrere), Gemeinde — in Frage kommt, welche in Organisation und betreffender Macht- 
vollkommenheit im grossen und ganzen selbständig nebeneinander stehen und ledigHch bezüglich 
des Gebiets der Besteuerung in den Hauptzügen und zum Teü nur lose gegeneinander abgegrenzt 
sind. Einerseits dadurch dass diese einzelnen Steuergewalten in unserer Beziehung eine äussere 
Einwirkung auf einander nicht haben, sondern mehr zusammenhanglos nebeneinander gestellt sind, 
andererseits dadurch, dass sie bei solcher Sachlage stets in erster Linie das eigene Sonderinteresse 
ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit und die Verhältnisse der anderen Steuergewalten walten 
lassen werden, ist eine Einheitlichkeit in dem Vorgehen bezüglich der Besteuerung mehr oder 
weniger ausgeschlossen, eine Einheitlichkeit, wie sie gerade die Vorbedingung für die volle Durch- 
führung der Gerechtigkeit in der Steuerverteilung büden müsste. 

Dazu kommt endlich die Organisation der Steuergewalt, dass über die 
Besteuerung die vollziehende Gewalt — Regierung — nicht allein, sondern unter Zustimmung der 
besonderen Vertretung der einzelnen öffentlichen Körperschaft — Parlament — zu entscheiden 
hat. Aus der Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Regierung und Parlament dürfte sich 
aber vielfach eine ungünstige Einwirkung auf die Durchführung der Gerechtigkeit in der Steuer- 
verteilung ergeben, weil dieselbe vorwiegender von einer zufälligen Verbindung der parlamen- 
tarischen Parteiungen bedingt sein kann. Gerade in den Besteuerungsfragen pflegt das besondere 
Interes.se der verschiedenen beteiligten Bevölkerung.sgruppen eine grössere Rolle zu spielen und in 
stärkerem Grade auf die einzelnen parlamentarischen Parteien zurückzuwirken. Folgeweise worden 
letztere jenes Interesse in erster Linie zum Durchbruch zu bringen bestrebt sein müssen und unter 
Umständen jede andere Rücksicht, also auch die auf eine Gerechtigkeit in der Steuerverteilung, da- 
hinter zurücktreten lassen. Die Regierung, welche bei dem steigenden Finanzbedarf sich notwendig 
Steuerquellen erschliessen muss, ist gezwungen, wiederum in erster Linie dem finanzpolitischen 
Prinzip der Ausreichendheit der Besteuerung zu folgen und eine Ausgestaltung des Steuersystems, 
wie sie sie allein vom Parlament erreichen kann, anzunehmen, wenn damit auch den übrigen Steuer- 
prinzipien nicht in vollkommener Weise Rechnung getragen ist. In einem höheren Masse muss 
sich diese letztere Gegenwirkung gegen eine gerechte Steuerverteilung bei der augenblicklichen 
allgemeinen Lage verschärfen, denn durch diese ist der Finanzbedarf unter den erweiterten kul- 
turellen Aufgaben verhältnismässig sehr erheblich für alle Steuergewalten angewachsen, was 
gleichzeitig wieder eine stärkere Inanspruchnahme der Steuerquellen bedingt. 

11. Endergebnis. 

Wenn wir zum Schluss das Endergebnis aus unseren Ausführungen ziehen, so läuft 
solches auf Folgendes hinaus: Die Gerechtigkeit in der Steuerverteilung, welche in dem Ge.samt- 
steuersystem des staatlichen Gemeinwesens zum Ausdruck kommen muss, beruht auf einer verhält- 



Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. §3 

nismässig grossen Zahl von Einzelmomenten, welche sich zum Teil gegenseitig bedingen, zum 
Teil unabhängig nebeneinander stehen. Behufs Erfüllung der ihr in dieser Beziehung obliegenden 
Aufgabe hat die Steuerpolitik das Steuersystem des staatlichen Gemeinwesens in seiner Gesamt- 
heit unter sachgemässer Vereinigung der Steuerarten nach jenen Momenten und unter entsprechen- 
der Berücksichtigung aller Steuerquellen so zu bilden, dass durch das System als Ganzes die Gerech- 
tigkeit in der Steuerverteilung verwirklicht wird. Hierbei ist in erster Linie darauf zu sehen, einmal 
dass jede physische oder nicht physische Persönlichkeit, welche nach ihren Verhältnissen zur Steuer- 
tragung zu verpflichten erscheint, auch tatsächlich zur Besteuerung herangezogen wird, und ferner 
dass jeder einzelne Steuerträger nach seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unter besonderer 
Berücksichtigung aller dieselbe bedingenden Verhältnisse steuerlich belastet wird. Die in der 
Natur der Sache begründeten, teüs schon durch die vorstehende theoretische Festlegung, teils durch 
deren praktischeDurchführunggegebenenHemmnisse, welche einer absoluten und bis zu den äusser- 
sten Grenzen gehenden Gerechtigkeit in der Steuerverteilung entgegenstehen, erweisen sich aber 
so gross, dass überhaupt nur eine annähernde Erfüllung der bezüglichen steuerpolitischen Aufgabe 
als möglich erscheinen dürfte. 



38. Abschnitt. 
Die öfFentlichen Abgaben iii Deutschland. 

Vom 

Geh. Kegieiungsrat Dr. Julius Wolf, 

Professor der Staatswissenschaften an der Tecüniscliea Huchschule Berlin. 

I. Die fliianzwirtscliiiftliclie „\rbeltsteilang" zwischen Reicli und Eiuzel:itaaten. 
II Die Abgabeil des Reiches. 

1. Das ,.Systenr'. 

A. Zölle und Aufwandsteuern. 

B. Steuern vom Produktionsaufwand (sogenannte „Verkehr-ssteuern"). 

C. Einkommenerganzungssteuern. 

2. Entwicklung und Entwieklnngstendenzen. 
III. Die Abgaben der Einzelstnaten. 

1. Die Abgabenkategorien. 

A. Allgemeine Einkommensteuer. 

B. Ertrags- und Spezialeinkommensteuem. 

C. Sogenannte Verkehrssteueru. 

D. Verbrauchssteuern. 

2. Die Abgabensysteme der Einzelstaaten. 

A. Preussen. 

B. Bayern. 

C. Sachsen. 

D. Württemberg. 

E. Baden. 

F. Elsass-Lothringen. 

3. Entwicklung und Entwicklungstendenzen im Abg-abensystem der Bundesstaaten. 



84 Julitis Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 

IV. Die Gemeinde-Abgaben. 

1. Das Syst.'ra. 

2. Entwicklung und Entwicklungstendenzen im Abgabensystem der Gemeinden. 

V. Abschliessende Würdigung des Abgabensystems Ton Reich, Staaten und Gemeinden. 

I. Die flnanzwirtschaftliche „Arbeitsteilung" zwischen Reich und Einzelstaaten. 

Die Natiir des Deutschen Reichs als eines Bundesstaats, dessen Gliedstaaten sich ihrer 
finanziellen Autonomie nie ganz begeben haben, bringt es mit sich, dass eine Aufteilung der mög- 
lichen Eiiinahmequellen zwischen ihm und seinen Ghedern stattfindet. Dabei ergibt sich, ganz 
ähnhch wie bei anderen Bundesstaaten (Vereinigte Staaten von Amerika, Schweiz), eine solche Auf- 
teilung als die naturgemässe, d. h. ,, technisch" zweckmässige, welche die Zölle und die Verbrauchs- 
steuern dem Reiche überantwortet — da Zölle an den Reichsgrenzen eüigehoben werden und nach 
Staaten verschiedene Verbrauchssteuern leicht Binnenzollschranken bedüigen — , die sogenannten 
direkten Steuern dagegen, deren Erhebiuig nach verschiedenen Massstäben in den Bundesstaaten 
möghch ist, ohne die Freizügigkeit der Waren zu gefährden, grimdsätzHch den Bundesstaaten 
vorbehält. Nach diesem Schema wurde die Besteuerung im Deutschen Reiche eingerichtet. Aus 
verwandten Gründen wui-de die Besteuerung des Verkehrs in Mobiharwerten dem Reiche zuge- 
wiesen, die Besteuerung des Immobiliarwerteverkehrs den Einzelstaaten überlassen. Einzelne 
Abweichungen von der Regel ergaben sich allerdings aus politischen Konstellationen oder aus der 
Besonderheit bestimmter Steuern. So gibt es auch einige Verbrauchssteuern der Einzelstaaten, 
Bier- und Wemsteuern in Süddeutschland, eine Fleischsteuer in Sachsen, Baden, andererseits hat 
das Reich auch an den ImmobiUarverkehr letzthin die Hand gelegt. 

Das Resultat, das sich aus dieser Aufteilung der Steuern usw. ergibt, wird aber letzten 
Endes durch das System der sogenannten Matrikularbeiträge und Ucberweisungen in 
etwas verändert. Ursprünglich waren im Deutschen Reiche — vgl. Art. 70 der Reichsverfassung — 
die sogenannten Matrikularbeiträge d. h. die Beiträge der Einzelstaaten an das Reich, die da er- 
hoben werden im Verhältnis zur Bevölkermigsziffer der ersteren, nur als Notbehelf gedacht. Die 
Hoffnung, ihrer in Bälde dank eigner Steuereinnahmen des Reiches entraten zu können, erfüllte 
sich auch noch im ersten Jahrzehntdes neuenReiches. Ein Verzichtauf die Matrikularbeiträge erfolgte 
trotzdem nicht. Politische Gründe gaben wieder den Ausschlag: Matrikularbeiträge gewähren, 
da sie jähihch neu bewiUigt werden müssen, dem Reichstage neben dem AusgabebewilUgungs- ein 
Einuahmebewilhgimgsrecht : auch dieses Einnahmebewilhgungsrecht wollte der Reichstag sich nicht 
nehmen lassen. So wurde demi, um Beiträge der Einzelstaaten trotz genügender Ergiebigkeit der 
Einnalimequelleu des Reichs erforderhch zu machen, beschlossen, gewisse Einnahmen des Reichs 
den Bundesstaaten zuzufühien. Es wurde daraus em System von Schiebungen, wie es in gleicher 
K^ünstüchkeit ausserhalb des Deutschen Reiches nie bestand. ^J Es hat an Durchsichtigkeit dadurch 
nicht gewonnen, dass seit 1909 kraft Vereinbarung mit den Regierungen der Reichstag die 
Matrikularbeiträge bis auf weiteres zu keinem höheren Satz als 80 Pfg. pro Kopf umlegt. Die 
Natur der letzteren als eine Massnahnie, deren Beruf darin besteht, dem ReicLstag ein pohtisches 
Recht zu erhalten, ist damit noch deutlicher geworden. 

Neben Abgaben jeder Art spielen in den Bundesstaaten auch die sogenannten Erwerbs- 
anstalten als Einnahmequelle eine Rolle. In den kleineren Staaten handelt es sich in der 

') Über die Beuiteilung, welche die Matrikularbeiträge gegenwärtig in der deutschen Finanzwissenschaft, 
sowie bei Staatsrechtslehrern und Politikern finden, vgl. Die Zusammenstellung und Kritik bei Julius Wolf, 
Die Keichsfinanzreform 190J S. 90 f. und 111, .sowie 11. Koppe in der Schrift „Die Veredelung der Matrikular- 
beiträge" (in den „Finanzwiitschaftlichen Zeitfragen'', herausgegeben von Georg v. Schanz und Jul. Wolf) 1913. 
Mit ha band und Georg v. Mayr kein unbedingter Gegner der Matrikularbeiträge (die in thesi auch beispiels- 
weise in der Schweiz erhoben worden sollen), obschon das Keich wie die Kinzelstiiaten im Bedarfsfalle Schulden 
kuiitrahiuren kann, vermag ich, mindestens als Finanztechnikor, d. h. ohne politische Erwägungen heranzuziehen, 
keinesfalls ein Freund des gegenwärtigen Systems der „Schiebungen" zu sein. Vgl. hierzu ihre Würdigung bei 
V. Dewitz, Erbzuwaclissteuer als üesitzsteuer, 1912, als „Finanzstörer und ungerechten Belastungsfaktor" mit 
dem Ausblick auf ihre endliche Beseitigung. 



Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. §5 

Hauptsache um den alten Domanialbesitz, d. h. Domänen, Forsten, auch Bergwerke. In den grossen 
Bundesstaaten, in Preussen, Bayern, auch Saclisen, Württemberg, Baden, Hessen, haben die 
Staatseisenbahnen den Domanialbesitz in Hinsicht der volkswirtschafthchen Bedeutung und 
Ergiebigkeit in den Hintergrund gedrängt. In Bayern und Württemberg spielt weiter das 
diesen Staaten vorbehaltene (von den anderen Bundesstaaten an das Eeich abgetretene) Post- und 
Telegraphenregal eine Rolle. 

Der Reinertrag der ,, Erwerbsanstalten" in engerem Sinn, d. h. ohne Staatseisenbahnen, 
war in den Voranschlägen für 1912 im Reiche mit 135 Millionen (Roh-Ertrag 837 Millionen), der 
der Reichseisenbahnen mit 26.6 Millionen (Rohertrag 142 Millionen) Mark in Aussicht genommen. 
In den Budgets der grössten Bundesstaaten waren als Reinertrag pro 1912 eingestellt:*) 

Staatseisenbahneu andere Erwerbseinkünfte 

Milhonen Mark 
Preussen 540 118 

Bayern 94 52 

Sachsen 45 15 

Württemberg 21 21 

Baden 30 5 

Insgesamt werden Reichs- und Staatsbedarf in Deutschland zu rund % diurch Abgaben 
jeder Art, zu rund V^ durch die Einnahmen der Erwerbsanstalten gedeckt. 

II. Die Abgaben des Reiches. 

1. Das System. 
Bereits wurde ausgesprochen, dass imter den Abgaben des Reichs A) die Zölle mid die Auf- 
wandsteuern i. c. S. die grösste Rolle spielen. Daneben kommen mit gleichfalls sehr hohen 
Erträgen B) die Steuern vom sogenamiten Mobiliarverkehr in Betracht. Weiterhin hat das Reich 
sich in jüngerer Zeit immer neu C) Steuern ,, zugelegt", die, hauptsächlich aus Forderungen der 
neueren Sozialpolitik geboren, besonders leistungsfähige oder besonders anstössige Einkommen 
treffen sollen über die von den Einzelstaaten erhobenen Einkommensteuern hinaus luid die dem- 
gemäss als Spezialeinkommenssteuern oder Einkommen.sergänzungssteuern zu behandeln sind.=') 
Hierher gehören die Erbschafts-, die Tantiemen-, die Wertzuwachs-, bezw. an ihrer Statt seit 
der Finanzreform von 1913 die Vermögenszuwachssteuer, übrigens auch ihrer steuerlichen Ab- 
sicht, wenn schon nicht ihrer Einrichtung nach, die Börsensteuer. 

A) Zölle und Aufwandsteuern. 
Von den Abgaben, die durch das Reich zur Erhebung kommen, bringen die Zölle etwas 
über zwei Fünfel. So war für 1912 ihr Ertrag mit 699 Mill. budgetiert bei einer Gesamt- 
einnahme (im ordenthchen Etat) von 1735 Millionen Mark, 1913 sollen sie 721 Millionen Mark 



-) Es empfiehlt sich von den Voranschlägen auszugehen, da diese in der Regel auf Durchschnittsberech- 
nungen beruhen. Die Würdigung des Ertrags der Staatseisenbahnen betreffend vergl. übrigens Off enberg, 
Konjunktur und Eisenlahnen 1914. 

') Zum Verständnis der diesen Steuern hier gegebenen Qualifikation ist auf meine an anderer Stelle, in 
meiner Nationalökonomie" und meinem Buche „Die Volkswirtschaft der Gegenwart und Zukunft", 1912, ge- 
troffene Einteilung der Einkommen zu verweisen, die 1. Arbeitseinkommen, i. Fruchteinkommen (Kapital- 
zins), 3. Glücks-(Konjunktural-)Einkommen, 4. Beuteeinkommen uiiterschoidet. Im Einklang mit doni ge- 
mäss dieser Skala „absteigenden" Rechtstitel verschiedener Einkommen, wie er sich aus modernem 
ethischen Empfinden ergibt, werden je länger je mehr die Frucht- und Glückseinkommen zusätzlichen 
Abgaben über die Steuer hinaus, die allen Einkommen (in der allfremeinen Einkommensteuer) auferlegt ist, also 
Spezialeinkommensteuern, unteiworfen. Einkommenergänzungssteuern in diesem Sinn sind für das .,Fruchtein- 
konimen" die Vermögenssteuern, für die Steuern vom Glücks- oder Eonjunktural-Euikommen die Erbschaftssteuer, 
die Wertzuwachssteuer, wohl auch die Wertpapierstempel und (der Absicht nach) die Börsen-Steuer. Die Beute- 
Einkommen (z. ß. Trustgewinne) sind zum Gegenstand besonderer steuerlicher Verfolgung bisher nicht gemacht. 



86 Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 

bringen aus einer Gesamteinnahme von 2489 Millionen, worin jedoch der nur vorübergehend zu 
erhebende "Wehrbeitrag mit 417 Millionen Mark enthalten ist. Früher, vor der Reichsfinanzroform 
von 1909, war der verhältnismässige Ertrag der Zölle höher: 52 bis 53 % gegen die heutigen (pro 
1912) nxir 43 %. Haben die Zölle mehr als die anderen Abgaben als Belastimg vorzugsweise der 
Masse der Bevölkeriuig zu gelten, so wäre jenen Quoten zu entnehmen, dassdie Masse eine gewisse 
Entlastung erfahren hat. Doch hätte das nur für die jüngere Zeit zu gelten, denn der Zollertrag 
pro Kopf war 1891 : 8.11, 1901 : 9.15, 1911 : 11,82, 1912 : 11,65 Mark imd kurz nach Gründung des 
Reichs, 1871/75, als die Einfuhr noch gering war und die Zölle (in der Freihandelsperiode) wenig 
betrugen, sogar nur 2.87 Mark. 

Der Ertrag der Zölle — im Rechnimgsjahr 1911 insgesamt 779 MilUonen + 106 Millionen 
Mark iu Anrechnung gebrachte Einfuhxscheine — wird hauptsäcUich aufgebracht durch 
Nahrimgs- und Genussmittel mit (in 1911) nicht weniger als 723 Mill. 
davon Getreide 282 „ 

Kaffee 109 „ 

Tabakblätter 103 „ 

Mineralöle mit 82 

Nahrungs- und Genußsmittel zusammen mit Mineralölen brachten also rund 800 Millionen von 
885 MiUionen. 

Von den insgesamt eingeführten, bezw. von den daraus zollpflichtigen Waren 

war der Zoll 
bei Rohstoffen für industrielle Zwecke einschl. Halbfabrikate . 3, bezw. 15 Prozente des Werts 

,, Fabrikaten • 9, „ 16 ,, ,, „ 

,, Na hr u n g s- u. Ge nu s B mi 1 1 e In 19, ,, 21 ,, ,, „ 

überhaupt 8, ,, 18 „ ,, „ 

Nahrungs- und Genussmittel können also gememhin als mit einem Zoll von ' /j ihres Wertes belegt 
gelten. Getreide zahlt Zoll zu ^^ des Werts, schwankend nach dem Jahrespreise, 1912 erreichte 
der Zi)ll 23 Prozent. 

Von den Aufwandsteuern, die zur Erhebung gelangen,ist die fürs Reich ergiebigste die 
Branntweinsteuer. In den Etat pro 1912 ist sie mit 195, in jenen pro 1913 mit 195.5 Mill. 
Mark eingestellt. Effektiv hat sie im Betriebsjahr 1911/12 bereits 203 Mill. Mark erbracht. 

Die Branntw<>insteuer zerfiel nach der Regelung von 1909 in eine Branntwein- Verbrauchs- 
abgabe als eigentliche Steuer und eine sogenannte Betriebsauflage, die nicht als Steuer, sondern 
als Zwangsbeitrag zur Fördcnmg des Brennereigewerbes gedacht war. Die ,, Verbrauchsabgabe" 
betrug 1.05 und 1.25 M pro Liter Alkohol, je nachdem die Erzeugung im Rahmen des sogenannten 
Kontingents erfolgt oder jenseits desselben. Der Staffelung lag die Absicht zii Grunde, die Pro- 
duktion in engeren Grenzen zu halten und auf diese Weise der Brennerei für ihr Fabrikat sicheren 
Absatz und bessere Preise zu veischaffen. Diese Rücksichtnahme erfolgte hauptsächlich im Hin- 
blick auf die I?edeutsamkeit der Bremierei für den Kartoffelbau, dessen Rentabilität im Osten und 
Süden Di'Ut.-chlands mit der Brennerei steht und fällt. Es ist klar, dass, wenn der im Rahmen 
des Kontingents erzeugte Branntwem den Trinkbedarf n i c h t zu befriedigen vermag, der Konsum 
für den gesamten Branntwein einen Preis bewilligen muss, welcher dem Produzenten den 
höheren Steuersatz einbringt. Es war dies die sogenannte ,, Liebesgabe", unter diesem 
Namen Gegenstand heftiger Anfechtiuig durch die nicht agrarischen Parteien.'') Lisgesamt be- 
rechnete sie sich vor der Reform der Steuer in 1912 auf 36'/^ Millionen Mark,^die also die 
Bretmer über die Steuer hinaus vom Konsumenten erhoben. 

Durch die Novelle vom 14. Juni 1912 wurde die Kontingentienuig für alle Bundesstaaten 
ausser Bayern, Württemberg und Baden aufgehoben. Für sie gibt es also nur einen Einheitssatz 
der Steuer in Höhe von 1,25 M. Ganz unverändert hat die Novelle aber auch für die süddeutschen 
Staaten die Verhältnisse nicht gelassen. Sie kürzte vielmehr wesentlich die Spamumg zwischen 
dem Steuersatz für kontingentierten und nicht kontingentierten Spiritus. Die gegenwärtigen Sätze 

«) Über den Standpunkt dieser \-g\. etwa Gothein, Agrarpolitisches Handbuch 1910 S. 170 ff. 



Julius Wolf, Die öflFentlichen Abgaben in Dentschland. 87 

für Kontinsentspiritus sind 1.17V2 bezw. 1.20 M. Der erstere Satz gilt für die landwirtschaftlichen, 
der zweite für die gewerblichen Brennereien. 

Die neben der eigentUchen Branntweinsteuer erhobene sogen. Betriebsauflage ist eine Mehr- 
belastung 1. der Gross- gegen die Klein- und 2. der gewerblichen gegen die landwirtschaftliche 
Brennerei und ist in diesem Sinn ebensowohl eine soziale wie wieder eine agrarpohtische Ein- 
richtung. Sie wird nach einer Skala erhoben, die mit 4 Pfg. pro Liter Alkohol bei einer 
Jahreserzeugung von nicht über 50 Hl. beginnt und bis 14 Pfg. pro Liter bei 3000 Hl. Erzeugung 
ansteigt. Die gewerblichen Brennereien haben dann noch weitere 4 Pfg. Steuer pro Liter zu 
entrichten. 

Die Einnahmen aus der Betriebsauf lage werden besonders gebucht imd in der Hauptsache 
— seit der Novelle von 1912 fhessen 16 Mill. M. in die Reichskasse — zur Zahlung von Boni- 
fikationen bei der Ausfuhr von Branntwein, sowie bei Verwendung desselben zu gewerbüchen 
Zwecken über die Steuerfreiheit hinaus verwendet. In beiden Fällen wird also eine Prämie gewährt 
(bei der Ausfuhr mit 18 Mark pro hl., bei der gewerbüchen Verwendung mit 9 oder 18 Mark), um 
diese Art der Verwendung von Spiritus nach Möghchkeit zu steigern und den inneren Markt zu 
entlasten. 

Die Reineinnahme aus der Braimtweinsteuer ist aus den in Zusammenhang mit der Würdi- 
gung der Matrikiüarbeiträge entwickelten Gründen pohtischer Natur nicht für das Reich bean- 
sprucht, vielmehr den Einzel Staaten im Masse ihrer Bevölkerung überwiesen. 

Die B i e r 8 t e u e r ist keine einheithche Reichssteuer. Vom Reiche wird das Bier nur 
im sogenannten Brausteuergebiet, d. h. Norddeutschland mit Hessen, besteuert; dagegen ist 
in -Bayern, Württemberg, Baden und zur Zeit noch in Elsass-Lothringen die Besteuermig des 
Biers der Landesgesetzgebung vorbehalten. Der Ertrag der Steuer geht hier in die Kassen der 
Einzelstaaten, dafür haben diese Ausgleichungsbeträge an die Reichskasse zu entrichten. 

Erhebungs form der Biersteuer in Nord- und Süddeutschland mit Ausnahme von Elsass- 
Lothringen ist die Malzsteuer imd zwar als Steuer vom Gewicht des verwendeten Malzes. Ihr 
Satz ist überall gestaffelt im Sinne der Begünstigung der kleineren Betriebe und zwar geht er im 
norddeutschen Brausteuergebiet von 14, in Bayern von 15 bis 20 Mark pro Doppelzentner Malz, in 
Württemberg, Baden und (rechnungsweise) Elsass-Lothrmgen von bezw.U4 Mark 30 Pfennigen, 
15 und 15 Mark bis 22, 22 und 23 Mark. 

Der Ertrag der Biersteuer (einschhesslich Bierzoll) war im deutschen Zollgebiet im Rech- 
nungsjahr 1911/12 nicht weniger als 237 Milhonen Mark. Diese 237 Millionen verteilten sich mit 
145 Mill. auf das Brausteuergebiet, 56 Mill. auf Bayern, 15 Mill. auf Württemberg, 12 Mill. auf Baden, 
8.4 Mill. auf Elsass-Lothringen. 

Während die Branntweinsteuer im Betriebsjahr 1911/12 auf den Kopf der deutschen Be- 
völkerimg 3.19 M. erbrachte, winden aus dem Bier pro Kopf 3.30 M. gezogen. 

An Getränkesteuern wird für Rechnung des Reichs noch eine Schaum weinsteuer 
erhoben. ,, Stiller" Wem hat sich bisher der Besteuerung entzogen gegen die Absichten der Reichs- 
regierung infolge regional organisierter Widerstände, so dass also, während Bier und Brannt- 
wein, das Getränk auch der Armen, heute im Deutschen Reiche als mit einer ansehnhchen Steuer 
belegt gelten müssen, von dem Getränk der Wohlhabenden, das der Wein zumal in Norddeutsch- 
land ist, bisher nur der Schaumwein unter eine Reichssteuer gebracht erscheint. Der Reichs- 
tag hat zweimal, 1893/94 imd 1908, den Entwurf eines Wemsteuergesetzes gesehen, beide Male 
aber, das letzte Mal trotzdem es sich nvu: um Besteuerung der Flaschenweine handeln sollte, den- 
selben verworfen. Der Schaumwein dagegen ist seit 1902 einer Steuer unterstellt, welche seit 1909 
für die (normale) Flasche bei einem Preis derselben bis 4 Mark 1 Mark, bei einem Preis von 4 — 5 Mark 
2 Mark, bei einem Preis der Flasche von über 5 Mark 3 Mark beträgt. Der Ertrag der Schaumwein- 
steuer war im Rechnimg.sjahr 1911/12 11.6 Milhonen Mark, an Eingangszoll von fremdem Schaum- 
wein wurden in der gleichen Zeit 3.3 Millionen Mark erhoben. 

Nächst den GeträiJiesteuern spielt finanziell die Zuckersteuer die grösste Rolle. 
Sie wird als Fabrikatsteuer erhoben und beträgt 14 Mark pro Doppelzentner Zucker. Längere Zeit 
war eine Herabsetzung dieses Satzes auf 10 M. in Aussicht genommen und für einen späteren Zeit- 



gg Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 



punkt, zuletzt für 1914 gesetzlich festgelegt, 1913 wurde diese Zusage anlässlich der Deckung 
der Wehrvorlagen zurückgenommen. Der Ertrag der Zuckersteuer war im Betriebsjahr 1911/12 
157 MiUionen Mark gleich 2.37 M. pro Kopf, so" dass diese Steuer die Bevölkerung weniger be- 
lastet als je die Branntwein- und die Biersteuer. Allerdings trifft sie ein Genussmittel, das gleich- 
zeitig als Nahrungsmittel anzusprechen ist. 

Als ,, ruhender Pol in der Erscheinungen Fhicht" hat sich die Salzsteuer erwiesen, die, 
von allen Finanzreformen unberührt, heute noch nach dem für den norddeutschen Bmid erlassenen 
Salzsteuergesetz von 1867 erhoben wird, zum Satz von 12 Mark pro Doppelzentner. Seinerzeit 
zum Gegenstand heftiger Anfeindungen, da sie einen schlechterdings unentbehrlichen Verbrauchs- 
gegenstand versteuere, gemacht, sind diese Angriffe mit dem zunehmenden Wohlstand der Ver- 
braucher, und da andere Steuern diese wesentlich stärker belasten, fast vollständig verstummt. 
Der Ertrag der Salzsteuer war im Rechnungsjahr 1911/12 59 Millionen, das sind 90 Pfg. pro Kopf. 
Aus den weiter oben mitgeteilten Ziffern erhellt, dass die Belastung aus dem Titel der Bier- und 
Branntweinsteuer 31/2 imd fast 4 mal, aus dem Titel der Zuckersteuer 21^4 ^^^^l so gross ist. 

Von , .grossen" indirekten Steuern wird vom Reiche des weitern eine Tabak- und Ziga- 
rettensteuer erhoben. Nachdem der Reichstag der einzig rationellen Erhebungsform füi' 
erstere, der Banderolensteuer,^) auch gelegenthch der letzten grossen Reichsfinanzreform unter dem 
Einfluss der Interessenten in weitemBogen ausgewichen ist, wird die Tabaksteuer in Deutschland 
noch jetzt, wie seit 1879, als Materialsteuer, wenn auch nicht wie bis dahin in der rohesten möglichen 
Form, als sogenannteFlächensteuer umgelegt ;dieSteuer wird vomGewichtdes im Inland produzinerten 
Tabaks erhoben, jetzt mit 57 Mark pro Doppelzentner für Tabakblätter in verarbeitungsreifem Zu- 
stande und zum niedrigeren Satze von 45 Mark speziell für Tabakblätter, die zur Herstellung von 
Zigarettentabak dienen. Zigaretten unterliegen dafür noch einer Sondersteuer, die für 
solche zum Klein Verkaufspreis bis 1.5 Pfg. pro Stück 0.2 Pfg. und progressiv ansteigend schüesslich 
für Zigaretten im Preise von über 7 Pfg. 1.5 Pfg. pro Stück beträgt. Die Zigarettensteuer ist als 
Banderolensteuer eingerichtet. 

Beim Tabak bringt indess der Zoll wesentlich mehr ein als die Steuer. Letztere ertrug 
im Erntejahr 1911/12 nicht über 11.4 Milhonen Mark, während der von eingefüluten Tabaken erho- 
bene Zoll 72 MilUonen Mark erreichte. Auf den Kopf der Reichsbevölkerung wären das 1.97 Mark. 
Hierzu kommt jedoch noch der Ertrag der Zigarettensteuer mit 34.5 Millionen im Rechnungsjahr 
1911/12 gleich 0.53 M. pro Kopf, so dass aus dem Tabak insgesamt 118 Milhonen, d. h. pro Kopf 
2.50 M. aufgebracht wurden, womit die Besteuerung des Tabaks sich gegenwärtig als ungefähr 
so ergiebig ausweist wie die Zuckersteuer. 

Junge, erst neu geschaffene Steuern durch die Reichsfinanzreform von 1909 sind die 
Zündwaren- und die Leuclitmittelsteuer. Die Zündwarensteuer wird von Zündhölzern 
mit 11/2 Pfg- pro 60 Stück, die Leuchtmittelsteuer von elektrischen Glülilampen, von Glülikörpern 
für Gasglülilicht- und Kolilmlampen, von Brennstiften für elektrische Bogenlampen usw. erhoben. 
Der Ertrag d r Zündwarensteuer war 1911/12 21 Millionen, der der Leuchtmittelsteuern im gleichen 
Jahre 15 Millionen Mark. 

Die lange Reihe der Roichsaufwandsteuern wird abgeschlossen diu-ch den alten Spiel- 
kartenstempel und die Fahrkarten-, wie die Kraftfahrzeugsteuer, endlich 
durch den neuerdings cingefülirten Versicherungsstempel. 

Der Spielkartcnstempel whd seit 1878 mit 30 und 50 Pfg. pro Spiel erhoben, sein Ertrag 
war im Rechnung.-ijahr 1911/12 2 MiUionen. 

Die Fahrkartensteuer, unter Freilas.sung der vierten Klasse zu einem Satz erhoben, der 
z. B. bei einem Fahrpreis von 10 bis 20 M. in der dritten Klasse 40, in der zweiten 80, in der 
ersten 160 Pfg. beträgt und der sonach in der dritten 3% des Preises erreicht, in der ersten 10% 
überschreitet, trug im Rcchnimgs jähre 1912 24 Milhonen Mark. 



') Vgl. dariiber tiie auBgezeickntto Arbeit von .liiliuB Li.ssner, Die deutsche Tabakstauerfrage, 1907. 



Julius Wolf, Die ötfentlichen Abgaben in Deutschland. 89 

Die Kraftfahrzeugstetier beträgt füi- Krafträder 10 M., für Kraftwagen steigt sie progressiv 
mit der Zahl der Pferdekräfte, Wagen von 6 Pferdekräften haben z. B. 25 M., solche von 30 P'ferde- 
kräften nicht (jenem Satz entsprechend) 125, sondern 450 M. Steuer zu entrichten; der Ertrag der 
Steuer war im Reclmungsjahre 1912 4.2 Millionen Mark. 

Der Reichsversicherungsstempel ist den Deckungsvorlagen von 1913 zu danken. Er ist 
für die MobiUarfeuerversicherung mit '^',no' ^^'" ^^^ Immobiliarfeuerversicherung mit Vgo vom 
Tausend der Versicherungssumme eingeführt, für die Einbruchsdiebstahl- imd Glasversicherung 
beträgt er 10 vom Hundert der Prämie, bei der Transportversicherung I/2 und 1 vom Hundert 
derselben, endlich bei der Lebensversicherung ' .> vom Hundert. Versicherungen bis zu 3000 M. 
Versicherungssumme sind dabei von der Steuer frei. 

Die letztgenannten Steuern sind Steuern mit Zwittercharakter, d. h. teils Konsum- 
steuern, teils Steuern (Geschäftsreisende! Geschäftsautomobile! Versicherung der Produktions- 
stätten! Transportversicherung!) von einem Aufwand, der emen Bestandteil der Geschäfts- 
unkosten bildet und insofern kein Verbrauch aus dem Einkommen ist. Insoweit die 
Fahrkarten- und Kraftfahrzeugsteuer nicht den Reisegenuss, sondern Geschäftsaufwendungen 
treffen, und gleiches für den Versicherungsstempel gilt, hätten diese Steuern im Sinne der in 
Wissenschaft luid Verwaltimg eingelebten, wenn auch wohl zum Absterben verurteilten Termino- 
logie als „Verkelxrssteuern" zu gelten, im übrigen sind sie, wie gesagt, Konsumsteuern, zum letzten 
Teile aber Vermögenssteuern besonderer Art, insoweit sie nämüch Rücklagen (Lebensver- 
sicherungen!) belasten. 

B) Steuern vom Produktionsaufwand (sogenannte ,,Verkehrssteuem"). 

Der Begriff der Verkehrssteuern ist strittig. Unter Verkehr wird die Personen- imd Sachen ■ 
beförderung, der Nachrichtenverkehr, also die Mitteilungsbeförderung, aber auch der Abschluss 
bestimmter Geschäfte, insbesondere Kreditgeschäfte, die mit dem Befördenmgsdienst nichts zu 
tun haben, verstanden. Das sind an sich verschiedene Tatbestände. Vornehmlich die letzte Kate- 
gorie war ins Auge gefasst, als Lorenz von Stein für die in ihrem Betrage besonders hochgeratenen, 
zumal neueren, im „Zeitalter des Verkehrs" geschaffenen „Gebühren" den Namen Verkehrssteuern 
vorschlug. Hier sind unter Verkehrssteuern solche Steuern behandelt, welche im Unterschiede 
zu den Aufwandsteuern, die da die Einkommensverwendung treffen, die Geschäfts- 
unkosten erhöhen. Doch ist diese Bezeichnung nur supplementär für sie herangezogen. 
Da Steuern dieser Art den Preis der Waren steigern, kommen sie in ihrer Wirkung den indirekten 
Steuern gleich. Nur dass die indirekten Steuern im engeren Sinn, die sogenannten Auf wandsteuern, 
nach den Objekten des Aufwandes, den ,, Waren", die sie treffen, geghedert sind, die sogenannten Ver- 
kehrssteuern nicht. Uebrigens hat der Name ,, Verkehrssteuern" für diese Steuern kaum als glückhch 
gewählt zu gelten. Dass es auf eine Besteuerrmg des Verkehrs bei ihnen nicht abgesehen ist, wurde 
bereits angedeutet. Es handelt sich um eine Besteuerung von Akten im Dienste der Produktion 
von Wert, bezw. Einkommen. Will man von den Aufwandsteuern als Konsumtionssteuern sprechen, 
hätten die Verkehrssteuern sonach als Produktionssteuern zu gelten. Doch könnte diese 
Bezeichnimg zu Missverständnissen verleiten, so dass sich letzten Endes die Unterscheidung in 
Steuern vom ,, Konsumtionsauf wand" als die gemeinhin sogenannten Aufwandsteuern und in 
Steuern vom , Produktionsauf wand", bisher Verkehrssteuern genannt, empfiehlt. 

Eine erste Gruppe solcher Verkehrssteuern wird von Frachtbriefen und Connossa- 
menten, bis Ende 1916 auch von Zahlungsinstrumenten (Schecks), weiterhin von Kreditinstru- 
menten (W e c h s e 1 n), dann beim Kauf von Geldsorten des Auslandes (Münzen, Banknoten usw.) 
an der Börse, hier äusserlich als Bestandteil der sogenannten Börsensteuer erhoben Der Ertrag 
der Steuern von Frachtiirkunden war 1912 19, von Schecks 3.2, von Wechseln 20.4 Millionen. 

Eine von dieser Gruppe unterschiedene zweite Kategorie stellen jene Verkehrssteuern 
dar, die speziell für Benutzung der besonderen Vorteile, welche die Gesellschaftsform 
den Unternehmungen bietet, durch die Besteuerung der Gesellschaftsverträge jeder Art, bei Grün- 
dung und Kapitalausstattung von Aktiengesellschaften, Kommanditaktiengesellschaften, Gesell- 



90 tTiilius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Dentschland. 

Schäften mit beschränkter Haftung, offenen Handelsgesellschaften, Kommanditgesellschaften, 
Gesellschaften des biirgerhchen Rechtes imd Genossenschaften erhoben werden. Nach dieser 
Richtung sind insbesondere 1913 unter Uebernahme preiLssischer ..Gebühren" R e i c h s steuern 
geschaffen worden, z. B. von Aktiengesellschaften bei ihrer Grundimg mit Wo %des Grundkapitals, 
von Gesellschaften m. b. H. gemeinhin mit 3 % vom Stammkapital, für offene Handels- und 
Kommandit- Gesellschaften mit 0.1 % des Wertes der Einlagen. Daneben Steuern auf das Ein- 
bringen von nicht in Geld bestehendem Vermögen in eine Aktiengesellschaft, Kommanditaktien-, 
Aktiengesellschaft oder G. m. b. H. mit ^/g % und anderes mehr von geringerer Bedeutimg. 

Eine dritte Kategorie solcher Steuern vom ,,Prodiiktionsaufwand" sind die Steuern, die bei 
Aufbringung von Kapital durch Ausgabe zirkulations- und börsenfähiger Wertpapierezu 
entrichtonsind, Steuern, die gegenwärtig mit 2% von Schuldverschreibungen der Aktiengesellschaften, 
mit 1 % von Schuld verschreibimgen ausländischer Staaten und anderer ausländischer öffenthcher 
Körper, mit 14 % von Schuldverschreibungen inländischer Kommunen usw. erhoben werden. So- 
weit von öffentlichen Körpern gezahlt, erhöhen sie auch die Produktionskosten (der Leistungen) 
dieser, was aber ihrem Charakter als Steuern vom Produktionsaufwand nicht Abbruch tut. 

Diese Steuern sind zum grossen Teile 1913 neu geregelt, Erträge sind auf der neuen Basis 
noch'nicht zu buchen. Auf der früheren Basis trugen die Steuern von Wertpapieren 1912 zusammen 
55.7 Mill. M. 

Eine vierte Kategorie von Steuern auf den Produktionsaufwand sind jene, die ein Ein- 
kommensobjekt versteuern, indem bei Übertragung (Erwerb) von Vermögens- (,, Kapitals-"!) Stücken 
bestimmungsgemäss vom Käufer eine Abgabe gefordert wird. Hierher fällt die Börsen Steuer, nicht 
in ihrem Kern, aber insoweit sie auch Anlagekäufe unter die Steuer nimmt (von Aktien, 
Renten- und Schuldverschreibungen mit 2 bis 10 pro Mille), weiters die Steuer von Grund- 
stücksübertragungen, durch welche das Reich neuerdings mit den Einzelstaaten, die solche 
Besitzwechselsteuern, wenn auch allgemein zu sehr niedrigen Sätzen, seit Alters besassen, in 
Konkurrenz tritt. Vermöge dieser Besitzwechselgebühr, welche die Reichsfinanzreform von 1909 
dem Reiche brachte ('^/;{% des Werts bei Grundstücksübertragungen, jetzt zunächst bis 31. März 1917) 
bat sich das Reich auf das Gebiet der Immobiliarverkehi'sbesteuerung, das bis dahin den Einzel- 
staaten vorbehalten war, begeben. 

Steuern von der Umwandlung, , .Anlage" von Ersparnissen in Kapital, die sie repräsentiert, 
trifft diese Abgabenkategorie das Ehikommen nicht durch Erhöhung der Warenpreise, aber durch 
Verminderung seiner Substanz und schlägt dadurch die Brücke zu den Einkommens- und Ein- 
kommensergänzungssteuern, die nunmehr zu behandcbi sind. 

Finanziell kommt unter diesen Steuern hauptsächlich die auf Anlage oder Besitzwechsel 
von Kapital in Grundstücken in Betracht, die Abgabe von Grundstücksübertragungen erreichte 
1912 38.C (1910 45.2) Millionen. 

C) Einkommensergänzimgssteuern. 

In der Regel gleichfalls unter dem Titel ,, Verkehrssteuern", aber mit noch geringerem 
Rechte, werden die jetzt folgenden Angaben gebucht, bei denen es sich um eine Belastung teils von 
Gelegenheitsoinkommen, teils von ständigen Einkommen, aber besonderer Art, teils um Steuern, 
die in dem Gelegenhcitseinkommen gleichzeitig eine Einlvommensverwendunß treffen, handelt. 
Ihre Zuzälilnng zu den Verkehrssteuern verdanken sie teils der Tatsache, dass sie in Stcmpelform 
erhoben werden, teils dem Umstände, dass das bisherige wissenschaftliche System der Steuern 
für sie keine andere Möglichkeit des Unterbringcns hatte. In der Steuerlehre galt und gilt: ,,Was 
man nicht deklinieren kann, sieht man als eine Verkehrssteuer an." 

Eine Mittelstellung zwischen Spezialeinkommenssteuer und Aufwandsteuer nehmen zunächst 
die ,,S t e u e r n vom G 1 ü c k s v e r a u c h" ein. Als solche hat ein Teil der Börsensteuer, 
jener, der auf spekulative Transaktionen, nicht auf Anlagekäufe, fällt, sowie die Steuer von 
Lotterieloosen, zu gelten. Durch beide Steuern, zumal durch die Börsensteuer will man den 
aleatorischen Gewinn treffen, jedoch ist bekanntHch der spekulativen Transaktion der Gewinn 



Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 91 

nichts weniger als sicher, so dass in Wirklichkeit durch die Steuer bloss der Glucks versuch 
getroffen wird. Es handelt sich hier um einen ,, konsumtiven" Aufwand, insofern durch denselben 
der aleatorische Trieb befriedigt wird, aber doch um einen „Aufwand", welcher gleichzeitig eine 
,, Kapitalsanlage" darstellt. 

Verhältnismässig hoch von den zwei hier in Frage kommenden Steuern ist die Lotterie- 
lossteuer, verhältnismässig niedrig die Börsensteuer, diese unter dem Zwang der Ver- 
hältnisse, da sie gleichzeitig auf Effektivgeschäfte fällt und Effektivgeschäfte sich äusserUch von 
Differenzgeschäften nicht unterscheiden. Ueberdies spielt im Verhältnis zum Lotterielos das 
Spekulationsgeschäft an der Börse immer noch die produktivere Rolle, schafft mit dem Ergebnis 
jederzeitig leichterer Bedarfsbefriedigung zusätzhchcs Angebot imd Nachfrage.*) 

Die Steuer von Lotterielosen (20 % vom Nenn wert bei inländischen, 25 % bei ausländischen 
Losen) trug 1912 nicht weniger als 50.3 Milhonen. Wieviel aus dem Gesamtertrag der Börsensteuer 
auf spekulative Transaktionen zu rechnen ist, ist imbestimmbar. 

Handelt es sich hier um Steuern mit Zwittercharakter, wenn auch im Wesenthchen um solche 
auf den Glücksversuch, so sind imzweideutige Einkomm ens- Ergänzungssteuern die Erbschafts- 
steuern, die Tantiemensteuer, weiter die Vermögenszuwachssteuer von Grimdstücken und auch die 
Zinsbogensteuer. 

Die Erbschafts- (und Schenkungs-) Steuer, in der letzten Reichsfinanzreform viel 
umstritten — hier schieden sich die Wege der Parteien und über die Nicht bewilligimg der Reichs- 
erbschaftssteuer auf legitime Deszendenten und Ehegatten fiel der vierte Reichskanzler — ,') wird 
vom Reiche gegenwärtig als rudimentäre Erbschaftssteuer bei Erbschaften, die an entfernte Ver- 
wandte, an Nichtverwandte, sowie an Aszendenten gehen, imd von Deszendenten insoferne es sich 
um rmeheliche, später legithnierte, sowie um Stief- mid Adoptivldnder handelt, erhoben. Ihre 
Sätze süid nicht niedrig zu nennen, beträgt doch der Normalsatz für Geschwister und Ge- 
schwisterkinder, auch Eltern 4, der Satz für Schwiegerkinder und Abkömmlinge zweiten Grades 
von Geschwistern (Grossneffen nsw.) 6 und bei weiterer Verwandtschaft und NichtVerwandtschaft 
8 und 10 % und erfahren diese Sätze einen Zuschlag, der mit ^\^q (des Normalsteuersatzes) bei Ueber- 
Bchreitung von 20 000 Mark Erbschaftswert beginnt und volle 15/,^ bei Ueberschreitimg der MiUion 
erreicht. Die Steuer kann also in den verschiedenen Steuerklassen 10, 15, 20 und 25 % betragen. 
Sie wetteifert dadurch bereits mit den Steuersätzen der Länder, die ihre Erbschaftssteuer zur höchsten 
Entwickelmig gebracht haben, und doppelt auffällig war unter solchen Umständen die Freilassung 
der Deszendenten. Indess gibt es, wie imten des Näheren nachzuweisen, einzehie, wenn schon wenige 
Einzelstaaten in Deutschland, die Deszendentensteuern erheben (Hansa- Städte und Elsass- 
Lothiingen). Im übrigen sind neuerdings die Deszendenten durch die Vermögenzuwachssteuer 
von 1913 zur Steuer genommen. 

Von dem Ertrag der Reichserbschaftssteuer fällt an die Bundesstaaten y^, auch haben sie 
das Recht, Zuschläge zu dieser zu erheben. 

Die der Erbschaftssteuer zu gebende Begründvmg ist strittig. Für uns ist die Erbschafts- 
steuer eine Spezialsteuer auf Gelegenheitseinlcommen, im besonderen auf Konjunktural- oder 
Glücks-,,Einkommen": Die ,,Konjunli:tur" ist der Erbanfall. Der Erbschaftssteuer ist übrigens 
eine Steuer von Schenliungen luiter Lebenden angeghedert. 

Der Ertrag der Reichserbschaftssteuer (im Voranschlag für 1912 und 1913 43.5 und 47 Mill.) 
war 1911 volle 59.9 Milhonen. Die zur Versteuerung kommende Erbschaftsmasse war 1911 818 Mill. 
Mark, davon 285 Milhonen Erbschaften von Geschwistern, 238 Milhonen von Geschwisterldndern, 

') Anderweitige produktive Funktionen von Bedeutung dürften der Spekulation kaum zuzugestehen sein. 
Vgl. daräber letzthin meine „Volkswirtschaft der Gegenwart und Zukunft", 1912. 

') Über den Kampf um die Erbschaftssteuer gelegentlich der letzten Reichsfinanzreform imd seine tieferen 
Gründe vgl. nebst Julius Wolf. Die Reichsfinanzreform, 1909, S. 58 ff. vor allem Adolf Wagner in seiner 
Schrift „Die Reichsfinanznot und die Pflichten des deutschen Volks wie seiner politischen Parteien. Ein Mahn- 
wort eines alten Mannes", 1908, und Hans Delbrück in den Preussischen Jahrbüchern, 1908, sowie Strutz, 
Reichs- und Landessteuern (Finanzw. Zeitfr., herausgeg. von G. v. Schanz und Jul. WoU) 1913. 



92 Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 

nahezu 170 Millionen Erbschaften von Nichtverwandten. Schenkungen unter Lebenden wurden 
1911 im Betrage von 62 Millionen Mark zur Steuer genommen. 

Wie die Reichserbschaftssteuer ist auch die Tantiemensteuer der Stengel'schen 
Reichsfinanzreform von 1900 zu danken. Sie sieht ihren Rechtsgrund darin, dassdie Tantieme, das 
Aufsichtsratseinkommen, leichter (ob mit geringerer Leistung oder nur mit geringerem Arbeits- 
aufwand, lässt sich generell nicht beantworten!) gewonnen erscheint als das Arbeitseinkommen 
und sich in diesem Sinn wieder, mindestens zu einem Teile seines Betrags, als Glückseinkommen 
darstellt. Die Bezüge der Aufsichtsräte von Aktiengesellschaften u. dgl. sind darnach einer be- 
sonderen Abgabe (über die Einkommensteuer hinaus) zu vollen 8 vom Hundert unterworfen. Der 
Ertrag der Steuer, die seltsamerweise gleichfalls \mter ,, Reichsstempelabgaben" geführt wird, 
war 1912 6.5 Millionen Mark, was eui steuerpfüchtiges „Aufsichtsratseinkommen" in Deutschland 
von rund 80 Mill. Mark ergibt. 

Gleichfalls eine Einkommensergänzungssteuer, wenn auch nicht vom Glücks- (,,Konjunktural-) 
G«winn, sondern einfach von Einkommen aus Mobiharvermögen ist die Talonsteuer von den 
Zinsbogen der Wertpapiere, mit 1 % des Nennwerts der Wertpapiere, weim dieselben Aktien sind, 
mit Yi %, wenn dieselben Renten- xmd Schuldverschreibungen, mit '/^ %, wenn sie Schuld- 
verschreibungen von Kommunen sind, und mit Befreiung der Zinsbogen von Renten- und Schuld- 
verschreibungen des Reiches und der Bundesstaaten. Die Normaldauer der Zinsbogen ist 10 Jahre 
(falls die Bogen Zinsscheine für einen längeren als zelmjährigen Zeitraum enthalten, erhöht sich die 
Steuer um ein Zehntel für jedes fernere Jalir), sodass sich die Steuer beispielsweise für Aktien auf 
jährHch '/jq Prozent vom Werte solcher imd bei einem Ertrag der Aktien zu 5 % mit 2 % des Er- 
trages berechnet. Bei fi^ oder ly^ % allgemeiner Vermögenssteuer (vgl. Preussen) würde dieselbe, 
soweit es sich um Aktienerträge handelt, durch die Talonsteuer eine reichüche Verdoppelung er- 
fahren. Der Ertrag der Talonsteuer war 1911 11.7, 1912 10 Mill. M. 

Anstelle der seit 1911 erhobenen Wertzuwachssteuer von Grundstücken ist im Reiche 1913 eine 
allgemeine Vermögenszuwachssteuer getreten. Dieser Steuer unterliegt aller Vermögens- 
zuwachs, der binnen 3 Jahren 10000 M. übersteigt, bei einem Gesamtvermögen von über 20 000 M. 
Die Begründung des Gesetzes hebt hervor, essolle der ,, Vermögenszuwachs im weitesten Sinne" zur 
Steuer genommen werden, imd nach ihr umfasst der Vermögenszuwachs folgende 4 Hauptgruppen : 

a) den Vermögenserwerb auf Grund von Rechtstiteln, die dem Erbrecht angehören, 
sowie auf Grxmd von unentgeltüchen Zuwendungen unter Lebenden, 

b) den Vermögenserwerb durch Spekulationsgewinn und infolge sonstiger 
Glückszufälle (z. B. Lotteriegewinn), 

c) die Erhöhung des Vermögenswertes durch eine Wertsteigerung einzelner Ver- 
mögensgegenstände, z. B. Grimdstücke, Wertpapiere, (Konjunktujgewinn, Wertzuwachs 
im engeren Smne), 

d) die Vermögensbildung aus erspartem Einkommen. 

Die Kategorien a, b, c weisen wissenschafthch gesehen auf eine Besteuerung von zu Kapital ge- 
machtem, ,, Vermögen" gewordenem Konjimktureinkommen hin,") die Gruppe d rafft alles übrige 
Vermögen gewordene Einkommen zusammen; in-sgesamt liegt also eine Vermögenssteuer vor, die 
ihren Rechtsgrund zum Teile aus der besonderen Alt der Einkommen, die sich zum Vermögen 
,, niederschlagen", zu nehmen trachtet. Nicht zu übersehen ist, dass nach dem Gesagten die Ver- 
mögenszuwachssti'uer auch eine Erbschaftssteuer in sich schhesst, insofern die Erbschaft während 
der dreijährigen Periode, auf die hin der Vermögenszuwachs konstatiert whd, nicht etwa wieder 
verloren worden ist. 

Der Tarif der Vermögenszuwachsstcuer ist etwas kompliziert. Es werden 6 Stufen unter- 
schieden: b i s zu 50 000 M., über 50 000 bis 100 000 M., über 100 bis 300 COO M., über 300 bis 
500 WX) M., über .500 000 bis zu 1 Million M. und über 1 Million Mark Zuwachs. In der untersten 
Stufe ist der Steuersatz 0.75 % des Zuwachses, er steigt mit jeder Stufe um je 0.15 % des Zuwachses, 

') Vgl. hierzu die Ausführungen de.s Vorkiirapfers einer allgemeinen Zuvvachssteuer, Landiats v. Dewitz, 
Erbzuwachssteuer als Üesitzsteuer 1912, S. 15 ff. 



Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 



93 



erreicht also in der obersten Stufe den Satz von 1^ %. Hierzu treten aber noch Zuschläge nach der 
Höhe des steuerbaren Gesamt Vermögens. Sie erfassen alle steuerbaren Vermögen, deren Ge- 
samtwert über 100 000 M. hinausgeht, imd zwar in 10 Stufen, deren Grenzen bei 200 000, 300 000, 
400 000, 500 000, 750 000, IlVIillion, 2 Millionen, 5 Millionen und 10 Milhonen Mark liegen. Für die 
niedrigste Stufe über 100 000 bis 200 000 M. Gesamtwert des steuerbaren Vermögens ist der Zu- 



schlag 0.1 % des 



Zuwachses. 
Stufe 1 



Er erhöht sich mit jeder weiteren Stufe um 0.1 %, erreicht also 
in der obersten 

Von dieser Steuer wii-d für jedes Jahr des Veranlagvmgszeitraumes ein Drittel erhoben. 
Als Ausgangswert beider erstmaligen Schätzung gilt derjenige Wert des steuerbaren Vermögens, der 
auf Grund des Wehrbeitragsgesetzes (cf. unten) für den 31. Dezember 1913 festgestellt worden ist. 

Eine besondere Behandlung iimerhalb des Vermögenszuwachssteuergesetzes erfahren die 
Erbschaften. Vorweg zu nehmen ist, dass das Gesetz auch alle diejenigen Erb- 
schaften erfasst, welche bereits der Reichserbschaftssteuer unterliegen. Auch 
das geschärfte soziale Empfinden unserer Zeit gestattet van der Borght') hierzu die Frage, „ob 
es nicht doch des Guten etwas zu viel ist." Dass das Vermögenszuwachssteuergesetz zugleich eine 
Besteuerung der Erbschaften, insbesondere auch des ,, Kindeserbes" ist, wurde allerdings sowohl in 
der Begründung als in den Verhandlimgen als ein Vorzug desselben hervorgehoben. Der Staatssekretär 
des Reichsschatzamtes führte im Reichstag aus, der Vermögenszuwachs durch Erbfolge wäre nicht 
in der Form erfasst, die der Erbschaftssteuer so viele Feinde geschaffen habe, sondern mit niedri- 
geren Sätzen und in einer milderen und vollkommeneren Form. Alle bisherigen Erb- 
schaftssteuergesetze hätten drei grosse Mängel: die Erhebung der Steuer 
setze im Moment tiefer Trauer ein, oft beim Tode des Ernährers, die Erbschaftssteuer könne nicht 
auch das Vermögen des Erben selbst berücksichtigen, während es doch seine Steuerfähigkeit mit 
entscheide, und kein Erbschaftssteuergesetz regele die Besteuermig der Schenkungen unter 
Lebenden, wie sie namenthch beim mobilen Kapital sehr leicht vorkommen mit der Absicht einer 
Umgehmig der Erb.schaftssteuer, in einigermassen befriedigender Weise. Der Staatssekretär setzte 
hinzu : Alle drei Fragen löse die periodisch einsetzende, das Vermögen nach seinem jeweiligen 
Stand berücksichtigende Zuwachssteuer in denkbar einfachster und glücklichster Weise. 

Ob die Vermögenszuwachssteuer als Reichssteuer von Bestand sein wird, muss trotzdem 
als zweifelhaft bezeichnet werden. Der Eingriff in die Finanzhoheit der Einzelstaaten, den sie 
bedeutet, scheint nicht verwunden zu sein. 



D) Wehrbeitrag. 

Eine Einkommensergänzungssteuer ist auch der nur zu einmahger Erhebxmg bestimmte 1913 
beschlossene sogenannte „Wehrbeitrag." 

Der Wehrbeitrag ist eine einmahge Vermögenssteuer für einen bestimmten Zweck. Sie soll 
betragen bei einem Vermögen bis 

50 000 M. 0.15 V. H. 
von den nächsten angefangenen oder vollen 50 000 ,, 0.35 „ „ 



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100 000 „ 0.5 


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300 000 „ 0.7 


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500 000 „ 0.85 


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1000 000 „ 1.1 






3 000 000 „ 1.3 


»» »> j» 1» 




5 000 000 „ 1.4 


von den höheren Beträgen . . . 


. . . . 


1.5 



') Vgl. das Heft ,.Webrbeitrag und Deckungsgesetze vom 3. Juli 1913" in den Finanzwirtsehaftlichen 
Zeitfragen, herausgegeben von Georg v. Schanz und Jul. Wolf. 1913 S. 46. 



94 Jtilius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 

Vermöjzen bis zu 10 000 M. sind frei, bei einem Einkommen von nicht mehr als 2000 M. geht die 
steuerfreie Vermögensgrenze bis 50 000 M. mid bei einem Einkommen von mehr ak 2000, aber 
nicht über 4000 M. auf 30 000 M. Jedoch tritt neben diese Vermögenssteuer eine Einkommens- 
steuer, beginnend bei einem Einkommen bis zu 10 000 M. mit 1 vom Himdert und ansteigend bis 
8 vom Himdert bei einem Einkommen von mehr als 50 000 M. Als Einkommen gilt der auf 
Grmid des Landeseinkommensteuergesetzes als solches festgestellte Betrag. In den Bundesstaaten 
ohne Einkommensteuer trifft die Landesregierung Bestimmmigen über die Ermittehmg des Ein- 
kommens. Von dem festgestellten Einkommen wird, wenn gleichzeitig ein Vermögensbeitrag 
pflichtig ist, ein Betrag abgezogen, der einer 5 %igen Verzinsimg des abgabepfhchtigen Vermögens 
entspricht. Abgabenfrei sind die Einkommen von nicht über 5000 M. 

Vermöge der Einsetzung des ,, steuerfreien Existenzminimums" mit 5000 M. bleibt die grosse 
Masse, zumal der Arbeiter, von der Wehrsteuer frei, nur die Schicht der mit mittleren Einkommen 
Ausgestatteten und der Wohlliabenden, wie Reichen hat als durch sie betroffen zu gelten. Die 
Einnahmen aus dem Wehrbeitrag sind ausschliesshch zur Deckung der Kosten zu verwenden, die 
auf Grund der Heeres verstärkungs vorläge von 1913 entstehen. 

Bemerkenswert sind die Hinterziehungsstrafen, mit denen der Wehrbeitrag ausgestattet 
ist. Sie sind weit schärfer als bisher in Deutschland übüch. Der Entwurf hatte nur Geldstrafen vor- 
gesehen, wemi auch solche zu hohem Betrage. Kommission und Plenum des Reichstages haben noch 
eine Gefängnisstrafe bis zu 6 Monaten zugefügt, auf die neben der Geldstrafe (dem zwanzigfachen 
Betrage des gefährdeten Welirbeitrags) im Falle der Absicht der Hinterziehung erkamit werden kann, 
wenn der gefährdete Beitrag nicht weniger als 10 % des geschuldeten Wehrbeitrags, mindestens 
aber 300 M. erreicht oder wenn der Welirbeitragspflichtige Vermögen vom In- ins Ausland gebracht 
hat in der Absicht, dieses Vermögen der Veranlagungsbehörde zu verheimHchen. Einen gewissen 
Ausgleich bietet die gleichzeitig erklärte Straf freiheit für bisher unter der Staatssteuer 
hinterzogene Vermögens- oder Einkommensbeträge, weim sie bei Gelegenheit der Veranlagimg zur 
Wehrsteuer oder in der Zwischenzeit seit Iiüirafttreten des Gesetzes bei der Veranlagmig zu 
einer direkten Staats- oder Gemeindesteuer deklariert werden. 

2. Entwicklung und Entwicklungstendenzen im Reichsabgaben- 
system. 
In der Entwicklung der Reichsabgaben der letzten Jahre ist, wie schon eingangs bemerkt, 
als auffallend das verhältnismässige Zurücktreten der Ehmahmen aus Zöllen mid Aufwandsteuern 
gegenüber jenen aus Verkehrs- und Einliommensergänzimgssteuern zu verzeichnen. Das ist aller- 
dings ein ganz ,, natürlicher" Vorgang. Er ergibt sich als notwendig aus der schon in meiner ,, Reichs- 
finanzreform" mit Nachdruck hervorgehobenen Tatsache, dass das Reich insofern in einer ,,Zwick- 
mülile" ist, als ein aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangener Reichstag direkte Steuern 
und Durchsetzung der Steueiprogression an allen Ecken und Enden, für- welche vor allem die 
direkten Steuern ein Mittel sind, bevorzugen muss, während aus Rücksicht auf tue Bundes- 
verfassung, bezw. tue Bundesstaaten, wie aus steuertechnischen Gründen das Reich auf die 
indirekten Steuern lüngowiesen bleibt. Der Begelir nach direkten statt mdirekten Steuern und 
der Kampf um solche mit den Bundesstaaten wird sich im Reiche noch oft wiederholen und gleich- 
zeitig wird der Ausbau der indirekten Steuern verhältnismässig zurückbleiben.'") Übereinstimmend 
damit konnte es im Reich zur Errichtung von Monopolen, die eine schärfere Heranziehung des 
Konsums rAilassen, bislier überhaupt nicht kommen. Da das Reich indirekte Steuern 
nicht will, die direkten aber mindestens im wesentlichen den Einzelstaaten vorbehalten bleiben 
mü.ssen, war auch die Finanzpolitik der Verlegenheit, die das Reich wiederholt trieb, indem es ohne 
innere Not, d. h. unter VY'rzicht auf eine stärkere Erschhe.ssmig indirekter Steuerqucllen Schulden 
kontrahierte, durchaus „logisch", d. h. durch die Verhältnisse bedingt, und wird gleichfalls aller 
Wahrscheinlichkeit nach, zumal wenn die Verhältnisse des Geldmarkts einer Schuldenwirtschaft 
günstiger geworden sind, wieder neu aufleben. Insofern aber aus einer anderen inneren Not- 



'") Vgl. hierüber Julius Lis.sner, d. Zukunft dor Verbraucbsstüuurn in Deutschland (Finanzwirtsch. 
Zcitfrat'en, 9. lieft) 1914. 



Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Dentsehland. 95 

wendigkeit heraus der Löwenanteil bei Aufbringung der Reichseinnahmen immer noch den Zöllen 
und Verbrauchssteuern verbleiben muss, so wird hier im Laufe der Zeit mindestens ein Aus- 
tausch sozialpolitisch anstössigerer gegen sozialpolitisch minder anstössige indirekte Steuern, 
bezw. Zölle erfolgen. Vor allem dürfte der Getreidezoll mit seinen bald 300 MiUionen Ertrag 
in dem bisherigen Umfang früher oder später gefährdet sein. Wie Ersatz dafür zu schaffen, ist, 
zumal bei besonders starker Besetzung deräussersten Linken im Reichstag, gleichfalls eine Frage, die, 
wenn auch rein finanzpolitisch besehen, nicht allzu schwer zu lösen, doch vermöge der Direktiven 
imd Nötigungen, die ein Volksparlament der gedachten Art in sich schüesst, wieder eines der 
schwierigsten Probleme darstellt, dessen Lösung sich ohne Krisen sicher nicht vollziehen wird. 
An Finanzkämpfen wird es dem Reich sonach auch in Zukunft nicht fehlen, vermöge des Wider- 
streits der von den politischen Gewalten in Reich und Bundesstaaten gesuchten und der ihnen 
zugebilHgten und aus steuertechnischen Gründen zuzubilhgenden besonderen Steuergattungen, 
kürzer vermöge des Umstandes, dass das Reich stets nach direkten Steuern, die den Einzel- 
staaten im Literesse ihrer Erhaltung vorbehalten bleiben müssen, begehren wird unter Vernach- 
lässigung der indirekten Steuern, die auch jetzt noch weitgehende Entwicklungsmöglichkeiten 
haben.") 

m. Die Abgaben der Einzelstaaten. 

1. Die Abgabenkategorien. 

Das Abgabensystem der Einzelstaaten, längere Zeit m Umbildung begriffen, hat jetzt fast 
überall in Deutschland in den Grundzügen zweifellos auf sehr lange hinaus die endgültige Gestalt 
gewoimen. Den entscheidenden, wenn auch nicht den ersten Anstoss für diese Umbildimg hat 
die aus wissenschafthchen Ideen schöpfende Miquel'sche Steuerreform in Preussen gegeben, die, 
imter Verzicht auf die Ausnutzimg der alten Ertragssteuern — Grund-, Gebäude-, Gewerbesteuer — 
für den Staat die Einkommensteuer, ergänzt diuch eine Vermögenssteuer, zum Rückgrat des 
preussischen Steuersystems machte. In diese Richtung gingen und geht nun auch die Umbildung 
des Steuersystems der anderen Bundesstaaten, wenn auch nicht mit dem gleichen Radikaüsmus, 
insofern ausserhalb Preussens der Weg des völUgen Verzichts des Staates auf die älteren Ertrags- 
steuern — sicherlich mit Recht — nm- vereinzelt beschritten worden ist. 

Die Abgaben der Einzelstaaten ghedern sich offiziell in A) Allgemeine Einkommensteuern, 
B) anderweitige direkte Steuern, C) sogenannte Verkehrssteuern, D) die Erbschaftssteuer, E) Ver- 
brauchssteuern. Die vier letzten Steuerkategorien treten aber der Einkommensteuer gegenüber 
immer mehr zurück. Nach den letzten Daten — zusammengestellt in den unterm 31. Mai 1913 
vom Reichskanzler dem Reichstag vorgelegten ,, Materiahen zur Begründimg der Entwürfe von 
Gesetzen über einen einmahgen ausserordenthchen Wehrbeitrag und betreffend Aenderungen im 
Fmanzwesen" — ■ waren — gemeinhin in 1912 — im Budget der Bundesstaaten am Gesamt- 
aufbringen beteiUgt 

A) Allgemeine Einkommensteuer mit 547 Mill. M. = 54.9 % der gesamt. Steuereüinahm, 

B) Anderweitige direkte Steuern „ 210 ,, „ = 21.1 % ,, 

C) Sogenannte Verkehrssteuern „ 106 „ „ = 10.7 % „ ,, „ 

D) Erbschaftssteuer „ 23 „ „ = 2.3 % „ 

E) Verbrauchs- u. Aufwandsteuern „ 110 „ ,, =11.0% „ „ ,, 

A) Allgemeine Einkommensteuer. 
Die allgemeine Einkommensteuer spielt eine geradezu ausschlaggebende Rolle im Abgaben- 
wesen Preussens und Sachsens. In Preussen bringt sie 71 v. H. aller Staatssteuereinnahmen, in 
Sachsen 74 v. H. Geringer smd ihre Erträge in Süddeutschland. In Bayern ist sie überhaupt erst 
jetzt, d. h. von 1912 an zur Einführung gelangt, in Württemberg imd Baden, wo sie seit längerer 

") Vgl. Strutz, Reichs- und Landessteuem (in den Finanzwirtschaftlichen Zeitfragen, herausgegeben von 
Georg V. Schanz und Jul. Wolf) 1913 S. 17 und 18 ff., sowie die vorhin genannte Schrift von Lissner in der 
tjleichen Sammlung. 



96 Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 



Zeit besteht, bringt sie rund 40 °^. Dagegen ist sie in den deutschen Kleinstaaten, Herzog- und 
Fürstentümern, vielfach zu noch ausschlaggebenderer Bedeutung als in Preussen und Sachsen 
gediehen, so ruhen in Sachsen-Weimar 84 % der gesamten Abgabensumme auf ihren 
„Schultern." Noch höher geht ihr Anteil in den beiden Reuss mid in Schaumbiurg-Lippe. Pro 
Kopf der Bevölker.mg der deutschen Bundesstaaten fordert sie bei einer gesamten Staatssteuerlast 
daselbst von insgesamt 15.33 Mark 8.42 j\lark. 

B) Spezial-Einkommens- und Ertragssteuern. 
Eine Ergänzungssteuer auf Vermögenseinkommen findet sich in 9 Staaten, die den Ueber- 
gang von der alten Objektbesteuerung zum System der Personalbesteuerimg am gründhchsten voll- 
zogen haben, in Preussen, Sachsen, Baden, Hessen, Sachsen- Weimar, Oldenburg, Braimschweig, 
Sachsen-Gotha und Schaumburg-Lippe. Die Kapitahentensteuer, die in 7 Staaten erhoben wird, 
brinst nur in Bayern, Württemberg mid Elsass-Lothringen grössere Erträgnisse. Die Grund- imd 
Gebäudesteuern sind in Preussen und einigen anderen Staaten den Gemeinden überwiesen, dagegen 
haben sie in Bayern, Sachsen und Hamburg noch eine grosse Bedeutung. Von den andern direkten 
Steuern üefert namliafte Erträgnisse die Gewerbesteuer, welche besonders in Bayern, Mecklenburg- 
Schwerin und Mecklenburg-Strehtz, Lübeck und Elsass-Lothrmgen stark ausgebildet ist. Die 
Erbschafts- und Schenkungssteuer wird durch Zuschläge zur Reichserbschaftssteuer in Hessen, 
den Hansastädten und Elsass-Lothringen erhoben, ausserdem als Steuer von Abkömmlingen und 
zum Teil auch von Ehegatten in den Hansastädten imd Elsass-Lothringen. 

C) Sogenannte Verkehrs- (Geschäftsaufwands-) Steuern. 
An Verkehrssteuern werden in den Bundesstaaten im wesentüchen nur eine Umsatzsteuer 
von Grundstücken und Stempelsteuern erhoben. Diese Steuern hefern vor allem in Preussen, 
Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen imd Braunschweig höhere Erträge, die Stempelsteuern ins- 
gesamt 8.21, die Umsatzsteuer 2.32 % des gesamten Staatssteuerertrags. 

D) Verbrauchssteuern. 

Verbrauchssteuern werden in einigen süddeutschen Staaten erhoben. Unter ihnen ist die Brau- 
(Bier-) Steuer die wichtigste. Diese hefert in Bayern 47 v. H., in Württemberg 25 v. H., in Baden 
22 V. H., in Elsass-Lothringen 18 v. H. des Gesamtsteuerertrags. In Norddeutschland tritt hier an die 
Stelle der Landessteuer die Reichssteuer. Neben der Brausteuer spielt hauptsächlich die Schlacht- 
steuer in Sachsen eine Rolle. Die andern einzelstaatUchen Aufwandsteuern zählen niclit. Es handelt 
sich hier im wesentUchen um Luxusabgaben und um die Hundesteuer, die, in Preussen, Sachsen, 
Württemberg den Kommunen überlassen, in Bayern nahe an 2 % des Gesamtstaatssteuerertrags 
aufbringt. 

2. Die Abgabensysteme der Einzelstaaten. 

A) Preussen. 

Der Aufstieg zu der die Situation „beherrschenden" Höhe von heute ist für die Einkommen- 
steuer in Preu-ssen ein allmählicher gewesen, auf dem Wege über die Klassenstcuer, über die sog. 
klassifizierte und dann die riclitige, aber zunächst auf ganz unzureichenden Grundlagen erhobene 
Einkommensteuer. .Miqud hat an Stelle der letzteren, neben welcher noch die Ertragssteuern erhoben 
waren, eine in ihren Ermittelungen halbwegs zuverlässige, die gegenwärtige Einkomensteuer gesetzt. 
In Zusammenhang mit der Erhebung des Welirbeitrags, bei welchem Anlass Steuerfreilieit für die 
bisherigen Hintcrzieliungen gcwährleLstet wurde, dürfte die Einkommensteuer zu abermals grösserer 
Zuverlässigkeit gedeihen, um späterhin freihch —sobald der chuch sehr hohe Steuerstrafen geschützte 
Wehrbeitrag nicht mehr erhoben wird — in der Sicherheit der l<]rfassuiig der steucrpfüchtigen Ein- 
kommen wieder etwas zu verfallen, wenn nicht die für den Welirbeitrag erhobenen Steuerstrafen 
durch die einzeLstaatlichen Einkommensteuern übernommen werden. 

Einkommen bis 900 Mark sind unter der Staatssteuer in Preussen steuerfrei, die 
Steuerskala beginnt bei über 900 Mark mit 0.G3 % und erreicht bei rund 10 000 Mark 
Einkommen 3, sowie bei über 100 000 Mark 4 %. Durch Gesetz von 1909 ist behufs 



Julius Wolf, Die Öffentlichen Abgaben in Deutschland. 97 

Ermöslichimg der Aufbesserung der Beamtenbesoldungcu ein Zuschlag zur Steuer eingeführt, 
der für physische Personen bei 1200 bis 3000 Mark Einkommen 5 %, bei 3000 bis 
10 500 Mark Einkommen 10 %, bei 20 500 bis 30 500 Mark 20 und bei über 30 500 Mark 
Einkommen 25 % erreicht, so dass die Staatssteuer effektiv für Aic- geringsten steuerpflichtigen 
Einkommen 0.63 %, für die Einkommen von 30 000 Mark 3 '/'.•; % ^md für die Einkoramen von 
über 100 000 Mark Einkommen 5 % beträgt. Kinderreiche Familien geniessen Ermässigung, auch 
sonst wird bei Einkommen bis 12 500 Mark auf persönliche Verhältnisse Eücksicht genommen. 
Die Veranlagung erfolgt auf Gnmd jährlicher Deklaration der Steuerpflichtigen und der Piüfung 
dieser durch Veranlagungskommissionen. Doch wird angenommen, dass bisher noch erhebhche 
Einkommensteile der Steuer entfremdet wurden.'-) Es ist vor allem der Einführung der Selbst- 
deklaration auch für die Vermögen zum Zwecke der Erhebimg des Wehrbeitraga und etwa 
auch einer anderen Zusammensetzimg der Einkommensteuer-Einschätzungskommissionen vorbe- 
halten, neue Garantieen vollständigerer Erfassung der Einkommen zu schaffen. 

Die Vermögenssteuer ist als Zusatzsteuer, ,,Ergänzungs"- Steuer zur Einkommensteuer für 
das aus Vermögen (von über 6000 Mark) fhessende Einkommen gedacht und beträgt nach Kjassen 
Vz %o (^'1 d®^ unteren Grenze jeder Klasse, z. B. von 6 — 8000 Mark 3 Mark). Bei einem Vermögens- 
ertrage von 4 % berechnet sie sich darnach von diesem mit 1^4) bei einem Ertrage von 5 % mit 
1 % desselben. Doch wird seit 1909 auch hier ein, fürs erste vorübergehend gedachter, Zuschlag 
von 25 % erhoben. 

Die Ertragssteuern sind mit Einführimg der neuen Einkommens- und Vermögenssteuer in 
Preussen als Staatssteuern in Wegfall gekommen, d. h. sind den Gemeinden überwiesen. Neben Ein- 
kommens- imd Vermögenssteuer werfen in Preussen einzig die Stempelsteuern und etwa noch die 
Erbschafts- und Schenkungssteuer erhebhchere Summen ab. 

B) Bayern. 

Bayern ist Preussen in der Eeform seiner direkten Steuern in sehr langem Zeitabstande 
gefolgt. Schon 1880/81 von der Regierung geplant, ist die Einführimg der Einkommensteuer da- 
selbst erst durch Gesetz von 1910 gelungen, gleiphzeitig wurden die Ertragssteuern zu Ergänzungs- 
steuern umgebildet mid demgemäss in ihren Sätzen reduziert. Die neuen Steuern traten 1912 ins 
Leben. Doch ist die weitere Umbildung des Steuersystems vorbehalten, sie soll bis Ende 1918 ab- 
geschlossen sein und es ist nicht unwahrscheinhch, dass sie unter Ersetzung auch der reduzierten 
Ertragssteuern (Grund-, Haus-, Gewerbe-, Kapitalrentensteuern) durch eine Vermögenssteuer nach 
preussischem Muster vor sich gehen wird. 

Die neue bayerische Einkommensteuer — in Kraft seit 1. Januar 1912 — zieht die Einkom- 
men von 600 Mark an zur Steuer heran mit bis zu 5 v. H. ansteigenden Sätzen. 

Bayern verfügt auch über eine grosse indirekte, ihm (wie den andern süddeutschen Bundes- 
staaten) bei der Reichsgründung vorbehaltene Steuer, jene vom Bier. Seit alters hier vom Malz 
erhoben, beträgt die Steuer ziemhch in Uebereinstimmung mit den norddeutschen Sätzen 15 bis 
20 Mark pro Doppelzentner Malz, ansteigend mit der Grösse der Brauereien. Neuerrichtete Braue- 
reien zahlen (ohne Zeitgrenze, 25 % mehr. 

C) Sachsen. 

Hat Bayern als letzter der grossen Bundesstaaten die allgemeine Einkommensteuer zur 
Einführung gebracht, so kami Sachsen den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, darin sogar Preussen 
vorangegangen zu sein, indem es fast 15 Jahre vor diesem sein direktes Steuersystem auf die Basis 
der allgemeinen Einkommensteuer unter Abschaffung der Ertragssteuern bis auf eine, die Grimd- 
steuer, stellte. 

Die Einkommensteuer, seit 1878 wiederholt Gegenstand der Umbildung, lässt die Steuer- 
pfhcht bereits bei über 400 Mark Einkommen beginnen, unter Anwendung allerdings des niedrigen 

'-j Vgl. hierzu die ruhig abwägende Darstellung des Frhm. v. Zodlitz u. Noukirch („Zur Frage 
der Steuerveranlagung") im „Tag- v. 7. Dez. 1909. 

Handbuch der Politik. 11. Anflago. B»nd ü. 7 



98 Julius Wolf, Die öifentliclien lbj?abeii in Dentschland. 



Steuersatzes von 14 %. sie steigt bis 5 % bei 100 000 Mark. Neben ihr steht seit 1902 eine Ver- 
mögenssteuer, wie in Preussen mit 14 '^^oni Tausend erhoben, aber erst mit 12 000 Mark beginnend. 

D^ Württemberg. 

Württemberg hat 1903 dmch eine Steuerreform sein Steuersystem auf eine ähnhche Grimd- 
lage gestellt wie zuletzt Bayern, d. h. neben einer allgemeinen Einkommensteuer sind die Ertrags- 
steuem zu ermässigten Sätzen stehen geblieben. Nur wird an Stelle der Vermögenssteuer eine 
Kapitalsteuer erhoben. 

Die allgemeine Einkommensteuer beginnt bei Einkommen von 500 Mark mit 0.40 %, erreicht 
bei 30 000 Mark 4, bei 100 000 Mark 41/3 und bei 200 000 Mark 5 %. Mit dem Etat für 1909/10 
wurde eine 12 prozentige Erhöhung dieser Scätze vorgenommen. 

Wie Bayern erfreut sich Württemberg auch einer autonomen Biersteuer, jedoch zu 
niedrigeren Sätzen als die norddeutsche und bayerische, nämlich in Höhe von 8 Mark pro Doppel- 
zentner Malz für kleine Brauereien und bis auf 12i,4 Mark ansteigend (während in Norddeutschland 
das Maximum des Steuersatzes 20, in Bayern 19 Mark beträgt). Württemberg „ergänzt" seine 
Biersteuer durch eine Wein- und Obstweinsteuer zu 11 und 8 % des Ausschankerlöses. 

E) Baden. 

Nahezu ebensolange wie Sachsen, nämüch seit 1884, im Besitz einer allgemeinen Ein- 
konmiensteuer, hat Baden seine Ertragssteuern in partielle Vermögenssteuern übergeführt. Die 
Einkommensteuer, wie in Preussen mit 900 M. beginnend, hat einen nach Budgetperioden mobilen 
Steuerfuss, der die Steuer ungefähr auf der Höhe der preussischen hält. Die unter Benutzmig von 
Ertragssteuer-Katastern erhobene Vermögenssteuer keimt kein allgemeines steuerfreies Vermögens- 
minimum, ist dagegen im Unterschiede zu den Vermögenssteuern anderer Bimdesstaaten pro- 
gressiv in ihren an sich schon hohen Sätzen. Der Ertrag der Vermögenssteuer ist unter diesen Um- 
ständen ein ausnahmsweise hoher, nicht wie z. B. in Preussen Ve» sondern mehr als die Hälfte jenes 
der Einkommensteuer. . 

Auch Baden verfügt über ein Biersteuerreservat, die Steuer ist wie im Reiche imd 
in Bayern und Württemberg als Malzgewichtssteuer imd ziemlich zu den Sätzen Württembergs, 
also zu niedrigeren als in Norddeutschland und in Bayern erhoben. Dazu kommt noch eine Wein- 
eteuer wie in Württemberg. 

F) Elsass-Lothringen. 

Elsass-Lothringen ist neben den beiden Mecklenburg der einzige Reichsteil, in dem die Ein- 
führung einer Einkommenssteuer noch aussteht. Doch ist eine solche auch hier in Vorbereitung. 
Bisher war das Steuersystem durch Ertragssteueru beherrscht, die jedoch in den 25 Jahren von 1884 
bis 1901 durchweg einer gründlichen Reform unterzogen worden sind. Na(-h Einführung der 
Einkommensteuer sollen dieselben ähnhch wie in Bayern und Württemberg za Nebensteuern 
gemacht werden. 

Bemerkenswert ist die von Frankreich üoernommene, in ihren Sätzen verhältnismässig hohe 
Erbschaftssteuer, sowie chie Spezialstcuer von ausländischen Gelegenheitsarbeitern mit 5 bis 
15 Mark jährlich nach den Tagesarbeitsverdiensten. 

Auch Elsass-Lothringen verfugt über eine Bier- und Weinsteuer. Erstere wird hier nicht 
wie sonst überall in Deutschland als Malzsteuer, sondern als Steuer von der Leistungsfähigkeit der 
Werkvorrichtungen erhoben zu einem Satze, der pro hl mit 2.30 Mark für starkes Bier, mit 58 Pfg. 
für Dünnbier angesetzt ist. 

3. Entwicklung und Entwicklungstendenzen im .A b g a b e n s y e t e m 

der Bundesstaaten. 

Die ,, Entwicklung" im Abgabonsystem der Bundesstaaten ist durch den Sieg der allgemeinen 
Einkommensteuer auf der ganzen Linie gekennzeichnet. Sie wird in Kürze mit Ausnahme der 
beiden Mecklenburg sämtliche deutsche Bundesstaaten (mit Einschluss des Reichslandes, wo sie 



Julius Wolf, Die öffentliclieu Abgaben iu Deutschland. 99 

im An2aige ist) erobert haben. Die allgemeine Einkommensteuer trug in den deutschen Bimdes- 
staaten 1904 erst 294 Millionen, 1912 dagegen (immer nach den Voranschlägen) 547 Millionen Mark 
und die Vermögenssteuer 1904 43 Millionen, 1912 83 Millionen Mark. Das ist eine Steigerung 
des Ertrags binnen nur 8 Jahren bei der Einkommensteuer um fast 80, bei der Vermögenssteuer 
sogar um fast 100 %. Bringt die Einkommensteuer heute bereits mehr als die Hälfte (1910 55 %) 
sämthcher bmidesstaatlicher Abgaben, so ist der Zeitpimkt wohl abzusehen, wo sie mit % an 
denselben beteiUgt sein wird. Ihr zur Seite ist die Vermögenssteuer auf dem Eroberungszug durch 
die Bundesstaaten begriffen. 1904 erst mit 6,77 %, 1910 mit 7.88 % an dem Abgabenertrag 
beteiUgt, geht sie den 10 % mit Sicherheit entgegen. Das Vordringen dieser beiden Prinzipal- 
steuern erfolgt im wesentlichen auf „Kosten" 1. der Ertragssteuern, 2. der Verkehrs-, 3. der 
Verbrauchssteuern. 

Ob der Ersatz der alten Ertragssteuern durch die Einkommens- und Vermögenssteuer nicht 
zu radikal war und hier nicht einer Doktrin zu weitgehende Opfer gebracht wurden, kann übrigens 
Gegenstand der Kontrovcr.se sein. Der alte Satz des Franzosen Parieu ,,Tout vieil impöt est 
bon" gilt zumal für jene Objektsteuern, die sich im Werte der Objekte längst kapitaüsiert imd 
dank dem Besitzwechsel für die heutigen Besitzer amortisiert haben. 

Was die indirekten Steuern in den Bundesstaaten betrifft, so wird deren Position im Wesent- 
üchen durch die süddeutschen Biersteuern gehalten. Daneben spielt noch die Weinsteuer der drei 
Staaten des deutschen Südwestens \md die Schlachtsteuer in Sachsen eine Rolle. 

Eine ,, Stärkung" hat die Position dieser Steuern letzthin durch die Erhöhung der Biersteuer, 
in welcher Bayern dem norddeutschen Brausteuerverein folgte, erfahren. 

Das System der bundesstaatlichen Steuern dürfte nach allgemeiner Basierimg derselben auf 
Einkommen- imd Vermögenssteuer auf lange hinaus wenig grundsätzlichen Änderungen unter- 
worfen sein. Hier also verhältnismässige Ruhe gegenüber der steten Bewegung im Reiche, wo 
eine ,, Finanzreform" der andern folgt und nach dem früher Gesagten folgen muss. Nur inso- 
fern die Wellenkreise dieser Bewegimg im Reiche die Einzelstaaten treffen, sind auch diese 
in Unruhe imd in" die Notwendigkeit versetzt, gelegentUch nach neuen Ertragsquellen Ausschau 
zu halten. 

Zur Würdigmig der bisherigen Entwicklung auf die Einkommen- und Vermögenssteuer 
hin ist zu sagen, dass sie den Forderungen der Sozialpolitik weitgehend Rehnung trägt. 
Sind doch die alten Ertragssteuern im Unterschiede zur modernen Einkommensteuer nichts 
weniger als progressiv gewesen, wie sie ja auch steuerfreie Existenzminima, Rücksichten auf die 
Kinderzahl, Berücksichtigung anderweitiger persönlicher Verhältnisse nicht kannten und ihrer 
Technik gemäss nicht kennen konnten. Ihre Ersetzung durch die Einkommen- und Ver- 
mögenssteuer bedeutet also Verdrängung eines wenn nicht anti-, so jedenfalls asozialen Steuer- 
systems durch ein entschieden soziales. 

IV. Die Gemeinde-Abgaben. 

1. Das System. 

Angesichts des steigenden Umfangs der kommunalen Auf- und Ausgaben bei im all- 
gemeinen bereits durch Staat und Reich in Anspruch genommenen Steuerquellen stellt das System 
der Gemeindeabgaben schon seit längerer Zeit und heute wieder eines der schwierigsten Prob- 
leme der Finanzpolitik dar. 

In Preussen als solches bereits kurz nach Gründung des Reiches anfangs der 70er Jahre 
empfunden und bezeichnet und von Miquel Anfang der 90er Jahre in Zusammenhang mit seiner 
Staatsstcuerreform einer vorläufigen — von ihm allerdings endgültig gedachten — Lösung zu- 
geführt, lebt es heute wieder auf, da die Gemeinden mit den ihnen zugewiesenen Abgaben nicht 
das Auslangen finden, überdies aber diese ihre Abgaben eine Steigerung ihrer Ergiebigkeit fast 
nicht mehr zu gestatten scheinen. 

7* 



100 Julius Wolf, Die ötfeiitlichen Abgaben in Deutschland. 



Das Prinzip, nach welchem die Regelung des Gemeindesteuerwesens erfolgt, ist ein anderes 
als jenes, das der Besteuerung in Reich und Staat zugrunde liegt. „Ein Teil der Ausgaben 
der Gemeinden gereicht", heisst es in der amtlichen Denkschrift, welche von Miquel seinen 
Entwürfen zur Staats- und Gemeindesteuerreform beigegeben wurde, ,, gewiss allen Ein- 
wohnern mehr oder weniger gleichmässig zum Vorteil ; ein anderer Teil der Ausgaben kommt 
aber ganz oder überwiegend den mit der Gemeinde untrennbar verbundenen Objekten — Grund- 
und Hausbesitz und Gewerbebetrieb — zugute und erhöht deren Wert oder wird 
durch sie veranlasst". Als Gemeindesteuern werden sich darum, meint die Denkschrift, neben 
allgemeinen Steuern besondere Grund-, Gebäude-, Gewerbesteuern als richtig erweisen. 

Nach den solcher Art form' liert n Grundsätzen ist die Reform des Gemeindeabgabenwesens 
in Preussen erfok't. und wied'T hat diese preussische Reform ihre Wirkimg auf die anderen Bundes- 
staaten nicht verfehlt, zumal ja die Reform der Staatssteuern, die gewisse Rückwirkmigen auf das 
Gemeindeabgabeuwesen üben musste, sich gleichfalls überall fast nach einem Schema vollzog. 
Allerdings haben die Gemeindesteuersysteme mehr Widerstandskraft gegen die neueren Refom- 
bestrebungen gezeigt und süid infolgedessen von grösserer Verschiedenheit als die Steuersysteme 
der Einzelstaaten. 

In Preussen beruht das Abgabenwesen der Kommunen auf dem Kommunalabgaben- 
gesetz V. 14. VII. 1893 und auf Novellen von 1895 und 1906. Die direkten Steuern spielen auch hier 
wie im Staate die ausschlaggebende Rolle. Auf sie entfallen in den grossen Städten ungefähr 
9/jQ, in den kleineren eher noch mehr der gesamten durch Gemeindeabgaben aufgebrachten 
Summe. Innerhalb der direkten Steuern werden aber fast */g durch die Zuschläge zur staatlichen 
Einkommensteuer aufgebracht. 

Das steuerfreie Existenzminimum ist bei der Gemeindeeinkommensteuer tiefer angesetzt, 
bei 420 Mk. gegenüber den 900 Mk. der Staatssteuer. In kleineren Stadtgemeinden wird sie in der 
Tat „so tief herunter" erhoben, die grösseren Städte lassen sie in der Regel bei 600 Mk. beginnen. 

Neben den Zuschlägen zur Einkommensteuer gelangen Grund-, Gebäude- und Gewerbe- 
steuern auf Grund staatlicher Veranlagung zur Erhebung. Um das Verhältnis derselben zur 
Einkommensteuer angemessen zu gestalten, ist bestimmt, dass diese Realsteuern mindestens zu 
den gleichen und höchstens zu um die Hälfte höheren Prozenten der Veranlagungssätze zu 
erheben sind als Zuschläge zur Staatseinkommensteucr verordnet werden. Abweichungen von 
dieser Vorschrift bedürfen der obrigkeithchen Genehmigung. 

Von anderen direkten Steuern werden in den preussischen Gemeinden Wirtschaf tskon- 
zessions- und Umsatzsteuern vom Immobiliarverkehr erhoben; die Verbrauchssteuern, die ihnen 
mit Ausnahme solcher auf Fleisch, Mehl, Backwerk, Kartoffeln und Brennstoffen gestattet sind, 
spielen — auch für die Biersteuer gilt das, die nach dem Reichsbrausteuergesetz von 1909 
05 Pfcnnitr pro hl Vollbier für Rechnung der Gemeinden nicht übersteigen darf — eine sehr geringe 
Rolle, weiterhin kommen noch Hunde- und Pferdesteuern, sowie Lustbarkeitssteuern in Betracht. 

In den drei grössten preussischen Städten, Berhn, Köln, Breslau gestalten sich die Ver- 
hältnisse") folgendermassen. Es betrugen im Rechnungsjahr 1913 die gemeindlichen Steuerzu- 
schläge zur BtaatHcben Einkommensteuer 

in für Einkommen von über 900 Mark 

Berlin 100 

Köln 155 

Breslau 164 

Von je 1000 Mark Gemeindesteuern entfielen auf die 

Einkommensteuer Grund- und Gewerbesteuer Umsatzsteuer Verbrauclissteuer Lustbarkeits- 
Gebiiudesteuor Steuer 

Berlin ... 453 303 157 44 10 13 

Köln .... 552 198 138 44 13 29 

Breslau ... 554 250 104 32 18 24 

") Vgl. die vom Statistischen Amt der Stadt Elberfeld herauagegobenen Aufstellungen über ,^ie Ge- 
meindeet«uern des Jahres liU.'! in den prcuasischon Grossatfidten usw." 



JiiUiis Wolf, Die öffciitlichon Abj^abeii in Dontschland. JOl 

Die Einkommensteuer bringt in Preussen mehr als die Hälfte des Gesamtertrags der Ge- 
meindesteuern auf. 1912 war ihr Ertrag 484 Millionen bei einem Gesamtertrag der kommunalen 
Steuern von 912 Millionen, im besondern gegenüber einem Ertrag der kommunalen Grundsteuern 
von 229, der kommunalen Gewerbesteuer von 113 Millionen und gegenüber einem Staatssteuer- 
ertrag von 336 Millionen. 

In B a y e r n werden für Rechnung der Gemeinden Zuschläge zu sämtlichen Staatssteuern 
erhoben. Das Zurücktreten der Ertragssteuern, das Vortreten der Einkommensteuer in der letzten 
Staatssteuerreform hat erstere mehr, letztere weniger für die Gemeinden verfügbar gemacht — auch 
hier sind die Gemeinden in die iu der Staatsbesteuerung geschaffenen Lücken emgetreten — , dem- 
gemäss ist der Verteilungsschlüssel zwischen den direkten Gemeindesteuern dahin geregelt, dass, 
wenn die Grund-, Haus- und Gewerbesteuer mit dem 2i,'2fachen der Staatssteuer, die Kapital- 
rentensteuer mit dem l^^fachen, die Einkommensteuer nur mit dem halben Betrage heran- 
gezogen wird. Jedoch geschieht das unter besonderer Dienstbarmachung der höheren Ein- 
kommen (von 8000 Mk. an) für den Gemeindesäckel durch Unterwerfung derselben unter eine be- 
sondere Steuerprogression, so dass die grossen Einkommen verhältnismässig mehr, die niedrigeren 
weniger zur Gemeindekasse zahlen. Als Verbrauchsabgaben sind solche von Wildpret, Geflügel, 
Obst, Kaffee, Malz und Bier gestattet. 

Völlig selbständig verwalten die Gemeinden ihr Steuerwesen in Sachsen. Demgemäsa 
bringt ein Teil der Städte den Steuerbedarf durch selbständige Einkommens- und Ertragssteuern, 
ein Teil durch blosse Zuschläge zu den Staatssteuern auf. In manchen Gemeinden bestehen Miet- 
steuern. Verbrauchssteuern bedürfen besonderer ministerieller Genehmigung. 

Württemberg hat Staatssteuerzuschläge, daneben Weinsteuern und an indirekten 
Steuern in gewissen Fällen Abgaben von Bier, Gas und Elektrizität. 

Der Gesamtbetrag der Gemeindesteuern in Deutschland wird für 1912 mit 1378 Millionen M. 
berechnet, wovon 651 Milhonen auf die Einkommensteuer, 308 Milhonen auf die Grund- und 
Gebäudesteuer, 163 Milhonen auf die Gewerbesteuer entfallen. 

Die Einnahmen der Kreise und Provinzen sind gemeinhin in Deutschland in noch 
höherem Grade auf Staatssteuerzuschläge gestellt als die der Gemeinden. Sie fallen insgesamt 
nicht ins Gewicht. 

2. Entwicklung und Entwicklungstendenzen im Abgabenwesen der 

Gemeinden. 

Nachdem die Kommunalabgabenreform Miquels den Gemeinden Preussens finanziell Licht 
und Luft geschafft hatte, ist man jetzt wieder ungefähr dort angelangt, wo man zur Zeit jener 
Reform war, nämlich bei Zuschlägen zumal auch zur Einkommensteuer, welche die Grenze 
des Möglichen bereits hart streifen und die des Rationellen vielfach überschreiten. Die Frage 
der Ordnung der Gemeindefinanzen ist dadurch neuerlich zu einer brennenden geworden, welche, 
nachem die Reichs- und Landesfinanzen leidlich in Ordnung gebracht sind, kaum mehr vertagt 
werden kann. Das ,, Problem" präsentiert sich dabei als eines der schwierigsten darum, weil 
zweifellos andere Wege als bisher werden gegangen werden müssen, um das Ziel einer wirk- 
lichen und dauernden Ordnung zu erreichen. 

Der Versuch einer Gruppienmg der Möglichkeiten der Zukunft ergibt als in Betracht 
kommend 1. eine Einschränkimg der Gemeindeausgaben, doch wäre eine solche dauernd nur möglich 
bei Übernahme von bisherigen Gemeinde- Aufgaben durch den Staat. Wenn man bedenkt, dass 
der Schul-Etat in leistungsschwachen Gemeinden Preussens gegenwärtig nicht selten ^\^ der Ausgaben 
verschlingt,") wenn man weiter berücksichtigt, dass bei dem heutigen Wandertrieb der Bevölkerung 
diese Ausgaben vielfach gemacht werden nicht für die eigene Bevölkerung, d. h. jene, welche 
den betreffenden Gemeinden verbleibt, sondern für eine solche, die schliesshch in andere Ge- 



") Vgl, Martini, Die EinkommenateuerzuscLlage der Gemeindeü ia Preussen, 1912. 



102 Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 

meinden auswandert, diese Gemeinden (es handelt sich um die Grossstädte) sonach die Be- 
völkerung empfangen, nachdem sie auf Kosten der anderen Gemeinden ihre „Zurichtung" 
empfangen hat, erkennt man, dass es sich um ein gesamtstaatliches Problem handelt 
und der Staat früher oder später mit der Forderung, mindestens einen Teil dieser Last 
auf sich zu nehmen, sich zu beschäftigen haben wird. 

Das wäre also die eine der Möglichkeiten. 

Die Gemeinden können aber in Preussen auch 2. ihre direkten Steuern ausbauen durch allge- 
meinere Ausdehnung der Einkommensteuer auf die unteren Einkommensklassen bis 420 Mk. herab, in- 
soweit das nicht bereits geschehen, sie können 3. die Erhebung indirekter Steuern, die ihnen bereits ge- 
stattet sind oder solcher, die ihnen durch neues Gesetz zu gestatten wären, erwägen. Beides ist 
unter sozialem Gesichtspunkte odios ,") wenn man auch freilich heute in weitesten Kreisen der 
Wissenschaft, wie der kommunalen Praxis darüber einig ist,") dass in der radikalen Abschaffung 
aller für den Gemeindesäckel irgend ins Gewicht fallenden Verbrauchssteuern zu weit gegangen 
wurde. Aus diesen beiden Titeln würde aber, wie immer man es anstelle, nicht zu viel zu holen 
sein. Mehr wohl 4. aus einer Gemeinde-Kapitalsteuer") behufs Kompensation der bisher bloss 
auf den Realbesitz gelegten Ertragssteuern.") Indes würde auch diese Steuer, zumal — von 
anderen Bedenken zu schweigen — ihre technischen Schwierigkeiten nicht unterschätzt werden 
dürfen,") den Stand der Kommunalfinanzen nicht wesentlich und vor allem kaum dauernd zu 
bessern vermögen. Ebensowenig erscheinen aus sozialen und anderen Gründen 5. die Tarife 
der städtischen Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerke, der Strassenbahnen etc., sowie die ver- 
schiedenen kommunalen Gebühren noch wesentlich steigerungsfähig. 

Der Staat kommt sonach um die Aufgabe der Übernahme eines Teils der bisher den Ge- 
meinden erwachsenen Aufwendungen (hauptsächlich für die Schule) schwerlich herum. Die ihm 
hier, wie es scheint, zufallende Aufgabe dürfte aber gleichzeitig mit der anderen in Angriff zu 
nehmen sein, einen gewissen „Ausgleich" in dem Finanzstand der verschiedenen Gemeinden 
herbeizuführen. Die Unterschiede der Leistungsfähigkeit sind heute enorm. Dieselben weisen 
auf die Notwendigkeit einer „Ausgleichung" hin, wobei diese ihre innere Rechtfertigung auch 
daraus holt, dass (wie schon erwähnt) heute die überhoch besteuerten Gemeinden als A u s - 
wanderungsgemeinden vielfach die Schullasten für die minder hoch besteuerten Ein wanderungs- 
gemeinden tragen. 

V. Ahscliliessende Würdigung des Abgabensystems von Reich, Stauten und Gemeinden. 

Bei Würdigiuig des Abgabensystems in Deutschland wiu'de früher häufig der Fehler begangen, 
die Reichs- und bundesstaathchen Finanzen, deren Daten leicht zu erheben sind und jeder- 
mann zur Verfügung stehen, dem Urteil zugrunde zu legen, ohne die Gemeindesteuern, welche 
,, nicht weniger drücken", heranzuziehen. Dabei ergab sich ein ganz verkehrtes und infolge- 
dessen völlig unbrauchbares Bild. Es musste darum die Forderung erhoben werden, 
bei aller Betrachtimg des Abgabensystems in Deutschland die gemeindhchen Abgaben nicht als 
,,quantite negligeable" zu behandeln, sie vielmehr als den anderen Abgaben durchaus gleichwertig 
in die Rechnimg einzustellen. 

Die Verwirrung, welche die Bezugnahme auf Reichs- und Staatsabgaben allein mit Ver- 
nachlässigung der kommunalen stiften musste, ergibt sich schlagend aus folgender Übersicht:^") 

''') Waa nicht hindert, dass ein Ausbau der Gemeindeeinkommensieuer „nach unten hin" bereits erfolgt, 
vgl Otto Landaberg, Die Entwicklung dea Gemeindpabgabunwesens in den preussis'hen St&dten, in den 
Schriften dea Verein« für Sozialpolitik, lÜV. Band, „Gemeindefinanztn", 1910. S. 23. 

'") Vgl. selbst Adolf Wagner, Die finanzielle Beteiligung der Gerne ndtn u-w. S. 3G ff., sowie aus der 
Praxis E nst Scholz, Das heutige Gemeindcbesteucrungssystem in Preussen, Schriften des Vereins für Sozial- 
politik, 120. Band. „Gemeindefinanzen" 19(»8, S. :!04 ff., und Landsberg, a, a. ()., S. 3ü f f. 

>■) Vgl. EinH Scholz, a. a. 0., S. 314 f. 

'") Vgl. .Mex. Tille, Die Sti uerbalastung der Indaetrie in Reich, Bundesstaat and Gemeinde. S. 64 ff. 

") Vgl. Landsberg, a. «. Ü., S. 40. 

^") Eatnommca meinem Buche „Die Reichsfinanzieform" S. 76 und 82. 



Julius Wolf, Die öflfentliclien Abgaben in Deutsciiland, JOS 

Auf 100 Mk. direkte Steuer kamen ca. 1907 an indirekter Steuer 

bei Nichtberücksichtigung der bei Berücksichtigung der 

Gemeindeabgaben*') Gemeindeabgaben*^) 

in Deutschland (Reich 

und Bundesstaaten) ... ca. 294 Mk. ca. 94 Mk. 

in Frankreich ca. 261 ,, ca. 190 „ 

in Grossbritannien ca. 147 ,, ca. 71 „ 

Das Bild ist also, je nachdem die Gemeindeabgaben berücksichtigt werden oder nicht, das 
völlig entgegengesetzte. Im ersten Falle, bei Nichtberücksichtigung der Gemeindesteuern eia un- 
geheures Überwiegen der indirekten Steuern in Deutschland, fast zum Dreifachen der direkten, 
im anderen Falle, bei Berücksichtigung der gemeindlichen Abgaben, indirekte Steuern nur 
ungefähr in der Höhe der direkten, ja sogar weniger wie diese; im ersten Falle in Deutschland 
sozial ungünstigere Verhältnisse sogar als in Frankreich, dessen indirekte Steuern von ,, berüchtigter" 
Höhe, dessen direkte Steuern verkümmert sind, im zweiten Falle eine Überlegenheit über Frank- 
reich im Punkte der ,, Steuergerechtigkeit" um über das Doppelte. 

Die hier mitgeteilten Daten gehören der Zeit knapp vor der Reichsfinanzreform von 1909 
au. Sie werden die Wahrheit beiläufig aber auch heute sein, wobei fi'eiüch nicht zu übersehen, 
dass diese Berechnimgen immer nur den imgefähren Stand der Dmge bezeichnen können. Nach 
den in der Denkschrift des Reichsschatzsekretärs vom 31. Mai 1913 aus Anlass der Einbringung 
der Wehr- mid Deckungsgesetze von 1913 berechneten Daten — die genaueren Berechnungsgrund- 
lagen werden hier, soweit es sich um Gememdesteuern handelt, freihch nicht angegeben'^') — 
kämen, wenn man, wie ich das für erforderhch halte, die Erbschaftssteuer den direkten Steuern, 
die sogenannten Verkehrsabgaben den indirekten Steuern zuzählt, 1911 auf 100 Mark direkte 
Steuern an indirekten Steuern 

in Deutschland 105 Mark 

Frankreich 178 „ 

England 51 

Die Verschiedenheit des Ergebnisses gegen oben resultiert imter anderem aus der konse- 
quenten Zurechnung der Erbschaftssteuern im zweiten Falle zu den direkten. 

Die Daten zeigen im übrigen, dass werm Deutschland im Punkte der Steuergerechtigkeit 
— • die direkten Steuern als Repräsentanten der Steuergerechtigkeit gedacht — Frankreich ausser- 
ordenthch überlegen ist, es hinter Grossbritannien darin ausserordenthch zurücksteht. Zur 
Erklärimg muss jedoch gesagt werden, dass es in der Natur der Dinge hegt, dass je mehr ein Land 
vermöge seiner Einkommensschichtung, d. h.des Ueberwiegens der kleinen Einkommen, der aus- 
gleichenden Gerechtigkeit im Steuerwesen bedürfte, es ilirer desto weniger teilhaftig werden kann, 
weil desto melir — vermöge der geringeren Leistimgsfähigkeit der oberen Klassen — die Steuern 
als indirekte umgelegt werden müssen, während je reicher ein Volk, desto ausgiebiger die direkten 
Steuern an der Last mit tragen können. Diese Wohlhabenden xmd Reichen sind aber in der 
Gesellschaftsschichtung Grossbritanniens in ganz anderer Stärke als in Deutschland vertreten. 

Das Ziffernverhältnis von direkter und indirekter Steuer sagt überdies lange noch nicht 
alles zur Bezeichnung des Drucks, der von den Steuern ausgeht. Die einzelnen direkten und 
indirekten Steuern sind ja von sehr verschiedener sozialer Wirkung. Wie allgemein bekannt, 

-') Nach Z a h Q , Die Finanz.n der Grossmächte, 1908, und P 1 e n g e , Die Finanzen der Grossmächte, 
in der Zeitschr. f. d. gas. Staatsw. 1908. 

--) Auf Grund der in den „Zusätzen und Berichtigungen" zu den Denkschriften zur Reichsfinanzreform 
enthalteneu Nachweisungen berechnet. 

=^) Die Denkschrift meint nur ausfüliren zu sollen: ,,Die praktische Feststellung der Gemeindesteuern 
ist freilich bei den mei->ten auswärtigen Staaten überaus schwierig, weil vielfach das Material fehlt oder 
lückenhaft ist, Dotationen, Subventionen, Beiträge und dgl. m. hinüber und herüber zwischen den einzelnen 
Kategorien der öffentlichen Körperschaften vorkommen und ein schwer zu beseitigendes Hindernis bieten, 
vergleichbare Daten zu gewinnen." 



104 Julius Wolf, Die öffentlichen Abgaben in Deutschland. 

sind z. B. Salzsteuer und Getreidezoll anders zu beurteilen, als Branntwein- oder Biersteuer**); 
der Fall liegt darum ganz verschieden, je nachdem das Schwergewicht der indirekten Steuern 
bei diesen oder jenen Steuern hegt. Und es ist auch ein anderes, ob eine direkte Steuer 
bei Einkommen von 3000 oder 1000 oder 500 Mk. beginnt, d. h. die Einkommen darunter 
freilässt, sowie ob sie die grossen Einkommen zum Zwei- oder Vier- oder Achtfachen der den 
kleinen gewidmeten Quote zur Steuer nimmt. Mit dem Vergleich einfach der direkten 
und indirekten Steuern in den verschiedenen Ländern ist es also in der Tat noch nicht 
getan. Das von der Einkommensteuer freie Existenzminimum ist in England 3200 Mk. 
gegen 900 Mk. in Preussen, 400 Mk. in Sachsen, dagegen ist allerdings die Progiession in 
den deutschen Bundesstaaten bei Berücksichtigung der Gemeindesteuern^') (ohne solche nicht!) 
eine ausserordentlich viel schärfere. Nach dem Gesagten muss es also auch als bedenklich gelten, 
einfach das Ziffernverhältnis von direkten und indirekten Steuern, ohne weiteren Vorbehalt, zu 
vergleichen und darauf die Würdigung der Abgabensysteme der verschiedenen Staaten aufzubauen. 
Da es sehr verschiedene direkte, wie indirekte Steuern gibt, sind die gleichen Ziffern je nach 
den besonderen Verhältnissen von sehr verschiedener Bedeutung, und mehr als die äussersten 
Konturen des Bildes der Wirklichkeit werden durch sie nicht geliefert. 

Jenes Verhältnis besagt aber auch darum nicht zu viel, weil von der absoluten Höhe der 
Steuerlast pro Kopf bezw. pro Einkommenseinheit, richtig pro Einheit des Real- (nicht des Nominal-) 
Einkommens mindestens für den ins Auge gefassten Zweck nicht weniger abhängt, ja im allgemeinen 
mehr als von der Ziffer der Verteilung (die durch Überwälzungsvorgänge vielfach wieder in Frage 
gestellt wird, auch bei direkten Steuern).^') 

Was mm die Gesamtsteuerlast betrifft, so wurde sie vor und nach der Relohs- 
finanzreform von 1909 angegeben 



vor 1909") 


nach 1909 




auf Mark pro Kopf 


in Deutschland . . 


. 49,00 62,75 


in Frankreich . . . , 


. 82,68 96,09 


in England . . . . - 


. 96,09 106,07 



Die Ziffern haben nur als Näherimgswerte 201 gelten. Aber jedenfalls ergibt sich aus ihnen, dass 
der „Kopf" in England gegen den „Kopf" in Deutschland ungleich stärker belastet ist. Die Steuer- 
last in Frankreich pro Kopf ist gegen die unsere um rund 50 %, die in England um rmid 70 % höher! 
Indess ist nicht zu übersehen, dass selbst die Ziffern der absoluten Steuerlast nicht , .alles" sagen, 
da die Zwecke, denen die Einnahmen zugeführt werden, trotz gemeinsamer Züge, welche die 
Entwicklung derselben in den verschiedenen Kulturstaaten aufweist, immerhin recht verschieden 
sind. ') Die Möglichkeit einer statistischen Rücksichtnahme auf sie fehlt allerdings wieder so 
gut wie ganz. Doch kann gesagt werden, dass sich auch hier die Verhältnisse in Deutschland 
(vermöge der Aufwendungen für Sozialversicherung, Schulen usw.) als günstig ausweisen. 

Was dann die Verteilung der Gesamtsteuerlast auf die verschiedenen Klassen der 
Einkommensbezieher betrifft, so ist man unter Benützung der sorgfältigen Vorarbeiten zunächst 



=') Vgl. hier auch meine Reicbefinanzreform Beilage III „Die soziale Überlegenheit der Mossenluxas- 
etejein über die Steuern auf Notwendiges." 

"'-) Vgl. liier u. a. B a 1 i o d , „Der Streit um die finanzielle Belastung des deutschen Volkes", in Con- 
rads Jahrbüchern 1908. 

=") Vgl. u. a. V. M a y r , Zwei Schriften zur Reiphsfinanzreform. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 
Bd. 12, sowie mein Buch, Die Reiolmfinanzreform S. 80 und anderwärts. 

") Vl'1. \vio;lcr moicio Roifhsfin.in/.n'fnrni S. 81 untor AnlnlitninE; an rlio offiziolli-n Daten. 

=") Ein der grösseren Allgemeinheit vielleicht unerwartetes Ergebnis von auf diesem Gebiete gepflogenen 
Untersuchungen war (vgl. J. W o 1 f , Die Rcichsfinanzreform S. 86 f.), dass in Deutschland — Reich, Bundes- 
Staaten, Gemeinden — die Ausgaben für die innere Verwaltung und Unterricht fast dreimal so hoch sind wi» jene 
für „Ijiudessohutz": 48,2% der Gesamtausgaben gegen 17,7%. 



Julius Wolf, Die öflfentlichen Abgalten in Deutschland. 105 

Fr. J. Neumanns,-») weiterhin Joh. Conrads'») und W. Gerloffs") im Stande (an der 
Hand typischer Haushaltungsbudgets) für Deutschland eine Rechnung aufzumachen. 

Bereits in meinem Buche „Die Reichsfinanzreform" komme ich zu dem Ergebnis, dass zu- 
nächst an reichs-und bundesstaatiichen Steuern in Preussen'-) aufzubringen sind von den Beziehern 

kleinster Einkommen, d. h. grösster Einkommen, d. h. 

solcher von 900—1200 Mk. solcher von 100 000 Mk. 

in Prozenten 
indirekte Steuern .... 4 — 5 1 

direkte Steuern V?— ^/s 4 

zusammen 41/2 — 52/3 5 

so dass Staat und Reich zusammen die Proportion alität der Besteuerung realisieren 
würden. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass bei einem Anschlag des Einkommcnsteucr- 
zuschlags der Gemeinden zu 150 %, einem Anschlag, der hinter der Wirklichkeit eher zu- 
zurückbleibt als sie übersteigt, die Gesamtsteuerlast in Preussen beträgt 

für Einkommen 
von 900—1200 Mk. von 100 000 Mk. 

5-8% 14% 

Im Durchschnitt insgesamt etwa 6*4 % von kleinsten Einkommen, 14 % von grössten Einkommen, 
das wäre eine Progression, die unter den besonderen Verhältnissen Deutschlands, d. h. angesichts 
auch der Verwendung, welche die Steuern finden (unter anderem, wie schon erwähnt, zu grossen 
Beträgen für den Zweck der Sozialversicherung) befriedigen könnte. Jedoch fehlt noch ein Faktor 
in der Rechnung: Die Rücksichtnahme auf jene Belastung, die von den Zöllen, insbesondere den 
AgrarzöUen, allerdings nicht zugunsten des Staats, vielmehr der Inlandsproduzenten der mit 
Zöllen belegten Artikel ausgeht. Hierüber habe ich eingehende Berechnungen gleichfalls in 
der oben genannten Schrift angestellt. Sie führten zu dem Ergebnis, dass aus dem erwähnten 
Titel noch etwa eine Milliarde Mark der Steuerlast als ,, indirekte Steuer" zuzurechnen sei. Dement- 
sprechend wurde als ,,letztes Ergebnis" jener der fundamentalen Frage der Steuerver- 
ttilung gewidmeten Ermittlungen ausgesprochen, dass in Preussen 

kleinste Einkommen grosse Einkommen 

9—13, im Mittel etwa 11 % 15 % 

an Steuern zu tragen haben. 

Kurze Zeit vor dem Erscheinen meiner , Reichs-Finanzreform' wm'de noch von 
sehr kompetenter Seite ausgesprochen: 

„Schwerlich wird die durch die indirekten Steuern, namentlich auch durch die Agrar- 
zölle bedingte Höherbelastung der grossen Volksmasse, der unteren Klassen, für die Reichs- 
zwecke durch die einzelstaatliche und kommunale direkte Besteuerungschon genügend kompen- 
siert. Genügend, das heisst in dem Masse, wie es die Minimalforderungen verlangen, welche 
aus dem anerkannten leitenden Grundsatz der modernen Steuerpolitik, der Besteuerung nach der 
Leistungsfähigkeit der Klassen, Berufe, Einzelnen folgen. Aber selbst, wenn dieses durch die 
bisherige gesamte Steuerverfassung in Reich, Staaten, Gemeinden zusammen erreicht würde, 



-°) Fr. J. N e u m a n n , Zur Gemeindesteuerreform in Deutschland. 1895. 

2») C o n r a d , J., Zur Finanzreform in Deutschland, Jahrb. f. Nationalökonomie und Statistik, 3. Folge 
Bd. 36. 

'1) G e r 1 o f f , Beiträge zur Reichsfinanzreform, in Conrads Jahrbüchern, 3. Folge, Bd. 36 und früher, 
Verbrauch und Verbrauohsbelastung kleiner und mittlerer Einkommen um die Wende des 19. Jahrhunderta, 
Ebenda, Bd. 35. 

^^) Ich halte diese Berechnung gegenüber gewissen Anfechtungen, die sie gelegentlich, zumal bei G e r - 
loff a. a. O. erfahren hat, aufrecht. Die niihero Be=[ründuug ist in der «rsten Auflage dieser Abhandlunj^ 
gegeben. 



106 Julius Wolf, Die öffentlicheu Al>gabeii in Deutscliland. 



was ich, besonders auch wegen der Weiterwirkung der AgrarzöUe auf die Preise von Getreide 
usw. im Inland überhaupt bezweifle, so ist eben noch mehr zu verlangen: nämlich dass die 
mittleren und vollends die oberen Klassen nicht nur mindestens ebensoviel 
im Verhältnis zu ihrer, namentüch in der Einkommenshöhe liegenden Leistungsfähigkeit im 
ganzen an Steuern tragen, wie die unteren, sondern dass sie verhältnismässig mehr 
tragen. Das ist aber bei der immerhin schon eingetretenen bedeutenden Steigerung der Er- 
träge unserer Zölle xmd Verbrauchssteuern bisher nicht erreicht worden."") 
Demgegenüber ergab meine Rechnung, dass das Steuersystem von Reich, Staat und 
Gemeinde kombiniert in Deutschland nicht nur die Proportionalität, sondern auch die vor- 
stehend geforderte, aber fürs erste noch vermisste Progression realisiert,'*) selbst dann, 
wenn man die nicht dem Staate zufallende Belastung der Konsumenten durch die Zölle in 
Anrechnung bringt! 

Inzwischen ist allerdings die letzte Reichsfinanzreform ins Land gegangen. Es ist aber 
nicht anzunehmen, dass sie das Verhältnis der Belastung zu Ungunsten der kleinen Einkommen 
verschoben hat. Denn die bundesstaatüchen und Gemeindesteuern, die das Prinzip der Gerechtig- 
keit besonders stark betonen, und dadurch einen Ausgleich für die umgekehrte Progression der 
Reichssteuem schaffen, haben in dieser Zeit keine geringere Steigerimg als die letzteren erfahren, 
üeberdies haben die Deckungsvorlagen von 1913 weitere direkte Reichssteuern gebracht. 

Nach alledem darf sogar behauptet werden, dass die Steuerprogression in Preussen heute schon 
wieder eine schärfere ist als die vorhin auf Grund der Verhältnisse hauptsächlich von 1907 berech- 
nete. Ohne auf das Einzelne der Daten hier näher eingehen zu wollen, kann nämlich nunmehr ausge- 
sprochen werden, dass wenn die Tausend-Mark-Einkommen in Preussen dank der Reichsfinanz- 
reform gegenwärtig mit Steuern von nicht weniger als 12 — 13%, im Mittel 13% %, belastet sein 
sollten, die Belastimg der Hunderttausend-Mark-Einkommen unter Berücksichtigung aller ins 
Gewicht fallenden Faktoren im Durchschnitt wohl nahe an 18 % geht. Vorausgesetzt ist dabei 
allerdings ihre Erfassung zum vollen Betrage unter der Einkommens- und Vermögenssteuer. Würden 
gegenwärtig etwa nur 8|jq (oder nur ^/j) erfasst, so würde der Durchschnittssatz der Steuer für diese 
sehr grossen Einkommen eine Ermässigung auf ca. 16% (oder 15) % erfahren müssen. Dies 
also das bei Berücksichtigung aller möghchen Faktoren, auch solcher, die sonst in die Rechnung 
nicht einbezogen werden, sich ergebende Bild. 

Die ,,E n t w i c k I u n g" geht aber, zumal mit dem Wachstum der Gemeindesteuerzuschläge, 
mit dem allmähligeu Steigen der bundesstaatlichen Einkommeusteuerprozente, das von den 
Gemeinden durch ihre Zuschläge wieder potenziert wird, mit der immer schärferen Erfassung der 
steuerpflichtigen Einkommen und Vermögen, zweifellos weiter in der Richtung stärkerer 
Progression, die Differenz der Steuerbelastung zwischen grossen und kleinen Einkommen nimmt 
nicht ab, sondern wächst, und der Zeitpunkt ist mit ziemlicher Sicherheit abzusehen, wo 
grösste Einkommen in Preussen- Deutschland durchschnittlich 20 % an Steuern, in der Industrie 
gewonnene und Dividenden- Einkommen sogar noch mehr zu entrichten haben werden.'^) Mit 
Bezug auf die kleinsten Einkommen sind demgegenüber Tendenzen wirksam, die eher zu einer 



^^) Vgl. Ad. Wagner, Die Reichsfinan^not, 1908. 

'') Neuerdings ist man von der pegenteiigen Meinung mehr und mehr zurückgekommen. Dafür ver- 
weist man aber mit Vorliebe darauf, dass bei Errechnung des sogenannten freien Einkommens sich andere 
Progressionas&tze oder gar eine umgekehrte Progression ergebe. Jlit diesem Hinweis bekennt man sich aber zu 
einem sehr l)edenldiclien StL'iierideal. Zumindest schliesst er die Forderung ein, dass ein Ijeträchtliches Ein- 
kommen von jeder Steuer frei sein muss, ohne doch diese Forderung meinem Urteil nach irgend überzeugend 
rechtfertigen zu können. Die Folge davon wäre, dass der Staat die grö.sseren Einkommen in einer Weise 
in Anspruch nehmen miisste, die die Kai>italbildung und Unternehmerfreudigkeit nicht blos gefährden, 
sondern nahezu lihmen würde. 

''^) Vgl. die jüngsten Zusammenstellungen und Bemerkungen über die versohicdene Höhe der Besteuerung 
des aus verschiedenen Quellen fliessenden Einkommens in der Denkschrift von Alexander Tille, Die 
Steuerbelaetung der Industrio in Reich, Bundesstaat und Gemeinde, 1911. Allerdings werden liier die Über- 
wälzungen im ailgomeinen nicht berücksichtigt. 



K. Th. von JEheberg, Die Reichssteuergesetze tou 1913. 107 

Abbröckelung der Steuern, mit denen sie belastet sind, als zu einer Häufung fübren, so dass diese 
Darstellung mit einem Ausblick schliessen darf, der die kleinsten Einkommen in einem 
absehbaren Zeitpunkt mit kaum viel mehr als 10 — 12 % zu den gesamten Steuern genommen 
und bei Belastung der grössten Einkommen mit 20 Prozent die Steuergerechtigkeit auch nach 
modernstem Empfinden ausreichend reahsiert sieht. Die Kräfte sind seit längerer Zeit am Werke, 
die diesen Ausblick noch im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zur Wirklichkeit machen dürften ! 



39. Abschnitt. 
Die Reiehssteiiergesetze von 1913. 

Vom 

Geheimen Rat Dr. Karl Th. Ritter von Eheberg, 

0. Professor der Staatswissenschafteii an der Universität Erlangen. 

Das Frühjahr 1913 brachte dem deutscheu Volke eine gewaltige Überraschung. Unter Hin- 
weis auf die langgestreckten, unter Umständen gegen mehrere Feinde zu schützenden Grenzen 
und auf die Verschiebimg der europäischen Machtverhältnisse infolge der Vorgänge auf dem Balkan 
forderte die Reichsregierung eine Verstärkmig der Truppen imd der Kriegsmittel, wie sie niemals bis- 
her gefordert worden war. Rimd 117 000 Gefreite und Gemeine, 15000 Unteroffiziere, 4000 Offiziere, 
27000 Pferde wurden neu verlangt; die Fi'iedenspräsenzstärke sollte von 544211 auf 661176 Mann 
erhöht, also nach dem heutigen Stande der Bevölkerung ausgebaut werden. 63000 Rekruten sollten 
jährhch mehr als bisher eingestellt werden; 18 Regimenter sollte die noch fehlenden dritten Ba- 
taillone, die 18 Jägerbataillone sollten Radfahrer- imd Maschinengewehrkompagnien erhalten; 
6 neue Kavallerie-Regimenter, eine Anzahl neuer Eskadrons, 3 neue Artillerieregimenter, Spezial- 
truppen und anderes mehr war vorgesehen. Dazu kam die Beschaff \mg von Kriegsmaterial, der 
Ausbau der Festungen und der Luftflotte, die Errichtimg einer neuen Kriegsschule, zweier neuer 
Unteroffiziervorschulen, Vergrösserung der Kadettenschulen, Erhöhung derDienstprämien für Unter- 
offiziere, Vermehrimg des Beamtenpersonals, Verbesserung der Verpflegimg. Die Forderungen 
sind mit ganz unwesentüchen Änderungen auch vom Reichstag und zwar mit erhebhcher Mehr- 
heit bewilligt worden. 

Ausserordentlich wie die Grösse der Wehrvorlage war auch die Summe der zu ihrer finanziellen 
Deckung erforderhchen Mittel. Die einmaligen Kosten belaufen sich auf 898 Mill. Mk., von 
denen im ersten Jahre (1913/14) 435, im zweiten 285, im dritten 178 Mill. Mk. erforderhch werden. 
Dazu kommen noch 15 Mill. Mk. für die Schaffmig eines Silberschatzes von 120 Mill. Mk., der wie 
der Kriegsschatz im JuUusturm für Zwecke der Mobilmachung Verwendung finden soll. An d a u - 
e r n d e n Mehrausgaben erwachsen im ersten Jahre 54, im zweiten 153, im dritten und in den 
folgenden Jahren 186 Mill. Mk. 

Während die Wehrvorlage selbst im wesentUchen nach den Anträgen der Reichsregierung 
bewilligt wurde, ergaben sich bezüglich ihrer finanziellen Deckung mancherlei Meinungsverschieden- 



108 -^' ^'*' ^'on Eheberg, Die Reichssteuergesetze von 1913. 

heiten. Über das Prinzip hatte man sich allerdings bald geeinigt; wie die Reichsregierung so war 
auch die Mehrheit der Volksvertretung der Meinung, daß nicht n\u: die dauernde, sondern auch 
die einmalige Ausgabe durch Steuern zu decken sei, und beide trafen auch zusammen in dem Willen, 
die Mittel nicht, wie das bisher im Reiche vorwiegend geschehen war, diu'ch Belastung des Ver- 
brauches, sondern durch unmittelbare Besteuerung der Leistungsfähigkeit zu gewimien. Über die 
praktische VerwirkUchimg aber dieses Grundsatzes im Einzelnen gingen die Ansichten erhebhch 
auseinander. 

Zur Aufbringimg der Mittel für den einmaligen Bedarf sollte nach dem Regieriuigsentwurf 
ein einmaUger ausserordentlicher Wehrbeitrag in Form einer Vermögenssteuer erhoben 
werden. Diese sollte Y, vom Himdert aller Vermögen über 10 000 Mk. betragen; Personen mit mehr 
ala 50 000 Älk. Einkommen sollten ohne Rücksicht auf Vorhandensein und Höhe von Vermögen 
mindestens 2 v. H. des Einkommens entrichten. Die Steuer sollte in zwei Raten in den Jahren 
1914 und 1915 erhoben werden. Ihr Erträgnis wurde auf 990,3 Mill. Mk. geschätzt. Zur Deckung 
der laufenden Mehrausgaben sollten dienen : 

1. Ein Mehr an (bisherigen) Etatseinnahmen von 24 Mill. Mk. füi' 1913/14, 16 Mill. Mk. für 
die weiteren Jahre. 

2. Neue Stempelabgabeu von Gesellschaftsakten und Versicherungsquittungen, die für 
1913/14 auf 22, für 1914 imd 1915 auf je 44, von da ab auf jährlich 52,5 Mill. Mk. veranschlagt waren. 

3. Die sog. Besitzsteuer in Form von veredelten Matrikularbeiträgen, bezw. eine Vermögens- 
zuwachssteuer. Die , .veredelten "Matrikularbeiträge sollten mit 1,25 Mk. vom Kopf der Bevölkerung 
nach Massgabe der Veranlagung zum Wehrbeitrag auf die Bundesstaaten umgelegt werden und 
diese verpfHchtet sein, ihren Anteil durch Vermögens-, Einkommens- oder Erbschaftssteuern auf- 
zubringen und zu diesem Zwecke derartige Steuern einzufüliren oder bestehende zu erhöhen. In 
denjenigen Staaten, die eine solche Besteuerung nicht bis zum 1. April 1916 in WirksamKeit setzen 
würden, sollte das dem Gesetzentwurf als Anhang beigegebene Besitzsteuergesetz in Kraft treten. 
Dieses Gesetz sollte also nur subsidiäre Geltung haben. Nach ihm sollte der Vermögenszuwachs 
in zweijähi'igen Zwischenräumen festgestellt und eine Steuer von 0,5 — 1,5 v. H. des Zuwachses 
und bei einem Gesamtwert des Vermögenszuwachses von mehr als 100 000 Mk. em nach dessen 
Grösse abgestufter Zuschlag mit 0,1—1 v. H. erhoben werden ; ein Zuwachs bis 2000 Mk. einschliess- 
hch sollte steuerfrei bleiben. Die Besitzsteuer sollte 80 Mill. Mk. ertragen. 

4. Die Einführung eines beschränkten Erbrechts des Staates, wovon man fiu' 1913/14 5, 
für die späteren Jahre 15 Mill. Mk. erwartete. 

5. Weitere Einnahmen sollten dadiurch gewonnen werden, dass der Grundstücksumsatz- 
stempel imd die Zuckersteuer, entgegen früheren Beschlüssen, in der bisherigen Höhe bestehen 
blieben; als Ertrag war für den ersteren für 1914/15 imd in den folgenden Jahren 20 Mill. Mk., 
für die letztere 40 Mill. Mk. jährlich in Ansatz gebracht worden. 

Die Deckung der laufenden Ausgaben sollte sich also wie folgt gestalten (in Mill. Mk.) : 

1913/14 1914/15 1915/16 1916/17 u. folg. 



Mehr an Etatseitmahmen 


24 


16 


16 


16 


Neue Stempelabgaben 
Erbrecht dea Staates 


22 
5 


44 
15 


44 
15 


52,5 
15 


Umsatzstempel 
Besitzsteuer 


— 


15 


20 


20 
80 


Zuckersteuer 


— 


— 


— 


40 



51 90 95 223,5 

Die ersten drei Jahre sollten also erbringen 51 -f 90 -|- 95 also zusammen 236 Mill. Mk. 
neuer Emnahraen, wälirend der Bedarf, wie oben bemerkt ist, 54 -j- 153 -f 186=393 Mill. Mk. 
betragen hätte, so dass ein Fehlbetrag von 157 Mill. Mk. vorhanden war. Da dieser Fehlbetrag 
als vorübergehend angesehen wurde, so sollte zu seiner Deckung der Melirertrag des AVehrbei- 
tragei, nämlich 990,3 gegen 898 = 92,3, dann der Überschuss des Jahres 1911 mit 4,7, und der Über- 



K. Th. von Eheberg, Die Reichsstouergesetze von 1913. 109 



schuss von 1912 mit 75,0 Mill. Mk., zusammen 172,0 Mill. Mk. Vorwendung finden. Die den Bdcarf 
von 157 Mill. Mk. iibeistcisonden 15 Mill. sollten ziu' Bp.<5trpitunij; der vorhin erwähnten Silberankänfe 
Verwendung finden. h 

Der Kaum verbietet es hier auf die Verhandlungen des näheren einzugehen, die im Reichs- 
tag und seiner Kommission über die Eegierungsvorlagen gepflogen wurden. Nur deren Ergebnisse 
sollen kurz aufgezeichnet und die hauptsächlichsten Bestimmungen der Gesetze wiedergegeben 
werden; das prinzipiell Wichtige wird in einer Würdigung der neuen Steuern, die am Schlüsse vor- 
genommen werden soll, hervorgehoben werden. 

Der Gesetzentwurf über den Wchrbeitrag ist im Reichstage in wichtigen Punkten geändert 
worden. Zwar die steuerfreie Untergrenze ist die gleiche gebUebea (10 000 Mk.) und neben dem Ver- 
mögen sollte auch das Einkommen getroffen werden ; allein die Vermögenssteuer entfällt auch bei 
Vermögen bis 30 000 bez. 50 000 iMk., falls damit nur ein geringes Einkommen verbunden ist, und 
die Steuer vom Einkommen trifft nur das unfundierte Einkommen, sofern es 5 000 Mk. übersteigt. 
Die Steuersätze sind hier wie dort gestaffelt, doch ist die Staffelung beim Vermögen eine andere 
wie beim Einkommen. Die Entrichtung des Wehrbeitrags ist auf drei Termine verteilt.. 

Noch erhebhcher waren die Änderungen bei der sog. Besitzsteuer. Den „veredelten Matri- 
kularbeiträgen" konnte der Reichstag keinen Geschmack abgewinnen, vielmehr sprach er sich 
für eine Reichsbesitzsteuer aus, die von allen Bundesstaaten nach reichsgesetzhchen Vorschriften 
durchzuführen sei. Auch der Entwurf des subsidiären Besitzsteuergesetzes selbst, der die Grund- 
lage der Beratimgen bildete, wurde erhebhch verändert. An Stelle des zweijährigen trat ein drei- 
jähriger Veranlagungszeitraum. Vermögensmassen bis 20000 Mk. einschliesslich, ebenso Zuwachse 
bis 10 000 Mk. bleiben steuerfrei. Die Steuer ist progressiv gestaffelt; bei der Staffehuig ist die 
Höhe des Vermögens imd die Grösse des Zuwachses berücksichtigt. 

Das Erbrecht des Staates ist nicht beschlossen worden ; dagegen findet eme Mehrbesteueruug 
von Erbschaften in doppelter Weise statt. Einmal dadurch, dass das Besitzsteuergesetz prinzipiell 
auch die Erbanteile der Deszendenten erfasst, mid zum andern dadurch, dass melirere Sätze des 
Reichserbschaftssteuergesetzes erhöht worden sind. Der Anteil des Reichs am Rohertrag dieser 
Steuer ist von % auf ^/^ erhöht worden. 

Der Entwurf eines Gesetzes wegen Änderung des Reichsstempelgesetzes hat mit unwesent- 
lichen Änderungen die Zustimmimg des Reichstages gefunden. Darnach werden die Stempelabgaben 
von Gesellschaftsverträgen und Versicherungsverträgen, die bisher von den meisten Bimdesstaaten 
in verschiedener Höhe erhoben worden sind, auf das Reich übernommen und einlieitUch geregelt. 

Mit dem Vorschlag der Reichsregierung die Zuckersteuer in der bisherigen Höhe beizube- 
halten, erklärte sich der Reichstag einverstanden; ebenso mit der Weitererhebung des Zuschlages 
zum Grundstücksstempel bis Ende des Rechnungsjahres 1916. Dagegen hat der Reichstag unter 
Zustimmung der Reichsregieruug beschlossen, dass der Scheckstempel mit Wirkung vom 1. Januar 
1917 ab aufgehoben und der Reichsanteil an der Zuwachssteuer vom 30. Juni 1913 ab nicht mehr 
erhoben werde. 

Die neuen Reichsgesetze sind unterm 3. Juh 1913 erlassen worden. 

Die finanzielle Wirkung der ganzen Gesetzgebmig ist nun die folgende. Der Wehrbeitrag 
soll etwa 1000 Mill. Mk. erbringen, wovon etwa 880 Mill. aus der Besteuerung der Vermögen, 40 Mill. 
aus der Besteuerung der Aktiengesellschaften und 80 Mill. aus Einkommen fliessen sollen. Der 
Wehrbeitrag würde also etwa 90 — 100 Mill. Mk. mehr erbringen, als zur Deckung des einmahgen 
Bedarfs erforderlich ist. Die laufenden Ausgaben sollen in erster Linie durch die Vermögenszu- 
wachssteuer gedeckt werden, die mit 95 Mill. Mk. veranschlagt wird. 50 Mill. sollen die Stempel- 
steuern erbringen, 10 Mill. die Erhöhimgder Sätze der Reichserbschaftssteuer, 16 Mill. das Mehr an 
laufenden Einnahmen und 40 Mill. sollen aus dem Fortbestand der Zuckersteuer gewonnen werden. 
Das sind zusammen 211 Mill. Mk. Davon gehen aber sofort die bisherigen Erträge der Wertzuwachs- 
steuer ab, die für 1912 mit 18 Mill. Mk. veranschlagt wurden, vom 1. Januar 1917 ab auch, 
wie erwähnt, der Zuschlag zum Grundstückumsatzstempel und die Schecksteuer, was einem weiteren 
Ausfall von etwa 23 Mill. Mk. gleichkommt. 



110 -ET. Th. von Eheberg, Die Reichssteuergesetze von 1913. 

II. 

a) D e r W e h r b e i t r a g. — Der Wehrbeitrag ist, wie das Gesetz sagt, ,,ein eimnaliger 
ausserordentlicher Beitrag". Steiierobjekt ist das Vermögen iind in bestimmten Fällen das Ein- 
kommen. Er soll ausschüesslich zur Deckung der Kosten der Verstärkimg der Welrrmacht, also 
für die einmaligen und die anderweitig nicht gedeckten fortdauernden Ausgaben der Jahre 1913 bis 
1916 dienen. 

Als Vermögen gilt alles beweghche und unbewegHche Vermögen mit Ausnahme der Möbel, 
des Hausrates und sonstiger beweglicher Gegenstände, die nicht Kapitalvermögen oder Zubehör 
eines Grmisdtücks oder Bestandteile eines Betriebsvermögens sind. Vom Vermögen werden ab- 
gezogen die dinglichen und persönhchen Schulden des Pflichtigen und der Kapitalwert der einem 
Pflichtigen obhegeuden Leistungen oder von ihm zu entrichtenden Renten. Nicht abzugsfähig 
sind die Haushaltungsschulden und solche Schulden und Lasten, die nicht im Zusammenhang mit 
beitragspflichtigen Vermögensteilen stehen. Die Berechnung des Vermögens erfolgt nach dem Stand 
am 31. Dezember 1913; bei Betrieben, die regelmässige jährliche Abschlüsse aufstellen, kann auch 
der Vermögensstand am Schlüsse des letzten Wirtschafts- oder Rechnungsjahres zugrmide gelegt 
werden. Im allgemeinen wird der gemeine (Verkaufs-) Wert als Massstab genommen; jedoch gibt 
es Ausnahmen. So wird bei Gnmdstücken und Gebäuden, sofern der Besitzer nicht die Veranlagung 
nach dem gemeinen Werte vorzieht, der Ertragswert, bei Wertpapieren, die in Deutschland Börsen- 
kurs haben, der Kurswert, bei Aktien ohne Börsenkm-s, Kuxen, Anteilen an einer Bergwerksge- 
sellschaft oder einer Gesellschaft m. b. H. der Verkaufswert, imter Umständen ein geschätzter 
Wert, bei anderen Kapitalforderungen in der Regel der Nennwert zu Grunde gelegt. Besondere 
Bestimmimgen gelten für die Berechnung des Wertes immerwährender, zeitUch beschränkter und 
der auf Lebenszeit gewährten Renten und Nutzungen. Beitragsfi-ei sind Vermögen, die 10 000 Mk. 
nicht übersteigen. Bei einem Einkommen von nicht mehr als 2000 Mk. bleiben 50 000 Mk., bei 
einem solchen von über 2000 — 4000 Mk. einschliesslich bleiben 30 000 Mk. Vermögen beitragsfrei. 

Als Einkommen gilt das auf Grund der Landeseinkommensteuergesetze festgestellte Ein- 
kommen. Als festgestellt wird das niedrigste Einkommen der Steuerstufe angenommen, in welcher 
der Steuerpflichtige zur Einkommensteuer veranlagt ist. In den Bundesstaaten, die noch keine 
Einkommensteuer haben, trifft die Landesregierung Bestimmungen über die Ermittlung des Ein- 
kommens. Restbeträge bis 1000 Mk. emschliesshch sind abgabefrei; ebenso alle Einkommen bis 
5000 Mk. einschliessüch. Wird nachgewiesen, dass sich das Einkommen zwischen der Erhebung 
des ersten und der folgenden Drittel des Wehrbeitrages um mindestens 40 % vermindert hat, so tritt 
auf Antrag Ermässigimg der späteren Beitragsteile ein. Der Beitrag vom Einkommen soll nur 
das sog. mifundierte Emkommen treffen, da die Renten von Vermögen ja bereits mit der Abgabe 
von diesem belastet sind. Man musste also eine Bestimmung treffen, nach welchen Normen das 
unfundiertc von dem Gesamteinkommen abzusondern sei. Um eine besondere Veranlagung des 
unfundierten Einkommens, die manche Sch%vierigkeiten bot, zu vermeiden, griff man zu dem Aus- 
weg, bei Personen, die zugleich Vermögen und Einkommen haben, einen Betrag m. Abzug zu bringen, 
der einer 5 prozentigen Verzinsung des abgabepflichtigen Vermögens entspricht, und den Rest 
als imfundiertes Einkommen anzimehmen. 

Beitragspflichtig sind : 

1. Mit ihrem gesamten inländischen Vermögen die Angehörigen des deutschen Reichs; ferner 
Ausländer, die, olme eine fremde Staatsangehörigkeit zu besitzen, in einem deutschen Bundesstaat 
einen Wohnsitz oder ihren dauernden Aufenthalt haben, sowie solche Ausländer, die sich im Deut- 
schen Reich dauernd des Erwerbes wegen aufhalten. 

2. Mit üirem inländischen Grmid- und Betriebsvermögen alle natürUchen Personen ohne 
Rücksicht auf Staatsangehörigkeit, Wolmsitz oder Aufenthalt. 

Diese beiden Kategorien sind auch bezüglich des Einkommens beitragspfüchtig. 

3. Aktiengesellschaften und Kommanditgesellschaften auf Aktien, wenn sie im Inlande 
ihren Sitz haben, mit den in der letzten Jaliresbilanz aufgefülirten Reservekontenbeträgen und et- 
waigen Gewinn vortragen, jedoch ohne Am-echnungder Fonds für Wohlfahrtszwecke. Gesellschaften, 



K. Th. von Eheberg, Die Reichssteuergesetze vou 1913. m 

die im lulande keineu Sitz haben, sind mit ihi-em inländischen Grund- und Betriebsvermögen 
beitragspfUchtig. Beitragsfrei sind Gesellschaften mit geringen Gewiimen und imter gewissen Be- 
dingungen solche inländische, die ausschUessHch gemeinnützigen Zwecken dienen. 

Für die Veranlagimg des Wehrbeitrags wird das Vermögen der Ehegatten zusammenge- 
rechnet, sofern sie nicht dauernd von einander getrennt leben. Bei Vermögen, das im Nutzgenuss 
steht, hat in der Regel der Eigentümer, bei Lehen, Fideikommissen und Stammgütern der Inhaber 
den Beitrag zu entrichten. 

Steuerermässigungen treten in zwei Fällen ein: einmal um 5 v. H. bei Beitragspflichtigen, 
deren Vermögen 100 000 Mk. oder deren Einkommen 10 000 Mk. nicht übersteigt, für das dritte 
und jedes folgende minderjährige Kind; sodann um 10 v. H. für den dritten und jeden weiteren 
Sohn, der seine DienstpfUcht im Heer oder Flotte abgeleistet hat oder in den Jahren 1914 — 16 
ableistet, sofern das Vermögen des BeitragspfUchtigen nicht mehr als 200 000, oder sein Einkommen 
nicht mehr als 20 000 Mk. beträgt. 

Die Steuersätze sind gestaffelt und steigen beim Vermögen von 0,15 — 1,5, beim Einkommen 
von 1- — 8 V. H. Ein bemerkenswerter Unterschied besteht zwischen der Besteuerung der Verrnögen 
mid der Einkommen insofern, als beim letzteren der betreffende Steuersatz vom ganzen Einkommen 
erhoben wird, während beim Vermögen sich der Steuerbetrag aus verschieden hohen Steuersätzen 
zusammensetzt. Die Abgabe vom Einkommen beträgt bei Einkommen bis 10 000 Mk. 1 v. H., 
erreicht bei .30—35 000 2, bei 40—50 000 3, bei 60—70 000 4, bei 80—100 000 5, bei 500 000 8 v. H. 
Wer ako ehi Einkommen von 45 000Mk. hat, hat 1350 Mk., wer 90 000 Mk. hat, 4500 Mk., wer 
600 000 Mk. hat, 48 000 Mk. zu entrichten. Beim Vermögen stellt sich die Steuer für die ersten 
50 000 Mk. auf 0,15, für die nächsten 50 000 auf 0,35, für die nächsten 100 000 auf 0,5, 

für die nächsten 300000 auf 0,7 v. H. 
„ „ „ 500000 „ 0,85 

„ „ „ 1000000 „ 1,1 

„ „ ,. 3000000 „ 1,3 

„ „ „ 5000000 ,, 1,4 

für die höheren Beträge ,, 1,5 
Hat jemand z. B. ein Vermögen von 100000 Mk., so zahlt er für 50 000 Mk. 0,15, für die zweiten 
50000 Mk. 0,35, im ganzen also 0,25 V.H.Oder 250 Mk., beilMiü.Mk auf 0,82 v.H. oder 7100 Mk. usw. 

Die Veranlagimg und Erhebimg des Wehrbeitrages erfolgt diuch den Bundesstaat, in dem 
der Pfhchtige seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat. Jeder, der ein Vermögen von 
mehr als 20000 Mk. oder bei mehr als 4000 Mk. Einkommen mehr- als 10 000 Mk. Vermögen hat, 
ist verpfhchtet, eine Vermögenserklärung abzugeben, in welcher die Vermögensverhältnisse nach 
dem Stand vom 31. Dezember 1913 klargelegt und die einzelnen Vermögensbestandteile mit Wert- 
angabe aufgeführt werden. Die Veranlagungsbehörde prüft die Angaben und veranlasst gegebenen 
Falles weitere Erhebungen. Nach erfolgter Veranlagung gibt die Behörde dem Pflichtigen einen 
Bescheid über die VermögensfeststeUimg und das Beitragssoll, den sog. Veranlagungsbescheid; 
ist das Vermögen, weil zu niedrig, beitragsfrei, so wird ein Feststellungsbescheid erteilt. Die Ver- 
mögensfeststellung ist zugleich massgebend für die künftige Veranlagimg zur Besitzsteuer. Der 
Beitrag ist zu einem Drittel fälhg mit der Zustelhmg des Veranlagungsbescheides und binnen 3 Mo- 
naten, das zweite Drittel bis zum 15. Februar 1915, das letzte bis dahin 1916 zu entrichten. 

Aus den sonstigen Bestimmungen des Gesetzes sind noch bemerkenswert diejenigen über 
den Generalpardon, die auch in das Steuerwesen der Bundesstaaten und Gemeinden eingreifen. 
Damach bleibt derjenige Steuerpfhchtige, der bei der Veranlagung zum Wehrbeitrag oder in der 
Zw.schenzeit seit dem Jnkrafttreten dieses Gesetzes bei der Veranlagung zu einer direkten Staats- 
oder Gemeindesteuer Vermögen oder Einkommen angibt, das bisher der Besteuerung entzogen 
war, von Strafe und Steuemachholung frei. 

b) Die Besitzsteuer. — Die Steuer trägt ihren Namen nicht ganz mit Recht; denn 
nicht der Vermögensbesitz wird, wie beim Wehrbeitrag besteuert, sondern der Zuwachs, den der 
reine Wert des steuerbaren Vermögens in einem bestimmten Zeitraum, nämhch zwischen dem An- 
fang und dem Ende des jeweiUgen Veranlagungszeitraums, erfährt. 



112 K. Tit. von Ehcberr/. Die Reichssteuergesetze von 1913. 



Der Beiü'iff Vermögen ist der gleiche wie im Wehrbeitragsgesetz. Vermögen, die den Gesamt- 
wert von 20 000 Mk. nicht übersteigen, sind steuerfrei; bei Vermögen über 20 000, aber nicht über 
30 000 51k. ist der Zuwachs nur insofern steuerpflichtig, als dadurch die steuerfreie Grenze über- 
scliritten wird. Erbtz, B. ein Mittelloser 25000 Mk., so hat ernur von 5000 Mk.dieSteuerzuentrichten. 
Beträgt der Zuwachs nicht mehr als 10 000 Mk., so entfällt die Steuer. Von dem steuerpfUchtigen 
Zuwachs darf der Betrag in Abzug gebracht werden, um den die abzugsfähigen Schulden und Lasten 
am Beginn des Veranlagungszeitraumes das aktive Vermögen überschritten haben. Hat z. B. der 
Gesamtwert des Aktivvermögens zu Beginn der Periode 50 000 Mk., die Summe der abzugsfähigen 
Schulden 60 000 Mk. betragen, während am Ende der Periode das Gesamtvermögen sich auf 90 000 
Mark beläuft, so wird nicht der Unterschied von 50 000 zu 90 000 also 40 000 Mk. der Steuer unter- 
stellt, sondern der Zuwachs von 40 000 — 10 000 = 30 000, da die Schulden am Anfang der Periode 
das Gesamtvermögen um 10 000 Mk. überstiegen haben. 

Die Feststellung des Zuwachses erfolgt erstmals am 1. April 1917 für den in der Zeit vom 1. Ja- 
nuar 1914 bis 31. Dezember 1916 entstandenen Zuwachs, späterhin in Zeitabständen von 3 zu 3 Jah- 
ren für die in den vorangegangenen 3 Kalenderjahren erfolgte Vermögensmehrung. Als Wert 
des steuerbaren Vermögens am 1. Januar 1914 gilt das nach dem Wehrbeitragsgesetz festgestellte 
Vermögen. Um Härten zu vermeiden, ist für die Berechiiimg des Zuwachses nicht immer der 
Vermögensstand am Anfang des jeweiligen Veranlagungszeitraumes sondern imter Umständen 
auch ein früherer Zeitpunkt massgebend, falls damals der Vermögensstand grösser war als zur 
Zeit der letzten Veranlagung. Gesetzt die Veranlagung ergebe 

am 31. Dez. 1913 ein steuerpflichtiges Vermögen von 100 000 Mk. 

1916 „ „ „ ,. 150 000 „ 

„ „ „ 1919 „ „ „ „ 90 000 ,, 

„ „ „ 1922 „ „ „ „ 130 000 ., 

„ „ „ 1925 „ „ „ „ 180 000 „ 

dann Hegt Ende 1916 ein steuerpflichtiger Zuwachs von 50 000 Mk. vor; 1919 hegt ein Verlust 
vor; 1922 ist zwar wieder ein Zuwachs gegen 1919 gegeben, aber immer noch ein Ausfall gegen 
1916, eine Steuer wird also nicht erhoben. Erst Ende 1925 bezw. .\nfang 1926 tritt wieder Steuer- 
pfUchtigkeit ein und zwar für den Zuwachs von 30 000 Mk. zwischen 31. Dezember 1916 und dem 
gleichen Datum 1925. Andererseits kann die Steuerpflichtigkeit auch durch Zusammenrechnimg 
der Zuwachse von zwei oder mehr Veranlagimgsperioden entstehen, von denen jeder einzelne für 
sich steuerfrei wäre, die aber zusammen die steuerfreie Grenze übersteigen. Beträgt z. B. das Ver- 
mögen am 31. Dezember 1913 22 000 , am 31. Dezembcrl916 25 000, am 31. Dezember 1919 33 000 
Mark, so sind die einzelnen Zuwachse von 3000 und 8000 Mk. steuerfrei; verglichen mit 1913 ergibt 
sich aber msgesamt ein Zuwachs von 11 000 Mk., der zu versteuern ist. 

Die Ermittelung des Vermögenswerts geschieht in der Regel wie beim Wehrbeitrag nach 
dem gemeinen (Verkaufs-) AVert der einzeben Bestandteile. Für die Wertfestsetzmig der Wert- 
papiere, Aktien usw. sowie von Renten gelten die oben erwähnten Bestimmungen des Wehrbei- 
tragsgesetzes. Für Betriebe, in denen regelmässige jährliche Abschlüsse stattfinden, kann der 
Vermögensfeststellmig der Stand am Schlüsse des letzten Wirtschafts- oder Rechnungsjahres zu 
Grunde gelegt werden. Bei Grundstücken kann auf Antrag der Pflichtigen an Stelle des gemeinen 
Wertes der Betrag der Gcstehungs- inid der sonstigen iVnschaffungskostcn mid besonderen Auf- 
wendungen während der Besitzzeit treten, soweit sie in den Bauten und Verbesserungen noch vor- 
handen sind und nicht zu den laufenden Wirtschaftsausgaben gehören. Beim Erwerb von Todes- 
wegen und im Wege der Erbteilimg, beim Erwerb von Eltern und Voreltern, sowie bei Schenlnmg 
von Grundstücken und Gebäuden ist der Ertrag.swert massgebend, sofern nicht der Pflichtige die 
Veranlagung nach dem gemeinen Wert verlangt. Bei Erwerben vor dem 1. Januar 1914 gilt der 
bei Veranlagung des Wehrbeitrages festgestellte Wert des Grundstücks als Betrag der bis dahin 
entstandenen Gestehungskosten. 

Was die Steuersubjekte betrifft, so sind steuerpflichtig nur physische Personen imd zwar 
die Angehörigen des Deut.schen Reichs und die diesen im Welirbeitragsgesetz gleichgestellten Aus- 



K. Th, von Eheherg, Die Reichsstener)2:esetzc Ton 1913. 113 



länder mit dem Zuwachs an dem gesamten steuerbaren Vermögen, ferner alle natürlichen Personen 
ohne Rücksicht auf Staatsangehörigkeit, Wohnsitz und Aufenthalt mit dem Zuwachs an inländi- 
schem Grund- und Betriebsvermögen. Steuerpfhchtig sind also auch die Abkömmlinge, sofern es 
sich um einen steuerbaren Zuwachs handelt. Das Vermögen der Ehegatten wird auch hier für die 
Veranlagung zusammengerechnet, sofern sie nicht dauernd getrennt von einander leben. Ist ein 
Ehegatte innerhalb des Veranlagungszeitraumes gestorben, so ist der aus dem Erbfall für den 
anderen Ehegatten sich ergebende Zuwachs insoweit steuerfrei, als das ererbte Vermögen in der 
Hand des verstorbenen Eheteils von der Steuer in Zukunft befreit gewesen wäre. Diese Voraus- 
setzung ist gegeben, wenn das ererbte Vermögen bereits vor dem ersten für die Steuerpflicht des 
Erblasses in Betracht kommenden Zeitpunkt, zunächst also vor dem 1. Januar 1914 vorhanden 
war, oder wenn von dem Vermögen vor oder nach der Verheiratung bereits der Wehrbeitrag oder 
die Besitzsteuer entrichtet worden ist. Der überlebende Ehegatte hat also nur dann vom nächsten 
Veranlagungstermine ab eine Besitzsteuer zu entrichten, wenn er durch die Erbschaft ein bis dahin 
noch nicht versteuertes Vermögen erhält. 

Der Steuersatz beträgt 0,75 bis 1,50 v. H. je nach Grösse des Zuwachses. Z. B. 0,75 y. H. 
bei einem Zuwachs bis zu 50 000 Mk., 0,90 bei mehr als 50 000—100 000 Mk., 1,05 bei 100 000 bis 
300 000 Mk., 1,50 bei mehr als 1 Million. Der Steuersatz erhöht sich aber noch je nach der Grösse 
des bereits vorhandenen steuerbaren Vermögens, z. B. um 0,1% des Zuwachses bei einem Vermögen 
von 100 000 Mk., um 0,2 % bei einem solchen von 200 000 Mk., um 0,6 % bei 750 000, 0,7 bei 
1 MilHon, 0,9 bei 5, und 1 % des Zuwachses bei 10 Millionen. Die Progression ist also eine doppelte; 
sie bewegt sich zwischen 0,75 und 2,5 v. H. Beträgt der Zuwachs z. B. 80 000 Mk. imd hat der- 
jenige, dem das Vermögen zugefallen ist, bisher kein steuerbares Vermögen gehabt, so beträgt der 
Steuersatz 0,90 v. H., die Steuer also 720 Mk. ; hat er aber schon ein Vermögen von 1 MiHion Mk. 
gehabt, so werden noch weitere 0,7 v. H. = 560 Mk. vom Zuwachs erhoben, so dass die Steuer sich 
auf 1280 Mk. beläuft. 

Steuerermässigungen treten in den folgenden zwei Fällen ein: 

1. Wenn ein Steuerpflichtiger, dessen Vermögen 100 000 Mk. nicht übersteigt, 3 oder mehr 
Kindern Unterhalt zu gewähren hat, so ermässigt sich die Steuer für das dritte imd jedes weitere 
minderjährige Kind um 5 v. H. ihres Betrags. 

2. Bei Vermögenszuwachs aus Erbschaft bis zu 50 000 Mk. einschhesslich ermässigt sich 
die Abgabe, wenn der Erbe ein Abkömmhng des Erblassers ist und zur Zeit des Erbfalles das 21. Le- 
bensjahr noch nicht vollendet hat, für jedes bis zur Vollendung des 21. Jahres fehlende volle Jahr 
um 5 V. H. ; jedoch darf die Gesamtermässigung 50 v. H. der Abgabe nicht überschreiten. 

Bezüghch der Veranlagung der Besitzsteuer gelten im wesentlichen die gleichen Bestimmun- 
gen wie beim Wehrbeitrag, namentlich auch die, dass sie wie auch die Erhebung durch die Steuer- 
organe der Bundesstaaten durchgeführt wird. Zur Abgabe einer Besitzsteuererklärung sind alle 
Personen mit einem steuerbaren Vermögen von 20 000 Mk. und mehr verpflichtet, wenn sie früher 
weder zum Wehrbeitrag noch zur Besitzsteuer veranlagt waren, sowie alle Personen, deren Ver- 
mögen sich seit einer solchen Veranlagimg um mehr als 10 000 Mk. vermehrt hat. Neben anderen 
Sicherrmgsmassregehi, die eine richtige Steuererklärung verbürgen sollen, steht der Steuerbehörde 
auch das Recht zu, innerhalb 6 Monaten nach dem Tode eines Steuerpflichtigen von den Erben, 
bezw. von den Testamentsvollstreckern oder Nachlasspflegern ein Verzeichnis, über das hinter- 
lassene Kapital- und Betriebsvermögen zu verlangen. Wenn sich aus den Vergleichungen der letzten 
und der früheren Steuererklärung ein steuerpfhchtiger Zuwachs ergibt, so erteilt die Behörde dem 
Pfhchtigen einen Bescheid über sein Steuersoll und die Vermögensfeststcllung, den sog. Veran- 
lagimgsbescheid. Ergibt sich kein oder nur ein steuerfreier Zuwachs, so ist dem Pflichtigen, dessen 
Vermögen 20 000 IVIk. übersteigt, ein Bescheid über den für eine künftige Veranlagmig massgebenden 
Vermögensstand zu erteilen, der sog. Feststellxmgsbescheid. 

Die Entrichtung der Steuer verteilt sich auf den dem Veranlagungstermin folgenden, mit 
dem 1. April begiimenden dreijährigen Zeitraum. Die Jahressteuer ist nach näherer Bestimmung 
der obersten Landesfinanzbehörde in gleichen Halb- oder Vierteljahrsbeträgeu zu bezahlen. Sie 

Handbudi der PulitlJs. 11. Auflage. Band U. S 



114 ^- Ift- *'o« Eheberg, Die Reichssteuergesetze von 1913. 

kann auch im voraus für den Rest des ganzen Erhebungszeitraums entrichtet, wie andererseits 
auf 3 Jahre gestundet und die Abtragung in Teilbeträgen gestattet werden. 

Die Bundesstaaten erhalten für die erste Veranlagung und Erhebung der Steuer eine Ver- 
gütung von 10, später 5 % ihrer Roheinnahmen. 

c) Erhöhung der Reichserbschaftssteu_er. — Das Erbschaftssteuerge- 
setz vom 3. Juni 1906 erfälirt im wesentlichen die folgenden Änderungen. Es wird erhöht: 

1. die Steuer für Abkömmlmge ersten Grades von Geschwistern von 4 auf 5 v. H. ; 

2. für Abkömmlinge zweiten Grades von Geschwistern von 6 auf 8 v. H. ; 

3. für die entfernteren Verwandten von 10 auf 12 v. H. 

Von dem Rohertrag, der aus der Erbschaftssteuer aufkommt, erhält das Reich Vs (bisher %), 
den Bundesstaaten verbleibt Vö üiiei Rohemnahmen. 

d) Gesetz wegen Änderung der Reichestempelabgaben. — Wie 
bereits erwähnt, beziehen sich die neuen Bestimmungen auf Gesellschaftsverträge und Versiche- 
nmgsverträge. 

Die Steuerbestimmimgen über Gesellschaftsverträge treten an Stelle der bis- 
herigen Nummer 1 des Tarifs zum Reichsstempelgesetz vom 15. Juli 1909. Die wichtigsten sind 
die folgenden. 

Beurkundmigen von Gesellschaftsverträgen, welche die Errichtung von inländischen Aktien- 
gesellschaften oder Kommanditgesellschaften auf Aktien sowie die Erhöhung des Grundkapitals 
betreffen, werden mit 4 ' 2 v. H. des Grundkapitals oder der Kapitalerhöhung besteuert. Bei der 
Reichsbank, den deutschen Kolonialgesellschafteu und den diesen gleichstehenden deutschen Ge- 
sellschaften beträgt der Steuersatz nur 3 v. H. Der gleiche Satz gilt für die Errichtung von Ge- 
sellschaften m. b. H. und die bei solchen Gesellschaften erfolgenden Erhöhungen des Stammkapitals 
oder die Einfordenmg von Nachschüssen. Der Satz erhöht sich auf 5 v. JH., wenn solche Gesell- 
schaft den Erwerb oder die Verwertung von Grundstücken betreiben. Bei Handwerkerbaugesell- 
schaften, sofern diese Grundstücke zwecks Bebauung durch die Gesellschafter oder zur Sicherung 
ihrer Forderungen erwerben, erniedrigt skh der Satz auf 2,5 v. H. Bei den sämtlichen bisher ge- 
nannten Gesellschaften wird auch das Einbringen von nicht m Gold bestehendem Vermögen je 
nach der Natur dieses Vermögens mit ^/2q, */;j und ^/.^ v. H., in einem Falle mit 3 Mk. besteuert. 
Besteuert wird ferner die Errichtung von offenen Handelsgesellschaften, sonstigen Erwerbsgesell- 
schaften und Genossenschaften, bei letzteren, sofern der Geschäftsbetrieb über den Kreis der Mit- 
glieder hinausgreift, mit Vio ^- H- des Wertes der Einlagen nach Abzug der Schulden. Gesellschaften 
des bürgerlichen Rechts mit nur vorübergehenden Zwecken, haben 10 Mk., solche Gesellschaften 
ohne Erwerbszweck und Genossenschaften, deren Geschäftsbetrieb sich auf die Mitgheder beschränkt, 
5 Mk. zu entrichten. Auch die Überlassung von Sachen oder Rechten aus dem Gesellschaftsvermögen 
an einen Gesellschafter, die Gesellschaft oder Dritte ist je nach Art der Gesellschaft und der abge- 
tretenen Sachen und Rechte mit 2/.^, V-,> Vh. Vjo^i^s Entgeltes, der Gegenleistvmg oder des Wertes der 
Forderung oder mit 3 Mk. steuerpflichtig. Von der erstmahgen Feststelhmg der Nutzung einer Ge- 
werkschaft sind 100 — 500 Mk. zu entrichten. Befreit sind u. a. Kiankenkassen, Baugenossenschaf- 
ten, Versicherungsgenossi^nschaften mid -anstalten, Unterstützungskassen u. dcrgl., denen die Ver- 
sicherungsnehmer auf Grund gesetzlicher Bestimmungen beizutreten verpfUchtet sind, mid einge- 
tragene Genossenschaften, welche die Gewinnbeteiligung ausgeschlossen haben. Die von der neuen 
Reichsstempelabgabe getroffenen Rechtsvorgänge und ihre Beurkundung sowie die von den auf- 
gefülirtcn Gesellschaften ausgegebenen Aktien usw. dürfen in den Bundesstaaten nicht weiter be- 
steuert werden. Ausgenommen von dieser Bestimmung sind die Fälle, in denen es sich um die 
Überlassmig von Grujidstückcn oder Berechtigungen zu Sondereigen oder um die Einbringung 
von solchen handelt. 

Unter Tarifnummer 12 des Reichsstempelgesetzes erscheinen die neuen Vorschriften über 
die Besteuerung der Versicherungsverträge. Steuerpflichtig sind die Verträge über 
Feuer-, Einbruchdiebstahl-, Glas-, Transport- und Lebensversicherung. Die Steuer beträgt 
bei Lebensversicherungsverträgen einschliesslich der Versicherungen auf den Erlebensfall (InvaU- 
ditäts-, .iVlters-, Aussteuer-, Mihtärdienstversichcrung u. dergl.) V2 ^- H.. bei der Transportver- 



K. Th. von Eheherg, Die Reichssteners:esefze toii 1013. ]15 

sicherunc;, je nachdem es sich um Kasko- und Baurisikenversichcrung oder um sonstige Versicherun- 
gen handelt, 0,5 bv.w. 1 v. H., bei der Einbruchsdiebstahl- und Glasversicherung 10 v. H. der 
Barprämie. Bei der Feuerversicherung wird die Steuer nach der Versicherungssumme bemessen 
und zwar beträgt sie bei beweglichen Gegenständen ^'^/,oo pro Jahr oder ^''/mon ^'0"i Tausend pro 
Monat also 15 bezw. P/o Pfg- von 1000 Mk. oder einem Bruchteil, je nachdem die Versicherung 
auf mindestens 1 Jahr oder auf kürzere Zeit abgeschlossen ist, bei unbeweglichen Gegenständen 
unter den gleichen Voraussetzungen i'go bezw. '/-ioo vom Tausend, also 5 Pf. für je 1000 oder 
10 000 Mk. Befreit sind Ruckvei Sicherungen und solche Versicherungen, welche einzeln oder 
zusammen den Betrag von 3000 Mk. nicht übersteigen, die Versicherungen reichsgesetzücher 
Art mit Einschluss der auf Grund berggesetzlicher Vorschriften errichteten Knappschaftskassen, 
reine Krank ^Versicherungen, Versicherungen von Bediensteten imd Arbeitern gegen Todes- 
fall oder Körperverletzung im Gewerbebetrieb und überhaupt alle nicht ausdrückhch als 
steuerpfhchtig bezeichneten Versicherungen. Die nötigen Aufschlüsse hat der Versicherer den 
Behörden zu geben. Steuerpflichtig ist der Versicherungsnehmer; jedoch ist die Steuer vom 
Versicherer zu entrichten. Die nunmehr durch das Reich besteuerten Akte dürfen von den 
Bundesstaaten nicht weiter besteuert werden; die Bundesstaaten aber, die bisher aus deren 
Besteuerung Einnahmen gewonnen haben, erhalten bis 31. März 1915 die Durchschnittseinnahme 
der letzten 3 Jahre aus den eingebüssten Abgaben vom Reich ersetzt. 

III. 

Bei Beurteilung der Reichssteuergesetzgebung vom 3. Juli 1913 wird zunächst die Tatsache 
Beachtung verdienen, dass der ganze grosse Mehrbedarf, auch der einmalige, auf Steuern über- 
nommen worden ist. Von den fortdauernden Mehrausgaben ist dies ja selbstverständlich, nicht 
dagegen von den einmaligen. Hier lag es nahe, sie ganz oder zu einem erheblichen Teil durch Schuld- 
aufnahme zu bestreiten und vor zwei Jahrzehnten hätte man diesen Weg auch bescliritten. Finanz- 
theoretisch wäre er auch nicht zu beanstanden gewesen. Denn die Sicherung des Reiches durch 
Verstäi kung seiner Kriegsmacht kommt ebensowohl der Zukunft wie der Gegenwart zugute und es 
wäre k'?in Fehler gewesen, die Zukunft ziur Deckung der einmaligen Ausgaben, mindestens insoweit 
hierdurchdauerndeWertegeschaffen werden, heranzuziehen. Alleinder Inanspruchnahme des Kredits, 
mochte sie auch prinzipiell berechtigt sein, standen schwere Bedenken entgegen. In erster Linie 
die Grösse der schon vorhandenen Verschuldung des Reiches und die Sorge vor einer weiteren 
Erhöhung der Zinsenlast für Ausgaben wirtschafthch unrentabler Natur. Es macht sich eben der 
Jahrzehnte lang geübte Missbrauch im Anl?ihewesen und Inder Behandlung einmahger Ausgaben imd 
di 3 verkehrteÜberweisungspohtik geltend. EinegewissenhafteFinanzgebarungund vermehrte Steuer- 
einnahmen zur rechten Z-'it hätten der übermässigen Inanspruclmahme des Kredits gesteuert 
und seine Benutzung in der Gegenwart ermöglicht. Nun büssen die Söhne für die Sünden der Väter. 
In zweiter Linie liess allerdings der gegenwärtige Stand des Kapitalmai ktes mit seinen hohen Zins- 
raten die Aufnahme einer Schuld von so beträchtlicher Höhe durchaus unrätlich erscheinen. 

Es war ein kühner Gedanke, den ganzen einmaligen Bedarf und noch etwas darüber dujch 
eine ausserordentliche Steuer aufzubringen und sein Urheber hat nicht an Ängstlichkeit gelitten. 
Noch vor einem Jahrzehnt würde man einen solchen Gedai ken für utopisch gehalten haben. Es hat 
auch nicht an erfahrenen Leuten, Theoretikjrn und Praktik 'rn, gefehlt, die ihm bei seinem Bekannt- 
werden achselzucVend und kopfschüttelnd gegenüberstanden. Aber vieleicht war es gerade die 
Einfachheit und Grosszügigkeit des Gedankens, die jede ernsthafte Opposition verstummen Uess. 

Wird der Finanzpohtiker es freudig begrüssen, dass sich ein Weg gefunden hat, den neuen 
Mehrbedarf ohne Schuldenmehrung zu decken, so wird der Sozialpolitiker sich nicht minder be- 
friedigt fühl?n, über die Art und Weise, wie die Steuerdeckung erfolgt ist. Schon seit längerem, 
besonders seit der Finanzreform von 1908/9 wurde die Forderung erhoben, neue Lasten nicht mehr 
auf den Verbrauch, sondern auf den Besitz zu legen. Die ,, Besitzsteuer" wiude ein Programmpunkt 
weiter Kreise der Volksvertretung und der öffentlichen Meinung. Wie diese Steuer beschaffen 
sein sollte, war unklar; aber das Wort hatte eme suggestive Kraft. Vielleicht weil es so unbestimmt 
war und sich jeder darxmter denken konnte, was er wünschte: der eine die Ausgestaltung der Erb- 

8* 



116 K. Th. von Eheberg, Die Reichssteuergesetze Yon 1913. 

3chaftssteuei% der andere die Einführung einer allgemeinen Vermögens- oder einer Vermögens- 
zuwachssteuer und ein dritter etwa eine Erhöhung und Vermehrung der Verkehrssteuern. Aber 
die unklare Forderung musste, um für die Finanzen verwertbar zu werden, eine klare reale Gestalt 
erhalten. Die Entwürfe der Reichsregierung und die Beschlüsse des Reichstages haben ihr diese 
gegeben. Als jene Fordenmg nach einer Besitzsteuer auftrat, ahnte man nicht, welch gewaltigen 
einmaügen mid fortdauernden Bedarf schon die nächste Zeit bringen würde. So ist es nicht eine 
Besitzsteuer, sondern es sind mehrere Steuern auf die wohlhabenden, besitzenden Klassen geworden, 
mittels deren man dem Bedarf gerecht zu werden bestrebt war. Sie alle aber erfüllen das Ziel, das 
wohl in jenem unklaren Worte sich aussprach, sie alle hegen auf Vermögen imd Erwerb. 

Für die finanzwissenschaftliche Beurteilung ist aber der einmahge Wehrbeitrag von der 
sog. Besitzteuer und den anderen neuen Steuern trennen. 

Der Welirbeitrag ist seinem Wesen nach teils Vermögens-, teils Einkommensteuer, ui beiden 
Fällen mit Progression. Für die volkswirtschaftliche Wirkimg der Steuer ist es mm von grosser 
Bedeutimg, ob sie aus den ^laufenden Einnahmen bestritten werden kann, oder ob das Ver- 
mögen selbst angegriffen werden muss. 

Von der Steuer vom Einkommen wird man trotz der starken Progression mibedenkhch 
das erstere annehmen dürfen. Sie beträgt beispielsweise bei 8000 Mk. Einkommen 80 Mk. bei 
45 000 Mk. Einkommen 1350, bei 450 000 Mk. 31 500. Die Steuerleistung verteilt sich aber auf 
3 Jahre, so dass tatsächlich in jedem Jahr nur ein Drittel des Steuerbetrages fällig ist. Die Be- 
steuerimg wirkt also so, als ob beim ersten Beispiel etwa 0,34, beim zweiten 1, beim dritten 2V.t v. H. 
in jedem der drei Jahre zu entrichten wäre. Das mag dem Betroffenen im Zusammenlialt 
mit den anderen staathchen und konamunalen Steuern sehr unbequem sein, aber die Beträge lassen 
.sich aus dem Einkommen bestreiten, ohne dass der Besteuerte in seiner Lebenshaltung beengt wird 
oder gar das Vermögen angreifen muss. 

Nicht ganz so einfach ist die Frage zu beantworten, ob der Wehrbeitrag vom Vermögen 
eine reelle oder nur eine nominelle Vermögenssteuer sei, d. h. ob zu seiner Begleichung das Ver- 
mögen selbst herangezogen werden muss oder ob er aus dessen Ertrag bestritten werden kann. 
Man wird aber, von besonderen Ausnahmefällen abgesehen, das letztere annehmen dürfen. Die 
Steuer beträgt, um ein Beispiel zu geben, bei einem Vermögen von 40 000 Mk. — unter der Voraus- 
setzung also, dass daneben kein unfundiertes Einkommen vorhanden ist — 0,15 v. H. also 60 Mk. 
Nimmt man an, dass das Vermögen eine Jaliresrente von 4% gewälirt, so wären 60 Mk. Steuern 
von 1000 Mk. Rente zu geben, also etwa 4 % der Rente. Da sich aber die Steuerentrichtung auf 
drei Jahre verteilt, so beträgt sie, unter der Aimahme, dass Vermögen imd Rente die gleichen bleiben, 
jährlich IVn v. H. der Rente. Bei einem Vermögen von 400 000 Mk. wäre die Rente 16 000 Mk., 
die Steuer 2140 oder jährlich 713,33 Mk. oder 13,5 bezw. 4,4 v. H. Bei dem Nebeneinanderbestehen 
von beitragspfUchtigem Einkommen und Vermögen hegen die Verhältnisse ähnüch. Hat jemand 
z. B. ein Einkommen von 40 000 und ein Vermögen von 300 000 Mk. angegeben, so werden zunächst 
von dem Einkommen 5 v. II. des Vermögens also 15 000 Mk. als Ertrag des Vermögens in Abzug 
gebracht; die restigen 25 000 Mk. gelten als unfuudiertcs Einkommen. Die Steuer ist also von 
300 000 Mk. Vermögen und 25 000 Mk. Einkommen zu entrichten. Die erstere beträgt 1450, die 
letztere 400 Mk., der ganze Wehrbeitrag also 1850 oder jährlich 617 Mk., die aus dem jährlichen 
Gesamteinkommen wohl bestritten werden können, ohne dass das Vermögen selbst angegriffen 
zu werden braucht. 

Es soll aber nicht in Abrede gestellt werden, dass Fälle möghch sind, m denen der Wehrbei- 
trag teilweise aiLS dem Vermögen selbst entrichtet werden muss; so wenn die Rente eine geringe 
ist, oder wenn das Vermögen in den 3 Jahren sich verringert. Allerdings sucht das Gesetz solchen 
unerwünschten Foluen vorzubeugen, indem es bestimmt, dass bei Einkommen von nicht mehr 
als 20U() Mk. 50 000, bei solchen von 2—4000 i\Ik. 30 000 Mk. Vermögen steuerfrei bleiben, und durch 
die andere Vonschrift, dass, wenn sich das Einkommen zwischen der Erhebung des ersten mid des 
zweiten oder letzten Drittels des Wehrbeitrages um mindestens 40 v. H. vernundert hat, dann 
auf Antrag eine entsprechende Ermässigimg der späteren Beitragsteile zu gewähren sei. 



J5C. Th. von Eheberg. Die Reichsstenergesetze von 1913. 117 

Der Wehrbeitrag wird im § 1 des (Jesetzes als ein einmaliger ausserordentlicher Beitrag 
bezeichnet. Er ist wie jede ausserordentliche Steuer eine Zwecksteuer und kann nur aus den Ver- 
hältnissen heraus beurteilt werden. Er verdient Anerkennung schon um der Tatsache willen, dass 
damit der oft verkündete Entschluss von Regierung und Parlament, keine Ausgaben mehr auf 
Anleihen zu übernehmen, es sei denn für werbende Zwecke, in einem Falle verwirklicht wiude 
in dem er auf eine harte Probe gestellt war. War die Anleilie ausgeschlossen, so konnte für die 
Aufbringimg eines so gewaltigen Bedarfes, nur die Vermögenssteuer in Frage kommen, die in 
Deutschland schon seit alten Tagen für die Deckung ausserordentlicher Bedürfnisse Verwendung 
gefunden hat. Keiner anderen Steuer konnte ein gleiches zugemutet werden, am wenigsten einer 
Kombination von Steuern, die die alten Gegensätze wieder entfacht hätte. Dass der Wehibeitrag 
auch auf das Einkommen ausgedehnt wiirde, kann nicht beanstandet werden ; denn es wurde damit 
der Tatsache Rechnung getragen, dass die durch die Wehrvorlage bewirkte Sicherung des Reiches 
nicht nur den Vermögensbesitzern zu gute kommt. Die Freilassung der Einkommen unter 5000 Mk. 
kommt dem Verlangen nach Schonung der schwächeren Steuerkräfte genügend entgegen. Mit 
einer einmaligen Vermögens- und Einkommensteuer für den Reichshaushalt können auch 
diejenigen sich aussöhnen, die regelmässige Reichsst«uem dieser Art für bedenklich halten. 

Was dann die Besitzsteuer Ijetrifft. so ist zunächst imbedingt zuzugeben, dass sie den Vorzug 
verdient vor den veredelten Matrikularbeiträgen, wie die Regierung sie ursprünghch plante. Wir 
halten Matrikularbeiträge überhaupt fürTeine wenig empfehlenswerte Art der Bedarfsdeckung 
sowohl in Ansehung des Reichs wie der Einzelstaaten imd geben einer unmittelbaren Reichssteuer 
den Vorzug vor jenen. Gegen die Art der Besteuerung aber kann man manche Bedenken erheben. 
Es wird kaum ausbleiben, dass die Besitzsteuer die weitere Ausbildung der einzelstaathchen Ver- 
mögenssteuern erschwert. Bei den auch in den Einzelstaaten stets wachsenden Ausgaben bildete 
der weitere Ausbau der Vermögenssteuer durch höhere Steuersätze, progressive Abstufimg imd 
feinere Fassung des Vermögensbegriffes eine wertvolle Reserve, deren Ausnutzung nun durch den 
Zugriff des Reiches eine gewisse Schranke gezogen ist. Allerdings haben sich Regierung vmd Reichs- 
tag bemüht, durch die Form der Steuer solche Bedenken abzuschwächen. Die Steuer ist keine 
reine, das ganze Vermögen erfassende Abgabe, sondern eine in dreijährigen Intervallen veranlagte 
Steuer vom Vermögenszuwachs. Scheinbar tritt sie nicht in Konkurrenz mit den einzelstaatlichcn 
Vermögenssteuern. Tatsächlich ist dies aber doch der Fall; wenigstens wird sie so empfunden werden. 
Demi sie ergreift Quoten desselben Vermögens, das auch die Einzelstaaten belasten, und sie ist 
ihrer Wirkmig nach eine alljährlich neben der einzelstaathchen Steuer ziu- Erhebung kommende 
Reichsabgabe. Wir sind der Meinung, dass man den finanziellen Erfolg auch'mittels einer allge- 
meinen Erbschaftssteuer erreicht hätte, die den Vorzug gehabt hätte, die Vermögenssteuer für die 
Einzelstaaten frei zu lassen. TatsächUch ergreift die Besitzsteuer prinzipiell ja auch die auf An- 
kömmlinge imd teilweise auch die auf Ehegatten entfallenden Zuwachse und man hat daraus einen 
Jahresertrag von etwas über 42 % der Besitzsteuer errechnet. Hätte man auch noch das letzte 
Fünftel des Rohertrages den Bundesstaaten abgenommen, das füi- diese doch keine grosse Bedeu- 
tung mehr hatte, so wären weitere 9 Millionen dem Erschaftssteuerertrag zugewachsen. Was dami 
noch zu den 95 von der Besitzsteuer erwarteten Millionen fehlte, das konnte durch Erhöhung der 
Steuersätze und Progressionen xmd durch eine zweckmässige Gestaltung der Abgaben von Abkömm- 
lingen und Ehegatten aufgebracht werden. Das Deutsche Reich hätte dann aus Erbschaften 130 bis 
140 Mill. Mk. statt wie bisher rund 43 und mit Anteil der Bundesstaaten rund 54 Mill. gezogen 
und diese Summe wäre nicht unverhältnismässig, wenn man vergleicht, dass Frankreich zur Zeit 
370 Mill. Fr. = 296 Mill. Jlk., England 26,8 Mill. Pf. St. oder über 540 Mill. Mk. aus ihnen bezieht. 
Allein wir wissen, dass es jenseits der Theorie praktisch-pohtische Verhältnisse gibt, die stärker 
sind wie jene und mit denen gerechnet werden muss. 

Stellt man sich auf den Boden der sog. Besitzsteuer, so muss man anerkennen, dass sie den 
Vorzug verdient vor den von anderen Seiten empfohlenen Arten von Zuwachssteuern. Sie umfasst 
den ganzen Vermögenszuwachs, mag er aus Erbschaften, aus rentierendem Vermögen oder aus 
Erwerb stammen. Sie erfasst dieselbe Vermögensmasse in der Hand des Vermögensinhabers nur 
einmal imd überlässt das Vermögen, das der Zuwachsbesteuerimg unterlegen hat, für die weitere 



l]g K. Th. von Eheberg, Stenerreformen. 

Folfte der ausschliesslichen staatlichen und kommunalen Besteuerung. Sie darf deshalb vom Stand- 
pimkte der einzelstaatüchen Finanzgebarung aus betrachtet als weit erträglicher angesehen werden 
wie eine reine Vermögenssteuer. Sie entspricht auch im Prinzipe dem Grundsatz der Besteuerung 
nach der Leistmigsfähigk^it und berücksichtigt wenigstens iiadirekt die Ertragsfähigkeit des Ver- 
mögens insofern, als durch die Besteuerung das rascher sich vermehrende Vermögen schärfer er- 
fasst wird als das infolge geringerer Ertragsfähigkeit nur langsam wachsende. Auch die Progression 
der Steuersätze entspricht den Grundsätzen der Gerechtigkeit ebenso wie die andere Bestimmung, 
dass die Steuersätze in Verbindung gesetzt sind mit der Grösse des Gesamtvermögens. 

Auf Einzelheiten einzugehen muss hier unterlassen werden; auch müssen wir darauf ver- 
zichten, die übrigen Steuergesetze, die zudem zu prinzipiellen Erörterungen weniger Anlass bieten, 
einer Würdigung zu imterziehen. 



40. Abschnitt. 
Steuerreformen. 

Vom 

Gebeinien Rat Dr. Karl Th. Ritter von Eheberg, 

0. Professor der Siaatswissenscliaften an der Universität Erlangen. 

Literatur:*) 

A. "Wagner, Finanzwissenschaft, bes. Teil III 2. Aufl. 1. Bnoh Leipz. 191C. — Schwarz, Die 
Finan^systemo der Ijrossmaclite I ii. II, Leipz. 1900. — D e i' s e 1 b e , Steuersysleme des Auslandes, ebend.i 1908. — 
Derselbe, Anikol Finanzen (lioi- liemMiwurt) im Ilan^lwöiterbac-h der Stiiaiswisseiischaften, H. Aufl. Hd. IV. — 
K. Th V. Eheborc, Arlikel Finanzen (im 19. .lahiliundert bis 1870), ebenda. — M. v. H e c k e I , Die Fort- 
Kchritte der direkten li.stöiierunf; in den deutselien Staaten 1S80— 190."). I.eipz. 1901. — Die l^■ietl^flnallzr^•form 
I u. II. HitIiii I9U9 (m Bd. II S. -187 ff. ein sehr einpelionder Litcraturnacli\vei>). — G. v. SeLm oller, Skizze 
einer Finanzfiescbici to von Franl.reii.'li, OstTicJon, Enpland und Preus^en. in Schmollers .lalirbucli 'SA. .lahrg. 
Heft 1 — Oerloff, Veiliranch und Verbrauchsbelastuni; kleiner und mittloior Einkommen in Doutsehland um 
die Wende des 19 Jahrhunderts, in Conrads Jahibüchern 1908. — Derselbe, Diu Finanz- und Z .ll|iohtik 
des deutsehen Rei<.lu>, .lena 191:*. — W 1 1 I s e h e \v s k y , Die .steuerliche I!ela>tung im deuiseheu Volke, in den 
Annalen des deut.sdien Reichs, 1911. — Kau IIa. Ideale und Voruiteile der deutschen Finanzpolitik, Stuttf;art 
1911 — Weissenborn, Die Besteueninf; nach dem i bi'rfluss Leipzig 1911. — E. Begemann, Die 
Kinanzreformvursuche im Deutschon Keiche von 1867 bis zur Gegenwart, (Jottingen 1912. 

I. 

Viele Umstände trafen Ende dos 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammen, um 
in den west- und mitteleuropäischen Staaten gründliche Steuerreformen notwendig erscheinen zu 
lassen. Die grossen Staalsumwäizungen, die sich überstürzenden politischen Ereignisse, die Neu- 

•) Es sind nur die alle [wichtigsten Werke und Abhandlungen sowie solche aufgeführt auf die im 
foIgcudcD Bezug genommen w id. 



K. Th. von Eheberg, Steuerreformen. 119 



bildungen im Wirtschaftsleben, die neuen Lehren der ökonomischen Wissenschaft waren die Haupt- 
ursachen. Aber der Verlauf wie die Ergebnisse dieser Umgestaltungen waren in den einzelnen 
Staaten sehr verschieden. Es ist notwendig, darauf mit einigen Worten einzugehen; denn das 
Verständnis der Vorgänge auf dem Gebiete des Steuerwesens im 19. Jahrhundert und in der Gegen- 
wart ist bedingt von der Kenntnis der Umbildungen, welche um die Wende des 18. Jahrhunderts 
sich vollzogen haben. Wir müssen uns jedoch, der gegebenen Aufgabe entsprechend, auf eine kurze 
Darstellung der wichtigsten Vorgänge in den massgebenden westeuropäischen Staaten beschränken. 

In Frankreich versuchte die Revolution wie den alten Staat, so auch dessen Steuer- 
wesen aus den Angeln zu heben, in letzterer Beziehung an die Stelle der Vielheit drückender direkter 
und indirekter Steuern einige wenige Steuern zu setzen, die alten Privilegien gründlich zu beseitigen 
und Veranlagung und Erhebung im Sinn formaler Gleichheit umzugestalten. Aber das, zum Teil 
durch den Doktrinarismus der Physiokratie gestützte Bestreben, den Staatsbedarf durch zwei grosse 
direkte Steuern, die Grund- einschliesslich der Gebäudesteuer und die Personal-Mobiliarsteuer, zu 
decken, neben denen noch die Zölle und einige Register- und Stempelabgaben erhoben wurden, 
erwies sich bald als ganz undurchführbar. Die Demokratie wirt'^chaftete nicht billiger als der 
Absolutismus. Die Vereinfachung im Steuerwesen war erkauft worden mit einer rücksichtslosen 
Ausnützung der Papiergeldpresse. Die dadurch mit herbeigeführte zunehmende Zerrüttung der 
Finanzen zwang die Übereilung des Jahres 1791 wieder gut zu machen und bis 1798 erfolgte ledig- 
lich aus finanziellen Gründen die Einführung der Patentsteuer und der Tür- und Fenstersteuer. 
Im Jahre 1798 wurde das Enregistrement mit Einschluss der Erbschafts- imd Schenkungssteuer 
in stark fiskalischem Sinn, aber in technisch anerkennenswerter Weise legislativ ausgebaut. Ja 
die Finanznot nötigte dazu, auch die innere Verbrauchsbesteuerimg, deren Druck nicht wenig zum 
Ausbruch der Revolution beigetragen hatte, zunächst schüchtern, später aber sehr energisch auszu- 
nützen und die Einfuhrzölle zu erhöhen. Die eiserne Hand Napoleons, unter der das Parlament sich 
widerstandslos beugte, bescherte den Franzosen die Getränkesteuern, die Salzsteuer, das Tabak- 
monopol. Als Napoleon vom Schauplatze abtrat, war das französische Steuerwesen, was die Ver- 
teilung der Steuerlast betraf, nicht allzuweit von dem Zustande entfernt, den es in der letzten Zeit 
des Ancien Regime erreicht hatte. Natürlich waren im einzelnen viele Verbesserungen vorgenommen 
worden, namentlich auf dem Gebiete der direkten Steuern: viele Privilegien waren gefallen, die 
Besteuerung war allgemeiner geworden, die Veranlagung und Erliebung mit grossem Geschick 
ausgestaltet, die Scheidung nach Ertragsquellen scharf durchgeführt und das Prinzip formaler 
Gerechtigkeit zur Anerkennimg gebracht worden; auch die indirekten Steuern lasteten nicht 
mehr ganz so stark imd so imgleich massig wie früher auf dem Volke. Vom Standpunkte der 
heutigen Auffassung haften allerdings dem französischen Steuerwesen jener Zeit schwere Gebrechen 
an, über die seine grosse finanzielle Leistungsfähigkeit nicht hinwegzutäuschen vermag. Der 
Hauptberater bei seiner Ausbildung war doch das augenblickliche fiskalische Bedürfnis gewesen. 

Eine die Grundlagen ergreifende Umgestaltung des französischen Steuerwesens fand auch 
in der Folgezeit nicht statt. Dass aber die hundert Jahre vom Abschluss des französischen Steuer- 
systems bis zur Gegenwart im einzelnen zahlreiche Änderungen gebracht haben, ist bei der Fülle 
der politischen und wirtschaftlichen Ereignisse, die diese Zeit umfasst, selbstverständlich. Die 
Zeit der Bourbons und Orleans war allerdings ganz arm an Neuerungen im Steuerwesen. Die 
Ermässigung der Grundsteuer, die feinere Ausgestaltung der Patentsteuer, die Einführung der 
Rübenzucker- und einer Eisenbahnsteuer sind das ganze Ergebnis. Die Erhöhung der Zollsätze 
brachte zwar gesteigerte Einnahmen, war aber mehr im handelspolitischen als im finanziellen 
Interesse erfolgt. Die Revolution von 1848 und die zweite Republik waren von zu kurzer Dauer, 
um die jeder demokratischen Bewegung eigentümliche Abneigung gegen indirekte Steuern ver- 
wirklichen zu können. Ihr praktisch wichtigstes Ergebnis auf finanziellem Gebiete war die Er- 
mässigimg der Salzsteuer. Napoleon III. vermied es schon aus politischen Gründen an den Grund- 
lagen der direkten Steuern zu rütteln, wenn auch in Einzelheiten manches geändert wurde. Bei 
der Stabilität der direkten Steuern und unter dem Einfluss des zunehmenden Wohlstandes wuchs 
der Anteil der Verbrauchs- und Verkehrsbesteuerung an der Deckung des Staatsbedarfs. Zudem 
wurde der Staatskredit in steigendem Masse in Anspruch genommen. Die dritte Republik war zu- 



120 ^' Th. von Eheherg, Steuerreformen. 

nächst dnrcli die Notwendigkeit, die aus dem Kriege von 1870-71 erwachsene ungeheure Steigerung 
des Staatsbedarfs rasch und unter ungünstigen Verhältnissen zu bewirken, so in Anspruch ge- 
nommen, dass andere als fiskalische Erwägungen nicht zum Durchbruche gelangten. Es kam dazu, 
dass auch in der Republik zunächst diejenigen Kreise die Herrschaft behielten, welche an der 
Aufrechterhaltung des bestehenden Zustandes im Steuerwesen interessiert waren. So gescha'i es, dass 
die vier alten direkten Hauptsteuern, abgesehen von einer etwas schärferen Anspannung der Patent- 
steuer, zur Deckung des gesteigerten Staatsbedarfes wenig beitrugen und der Mehrbedarf teils 
durch Erhöhung der Verkehrs-, Transport- und Getränkesteuern, des Tabakmonopols, der den 
direkten Steuern assimilierten Taxen sowie der Zölle, teils durch dauernde oder vorübergehende 
Einführung neuer Steuern gedeckt wurde. Nur die Steuer auf das Einkommen aus beweglichen 
Werten, die 1872 eingeführt wurde, kann als Besteuerung gewisser (nicht aller) Arten von Kapital- 
erträgen als wertvolle Ergänzung de Ertragssteuersystems betrachtet werden. Es darf freilich 
nicht übersehen werden, dass die französischen Ertragsteuern ihrer ganzen Veranlagung nach für 
Erhöhungen wenig geeignet waren. Die reichlich vorhandenen Ungleichmässigkeiten der Belastung, 
wie sie aus der grundsätzlich beibehaltenen Veranlagung nach äusseren Mericmaleu sich ergaben, 
mussten bei einer Steigerung der Sätze ins Unerträgliche wachsen, zumal auch die dem fi-anzösischen 
Steuerwesen eigentümlichen Zuschläge zur Deckung der Bedürfnisse der Departements und 
Kommunen, die in starker Steigerung begriffen waren, einen empfindlichen und sehr imgleich- 
mässigen Druck erzeugt hatten imd sich wie ein lähmender Ballast an das Staatssteuerwesen hingen. 
Seit den 1890er Jahren sind allerdings wiederholt Anläufe zu gründlicherer Umgestaltung einzelner 
Steuern gemacht worden. So wurden, um nur das "Wichtigste zu erwähnen, die Tür- und Fenster- 
und die Personal-Mobiliarsteuer reformiert, die Grundsteuer für die untersten Stufen beseitigt oder 
ermässigt, die Getränkebesteuerung vereinfacht, die sogenannten hygienischen Geträniie ent- 
lastet, dafür die Branntweinsteuer bedeutend erhöht, an den Patentsteuern in Einzelheiten 
manche Verbesserung herbeigeführt, die Register- und Stempelabgaben vielfach ausgestaltet, bei 
der Erbschaftssteuer die Progression nach der Höhe der Erbportionen ditrchgeführt und die Steuer- 
sätze hier wie bei der Schenkimgssteuer grösstenteils erheblich gesteigert. Zu den bisherigen 
Steuern traten u. a. die Militärtaxe, die Velozipedsteuer. Die seit den Jahren 1891-92 einsetzende 
schärfere Schutzzollrichtung war zum Teil auch von fiskalischen Interessen getragen und erwies 
sich auch für diese als vorteilhaft. Das Vorhandensein eines starken Fehlbetrages im Etat für 
1910 zwang die Regierung u. a. einige Luxussteuern sowie die Erbschafts- imd Schenkungssteuer 
neuerdings weiter anzuspannen. 

Es soll nicht geleugnet werden, dass die in den letzten Jahrzehnten ergangenen zahlreichen 
Steuergesetze manche Verbesserungen gebracht, auch einen erheblichen Teil des neuen Steuer- 
aufkommens den leistungsfähigeren Klassen aufgebürdet haben: die Erhöhung der Kapitalrenten- 
steuer i. J. 1890, dann die wiederholten Erhöhungen der Erbschafts- und Schenkungs- und der 
mc isten Verkehrssteuern sind hierher zu zählen. Aber eben so sicher ist, dass die Verteilung der 
Steuerlast auch heute noch sehr viel zu wünschen lässt. Von den gesamten Bruttoeinnahmen aus 
Steuern entfallen etwa 28 Prozent auf die düekten Steuern, auf die Zölle, Monopole und Ver- 
brauchssteuern rund 50 Proz., auf die Verkehrssteuern etwa 21 Proz. Und an der Steigerung der 
Ikuttoeinnahmcn der Steuern und Zölle von 1875 bis 1908, die nahezu 1 Milliarde Fr. betrug, sind 
die direkten Steuern mit 62,5, (Tic Zölle mit 84,2, die Monopole mit 58,3, die Verkehrssteuern mit 
15,4 Proz. beteiligt. Nun trifft von den Verkehrssteuern weitaus der grösste Teil auf die besitzen- 
den Kla.ssen (die Erbschaftssteuer ist seit 1875 auf mehr alsdas Doppelte gestiegen) und es wird dadurch 
die offensichtige Mehrbelastung der ärmeren Volksklassen durch die Zölle und Verbrauchssteuern 
in etwas ausgeglichen. Aber von einer gerechten Verteilung der Lasten kann auch nicht annäherungs- 
weise gesprochen werden und vor allem bleibt der schwere Missstand, dass die direkten Steuern 
nach ihrer ganzen Veranlagung eine stärkere Anspannung kaum vertragen. Sie werden schon 
heute, zumal wegen der fortwährenden Zuschläge für Kommunal- und bestimmte Staatszwecke, 
von der Bevölkerung immer unangenehmer empfunden. Hier könnte nur eine gründliche Reform 
unter Aufgabe der veralteten Ertragssteuern und Hand in Hand mit einer Umgestaltung des kommu- 
nalen Steuerwesens Hilfe bringen. Deshalb hat das Verlangen nach inner allgemeinen Einkommen- 



K. Th. von Eheberg, Stenerreformen. 121 



Steuer, das anfänglich nur wenig Stimmen auf sich vereinigt hat, im Laufe der Jahre doch immer 
mehr Anhänger gefunden. Allerdings haben bis heute zwei Ursachen ihre Einführung verhindert. 
Die eine ist der Widerstand der Vertreter der Rentnerklasse, die in Parlament imd Presse noch eine 
einflussreiche Stellung einnimmt, die an der Aufrechterhaltung des bestehenden Zustandes inter- 
essiert ist, denen der mit der Einkommensteuer verbundene Zwang zu Deklarationen ganz un- 
leidlich erscheint und die sich, wie 0. Schwarz zutreffend betont, darauf berufen kann, dass die 
bisherige Besteuerxmg den Sparsmn der Bevölkerung in hervorragender Weise gefördert hat. ,,Denn 
indem sie mehr den tatsächlichen Aufwand als die wirtschaftliche Kraft besteuert und jedes lästige 
Eindringen in die Geheimnisse des Geldschrankes des einzelnen nach Möglichkeit vermeidet, 
fördert sie mächtig den Spartrieb, das Anlegen der Ersparnisse in einheimischen Renten- und 
sonstigen Werten und hat zweifellos sehr mit dazu beigetragen, dass Frankreich, trotzdem es nicht 
entfernt auf den Aufschwung Englands, Deutschlands und Nordamerikas in den letzten Dezennien 
zurückblicken kann, sich doch noch heute mit Recht als den , ersten Gläubiger der Welt' oder 
doch als einen der ersten Gläubiger betrachten darf.- Die zweite Ursache, die der Einführung der 
Einkommensteuer entgegensteht, ist der fortwährende Wechsel der Ministerien, vor allem der 
Leiter des Finanzministeriums. Kein Finanzminister hat bisher Zeit gehabt, sich so einzuleben, 
dass er das Projekt der Einkommensteuer durch die Klippen der parlamentarischen Beratung hätte 
hindurchleiten und durch zähe Arbeit die Widerstände überwinden können, welche die politischen 
Verhältnisse, die wechselnden parlamentarischen Konstellationen, die Interessenvertretungen dem 
grossen Reformwerk bereiten. Es kommt dazu, dass die Wissenschaft, die in Deutschland Jahr- 
zehnte hindurch die öffentliche Memung auf die Notwendigkeit einer Umgestaltung des direkten 
Steuerwesens vorbereitet hatte, in Frankreich so gut wie ganz versagte. Ob und wann unter diesen 
Umständen das Einkommensteuerprojekt Caillaux', das sich in der Hauptsache die englische Ein- 
kommensteuer zum Muster genommen hat, Gesetzeskraft erlangen wird, lässt sich nicht mit Be- 
stimmtheit sagen. 

Das Steuerwesen Grossbritanniens vor Beginn der grossen Kriegszeit zu Ende 
des 18. Jahrhunderts hat nichts Bestechendes an sich. Wie auf dem Kontinent der Absolutismus, 
so legte in England die das Parlament beherrschende Aristokratie die Hauptlasten des Steuer- 
bedarfs auf den Verbrauch, ohne durch die Überlastung der unteren Klassen sich im Gewissen 
beschwert zu fülilen. Natürlich fehlte es nicht ganz au direkten Steuern: aber die, übrigens auch 
nur zeitweise erhobenen, Kopf-, Klassen- und Standessteuern waren doch recht willkürlich und 
ungleichmässig, belasteten zudem auch die kleinen Leute und wurden schon seit Anfang des 18. 
Jahrhunderts nicht mehr erhoben; die Landsteuer, anfänglich eine rohe Ertragsteuer von Grund- 
besitz, persönlichem Vermögen und Besoldung, wurde mehr und mehr zu einer rohen, reallastartigen 
Grundsteuer; die sog. Haussteuer hatte tatsächlich den Charakter einer Wohn- und Mietsteuer; 
die ausserdem vorkommenden Spezialgewerbesteuern sind nur zum Teil solche, zum Teil sind sie 
Lizenzabgaben und haben als solche den gemischten Charakter von Sondergewerbe- und Aufwand- 
steuern. Den Hauptertrag aber lieferten das Zollwesen mit den zahlreichen Positionen und den 
hohen Sätzen und die eine grosse Menge von Gegenständen erfassenden Inlandsakzisen. So ruhte 
die Hauptlast der Steuern auf den mittleren und unteren Klassen. Nur zwei Steuern trafen vor- 
nehmlich die vornehmeren und wohlhabenderen Stände : die sog. Luxussteuern und die Verkehrs- 
abgaben. Die Luxussteuern, in England im 18. Jahrhundert besonders stark ausgebildet, waren 
aber doch sehr ungleichmässig und willkürlich und relativ wenig ergiebig; die Verkehrsabgaben 
sind erst später zu nennenswerten Erträgen gesteigert worden. 

Während in Frankreich, wie oben gezeigt worden ist, während der Revolutions- und Kriegs- 
zeit, zum Teil unter dem Einfluss ökonomischer und demokratischer Theorien, zum Teil unter dem 
Druck der Finanznot, ein Neu- und Umbau des Steuerwesens erfolgt war, versuchte man in dem 
konservativen, durch keine Inlandsbewegung erschütterten und von den unmittelbaren Schrecken 
des Krieges verschonten England die ins Ungemessene steigenden Lasten der Ej-iegszeit mittels 
des überlieferten Steuersystems zu bewältigen. Neben der beispiellosen Anspannung des Staats- 
kredits musste zimächst eine starke Erhöhung und Vermehrung der bestehenden Abgaben, der 
Zölle, Akzisen, Luxus-, Verkehrs- und Erbschaftssteuern Erleichterung bringen. Nur eine Steuer 



122 ^' ^ft' ^on Eheberg, Stenerreformen. 



tritt in dieser Zeit neu hervor : die Einkommensteuer. Nach manchen Wandhmiien, die hier nicht 
verfol.at werden können, wurde sie im Jahre 1803 dem Wesen nach zu einem Ertragssteuersystem 
mit eiukommensteuerartigen Momenten umgestaltet und blieb als solche, wenn auch mit manchen 
Änderungen im einzelnen, bis 1816 bestehen. Sie war der Tribut, den in den Tagen der Not und 
nationalen Erhebung die vermögenderen Klassen dem Vaterlande darbrachten. Es wurde hier- 
durch und durch die Erhöhung der Luxus- und Verkehrssteuern ein, wenn auch ungenügender, 
Ausdeich gegenüber den grossen Opfern geschaffen, die den unteren Klassen durch die starke Be- 
lastung des Verbrauchs waren zugemutet worden. Die englische Emkommensteuer ist auch steuer- 
geschichtlich insofern beachtenswert, als sie auf die spätere Gesetzgebung auf dem Kontinent 
von Einfluss war. Mit Recht ist es dagegen getadelt worden, dass das englische Parlament unter 
dem Drucke seiner Wähler die Einkommensteuer sofort fallen Hess, als die finanziellen Verhält- 
nisse es nur einigermassen erlaubten. 

Die folgende Zeit bis zu Beginn der 40er Jahre ist ohne bemerkenswerte Änderungen im 
Steuerwesen im engeren Sinne verlaufen. Nach Beseitigung der Einkommensteuer verschob sich 
die Steuerlast wieder gewaltig zuungunsten der indirekten Steuern. Es schien, als ob „ein Bruch 
mit dem geschichtlich überkommenen Steuersystem, etwa aus politischen, sozialpolitischen, volks- 
wnrtschaftlichen oder auch nur aus fiskalischen, steuertechnischen Gründen' darnals doch noch ausser- 
halb des britischen Gesichtskreises lag. Wenigstens trugen nur einzelne Änderungen auf dem 
Gebiete der indirekten Steuern, besonders die Aufhebung der im Kriege sehr hoch gestiegenen 
Salzsteuer, sozialen Rücksichten auf die Konsumenten und Steuerzahler Rechnung" (A. Wagner). 
Aber die volkswirtschaftlichen Verhältnisse und Doktrinen haben zu Beginn der 1840er Jahre tief- 
greifende Änderungen und zum Teil völlige Neugestaltungen in der britischen Staatsbesteuerung 
herbeigeführt. Sie hängen mit dem Siege des Freihandelsprinzipes zusammen und setzen auf 
dem Gebiete des Zollwesens ein. 

Schon seit den 20er Jahren waren Erleichterungen im Zollwesen beliebt worden. Mit der 
Herrschaft der Wighs und unter Peel als leitendem Staatsmann erfolgte die völlige Abkehr von dem 
bish< rigen Schutzzollsystem. Was schliesslich an Zöllen verblieb, sind reine Finanzzölle von Ge- 
nussmitteln, die, wie Tabak, alkoholische Getränke, Tee, Kakao, Zucker, Südfrüchte u. dergl., 
eine hohe Besteuerung vertragen können. Es waren vorwiegend auch freihändlerische Ideen, welche 
eine Vereinfachung des inländischen Akzisenwesens und teilweise auch des Stempelwesens be- 
günstigten. Lagen diese schon auf einer Linie mit sozialpolitischen Forderungen, so feierten die 
letzteren einen schönen Sieg in der Wiedereinführung und dauernden Beibehaltung der Einkommen- 
steuer. Wobei zu beachten ist, dass diese, wenn auch grundsätzlich an ihrer alten Form festge- 
halten wurde, doch sofort und namentlich in den späteren Jahrzehnten eine bemerkenswerte Weiter- 
bildung erfahren hat. Sie wurde zur Hauptsteuer in der direkten Staatsbesteuerung Grossbri- 
tanniens ; die noch vorhandenen Reste der alten Landtaxe und die reformierte massige Haussteuer 
von Wohngebäuden haben neben ihr wenig Bedeutung. Weist die englische Einkommensteuer 
auch heute noch die Scheidung in 5 Abteilungen nach Art des Ertragsteuersystems auf, so unter- 
scheidet sie sich von dem letzteren doch wesentlich zu ihren Gunsten durch die differenzierende 
Behandlung der einzelnen Ertragsquellen, den Abzug der Schuldzinsen und die Bemessung der Steuer 
nach der Gesamtsumme der Reinerträge. Diu-ch eine weitgehende Befreiung kleiner und eine Er- 
mässigung des Steuersatzes bei mittleren Einkommen wurde die früher arg vernachlässigte Schonung 
der unbemittelten und wenig vermöglichen Klassen erreicht. Zugleich ist die Einkommensteuer 
in steuerpolitischcr Beziehung deshalb besonders bemerkenswert, weil sie in Zeiten plötzlich ge- 
steigerten Bedarfs, so zur Zeit des Krim- und Burenlciiegs, durch die jährlich erfolgende Feststellung 
des Steuerfusses das Gleichgewicht im Staatshaushalt mit erhalten half, ohne dass der Kredit 
allzusehr in Anspruch genommen zu werden brauchte. Allerdings blieb daneben eine starke Aus- 
nützung der Finanzzölle und der Verbrauchssteuern bestehen und mussten auch diese in Kriegs- 
zeiten zur Deckimg des Staatsbedarfs durch Zuschläge beitragen. Aber, von einer vorübergehenden 
Besteuerung auf Getreide, Mehl und Zucker während des Transvaallcrieges abgesehen, handelt 
es sich um Gcnussmittel im engeren Sinne, deren Besteuerung an sich nicht beanstandet werden 
kann, xuid zudem bat man auch bei diesen Steuern begonnen, sozialethische und sozialpolitische 
Gesichtspunkte durch Änderungen in den Steuersätzen zu berücksichtigen. 



K. Th. von Eheherg, Steuerreformen. 123 

Hat Enciland schon durch die Wiedereinführung und Ausbildung der Einkommensteuer einen 
rüstigen Schritt zum Ziel der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit gemacht, so hat es sich 
diesem noch weiter genähert durch die namentlich 1894 erfolgte Um- und Ausbildung seiner Erb- 
schaftssteuern, die in ihrer heutisen Form wohl als intermittierende Vermögenssteuern bezeichnet 
werden dürfen. Rund 550 Jliil. Mark ist ihr Bruttoertrag nach dem Budget von 1913,14. 

Im Gegensatz zu dem Steuerwesen Frankreichs zeichnet sich so das Englands durch relativ 
grosse Einfachheit und weitaus bessere Verteilung der Steuerlast aus, ohne an finanzieller Er- 
giebigkeit hinter dem ersteren irgendwie zurückzustehen. War das englische Steuerwesen noch zu 
Ende des 18. und zu Mitte des vorigen Jahrhunderts veraltet, schwerfällig, ohne Spur sozialpoli- 
tischen Einschlags, so dass es in auffäligem Kontraste stand zu seiner hochentwickelten Volks- 
wirtschaft, so ist der folgenden Entwickelung ein grosser Zug nicht abzusprechen. Das wird auch 
der bereitwillig anerkennen, der die der englischen Einkommensteuer auch heute noch anhaftenden 
Mängel nicht verkennt. In welchem Masse eine Lastenverschiebung durch die Reformen der letzten 
Jahrzehnte eingetreten ist, mag daraus erhellen, dass in den drei Dezennien seit 1875/76 (nach 
0. Schwarz) die Erträge der Einkommen- und der Erbschaftssteuer um 894 Mill. Mk. gewachsen 
sind und für sich allein nahezu hinreichten, um die Zunahme des Heeres-, Flotten- und Ünter- 
richtsbedarfes seit jener Zeit mit 936 Mill. M. zu decken, dass 1875/76 von der gesamten Steuer- 
last nur 19,3 Proz. auf die direkten Steuern (einschliesslich Erbschaftssteuer) entfielen, 80,7 Proz. 
auf die indirekten, während 1907/08 auf die ersteren 44.8, auf die letzteren nar mehr 55,2 Proz. 
trafen. 

Die allerjüngste Zeit bewegt sich im Steuerwesen der Hauptsache nach auf der gleichen Linie. 
Die imperialistische Politik, die Ausgaben für den Machtzweck, insbesondere die Marine, haben 
Fehlbeträge von .300 und mehr Millionen Mark im Staatsbudget hervorgerufen, zu deren Deckung 
neuerdings eine Mehrung der Steuereinkünfte bewirkt werden musste. Zum Teil musste sich auch 
in England wie bei gleicher Lage in Deutschland der Verbrauch allcemeiner Genussgüter, des 
Tabaks, des Branntweins, eine erhöhte Belastung gefallen lassen, zum Teil wurden wie bei uns die 
Stempelabgaben, dann einzelne Lizenzen erhöht, zum grossen Teil fielen die Mehrleistungen auf 
Einkommen und Besitz. Die Erhöhungen der Einkommensteuer trafen aber nur die Einkommen 
über 3000 Pf. St., in bestimmten Fällen traten sogar Erleichterungen gegen frühe' ein; die Erb- 
schaftssteuer wurde gleichfalls nur für die grösseren Erbschaften und für entferntere Verwandte 
und Nichtverwandte erhöht. Als neue Steuer trat eine Abgabe vom unverdienten Gewinne an 
Grund und Boden, eine Wertzuwachssteuer in mehreren Unterarten hinzu. Eine völlige Deckung 
der M 'hrausgaben wurde aber durch alle diese Mittel nicht erreicht. Und so musste man selbst in 
dem reichen England sich entschli(^ssen, den Schuldentilgungsfonds zu kürzen und die hierdurch 
frei werdenden Summen dem neuen Bedarf e zuzuführen. 

Nun noch ein Wort über das Steuerwesen der Kommunalkörper und dessen Verhältnis zum 
Staatssteuerwesen. Es scheint dies umso berechtigter, als über die englische Kommunalbesteuerung 
vielfach iirige Anschauungen bestehen, deren Berichtigung erforderlich ist, wenn die Vergleichung 
der englischen Gesamtbesteuerung mit der eines anderen Landes, etwa mit der deutschen, zutreffend 
sein soll. 

Einer oberflächlichen Betrachtung möchte es scheinen, als ob im kommunalen Steuer- 
wesen die Steuerlast vornehmlich auf den Besitzenden läge. Denn die englischen Lokalsteuern, 
besonders die Poor rates wollen die „sichtbaren, in der Gemeinde belegenen Vermögenswerte", 
also vor allt m die Grundstücke, einschliesslich der Wälder, Kohlenbergwerke usw., und die Gebäu- 
lichkeiten aller Art treffen. Allein in Wirklichkeit liegt die Sache ganz anders, weil diese Steuern 
nicht vom Eigentümer der Liegenschaften, sondern vom Nutzniesser, also auch dem Pächter und 
Mieter, erhoben werden, denen es nur in seltenen Fällen gelingen dürfte, die Steuer auf den Eigen- 
tümer überzuwälzen. Die im Jahre 1896 eingeführte Erleichterung der die Landwirtschaft trei- 
benden Steuerpflichtigen und die den kleinen Mietern gewährte Ermächtigung, die Steuer auf den 
Vermieter abzuwälzen, hat nichts Wesentliches geändert. Diese Steuern treffen die Besitzenden 
weit weniger als die kleinen Mieter und die Pächter imd wirken in zahllosen Fällen als Besteuerung 
des Wohnungsaufwandes oder des Arbeitsverdienstes. Diese gaiize Besteuerung stammt aus einer 



124 ^' Th. von Eheberg, Stenerreformen. 



Zeit, in der die Wirtschaftsverhältnisse viel einfacher waren wie heute, in der Einkommen und Ver- 
mögen noch in der Hauptsache auf dem Immobiliarbesitz beruhten. Heute ist sie durchaus ver- 
altet imd entspricht weder dem Grundsatze der Allgememheit noch dem der Gerechtigkeit. Sie ist 
deshalb auch ungeeignet, dem rasch und stark wachsenden Bedarfe der Lokalbehörden sich anzu- 
passen. Woraus es sich dann, wenigstens zum Teil, erklärt, dass die Schulden der Kommunalkörper 
in wenigen Jahrzehnten zu beträchtlicher Höhe anliefen, und dass der Staat mit Überweisungen 
von Steuererträgen zu Hilfe kommen musste. In der Form solcher Überweisungen oder Dotationen 
tragen dann allerdings auch Vermögensbesitz und Gewerbebetrieb zur Deckung des Kommunal- 
bedarfes bei; da aber auch und zwar in noch höherem Masse Zölle und Verbrauchssteuern an jenen 
beteiligt sind, so fehlt es an einem entsprechenden Ausgleich. 

Kaum irgendwo hat sich der Umgestaltungs- und Konsolidierungsprozess im Steuerwesen 
imter solchen Schwierigkeiten vollzogen wie in Deutschland. 

Das Steuerwesen der deutschen Staaten zu Ende des 18. Jahrhunderts ist so 
verwickelt und buntartig, dass es mit wenigen Worten nicht beschrieben werden kann. Nicht nur 
unterscheiden sich die einzelnen Staaten wesentlich von einander je nach ihrer historischen Ent- 
wickelxmg, ihren wirtschaftlichen Verhältnissen, dem grösseren oder geringeren Einfluss der Stände 
auf das Finanzwesen, sondern es fehlt auch innerhalb desselben Staates nicht an zahlreichen pro- 
vinziellen und territorialen Verschiedenheiten. Nirgends weist das Steuerwesen einen auch nur 
halbwegs befriedigenden Zustand auf. Weder der Grundsatz der Allgemeinheit war verwirklicht, 
denn die Privilegien des Adels, der Beamtenschaft usw. bestanden vielerorts fort, noch der Grund- 
satz der Gerechtigkeit, denn die Steuerlast lag ganz überwiegend auf den unteren und mittleren 
Klassen. Ob die deutschen Staaten von sich aus, ohne äusseren Anstoss, bald zu einer Umge- 
staltung ihres Steuerwesens gelangt wären, ist heute eine umso müssigere Frage, als die geschicht- 
lichen Ereignisse zu Anfang des vorigen Jahrhunderts mit gebieterischer Gewalt diese Umgestaltung 
tatsächlich erzwangen. Es geschah dies zum Teil noch während der grossen Kriegszeit, zum grösseren 
Teil aber nach deren Beendigung. 

Am schwersten wohl von allen deutschen Staaten war Preussen durch die napoleoiuschen 
Kriege betroffen. Die finanziellen Lasten, die es in Form von Kriegsrüstungen, Kontributionen 
usw. zu tragen hatte, waren ungeheuer. Nur mittels höchster Ausnutzung des Kredits, durch Aus- 
gabe von Papiergeld und schwersten Steuerdruck gelang es, den finanziellen Zusammenbruch zu 
vermeiden. Dass im Steuerwesen zunächst nur die Rücksicht auf die Deckung des Bedarfes mass- 
gebend war, ist natürlich. Allerdings hatte man schon während der Kriegszeit erkannt, dass eine 
Neugestaltung des Stcucrwesens unerlässlich sei. Das Finanzedikt vom 27. Oktober 1810 hatte als 
leitende Gesichtspunkte eines neuen Steuersystems verkündet: Tragung der Abgaben nach gleichen 
Grundsätzen von jedermarm im Staate, Vercinfachimg der Abgaben und ihrer Erhebung, nament- 
lich eine gleiche und verhältnismässige Verteilung der Grundsteuer auf alle Pflichtigen mittels 
eines neuen Katasters. Aber die Fortdauer des Kriegszustandes und der finanziellen Not ver- 
hinderten zunächst eine Verwirklichung dieser Grundsätze. Das Edikt vom 7. September 1811 hielt 
an der steuerlichen Scheidung von Stadt und Land fest: die grösseren Städte hatten die alten Ak- 
zisen, Aufschläge auf alle möglichen Waren, und einige neue Verbrauchsabgaben zu entrichten, 
das platte Land und die Ideineren Städte wurden zwar von der Mahlsteuer befreit und in anderen 
Verbrauchssteuern erleichtert, dagegen mit einer neuen Personalabgabe (Y-i Taler von jeder über 
16 Jahre alten männlichen Person) getroffen; daneben blieb die alte Grundsteuer und ebenso das 
Salzregal bestehen. Neu war die Gewerbesteuer von 1810, eine Folge der neuen Gewerbeverfassung, 
die als rohe Kiassensteuer nach äussern Merkmalen erhoben wurde. Im gleichen Jahre wurde die 
Stempelsteuer erweitert und erhöht. Einige Versuche mit Vermögens- und Einkommensteuern 
führten nicht zum Ziele. 

Eine für drei Jahrzehnte und zum Teil darüber hinaus die Richtung gebende Reform er- 
folgte nach Abschluss der Kriege in den Jahren 1820 — 22. Die Veranlassung lag unter anderm in 
der Notwendigkeit, die Verschiedenartigkeit der Stcuerverfassungen in den alten und den neu 
erworbenen Landesteilen nach Möglichkeit zu vereinfachen. Das wichtigste war die Umbildung 
der Persona Isteuei' auf dem Lande und in den kleineren Städten in eine nach ständischen Gesichts- 



K. Th. von Eheberg, Steuerrefonneii. Jgg 



punkten ab<iestufte Klassensteuer und die Ersetzung der alten Akzise in den grösseren Städten 
durch die Mahl- und Schlachtsteuer. Der Klassenschematismus der Gewerbesteuer wurde etwas 
feiner ausgestaltet, das Stempel- und Registerwesen und die Salzsteuer im ganzen Lande einheit- 
lich geordnet, die Tabak-, Bier-, Branntwein- und AVeinsteucr neu geregelt. Die Grundsteuer da- 
gegen blieb in dem alten Zustande provinzieller Verschiedenheit. Wenn auch Besserungen im 
einzelnen vmverkennbar sind, so hafteten dem Reformwerk doch schwere Gebrechen an: durch die 
verschiedene steuerliche Behandlung von Stadt und Land verzichtete man von vornherein auf eine 
wahre Gleichmässigkeit in der Besteuerung ; die KJassensteuer drückte schwer auf die untern Klassen, 
während sie die Vermöglicheren stark begünstigte; der Grossgrundbesitz war so gut wie steuer- 
frei; die Verbindung der Gebäudesteuer mit der Grundsteuer und die provinziellen Verschieden- 
heiten im Grundsteuerwesen waren weitere Mängel. Wenn dieses Steuerwesen bis 1851 in Bestand 
bleiben konnte, so war dies nur dem Umstände zuzuschreiben, dass infolge des Rückganges der Aus- 
gaben und des allmählichen Aufschwimges des Wirtschaftslebens die Steuerlasten sich in massigen 
Grenzen hielten. 

Die revolutionäre Bewegung von 1848 brachte die Steuerreform neuerdings in Fluss. Es 
wurde gesetzlich bestimmt, dass die Steuergesetzgebung einer Revision unterstellt, alle Bevorzu- 
gungen abgeschafft, neue nicht mehr eingeführt werden sollten. Durch Gesetz vom 1. Mai 1851 
wurde die Klassensteuer durch die Klassen- und klassifizierte Einkommensteuer ersetzt und der 
letzteren alles Einkommen von mehr als 1000 Talern unterworfen. Man war damit dem Prinzip 
der Einkommensteuer näher gekommen und traf das höhere Einkommen aus Gewerbe- und 
Immobilienbesitz, dem fundierten Charakter dieses Einkommens entsprechend, doppelt. Ein 
Mangel blieb die unzureichende Erfassimg der Kapitalrente und die ungenügende Veranlagung. 
Im Jahre 1861 kam nach langer Verzögerung auch die Neuregelung der Grundsteuer und die Ver- 
selbständigung der Gebäudesteuer zustande. An der Gewerbe-, der Stempel- und Erbschafts- 
steuer wurden Ändermigen vorgenommen, eine Eisenbahn- und Bergwerksteuer neu eingeführt. 
Vergleicht man die Jahre 1850 und 1861 mit einander, so hat sich eine nur unbedeutende Ver- 
schiebung in der Verteilung der Steuerlast zwischen den Erwerbs- und Besitzsteuern einerseits, den 
Verbrauchssteuern und Zöllen andererseits zugunsten der ersteren vollzogen. Während nämlich 
1850 die ersteren etwa 4,60, die letzteren 4,39 Mk. auf den Kopf der Bevölkerung betrugen, sind es 
im Jahre 1861 5,50 und 6,06 Mk. gewesen. Immerhin ist das Ergebnis in diesem Sinne erheblich 
günstiger als die Steuerausteilung in dem Frankreich und England jener Zeit. 

Aber auch nach der eben erwähnten Regelung war die Klassen- und klassifizierte Einkommen- 
steuer, die sich immer mehr zur beherrschenden direkten Steuer entwickelte, recht unvollkommen. 
Das Fehlen einer Untergrenze bei der Klassensteuer, die Festsetzung einer Obergrenze bei der Ein- 
kommensteuer bewirkte dort starke Härten, hier unberechtigte Vergünstigungen. Der Unterschied 
von Klassen- und Einkommensteuer war überhaupt nicht mehr haltbar; auch die Abgrenzung der 
einzelnen Stufen entsprach den Verhältnissen nicht mehr. Die Steuerreform vom 25. Mai 1873 
hielt zwar an der Zweiteilung der Steuer noch fest, vermehrte aber die Zahl der Steuerstufen, hob 
die obere Grenze auf und bestimmte als Untergrenze ein Einkommen von 140 Talern. Auch wurden 
die Steuersätze in den 12 Stufen der Klassensteuer degressiv gestaltet, während sie bei der Ein- 
kommensteuer prozentual blieben ; bei den beiden untersten Stufen durften bereits damals besondere 
die Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen mindernde Umstände im Ausmasse der Steuer berück- 
sichtigt werden. Die Mahl- imd Schlachtsteuer wurde als Staatssteuer aufgehoben und durch die 
Klassensteuer ersetzt. War die Befreiung der kleinsten Einkommen bei dieser Reform mehr aus 
steuerpolitischen Erwägungen gewährt worden, nämlich um die lästige und kostspielige Erhebung 
bei den zahlreichen kleinen Leuten zu beseitigen, so geschah die Erhöhung des Existenzminimums 
im Jahre 1883 auf 900 Mk. und die Ermässigung einzelner Sätze der Klassensteuer und der unteren 
Stufen der Einkommensteuer doch schon unter dem Antrieb sozialpolitischer Rücksichten, für 
welche die deutsche Wissenschaft seit den 1870er Jahren einzutreten begonnen hatte. 

Eine grundlegende Umgestaltimg des direkten Steuerwesens brachten die Jahre 1891 und 
1893. Das Gesetz vom 24. Juni 1891 hob die längst unhaltbar gewordene Scheidung zwischen der 
Klassen- und der klassifizierten Einkommensteuer auf und schuf an deren Stelle eine einheitliche 



126 K. Th. von Eheberg, Stenerreformen. 

allcemcme Einkommensteuer; an Stelle der mit \äelen Unzuträglichkeiten verbundenen Steuer- 
einschätzuna trat der Deklarationszwans; ; neben den physischen Personen wurde auch das Einkom- 
men der wichtigsten juristischen der Besteuerung unterworfen. Das Existenzminimum blieb das 
gleiche wie bisher, aber die Steuersätze stiegen viel langsamer, erreichten erst bei 10 000 Mk. 3 % 
(bisher schon bei 3000 Mk.), bei 100 000 Mk. 4 %, und aussergewöhnliche Belastungen des Steuer- 
pflichtigen, besonders durch Unterhalt und Erziehung der Kinder, fanden in Ermässigung der 
Steuer entsprechende Berücksichtigung. So trug die preussische Finanz Verwaltung unter Miquel 
den Forderungen der Theorie Rechnung, die sich immer entschiedener für progressive Besteuerung 
und Schonung der minder bemittelten Klassen aussprach. Durch Gesetz vom gleichen Datum 
wurde auch die veraltete Gewerbesteuer (mit Ausnahme der Wandergewerbesteuer) auf eine neue 
Grundlage gestellt, indem sie auch formell in eine Ertragsteuer in vier Abteilungen nach der Grösse 
des Ertrages und des in einer Unternehmung investierten Kapitals ausgestaltet wurde. Eine be- 
sondere Steuer wuide daneben für den Betrieb der Schank- und Gastwirtschaft und des Kleinhandels 
mit Branntwein und Spiritus eingeführt. Schon längere Zeit hat die Wissmschaft auf die höhere 
Leistungsfähigkeit des fundierten Einkommens gegenüb r dem nichtfundi' rten hingewiesen und 
die Berücksichtigung dieser Tatsache auch im Steuerwesen verlangt. Das Ergän ungssteuergesetz 
vom 14. Juli 1893 trug dieser Forderung Rechnung, indrm es nibrn die Eiukomm nsteuer eine 
massige prozentuale Vermögenssteuer für alle Vermögen im Werte von mehr als 6LI00 bezw. 20000 Mk. 
setzte. Die dem Staate durch die Neugestaltung des Stf Unwesens in Aussicht gest' Uten Mehr- 
erträtre gaben dann die Möglichkeit auf die bisherigen Ertragsteuern, dii> Grund-, G bände- und 
Gewerbesteuer, zu verzichten und diese den Gemeinden zu überweisen. Damit ist das Staatssteuer- 
wesen Preussens auf die einfachste Formel gebracht und das steuerrechtliche Verhältnis zwischen 
Staat und Gemeinde in passender Weise geregelt worden. Der Staat schöpft seinen Steuerbedarf 
aus der Personalbesteuerung, den Gemeinden stehen in erster Linie die für sie jedenfalls nicht 
ungeeigneten Realsteuern zur Verfügung. Die kleineren Reformen der Einkommen- und Ver- 
mögenssteuer sowie des Kommunalabgabengesetzes in den Jahren 190G und 1909 dürfen hier, da 
sie nichts grundsätzlich Neues brachten, übergangen werden. 

Es würde zu weit führen, hier auch des Entwickelungsprozesses zu gedenken, der im Steuer- 
wesen der übrigen deutschen Staaten während des 19. Jahrhunderts sich vollzogen hat. Wir be- 
gnügen uns, kurz dessen Ergebnisse zusammenzufassen. 

In denjenigen Staaten, welche, wie Bayern und Württemberg, mit einem reichen Zuwachs an 
Staatsgebiet aus der napoleonischen Kriegszeit hervorgingen, war die erste Sorge der Regierung 
zunächst darauf gerichtet, grössere Einheit in das Steuerwesen zu bringen. Das führte dann von 
selbst zu neugestaltenden Reformen, die im Süden Deutschlands, unter dem Einfluss des franzö- 
sischen Beispiels, mit dem Siege des Ertragssteuersystems endeten. Bayern hat sich in den 20er 
Jahren des 19. Jahrhunderts für dieses System entschieden, es aber erst in den 50er Jahren rein und 
lückenlos durchgeführt. Im Jahre 1881 erfolgte, nachdem der Versuch mit einer ergänzenden all- 
gemeinen Einkommensteuer gescheitert war, eine Revision des Steuerwesens, die aber nur bei der 
Gewerbesteuer tiefer eingriff, indem hier an Stelle der Steuerbemessung nach äusseren Merkmalen 
in zahlreichen Fällen die nach dem wirklichen Ertrage trat. Durch vollen Abzug der Schuldzmsen 
bei der Kapitalrentensteuer und teilweisen bei der Gewerbe- und sog. Einkonmiensteuer, durch 
Steuerbefreiungen und progressive Steuersätze Avurde dieses Ertragsteuersystem dem Prinzip der 
Einkommenbesteuerung näher gebracht. .Auch der Forderung, die fundierton Einkommensbezüge 
höher zu belasten als die unfundierten, wurde durch mildere Behandlung der Löline und Gehälter 
in etwas Rechnung getragen. Die Gesetzgebung vom 6. Juni 1899 schritt auf dem betretenen Wege 
weiter und förderte das Einkommensteuerprinzip noch weiter durch feinere Ausgestaltung der Be- 
steuerung und stärkere Berücksichtigung der individuellen Leistungsfähigkeit. Durch das Reform- 
werk vom 14. August 1910 hat Bayern die allgemeine Einkommensteuer, im wesentlichen nach 
preussischem Muster, jedoch mit erheblich niedrigerem E.vistenzniinimum und einer Progression 
bis zu 5 % (bei mehr als 300 000 Mk.), zur Einführung gebracht. Die Mehrbelastung dos fundierten 
Einkommens erfolgt durch die Ertragsteuern vom Grund-, Gebäude-, Gewerbe- und Kapitalertrag, 
die aber in ihren Sätzen erniedrigt und teilweise (Gewerbesteuer) erheblich umgestaltet wurden. 



K. Th. von Eheberg, Stenerreformen. 127 



Die Ersetzung der Ertragsteuern durch eine Vermögenssteuer ist nur eine Frage der Zeit. Die Ge- 
meinden sind nach wie vor zi;r Deckung ihres Steuerbedarfes in der Hauptsache auf Zuschläge zu 
den sämtlichen direkten Staatssteuern, jedoch nach einer neuen, ziemlich komplizierten Abstufung, 
angewiesen. Schon vorher hatte Baden 1884 eine allgemeine Einkommensteuer eingeführt, neben 
der die Ertragsteuern (ohne Ai'beitsertragssteuer) zur schärferen Belastung des fundierten Ein- 
kommens beibehalten worden waren. Das Jahr 1906 brachte dann eine Ersetzung der Ertragsteuern 
durch eine Vermögenssteuer, die sich aber von der preussischen dadurch unterscheidet, dass für 
die einzelnen Vermögensgattungen (Grund und Boden, Gebäude, Gewerbe- und Kapitalvermögen) 
Spezialwertkataster gebildet wurden, aus denen der der Besteuerung zugrunde liegende Gesamtver- 
mögenskataster zusammengestellt wird. Schulden dürfen nur bis zur Hälfte der Vermögenswerte 
abgezogen werden. Württemberg war 1903 mit der Einführung der Einkommensteuer gefolgt. 
Hier sind aber die Ertragssteuern, ähnlich wie in Bayern, zur Vorbelastung des fimdierten Ein- 
kommens beibehalten worden. Sachsen war am frühesten von allen grösseren deutschen Staaten 
zum Personalsteuerprinzip übergegangen. Durch Gesetz vom 2. Juli 1878 hat es sein allerdings 
recht ungenügendes Ertragssteuersystem durch eine allgemeine Einkommensteuer ersetzt, neben 
der nur die ermässigte Grundsteuer und die Steuer vom Gewerbebetrieb im Umherziehen bestehen 
blieben. Die Einkommensteuer wurde dann in der Folge noch etwas ausgestaltet. Sie beginnt mit 
400 Mk. Einkommen und erreicht bei Einkommen über 100 000 Mk. 5 %. Im Jahre 1912 erfolgte 
auch hier die Einführung einer Ergänzungs- (Vermögen.s-) Steuer. 

Der dermalige Zustand des direkten Staatssteuerwesens in Deutschland ist also charakterisiert 
durch den Sieg der allgemeinen Einkommensteuer. Nur die beiden Mecklenburg und Elsass-Loth- 
ringen entbehren sie noch zurzeit; das letztere wird aber, da ein darauf bezüglicher Entwurf der 
Regierung bereits vorliegt, voraussichtlich in Bälde sein Ertragssteuersystem dur6h die allgemeine 
Einkommensteuer ersetzen oder ergänzen. Auch die Vermögenssteuer hat in einer grossen Anzahl 
deutscher Staaten Eingang gefunden, neben Preussen, Sachsen und Baden noch in Hessen, Braun- 
schweig, Oldenburg und Sachsen- Gotha. Die übrigen Staaten haben, soweit sie zur Einkommen- 
steuer gelangt sind, daneben die sämtlichen Ertragsteuern vom fundierten Ertrag beibehalten, wie 
Bayern und Württemberg, oder die Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer oder wenigstens die 
beiden erstercn. Fast überall ist die Hausiergewerbesteuer dem Staate verblieben. In Einzelheiten 
finden sich freilich noch zahlreiche Abweichungen. Sie betreffen, was die Einkommensteuer anbe- 
langt, die Abgrenzung der Existenzminima, die Steuerprogression, die Wahl der Steuerstufen, den 
Umfang der Steuerbefreiungen und -ermässigungen u. a. Und ähnliche Verschiedenheiten weisen 
die Vermögenssteuern auf. Sie erklären sich zum Teil aus historischen, zum Teil aus den wirtschaft- 
hchen Verhältnissen, aus der verschiedenen Grösse des Steuerbedarfes und dergleichen Umständen. 
Alle aber erstreben eine der Leistungsfähigkeit angepasste Lastenverteilung. Des weiteren ist 
der heutige Zustand im deutschen Staatssteuerwesen charakterisiert durch das Fehlen der Ver- 
brauchssteuern und die geringere Ausnützung der Verkehrssteuern einschliesslich der Erbschafts- 
steuer. Nur in den süddeutschen Staaten liefert die Biersteuer erhebliche Einnahmen. Da die 
höheren Kommunalkörper ihren Steuerbedarf ganz, die Lokalgemeinden ihn zum weitaus grössten 
Teile durch Zuschläge zu den direkten Steuern oder durch selbständige Erhebung von solchen 
decken, so werden in Staat und Gemeinde 85 — 90 % und mehr des Steuerbedarfes durch direkte 
Steuern aufgebracht. 

Allein das BUd vom deutschen Steuerwesen wäre unvollkommen, wollte man nicht auch die 
grossen Summen in Rechnung setzen, welche das Reich alljährlich an Steuern einfordert und die 
in weit höherem Masse Aufwand und Verbrauch belasten als Besitz und Einkoramen. 

Es lag in der Natur der Dinge und war in politischer und finanzieller Hinsicht durchaus 
zweckmässig, dass das Reich sich zunächst und in erster Linie der teilweise bereits gemeinsam ver- 
walteten sog. indii-ekten Steuern, der Salz-, Tabak-, Rüben-, Bier-, Branntweinsteuern sowie der 
Zölle bediente, um seine Ausgaben zu bestreiten. Auf diesem Wege gelang es, eine reinliche Scheidung 
zwischen den Steuereimiahmen des Reiches und denen der Bundesstaaten zu bewirken, beiden 
eine selbständige Entwicklung ihres Finanzwesens zu sichern und alle die Verwicklungen und 
Reibungen zu vermeiden, die die Besteuervmg derselben Steuerquellen durch Reich und Land not- 



128 ^' ^f'- ^'<^ Eheberg, Stenerreformen. 

wendig zur Folge gehabt hätte. Nur die. anfangs unbedeutenden, Stempelabgaben und die Matri- 
kularbeiträge — letztere soweit sie aus direkten Steuern der Einzelstaaten flössen und tatsächlich 
entrichtet wurden — konnten als Einkommens- und Besitzsteuern gelten. Allein diese machten bis 
1900, von ganz wenigen Ausnahmefällen abgesehen, nie mehr als ein Zehntel der Zölle und Verbrauchs- 
steuern aus. Solange es irgend ging, suchte man im Deutschen Reiche den rasch und stark anwachsen- 
den Bedarf durch Erhöhung und ergiebigere Ausgestaltung der alten grossen Verbrauchssteuern zu 
befriedigen, neben denen nur die Verkehrssteuern seit 1881 wiederholte Steigerungen erfuhren. 
Auch die seit ] 900 beginnende finanzielle Kalamität des Reiches wurde vorwiegend durch Erhöhung 
der alten Steuern und Einführung neuer Verbrauchsabgaben zu beseitigen versucht. Die Finanz- 
reform von 1909 erhoffte aus der Erhöhung der Bier-, Branntwein-, Schaumwein-, Tabak- und 
Zigarettensteuer sowie aus der neuen Leuchtmittel- und Zündholzsteuer und aus der Erhöhung des 
Tee- und Kaffeezolles bezw. aus der Beibehaltung der vollen Zuckersteuer und der Fahrkarten- 
Steuer rund 365 Mill. Mk. zur Deckung des Mehrbedarfes von 500 Mill. Mk. Aber das Reich konnte 
doch nicht umhin, auch die Besitz- und Emkommensteuern für Reichszwecke in Anspruch zu nehmen. 
Es war dies schon 1906 geschehen durch Einführung der Reichserbschaftssteuer, wodurch den Bundes- 
staaten nur mehr ein Drittel des in iliren Grenzen aufgekommenen Rohertrages (und das Recht zur Ein- 
führung von Deszendentensteuern und zur Normierung höherer Steuersätze) belassen wurde und es ge- 
schah dies noch mehr bei der Finanzreform von 1909 durch Erhöhung verschiedener Stempelsteuern, 
durch Einführung einer Grundstücks-Umsatzsteuer, einer Talon-, einer Schecksteuer, durch Ver- 
kürzung des Anteils der Einzelstaaten an der Reichserbschaftssteuer auf ein Viertel und durch Er- 
höhung der Matriknlarbeiträge auf das Doppelte; es geschah dies im Jahre 1911 durch 
Einführung der Reichszuwachssteuer, von der allerdings ein erheblicher Teil den Gemeinden und 
Einzelstaaten verbleibt, und volh-nds durch Rcichssteuergesetzgebung vom 3. Juli 1913, welche 
den Wehrbeitrag und die Besitzsteuer brachte (s. 39. Abschnitt). Der Zustand im Deutschen 
Reiche war nach dem Etat von 1911 so, dass von den gesamten Einnahmen des Reiches 
aus Steuern und Matrikularbeiträgen mit 1531 Mill. Mark 1214 Mill. Mk. aus Verbrauch 
und Aufwand, 317 Mill. aus Einkommen und Besitz fliessen. Während früher nur ein Zehntel 
des Reichssteuerbedarfs aus den beiden letzten Quellen floss, ist es 1911 ein Fünftel. ^ ; 

Immerhin ist das Verhältnis der Verbrauchssteuern und Zölle zu den Besitz- und Einkommen- 
steuern in Deutschland, Reich und Einzelstaaten zusammen genommen, günstiger als in Frankreich 
und in England. Schon i. J. 1911, also noch vor der jüngsten Gesetzgebung, entfielen nach 
den Angaben im Statistischen Jahrbuch des deutschen Reichs 1911 S. 369 bei uns auf Z(ille 
und Verbrauchssteuern etwa 1500 Mill., auf Verkehrs- und direkte Steuern rund 1140 Mill. 
Mk., was ein Verhältnis von 53 zu 47 ergäbe. Dabei ist aber zu beachten, dass in Deutschland 
das kommunale Steuerwesen, das bereits über ein Drittel aller Steuern ausmacht, fast ganz 
auf den besitzenden und leistungsfähigeren Klassen der Bevölkerung liegt, während in England, 
trotz der direkten Form der Kommunalbesteuerung, die minderbemittelten Klassen in viel 
höherem Masse zu den kommunalen Lasten herangezogen werden, und in Frankreich, den 
andern romanischen Staaten und Österreich das Oktroi noch in starkem Masse in Anspruch 
genommen wird. 

II. 

Die geschichtliche Obersicht über das Steuerwesen seit 1800 bis zur Gegenwart hat gezeigt, 
dass dieses reich ist an Bewegungen und Gährungen, an Veränderungen und Neubildungen. Kein 
Staat ist von ihnen verschont geblieben und in manchen Staaten ist kaum ein Jahrzehnt ohne grössere 
oder kleinere l^eformen verlaufen. Bezeichnend für diesen Entwicklungsprozess ist die allmähliche 
Verschiebung der durch die Reformen angestrebten Ziele. Zwar die Veranlassung ist in den weitaus 
meisten Fällen die gleiche: es ist regelmässig der Zwang, der von den gesteigerten Bedürfnissen des 
Staates oder der anderen öffentlichen Körper ausgeht und auf Erhöhung der Steuereinnahmen 
drängt. Aber je länger je mehr treten bei der Durchführung der Reformen auch andere Rücksicht- 
nahmen in Konkurrenz mit den rein fiskalischen. Waren es zu Anfang des vorigen Jahrhunderts 
politische Erwägungen, die in vielen deutschen Staaten, in Österreich, später noch in Italien zur 



K. T/t. von Eheherg, StCDerreformen. 129 

Unifikation und Umbildung des Steuerwesens führten, so ist der weitere Verlauf der Reformen 
mehr durch die tiefurcifendcn Veränderun<;en im wirtschaftliehen und sozialen Leben, die Umge- 
staltungen der Produktionstechnik, die Lockerung der alten ständischen und beruflichen Gliederung, 
die zunehmende Differenzierung der Einkommen und Vermögen, die Beweglichkeit der Kapitalien 
und zahlreiche andere Ursachen boeinflusst worden. Neue politische und soziale Ideen treten auf. 
Die Ausstattung immer breiterer Massen mit politischen Rechten zwingt zur Rücksichtnahme auf 
deren Forderungen. Das soziale Gewissen erwacht und wird durch die sozialistische Kritik und die 
ethischen Anschauungen, die in der Volkswirtschaftslehre sich Bahn brechen, wach erhalten. Dieser 
Ideenrichtung kann die formale Gleichheit und Gerechtigkeit, wie sie die alten Ertragssteuersysteme 
zu verwirklichen trachteten, nicht mehr genügen. Man will im Steuerwesen den wirklichen Ein- 
kommens- und Vermögensv-erhältnissen möglichst nahe rücken, die Besteuerung möglichst der 
Leistungsfähigkeit anpassen. Diese Bewegung fand an der Wissenschaft, wenigstens an der deutschen 
seit den 1870er Jahren, kräftigen Rückhalt. Immer heftiger wird der Kampf gegen die sog. iniiirekten 
Steuern, die Verbrauchsabgaben und die Zölle, deren "Wirkung auf den Einzelhaushalt unberechenbar 
und unkontrollierbar ist und von denen man, und in der Regel auch mit Recht, eine stärkere Be- 
lastung der unteren Klassen anzunehmen sich für berechtigt hält. Freihändlerische Strömungen 
und parteipolitische Dogmen verhindern zudem, wenigstens in Deutschland, eine Ausbildung 
staatlicher Monopole, obwohl diese noch am ehesten eine Anpassung der Steuer an die Leistungs- 
fähigkeit der Verbraucher verbürgt hätten. Wo Verbrauchssteuern nicht umgangen werden können, 
da fordert man im Interesse einer ausgleichenden Gerechtigkeit eine stärkere Heranziehung der be- 
sitzenden Klassen durch rationelle Ausgestaltung der direkten Steuern. Der Ruf nach der allge- 
meinen Einkommensteuer, der in Deutschland seit 1848 nicht mehr verstummte, hat sich allmählich 
so bemerkbar gemacht, dass, wie die historische Übersicht zeigte, ihr Sieg heute besiegelt ist. In 
ihr glaubt man den richtigen Repräsentanten einer Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit ge- 
funden zu haben. Sie ist aber nicht nur der Ausdruck demokratischer Forderungen geworden, 
sondern hat auch ihrerseits wieder die ganze Frage der Gerechtigkeit im Steuerwesen neu angeregt. 
Nur sind es jetzt mehr die feineren Probleme der Progression, der Abstufung der Steuersätze, der 
Festsetzung des Existenzminimums, der Berücksichtigung der individuellen, die Leistungsfähigkeit 
mindernden Verhältnisse, die sich in den Vordergrund der Betrachtung geschoben haben. Ebenso 
und von gleichen Grundideen ausgehend hat man, anfangs schüchtern, später immer entschiedener, 
die Vorbelastung des fundierten Einkommens durch Vermögens- oder auf Besitz beruhende Ertrags- 
steuern, zum Teil auch durch andere Besitzabgaben, vorn hmlich die Ausgestaltung der Erbschafts- 
besteuerung, gefordert. Des weiteren hat in nahezu allen westeuropäischen Staaten, in Deutschland 
sowohl wie in Österreich, England, Frankreich, das Anwachsen des Kommunalbedarfes zur Frage 
nach der zweckmässigsten Ordnmig des kommunalen Steuerhaushaltes angeregt. Die Vorschläge, 
die in dieser Hinsicht gemacht wurden, und die tatsächlich durchgeführten Reformen mussten auch 
auf das staatliche Steuerwesen zurückwirken. Es musste die Frage nach einer geeigneten Austeilung 
der Steuern auf Staat und Gemeinde erwogen und entschieden. Kommunal- und Staatsbesteuerung 
in ein organisches Verhältnis zu einander gebracht werden, so dass jede für sich dar besonderen 
Natur des betreffenden öffentlichen Körpers und die Gesamtbesteuerung doch dem Wesen der 
finanziellen Einheit von Staat und Gemeinde entsprach. Dazu trat in Deutschland mit der Be- 
gründung des Reiches die schwierige Aufgabe, auch den Bedürfnissen des Reiches nach Steuerein- 
nahmen gerecht zu werden, ohne den Gliedstaaten ihren Anspruch auf solche zu verkümmern, und ohne 
die im Einzelstaat mühsam errungenen Fortschritte auf dem Wege zm- Steuergerechtigkeit aufzuheben 
oder allzusehr zu beeinträchtigen. Vergegenwärtigt man sich diese steuerpolitischen Schwierig- 
keiten, neben denen noch zahlreiche andere rein politischer, technischer, wirtschaftlicher Art einher- 
gehen, so kann es nicht wunder nehmen, dass z. B. die Finanzreformen des Reiches von 1906 und 
1909 eine schier unübersehbare Literatur hervorgerufen haben, die überreich ist an Kontroversen, 
je nach der politischen Auffassung, der wirtschaftlichen Stellung, dem finanziellen Verständnis und 
dem sozialen Empfinden der Verfasser. 

Schon die heute noch bestehenden, oft weit auseinandergehenden Meinungsverschieden- 
heiten, die tatsächlichen Unterschiede im Steuerweaen der einzelnen Staaten, die rastlos sich voll- 

Buidbnch der Politik. 11. Auflage. Band U. 9 



130 -fi^' '^f^' ^'ow Eheberg, Steuerreformen. 

ziehenden "Wandelungen im Wirtschaftsleben und andere Umstände bürgen dafür, dass auch die 
Zukunft sich eingehend mit Problemen des Steuerwesens wird beschäftigen müssen. Selbst in den- 
jenigen Ländern, welche sich der grössten Fortschritte rühmen dürfen, kann und wird das Um- und 
Weiterbilden nicht zum Stillstande kommen. Dafür sorgt schon das Anwachsen des Staatsbedarfes. 
Wir werden uns weiter in der Richtung wachsender Ausgaben für öffentliche Zwecke bewegen. Es 
hat nicht den Anschein, als ob die Völker auf das Waffenkleid, das sie zum Schutze ihrer Unab- 
hängigkeit, zur Wahrung ihrer wirklichen oder vermeintlichen Interessen in der Weltpolitik angelegt 
haben, verzichten wollten. Wir werden auch in der Zukunft steigende Ausgaben für Heer und Flotte 
zu verzeichnen haben. Aber auch die innere Verwaltung, die schon seit den letzten Jahrzehnten 
an der Steigerung der Ausgaben relativ in stärkerem Masse beteiligt war als die Land- und Seemacht, 
wird wachsende Anforderungen an das Budget stellen. Es ist dies so häufig und überzeugend nach- 
gewiesen worden, dass es des Beweises nicht bedarf. Der Schuldendienst wird gleichfalls mit zu- 
nehmenden Ziffern zu rechnen haben. Selbst wenn den Staaten kriegerische Ereignisse erspart 
bleiben und in der Aufnahme von Schiilden grössere Zurückhaltung beobachtet wird, werden doch 
neue Schulden unvermeidüch sein. Wiid vollends, wie es den Anschein hat, das da und <iort ver- 
nachlässigte Tilgen von Schulden wieder energischer in die Hand genommen, so wird auch dies zu 
einer stärkeren Inanspruchnahme von Steuerleistungen Veranlassung geben. Die Erfahrung hat 
bisher gezeigt, dass dieses Anwachsen des Staatsbedarfes aus der Vermehrung des Wohlstandes allein 
bei gleich bleibenden Steuersätzen keine Deckung findet, dass vielmehr ohne Steigerung der Steuer- 
sätze und unter Umständen ohne Erweiterung des Steuersystems nicht wird auszukommen sein. 
Wird nun schon bei jeder Steuererhöbung im staatlichen Finanzwesen eine erneute Prüfung des 
ganzen Steuersystems oder wenigstens der Steuersätze sich auldrängen, so wird diese um so not- 
wendiger werden, je mehr auch die Gemeinden und höheren Kommunalkörper, konkurrierend mit 
dem Staate, steigende Ansprüche an die Steuerkraft ihrer Mitglieder erheben. Ist vollends, wie im 
Deutschen Reich, noch ein dritter und so ungenügsamer Bewerber um finanzielle Mittel vorhanden, 
60 werden Steuerreformen und Reformbewegungen nicht von der Tagesordnung verschwinden. 
Es dürfte deshalb angezeigt sein, im Folgenden vom Standpunkte der Wissenschaft aus die Frage zu 
erörtern, auf welchem Wege und in welcher Richtung sich die Steuerreformen der nächsten Zeit, 
insbesondere in Deutschland, bewegen werden und sollen. Dabei ist zunächst die Vorfrage zu er- 
ledigen, welche Forderungen die Wissenschaft an ein rationelles Steuerwesen stellt und inwieweit 
das Steuerwesen heute schon diesen Ansprüchen genügt. 

Seit den Tagen von Justi und A. Smith hat man in der Finanzwirtschaft sich bemüht, all- 
gemeine Grundsätze aufzustellen, die für die Ausgestaltung des Steuersystems massgebend sein 
sollten. Heute fordert die Wissenschaft übereinstimmend, 1. dass das Steuersystem so eingerichtet 
sei, dass es den Bedarf des Staates zu decken und auch dem Anwachsen des Staatsbedarfes zu ge- 
nügen vermöge, 2. dass keiner, der überhaupt etwas zu leisten in der Lage sei, von den Steuern 
befreit werde, 3. dass die Steuern möglichst gerecht und gleichmässig auf die Pflichtigen verteilt, 

4. dass Erschwerungen und Belästigungen des Wirtschaftslebens nach Tunlichkeit vermieden und 

5. Erhebung und Veranlagung zweckentsprechend geordnet werden. Vom Standpunkte der Finanz- 
verwaltung ist der erste Grundsatz der wichtigste. Aber er wird sich nur dann gebieterisch und ohne 
Rücksicht auf die anderen Grundsätze durchsetzen dürfen und können, wenn ausserordentliche 
Notlagen den Staat zwingen, jedes Opfer von seinen Untertanen zu fordern, das geeignet ist über 
Tage des Unglücks hinwegzuhelfen. In normalen Zeiten wird dagegen mehr die Rücksichtnahme 
auf die anderen Grundsätze den Gang der Steuerreformen bestimmen, und unter diesen hat sich 
seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts immer mehr die Frage in den Vordergrund geschoben, 
wie die Besteuerung auszugestalten sei, damit sie gerecht und gleichmässig sei. Da diesem Problem 
ein eigener Abschnitt in diesem Handbuch gewidmet ist, so darf an dieser Stelle nicht ausführlicher 
darauf eingegangen werden. Weil aber alle Steuerreform von der Stellung zu diesem Problem 
bedingt ist, so können wir nicht umhin, unseren Standpunkt in aller Kürze zu präzisieren. 

Dass die Frage der gerechten Steuerverteilung in den letzten Jahrzehnten der Angelpunkt 
der meisten Steuerreformen gewesen ist, hängt in erster Linie mit dem gesteigerten sozialen Empfinden 
der Gegenwart zusammen. Die Forderung der austeilenden Gerechtigkeit, die bis weit in die Kreise 



K. Th. von Eheberg, Steuerreformen. 131 



der bürgerlichen Nationalökonomen Verständnis und Vertretung fand, musste am ersten da nach 
Geltung nngen, wo der Staat mit diesem Problem in Berührung trat. In dem auf dem Individualis- 
mus beruhenden privaten "Wirtschaftsleben stehen der Verwirklichung der austeilenden Gerechtig- 
keit unüberwindliche Hindernisse der verschiedensten Art entgegen. Bei den Beziehungen der 
Einzelnen zum Staate dagegen können die Forderungen gerechter und gleichmässiger Behandlung 
am ehesten Verwirklichung finden. Wann aber ist die Besteuerung gerecht und gleichmässig ? Die 
Antwort lautete bekanntlich verschieden je nach den herrschenden Anschauungen von den Aufgaben 
des Staates und der Stellung des Einzelnen zum Staate. Ernsthaft können nur zwei Theorien 
in Betracht kommen: die eine, welche die Steuer als ein Äquivalent für die dem einzelnen durch den 
Staat geleisteten Dienste ansieht, die andere, die sie nur nach der wirtschaftlichen Leistungsfähig- 
keit bemessen haben will. Die erste beherrschte die liberalistische Periode der Volkswirtschaftslehre. 
Sie steht im Zusammenhange mit der Lehre von der Beschränkung der Staatstätigkeit und ist auch 
nur in diesem Zusammenhange halbwegs verständlich. So verlangte Bastiat, ein Anhänger dieser 
Lehre, in einer Rede in der gesetzgebenden Versammlung von 1849, dass der Staat mit jedem 
Bürger auf dem Steuerzettel abrechnen und genau ausschlagen solle, wie viel Steuer für die Polizei, 
wie viel für Rechtspflege, wie viel für diese und jene kriegerische Unternehmung zu entrichten sei — 
80 wie wir heute etwa gesonderte Zettel für Brand Versicherung oder Wasserzins öder Kehrichtab- 
fuhr und dergl. erhalten. Allein dieser Gedanke entspringt einer ganz privatwirtschaftlichen Auf- 
fassung. Er ist weder im Prinzip berechtigt noch praktisch durchführbar und erscheint als völlig 
sinnlos, wenn der Aufgabenkreis des Staates einen solchen Umfang erreicht hat wie in der Gegen- 
wart. Solche Kollektivauseaben entziehen sich einer rechnerischen Verteilung auf die einzelnen 
Bürger, und es ist deshalb auch ein Ding der Unmöglichkeit, die Steuerlcistung der einzelnen mit 
ihrem persönlichen Interesse an den staatlichen Kollektivleistungen in Verhältnis setzen zu wollen. 
Es ist nicht überflüssig, dies auch heute noch zu betonen. Im Reichstag und bei der Reichsregierung 
ist der Gedanke, bei der Besteuerung die Bemessung nach den Vorteilen vorzunehmen, wiederholt 
aufgetaucht und zur praktischen Verwirklichung gebracht worden. Es sei daran erinnert, dass bei 
Gelegenheit der Flottenvorlage vom Jahre 1900 der Satz ausgesprochen und in der Erhöhung der 
Verkehrssteuern auch zur Geltung gebracht wurde, dass die Mehrung der Flotte in erster Linie 
dem Handel und der Industrie zugute käme und deshalb durch Steuern bestritten werden müsse, 
die an diese Kreise sich hielten. Die Reichszuwachssteuer ist mit derMotivierungbegründet worden, 
dass die Werterhöhungen der Grundstücke in erster Linie dem Aufblühen der deutschen Volks- 
wirtschaft durch die Existenz und die Veranstaltungen des Reiches zu danken sei. Allein in beiden 
Fällen kann die Begründung nicht als stichhaltig angesehen werden ; denn hier wie dort fehlt es an 
dem Nachweise, dass die im allgemeinen Interesse, ohne Beziehung zu einem bestimmten Personen- 
kreise unternommenen Veranstaltungen des Reiches gerade den Handeltreibenden oder Grund- 
besitzern allein oder auch nur vorwiegend zu gute gekommen seien. Die Schaffung einer 
tüchtigen Flotte soll doch der Wahrung des Friedens und der nationalen Unabhängigkeit 
und der Vertretung aller politischen und wirtschaftlichen Interessen im Auslande dienen; 
ihr Nutzen wird jedem Reichsdeutschen zugute kommen. Noch bedenklicher ist die Be- 
gründung der Reichszuwachssteuer. Hier fehlt es an jedem erkennbaren Zusammenhang 
zwischen bestimmten Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln und der Grund Wertsteigerung. 
Mit einer Begründung, wie sie der Reichszuwachssteuer gegeben worden ist, kann man 
jede Sondersteuer auf Erwerbsberufe begründen, die seit der Errichtung des Reiches sich 
im Aufblühen befinden. Es wird gut sein auf dem betretenen Weg, der zur alten Interessen- 
theorie zurückführen würde, nicht weiter zu schreiten. Man hat diese seinerzeit mit Recht ver- 
lassen, weil sie ungerecht und praktisch undurchführbar ist; denn es fehlt an jeder Möglichkeit, 
dem einzelnen den Wertanteil zuzumessen, den die Befriedigung kollektiver Bedürfnisse für ihn 
hat, und darnach die Steuern zu bestimmen. Unabsehbare Interessenkämpfe der einzelnen Klassen 
und Berufsgruppen gegeneinander um die Austeilung der Steuerlast würden die B^'olge einer er- 
weiterten Anwendung des Interessenprinzipes sein. Man überlasse dieses den Gemeinden oder 
beschränke seine Anwendung auf diejenigen Fälle, in denen der Zusammenhang zwischen staat- 
licher Leistung und privatem Interesse ein sinnfälliger und nachweisbarer ist, Es ist möglich, dass 

9* 



132 K. Th. von Wieher g, Steuerreformen. 

der eine von den Institutionen des Staates mehr Vorteil zieht als der andere. Es ist möglich, dass 
der Ausbau der Flotte die Dividenden der Gesellschaften erhöht, die den Schiffsbau betreiben, 
dass er den Umsatz der exportierenden Händler und Industriellen erhöht, dass er den Auslands- 
geschäften inländischer Kapitalisten und Unternehmer grössere Sicherheit verleiht. Aber abgesehen 
davon, dass der Staat auch daran durch höhere Erträge der Einkommen-, Vermögens-, Verkehrs- 
steuern usw. teil nimmt, kommt der Aufschwung in Handel und Industrie auch den Arbeitern durch 
höhere Löhne oder Erweiterung der Arbeitsgelegenheiten, zahlreichen Gewerben durch Erhöhung 
der Kaufki-aft, Zunahme der Konsumtion usw. zugute. Und jedenfalls ist das eine sicher, dass es 
an jeder Möglichkeit fehlt, das Mehr an Vorteilen, das der eine etwa gegenüber dem anderen hat, 
einwandfrei festzustellen, so dass es zur Grundlage der Steuerausteilung gemacht werden könnte. 
Es bleibt nichts anderes übrig, alsdieSteueralseineGegenleistung für die Erfüllungderaligemeinen 
Staatsaufgaben anzusehen und die Verpflichtung zu ihrer Entrichiung allen denen aufzulegen, die 
der Staatsleistungen teilhaftig sind. Und der Massstab der Steuerausteilung kann dann nur in der 
Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen gefunden werden. 

Allein mit dem Bekenntnis zu dieser Auffassung sind die Schwierigkeiten keineswegs er- 
ledigt. Im Gegenteil; sie beginnen erst eigentlich damit. Denn sofort wird sich die Frage erheben, 
welche Steuer oder welches Steuersystem geeignet sei, die Besteuerung nach der Leistungsfähig- 
keit zu verwirklichen. 

Man hat sich in der Wissenschaft zunächst darüber geeinigt, dass die Grösse des Einkommens 
der beste Gradmesser der Leistungsfähigkeit sei. Wobei unter Einkommen die Summe der 
Reinerträge zu verstehen ist, über die der einzelne verfügen kann, ohne den Vermögensstamm an- 
greifen zu müssen. Allein man konnte sich doch auch nicht der Tatsache verschliessen, dass zwei 
Personen mit gleich grossem Einkommen verschieden leistungsfähig sind je nach der Art ihres 
Einkommens, d. h. je nach der Quelle, aus der das Einkommen fliesst. Und es wird nicht bestritten 
werden können, dass das aus Besitzquellen fliessende, mit Hilfe von Immobiliar- oder Mobiliar- 
werten erzielte Einkommen im allgemeinen gesicherter ist als das reine Arbeitseinkommen. Denn 
das Einkommen aus Grund-, Haus- und Kapitalbesitz, einschliesslich des in Gewerbe und Handel 
investierten Vermögens, entspringt aus dauernden Quellen, gibt seinem Besitzer auch nach Ein- 
stellung der Ai-beit und in vielen fällen ohne irgend eine Arbeitsleistung ein Reuteneinkommen, 
überdauert zumeist die Person des Besitzers und sichert die Zukunft seiner Rechtsnachfolger. Das 
nicht fundierte Einkommen dagegen steht und fällt mit der Person des Erwerbers, ist schwankend 
mid versiegt mit Alter und Krankheit, und die Zukunft der Familie kann nur dadurch mehr oder 
weniger gesichert werden, dass es dem Erwerber gelingt, aus seinem Einkommen Rücklagen zu 
machen. Aber die eingehende Erörterung des Problems der Besteuerung nach der Leistungs- 
fähif^keit hat sich auch mit der höheren Belastung des fundierten Einkommens nicht zufrieden 
gegeben: nicht nur die Grösse und Ait des Einkommens soll der Steuergesetzgeber beim Ausmass 
der Steuer in Rechnung setzen, sondern er soll auch die individuelle Leistungsfähigkeit, die von 
der durchschnittlichen, durch eine bestimmte Einkommensgrösse imd -art verbürgten erheblich 
abweichen kann, in Rücksicht ziehen. Es ist nicht zu bestreiten, dass von zwei Personen mit gleich 
grossem und gleichartigem Einkommen, es dem einen, der mehr Kinder aufzuziehen oder mehr 
Angehörige zu unterhalten hat wie der andere, oder der Krankheiten und sonstiges Missgeschick 
im Hause hat, von dem der andere verschont blieb, viel schwerer fallen wkd, die gleiche Steuer- 
Bumme zu entrichten wie dem andern. Die neuere Gesetzgebung hat diesem L^mstande auch Rech- 
nung zu tragen gesucht. Allein anschliessend au solche Erwägungen haben sich in der letzten Zeit 
Stimmen erhoben, die zwar grundsätzlich für die Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit ein- 
treten, aber diese nicht nach der Grösse des Einkommens sondern nach dem „Überfluss" oder nach 
der „Ersparungsmöglichkcit" wollen bemessen wissen. Es solle, sagt man, nicht nur die Grösse 
des Einkommens sondern auch der individuelle Verbrauch berücksichtigt werden. Die Steuer 
könne nur dann als der Leistungsfähigkeit entsprechend angesehen werden, wenn sie für jeden das 
gleiche Opfer bedeutet. Miin könne aber bei gleichen Einkommensgrössen eine gleich hohe 
Steuer für zwei Steuersubjekte ganz verschieden schwer treffen, wenn der eine der beiden Steuer- 
pflichtigen gezwungen sei, jährlich grössere Ausgaben zu machen, z. B. weil die Zahl seiner Familien- 



K. Tli. von Eheberg, Steuerreformen. 133 

anpehörigen jrrösser ist. Der Steuerpflichtige mit grösserer Familie müsste dann seinen Verbraucli 
erheblich einschränken, um die Steuer entrichten zu können, während der andere, der keine 
Familie hat, noch sog. Anstands- oder Luxushedürfnisse befriedigen könne. Positiv ausgedrückt 
wird also hier eine Besteuerung des sog. freien Einkommens verlangt, d. h. desjenigen Einkommens, 
das nach Abzug des notwendigen Unterhaltes des Steuerpflichtigen und seiner von ihm zu unter- 
haltenden Familienangehörigen übrig bleibt. 

Die Idee knüpft an ältere Lehren an; man hat auch die Steuerprogression mit der Opfer- 
theorie zu begründen gesucht. Der Gedanke ist auch an sich nicht unrichtig ; schon bei den alten Jung- 
gesellensteuern und bei der erst kürzlich in Reuss zur Einführung gebrachten spielt die Erwägung 
herein, dass der Junggeselle, der sich von den Lasten eines Familienhaushaltes frei weiss, in der Lage 
sei, dem Staate mehr Steuern zu bezahlen als der Familienvater. Aber an der praktischen Durch- 
führung des Gedankens wird man füglich zweifeln dürfen. Natürlich würde eine nach dem „Über- 
flusse" bemessene Steuer genaue Massangaben über den Verbrauch voraussetzen. Ist schon die 
DekJarierung des Einkommens mit vielen Unzuträglichkeiten und Belästigungen des Steuerzahlers 
verbunden, so würden diese bei Massangaben über den Verbrauch sich ins Ungeheuerliche vermehren. 
Ohne eingehende Kontrollen wären solche Angaben unbrauchbar; aber solche Kontrollen würden 
einen kaum zu ertragenden Eingriff in die rein private Sphäre des Haushaltes bedeuten. Wollte 
man sich aber mit einer amtlichen Feststellung des durchschnittlichen ,, notwendigen Verbrauchs" 
unter Berücksichtigung der Zahl der Familienangehörigen begnügen, so wäre bei der grossen Dehn- 
barkeit des Begriffes „notwendiger Verbrauch" bei dem verschiedenen Verhalten der Einzelnen 
selbst gegenüber den elementaren Bedürfnissen des Essens, Trinkens und Wohnens, bei der erheb- 
lichen örtlichen Verschiedenheit der Preise usw. zu befürchten, dass die Ungleichheiten in der Be- 
steuenmg eher zu- als abnehmen würden. Die positive Grösse des Einkommens bezw. des Ver- 
mögens wird nach wie vor ein besserer, weil objektiv feststellbarer Massstab der Besteuerung sein 
als die unsichere Grösse des Verbrauches. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, dasa die Grösse 
der Verbrauchsbelastung, von der gleich die Rede sein wird, sich in einem rationellen Verhältnis zur 
Grösse des Einkommens, bezw. zur Gesamtbesteuerung zu bewegen liabe 

Wir sind also der Meinung, dass es wie bisher so auch in Zukunft Aufgabe und Ziel der Steuer- 
politik sein müsse, die Besteuerung der Leistungsfähigkeit möglichst anzupassen und dass dies am 
besten durch Steuern geschehe, die im Prinzipe nach der Grösse und Art des Einkommens bemessen 
sind. Wie diese Steuern im einzelnen beschaffen und geartet sein sollen und welche Ausnahmen 
von diesem Prinzip gemacht werden mögen, davon wird nachher noch die Rede sein. Nun lehrt 
aber die Erfahrung, dass kein Staat der Welt, welche Wirtschaftsstufe und Verfassungsform immer 
er aufweisen mag, seinen Staatsbodarf allein durch Steuern von Einkommen und Besitz zu decken 
vermag und kein Theoretiker und keine politische Partei, mit Ausnahme der Sozialdemokratie, 
hat die Verbrauc sbosteuerung grundsätzlich verworfen. Man kann sich doch auch der Tatsache 
nicht verschliessen, dass Verbrauchssteuern die mildeste Form der Besteuerung der unteren Klassen 
sind, in der sie in kleinsten Beträgen der auch ihnen obliegenden Pflicht zu Leistungen an den Staat 
genügen können. Der oft gehörte Einwand, dass durch diese Besteuerung die unteren Klassen im 
Unklaren gelassen wüiden über die Grösse ihrer Leistungen, ist heute angesichts der Aufklärungs- 
arbeit ihrer Vertreter und der sozialpolitischen Steuertheoretiker hinfällig. Dass, wie wir wissen, 
jedesmal, wenn eine Verbrauchssteuer in Vorschlag gebracht wird, heftige Kämpfe entbrennen, ist 
richtig; aber bei diesen handelt es sich doch mehr um die Frage der Ausdehnung der bereits be- 
stehenden Verbrauchssteuern, um die Steuerform, um die Höhe der Steuer, um das Belastungs- 
verhältnis, um Rücksichtnahmen auf die Produzenten und Händler als um eine völlige Negation der 
Berechtigung der Verbrauchsbesteuerung an sich. Es darf dabei auch nicht verkannt werden, dass 
die Entwickelung, die das Steuerwesen der Kulturstaaten genommen hat, viele Missstände im Ver- 
brauchssteuerwesen beseitigt oder gemildert hat und dass die Hoffnung als nicht unbegründet er- 
scheint, dass die Zukunft weitere Verbesserungen bringen werde. Kein Parlament und keine Re- 
gierung wüide heute mehr wagen, inländische Steuern auf Brot und Fleisch zu legen ; wo die Kommu- 
nen im deutschen Reich ein solches Recht bis in die neueste Zeit besassen, hat die Reichsgesetz- 
gebung es beseitigt. Sicher bestehen auch heute noch erhebliche Mängel im Verbrauchssteuerwesen. 



134 ^' Th. von Ehebertf, Steuerreformen. 

Vom Standpunkte der Steuerpolitik aus sind auch Lebensmittelzölle zu beanstanden; denn diese 
wirken nicht nur durch die Verteuerung der aus dem Auslande eingeführten Mengen son'lern noch 
mehr durch Erhöhung der Preise der gleichartigen Inlandsprodukte und sie belasten die grosse 
Volksmasse empfindlich. Bei Errichtung von Schutzzöllen auf Lebensmitteln und namentlich bei 
staiker Erhöhung von solchen werden deshalb die gesetzgebenden Faktoren immer die Frage auf 
das ernsthafteste zu prüfen haben, ob der V'orteil, den der Schutzzoll einer Klasse von Produzenten 
gewährt, gross genug ist, um die Lasten zu rechtfertigen, die damit den Konsumenten, und zwar 
den unbemittelten in weit höherem Jlasse als den bemittelten, zugemutet werden. Der Trost der 
Abwälzung, der den betroffenen Kreisen gegeben zu werden pflegt, ist, wie nachher noch zu zeigen 
sein wird, wenig überzeugend. Abgesehen von den Getreide- und Viehzöllen ist als kopfsteuerartige 
Abgabe im deutschen Reiche wae in anderen Staaten nur mehr die Salzsteuer vorhanden. Es ist 
zuzugeben, dass ihre Beseitigung erwünscht wäre. Immerhin darf gegenüber den, namentlich in 
früherer Zeit, oft mit Leidenschaft und nicht ohne Übertreibung geführten Kämpfen hervorge- 
hoben werden, dass sie heute ungleich milder wie früher und der Wert des Steuergegenstandes an 
sich ein minimaler ist. Zudem lassen die bei der jüngsten Aufhebung der gemeindlichen Aufschläge 
auf Getreide und Fleisch gemachten Erfahrungen die Befürchtung begründet erscheinen, ob ihre 
Aufhebung wirklich den Konsumenten im vollen Umfange zugute käme. Im übrigen erstreckt sich 
die inländische Verbrauchsb Steuerung doch zum weitaus grössten Teile auf Genuss- imd Reiz- 
mittel, deren der Einzelne ohne Schaden, ja oft zum .Nutzen seiner Gesundheit entraten kann. Dass 
trotz starker und nicht selten steigender Besteuerung der Konsum von Alkohol, Tabak, Zucker 
usw. stark zunimmt, ist doch ein Zeichen einer bis in die unteren Klassen herabsteigenden 
Erhöhung der Lebenshaltung. Bemerkenswert sind die Versuche, den Gedanken der Steuerpro- 
gre^s-ion, der im direkten Steuerwesen immer mehr zum Siege gelangt, auch bei den Verbrauchs- 
steuern durch Anpassung der Sätze an die Qualität der besteuerten Objekte zu verwirklichen. Die 
Tabakwert- und die Zigarettensteuer des Reichs sind dafür ein Beweis. Jedenfalls zeigt die Ent- 
wickelung des Verbrauchssteuerwesens in den letzten Jahrzehnten, in England allerdings mehr als bei 
uns, dass man auch hier sozialen Erwägungen zugänglich ist und den Einwendungen gegen ihre Mängel 
gerecht zu werden sucht. Die Theorie hat dieser Auffassung schon seit langem vorgearbeitet. Sie 
hat sich die Unentbehrlichkeit der Verbrauchssteuern nicht verhehlt, aber ebensowenig deren be- 
denkliche AVirkungen auf eine relative Überlastung der unteren Klassen. Sie hat deshalb stets 
auf eine Ausgleichung durch passende direkte Steuern auf Erwerb, Einkommen und Vermögen, 
in erster Linie durch Einkommen- und Vermögenssteuern, dann aber auch durch Erbschafts-, 
Besitzwechsel-, 'Wertzuwachs-, Börsensteuern u. dergl. und vor allem durch weitgehende Steuer- 
befreiungen und -erleichterungen der unteren Klassen bei den Einkommens- und Erwerbssteuern 
hingewiesen. Und die Gesetzgebung hat sich in England, Deutschland, selbst in Frankreich diesem 
Standpunkte doch mehr und mehr genähert. Auch darf nicht übersehen werden, dass die Ver- 
brauchssteuern doch auch die vermöglicheren Klassen neben den Einkommens- und Besitzsteuern 
mit belasten und zwar um so mehr, je mehr sie sich auf Genuss- und Reizmittel beschränken und 
nach Qualitätsuntersclii( den abgestuft sind. Wie gross der Anteil der einen und der anderen Schicht 
an der Gesamtbelastung ist, lässt sich freilich nicht genau nachweisen. AVittsehewsky nimmt an, 
dass im deutschen Reich von den Zöllen auf die Unterschicht mit einem Einkommen bis 1500 M. 

60.8 %, auf die Oberschicht 39,2 %, oder 0,6 und 12.8 M. pro Kopf, von den Verbrauchssteuern 

64.9 bezw. 35,1 %, und in Kopf betragen 9 und 14,6 M. entfallen. Aber abgesehen von manchen 
anderen Bedenken, die gegen die Berechnung dieser Zahlen erhoben werden können, ist vor allem 
auf das eine hinzuweisen, dass, wie Wittschewsky selbst bemerkt, die Hauptmasse auch der Ver- 
braucher der von ihm sogenannten Oberschicht wegen ihres geringen Einkommens der Unterschicht 
sehr nahe steht. Es kann deshalb die von ihm vorgenommene Austeilung nicht als überzeugend 
angesehen werden. 

Für das deutsche Reich dnrf bei Beurteilung der Belastungsverhältnisse natürlich nicht 
ausser acht gelassen werden, dass Reich und Bundesstaaten, einschliesslich der Selbstvcrwaltungs- 
körper, wie in bezug auf Politik und Kultur, so auch in finanzieller Beziehung eijie Einheit bilden. 
Es ist nicht angängig, die Steuern des Reiches für sich zu betrachten und zu beurteilen, man wird 



K. Th. von Eheberg, Steuerreformen. 135 

sie nur im Zusammenhange des grossen Ganzen auf ihre Wirkung prüfen dürfen. Eine Steuer des 
Reiches, die für sich allein betrachtet die Kritik zu berechtigtem Widerstände herausfordert, 
kann gleichwohl zulässig sein als Glied der Gesamtbesteuerung, wenn ihreWii'kungen durch Steuern 
der Einzelstaaten ausgeglichen oder abgeschwächt werden. Das führt überhaupt auf die Frage, 
wie die dermalige Belastung im deutschen Reiche, Reich und Bundesstaaten zusammengenommen, 
beschaffen ist, wie die Last sich auf die einzelnen Bevölkerungsklassen verteilt, inwieweit sie der 
Gerechtigkeit entspricht. Wäre eine solche Feststellung möglich, so würde sie die wertvollsten 
Direktiven für die Zukunft geben. 

W^ir sind nicht imstande, diese Frage in dem engen Rahmen, der dieser Abhandlung gesteckt 
ist, auch nur einigermassen erschöpfend zu behandeln. Auch sind wir der Meinung, dass es über- 
haupt nicht möglich ist, die Frage einwandfrei, und noch weniger, sie in einer alle Fragesteller be- 
friedigenden Weise zu beantworten. Wie hoch die Belastungsverhältnisse im deutschen Reiche 
sind, wie sich die Belastung zum Einkommen und, was wieder verschieden ist, zur individuellen 
Leistungsfähigkeit der Steuerzahler verhält, diese Frage ist zwar in Deutschland gerade in der 
letzten Zeit aus Anlass der Reichs- und Landessteuerreformen viel erörtert worden, aber von einer 
Übereinstimmung sind wir weit entfernt. Zwar die Feststellung der auf den Kopf der Bevölkerung 
entfallenden Beträge der Steuern insgesamt und im einzelnen ist nicht allzu schwierig; wir wissen 
z. B. aus den Abhandlungen von 0. Schwarz, dass im Jahre 1907/08 die Nettozölle und Steuern 
in Grossbritannien 57,64, in Frankreich 61,38, in Deutschland 33,54, dass die Vermögens- und Erb- 
schaftssteuern in Grossbritannien 8,65, in Frankreich 4,90, in Deutschland 1,96 M. pro Kopf erbrachten 
usw. Damit ist jedoch nicht viel gewonnen. Das, was man vom steuerpolitischen Standpunkt aus 
wissen möchte, wird mit solchen Zahlenangaben nicht aufgeklärt. Denn solche Durchschuittsbe- 
rechnungen sind, die Richtigkeit der Urzahlen vorausgesetzt, nicht genau vergleichbar, weil für die 
Belastungsfrage die verschiedene Zusammensetzung der Bevölkerung nach Lebensalter, Beruf und 
Erwerb, die Höhe des Volkseinkommens und Volksvermögens und deren Verteilung in der Bevöl- 
kerung massgebend sind und wir in dieser Beziehung vor unbekannten oder nicht hinreichend 
sicher bekannten Grössen stehen. Für das einzelne Land aber kommt es noch darauf an, wie die 
Steuerlast sich auf die Einzelnen verteilt. Und darüber geben die angestellten Schätzungen und 
Berechnungen keinen einwandfreien Aufschluss. Entweder stützen sie sich auf ein allzu beschränk- 
tes, noch dazu oft willkürlich gewähltes Material, aus dem dann in unzulässiger Weise verallgemeinert 
wird; oder sie müssen wegen der politischen Zwecke, denen sie dienen sollen, von vorneherein dem 
Zweifel unterstellt werden. Die Frage der wirklichen individuellen Belastung ist eine der schwierig- 
sten des ganzen Steuerwesens. Das gilt ganz besonders von den Steuern vom Verbrauch, der so 
wenig einer Schablone sich fügt und so sehr von individuellen Verursachungen bedingt ist. Und 
wie wenig wissen wir von den Wirkungen gewollter und nicht gewollter Überwälzungen im Steuer- 
wesen. Alle Berechnungen gehen von der Annahme aus, dass die Steuern genau so treffen, wie sie 
gesetzlich gewollt sind, eine Annahme, füi' deren Richtigkeit es keine Bürgschaft gibt. Nur jahre- 
lang fortgesetzte, umfangreiche und vorurteilslose Erhebungen könnten einiges Licht in das Dunkel 
bringen. Zur Zeit ist eine klare Emsicht in diese Verhältnisse nicht möglich und es ist deshalb 
begreiflich, dass die steuerliche Überlastung der unteren Klassen von den einen ebenso bestimmt 
behauptet, wie von den anderen geleugnet wird. A. Wagner macht mit Recht darauf aufmerksam, 
dass die Statistik mit ihren bisherigen Methoden und Hilfsmitteln nicht in der Lage jst, solche Fragen 
genau zu lösen, auch in Deutschland nicht, wo man sich mehr als sonstwo mit ihnen beschäftigt 
und in den Denkschriftenbänden zur Reichsfinanzreform ein reiches Material zusammengetragen hat. 

Nachdem so der Schwierigkeiten g( dacht ist, die einer Feststellung der Belastungs Verhält- 
nisse entgegentreten, soll doch nicht versäumt werden, in aller Kürze das aufzuzeichnen, was Unter- 
suchungen über das Problem bisher für Deutschland ergeben haben, wobei wii' uns freilich nur an 
einige Schriftsteller halten. Gerloff hat an der Hand von Haushaltungsbudgets berechnet, dass die 
Belastung durch Zölle und die anderen Verbrauchsabgaben bei Einkommen unter 800 M. 4,4 — 6,3 
Proz., bei solchen von 800—1200 M. 4,4—6.3 Proz., bei solchen von 1200— 2000 M. 3,6—5,1, bei 
Einkommen von 2000—4000 M. 2,2—3,2, bei solchen von 4000—6000 M. 1,3—1,9, bei solchen von 
10 000 — 50 000 1,0 — 1,5, bei grösseren Einkommen nur mehr 1 Proz. betragen. Umgekehrt ist 



136 K. Th. von Eheherff, Stenerreformen. 

es bei den Einkommensteuern (staatlichen, kommunalen und kirchlichen). Hier findet Gerloff bei 
Einkommen von unter 800 M. eine Belastung mit 1,2 Proz., die dann in den eben erwähnten Stufen 
bis 10 000 M. Einkommen auf 1,8, 3.8, 4,8, 6,8 und 8,5 Proz. steigt, bei 30 000 M. 9, bei 50 000 11, 
bei 100 000 1 1,5, bei 200 000 12,0 Proz. erreicht. Die Gesamtbelastung mit den erwähnten Abgaben 
würde demnach für die bezeichneten Einkommensgrössen mit 5,6 Proz. beginnen und bei 200 000 M. 
Einkommen 13 Proz. erreichen. "Werden noch die Vermögenssteuern hinzugenommen, so ergibt 
sich eine Skala, die mit 6 Proz. bei 1000 M. Einkommen beginnt und bei 200 000 M. 14,5 Proz. aus- 
macht. Darnach ergäbe sich also eine stark umgekehrt progressive Belastung der untern und mitt- 
leren Klassen durch Zölle und inländische Verbrauchssteuern, aber freilich eine noch stärkere pro- 
gressive Besteuerung der wohlhabenden und reichen Klassen durch die Einkommen- und Ver- 
mögenssteuern. Und das Bild würde noch günstiger im Sinne einer pro,sressiven Gesamtbelastung 
ausfallen, wenn auch die Erbschafts- und die Verkehrssteuern in die Berechnimg einbezogen würden. 
Zu einer optimistischen Auffassung dürfen aber diese Zahlen, wie A. Wagner betont, keineswegs 
verleiten. Denn es drängt sich sofort die Frage auf, ob die Steuer wirklich gerecht, der Leistungs- 
fähigkeit angepasst ist, ob sie wirldich ein g 1 e i c h e s Opfer bedeutet, wenn sie bei Einkommen 
von 1000 M. 6,0—8,0 und bei solchen von 100000 M. 14,5 Proz. beträgt. Im ersten Falle wird den 
Einkommen um 60 — 80 M. gekürzt, im zweiten Falle um 14500 M., aber im ersten Falle bleib n 
dann nur mehr 940 — 920 M. übrig, im zweiten bleiben immernoch 85500M. Den Arbeiter mit lOOOM. 
Einkommen wird der Abzug von 60 — 80 M. schwerer treffen, als den Millionär mit 100 000 M. Rente 
der Abzug von 14 500 M. Der erstere muss sich in der Befriedigung eines notwendigen Bedürfnisses 
einschränken, der zweite braucht nur auf einen Luxuskonsum zu verzichten. A. "Wagner stellt an 
der Hand solcher Erwägungen, mit denen eben die Notwendigkeit einer progi'essiven Besteuerung 
begründet wird, und unter Zugrundelegung der Gerloff'schen Zahlen Berechnungen darüber an, 
wie sich die Belastung der einzelnen Einkommensklassen zu einander verhält, wenn die Steuer- 
quoten nur auf das das Existenzminimum (von 800 M.) überragende Einkommen angerechnet werden. 
Dabei ergibt sich natürlich, dass bei einem Einkommen von 1000 M. xmd bei einem ,, freien" Ein- 
kommen von 200 (1000—800) M. die Steuer 30—40 bei einem Einkommen von 100 000 M. dagegen 
und einem freien Einkommen von 99 200 M. nur 14,1 Proz. beansprucht. Solche Berechnungen haben 
aber wie Wagner selbst am wenigsten verkennt, nur einen b dingten Wert. Immerhin lassen sie das 
Schlussurteil gerechtfertigt erscheinen, das A. AVagner darüber mit folgenden Worten abgibt: 
,,Die Mittelschicht, namentlich von der mittleren Stufe, 10 000 M. Gesamteinkommen, an, und 
vollends die Oberschicht und natürlich am meisten deren beide oberen Stufen können bei den hier 
angenommenen Zahlenvcrhältnissen ihre ganze Lebensführung weit bequemer, schliesslich schon 
völlig reichlich gestalten, in der Sphäre der materiellen Bedürfnisse und auch in derjenigen 
der geistigen, ästhetischen, der Kulturbcdürfnisse, und doch bleibt ihnen dabei noch so viel mehr 
freies Einkommen als der Unterschicht und zumal den beiden untersten Stufen, um ihre Lebens- 
halt\ing immer noch reichlicher zu gestalten, auch immer noch mehr und leichter aus dem verblei- 
benden freien Einkommen Kapitalisierungen vornehmen zu können und von der Besteuerung 
viel weniger hoch getroffen, dim Gefühl des Druckes und des Opfers, welches die Besteuerung ver- 
ursacht, viel weniger schwer unterworfen zu werden". 

III. 

Indem mr uns schliesslich der Frage zuwenden, in welcher Richtung sich die Steuerreformen 
der nächsten Zeit in Deutschland zu bewegen haben werden, glauben wir in den Erörterungen 
des zweiten Abschnittes die Grundlagen zu deren Beantwortung gefunden zu haben. Ist es richtig, 
dass die Gesamtbesteuerung (Reich, Einzelstaat und Komnmnalkörper zusammengenommen) 
heute noch, trotz mancher Fortschritte, die Leistungsfähigkeit der oberen und der unteren Mittel- 
klassen erheblich stärker in Anspruch nimmt als die des höheren Mittelstandes und der oberen 
Klassen imd dass die individuelle Leistungsfähigkeit noch zu wenig Beachtung findet, dann wird 
es Aufgabe der künftigen Steuerpolitik sein: die Personalsteucrn, also in erster Linie die allgemeine 
Einkommensteuer, weiter auszubauen, die Leistungsfähigkeit mindernde Verhältnisse stärker zu 
berücksichtigen, das Existenzminimum zu erhöhen, die unteren Steuerklassen zu entlasten, die 



K. Th. von Eheberg, Steueri-eformen. 137 

Propression weiter zu führen, die Besitzsteuern, Verniöf;ens- und Erbschaftssteuern zu grösserer 
Ergiebigkeit zu bringen. Auch das Gebiet der Verkehrssteuern iässt sich noch erweitern. Sollte 
eine weitere Anspannung der Verbrauchsbesteuerung sich als unabwendbar erweisen, so könnte 
sie sich nur auf eigentliche Genuss- und Reizmittel beziehen odi;r Gegenstände eines aus dem freien 
Einkommen zu bestreitenden Aufwandes ergreifen, wobei nach Möglichkeit auch hier durch Ab- 
stufung der Steuersätze nach der Qualität der mutmasslichen Leistungsfähigkeit der Verbraucher 
Rechnung zu tragen wäre. 

Der umstrittenste Punkt der Reichsfinanz reform von 1909 war die Frage der 
Aus; estaltung der Reichscr b Schaftssteuer , insbesondere der Erstreckung der Steuer 
auf Ehegatten und Abkömmlinge. Es ist nur aus Gründen, die steuerpolitischen Erwägungen 
gänzlich ferne stehen, zu erklären, dass sich hiergegen in den Debatten des Reichstages eine so 
heftige Opposition erhob und dass dicTatsache bei der Mehrheit der Volksvertretung unbeachtet blieb, 
dass derjenige, der ein Vermögen erbt, im Daseinskampfe ganz anders dasteht als derjenige, 
dem nichts hmterlassen wurde. Dass es sich dabei um eine mühelose, nicht selbsterworbene 
Bereicherung handelt, hätte doch auch bei Beurteilimg der Besteuerung der Abkömmlinge imd 
teilweise auch der Ehegatten Beiücksichtigung finden sollen. Zudem sollten ja nach 'dem 
Entwurf der Regierung Erbportionen bis zu einer gewissen Höhe von der Steuer befreit bleiben. 
Die gegen die Besteuerung der Abkömmlinge und Ehegatten entfesselte Agitation, die Denun- 
zierung derselben als „Witwen- und Waisenbesteuerung" als „Totengräberin des deutschen 
Famihensinnes" haben kerne Beweiskraft gegenüber der Tatsache, dass sie nicht nur England, 
Frankreich, Österreich mid die meisten anderen eiu"opäischen Staaten, sondern auch Elsass- 
Lothringen, Hambiu-g, Bremen imd Lübeck seit längerer Zeit betätigen. Jetzt ist die Be- 
steuerung der Abkömmlinge und teilweise auch der Ehegatten für die aus Erbschaften 
stammende Bereicherung auf dem Umwege des neuen Besitzsteuergesetzes doch zur Verwirk- 
lichung gelangt {s. darüber 39. Abschnitt.) 

Bei Gelegenheit der Reichsfinanzreform von 1909 und auch früher schon ist von verschiedenen 
Seiten, namentlich von der Sozialdemokratie und den linksstehenden Parteien, die Forderung ver- 
treten worden, den Bedarf des Reiches zum Teil durch eine Reichseinkommen- oder Reichsver- 
mögenssteuer zu decken. Die Reichsregierung hat sich aber solchen Plänen gegenüber bis zu diesem 
Jalire (1913) ablehnend verhalten. An sich haben Reichseinkommen- oder Vermögenssteuern sicher 
vor den Verbrauchssteuern manches voraus : sie sind vor allem in ihren Erträgnissen weit weniger von 
Zufällen abhängig als diese, sie können mit sicherem Erfolge erhöht und viel besser nach der Leistungs- 
fähigkeit verteilt werden. Das Recht des Reiches, sich ihrer zu bemächtigen, kann ebensowenig 
bestritten werden wie ihre technische Durchführbarkeit. Gleichwohl wird man es billigen müssen, 
wenn das Reich bisher gezögert hat, sie für sich in Anspruch zu nehmen. Die von übereifrigen 
Anhängern der Reichseinkommensteuer vertretene Idee, diese an Stelle der einzelstaatlichen 
Einkommensteuern treten zu lassen und die Einzelstaaten auf Zuschläge anzuweisen, würde diese, 
wie Laband sagt, finanziell auf die Stufe von Provinzial- und Kommunalverbänden herabdrücken. 
Auch wüide die Aufstellung eines Tarifs, der zugleich den Bedürfnissen der Einzelstaaten gerecht 
werden müsste, wegen der verschiedenen Wohlstandsverhältnisse, der verschiedenen Höhe des 
Bedarfs, der Verschiedenheit der staatlichen und kommunalen Steuersysteme in den Einzel- 
staaten auf unüberwindliche Hmdernisse stossen. Reichseinkommen- oder Vermögenssteuer 
könnten nur als selbständige Steuern neben den Landessteuern mit eigenem Tarif, eigener Ver- 
anlagung usw. zur Einfuhrung kommen. Dass auch in diesem Falle schwere Bedenken bestehen, 
ist von Laband, G. v. Mayr, Koppe u. a. emgehend begründet worden. Nun haben aber die 
neuerhchen grossen Rüstungsauegaben, deren Notwendigkeit von der Volksvertretung anerkannt 
wurde, doch dazu geführt, in dem Wehrbeitrag und der Besitzsteuer Vermögen und Einkommen 
zugunsten des Reiches unmittelbar zur Tragung der Lasten heranzuziehen. Da aber die Reichs- 
steuergesetze vom 3. Juh 1913 an anderer Stelle gesondert dargestellt und in ihren Wirkungen 
beurteilt werden sollen, so begnügen wir uns hier damit, diese Tatsache festzustellen. 

Dass die einmal bestehenden Verbrauchs- und Aufwandsteuern, auch wenn sie prinzipiell 
so anfechtbar sind wie die Salz- oder die Ziindholzsteuer, beibehalten werden, dürfte sich als Gebot 



138 K. Th. von Eheberg, Stenerrefomien. 

der Klugheit empfehlen. Denn die Befürchtung ist begründet, dass bei deren Aufhebung die Preise 
der belasteten Waren nicht oder wenigstens nicht um den vollen Steuerbetrag herabgehen würden, 
da es den Produzenten und Händlern nicht allzu schwer fallen dürfte, durch Verabredungen die 
dem Publikum vertraut gewordenen Preise aufrecht zu erhalten. Aus dem gleichen Grunde ist auch 
der Ermässigung der Zuckersteuer, die der Eeichstag für das Jalir 1909 beschlossen hatte, aber wegen 
des gesteigerten Finanzbedarfes wieder aufgeben musste, zu widerraten. Dass Bier und Brannt- 
wein relativ hoch belastet sind, während der Wein, abgesehen vom Schaumwein, unbelastet ge- 
blieben, ist schwer zu rechtfertigen, auch wenn man die wirtschaftlichen Gründe würdigt, mit 
denen diese Steuerfreiheit begründet worden ist. Bedauerlich ist, dass das Reich sich das Tabak- 
monopol entgehen liess und auch die Fabrikatbesteueruug nicht zu erreichen war. Auch das Spiritus- 
monopol, wie die Reichsregierung es plante, hätte den Vorzug vor der ziemlich komplizierten und 
dem fiskalischen Interesse weit weniger zuträglichen Steuerumgestaltung im Jahre 1909 verdient. 
Überhaupt stehen dem fiskalischen Monopol in allen den Fällen, in denen der Privatbetrieb bereits 
einen monopolistischen Charakter angenommen hat, z. B. im Petroleumhandel, weit weniger Be- 
denken entgegen, als ihm gemeiniglich nachgesagt zu werden pflegen. Es ist zu verwundern, dass 
das Publikum sich die hohen Preise eines Privatmonopols gefallen lässt, aber Einspruch erhebt, 
wenn die hierdurch erzielten Gewinne der Allgemeinheit zugute gebracht werden sollen. 

In den Einzelstaaten werden sich die Reformen in der bisherigen Richtung weiter 
zu bewegen haben: Einkommen- und Vermögenssteuer oder anstelle der letzteren zweckmässig 
umgestaltete Ertragsteuern werden das Rückgrat des einzelstaatlichen Steuerhaushaltes zu bilden 
haben. Dabei kann das Ziel nur dahin gehen, diese Steuern, namentlich die Einkommensteuer, 
immer mehr der individuellen Leistungsfähigkeit anzupassen. In dieser Beziehung ist Deutschland 
(und Österreich) bereits heute den anderen Kulturstaaten voraus, was die Progression der Steuer 
betrifft; ebenso in bezug auf Abzug der Produktionskosten und auf Berücksichtigimg besonderer, 
die Leistungsfähigkeit mindernder Umstände. Während die italienische Einkommensteuer nur den 
Unterschied von fundiertem und nicht fundiertem Einkommen berücksichtigt, sonst aber alle 
Einkommensgrössen mit einem proportionalen Steuersatze trifft, während England in seiner Income 
tax nur wenige progressive Stufen bis 700 Pf. St., während Frankreich in seinen Ertragssteuern 
in der Hauptsache nur proportionale Sätze kennt, beginnen die deutschen Einkommensteuern 
vielfach mit etwa V^ Prozent und lassen den Steuersatz z. B. in Preussen bis 4 Proz. bei 100 000 M., 
in Sachsen bis 5 Proz. bei der gleichen Summe, in Bayern bis 5 Proz. bei 300000 M., in Württemberg 
bis 5 Proz. bei 200 000 M., in Lübeck bis 6 Proz. bei 100 000 M. Einkommen ansteigen. Gleich- 
wohl sind auch die deutscheu Einkommensteuern noch in vielen Einzelheiten verbesserungsfähig 
und -bedürftig. Zumeist beginnt die Stcuerpflicht noch bei sehr kleinen Einkommen. Sachsen- 
Weimar kennt überhaupt keine untere Grenze; Sondershausen, Lippe beginnen die Besteuerung 
mit 300, Bayern mit (iOO. bezw. 300, Württemberg mit 500 M. ; in Sachsen ist die unterste Grenze erst 
jüngst von 300 auf 400 M. heraufgesetzt worden; Pieussen und eine Anzahl anderer Staaten (Baden, 
Hamburg, Braunschweig) lassen Einkommen bis 900M. von der Steuer frei. Auch die Progression ist im 
ganzen doch recht unzureichend durchgeführt und de facto mehr eine Degression für die unteren 
Klassen. Die wenigen Beispiele, die vorhin angeführt wurden, zeigen, dass die Progression verhältnis- 
mässig rasch endet. Noch dazu wiid diese vielfach dadurch abgeschwächt, dass für die grösseren Ein- 
kommen weitgegriffene Klassen mit demselben Steuersätze (nämlich mit dem Prozentbetrage der An- 
fangssumnie der betreffenden Klasse) gebildet sind, so dass Summen im Unterschiede von 10000 M. 
und mehr die gleiche Steuer zu bezahlen haben, während in den unteren und mittleren Klassen die 
Steuer dem Einkommen viel genauer folgt. Auch die die Leistungsfähigkeit mindernden Umstände 
sollten, zumal in den unteren Klassen, noch ausgiebiger berücksichtigt werden als bisher. Es ist 
ungerecht, dass z. B. in Preussen der Familienvater mit Frau und Kind bei einem Einkommen 
bis 0500 M. die gleiche Steuer zu entrichten hat wie der Unverheiratete. Die Ermässigung selbst 
um 3 Steuerstufen beim Vorhandensein von 5 oder G Kindern (innerhalb des eben bezeichneten 
Einkommensbetrages) bildet kein ausreichendes Äquivalent gegenüber der weit höheren Leistungs- 
fähigkeit der Kinderlosen und Unverheirateten. Die Ermässigung macht bei 6 Kindern und 6500 M. 
Einkommen ganze 72 M. aus. Die Frage ist erwägenswert, ob nicht der Unverheiratete einer seiner 



K. Th. von Eheberg, Steuerreformen. 139 

höheren Leistungsfähigkeit, d. h. seinem grösseren freien Einkommen entsprechenden Zusatz- 
steuer zu unterwerfen sei. 

Auch die Vermögenssteuer wii'd bei steigendem Bedarf der Einzelstaaten in höherem Masse 
als bisher in Anspruch zu nehmen sein. Zwar rechtfertigen sich bei einer nominellen und die Ein- 
kommensteuer nur ergänzenden Vermögenssteuer massige Sätze; aber die niedrigen Sätze der 
preussischen Vermögenssteuer erklären sich doch nur aus der begreiflichen Tatsache, dass man bei 
ihrer Einführung so vorsichtig und schonend wie möglich vorgehen wollte. Es Hesse sich aber, so- 
lange die Einkommensteuer sich in massigen Sätzen und schwacher Progression bewegt, eine stärkere 
Anspannung der Vermögenssteuer wohl verteidigen. Auch ein progressiver Steuerfuss wäre zu 
rechtfertigen. Gewiss soll in der nominellen Vermögenssteuer neben der Einkommensteuer nur 
der Besitz, ausgedrückt üi Geldwerten, getroffen, sein Ertrag dagegen in den Sätzen der 
Einkommensteuer differenzierend erfasst werden; aber es ist doch kaum zweifelhaft, dass, je grösser 
der Besitz, um so grösser auch die Sicherheit des Eiukommensbezuges und um so grösser die Lei- 
stungsfähigkeit. Namentlich bei grossen Vermögen könnte eine progressive Besteuerung ein Äqui- 
valent bieten gegenüber der doch im ganzen ungenügenden Progression der Einkommensteuer. 
Spätere Reformen werden auch an der Frage nicht vorübergehen können, ob es berechtigt ist, das 
bewegliche Nutzvermögen, wie es heute grundsätzlich der Fall ist, von der Steuer auszunehmen. 
Der Ausschluss desselben hat den Vorteil, dass die Veranlagung wesentlich vereinfacht wird. Aber 
es ist ein Widerspruch, das unbewegliche Nutzvermögen, also Wohngebäude, Gärten, Parks, ob- 
wohl auch diese nur dem persönlichen Genuss dienen, der Steuer zu unterstellen, das bewegliche 
dagegen nicht. Je grösser Wohlstand und Reichtum sind, um so grösser und wertvoller pflegt auch 
der Besitz an kostbarem Hausgeräte, an Schmuck, Sammlungen u. dergl. zu sein. Dieser Besitz 
entzieht sich bei Lebzeiten des Besitzers jeglicher Besteuerung, während die weniger Begüterten 
ihre Ersparnisse doch vorwiegend nutzbringend anzulegen veranlasst sind und diese damit sowohl 
unter die Vermögens- wie unter die Einkommensteuer fallen. Natürlich müssten Wohnvmgsein- 
richtungen und Gebrauchsgegenstände geringeren Wertes, etwa im Gesamtbetrag von 10 000 M., 
von der Steuer befreit bleiben. Dass die Veranlagung Belästigungen und auch Schwierigkeiten 
böte, ist nicht zu bezweifeln; doch dürfen diese auch nicht überschätzt werden. Je mehr der Staat 
die Leistimgsfähigkeit seiner Angehörigen nur mittels der Einkommen- und Vermögenssteuer 
erfasst, um so notwendiger wird es, diese möglichst genau der Leistungsfähigkeit anzupassen. 

Nur noch ein paar Worte bezüglich der K o m m u n a 1 b e s t e u e r u n g. 

Fast in gleichem Masse wie das Reich leiden die Kommunalkörper unter dem Mangel an 
Elastizität und Beweglichkeit ihres Steuerwesens. Namentlich da, wo sie auf Zuschläge zu den 
Staatssteuern angewiesen sind. Die Bereitwilligkeit Steuern zu zahlen, an sich nur wenig ent- 
wickelt, wird auf eine harte Probe gestellt, wenn zu den Staatssteuern noch 200 Proz. und mehr 
Gemeindesteuern eingefordert werden. Es ist begreiflich, dass alle Parteien, mit Ausnahme der 
Sozialdemokraten, deren Wähler davon zumeist nicht berührt werden, sich schwer entschliessen, 
die Gemeindezuschläge um 5, 10 oder gar 20 Prozent und mehr in die Höhe zu treiben. Umso be- 
greiflicher als in den Gemeindevertretungen doch die Majorität in der Regel von Angehörigen des 
Mittelstandes gebildet wird, dem das Steuerzahlen besonders schwer fällt. Die Folge ist dann eine 
nicht immer gerechtfertigte Mehrung des Schuldenwesens, indem Ausgaben, die bei richtiger Finanz- 
wirtschaft auf Steuern übernommen werden sollten, namentlich im Bauwesen, durch Anleihen 
bestritten werden, oder das Unterlassen von Ausgaben und eine kleinliche, schliesslich sich rächende 
Gemeindepolitik. Wenn viele Gememdevertretungen es z. B. unterlassen, rechtzeitig ihren Grund- 
besitz zu vermehren, so trägt daran, abgesehen von Verständnislosigkeit und manchesterlicher 
Prinzipienreiterei, doch in erster Linie die Furcht die Schuld, die Gemeindelasten vorübergehend 
zu vermehren. In Deutschland kommt dazu, dass Staat und Reich, eifersüchtig auf ihre finan- 
ziellen Rechte und ängstlich darauf bedacht, sich selbst möglichst viele Einnahmequellen zu sichern, 
den Gemeinden gelegenthch auch solche Einnahmen versperren oder verkümmern, die für diese 
besonders geeignet wären. Es sei nur an den Zugriff des Reiches auf die Zuwachssteuer erinnert, 
obwohl, wie oben bereits betont wurde, der Zusammenhang zwischen Bodenwertzuwachs und Ge- 
meindeentwicklung fraglos ungleich stärker und nachweisbarer ist als der zwischen Bodenwert- 



140 ^' Th. von Eheberg, Steuerreformen. 

Zuwachs und Reichsentwirkhing. Allerdings tragen die Gemeinden zum Teil selbst Schuld an 
diesem Vorgange. Statt sich dieser Einnahmequelle bei Zeiten zu versichern und sie nach ihren 
Verhältnissen und Bedürfnissen zweckmässig auszubauen, hat die übergrosse Mährzahl von ihnen 
unter dem Einfiuss der in den Gemeindekörpern vielfach dominierenden Grund- und Hausbesitzer 
sich ihr gegenüber ablehnend verhalten und dem Reiche den Vortritt gelassen. 

Im allgemeinen liegen die Verhältnisse, was Beweglichkeit und Geeignetheit des Steuer- 
wesens betrifft, für die Gemeinden da günstiger, wo ihnen eigene Steuern zur Erhebung zugewiesen 
sind wie in Preussen, vor allem die Ertragsteuern vom Immobiliarbesitz und vom Gewerbe; denn 
die Be-itzer von Land. Gebäuden und Gewerbebetrieben, namentlich die beiden ersteren. geniessen 
von der gedeihlichen Entwicklung der Gemeinde grössere Vorteile als die übrigen Gemeindebe- 
wohner. Freilich darf die Anspannung dieser Steuern nicht übertrieben, muss daneben auch die 
Einkommensteuer für gemeindliche Zwecke in Anspruch genommen werden; denn die Einrichtungen 
und Anstalten der Gemeinde kommen allen zugute. Auch wird der Staat nicht umhin können, 
die Grenzen zu ziehen, innerhalb deren sich die Autonomie in der Festsetzung der Steuersätze bei 
den einzelnen Steuerarten betätiiren kann, damit verhindert werde, dass die jeweils herrschende 
Majorität die Steuerlast nach Willkür verteile oder die Gemeinden sich zwecks Anlockimg von 
Industriellen oder Kapitalisten gegenseitig in den Steuersätzen unterbieten. Bedenklich bei dieser 
Ordnung, wie sie in Preussen besteht, ist die Tatsache, dass für Gemeindezwecke das Einkommen 
aus Lohn, Honorar und Besoldung gleich stark zur Besteuerung herangezogen wird, wie das fundierte 
Einkommen des Kapitalisten. Im übrigen hat die preussische Regelung, die dem Staate die 
Einkommen- und Vermögenssteuer, die letztere ganz, die erstere zum grossen Teile, als prinzipale 
Steuereinnahmen sichert, die Gemeinden in erster Linie auf die Grund-, Gebäude- und Gewerbe- 
steuer verweist, den Vorteil, dass die Steuerlast doch zweckentsprechender verteilt ist als da, wo 
gleichmässige Zuschläge zu allen Steuern erhoben werden. Nicht unbefriedigend, wenn auch stark 
schematisch, ist die Regelung des gemeindlichen Umlagewesens in Bayern durch Gesetz vom 
14. August 1910. Hier werden für die Gemeindebesteuerung sämtliche Grund-, Haus- und Ge- 
werbesteuern mit den 2i/4 fachen, sämtliche Kapitalrentensteuern mit den ]i/> fachen, sämtliche 
Einkommensteuern mit den halben Beträgen, grössere Berufseinkommen dagegen mit höheren 
Beträgen in Ansatz gebracht. Recht bedenklich ist es, dass den Gemeinden vielfach das Recht 
eingeräumt ist, die Besteuerimg auch auf Einkommen zu erstrecken, die sich unter dem für die 
Staatsbesteuerung festgesetzten Minimum bewegen. 

Im vorstehenden sind nur die hauptsächlichsten Ric'tlinien bezeichnet, in denen künftige 
Steuerreformen sich bewegen dürften. Auf Details einzugehen verbietet die Begrenztheit des Raumes. 
Es soll aber bereitwillig zugegeben werden, dass die Schwierigkeiten vielfach erst anheben, wenn 
die Richtlinien durch gesetzliehe Normierung des Existenzminimums, der Progression, der Steiier- 
stufen, der Voraussetzungen für Steuererleichterungen usw. in die Praxis übertragen werden sollen. 
Sind schon die Richtlinien strittig, so fehlt es hierfür vollends an jedem objektiven Massstab; 
allgerneine Erwägungen, persönliche Eindrücke, Gefühl und Empfindung, aberauc:, die Not der Ver- 
hältnisse, wirtschaftliche Rücksichten u. a. treten an deren Stelle und treffen Entscheidungen, die 
weder die AVissenscliaft noch den einzelnen Steuerzahler befriedigen. Es mag nicht unangebracht 
sein, zum Schlüsse der Hemmungen und "Widerstände zu gedenken, die sich der Entwickelung des 
Steuerwesens in der Richtung auf grössere Gerechtigkeit und Gleichheit der Belastung entgegen- 
stellen und zur Resignation zwingen. 

Es gibt deren eine grosse Zahl. Sie liegen einmal in der Notwendigkeit, die für die Deckung 
des Staatsbedarfes und die formale Ordiumg der Finanzen erforderlichen Mittel unter allen Um- 
ständen aufzubringen, selbst wenn dabei die Forderungen der ausgleichenden Gerechtigkeit zu 
kurz kommen sollten. Wir haben dies bei der letzten Rcichsfinanzreform erlebt, als die Reichs- 
finanzverwaltung durch den "Willen des Parlamentes gezwungen war, Steuern preiszugeben, die, 
vom Standpunkte der gerechten Lastenvcrteihmg aus betrachtet, den Vorzug verdient hätten, 
und andere zu akz(?ptieren, gegen die, wieder von diesem Standpunkte aus, erhebliche Bedenken 
bestanden. Es wäre ungerecht, dafür die Reiclisfinanzverwaltung verantwortlich zu machen, 
deren ernte Aufgabe doch darin bestand, einer weiteren Verwirrung der Finanzen vorzubeugen 



K. Th. von Eheberg, Steuerreformen. 141 



und Ordnunjz m den Reichshaushalt zu bringen. Sie musste sich sagen, dass unter den zwei Übeln: 
Zerrüttung des Reichsbaushaltes oder Deckung des Bedarfes durch zum Teil ungeeignete Steuern, 
das letztere für sie das geringere war. Zudem die Hoffnung gehegt werden konnte, dass Mängel 
im Steuerwesen über kurz und lang sich würden beheben lassen, während das chronische Defizit 
eine schwere Schädigung des Ansehens des Reiches, seines Kredites, eine Untergrabung seines 
Finanzwesens bedeutete. 

Andere Hemmungen ergeben sich aus den wirtschaftlichen Verhältnissen. Ist ein Land genötigt, 
oder glaubt es genötigt zu sein, hohe Schutzzölle, namentlich auf Lebensmittel, zu errichten, so 
wird die Gleichmässigkeit der Belastung darunter zu leiden haben. Zwar ist die Absicht des Zolles 
hier eine andere als beim Finanzzoll; aber die Wirkung ist die gleiche; hier wie dort wird der Be- 
völkerung ein Teil ihres Einkommens entzogen und dem Staatssäckel zugeführt. Dadie unbemittelten 
Klassen in der Regel an den Schutzzöllen schwerer zu tragen haben als die vermöglicheren, so wäre 
ein Ausgleich bei anderen Gliedern des Steuersystems erforderlich. Nicht selten aber unterbleibt 
er, weil bei den Schutzzöllen mehr die Absicht als die Wirkung ins Auge gefasst wird und weil 
man bei ihrer Einführung häufig auf zeitliche Beschränktheit hofft. 

Auch in anderer Beziehung machen sich wirtschaftliche Rücksichten geltend. Hat' man 
früher die geringe Belastung der Kapitalrenten damit zu rechtfertigen gesucht, dass die Kapitalisten 
bei starker Besteuerung dem ungastlichen Lande den Rücken kehren würden, so findet die progressive 
Ausgestaltung der Steuern und die Höhe der Steuersätze heute ihre Grenze in der Rücksichtnahme 
auf die Vermehrung des Volksvermögcns, ohne die keine intensivere Landwirtschaft, kein Auf- 
blühen der Industrie, keine Besserung der Zahlungsbilanz, keine Verbilligung des Staatskredits 
möglich ist. Hohen Steuern vom Luxusaufwand, die an sich berechtigt sind, tritt die Befürchtung 
entgegen, dass der Aufwand abnehmen oder andere Formen anne: men werde, was wieder auf die 
beteiligten Industrien und die in ihnen beschäftigten Personen zurückwirken müsste. 

Weitere Hemmungen bereitet der Parlamentarismus. Es muss durchaus anerkannt werden, 
dass die Volksvertretungen, namentlich die deutschen und hier wieder besonders die Landtage, 
in den letzten Jahrzehnten fruchtbare und erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiete des Steuerwesens 
geleißtet haben, sei es dass sie der Führung fortschrittlich gesinnter Finanzminister sich anschlössen, 
sei es dass sie ihrerseits zu Reformen drängten. Auch ohne die treibende Kraft der sozialdemo- 
kratischen Kritik, die zudem in den Landtagen erst seit kurzer Zeit zu Worte kommt, haben die 
bürgerlichen Landtage in Preussen, Baden und anderen Ländern die grossen Fortschritte auf dem 
Gebiete des direkten Steuerwesens bewerkstelligt, von denen eben die Rede war. Die neuere Aus- 
bildung der Einkommen- und Vermögensbesteuerung in Preussen ist trotz des Wahlzensus, die 
Entwicklung der Einkommen- und Erbschaftsbesteuerung in England trotz der Herrschaft der 
besitzenden Klassen zustande gekommen. Andererseits ist man in Frankreich, von anderen Mängeln 
seines Steuersystems abgesehen, nicht einmal zur Ausbildung einer lückenlosen Kapitalrentensteuer 
gelangt und hat das Parlament, trotz des demokratischen Wahlrechts, bis heute die Personalbe- 
steuerung nicht zum Gesetze werden lassen. Es liegt in der Natur der Dinge, dass in der Volks- 
vertretung Parteidoktrinen, taktische Erwägungen, Rücksichten auf die Wähler immer ein Ausschlag 
gebendes Gewicht haben werden. Und bei Fragen der Steuerreform, die den Geldbeutel jedes 
Einzelnen berühren, noch mehr als bei manchen anderen. Solche Einflüsse zeigen sich dann nicht nur 
in der Wahl der Steuerarten, sondern auch und oft viel mehr in den Bestimmungen über die Steuer- 
sätze, im Einsteuerungsverfahren und dergl. mehr. Es sei an die Erfahrungen erinnert, die mit der 
preussischen Kommunalbesteuerung gemacht wtirden. Wo der Grund- und Hausbesitz eine starke 
Vertretung in den Gemeinden hat, wird die Neigung bestehen, die Personalbesteuerung in höherem 
Masse in Anspruch zu nehmen als die Besteuerung des Realbesitzes. In Staaten mit vorwiegend 
agrarischem Charakter wii'd, wie die jüngsten Vorgänge in Bayern zeigen, mobiles Kapital, Industrie, 
städtischer Hausbesitz meist stärker angefasst. Vollends wo die Einkünfte, wie im Deutschen Reich, 
vorwiegend aus Verbrauchssteuern erbracht werden, ist nicht nur mit der Abneigung der breiten 
Massen und ihrer Vertreter zu kämpfen, sondern es greifen auch die betreffenden Produzenten- 
gruppen und ihre Organisationen ein. Es beginnt ein Kampf aller gegen alle, in dem nicht immer die 
besseren Gründe, sondern häufig die grössere Stärke und Geschicklichkeit in der Agitation, der 



142 ^' Th. von Eheherg, Steuerreformen. 

grössere oder geringere Einfluss der Organisationen in der Presse und im Parlament zum Siege 
führen. 

Allein auch den Fall gesetzt, dass die Steuergesetze so gerecht wie möglich gestaltet, die 
Lasten auf das gleichmässigste verteilt seien, so ist immer noch keine Garantie gegeben, dass die 
Gerechtigkeit nicht durch Vorgänge, die jenseits des staatlichen Willens gelegen sind, wieder be- 
einträchtigt werde. Wir denken vor allem an den Komplex von Vorgängen, den man als Überwälzung 
zu bezeichnen pflegt, und an die widerrechtliche Entlastung durch irrige Einschätzungen und 
falsche Selbstangaben. Was die Über- imd Abwälzungen betrifft, so sind wir in der Erkenntnis ihrer 
Tragweite heute nicht viel weiter als zur Zeit der klassischen Nationalökonomie; wir vermuten 
und behaupten sie mehr, denn dass wir sie im einzelnen beweisen könnten. Wir vermuten in vielen 
Fällen, dass der Gewerbetreibende die Steuer unter die Produktionskosten rechne, der Hausbesitzer 
sie auf die Miete schlage, dass die Arbeiter die Belastung des notwendigen Lebensunterhaltes durch 
Erzwingen höherer Löhne ausgleichen. Aber ob und in welchem Umfange dies geschieht, hat noch 
niemand einwandfrei erwiesen. Und doch ist klar, dass solche Vorgänge die Steuerlasten völlig 
verschieben, ungerechte Lasten ausgleichen, aber auch die Ungleichheit vermehren können. Es 
wäre eine dankenswerte Aufgabe der Wissenschaft, das Problem durch sorgfältige Untersuchungen 
aufzuhellen. Eine volle Klarheit wird freilich niemals zu erzielen sein, weil sich Steuerüber- 
wälzungen nur zu leicht mit anderen Preisbewegungen vermischen und von diesen nicht losgelöst 
werden können. Leichter erscheint die Bekämpfung der widerrechtlichen Entlastung einzelner 
von den St«uern durch irrige Einschätzungen und falsche Selbstangaben. Dass die letzteren auch 
heute noch, obwohl die Verhältnisse besser geworden sind, in erheblichem Umfange bestehen, 
bedarf keines Beweises. Man betrachte nur die Veröffentlichungen des preussischen Finanz- 
ministeriums über die Ergebnisse des Beanstandungsverfahrens, wonach z. B. 1908 23,7 Proz. aller 
Steuererklärungen berichtigt werden mussten und eiu Mehr an Einkommen von 330 Millionen, 
ein Mehr an Steuern von 11 Mill. M. erzielt winde. Leider wendet die Volksvertretung der Ver- 
besserung der Veranlagimgstechnik zu wenig Aufmerksamkeit oder zu wenig Verständnis zu. Man 
spricht lieber von den Mängeln der Steuerverwaltung als von den Mitteln, welche den Schutz des 
ehrlichen Steuerzahlers gegen den unehrlichen zu bewirken geeignet wären. Eine Verschärfung 
des Steuerstraf rechtes und die Schaffung von Garantien gegen die Unmoral im Steuerbekenntnis- 
wesen erscheinen uns als wichtige Postulate künftiger Steuerreformen. 



B. Die Kredite. 



41. Abschnitt. 
Die öftentliclien Ki'edite. 

Vom 

Wirklichen Geheimen Oberfinanzrat Dr. Otto Schwarz, 

Vortragenden Rat im Preussisohen Finanzministerium, Berlin. 

Literatur : 

Ausser den allgemeinen finanzwissenschaftlichen Werken (Lehrbüchern) : N e b e n i vi s , Der öffentliche 
Kredit, Karlsruhe 1820 (2. Aufl. 1829). Dietzel, iSystera der Staatsanleihen, Heidelliers 18.55. E. R i c h t e r , 
Da,s preussisfhe Staatsscliuldenwesen etc., Berlin 1869. Sattler, Die Scimiden des Pr. Staats von 1870-1890. 
Schwarz & Strutz, Staatshaushalt Bd. III. , Berlin 1ÜU4. 0. Schwarz, StaatsschuldentÜHung der 
grösseren europäischen imd deutschen Staaten, Betlin 1897. Denkschrift zur Keiclisfiuaiizrefoim Bd. 1 u. II. 
Ferner die Artikel „Staatsschulden'- und .,(jemeindcschulden" in den verschiedenen Wörterbiichern. Über Geineinde- 
schuldeu s. ferner noch: Kahler, Die preussisohen Koniinunalaiileihen 1897; ,1 as tr ow, Her stadtische Anleihemarkt 
und seine Organisation in Deutschland. Jalirb. N. Oek. 19(iO, 2ü Bd. S. 289. Derselbe, Kommunale Anleihen, 19Ü0. 
Heini e. Zur Reform des Gem. Finanzwesens 1905. v. K au f in ann. Die Kommunalfinanzen 19Ü6. Bankarchiv 
1905 06, Art. von Hatscliek und Freund, S. 103, 115 und 185, sowie Silbergleit 217 ; P I at e, llunizipalsozialismus und 
städtisches Anleihewesen in En-Iand, Jahrb. G. Verw. V. W. 1906. S. 471, 1169. Klose, Die Finanzpolitik 
der preuss s hen Giossstädte 1907; Freund, Die Rechtsverhältnisse der öffentlichen Anleihen 1907; Koch, 
Die städtische Anleihen- und Bankpolitik in Wuttke, Die deutschen Städte 1904 1, 690. Rosenbusch, Die 
Organisation des Kommunalkredits 19u8. Gayl, Städtische Finanzpolitik, Verw. Arch. 13, 33 ff. Most, Die 
Schuldenwirtschaft der deutschen Städte (1909) und die dort angezogene Literatiu'. Silbergleit, Preussens 
Städte 19u8. Kutzer, Zur Organisation des Kredits der deutschen Städte, Schriften des Vereins für Sozial- 
politik 126, Bd. I S. 163 ff. Schäfer, Die Befriedigung des Kredit bedürfnisses der grösseren deutschen 
Städ e 19u6 — 1909, 1909. Die Artikel „Landschatten", „l.andeskulturrenienbanken'' von Hermes, ,,l,andeskredit- 
kassi-n" von Hermes & Schulte im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Ür. Zurhorst, Organisation des 
ländl. Bodenkiedits in Deutschland. Zeitschr. f. d. ges. Slaatsw., Tübingen 1912. Weyermann, Geschichte 
des Inneren Kreditwesens, Kailsruhe 1911. S. auch die zu Abschnitt 42 angegebene Literatur. 

A. Einleitnng. 



Den Begriff ,, öffentlichen Kredit" kann man in zweifachem Sinne verstehen, je 
nachdem man von dem kreditsuchenden Subjekt ausgeht oder — unter Absehen von der 
kreditsuchenden Persönlichkeit — auf die Form blickt, in welcher der Kredit begehrt wird. 
In ersterem Sinne handelt es sich um den Kredit aller öffentlichen Körperschaften, 
also des Reiches, der Bundesstaaten, der Gemeinden und anderer öffentlich-rechtlicher Korpo- 
rationen. Im zweitgedachten Sinne würde der Kredit von Industriegesellschaften, Hypotheken- 
banken, also privater Institute dann als öffentlicher Kredit zu bezeichnen sein, wenn er in 
öffentlicher Form, auf dem allgemeinen Geldmarkt, also bei Jedem, der gewisse 
öffentlich bekannt gemachte Bedingungen erfüllen will, nachgesucht wird. Für uns kommt hier 
nur der Kredit der öffentlichen Körperschaften (Wirtschaften) in Betracht. 

Ein irgend erhebliches Kreditbedürfnis öffentlicher Wirtschaften setzt ein politisch und wirt- 
schaftlich schon vorgeschritteneres Staats- oder Gemeindewesen voraus. Nur dann, wenn die Orga- 
nisation, Ordnung und Wohlhabenheit einer öffentlichen Körperschaft und ihrer Gliederden Gläubi- 



144 Otto Schwarz, Die öffentlichen Kredite. 

gern die Sicherheit des Kapitals und regelmässiger Zins- und Tilgungszahlung gewährleistet, werden 
sie bereit sein, den verlangten Kredit zu gewähren. Solange die Fürsten der älteren und mittelalter- 
lichen Zeit nicht ein fest fundiertes, geordnetes Staatswesen hinter sich hatten und mehr auf Erträge 
ihres Domaniums als auf Steuern angewiesen waren, war eine Schuldaufnahme für sie ausserordent- 
lich erschwert. Ursprünglich Kleinodien, Edelsteine, später die Domäneneinkünfte, die Regalien ge- 
wisser Länderstriche und sogar — entsprechend der damaligen lehens- und privatrechtlichen Rechts- 
auffassung vom Staat und Staatsgebiet — dieses letztere selbst mussten verpfändet werden. Viele 
Territoriaiveränderungen im Mittelalter sind darauf zurückzuführen, dass solche Pfänder schliesslich 
nicht eingelöst werden konnten. Dabei waren es meist einzelne wenige Gläubiger, mit denen paktiert 
wurde, Fürsten, reiche Kaufleute und Bankiers. Die Vertragsform war eine privatrechtliche. 

Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, dass wir die ersten Vorbilder heutigen 
öffentlichen Schuldenwesens früher im Städte- als im Staatswesen vorfinden. Vor allem sind 
es die geschlossenen italienischen Städteorganismen des Mittelalters, die zuerst eine so wirt- 
schaftlich erstarkte Bevölkerung, eine so gute und straffe Organisation für ihr Herrschafts- 
gebiet zeigten, dass sie öffentlich zur Gewährung von Darlehen an die Regierung auffordern, Städte- 
obliirationen im heutigen Sinne ausgeben und auch bereits Stadtschuldbücher einrichten konnten. 
In der Hansazeit sind dann die grösseren deutschen Handelsstädte ihrem Beispiele gefolgt. 

Was die Schulden der deutschen Fürsten und Territorialherren anbelangt, so unterschied 
man hier zunächst von den reinen Privatschulden die sog. Kammerschulden, welche 
letzteren von dem Regierungsnachfolger anerkannt werden mussten, weil sie, wenn auch 
nur vom Landesherrn, nicht von den Ständen, doch im Interesse der Regierungsgewalt und damit 
des Landes gemacht wurden. Einen weiteren Schritt stellten die Landesschulden 
dar, Schulden, die ursprünglich Kammerschulden, von den Landständen als Landesschulden über- 
nomm?n oder von ihnen ganz neu aufgenommen waren und aus ihren Steuerkassen verzinst 
und getilgt wurden, während für die Kammerschulden die landesherrliche oder Hofkasse zu 
haften und zu sorgen hatte. 

Die absolute Monarchie, wie sie sich später in Preussen und anderwärts ausbildete, räumte 
wie mit dem Unterschiede von Kammer- und Landesgut auch mit dem von Kammer- und Landes- 
schulden auf. Anleihen, die der König als Oberhaupt des Landes machte, wurden ohne weiteres 
Staatsschulden. Aber — zu einem Appell an den öffentlichen Geldmarkt gelangte man damit immer 
noch nicht. Zunächst war noch die Form der Anleiheaufnahme auf Grund privatrechtlicher Ver- 
träge mit einzelnen Bankiers, oft des Auslandes, mit kurzfristigen Rückzahlungsbedingungrn usw. 
massgebend. Erst allmählich ging man zu Inhaberobligationen, Staatsschuldscheinen über. 

Zu einer ausgedehnteren Anwendung dieser neuen Schuldform der Staatsanleihen 
unter Anrufung des in- und ausländischen Geldmarktes konnten erst folgende Umstände führen: 
Einmal die Veröffentlichung des Staatshaushaltsetats, die der Allgemeinheit einen Einblick in die 
staatliche Finanzgebarung eröffnete (in Preussen, wenn auch in beschränktem Masse, seit 1820), 
ferner die Einführung des Verfassungsstaates, welcher der Vertretung des Volkes das Recht ge- 
währte, zur Aufnahme von Anleihen und zur Bereitstellung der zur Verzinsung und Tilgung erforder- 
lichen Mittel im Steuerwege seine Zustimmung zu erteilen und damit die Haftung des ganzen Landes 
für die Laudesschuld ausdrücklich anzuerkennen, endlich in letzter Linie der enorme wirtschaft- 
liche Aufschwung, welcher seit dem '9. Jahrhundert in den grossen Kulturstaaten des Kontinents 
genug Kapitalisten erstehen liess, die ihre überflüssigen Mittel in Staatspapicren anlegen konnten. 

iJie damit eingeleitete Staatsschuldjnporiode seit Beginn und Mitte des 19. Jahrhunderts 
weist im einzelnen wichtige Entwickelungsphasen auf. Anfänglich machte die Sicherheit der 
Gläubiger sowohl die Verpfändung gewisser Staatsgüter und Staatseinnahmen, wie die 
vertragliche Verpflichtung des Staats zur Rückzahlung des geliehenen Kapitals notwendig, 
bis später als einzige Sicherung der Gläubiger, selbst bei jVnleihen für bestimmte Sonderzwecke, 
wie für produktive Anlagen (Eisenbahnen), lediglich die moralische Verpflichtung 
eines Staates, der gute Wille und die Fähigkeit der Regierung, ihre Obliegenheiten 
zu erfüllen, von den Gläubigern als genügende Sicherheit anerkannt und von diesen sogar 



Otto Schwärs, Die öfleiitlichen Kredite, 145 



schliesslich auf das Recht auf allmähliche, ja auf Rückzahlung des Schuldkapitals überhaupt, ver- 
zichtet und lediglich die ordnungsmässige Verzinsung des angeliehenen Kapitals als aus- 
reichend angesehen wurde. 

Durch die grossen Vorteile, welche der öffentliche Kredit dem Staatswesen gebracht hat, wurden 
in neuerer Zeit mehr und mehr auch andere, dem Staat untergeordnete Gemeinwesen auf 
die Betretung dieses Weges bei Erfüllung ihrer Aufgaben hingewiesen. Vor allem waren es die grossen 
Bevölkerungszentren, die sich im Verein mit den und infolge der politischen Freiheiten, der Ver- 
kehrserleichterungen, der zunehmenden Industrialisierung und Handelstätigkeit des Volkes gebildet 
haben, die grossen Städte, welche im Laufe der letzten Dezennien in ausserordentlichem Masse den 
öffentlichen Kredit benutzt haben, um Bedingungen und Voraussetzungen für Gesundheit und 
kulturellen Fortschritt ihrer Bürger zu schaffen, Massnahmen, die nur grösste Bewunderung 
hervorrufen können. Die Inanspruchnahme des öffentl. Kredits dieser Körperschaften nimmt 
gegenwärtig bereits in einer Weise zu, dass bei gleichem Fortschreiten die Zeit nicht fern sein wird, wo 
der Jahreszuwachs an Gemeindeschulden denjenigen an Reichs- und Staatsschulden überflügeln wird. 

Andere, dem Staate untergeordnete Verbände, wie grössere Kommunalverbände, sodann 
aber auch Kirchen- und Schulverbände, Handelskammern, Innungen usw. haben, wenn auch 
vorläufig noch in bescheidenerem Masse, sich ebenfalls den öffentlichen Kredit zu Nutze gemacht. 

Eine bedeutsame Rolle spielt der öffentliche Kredit ferner schon seit Mitte des vor. Jahr- 
hunderts auf dem Gebiete der Förderung des land wir tschaften Personal- und Meliorationskredits, 
sowie des ländlichen und städtischen Boden(Gebäude-)kredits. Hier haben sich mit staatlicher 
und kommunaler Unterstützung gemeinnützige Kreditunternehmungen gebildet, die auf diesem 
Tätigkeitsgebiete ganz Hervorragendes geleistet haben, noch leisten und vielfach bahnbrechend 
gewesen sind für private Institute, die sich später in ausgedehntestem Masse ähnlichen Zwecken 
widmeten (Hypothekenbanken). .\usführlicheres über diese Institute ebenfalls in der ersten 
Aufl. 184 ff. 

Bevor wir in die Erörterung der einzelnen Arten von öffentlichen Krediten eingehen, müssen 
wir uns die Verschiedenheiten und Unterschiede zwischen öffentl. 
und Privatkredit kurz vergegenwärtigen. 

Die allgemeinen Grundbegriffe und Elemente des Kredits und Kreditwesens gelten 
ebenso für den öffentlichen wie den Privatkredit. Aus der verschiedenen Natur und den ver- 
schiedenen Aufgaben der öffentlichen Wirtschaft einerseits und des Privathaushalts andererseits 
folgt indess notwendig eine Anzahl recht wesentlicher Unterschiede zwischen öffentlichem 
und privatem Kredit. Die Staats- wie Gemeindewirtschaft ist nicht wie die Einzelwirtschaft auf 
Erwerb an sich, als Selbstzweck, sondern auf Durchführung gemeinsamer Ausgaben und Be- 
schaffung der Mittel zu dieser Durchführung gerichtet. Der öffentliche Kredit ist daher überwiegend 
Konsumtiv-, der private überwiegend Produktiv- oder Geschäftskredit. Erst in neuerer Zeit, 
wo Staat und Gemeinde vielfach Geschäfte imd Gewerbe nach Art privater Unternehmungen be- 
treiben, (Eisenbahnen, Bergwerke, Gas- und Elektrizitätswerke u. s. f.), deren Anlage- und Be- 
triebskapitalien aus Mitteln des Kredits beschafft werden müssen, nimmt auch der Produktivkredit 
im öffentl. Kredit eine grössere Rolle ein. Aber auch in diesen Fällen soll die aus dem Produktiv- 
unternehmen gewonnene Rente nicht zur blossen Vermögensvermehrung, sondern zur Verminderung 
der allgemeinen Steuerlasten dienen. Andererseits muss da, wo ein solches Unternehmen unrentabel 
wird oder mit Defizit arbeitet, der Steuerzahler helfend eintreten, um die erforderliche Zins- und 
Tilgungslast zu decken. Die Sicherheit des Gläubigers besteht daher beim öffentlichen Kredit in 
letzter Linie nicht wie beim Privatkiedit in der Rentabilität des Unternehmens, sondern in 
der Zahlungskraft und Leistungsfähigkeit der Steuerzahler. Daneben hegen nicht un- 
wesentliche Garantien für den Gläubiger in der Qualität der verwaltungsführenden Beamten 
und in den öffentlichen Kontrollen der Verwaltung. 

Weitere Unterschiede zwischen öffentlichem und Privatkredit folgen aus dem Umstände, dass 
Staat und Gemeinden ,, ewige" Wesen sind, deren Bestand begrifflich ein dauernder ist, weshalb 

Handbach dor Pulitii. II. Auflage. Rand 11. lU 



J^46 ^^''ö Schwai's, Die öffeutlicheii Kredite. 



aus der Natur des Schuldners heraus der GLäubiger von seinem Standpunkte aus im Gegensatze 
zum privaten Kredit auf eine Rückzahlung in bestimmter Zeit verzichten oder doch die Rück- 
zahlung ziemlich lauge hinausschieben kann. Die Aufgaben, welche den öffentlichen Wirtschaften 
obliegen, machen femer für diese in weit überwiegendem Masse langfristigen Kredit erforderlich, 
während bei dem privaten Geschäftsmann oft der kurzfristige Kredit eine weitaus grössere 
Rolle spielt. 

Endlich fordert die mit der Grösse der öffentlichen Ausgaben zusammenhängende Höhe der 
Anleihesummen, die beim öffentl. Kredit in Frage kommen, dass die Form der Anleiheaufnahme 
(Namens- und Inhaberobligation, Schuldbuch), von der im Privatleben üblichen Form der Schuld- 
aufnahme (Darlehen) erheblich abweicht. Erst .seitdem in neuerer Zeit in der Volkswii'tschaft die 
Gesellschafts- und Gesossenschaftsbildung immer mehr überhand genommen hat, hat die 
\on öffentl. Kreditinstituten geschaffene Form der Namens- und Inhaberobligationen auch im 
privaten 'Wutschafts- und Kreditleben einen immer wachsenden Eingang gefunden (Industrie- 
obligationen, Pfandbriefe usw.) 

B. Staatliches Kreditwesen. 

Entsprechend der Bedeutung und den Aufgaben des Staates spielt das staatl. Kreditwesen 
imter allen Arten des öffentlichen Kredits die weitaus bedeutendste und zugleich führende Rolle. 

Die starke Rückwirkimg, welche die Aufnahme staatlicher Kredite für den lebenden und 
zukünftigen Steuerzahler ausübt oder doch ausüben kann, lässt es fast als selbstverständlich er- 
scheinen, dass im konstitutionellen Staat die Ermächtigung zur Aufnahme von Staats- 
kredit nur durch Gesetz geschehen kann (R. V. Art. 73 Pr. V. U. Art. 103, Bayerische V. 
U. v. 26. Mai 1818, Tit. VII, §§ 11 — 13 usw.).i) Und nicht minder einleuchtend ist, dass die Vor- 
bereitung und Ausführung der Kreditgesetze, auch wenn andere Ressorts der Kredite bedürfen, 
dem Finanzchef obliegt, der für die Übereinstimmung von Einnahmen und Ausgaben im staat- 
lichen Haushalt zu sorgen hat. Er ist zugleich derjenige Minister, der über Art und Form der 
Kreditaufnahme regelmässig Entscheidung zu treffen hat. 

Als hauptsächlichste Arten des Staatskredits hat man zu unterscheiden Staatspapiergeld, 
schwebende Schulden und feste oder fundierte Schulden. 

1. Staatspapiergeld. 

Staatliches Papiergeld spielt heute im Deutschen Reiche nur noch eine untergeordnete Rolle. 

Durch das R. Ges. v. 30. April 1874 (Rgbl. S. 40) wurden an Stelle der verschiedenen 
Staatspapiergeldarten, welche binnen einer bestimmten Frist aufzurufen und schnellstens einzu- 
ziehen waren, 120 Mill. unverzinsliche Reichskassenscheine geschaffen, eine Summe, welche dem 
im Jidiusturm zu Spandau liegenden baren Reichskriegsschatze genau entsprach, aber nicht 
etwa auf derselben radiziert war. 

Diese 1874 ausgegebenen Reichskassenscheine wurden imter die Bundesstaaten nach dem 
Mas.sstabe ihrer durch die Zählung vom 1. Dezember 1871 festgestellten Bevölkerung verteilt. 
Doch durften die Bundesstaaten die Reichskassenschein r nur in dem Masse ausgeben, als sie ihr 
eigenes Papiergeld einzogen. 2) 

Hinsichtlich der Natur dieser Reichskassenscheine ist daran festzuhalten, dass sie kein 
eigentliches Papiergeld darstellen. Sie sind der Kategorie des u n c i g e n 1 1 i c h e n Papier- 



') E» liandpll sich hiw nur um die eigentlichen F i n a n z schulden, welche zur Ergänzung fehlender 
ordentlicher Deckungsmittcl für den Slaatsbcdart zu dienen bestimmt sind, nicht dagegen sog. Verwaltungs- 
Mchuldcn d. Ii. Kreditmassnahmeii, die in dergcwöhnlichen Goschäflserledigung der Verwaltung.sorganc vorkommen, 
aber sich im ül>rigcn in nichts von den Krcditgcschäfl<^n des gewöhnlichen privaten Geschiiftälcbcns unterscheiden 
und nicht dazu dienen sollen, fehlende Einnahmen dos Staates dauernd oder vorübergehend zu ergänzen. Die 
\'ornahme derartiger Schulden vollzieht sich in rein privatrechthcher Form, i.st ein Ausfluss der allgemeinen Ressort- 
befugnisse der N'erwaltungsbehördcn und bedarf einer besonderen gesetzlichen Ermächtigung nicht. 

-) Neues Staatepapiergeld dürfen liiu Bundesstaaten nur auf Grund oine^ Reichsgeselzee ausgeben 
(§ 8 R Gea. v. 30. 4. 74). 



Otto Schwarsi, Die öffentlichen Kredite. 147 

geldes zuzuzählen, da sie uneinlösbar sind und ein Zwang zu ihrer Annahme im Privatverkehr nicht 
stattfindet. Dagegen werden sie (§ 5 aaO) bei allen Kassen des Reichs und sämtlicher Bundesstaaten 
nach ihrem Nennwerte in Zahlung angenommen (Steuerfundation) und von der Reichshauptkasse 
für Rechnung des Reichs jederzeit auf Erfordern gegen baares Geld eingelöst. Auch gelten sie als 
Teil des Barvorrats im Sinne des § 17 des Reichsbankgesetzes vom 14. März 1875. (R. G. Bl. S. 177). 

Sie wurden ursprünglich in Höhe von .5,20 und 50 Mark ausgegeben.^) Durch Ges. v. 5. Juni 1906 
(R.G.Bl. S.730)wurden sodann, imi den durch Gesetzv.20.2.19d6(R.G.Bl. S. 318) neu geschaffenen 
kleinen Banknoten von 20 und 50 Mark keine Konkurrenz zu bereiten, an Stelle der alten Reichs- 
kassenscheine neue Scheine zu 5 und 10 Mark ausgegeben (nach Bundesratsbeschluss v. 28. 6. 1906 
30 Mill. M. 5 M.- und 90 Mill. M. 10 M.-Scheine). 

Neuerdings findet auf Grund des Reichsgesetzes v. :<>. 7. 1913 eine Vermehrung der 
Reichskassenscheine um 12*) Mill. M. statt. Bisher ist indessen nur ein Teil dieser Scheine aus- 
gegeben. Gegenwärtig (Dez. 1912) sind im Umlauf: 5 M.-Scheine: 41,5 Mill., 10 M.-Scheine: 
150.9 Mill., 20 M.-Scheine: 0,7 Mill., 50 M.-Scheine: 0,9 Mill. Zus. 195 Mill. M. Das Staats- 
papiergeld wird voraussichtlich erst im Falle eines Krieges wieder eine Rolle zu spielen haben 
(sog. Darlehnskassenschein-Ges. v. 21. 7. 1870). 

2. Schwebende Staatsschulden. 

Die Schwebenden Schulden beruhen auf dem Gedanken und der praktischen 
Erfahrung, dass in einem grossen Finanzwesen vielfach die Eingänge der im Budget vorgesehenen 
Einnahmen später erfolgen, als die daraus zu deckenden Ausgaben notwendig werden, und dass 
die Betriebsfonds der Kassen (eiserne Bestände) zu grosse Summen und damit einen zu grossen 
Zinsverlust verursachen würden, wenn man lediglich aus ihnen den notwendigen zeitlichen Ausgleich 
herbeiführen woUte. Daraus geht zugleich hervor, welche grosse Bedeutung eine einheitliche wohl- 
geleitete Kassenverwaltung, ein möglichst viel Bargeld sparender Zahlungsverkehr indirekt auf 
die Niedrighaltung der schwebenden Schuld ausüben kann. Das vollkommenste System stellt, 
unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, das englische und belgische dar, wo die National- 
bank zugleich als Staatskasse fungiert, wo alle Staatseinnahmen von dieser vereinnahmt, alle 
Ausgaben von ihr geleistet werden. Bei uns im Reiche ist die Reichshauptkasse zwar auch nur eine 
besondere Buchhalterei der Reichsbank. Doch bestehen daneben noch eine Anzahl Sonderkassen, 
deren Kassenfonds nicht durch die Bücher und Kassen der Reichsbank gehen, sondern die nur 
von den Reichshauptkassen nach Bedarf mit Geldmitteln ausgestattet werden und ihre Über- 
schüsse an sie abführen (GeneralmiUtärkasse, Legationskasse usw.). 

Infolge des Bedarfs dieser von der Reichshauptkasse zu versorgenden Sonderkassen und 
auch für die Zwecke etwaiger Vorschüsse an die Landeskassen für die von ihnen auf Rechnung 
des Reichs geführten Verwaltungen sind heute immer noch Betriebsfonds (Eiserne Bestände) in 
Höhe von 132,6 Mill. M. (Ende 1911) in den Reichskassen nötig. 

Auch in Preussen und den anderen Bundesstaaten sind zwar die Staatskassen meist an die 
Reichsbank und die Privatnotenbank des betr. Landes, (Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden) 
angeschlossen. Bei der Vielzahl von Kassen sind aber trotz Durchführung des Prinzips der Kassen- 
einheit im allgemeinen auch hier noch erhebliche Betriebsfonds erforderlich z. B. in Preussen 
etwa 140 Mill. M. 

Air diese Betriebsfonds können schon ihrer Natur nach nur für die nötigsten nor- 
malen Bedürfnisse der Kassenverwaltung ausreichen. 

Sobald dagegen ein ausserordentlicher Bedarf eintritt, wie er z. B. in Reiche 
hervorgerufen wird durch erforderlich werdende Ausgaben des noch nicht genehmigten ausser- 
ordentl. Etats, durch Nachtragsetats, durch eine — in früheren Jahren üblich gewesene — 
Stundung eines Teiles der nichtgedeckten Matrikularumlagen, Nichtgenehmigung von Steuer- 



^) Infolge des Reichsgei. v. 21. 7. 84 (R.G.Bl. 172) wurden dis mit Datum v. 11. 7. 74 ausge- 
fertigten Reiohskassenacheine eingezogen und neue anagefertigt. 

10* 



148 Otto Schwarz, Die öffentlichen Kredite. 



vorlagen, Vorschusszahlungen der Unfallreuten, welche die Reichspost und die bayerische und 
württemb. Postverwaltung für Eechnung der Benifsgenossenschaften usw. gesetzlich zu leisten 
hatten, können die gewöhnlichen Betriebsfonds von vornherein nicht ausreichen. In solchen 
Fällen rauss ergänzend die Aufnahme schwebender Schulden eintreten.*) 

Die hierfür übliche Form ist, soweit das Reich in Frage kommt, die der unverzins- 
lichen Reichsschatzanweisungen. Das sind Anweisungen auf Zahlung einer 
bestimmten Geldsumme zu einem bestimmten Termine seitens der Reichshauptkasse. Sie 
lauten in der Regel auf Beträge von 1000, 10 000, 50 000 oder 100 000 M. 

Sie werden in der Regel von der Reichsbank S) gegen Verrechnung eines Zinses in Höhe des 
Bankdiskonts diskontiert. Die Reichsbank hat das Recht, diese Schatzanweisungen weiter an 
andere Banken und Private zu rediskontieren, ein Recht, von dem sie namentlich im Interesse 
ihrer Diskontpolitik Gebrauch macht, um bei unerwünschter Geldfülle im offenen Markte den 
Geldmarkt durch Verkauf von Seh. zu verengen, zu versteifen. Der Reichskanzler hat zu bestimmen, 
wann und in welcher Höhe Seh. ausgegeben werden sollen, wie lange die Umlaufszeit dauern 
soll u. s. f. Bei den zu vorübergehenden Verstärkungen der ordentl. Betriebsmittel der Reichs- 
hauptkasse bestimmten Seh. darf die Umlaufszeit den Zeitraum von 6 Monaten nach Ablauf des 
betr. Rechnungsjahres nicht überschreiten (§ 7 der Reichsschuldenordnc in der Fassung der 
Nov. V. 22. 2. 1904). 

Der etatsmässig zulässige Höchstbetrag de^ Umlaufs der Schatzanweisungen 
zur vorübergehenden Verstärkung des Betriebsfonds der Reichshauptkasse wird alljährlich im 
Reichsfinanzetatsgesetz festgelegt (§1 Abs. 2 derReichsschuldenordn. v. 19. 3 1900). So wurde diese 
Höchstsumme für 1877 und 1879 auf 24 Mill., für 1878, 1880—81 auf 40 Mill. festsjesetzt. In den 
Jahren 1882—86 erhöhte man ihn auf 70 Mill.. 1887—91 auf 100, von 1892— 190f auf je 175 Mill, 
Seitdem musste er gewaltig gesteigert werden; er betrug 1902 — 1904 je 275, 1905 — 1907 je 350, 
1908 475, 1909, dem Jahre der FLnanzreforra. sogar 600 Mill. M. Erst infolge der Reichsfinanz- 
reform konnte dfcr Höchstsatz wieder 1910 auf 450, 1911 auf weitere 375 Mill. M. ermässigt 
werden. Seit 1912 \<\ der Höchstbetrag weiter auf 353 IMill. M. herabgemindert. Diese Zahlenent- 
wicklung gibt jedoch insofern kehi ganz vollständiges Bild, als Schatzanweisungen in den 
Grenzen jener Maximalsummen mehrfach im Jahre begeben werden können. 

Der unverzinsliche Schatzanweisungskredit als schwebende Schuld zur Verstärkung der 
Betriebsfonds ist ausser im Reiche auch in einer Anzahl der grossen Bundesstaaten üblich. 
In P r e u s s e n , Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, E 1 s a s s - L o t li - 
ringen pflegt in den Finanz- und Etatsgesetzen ein Höchstbetrag für Ausgabe kurzfristiger 
Schatzanweisungen ,,zur \-orübergehenden Verstärkung des Betriebsfonds" der Staatshauptkasse 
festgesetzt zu werden. 

Rechnet man die Inanspruchnahme des deutschen Geldmarkts durch Schatzanweisungen 
und sonstige kurzfristige Geldaufnahmen seitens des deutschen Reichs und der 
Bundesstaaten zusammen, so ergeben sich steigende und namentlich in gewissen Monaten, 
vor allem in der. Winterhälfte oft erhebliche Summen. 

Erst in neuerer Zeit hat sich die.se Gesamtsumme namentlich infolge geringerer Bedürfnisse 
des Reiches erheblich vermindert. (Nähere Ziffern in der I. Aufl. S. 147.) 

Der Form nach als schwebende Schulden auftretende, ihrem Wesen nach mehr den festen, 
fundierten Sihulden zuzurechnende Schuldformcn sind die verzinslichen (mehrere 
Jahre laufenden) Schatzanweisungen. 

Als sich gegen Ausgang der 90er Jahre der deutsche Anleihemarkt erheblich verschlechterte 
und die AVirtschaftskrise des Jahres 1900 die Ausgabe 3% Reichsanleihen zu annehmbaren Preisen 
unmöglich machte, fing man zum ersten Male im Reiche wiederum an, längerfristige aber ver- 
zinsliche Scliatzanweisuntron auszugeben. Man begann zimächst mit Ausgabe von 80 Mill. 



') Schwüljonde Schulden finden »ich daher auch in England und Belgien. 

') GelegontUch werden auch an andere Banken oder Private SchatzauweiBungeu gegeben. 



Otto Schwan:, Die öirentlichen Kredite. 149 



4 % Schatzau Weisungen, in 4 Serien zu je 20 Mill. M., fällig in 4 — 5 Jahren, Begebungspreis: 
99/4%- ^^^ Begebung erfolgte — was vielen Tadel erfuhr — zur Schonung des einheimischen 
Marktes in New- York, von wo übrigens bald wieder ein Rückfluss in die Heimat stattfand. 
Gegenwärtig hat das Reich 200 Mill. derartiger Schatzaiiweisungen ausgegeben (zu 4 %). 

Was den Charakter dieser Schatzanweisungen anbetrifft, so werden sie von der Reichs- 
finanzstatistik den schwebenden Schulden zugerechnet, obgleich sie im letzten Grunde nichts anderes 
als eine feste langfristige Schuld sind, die nur in kurzfristiger Form aufgenommen wurde. Das 
sieht man deutlich daran, dass sie bei Verfallzeit meist immer wieder durch Schatz- 
anweisungen eingelöst sind.*^) 

Die Ausgabe dieser Schatzanweisungen erfolgt in der Regel gar nicht in der Absicht, aus 
künftigen Einnahmen wieder eingelöst zu werden, sondern um den in Folge der allgemeinen Wirt- 
schaftslage oder mit Reichs- imd Staatsauleihen bereits übersättigten Kapitalmarkt augenblicklich 
zu schonen. Sie bereiten also vielfach nur neuere weitere feste Anleihen vor.^) 

Die gesetzliche Ermächtigung des Reichsschatzsekretärs zur Wahl dieser Form der Schuld- 
aufnahme für Zwecke, die sonst im Wege von Reichsanleihen gedeckt werden, ergibt sich einmal aus 
der neueren Fassung der Reichsauleihegesetze, sowie ferner aus einer Vorschrift der Reichsschulden- 
ordnung V. 19. März 1900, § 1, wonach die im Wege des Kredits auf Grund des ausserordentl. Etats 
zu beschaffende Geldsumme entweder durch Aufnahme einer verzinslichen Anleihe oder durch 
Ausgabe von Schatzanweisungen zu erfolgen hat. Durch die Nov. v. 22. 2. 1904 wurde dann hinzu- 
gefügt, dass diese Ermächtigung zugleich die Befugnis in sich schliesse, Schatzanweisungen durch 
Ausgabe von neuen Schatzanweisungen und von Schuldverschreibungen in dem erforderlichen 
Nennbetrag einzulösen. 

Preussen ist dem Vorgange des Reiches gefolgt und hat seit 1907 zum ersten Male 
200 Mill. 4% bis 1. Juni 1912 laufender Schatzanweisungen ausgegeben, die nicht zur vor- 
übergehenden Verstärkung der Betriebsfonds, sondern zur Begebung von bereits genehmigten Aii- 
leihekrediten dienten. Gegenwärtig sind G.j.5 Mill. derartiger Seh. ausgegeben. 

(J. Feste, fundierte Scliulden. 

1. Feste oder fundierte Reichssclmld.*) 

Die 770 Mill. M. Schulden des Norddeutschen Bundes imd die aus Anlass des 
Krieges aufgenommenen Schulden waren bereits 1873 fast restlos gedeckt. 1875 wurden sie 
noch mit 45 000 Mark angegeben. Sie sanken bis 1902 dann weiter bis auf 17 700 Mark, welche 
Ende 1902 verjährt waren. 

Die erste Anleihe des neuen Deutschen Reiches wurde 1875^) zu Marinezwecken bewilligt, 
aber zunächst nicht begeben, da die Einnahmen aus der Kriegskostenentschädigung noch zur 
Deckung hinreichten. Erst im Jahre 1877 wurden die ersten Reichsschuldverschreibungen aus- 
gegeben. Es handelte sich dabei um 43 Mill. Reichsanleihe zu 4 %, die im Wege der öffentl. 
Subskription dem Publikum zum Kurse von 94,60 % angeboten wurden. Seitdem erhöhte sich 



^) Durch R.Ges. betr. Aenderang des Reichsschuldenwesens v. 22. 2. 1904 (RGBl. S. 6G) ist es aus- 
drücklich für zulässig erklärt worden, dass bei Fälligiverden von Schatzanweisungen und zu ihrer Einlösung 
erforderUchenfalls — ohne spezielle Ermächtigung — neue Schatzanweisungen ausgegeben werden. Erst in 
neuester Zeit h at man angefangen, fällig gewordene derartige Schatzanweisungen wenigstens teilweise nicht 
zu erneuem. 

') So diente die 1912 ausgegebene Anleihe des Reiches in Höhe von 80 Mill, zur Aufnahme einer 
fundierten Schuld an Stelle früherer Schatzanweisungen. 

') Den festen und fundierten Schulden zuzurechnen sind auch die Garantieschulden, d. h. 
Schulden anderer Korporationen, Gesellschaften oder Institute, für welche Reich oder Staat die Garantie der Zins- 
Tilgungazahlung pp. übernommen haben. Auch sie bedürfen im Verfassungsstaate eines Gesetzes. (R.V.A. 73, 
Pr. V.Il X. 1 0.'3 ) Im allgemeinen spielen diese Schulden keine finanziell bedeutende RoUe. 

») R. G. V. 27. 1. 1875. RGBl. S. 18. 



150 Otto Schwans, Die öffentlichen Kredite. 

die Keichsanleitescliuld von Jahr zu Jahr, jedoch anfänglich in durchaus massigem Tempo. Anfang 
1882 war die fundierte Reichsschuld erst auf annähernd 300 Mill. M. gestiegen, wovon 88 Mill. für 
Post, Telegr. u. Eisenbahnen und 48 Mill. für Durchführung der Münzreform, also ein erheblicher 
Teil für sog. produktive Zwecke ausgegeben worden waren. Auch in den nächsten Jahren stieg 
die Reichsschuld zunächst noch langsam an bis 1886. Seit 1887 aber vermehrte sie sich in weit 
stärkerem Tempo wie bisher. Und zwar überwogen nunmehr immer mehr die Heeres- und Flotten- 
anleihen gegenüber den produktiven Anleihezwecken. Sehr begünstigt wurde die Schuldenauf- 
nahme durch die Einführung des ausserordentlichen Etats im Reiche, welcher mit dazu 
verführte,"') die zur Etatsbalancierung fehlenden ordentlichen Einnahmen durch Anleihen im 
ausserordentlichen Etat zu ersetzen, indem man Ausgaben, die eigentlich ihrer wirtschaftlichen 
Natur nach in den ordentlichen Etat gehörten, in den ausserordentl. Etat einstellte. Der Versuch 
im Jahre 1893/94 u. 1894/95, durch eine Reichsfinanzreform die laufenden Einnahmenquellen des 
Reiches zu erhöhen, scheiterte leider, und so blieb der Reichsregierung zur Durchführung ihres 
militärischen und Flottenprogramms kaum anderes übrig, als den ausserordentlichen Etat und 
das Anleihekonto übermässig zu belasten. Von dieser Zeit an muss man die schleichende 
Finanzkrankheit datieren, welche über ein Jahrzehnt die Gesundheit der Reichsfinanzen 
untergrub und schliesslich zu einer akuten Finanzkrise in den Jahren 1906 bis 1909 führte, 
die durch eine sehr einschneidende Sanierimg mittelst der Reichsfinanzreformen von 1906 und 
1909 geheilt werden musste. Namentlich in dem Gebiete der Heeres- und Marineverwaltung waren 
es eine Anzahl von Ausgaben, die ihrer Natur nach keinesfalls eine Deckung aus Anleihe recht- 
fertigten und die auf Anleihe zu nehmen man in Frankreich und auch in England nicht dachte. 
So wurden Ausgaben zur Heeresverstärkung, Truppendislokationen, Steigerung der Operations- 
und Schlagfertigkeit des Heeres, Komplettierung des Waffenmaterials, Torerweiterungsbauten, 
Garnisoneinrichtungen, Kasernenbauten auf Anleihe übernommen, im Gebiete der Marinever- 
waltung wurden Armierungskosten durch Anleihe gedeckt usw. 

Dadurch steigerten sich die Ziffern der Schuld allmählich bis 1901 auf 2315,6 Millionen Mark. 

Erst im Jahre 1901, nachdem sich die Reichsschuld mittlerweile auf 2,3 Milliarden M. 
erhöht hatte, wurde in dieser Verschuldungsfreudigkeit insofern etwas Wandel geschaffen, als 
Regierung und Reichstag bestimmte Grundsätze vereinbarten, welche Arten von Ausgaben 
allein in Zukunft auf Anleihen verwiesen werden sollten. Diese Grundsätze sind enthalten in einer 
Denkschrift zum Etat 1901. Eine weitere Ausbildung erfuhren sie in einer Denkschrift zum 
Etat für 1907. 

Danach sollen auf die Anleihe nur verwiesen werden ■' 

1 . im Bereiche des Reichsamts des Innern: die Kosten der diesem Reichsamt übertragenen 
Wohnungsfürsorgo (Baudarlehen und Geländeerwerb für Erbbauzwecke), ferner etwaige grössere 
bauliche Änderungen am Kaiser-Wilhelm-Kanal, die .schon wegen des erheblichen Aufwandes über 
den Begriff der laufenden Unterhaltung und der durch die regelmässige Fortentwicklung des Verkehrs 
bedingten Erweiterung hinausgehen; 

2. bei der Heeresverwaltung : 

a) die Ausgaben für Festungszwecke, 

b) die Kosten für die Vervollständigung des deutschen Eisenbahnnetzes im Interesse der Landes- 
verteidigung; 

X bei der Vorwaltung der Kaiserlichen Marine: diejenigen Ausgaben, welche zur 
Weiterentwicklung der Marine bestimmt sind. Bei den Ausgaben für Sohiffsbauten wird der zur Er- 
haltung des bestehenden Zustandes notwendige Betrag mit 6% vom Schiffbauwerte der Flotte auf 
ordentliche Mittel, der Mehrbcd.arf in Gestalt eines Zuschusses des ausserordentlichen Etats auf 
Anleihe übernommen. Dabei sollen Schiffsbaukosten für die Übernahme auf Anleihe — unter Em- 
bezichung auf die Schiffsbaugemeinsehaft bei den einmaligen Ausgaben des Marine-Etats — nui 
in Frage kommen, soweit es sich um Schiffe oder Fahrzeuge handelt, welche die Kricgsflagge zu führen 
berechtigt sind und mit ihren Indieiisthaltungskoston demgemäss dem Kapitel 52 des Marine-Etats 
zur I..ast fallen. Die Baukosten aller übrigen Fahrzeuge werden auf den ordentlichen Etat verwiesen. 
Ausgaben für die artilleristische, Torpedo- oder Minonarmierung der Schiffe sind von der Übernahme 
auf die Anleihe ausgeschlossen; 

'") S. O. Schwarz, Formelle FinancverwaJtung. Ik-ilin 1907, S. 21. 



Olto Schwär», Die öffentlichen Kredite. 151 



•1. bei der Post- und T o 1 e g r a p h e ii v e r w a 1 t u n g : 

a) die Ausgaben zur Erwerbung von Telegraphenkabeln, sowie zur Herstellung unterseeischer und 
unterirdischer Telegraphenlinien, letztere nur insoweit, als andere Telcgraphenverwaltungen 
dabei interessiert sind, oder militärische Interessen mit in Frage kommen oder Stadtfemsprech- 
drähte unter die Erde verlegt werden müssen: 

li) die Ausgaben für solche Fernsprechanlagen, die vorzugsweise der Zukunft zugute kommen, einen 
dauernden Wert besitzen und auch eine ausreichende Verzinsung gewähren, soweit die Ausgaben 
nach Art und Umfang über den Rahmen der blossen regelmässig vriederkehrenden Ausgestaltung 
des Fernsprech Wesens hinausgehen; 

c) die Ausgaben für die zur Vermietung an minderbesoldete Beamte oder an Arbeiter bestimmte 
und sich angemessen verzinsende Gebäude, sofern ihre Einrichtung hauptsächlich aus Rück- 
sichten der sozialen Fürsorge erfolgt und eine Verweisung auf den im Etat des Reichsamtes des 
Innern ausgebrachten allgemeinen Fonds nicht angängig ist; 
5. liei der Eisenbahnverwaltung: 

a) die Ausgaben für solche Anlagen, Einrichtungen und Beschaffungen, welche der Eisenbahn 
einen für sie noch nicht erschlossenen Verkehr zuführen sollen, mit Ausnahme derjenigen, welche, 
obwohl ihrer Natur nach zum Erwerb einer zu der vom Reiche für seine Anleihen aufzuwendenden 
Zinshöhe im angemessenen Verhältnisse stehenden Verzinsung bestimmt, dennoch dauernd oder 
doch auf absehbare Zeit eine solche nicht erwarten lassen. Anlagen, Eiru-ichtungen und Be- 
schaffungen, welche die Bewältigung eines bereits bestehenden Verkehrs ermöglichen oder zur 
Erhöhung der Betriel)ssicherheit dienen sollen, oder welche aus der Entwicklung eines bereits 
bestehenden Verkehrs notwendig werden, also entweder durch die schon eingetretenen Zunahme 
des Verkehrs veranlasst werden oder einen bereits vorhandenen Verkehr zu erweitern bestimmt 
sind, sind auf den ordentUchen Etat zu übernehmen; 

b) die Ausgaben für ungewöhnlich kostspielige Anlagen, Einrichtungen und Beschaffungen, deren 
Übernahme auf den ordentUchen Etat das finanzielle Ergebnis (Überschuss der Einnahmen 
über die ordentlichen — fortdauernden und einmahgen — Ausgaben) der Verwaltung — der 
Regel nach für mehrere Jahre — aussergewöhnlich beeinträchtigen wurde, und zwar bei solchen 
Anlagen, Einrichtungen und Beschaffungen, die einer verhältnismässig schnellen Abnutzung 
unterworfen sind, unter Verzinsung und entsprechend abgekürzter Tilgung des aufgewendeten 
Anleihekapitals zu Lasten des ordentUchen Eisenbahnetats; 

c) die Ausgaben für sich angemessen verzinsende, zur Vennietung au minderbesoldete Beamte oder 
an Arbeiter bestimmte Gebäude, sofern ihre Errichtung hauptsächUch aus Rücksichten der sozialen 
Fürsorge erfolgt und eine Verweisung auf den im Etat des Reichsamtes des Innern ausgebrachten 
allgemeinen Fonds nicht angängig ist. 

Wären diese Grundsätze früher festgehalten worden, so würden allein in der Zeit von 
1887 — 94 etwa 8 — 900 Mill. M. weniger Schulden gemacht worden sein. 
Tatsächlich stieg die Reichsschuld von 1901 ab wie folgt: 



31. März 1902 2733,5 31. März 1908 3643,5 

1903 2733,5 „ 1909 3893,5 

1904 3023,5 „ 1910 4556,6 

1905 3023,5 .. 1911 4523.7 

1906 3383,5 „ 1912 4582,2 

1907 3643,5 I.Oktober 1913 4897,21«^' 



Mill. Mark. 



Auch in dieser späteren Periode haben den Löwenanteil der Anleiheerträge Heer und 
Marine davongetragen. 

Das der Reichsschuld gegenüberstehende werbende Aktivvermögen des Reichs ist gegenwärtig 
hinsichtlich der Post- und Telegraphenverwaltung auf etwas über 1 Milliarde, hinsichtlich der Reichs- 
eisenbahnverwaltung auf 900 Mill. bis 1 Milliarde M., hinsichtl. der Reichsdruckerei auf 15 Mill., 
zusammen also auf 2 Milliarden M. zu veranschlagen. Der kapitalisierte Reichsbankanteil würde 
auf etwa 3 — 400 Mill. M. zu bewerten sein, so dass der gegenwärtige Gesamtbestand der Reichs- 
schuld von rund 5 Milliarden M. fast zur Hälfte durch werbende Aktivwerte gedeckt ist. 
Unter den nicht werbenden Aktivwerten sind namentlich der Flottenbestand, die Elriegshäfen, 
Werften, die Kasernen, Festungen, militärischen Werkstätten, Depots usw. zu nennen. 



'"a) Die Summe setzte sich zusammen aus 1072 Mill. -M. 4%, 1970 Mill. U 3^ "o, lli34 Mill. M. .3% 
Schuldverschreibungen und "220 Mill. 'Sl. 4% Schatzanweisungen. 



152 Otto Schwär», Die öffentlichen Kredite. 



Was die V e r z i n s u n g der Reichsschulden anbelangt, so wurde, wie bereits hervor- 
gehoben, die erste Anleihe von 43 llill. M. des Reiches im Jahre 1877 mit 4% zu 94% begeben 
und dem Publikum (im AVege der öffentl. Zeichnung) zu 94,^ % angeboten. Es wurden aber 
1877 noch einige kleinere Anleihen durch freihändigen Verkauf zuKursen zwischen 94,25-96 
begeben. Der Durchschnittskurs der im Jahre 1877 begebenen 72,2 Mill. M. nominal stellte 
sich auf 94,33%, was einen Realzinsfuss von 4,54% bedeutete. Von da an besserten sich die 
Zinsbedingungen von Jahr zu Jahr in fast ununterbrochenem Tempo bis 
zum Jahre 1889. Die Emissionskurse der bis zum Jahre 1886 neu aufgenommenen 4% An- 
leihen stiegen allmählich bis auf fast 100% (105,9e%) an, wodurch der Realzins bis auf 3,„% her- 
abgemindert wurde. In diese Zeit (4.3.85) fiel in Preussen eine grosse Konversion 41/2% iger 
Konsols (545% Mill. M.) und die Umwandlung von über IY2 Milliarden Eisenbahnprioritäten, zu 
meistenteils 41/2% verzinslich, in 4% Konsols. Zugleich ging Preussen (seit Juli 1885) zum 3i'2%igen 
Typ über. Dieser Tatsache gegenüber glaubte die Reichsregierung berechtigt zu sein, nunmehr auch 
ihrerseits den 4% Typ verlassen zu können, und gab 1886 neben 10 Mill. M. 4% zum ersten Mal 
36,2 ^^'^'- ^I- 3^2 %ig^'" Reichsanleihe aus. "Wie richtig die Massnahme war, ergab sich am besten daraus, 
dass die neuen 3^9% igen Titres fast genau zu pari (zu 100,03%) ausgegeben werden konnten, 
wodurch sich der Realzins von 3,„ auf 3,5^% herabminderte. Im folgenden Jahre, 1887, konnte 
dieser Emissionskurs allerdings nicht ganz aufrecht erhalten werden, was wohl vor allem daran 
lag, dass, während bisher die Jahresaufnahme von Anleihen sich zwischen Summen von 24 — 79 
Mill. M. bewegte, in diesem Jahre mit einem Male nicht weniger wie 235 Mill. M. Schulden auf- 
genommen wurden. Der Emissionskurs konnte daher nur auf 99,^^,% festgestellt werden, was 
den Realzins auf 3,53% erhöhte. In den Jahren 1888 und 1889 hob sich aber, obgleich die sehr 
erheblichen Summen von 163 und 234 Mill. M. aufgenommen werden mussten, der Emissions- 
kurs bereits wieder auf 102,59 "^^ l'^2,-o%, der Realzins senkte sich also auf 3,^^% und 3,40%- 

So hatte die Regierung in dieser ganzen Zeit mit dem System der Emission nominell 
hoch verzinslicher Schulden recht gute Erfolge erzielt. Für die in der Zeit von 1877 
bis 1889 begebenen Anleihen im Nominalbetrage von insgesamt 1 117 981 800 M. wurden bei der 
Emission in 'Wirklichkeit erzielt 1 225 555 904" M.") 

Das Jahr 1890 brachte eine wesentlicheAVandlung in der Anleihepolitik der Regierung insofern, 
als diese mehr zum System nominell niedrig verzinslicher Schulden 
überging. Es wurden nämlich in diesem Jahre zum ersten Mal neben 29,g Mill. M. 3i/.,%iger zu 
98,58% äu^ 1"0 -^I'"' M. 30/0 ige Reichsanleihe zu 86,33% ausgegeben. 

Der Erfolg der Anleihe vom rein fiskalischen Standpunkte war zunächst ein 
günstiger. Während die 3%% Anleihe des Jahres 1890 von 29,8 ^^'^l- *^^° Realzins wieder 
auf 3,55% gesteigert hatte, senkte sich nun bei 3% und einem Emissionskurse von 86,39 % 
der Realzins wieder auf 3,^7%. Für die Besitzer der bestehenden 4 und 3^^% Eeichsanleihen be- 
deutete diese Einführung des 3% Typs aber einen gewissen Schreckschuss, indem sie nunmehr 
ernstlich genötigt \vurden, sich auf Konvertierungsmassnahmen vorzubereiten. Namentlich mussten 
die Besitzer 4% Titres mit einer solchen Massnahme rechnen. Für diese Anleihen war daher die 
aufsteigende Richtung der Kursbewegung nunmehr dauernd vorbei. "Während sich ihr Durch- 
schnittskurs von 1877 bis 1889 von 95,69% allmählich bis auf 108,ie% (Höchstsatz 1889 sogar 109,6o%) 
gesteigert hatte, wurde ein solcher Kurs von nun an nicht mehr erreicht. Der Kurssteigerung 
von Beginn der 90er Jahre bis 1896 von 98,39% ^^^ I0i,sg% bei den 3i^%igen und bis 1895 
von 87, ,0% bis 100,3^% bei den 3% igen stand bei den 4% igen eine rückläufige Entwickelung 
des Börsenkurses von 100,,5%") bis 103, „% im Jahre 1897 gegenüber. 

Bei der Frage, ob jenes Übergehen der Rcichsregierung zum 3% igen Typ — das 
Hand in Hand ging mit der Einführung des 3% igen Typs in Preussen — berechtigt war, oder 
nicht, wird zu berücksichtigen sein, dass der Anleihemarkt damals mit 310% ig^" Anleihen 
durch die starken Anleiheaufnahmen in Preussen und im Reich sehr wesentlich überlastet war, 



") S. Bericht der Keiulihficliuldciikoinmission Reichst. -Session yO/92 Aktenst. 422. 
>2) Nur um 1892 u. 180.3 fand eine kleine Steigerung auf lOO.jo und 107,ji°,'o statt. 



Otto Schwärm, Die öffentlichen Kredite. 153 



die Regierung also nur zu starken Kursabschlägen ihren erheblichen Anleihebedarf bei Festhaltung 
eines 3^4% Typ hätte decken können. Deshalb riet namentlich die Bankwelt die Wahl 3%iger 
Anleihen an. Für die Regierung spielte dabei noch der Wunsch, das Ansehen des deutschen Staats- 
kredits gegenüber dem Auslande aufrecht zu erhalten, eine erhebliche Rolle. In London hatte 
soeben die grosse Goschen'sche Konversion stattgefunden, welche den grössten Teil der englischen 
Staatsschuld von 1891 von 3 auf 2-^'^% Nominalzins — mit automatischer Weiterverminderung 
auf 2%% in 1903 — herabsetzte und zunächst vollen Erfolg gehabt hatte. Auch in Frankreich 
plante man eine Konvertierung von 6,3 Milliarden für 4^% ige in 3i,'2%ige Staatsrente (durch- 
geführt 1893). Da erschien es der preussischen und Reichsregierung offenbar nicht recht würdig, 
Anleihen zu 3i/2% wesentlich unter Pari aufnehmen zu müssen. 

Zunächst schien die weitere Entwickelung des Anleihemarktes der Politik der Regierung 
Recht geben zu wollen. Das Jahr 1891 (das Jahr der Baringlvrisis), in welchem 8,., Mill. M. 
334% iger und die ausserordentlich hohe Summe von 360 Mill. M. zu 3% begeben wurden, hob 
bei 97,92% bezw. 83,^,% Emissionskurs zwar den Realzins vorübergehend wieder auf 3,57% 
bezw. 3,5g %. Von 1892 au aber stiegen die Emissionskurse sowohl bei den 3^'2%, sowie den 
3% igen Reichsanleihen ununterbrochen, wodurch der vom Staate zu zahlende Realzins ' fort- 
gesetzt sank. 1895 konnten 34, g Mill. M. 3% Anleihe sogar zu 99,^3%, also fast zu Pari ausgegeben 
werden, wodurch der Realzins bis auf 3, (,.2% ermässigt wurde. Damit aber war der Höhepunkt 
der günstigen Entwickelung erreicht. Von nun an begann sich langsam aber stetig 
die Misere unserer 3% igen anzubahnen. Von 1895 bis 1901 sanken die Emissionskurse der in 
dieser Zeit aufgenommenen 3% igen allmählich von 99, .0% herab bis auf 87,^8%, wodurch der 
Realzins wieder von 3,0, bis auf 3,^3% anstieg. 

Die günstige Kursentwickelung der 3^4 %igeii Titres seit Beginn der 90er Jahre und noch 
mehr die Erreichung des Parikurses der 3% igen im Jahre 1895 (Höchstkurs 100,3o%) Hess den 
schon längst gehegten Gedanken einer Ermässigung des Nominalzinses der 4 %igen Titres in 
den Vordergrund treten. Der Markt bereitete sich immer mehr darauf vor. Die Höchstkurse der 
4% igen sanken von 1894 bis 1897 allmählich von 108,4q auf 104,,o, die Durchschnittskurse von 
106,59 auf 103,^%. Nachdem Preussen 1896 zur Konvertierung semer 4% auf 3%% ige über- 
gegangen war, konnte das Reich nicht mehr zurückbleiben. Durch RG. v. 8. März 1897 wurde 
die Konvertierung der umlaufenden 450 Mill. M. 4% igen Reichsanleihe in 3^% verfügt. 

Mit diesem Zeitpunkte hatte man gerade noch den letzten Augenblick der Möglichkeit einer 
wirksamen Konversion wahrgenommen, nachdem man vielleicht ein bis zwei Jahre zu lange gezögert 
hatte, wenn man überhaupt entschlossen war, sie durchzuführen. Ein bis zwei Jahre später wäre der 
Zeitpunkt verpasst gewesen. Die aufsteigende wirtschaftliche Entwickelung und verschiedene 
andere Momente führten von nun an bei allen Reichs- u. Staatsanleihen eine rückläufige Kurs- 
und steigende Realzinsbewegung herbei. Die konvertierten 3^4% igen fielen im Kurse 
von 1898 bis 1900 von 103,64% auf 95,gj%, die nicht konvertierten" 3%% igen von 103,b9 auf 
95.80%' <iie 3% igen von 97,66 sogar auf 86,74%. Für 1901, 1902 und 1903" in denen sich als Nach- 
wirkung der Wirtschaftskrise von 1900 auf dem Industrie- Anlagemarkt eine gewisse Stagnation 
einstellte, zogen die Kurse wieder etwas an. Die 3i.'2%igen stiegen bis 102,3q% (im Höchstsatz 
auf 103,30) üi 1903. Dann aber trat eme fortgesetzt rückläufige Kursbewegvmg ein, die erst 1908 
emen gewissen Abschluss fand bei 92,85 (niedrigster Satz 90,go). Das Jahr 1909 brachte eine Er- 
höhung im Durchschnitt auf 95,i5%, während 1910 wieder ein Rückschlag auf 93,j7% stattfand. 

Bei den weit empfindlicheren 3% igen Anleihen trat der Rückschlag schon etwas früher ein. 
Während der Durchschnittskurs sich 1902 bis auf 92,j8% (Höchstkurs 93,50) gehoben hatte, ging 
derselbe schon 1903 auf 91,49 (Höchstsatz 93,4o%) herab und sank nun fortgesetzt von Jahr zu 
Jahr bis auf 83,24 in 1908 (niedrigster Satz 81, „„in 1907), 1909 hob er sich wieder auf durchschnittlich 
85,84 (Höchstsatz 87,,o), ging aber 1910 wieder herunter auf 84,4^ (Höchstsatz SS.jj, niedrigster 82,7b). 
Seinem erfolgte ein weiterer Abstieg. Stand am 25. Blärz 1912: 81,30%. 

Bei dieser Entwickelung war es dauernd nicht möglich, die zahlreich notwendig werdenden 
neuen Anleihen weiter in 3% igem Typ aufzunehmen. Die letzte Aufnahme von 290 Mill. M. 



154 Otto Schwans, Die öffentlichen Kredite. 



zu 3% erfolgte im Jahre 1903 zu dem noch annehmbaren Emissionskurse von 91,39%, was einem 
Realzins von 3,23% entsprach. Dann aber musste man definitiv zum 3^4% igen Kurse zurück- 
kehren. 1904 half man sich zunächst mit 100 Mill. langfristigen zu 3%% verzinslichen Schatz- 
anweisungen (Kurs 99,60, Realzins 3,52). Dann folgten 1905 360 Mill. u. 19Ö6 260 Mill. 31/2% Reichs- 
anleihe zu 100,4g bezw. 99,38% Kurs d. h. zu 3,43 bezw. 3,52% Realzins. 

Aber auch damit kam man auf die Dauer nicht aus. So sehr sich die Reichsregierung und 
der preussische Finanzminister gegen den Gedanken, zum 4% Typ wieder zurückzukehren, den 
man seit 1886 verlassen und nur einmal in 1900 in beschränktem Masse wieder hervorgeholt hatte, 
sträubten, die Verhältnisse des Marktes erwiesen sich als stärker. 

1907 gab man im Reiche zum ersten Male zunächst 5jährige Schatzanweisimgen (200 Mill.) 
zu 4% aus, die bei einem Begebungsloirse von 98% einen Realzins von 4,og% trugen. (Über- 
nahmeprovision 1%.) Die Verhältnisse entwickelten sich weiter imgünstig. Das Ende des Jahres 
1907 brachte eine von Amerika ausgehende starke wirtschaftliche Störung des gesamten Kapital- 
marktes. So musste man bei der infolge der Reichsfinanznöte unumgänglich nötigen 250 Mill.- 
Anleihe im April 1908 nunmehr zum 4% igen Typ übergehen und dabei noch die Unkündbarkeit 
bis 1918 aussprechen. In Preussen hatte man die Fiktion einer nur vorübergehenden Massnahme 
anfangs Januar bei Ausgabe einer Anleihe von 210 Mill. noch dadurch festzuhalten gesucht, dass man 
diese Anleihe nur für 10 Jahre bis zum 1. April 1918 mit 4% Nominalzins ausstattete, während an 
diesem Tage der Zins ohne weiteres auf 3%% und vom 1. April 1923 auf 3y2 zurückgehen sollte. 
(System der sog. gleitenden Skala, ,, Staffelanleihe".) Die weiter im April 1908 notwendige 40C 
Mill. Anleihe wurde dagegen ebenso wie im Reiche zu 4% unkündbar bis 1918 aufgenommen. 

Die ferneren Anleihen im Reich von 1909 und 1910 sind ebenso wie in Preussen (Reich 
3. 5. 09 160 Mill. u. 5. 2. 10 340 Mill. M. Preussen: 270 bezw. 170 Mill. M.) nach dem gleichen Typ 
(4%, bis 1918 unkündbar) emittiert. 

Die allerneueste gemeinsame Emi-ssion aus Anfang 1912 (Preussen 420 Millionen, das 
Reich 80 Mill. M.) in 4% igeni ebenfalls bis 1918 unkündbarem Typ erzielte einen Zeichnungspreis 
von 101,2oM. für Stücke, die unter Sperrung bis 15. Jan. 1913 in d. Reichs- oder Staatsschuldbuch 
eingetragen werden, für sonstige Stücke 101 .^^ M. pro 100 M. Nennwert. — Für 1913 musste man 
den Gläubigern aber erheblich weiter entgegenkommen. Im März 1913 mussten für .50 Mill. 4% 
Schuldverschreibungen. Unkündbarkeit bis 1925, im Juni für weitere 50 Mill. .sogar bis 1935 zu- 
gesichert werden. Dabei betrusj der Zinsfusszins nur 98,40 bezw. 98,60 und im ,limi nur noch 
97,70 bezw. 97,90 %. 

Was die Schuldentilgung anbelangt, so hatten die ersten Anleihen des Norddeutschen 
Bundes noch an der Zwangs tilgung festgehalten. Die Anleihe, welche durch R. G. v. G. 
11. 67 (RGBl. S. 157) bis zur Höhe von 10 Mill. Thl. = 30 Mill. M. für Marine- u. Heereszwecke 
genehmigt wurde, gewährte den Inhabern der Schuldverschreibungen zwar kein Kündigungs- 
recht, ordnete aber eine gesetzliche Zwangstilgung von mindestens 1% des Schuld- 
kapitals unter Zurechnung der ersparten Zinsen vom Jahre 1873 ab an. Verstärkte Tilgimg 
oder gänzliche Rückzahlung mit 6monatl. Kündigungsfrist war zugelassen. Die Tilgung hatte 
durch Ankauf oder, wenn die Anleihe pari und darüber stand, durch Auslosung zu erfolgen. 

Infolge der preus.s. Konsolidierungs- Gesetzgebung von 1869 und des hier grundsätzlich 
eingeführten Prinzips der fi'eien Tilgung wurde auch für die genannte Reichsanleihc die Zwangs- 
tilgung aufgehoben und bestimmt, dass der jährliche Bundesetat die Höhe der Tilguugsmittel 
zu bestimmen habe: R. G. v. 6. 4. 70 (RGBl. S. 65). Ähnlich R. G. v. 21. Juli 1870 (RGBl. 
S. 491) y. 29, Nov. 1870 (RGBl, S. 620) u, v. 26. April 1871 (RGBl. S. 91). 

Die Rückzahlung der Kriegsanleihen erfolgte trotzdem in der Hauptsache bald iind zwar 
aus den Geldern der Kriegskontribution (R.G. v. 28. 10. 71 RGBl. S. 343). 

Solange sich die Reichsschuld auf einem verhältnismässig geringen Stande hielt, konnte 
man über das Nichtvorhandensein jeglicher Tilgung hinwegsehen. Als aber seit Aasgang der 80er 
Jahre die Vermehrung der Reichsschuld ein rapides Tempo anzunehmen begann und der Schulden- 
zineendienst von Jahr zu Jahr stärker auf das Budget drückte, begann bei der Regierung wie 



Otto Schwor», Die öfFentUchen Kredite. 165 



bei einsichtigen Männern des Parlaments das Fehlen jeglicher Tilgimgsvorschrift als bedenklich 
empfunden zu werden. Man muss es als das Verdienst des Zentrums (Abg. Lieber) anerkennen, 
zuerst auf die Notwendigkeit einer Schuldentilgung nachdrücklich hingewirkt zu haben. 

Die Massnahmen der Clausula Franckenstein, welche im Laufe der 80er Jahre den Einzel- 
staaten alljährlich erhebliche Beträge aus den Reichszöllen u. -steuern auch über die Matrikularum- 
lagen hinaus zuwies, musste gegenüber der dabei stark steigenden Reichsverschuldung als eine unbe- 
dachte und in gewissem Masse leichtsinnige Finanz Wirtschaft des Reiches erscheinen. So wurden 
denn auf Antrag derjenigen Partei, welcher die Verantwortung der Cl. Fr. in erster Linie zufiel, 
des Zentrums, die sog. leges Lieber erlassen, welche bestimmten, dass der grössere Teil des etwaigen 
Überschusses der Gesamtsumme aller Überweisungen an die Bundesstaaten über die Matri- 
kularbeiträge des betr. Jahres hinaus zur Tilgung der Reichsschuld zu verwenden sei.''') Leider 
erwiesen sich die Vorschriften der leges Lieber in der Wirklichkeit nicht als so nützlich, wie sie ge- 
dacht waren, weil sie Überschüsse voraussetzten, während die steigende Finanznot des Reiches 
seit Ende des 19. Jahrhunderts die glückliche Zeit der Mehrüberweisungen an die Bundes- 
staaten endgültig beseitigte. 

Der Gedanke, in irgendeiner Form eine obligatorische Tilgung im Reiche einzuführen, 
kam gleichwohl nicht mehr zur Ruhe, um so weniger, nachdem Preussen in seinem Gesetze v. 
8. 3. 97 (GS. S. 43) eine gesetzliche Prozentualtilgung durchgeführt ('^/j %) und zugleich be- 
stimmt hatte, dass alle rechnungsmässigen Überschüsse (die e t a t s massigen Überschüsse 
waren schon nach Ges. v. 18. 12. 1871 (RGBl. 593) grundsätzlich zur Tilgung zu verwenden) zur 
ausserordentl. Schuldentilgung verwendet werden mussten. So wurde zunächst in der kleinen 
lex Stengel von 14. 5. 1904"(RGB1. S. 169) im § 2 bestimmt, dass — unter Abänderung des Art. 70 
der RV. — in Zukunft etwaige Überschüsse aus den Vorjahren, insoweit durch den Reichshaus- 
halt nicht ein anderes bestimmt wird, zur Deckung gemeinschaftl. ausserordentlicher Ausgaben 
dienen sollten, was einer Tilgiing bezw. Schuldminderung gleichkam. 

Weiter bestimmte der § 4 des Reichs-Ges. v. 3. 6. 06 (RGBl. S. 620), dass von 1908 ab 
jährlich 3/5% der Reichsschuld aus bereiten Staatsmitteln getilgt werden sollten (evtl. durch 
Verweisung auf Anleihe). 

Aber es stellte sich bald heraus, dass alle gesetzlichen und Zwangstilgungen das Vorhanden- 
sein genügender laufender Mittel zur wesentlichsten Voraussetzung ihrer AVirksamkeit haben. 
Wenn beim Mangel solcher 1908 u. 1909 von der Duichfiihiung der Bestimmung in 
§ 4 a. a. 0. abgesehen werden musste, so hatte diese beschämende Tatsache den guten Erfolg, 
dass man die durch die Reichsfinanzreform neu zu schaffenden Mittel reichlich genug 
bemass, um die erforderlichen Beträge für eine angemessene Schuldentilgung sicherzustellen. 
Die Erörterungen in der Öffentlichkeit über die enoime Schuldenvermehrung verfehlten ihre 
Wirkung auch auf das Parlament so wenig, dass auf Anr» gung aus dessen Mitte eine über die in 
Preussen festgesetzte Schuldentilgung noch weit hinausgehende Tilgung der Reichsschulden vor- 
geschrieben wurde. Nr. 3 des R. G. v. 15 .7. 09 (RGBl. S. 743) bestimmte, unter Ausserkraftsetzung 
der Tilgungsbestimmungen des RG. v. 1906, dass — abgesehen von etwa 100 Mill. Anleiheschulden, 
die in den letzten Jahren für Fernsprechanlagen, Reichseisenbahnen, Arbeiterwohnungen und 
Darlehen für Kolonien gemacht und mit besonderen Tilgungsplänen versehen waren, die aufrecht 
erhalten blieben, — alle bis 30. September 1910 aufgenommenen Anleihen mit mindestens 1%, 
die nach dieser Zeit aufgenommenen Anleihen, soweit sie für werbende Zwecke aufgenommen sind, 
mit mindestens 1,9%, alle anderen Schulden sogar mit mindestens 3% getilgt werden mussten. 
Die ersparten Zinsen, welche mit 3^",, anzusetzen sind, müssen ebenfalls zur Tilgung ver- 
wendet werden. Die Tilgung kann ebenso, wie dies das Preuss. Tilgungsgesetz von 1897 
vorgesehen hatte, auch durch Verrechnung auf Anleihe erfolgen. Doch hat man neuerdings, 
um die Kurse der Reichs- und Staatsanleihen zu heben, mehr auf den Rückkauf von An- 
leihetitres als auf Verrechnung auf Anleihen Wert gelegt (s. darüber den Artikel : Die Kurse 
unserer Reichs- und Staatsanleihen.) 

") Näheres s, Schwarz u. Strutz, Staatshaushalt, BJ III, Buch 3, S. 1'22. 



156 Otto Schu'arz. Die öifentlichcn Kredite. 



Bisher ist es iu der Tat gelungen, die reiclisgesetzlich angeordnete Tilgung in den Etats 
aufrecht zu erhalten, und es ist zu hoffen, dass dies auch in der Zukunft geschehen könne. 
Neuerdings haben sogar noch über dieses Mass hinaus erhebliche ausserordentliche 
Tilgungen aus Überschüssen im Reichsetat und bei den Uberweisungssteuera stattgefunden. 
S. dazu R.G. vom 15. Juli 1909 § 3 (RGBl. S. 743), v. 21. 3. 1910 § 6 (RGBl. S. 525) 
u. RG. V. 7. 4. 1911 § 4 (RGBl. S. 113). - 

Die Übernahme (Emission) von Anleihen erfolgt in Deutschland in der Regel durch ein 
Konsortium auf eigene Rechnung. Dabei hat sich im Laufe der Zeit, beginnend 
mit den 50er Jahren, für preussische und .später auch für die Reichsanleiheu eine gewisse feste 
und dauernde Gruppe von Banken gebildet, die regelmässig die Staats- und Reichsanleihen zu 
übernehmen pflegen. Es ist das sog. „Preussenkonsortium", welches im Laufe der 90er Jahie 
erheblich erweitert wurde. 

Die Verwaltung derReichsschuldeu lässt sich nur zugleich mit der Verwaltung der 
preussischen Staatsschuld darstellen. Für Preussen fungiert auf Grund des Ges. v. 24. 2. 1850 
(GS. S. 57) als Verwaltungsorgan für die Verwaltung der Staatsschulden die Hauptver- 
waltung der Staatsschulden, welche als eine von der allgemeinen Finanzverwaltung 
abgesonderte, selbständige Behörde unbedingt verantwortlich ist für An- und Ausfertigung, sowie 
Ausgabe der Staatsschuldverschreibungen (Konsols) und Zinsscheine, für die regelmässige Ver- 
zinsung, für die vorgeschriebene Tilgung, für Löschung, Kassation und Aufbewahrung der ein- 
gelösten sowie der behufs Eintragung ins Staatsschuldbuch eingereichten Schulddokumente, 
endlich dafür, dass sie nicht über den Betrag der gesetzlich genehmigten Anleihedokumente hinaus 
ausgegeben werden. Niu: soweit es mit dieser unbedingten Verantworthchkeit vereinbar ist, unter- 
liegt die H. d. St. der oberen Leitung des Fin. Min. (Ges. v. 24. 2. 50 §§ 1, 6 u. y. 20. 7. 83 § 23). 

Im übrigen ist ihre Aufgabe Verwaltung der Staatsschuld und der zu diesen Zwecken ihr 
überwiesenen iilittel, An- und Ausfertigung, Ausweisung, Wiedereinziehung der Schulddokumente, 
Einrichtung von Staatsgarantien, Ermittelung und Verfolgung von Fälschungen pp. und endlich 
Führung des Staatsschuldbuchs. 

Sie ist eine kollegiale Behörde. Präsident und Mitglieder werden vom König ernannt und 
leisten vor dem Ob.Verw.Ger. emen Eid auf die besonderen Pflichten ihres Amts nach gesetzlich 
bestimmter Formel. Als nachgeordnete Organe sind ihr unterstellt 1. Die Kontrolle der Staats- 
papiere 2. die Staatsschuldentilgungskasse, 3. das Staatsschuldbuchbureau. 

Die parlamentarische Kontrolle über die Hauptverw. d. Staatssch. bezieht sich nur auf die 
ihrer eigenen Verantwortlichkeit unterliegenden Geschäfte und ist eine fortlaufende, 
durch die Staatsschuldenkommission ausgeübte. Letztere besteht aus je 3 auf 3 Jahre gewählten 
besonders vereidigten Mitgliedern der beiden Häuser des Landtags und dem Präsidenten der 0. R. K. 
Alljährlich hat sie dem Landtag über ihre Tätigkeit und die Verwaltimg des Schuldenwesens 
Bchriftlichen Bericht zu erstatten. 

Unter dem Titel „Reichsschuldenverwaltung" hat die H. d. St. zugleich auch die 
R e i c h s 8 c h u 1 d zu verwalten. Die Funktionen des Fin. Min. hat hier der Reichskanzler, 
diejenigen der Staatsschuldcnkommission die Reichsschuldenkommission zu übernehmen, welche 
letztere aus dem Vorsitzenden des Ausschusses des Bundesrats für das Rechnungswesen oder 
einem Stellvertreter des Vorsitzenden und 5 vom Bundesrat alljährlich gewählten Mitgliedern des 
Rechnungsausschusses, G vom Reichstag gewählten Mitgliedern und den Präsidenten des Reichs- 
rechnungshofes besteht. Ihr Bericht ist dem Bundesrat und dem Reichstage zu erstatten. (Reichs- 
schuldenordnung V. 19. März 1900 §§ 9—15). 

Zur Zuständigkeit der Hauptverwaltung der Staatsschulden in Preussen und der Reichs- 
bcbuldenverwaltimg gehört auch die Verwaltung des preussischen Staats- und des Reichs- 
schuldbuches. 

Hinsichtlich der Einrichtung des Schuldbuchs sind für P r e u s s e n die Gesetze v. 20. 
7. 83 (GS. S. 120) V. 21. 4. 8G u. 8. 6. 91 (GS. S. 124 bczw. 105) v. 24. 7. 04 (GS. S. 167) und v. 
22.5. 1910{GS. S.47),fürda8ReichdieR.Gesetze V. 31.5. 91 (RGBl. S. 321) v. 28. 6.04 (RGBl. 
S. 251) und V. Ü. 5. 1910 (RGBl. S. 665) massgebend. 



Otto Schwarz, Die Öffentlichen Kredite. 



157 



Dem Beispiele Preussens und des Reiches in der Schaffung von Staatsschuldbüchern sind 
mehrere andere Bundesstaaten gefolgt, so S a c h s e n (Ges. v. 24. 4. 84, 11 . 6. 1906), 
Hessen (Ges. v. 27. 3. 98, 31. 3. 1908, 1 .' 4. 09), Bremen (Ges. v. 2. 12. 98), Hamburg 
(14. 4. 1902), S a c h s e n -W e i m a r (G. v. 20. 1. 1900). Neuerdings auch Württemberg, 
(Ges. V. 12. 8. 11;, ferner Bayern (Ges. v. 20. 7. 12j, Baden fGes. v. 8. 6. 1912). 



Stand der fundierten Staatsschulden zu Beginn der Rechnungsjahre 

(Beträge in 1000 M.) 



B u n d e s s t LI H t 



1881 



1891 



1901 



1906 



1909 



1910 



1911 



1912 



Preussen . . 
Bayern . . . 
Sachsen . . 
Württember. 



Baden .... 

Hessen .... 

Mecklenburg- 
Schwerin . 

Grossherzogtum 
Sachsen . 

Mecklenburg' 
Strelitz . 

Oldenburg . 



Braunschweig . . 
Sachs. -Meiningen 
Sachs.- Altenburg 

saci^--eh7i 



196.5313.0 .1834782,6 1 6602802,5 



1341078,1 133U99.1 



Anhalt 



Schwarzbuig- 
Sondersuauseti 

Schwarzhurg- 
Eudolbtadt. . . 

Waldeck 

Eeuss alt. Linie . 

Rouss jung. Linie. 

Schaumburg- 
Dppe 

Lippe 



Lübeck . . 
Bremen . 
Hamhurg . 



673445,0 
418751.8 

322915,s 
31 752,8 

37908,0 

6068,4 

567,4 ! 
36811,3! 

84164.4 ' 

1 1 540,8 ; 

2125,7 

12688,7 

3000,0 

884,4 

4279,9 

3496.6 

995,2 



310,9 
1 149,7 



625780,7 
439 105,2 

339Ö45.9 
35 109,7 

94.'S49,7 

4675,8 

737,2 
36450,6 

69384,7 

12512,9 

2128,6 

4807,1 

1260,0 

904,5 

3852,3 

3243,7 

171,1 

379,6 
810,4 



1362511,6 
829822,5 
495168,5 



7228616,0 1 «225149,8 
1707063,0 '6)1794767,6 



941266,8 
551431,0 



335726,5 j 446992.4 
284450,0 , 366843,3 



23742,4 11309,4 

80702,3 : 80283,6 

160821,0 271392,2 



108583,4 

1823,1 

1 465,2 
55821,9 

58452,2 

9243,6 

882,7 

5999.3 



733,9 

4013,6 
1 902,3 

1040,6 

266,1 
1 288,0 

37549.3' 
160068,3 ' 
406736,7 



129065,3 

1721,8 

1 636,2 
59 317,7 

52651,3 

S7l8,o 

88 .',7 

'*) 5534,2 



677,4 

4397,5 
1755,3 

1040,5 

433.7 

835,5 

47922.3 ' 
220695.0 I 
491524,8 



896837,5 
584789,8 

506308.9 
430037,9 

130588,9 

2401,5 

2235,2 
58419.9 

49823,9 

8880.6 
882,7 

4379.8 



654,3 

1 702,5 
1 635,9 

1040,6 

402,8 
907,9 

64.596,8 
264757,8 
607 692.4 



8776770.8 

2165942,9 

893042,6 

606042,8 

557178,3 
428664,4 

129566,7 

2361,5 

2370,8 
73847,2 

48771.3 

7847,6 

882,7 

4 344,9 



654,3 
4668,5 
1 594,2 
1 040,6 

336,9 
1 096.O 

64109,8 
263431,4 
654421,6 



8921677,2 8788874,0 

2165942,9, 2285976,1 

871467,6 868894.S 



600509,5 

.546951,9 
441 242,0 

139948,1 

2.^21,2 

2734,1 
73.581.0 

47443,9 
7012,5 

S82,7 

4293,9 



629,3 

4635,0 
1 551,9 

1 040,6 

325,7 
1 006,0 

63387.7 
263097,5 
675804.7 



Elsass-Lothringen 



10806.8 25798.2 1 30332,5; 36071,4 



37 569,1 39 758,1 i 42167,0 



SQnnie Bnndessiaaien 



5244320,9 9229974,7 



10796684,3 2307093,2 13679464,1 14728745,9 



14879653.9 



624793,3 

567219,6 
431283,6 

139900.2 

1 772,1 

2680,2 
75071,0 

45619,1 

7287.8 
882,7 

4241,2 



1 303,9 

46001) 
1 508,4 

1 040,6 

369,6 
913,8 

62715,8 
301606,1 
742970 

43725,9 



15005249,6 



Die Summe der bundesstaatlichen Schulden hat sich also 

seit 1881 um 9 761,o Mill. M. 

,, 1891 „ 5 775,:; „ „ 

„ 1901 „ 4 208,0 „ „ 

vermehrt. 

'ä) Stand am 1. JuU 1905. 
'•) Stand um 1. Jan. 1908. 



158 Otto Schivar^, Die öffentlicheu Kredite. 

In den anderen Bundesstaaten ist die Verwaltung der Staatsschuld, wie hier ebenfalls 
gleich bemerkt sein mag, insofern ähnlich geregelt, als auch hier überall besondere Schuldenverwal- 
tungen eingerichtet sind, deren Tätigkeit vom Finanzchef, aber auch vom Parlament kontrolliert wird. 

2. Feste oder fundierte Schulden der Bundesstaaten. 

Weim wir die Zwecke betrachten, für welche die Schulden der Einzelstaaten auf- 
genommen sind und aufgenommen werden, so scheiden Anleihen für Heer- und Flottenkosten und 
damit die wichtigsten der sog. unproduktiven Ausgaben hier naturgemäss aus. In den Bimdes- 
staaten sind die Anleihen vor allem für sog. produktive Zwecke aufgenommen worden. 
Ganz genau lässt sich der auf produktive Ausgaben entfallende Anleihebetrag namentlich in den 
Ländern nicht feststellen, welche nur eine einheitliche, die konsolidierte Schuld besitzen und 
Sonderschulden für besondere Verwaltungszweige z. B. Eisenbahnschulden nicht kennen. Dies 
ist z. B. der Fall in Preussen. In mehreren anderen Bundesstaaten mit Staatsbahnbesitz ist 
wenigstens die Eisenbahnschuld von der allgemeinen Schuld getrennt. So in Bayern, Baden, 
Hessen, Mecklenburg- Schwerin; bei Sachsen, Oldenburg, Sachsen-Meiningen ist die Trennung nicht 
ganz scharf durchgeführt. 

In manchen Einzelstaaten findet sich noch eine weitere Zerlegung der Staatsschuld in 
besondere Schuldenzweige. So teilt sich die Bayerische Staatsschuld in 4 grosse Fonds: Die All- 
gemeine Staatsschuld., die Eisenbahnschuld, die Grundrentenablösungsschuld und die Landes- 
kulturrentenschuld. Hessen hat eine eigentliche Staatsschuld, eine Landeskreditkassen-Schuld, 
eine Staatsrenten- Ablösungsschuld und eine Landeskulturrentenschuld. Auch die kleineren Bundes- 
staaten sind meist noch nicht zu einer einheitlichen konsolidierten Schuld vorgeschritten. 

Die Entwicklung der Schulden aller Bundesstaaten ergiebt die Tabelle auf Seite 157. 

:i. Schulden der deutschen Schutzgebiete.") 

Die deutschen Schutzgebiete sind nicht Teile des Reichsgebiets und den Bundesstaaten nicht 
gleichstehend, sondern sind als Pertinenzien des Reichs anzusehen, die aber in vermögensrechtlicher 
Hinsicht als besondere Rechtssubjekte behandelt werden imd besondere Landesfisci bilden. Die 
gesetzliche Grundlage ihrer vermögensrechtlicher Stellung bildet das Ges. v. 30. 3. 1892 RGBl. S. 369. 
Als Landesfisci solche können sie selbständig Vermögen besitzen und Schulden machen. Eine Einrich- 
tung besonderen Papiergeldes und besonderer schwebender Schulden für die Schutz- 
gebiete besteht nicht. Um dringliche Ausgaben decken zu können, sind für die Schutzgebiete 
besondere Ausgleichsfonds, früher Reservefonds genannt, geschaffen worden, welche 
gespeist werden aus den etatsmässigen Einnahmen und aus Ersparnissen bei den fortdauernden 
und einmaligen Einnahmen, sowie aus Rückeinnahmen bei Verkaufserlösen. Die Verfügung über 
diese Fonds erfolgt durch den Etat, der meist einen Posten ,,zu unvorhergesehenen Ausgaben" 
aufweist. Die Fonds sind in Schuldverschreibungen der Schutzgebiete oder in Schuldverschreibungen 
bezw. verzinslichen Schatzanweisungen des Reichs oder deutscher Bundesstaaten anzulegen. 
Bis 1911 sind in die Ausgleichsfonds geflossen für Ostafrika 2 745 738M., Kamerun 2110 709 M., 
Südwestafrika 3 288 223 M., Togo 430 551 M., Samoa 82 916 M. 

Besondere feste oder fundierte Schutzgebietsanleihen giebt es 
für die Schutzgebiete erst seit dem Gesetz v. 18. Mai 1908 (RGBl. S. 157). Bis dahin waren im Falle 
der Notwendigkeit der Aufbringung ausserordentlicher Einnahmen für die Schutzge- 
biete (für fehlende ordentliche Einnahmen werden Reichszuschüsse gewährt) Anleihen 
vom Reiche als solchem aufgenommen worden, deren Erlös den Schutzgebieten als rückzahlbares 
Darlehen gegeben wurde. S. Ges. v. 23. Juli 04. RGBl. S. 329, 18. Mai 08 RGBl. S. 206 betr. 
Darlehen in Togo (7,, Mill.) und R. G. v. 16. März 07 RGBl. S. 73 betr. Darlehen an das südwest- 
afrikanische Schutzgebiet (40„ Mill. M.). 

") ä. Dr. V. üsterroth, Dai tJohuldenweMu der deuliohen Schutzgebiete, Leipzig 1911. 



Otto Schirai-z, Die öffenllichcn Kredite. 159 



Betreffs der ausserordentlichen Bedürfnisse der Schutzgebiete hatte § 4 Ges. v. 30. 3. 92 
bestimmt, dass, im Falle solche die Aufnahme einer Anleihe oder die ("Tjernahme einer Garantie 
erfordern sollten, dies durch Gesetz zu geschehen habe. Diese Bestimmung wurde in der schon 
erwähnten Novelle v. 18. Mai 08 durch einen § 4 a dahin ergänzt, dass die in den — durch Dernburg 
neu eingerichteten — ausserordentl. Etat eingestellten Ausgaben, für welche nicht andere Einnahmen 
vorhanden sind, auf dem Wege der Anleihe zu Lasten dieser Schutzgebiete, 
(wobei das Reich für Verzinsung und Tilgimg die Bürgschaft übernimmt), und zwar entweder 
zu Lasten eines einzelnen Schutzgebietes oder mehrerer Schutzgebiete aufzubringen sind. Die 
Tilgung der Anleihen hat mit mindestens ^1^,% unter Hinzurechnung der ersparten Zinsen zu 
erfolgen (§ 4 e). Die alte Form der Darlehnsgewährung bleibt daneben zulässig. 

Für die Verzinsung und Tilgung der Anleihen haftet jedes beteiligte Schutzgebiet dem 
Gläubiger gegenüber als Gesamtschuldner. Im Verhältnis zueinander haften die einzelnen Schutz- 
gebiete indessen nur für ihren Anteil (§ 4 e). 

Auf diesem Wege waren bis I90S 35325000 M. Schutzgebietsanleihen aufgebracht. Ende 
1910 betrug die Schutzgebietsschuld bereits 98175000 M. 

Nach dem Etatsentwurf für die Schutzgebiete für 1914 beläuft sich die Schutzgebiets- 
schuld bereits auf 136 150 000 M. In dem Entwurf sind weitere Anleihekredite 56 856 440 M. 
filr 1914 vorgesehen. 

Garantien seitens der Schutzgebiete sind bisher nicht nötig geworden. 

D. Kommunales Kreditwesen. 



Für den Kommunalkredit gilt nicht minder, wie für den Staatskredit, dass ohne ihn 
die grossartige Entwicklung kommunalen Lebens, wie wir sie in den letzten 3 — 4 Dezennien er- 
lebt haben, nicht denkbar gewesen wäre. Die Milliardensummen, welche in dieser Zeit auf dem 
Kreditwege beschafft worden sind, um zahlreiche nutzbringende Gemeindeanstalten zu schaffen, 
stellen allerdings eine schwere Last dar, die der zukünftigen Generation auferlegt wird, aber letztere 
wächst dafür auch unter so gesicherten, gesundheitlich günstigen, wirtschaftlich und sozial vor- 
geschrittenen Bedingimgen auf, wie es der gegenwärtigen und vergangenen Generationen nicht 
entfernt beschieden war. Man muss sich um' einmal vergegenwärtigen, welche Errungenschaften 
die mit Anleihen hergestellten oder von früher privaten Gesellschaften übernommenen Kanalisa- 
tionen, Beleuchtungsanstalten (Gas-, Elektrizitätswerke), Wasserleitimgen, Schlachthofanlageu 
Markthallen, Feuerwehranstalten, Strassenbahnen, Häfen, Brücken, Strassenbauten, Ejrankenhäuser 
Badeanstalten, neuerdings auch Talsperren, Hypothekenämter usw. für die Bevölkerung bedeuten, 
um sich zu überzeugen, dass diese Gegenwerte mit der gegenüberstehenden Schuldenlast an sich 
keineswegs zu teuer erkauft sind. Ein Teil dieser Anlagen ist zudem werbender Natur, deren 
Überschüsse oft nicht nur die eigenen Schuldzins- und Tilguugsquoten, sondern auch einen Teil 
des sonstigen Verwaltungsaufwandes decken, für die Benutzxmg anderer können Gebühren 
erhoben werden, welche einen wenn auch oft nur geringen Teil des Schuldendienstes auf- 
bringen können. Vielfach mussten allerdings namentlich in Städten mit stark wachsender 
Bevölkerung (Verkehrszentren, Industriegebiete) auch Schul- und ähnliche reine Verwaltungs- 
kosten auf Anleihe genommen werden. Derartige sog. unproduktive Anlagen ganz auf Steuern 
zu verweisen, ist oft eine vollständige Unmöglichkeit. Trotz der in Preussen geltenden scharfen 
Bestimmimgen über die Einschränkung der Aufnahme von kommunalen Anleihen entfielen 
nach einer Berechnung Silbergleits 1908 bei 104 preussischen Städten mit mehr als 25 000 Ein- 
wohnern von 2 456 937 000 M. auf andere als gewerbl. Zwecke also auf sog. unproduktive 
1 161 827 000 M. oder 47,3%. (Gleiches ist übrigens auch in England der Fall.) 

Da ein grosser Teil der Schulden zu Anstalten werbender Natur aufgenommen ist, hat 
der Wert des werbenden Gemeinde Vermögens in den letzten Jahren ganz erheblich zugenommen. 
So wurde 1908 der Wert der Gemeindebetriebsanstalten im Deutschen Reich von Jaff6 in Hirths 



|gO Otto Schwarz, Die öffentUcheu Kredite. 



Annalen auf rund 3—4 Milliarden M. geschätzt. Rechnet man zu diesen "Werten noch das Grund- 
stücks- Domänen-, Forst- und Kapital-Vermögen hinzu, so dürfte das Gemeindeschuldkapital durch 
das gegenüberstehende werbende Aktivvermögen reichlich ausgeglichen, ja sogar überdeckt sein. 
Von dem Grund- und Forstvermögen sind leider Anfang des vorigen Jahrhunderts namentlich 
zur Til<ning von Kriegsschulden grosse Komplexe veräussert worden. Immerhin wurde 1900 noch 
ein Gemeindeforstbesitz in Deutschland von insgesamt 2 258 090 ha amtlich ermittelt (' /g der 
Gesamtforstfläche). 1210 Städte und 37 Landgemeinden Preusscns mit mehr als 10 000 Einwohnern 
verfügten nach einer amtlichen Statistik von 1906 allein über eine Gesamtfläche von 586 028 ha 
an Forsten, Gütern, Äckern, Wiesen, Weiden u. Seen. Ihr Kapitalvermögen betrug über 1/2 Milliarde 
(557 Mill. M.). Über die Vermögens entwicklung gegenüber der Schulden entwicklung 
liegen namentlich für Bayern amtliche Materialien vor. Von 1892 bis 1907 vermehrten sich dort 
die Gemeindeschulden von 215,3 auf 701,, Mill. M., dagegen das Vermögen von 577,9 ^^^^ 1350,, 
Mill. M., darunter das werbende Vermögen (sog. rentierendes Vermögen) von 4:01,g auf 952,5 ^^i"- ^'^■ 

Trotz dieses günstigen Verhältnisses darf das gewaltige Anschwellen der Gemeindeschulden 
in neuerer Zeit nicht ganz ohne Besorgnis betrachtet werden. Das Mass dessen, was ein Gemeinwesen 
den Bürgern an nützlichen Anstalten und Annehmlichkeiten bietet, ist an sich unbegrenzt. Nach 
der Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts in Preussen ist die Gemeinde in der Ausdehnung 
ihres fakultativen Aufgabenkreises theoretisch nahezu unbeschränkt. In der Praxis muss aber ein 
Mass gefunden werden in dem Druck der Steuerlast und dem Widerwillen des Kapitalmarkts zur 
fortwährenden Neuaufnahme festverzinslicher Werte, wie er in dem Kurszettel zutage tritt. Und 
schliesslich sollte auch die Möglichkeit wirtschaftlicher Rückschläge, kriegerischer Verwicklungen 
und die Rücksichtnahme auf den namentlich in ernsten Zeitläuften ungeheuer wichtigen Staats- 
kredit der Unternehmungslust allzu tatendurstiger Bürgermeister und allzu freigiebiger Stadt- 
parlamente Zügel anlegen. In diesem Sinne kann der vor kurzem ergangene Pr. Min.-Erl. v. 1. Febr. 
1912, wonach sich die Regierungs-Präsidenten in möglichst frühem Stadium um die Frage der 
Finanzierung grösserer Anleiheprojekte in den ihrer Aufsicht unterstellten Gemeinden kümmern 
sollen, nur dankbar begrüsst werden. Denn sehr häufig sind die Vorarbeiten zu Gemeindeanleihen 
bei Nachsuchung der Anleihegenehmigung schon soweit gediehen, dass für die die Anleihen 2na 
diesem Zwecke genehmigenden Behörden ohne schwere Schädigung gemeindlicher Interessen 
eine Versagung kaum mehr möglich ist. Ähnliche Erlasse sind auch in anderen Bundesstaaten 
ergangen. (Sachsen). 

Was die Schuldformen der Gemeinden anbetrifft, so würden begrifflich unkünd- 
bare a'so Renten - Schuldobligationen für Städte ebenso wie für Staaten zulässig sein, 
da ja auch Gemeinden als ewige Wesen gelten müssen. Der Staat hält indessen regel- 
mässig streng an dem Erfodernis einer angemessenen Tilgung bei Genehmigung aller kommu- 
nalen Anleihen fest, schon um den Gemeinden das Schuldenmachen nicht zu sehr zu erleichtern, 
und weil die Entwicklungsbedingungen einer Gemeinde immerhin leichter einem Wechsel unter- 
worfen sind, als diejenigen des gesamten Staatswesens (Änderungen der Verkehrsverhältnisse, 
wirtschaftlicher Konjunkturumschwung bei industriellen Gemeinden, Fortzug reicher Steuerzahler, 
Kriegführung namentlich im eigenen Lande u. A. m.) In einigen deutschen Gesetzgebungen ist 
dies Prinzip sogar gesetzlich zum Ausdruck gebracht worden, z. B. Bayersch. G.O. rechtsrh. 
Art. 62, Hess. St. 0. Art. 117 Sachs. Rev. St.O. § 131. In den anderen Staaten wh'd im Ver- 
waltungswege auf sachgemässe Tflgung gehalten. In Preussen war schon in dem bereits zitierten 
Erlasse von 1891 vorgeschrieben, dass cler Mindesttilgungssatz 1% sein müsse, dass aber bei den 
rascher sich abnutzenden Pflasterungen mindestens 2, bei Kanalisationen 1^4% des Anlagekapitals 
unter Zuwachs der ersparten Zinsen usw. als Mindest sätze zu gelten hätten. Ein Erlass 
von 1907 erhöht alle diese Mmdestsätze auf I14, 2^2 bezw. 2%. 

Die Schulden der höheren Kommunalverbände in Deutschland treten gegen- 
über den Gemeindeschulden an Bedeutung sehr zurück. Die Ursache liegt nicht allein in der 
geringeren Zahl dieser Verbände, in dem jüngeren Datum der kommunalen Bedeutung dieser 
ursprünglich meist mehr als Verwaltungsbezirke gedachten Institutionen, .sondern auch in der weit 
eingeschränkteren Zahl der ihnen obliegenden Aufgaben. 



Otto Schwans, Die ötfentlichen Kredite. 161 



Die Reich sf inanzstatistik gibt die Gesamtsumme der Inhaberobligationen der grösseren 
Selbstverwaltungskörper am 31. Dez. 1912 auf nicht weniger wie 1685 Mill. M. an 
(davon die preussischen mit 1623, die bayerischen mit 23, die braunschweigischen mit 16 Mill. M., 
die lothringischen und sächsischen mit je 7 Mill. M. 

Zurzeit betragen die sämtlichen öffentlichen Kredite in Milliarden M. rund: 

Schulden Summe davon Obligationenschuld 

des Reichs'«) 5,, ., 5,1.3 

der Bundesstaaten ca. 16, q 16,o 

deutschen Schutzgebiete 0,, 0,, 

Gemeinden 8,- 4,5 

höheren Kommunal verbände 0,9 0,2 

Kirchengemeinden und Schulen .... 0,i 0,q2 

Handwerkskammern, Innungen pp. . . 0,j 0,04 

sonstiger öffentl. Kreditinstitute ö.j 5,2 

Sa. öffentliche Kredite 36,0-2 31,2-4 

Dazu Obligationenschulden nicht öffentlicher Körperschaften : 

Hypothekenpfandbriefe u. -kommunalobligationen rund . . 11,4 

Eisenbahnobligationen 0,3 

Industrieobligationen (im weiteren Sinne) 4,3 



Sa. Private und öffentliche Obligationenschulden: 47,2-4 

Die Summe der öffentlichen Kredite in Deutschland kann hiernach gegenwärtig auf 
36 — 37 Milliarden Mark geschätzt werden, wovon 31 — 32 MiUiarden in der Form von festver- 
zinslichen Obligationen — meist auf den Inhaber — aufgenommen bezw. in Schuldbücher 
eingetragen sind. 

Die Summe der festverzinslichen Obligationenschulden, sowohl öffentlicher wie privater 
Kreditnehmer im deutschen Reich ist auf 47 — 48 AliUiarden Mark anzusprechen. 



'") S. darüber auch die Broschüre „Die Kurse der Reichs- und Staatsanleihen". S. 31. 

Handbuch der Politik. U. Auflage. Band II. 1 ' 



42. Abschnitt. 
Der Kurs der deutschen Keichs- und Staatsanleihen. 

Vom 

Wirklichen Geheimen Übertinanzrat Dr. Otto Schwarz,') 

Vortragender Rat im Preussischen Finanzministeriiim, Berlin. 

Llteratnr : 

Ausser allgemeinen finanzwissenscliaftl. Werken (A. Wagner, L. von Stein pp.) Karl Kimmich, 
Die Ursachen des niedrigen Kursstandes deutscher Staatsanleihen. Stuttgart und berlin 1906. (Münohener 
volkflw. Blätter.) Alfred Neymarck, Les mouvements des Fonds d'Etat des Grands Pays. Paria 1909. 
G. S. Freund, Die Rechtsverhältnisse der öffentl. Anleihen. 1907. Herm. Albert, Die geschieht!. 
Entwickelung des Zinstusses in Deutschland von 1895 — 1908. Leipzig 1910. W. Mahlberg, Zum 
Kursstand unserer Anleihen in den Pr. Jahrb. 142 Bd. (Okt.-Dez. 1910) S. 241 und 143 Bd. 2. Heft, 
S. 264. J u 1. W o 1 f f , Vorschläge zur Hebung der Kurse der deutschen Staatsanleihen. Leipzig 1911. 
Hugo Heymann, Die deutschen Anleihen. Berlin 1911. B. Dernburg, Kapital und Staatsaufsicht. 
Berlin 1911. Elster, Der Kursstand der deutschen Reichsanleihen und Pr. Staatsanleihen im Jahrb. der 
Nationalökonomie und Statistik. Februar 1911. S. 153. W a 1 1 i c h, Beiträge zur Geschichte des Zins- 
fusses von 1800 bis zur Gegenwart im Jahrb. für Nationalökonomie und Statistik. September 1911 
S. 289. W a c h 1 e r, Staatspapiere und Sparkasse in den Pr Jahrbüchern 144. Bd., S. 492. A. v. D o m b o i s. 
Der Kursstand der deutschen Staatsanleihen. Hannover 1911. B. Dernburg: Zwangsanlagen in Staats- 
papieren. Im „Bankarchiv" v. 15. Oktober 1911. M. Warburg, Geeignete und ungeeignete Jlittel zur 
Hebung des Kurses der Staatsregieiung. \^erhandlungen des IV. Allgem. Öeutsch. Bankiertags 1912, S. 15 ff. 
Kimm ich im Bank-Arch. v. 15. 6. 1912 über engl. Consols. S ch m a 1 e n ba c h, Die Methoden der 
Emissionstechnik. Zeitschr. f. handelswiss. Forschungen 1907/08, Bd. II, S. 81 ff. Lotz, Die Technik des 
deutschen Emissionsgeschäfts, 1890. L a n d m a n n in Schanz Fin. Archiv zur Entwicklung d. Formen u. der 
Organisationen des öffentl. Kredits, 29. Jahrg. I. Bd. S. 1 ff. 

Die rückläufige Entwickelung der Kurse unserer Reichs- und Staatspapiere, die seit Beginn 
der 2. Hälfte der 90er Jahre einsetzte und nun schon 1^2 Dezennien (mit nur kleinen Unterbrechungen) 
andauert, ohne dass irgendeins der zu ihrer Besserung angewandten Mittel in nennenswerter Weise 
einschlagen will, trägt um so mehr einen phänomenartigen Charakter, weil dieser EntAvicklung ein- 
mal seit Mitte der 70er Jahre, also über 2 Dezennien lang eine fast stetige Steigerung der Staats- 
papierkurse vorausgegangen war (die 4% preuss. Konsols stiegen im Jahresdurchschnitt von 1879 
bis 1893 von 97,8u auf 107,i2 %, die 314 % von 1885—96 von 99.o6 auf 104 g^, die SO/ßigen von 
1890 — 96 von 86 jq auf 99.3g), ^^^^^ sodann, weil der Niedergang der Kurse gerade in eine Zeit 
beispielloser wirtschaftlicher Fortentwickelung, Vermelirung des ge- 
samten Wohlstandes in Staat und lieich fiel, weil langdanernde, tiefergehende Wirtschaftskrisen, 
(diejenigen von 1901 und 1907 wird man als solclie kaum bezeichnen können), dem Lande erspart 
geblieben sind, und weil endlich das Land auch in kriegerische Aktionen von Bedeutung nicht 
verwickelt war. 

Um die Ursachen dieser aussergewöhnlichen Erscheinung zu erkennen, darf man den Blick 
nicht nur auf Deutschland allein ruhen lassen. Um das Phänomen in seinem ganzen 
Umfange zu cifassen, muss man sich vielmehr vor Augen halten, dass die gegenwärtige rück- 
läufige Bewegung der Kurse der Staatspapiere, wie auch die aufsteigende der Vorperiode 
keineswegs ein nur Deutschland eigentümlicher Vorgang ist. Einige der wichtigsten Kulturstaaten 
der alten Welt weisen mehr oder weniger gleichartige Erscheiimngen auf. 



') S. hierzu meine a u s 1 ü h r 1 i h e r e . im gleichen Verlag erschienene Sonderbrosohüre mit dem 
Titel ,,Die Korse der deutschen Reichs- nnd Staatsanleihen" 



Otto Schtvara, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 163 



Der Abstand des gegenwärtigen Kurses gegenüber den Höchstkursen von Mitte der 90et 
Jahre ist bei der französischen Rente rund 17 Prozent, bei den 3 % deutschen Anleihen 24 
Prozent, bei den engl. Konsols fast 40 Prozent. Berücksichtigt man, dass die englischen Konsola 
1897 noch 2% % Zins trugen und rechnet den damaligen Kurs (113,7) nach einem 2y2%igen Zins 
um, so bleibt immerhin noch ein Kursrückgang von ca. 30 Prozent bestehen. 

Ähnliche Entwickelungsgänge zeigen die österreichischen Staatspapiere, holländische, 
belgische, schweizerische, schwedische, norwegische, dänische Staatsfonds. 

Weiter muss aber berücksichtigt werden, dass Hand in Hand mit diesem Rückgange der 
Bewertung erstklassiger Werte der ältesten, u. z. Teil grössten Kulturstaaten Europas eine 
steigende Wertschätzung der Staatspapiere kleinerer, vor 2 bis 3 Dezennien zum Teil 
noch notleidender europäischer und aussereuropäischer Staaten einhergegangen ist. 

Dass all' diese Kursverschiebungen bei der eminenten Wichtigkeit der öffentlichen Verbände, 
um deren Kredit es sich handelt, und den gewaltigen M i 1 1 i a r d e n s u ra m e n, die dabei in 
Frage kommen (die Schulden von England, Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn be- 
tragen allein ca. 80 Milliarden, die Schulden aller Staaten der Welt ca. 200 Milliarden Mk.)' zahl- 
reiche und ernste Erörterungen in Publikum, Presse und Parlamenten hervorgerufen haben und 
noch hervorrufen, kann nicht wundernehmen. 

A. Ursachen der Kursrückgänge der Staatspapiere und vorgeschlagene Massregeln 

zur Abhilfe. 

Dieser Ursachen ist eine grosse Anzahl. Ihre Bedeutung ist aber eine sehr verschiedenartige. 
Wir werden versuchen, die wichtigsten derselben ungefähr in der Reihenfolge ihrer Bedeutung zu 
behandeln imd dabei zugleich die zur Abhilfe empfohlenen Massregeln mit erörtern. 

1, Fehler der Emissionstechnik. 

Theoretiker und Praktiker haben namentüch in Preussen der Staatsregierung häufig 
fehlerhafte Emissionstechnik zum Vorwurf gemacht. Diese Vorwürfe sind zum Teil berechtigt. 
So ist unter anderen in den 80er Jahren und Anfang der 90er Jahre der Fehler gemacht 
worden, durch fortwährenden freihändigen Verkauf kleinerer und grösserer Posten Staats- 
anleihen den Markt dauernd unter Druck zu halten. Man hat mehrfach zu ungünstigem 
Zeitpunkte emittiert (zu spät im Jahre 1903), kurz vor dem Ausbruch des russisch- 
japanischen Krieges (1904). Das häufig uneinheitliche Vorgehen von Kommunen, Bundes- 
staaten und Reich bei Emittierung ihrer Anleihen ist nicht zu billigen, freilich auih nicht leicht 
zu beseitigen. Was die Massnahmen behufs guter Klassierung der Anleihen anbetrifft, so sind 
die ernsten Zeichner, namentlich in früherer Zeit — neuerdings ist das erheblich besser geworden — , 
oft nicht genügend vor den sog. Konzertzeichnern bevorzugt worden. Man ist wohl manchmal 
zu ängsthch gewesen, den „Banken die Finger zu vergolden", und hat die Marge und Bonifikation 
der Banken zu gering bemessen, um diese Institute an dem Vertrieb und der Empfehlung des An- 
kaufs von Staatspapieren hinreichend zu interessieren. Bei grossen Summen wäre vielleicht zur 
Erleichterung der Klassierung eine grössere Differenz zwischen Tageskurs und Übernahmekurs 
richtig gewesen, als sie im allgemeinen übhch ist. Die Form der Staffelanleihe (1908) war an- 
greifbar, ebenso das Verfahren der Preussischen Regierung in 1908, keinen bestimmten Schuldbetrag 
bei der Emission zu nennen, in 1909, die Wahl zwischen 4 % und ZVo % Titres freizustellen usw. Auf 
diesem Gebiete ist zweifellos manches zu bessern und unsere Finanzverwaltungen haben in 
neuerer Zeit auch ernstlich versucht, zu einer besseren Emissionstechnik vorzuschreiten. 

So wichtig eine gute Emissionstechnik ist, so darf man ihre Wertschätzung doch 
nicht so hoch anschlagen, dass man aus den von der Regierung gemachten Fehlern etwa 
den gewaltigen Rückgang der Kurse unserer Staatspapiere auch nur annähernd würde 
erklären können. 

11* 



164 Otto Schwarxi, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 



S.Kauf und Verkauf von Staatstitres. Stückelung. Staatsschuld- 
bücher. 

Anerkanntermassen hat die starke Demokratisierung und Popularisierung der fran- 
zösischen Rente, der überaus breite Markt, der dadurch für sie geschaffen wird — man nimmt 
an, dass in Frankreich über die Hälfte aller Börsenoperationen in Rente abgeschlossen wird und dass 
der Rentenbesitz unter 2 — 3 Millionen Besitzer verteilt ist — viel zur Stabihsierung des Kurses 
der französischen Rente beigetragen. Erreicht worden ist diese Demokratisierung vor allem durch 
die Stückelung der Rententitres bis zu 2 und 3 Frs. herab und durch die leichte Möglichkeit des 
Rentenan- und -Verkaufs bei allen Steuereinnahmestellen. Couponeinlösungsstellen für Staats- 
rente gibt es m Frankreich an 6000. 

In beiden Hinsichten steht hinter Frankreich namentlich England zurück. Infolge 
des starken Rückganges der Konsolkurse macht sich indessen in England schon seit Jahren 
eine starke Bewegung für grössere Popularisierung und Erleichterung der Übertragungsmöglichkeit 
der Konsols geltend. Sie hat dahin geführt, dass man neuerdings durch Vermittelung der Post- 
ämter schon für die kleinsten Summen, von 1 sh an, gegen eine geringe Kommissionsgebühr 
Staatsgläubiger werden kann. 

Was die Stückelung der Staatspapiere in Deutschland anbelangt, so geht sie in Preussen 
und einigen anderen Staaten, wie Oldenburg, Sachsen bis zu 100 Mk., im Reiche und in Baden, 
Bayern, Braunschweig, Hessen, Lübeck, Württemberg bis zu 200 Mk., in Hamburg und Bremen 
nur bis 500 Mk. herab. Bei uns sind also kleinere und mittlere Kapitalbesitzer sehr wohl in der Lage, 
ihre Kapitalien in Staatspapieren anzulegen. Neuerdings ist in Preussen die Verkaufs- und 
Aakaufsmöglichkeit dadurch erleichtert worden, dass der Verkauf von Reichs- und Staats- 
papieren durch die Seehandlung provisiousfrei und an Bankiers und Sparkassen auch courtage- 
frei erfolgt. 

Weiter hat man in Deutschland, wo die Form der Staatsverschuldung im Gegensatz zu Eng- 
land und Frankreich ursprünglich diejenige der Inhaberpapiere war, seit 1881 mehrfach 
Staatsschuldbücher und ein Reichsschuldbuch eingeführt, um dem Staatsgläubiger die Über- 
führung der Inhaber- in eine Buchschuld zu ermöglichen (s. darüber Näheres unter ,,öffentl. 
Kredite"), ein Vorgehen, in dem die Absicht einer Erschwerung häufigeren Umsatzes der 
Staatspapiere hervortritt. 

Hat das zielbe\vusste Vorgehen Franlireichs auf diesem Gebiete der Rente einen starken 
widerstandsfähigen Markt geschaffen, so darf der Erfolg dieser Massnahmen doch auch nicht über- 
schätzt werden. Die grossen englischen Banken und Gesellschaften haben jahrelang sehr grosse 
Verluste in ihrem Staatspapierbestand erlitten, ehe sie denselben eingeschränkt haben. Ob der 
kleine Rentner, der genauer rechnen muss, bei starkem Sinken der Rentenkurse, namenthch in 
gefahrvollen, in Kriegszeiten ebenso so lange aushalten würde, ist zweifelhaft. Auch sonst ist 
es fraglich, ob eine so starke Demokratisierung der Rente, wie sie sich in Frankreich vorfindet, 
trotz ihrer unleugbaren Vorteile für die Kursgestaltung als restlos idealer Zustand anzusehen 
ist, da sie die Regierung nötigt, bei allen ihren politischen und wirtschaftlichen Massnahmen 
in einem Mas.se deren Rückwirkung auf die Rentenkurse in Rücksicht zu ziehen, die kaum 
immer dem staatlichen allgemeinen Interesse dienlich erscheint. 

3. Z i n s p o 1 i t i k. Konvertierungen. 

Von grösserer und uaclilialtiger Bedeutung für den Rentenlmrs als die mehr formalen 
Massnahmen der Emission und Umsatzmöglichkeiten ist die materielle Z i n s p o 1 i t i k 
des kreditnehmenden Staates. Hier sind es namentlich die Kapitalskündigungen und Zinsenherab- 
setzungen bei sinkendem Landeszinsfuss, die Konvertierungen, welche vielfach als eine der 
Hanptursachen des Rückganges der Staatsanleihckurse angeführt werden. In Frage kommen nament- 
hch für ]i n g 1 a n d die Goschen'sche Konvertierung aus dem Jahre 1888, durch welche 560 Mill. £ 
3 ',',', Konsols in 23/j %, mit weiterer automatischer Zinsermässigung auf 2^2 % vom Jahre 1903 ab, 
konvertiert wurden, und für Deutschland die Konvertierungen mehrerer Bundesstaaten aus 
Mitte der 80er Jahre von 5 und 4^/2 in 4 %ige und ferner die grossen Konversionen von 4 % in 



Otto Schivar», Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 165 

3i4%ige Reichs- und Staatspapiere, die Mitte der 90er Jahre (1895/97) im Reich und in mehreren 
Bundesstaaten in Höhe von zusammen etwa S,, Milliarden Mk. zur Durchführung gelangten. Alle 
diese Konvertierungen sind seinerzeit von vollstem Erfolge begleitet gewesen, ein Zeichen, dass die 
damalige Jlarktiage sie durchaus rechtfertigte. Wenn man gleichwohl heute rückschauend sagen 
kann, dass namentlich die engl. Konvertierungen und die Konvertierungen bei uns aus der Mitte der 
90er Jahre mit zu der heutigen Unbeliebtheit von englischen und preussischen Konsols und deutschen 
Reichsanleihen beigetragen haben, so wird man doch Konvertierungen nicht allgemein verdammen 
und nameuthch den Männern, die jene Konversionen durchgesetzt haben (Goschen, Miquel), 
nur in sehr eingeschränktem Masse Vorwürfe aus ihrem Vorgehen machen dürfen. 

Wenn man über unsere Konvertierungspolitik der 90er Jahre klagen hört, kehrt häufig die 
Behauptung wieder, es sei damals eine Konvertierung der 4 % Schuldtitel in 3 %ige erfolgt. 
Oder es wird unter Berufung auf jene Konvertierung dargelegt, welche Verluste an den 3 % Papieren, 
soweit sie Mitte der 90er Jahre gekauft seien, entstanden seien. Damit vermengt man zwei durchaus 
nicht gleich zu bewertende Tatsachen miteinander : Die Konvertierung der 4 % Anleihen in 3^^ %ige 
und den Übergang zu dem neuen 3 % Typ im Anfang der 90er Jahre. 

In Wirklichkeit wird man sagen müssen, dass der Übergang zum 3 % Typ im Jahre 1890 ein 
weitgrössererFehierderMiquelschenFinanzpolitik war, als die Konver- 
tierung Mitte der 90er Jahre der 4 in 314 %ige. 

Die Aussicht auf Kursgewinne bei Veräusserung niedrig verzinslicher Papiere zu 
steigenden Preisen ist es hauptsächlich, welche den niedrig verzinslichen Typ für das 
anlagesuchende Publilcum begehrenswert erscheinen lässt, und die sogar dazu führt, dass sich die 
Käufer dieser Anleihen meist mit einem niedrigeren Realzins begnügen als die Käufer höher verzins- 
licher Anleihen. Infolgedessen hatte sich die Spekulation in starkem Masse der 1890 ein- 
geführten 3% Titres bemächtigt und zwar nicht nur die inländische, sondern, nachdem von Miquel 
die Zulassung der 3% Reichsanleihe an der Londoner Börse durchgesetzt war, auch die ausländische 
Spekulation, so dass gerade mit Hilfe dieser der Kurs der 3% deutschen Papiere in wenigen Jahren 
bis auf Pari getrieben werden konnte. Als sich dann Ende der 90 er Jahre die Marktverhältnisse 
änderten, erwiesen sich die 3% Anleihen als am wenigsten widerstandsfähig und hatten den relativ 
stärksten Rückgang zu verzeichnen. Während in dem Zeitraum 1895 bis 1910 der höchste Kurs der 3% 
Reichsanleihe lOO.jg, der niedrigste 81,20 war, was eine Differenz von 19, ^q % bedeutete, betrug der 
höchste Kurs der 3V2 % ii^ gleichen Zeitraum 105,„, der niedrigste 9O.9Q, was nur eine Differenz 
von 14,50 % ausmachte. Und dabei kann man annehmen, dass die Kursgestaltung der 3 % Rente 
die Kurse der 3^4 % Titel nach oben wie nach unten noch mit fortgerissen hat, sodass, wenn ein 
'^ % Typ überhaupt nicht bestanden hätte, die Spannung der höchsten und niedrigsten Kurse der 
3^/4%igen wohl noch eine geringere als 14,55% gewesen sein würde. Die Vermeidung des 
3%Typs würde also das gesamte Bild der Kursentwickelung unserer 
Staatsanleihen in wesentlich besserem Lichte haben erscheinen lassen. 

4. Wirtschaft liehe und steuerliche Vorteile für den Staats- 
gläubiger. 

Staatspapiere sind wie andere Wertpapiere eine Ware, für deren Preisbildung Angebot 
und Nachfrage entscheidend sind. Deshalb stehen die Staatspapiere derjenigen Staaten, 
welche die Nachfrage nach ihren Anleihen durch Zusicherung steuerlicher und wirtschaftlicher 
Vorteile für den Rentenbesitzer verstärkt haben, besser da, als die Staatswerte anderer Länder, 
in denen dies nicht oder nur in geringerem Masse je geschehen ist. Zu letzteren gehört vor 
allem Deutschland. 

In steuerlicher Beziehung ist die wirksamste Bevorzugung die Befreiung von der Einkommen- 
steuer. Man findet sie aber nur in Ländern mit sog. speziellen Einkommen(Kapita!renten)3teuern, wie 
in Frankreich und Italien, dagegen nicht in Ländern mit allgemeiner Einkommenbesteuerung, 
wie in den deutschen Bundesstaaten, weil die Steuerbefreiung schon aus steuertechnischen 
Gründen kaum durchführbar wäre. Bei indirekten Steuern (Stempelsteuern) werden die Staats- 
werte fast in allen Staaten (auch bei uns) bevorzugt. 



166 Otto Schwavz, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 

Es ist klar, dass diircli ihre Steuerfreiheit die französisclie und italienische 
Rente gcLjonüber andpren einheimischen festverzinslichen Werten einen so erheblichen Voisprung 
haben, dass er deutlich i m Kurse zum Ausdruck kommen muss. 

Einen wirtschaftlichen Vorteil haben alle Staaten ihren Staatsfonds durch Beilesung 
des Charakters der sog. Mündelsicherheit geschaffen. In neuerer Zeit ist dieser Vorteil 
freihch vielfach auch den Schuidobligationen anderer öffentlicher Körperschaften zuteil geworden. 
Die weiteste Ausdehnung des Kreises der mündelsichercn Werte hat in England durch Auf- 
nahme der Kolonialwerte in die Liste der Trustee securities stattgefunden, und ohne Zweifel 
hat diese Massnahme ganz besonders mit zu dem ausserordentlich 
starken Kursrückgange in jenem Lande beigetragen. 

5. Zwancsanlacen. 

Die Staaten haben sich, um die Unterbringung ihrer Staatsschuldscheine zu fördern, nicht 
darauf beschränkt, ihren Gläubi^'ern besondere steuerliclie und wirtschaftliche Vorteile zuzusichern. 
Auch vor einem direkten Zwange gewisser Listitute und Gesellschaften zum Ankauf von 
Staatspapieren ist man nicht zurückgeschreckt. Dies ist namentlich der Fall gewes' n in Frank- 
reich, England, Ver. Staaten und Italien, erst neuerdings auch in Deutschland. 

In der Tat kann die Schaffung einer ständigen Nachfrage nach Staatspapieren 
seitens der genannten Institute und Gesellschaften gewisse Km-sbesserungeu und eine Kiursstabili- 
eierung zur Folge haben. 

a) öffentliche Sparkassen. 

In England wie in Frankreich und Italien müssen die sämtlichen Einlageüberschüsse oder 
doch der weitaus grösste Teil derselben und das Vermögen der Sparkassen in Staalspapieren an- 
gelegt werden. Eine solche Bestimmiuig in Deutschland durchzuführen, würde schon deshalb 
nicht angängig sein, weil sich hier das Sparkasseuwesen ganz anders entwickelt hat, \vie in jenen 
Ländern. Dort ist letzten Endes der Staat derjenige, welcher den Einlegern einen gewissen 
Zins garantiert und daher a\ich die Auswahl der Anlagewerte bestimmen kann. Entstehen dabei 
Verluste, so muss er konsequenterweise zu deren Declamg mit eigenen Mitteln einspringen und hat 
dies auch getan. Bei uns sind es dagegen Gemeinden und weitere Kommunal- 
verbände, welche etwaige Verluste zu tragen haben. Diese Verbände würden sich niir au den 
Einlegern durch Verringerung der ihnen zugesicherten Zinsquoten schadlos halten können oder die 
ihnen aus den Sparkassenüberschüssen zufallenden Gelder vermindert sehen. Von einer Zwangs- 
anlageverpflichtung in dem Umfange wie in E. und F. kann schon aus diesem Grunde nicht die 
Rede sein. Es kommt hinzu, dass nach der ganzen historischen Entwickelung unseres Spar- 
kassenwesens der Hypothekenmarkt auf die Unterstützung diurch Sparkassengelder in einer 
Weise angewiesen ist,_dass eine völlige Entziehung derselben die grössten wirtschaftlichen Schäden 
hervorrufen könnte. Ähnliches gilt für Österreich. 

Auf der anderen Seite lässt sich ein inmässigenGrenzengehaltenerZwang 
für die Sparkassen, einen Teil ihrer Gelder dem Staatspapiermarkte zuzuführen, ganz abgesehen 
von den Rücksichten auf den Staatslcredit, schon durch die heute zweifellos nicht genügende L i- 
q u i d i t ä t unserer Sparkassen rechtfertigen. (Näheres in unserer Sonderbroschüre S. 15 ff.) 

In Preussen hat man daher neuerdings — nach einem vergeblichen Versuche im Jahre 
lOnfi — durch Ges. vom 23. Dez. 1912 fG.-S. 1913 S. 3.) bosfimmt, da?s die kleineren Sparkassen 
(bis 5 Mill. Einlagen) 15%, di > mittleren (bis 10 Mill. Einl.) 20%, die übrigen 25% des Ver- 
mögens in mündelsichercn Inhaberobligationen und davon '^\,^ in Schuldverschrcibungei\ des 
Deutschen Reichs oder Preussens anzulegen haben. Die Anlage erfolgt aber erst alhnählich 
(§ 3 a. a. 0.). 

b) Pension s-, öffentliche Versicherungsanstalten usw. 

In Preussen und im Reiche hat man den Gedanken der Schaffung von Zwangsanlagen noch 
in anderer Richtung verfolgt. Infolge einer Resolution des Hauses der Abgeordneten vom 
10. Juni 1910 (Sten.-Ber. Sp. 6943) hat der Minister der öffenthchen Arbeiten angeordnet, dass 



Otto Schivars, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 167 

die Pensionskasse für die Arbeiter der Eisenbahnverwaltung, welche Ende 1908 ein Vermögen 
von 136 Millionen Jlark angesammelt hatte, stets ein Viertel desselben in Reichs- und Staats- 
anleihen anzulegen hat. Entsprechende Verpflichtungen sollen den Kleinbahnen- und Privat- 
eisenbahngesellschaften für bestimmte Fonds auferlegt werden. Bei der diu-ch die Ostpreussische 
Landschaft gegründeten Lebensversicherungsanstalt hat man ähnliche Vorschriften in das Statut 
aufgenommen. In der Reichsversicherungsordnung vom 19. 7. 1911 R.G.Bl. S. 509, § 718 ist ferner 
gesetzlich angeordnet, dass die Berufsgenossenschaft mindestens ^4 ihres Vermögens in An- 
leihen des Reiches oder der Bundesstaaten anlegen muss und ausserdem nicht mehr als die 
Hälfte in anderen als mündelsicheren und denen gleichgestellten Werten (§ 2G) anlegen darf. 
Auch das Vermögen der Versicherungsanstalten für Privatangestellte und der sog. Ersatzkassen 
(§§ 226 u. 381 R. G. v. 20. 12. 1911 RGBl. S. 909) ist zu Y\ in Reichs- und Staatsanleihen 
anzulegen. Ebenso bestimmt das Preussische Gesetz über die öffentlichen Feuer Versicherungs- 
anstalten vom 25. Juli 1910 (G. S. S. 241) in § 19, dass die Anstalten ihr Vermögen mindestens 
zu '{'i in Anleihen des Reiches oder des Preussischen Staates anlegen müssen und bis zur Er- 
reichung dieses Besitzstandes ein Drittel ihres jährlichen Vermögenszuwachses in derartigen 
Werten anzulegen haben. 

c) Kreditgenossenschaften und Banken. 

Auch für Kreditgenossenschaften und Banken fordert man aus Gründen der Liquidität 
vielfach die Einführung eines gesetzlichen Zwanges zum Ankauf von Staatspapieren. Was die 
Kreditgenossenschaften anbelangt, so lässt deren Liquidität allerdings zu wünschen 
übrig. Wenn auch Ziele und Geschäftstätigkeit der Genossenschaften andere, den Banken mehr 
als den Sparkassen ähnelnde sind, wenn ferner bei den Genossenschaften durch die unbeschränkte 
Haftung der Mitglieder, in dem Rückhalt, den die Genossenschaften an den Zentralorganen, nament- 
lich der Pr. Zentralgenossenschaftskasse u. der Bayerischen Zentraldarlehnskasse haben, und in 
der von diesen und d^n Revisionsverbänden geübten Aufsicht und Kontrolle ein gewisser Ersatz für 
die Liquidität der Bestände gefunden werden kann, muss doch eine Besserung des Decloings- 
verhältnisses der Passiven in Hinsicht ihrer Liquidität selbst auf Kosten der Erzielung höherer 
Gewinne nachdrücklichst angestrebt werden. 

Neuere Vorschläge gehen dahin, die G r o s s b a n k e n zu vermehrter Anlage von 
Staatspapieren zu zwingen oder gar besondere Depositenbanken zu gründen^), die ihre Depositen 
hauptsächlich in Staatspapieren anlegen sollen. Nun ist es richtig, dass in England wie in 
Frankreich die grossen Banken verhältnismässig grössere Bestände in Staatspapieren angelegt 
haben, als bei uns. Und wenn bei der Deutschen Bank neuerdings der Staatspapierbesitz sehr 
erhöht worden ist, so ist das in verschiedener Hinsicht erfreulich. Man darf auch hoffen, dass die 
Einrichtung der Veröffentlichung von Zweimonatsbilanzen in der erweiterten Form die Banken 
veranlassen wird, grössere Bestände in Staatspapieren anzulegen. Aber die Verhältnisse all dieser 
reinen Erwerbsgesellschaften liegen doch von Land zu Land und selbst innerhalb des einzelnen 
Landes so verschieden, dass die Einführung von Zwangsvorschriften grosse wirtschaftliche Nachteile 
im Gefolge haben könnte. 

d) Reservefonds der Aktiengesellschaften. 

Die Forderung, die Aktiengesellschaften zur Anlegung des gesetzlichen Reserve- 
fonds (§ 262 H. G. B.) oder doch wenigstens der Hälfte desselben in Staatspapieren zu 
zwingen, wird meist mit Bezugnahme auf zahlungsunfähig gewordene Betriebe (z. B. Leipziger, 
Niederdeutsche Bank) begründet, wo die Depositengläubiger eine bessere Befriedigung erhalten 
haben würden, wenn die Reserven anstatt in sonstigen Aktiven in Staatspapieren angelegt 
gewesen wären. Das mag richtig sein. Aber mit solchen Beispielen lassen sich wirtschaftlich 
so einschneidende Massnahmen, wie die hier in Frage kommende, nicht rechtfertigen. Der Zweck 
der Bestimmung des gesetzlichen Reservefonds ist, die wirtschaftliche Kraft der Unternehmungen 



') S. hierüber auch O. Schwarz, Diskontpolitik, Leipzig 1911, S. 177 ff. 



168 Otto Schivavz, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 



durcli Gewinnxücklagen zu stärken, um denselben auch in schweren und Verlustzeiten einen festen 
Eückhalt zu verleihen. Daraus allein lässt sich die Notwendigkeit absolutester Liquidität 
für diesen Eeservefonds, die natürlich auf Kosten seiner Ertragsfähigkeit gehen müsste, offenbar noch 
nicht ableiten. Denn Verluste brauchen in einem Geschäfte nur ausnahmsweise in bar beglichen 
zu werden, in der Regel geschieht dies durch Abschreibungen, d. h. Verminderung des Wertansatzes 
der Aktiven. "Wünschenswert wird die Anlage eines grösseren Teiles der Reservefonds 
unserer Aktiengesellschaften insbesondere auch der Grossbanken immer bleiben, und namentüch 
die Aktionäre und Aufsichtsräte sollten in dieser Richtung ihren Einfluss geltend machen, aber 
schematischer Zwang ist zu widerraten. 

6. Tilgung undTilgungsformen. 

Nicht minder mchtig, als die vorgedachten Massnahmen, ist die Herbeiführung einer Nach- 
frage im richtigen Augenblick, d. h. dann, wenn, wie das gerade bei uns öfters 
vorzukommen pflegt, schon verhältnismässig kleine Beträge oder auf vorübergehenden Zufällig- 
keiten beruhende Verkäufe wegen Mangels an Käufern den Kurs erheblich gefährden können. 

Mit zu diesem Zwecke ist bekanntlich das Grundkapital der Seehandlung vor einigen Jahren 
von 33 auf 100 Mill. Mk. erhöht worden, imd es haben mehrfach Interventionskäufe nicht 
ohne Erfolg stattgefunden. Der Jahresumsatz in Reichs- und Staatsanleihen beläuft sich auf 
etwa 1 Milliarde Mk. In 1908 hat die Seehandlung 176, 1909 197, 1910 78, 1911 54 und 
1912 71 Millionen Mark zurückgekauft. 

Neuerdings hat man vielfach die langjährige Übung der Preussischen und Reichsregierung, 
die Tilgungssummen zur Verrechnung auf bewilligte Kredite, statt zum ^\nkauf von Staats- 
papieren und damit zur Steigerung der ständigen Nachfrage nach solchen zu verwenden, nicht 
ganz ohne Grund angefochten. Doch wird die Wirkung derartiger Massnahmen etwas über- 
schätzt. (Näheres in der Sonderbroschüre S. 23 ff.) 

7. Schuldvermehrung. 

Eine starke Vermehrung der Staatsschuld, also ein starkes Angebot 
von Staatspapieren für längere Zeit muss kursdrückend wirken. Bei über 20 Milliarden Mk. 
Reichs- und Staatsschulden in Deutschland werden natürlich einige 100 MiUionen Mark 
Neuemissionen eine solche Wirkung noch nicht haben. Aber wenn, wie es bei uns in dem 
letzten Dezennium der Fall war, Reich und Staaten alljährlich mit vielen Hunderten MiUionen, 
stellenweise sogar mit die Milliarde überschreitenden Neuemissionen an den Markt kommen, 
so muss die Klassierung erschwert, der Kurs gedrückt werden. Selbst für ein so reiches Land 
wie England hat die plötzHche Neuemission innerhalb weniger Jahre von S^^ Milharden Mark 
aus Anlass des Bm'enkrieges dem Markte erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Auch in Frank- 
reich sind die Neuemissionen anlässlich des Ankaufs der Westbahn nicht spurlos an dem Kurs- 
stände der Rente vorübergegangen. 

Ausser in Deutschland hat auch in Österreich-Ungarn die grosse Schuldenver- 
mehrung des letzten Jahrzehntes zweifelsohne die Rentenkurse besonders ungünstig beeinflusst. 

Dass man bei uns neuerdings, namentlich im Reiche ernstlich bestrebt ist, ein langsameres 
Tempo in der Schuldenvermehrung eintreten zu lassen, verdient daher vollste Anerkennung. 
In Preussen ist es namentüch der weitere Ausbau des Eisenbahnnetzes, der fortwährende Neu- 
emissionen nötig machte. 

8. Konkurrenz einheimischer, festverzinslicher Werte. 

Eine starke Beeinflussung des Anlagemarktes der Staatspapiere kann auch durch Vorgänge 
auf dem Markte anderer sicherer, niedrig verzinslicher inländischer Werte, wie auf dem Pfandbrief-, 
dem städtischen Anleihemarkt usw. stattfinden. Ein starkes Angebot auf diesen Märkten, wie 
auch eine starke Nachfrage, wenn letztere auf Kosten der Nachfrage nach Staatspapieren erfolgt, 
kann den Kurs der letzteren nachteilig beeinflussen. 

In D e u t s c h 1 a n d ist es namentlich die mit dem guten Grundbuch- und Hypothekenrechte 
zusammenhängende Mobilisierung des Gnmdbesitzes, welche durch starke Hypotheken- 



Otto Sciuvarx, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 169 



belastung und grosse Pfandbriefemissionen von Jahr zu Jahr den staatlichen Schuldpapieren 
sehr erhebliche Konkiurenz bereitet. 

Vor allem kommen die „öffentlichen Kredite" der Landschaften, Landeskredit- 
institute, Rentenbanken usw. als Konkurrenzpapiere in Betracht, weil diesen Papieren 
wie den Staatspapieren das Recht der Miindelsicherheit eingeräumt ist. 

Von den privaten Hypothekenbanken sind nur etwa 4 Milliarden Pfandbriefe (der 
süddeutschen Staaten) mit dem Rechte der Mündelsicherheit begabt. Aber auch die nicht mündel- 
sicheren Pfandbriefe (etwa 5—6 Milliarden) machen, namentlich infolge der grossen Pflege, welche 
die Hypothekenbanken ihren Pfandbriefen angedeihen lassen, den Staatspapieren recht erheb- 
liche Konkurrenz. 

Endlich sind noch alle diejenigen Hypothekenanlagen als Konkurrenten der Staatspapiere 
zu nennen, die nicht von Hypotheken- pp. Instituten und von Sparkassen, sondern von Privaten, 
Mündelgeldverwaltern, Stiftimgen pp. direkt gewährt werden, deren Summe schwer festzustellen 
ist, die man aber nach den Eberstadt'schen Schätzungen von 1901 (der deutsche Kapitalmarkt 
S. 231) verbunden mit der seitherigen Zunahme, wie sie amthche Statistiken aufweisen, gegenwärtig 
auf etwa 40 — 45 Milliarden Mark schätzen kann. 

Neben Pfandbriefen und Hypotheken sind es namentlich die kommunalen Inhaber- 
papiere, deren Beträge in Deutschland absolut und relativ in fortwährendem Wachsen be- 
griffen sind und welche den Staatspapieren immer ernstere Konkurrenz machen. 

Man wird die zunehmende Verschuldung unserer Gemeinden, namentlich unserer grossen 
Städte, nicht in Grund und Boden verdammen dürfen. Die grossen Aufgaben, die diesen Körper- 
schaften aus der oft rapide steigenden Bevölkerungszahl, der enormen Entwickelung des wirtschaft- 
lichen und Verkehrslebens, den Anforderungen der Hygiene, Volkswohlfahrt und Sozialpolitik 
erwachsen, sämtlich aus laufenden Mitteln zu bestreiten, würde eine unlösbare Aufgabe sein. 
Aber auch hier gilt es, das richtige Augenmass nicht zu verlieren. 

Bei unserer gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage wird man zwar von einer 
Überverschuldung der Gemeinden nicht sprechen können, zumal etwa die Hälfte der kommunalen 
Schulden für rentable, Überschüsse abwerfende Gemeindezwecke gemacht sind (1908 entfielen bei 
den preussischen Städten mit mehr als 25000 Einwohnern 52,,% der Schulden auf gewerbl. Unter- 
nehmungen) und viele Gemeinden über erhebliches Gemeindevermögen verfügen. Zeiten rück- 
läufiger Konjunktur und politischer Krisen, die nicht ausbleiben dürften, werden aber kommenden 
Generationen die gewaltige Gemeindeschuldenlast vielleicht weit drückender fühlbar werden lassen, 
als dies die schuldenbewilligenden Stadtväter sich heute träumen lassen. Das Recht der staatlichen 
Aufsichtsbehörde, findet leider Schranken in dem städtischen Selbstverwaltungs- und Selbstbestim- 
mungsrecht, die nicht so leicht zu überwinden sind, wie dies der Theoretiker oft glaubt und der 
Praktiker wünschen möchte. Wie in Reich und Staat, so müssen auch in den Gemeinden vor 
allem die Vertreter der Steuerzahler sich mehr bewusst bleiben, dass Ausgaben leichter 
bewilligt als gedeckt sind, dass die Gemeinwirtschaft nicht Selbstzweck ist und dass sie 
nicht auf Kosten der Einzelwirtschaften zu sehr aus dem Vollen 
leben darf. 

Eine in neuerer Zeit immer mehr hervortretende Erscheinung auf dem Kapital narkte der 
festverzinsUchen Papiere in England und Deutschland ist endlich die Zimahme der Industrie- 
obligationen. Sie werden bei uns auf bereits 3 — 4 Milliarden M. geschätzt, nach neuerer amt- 
licher Statistik kommen 3,9 MilHarden M. in Frage, wobei allerdings auch die Obligationen anderer 
als industrieller Erwerbsfresellschaften oder Privatbetriebe miteingerechnet sind. Für eine 
Einschränkung der Industrieobligationeu bringt man namentlich die Einholung staat- 
licher Genehmigung und ferner eine besondere Couponsteuer (1 — 1%%) i^ 
Vorschlag, Vorschläge, die aber nicht empfohlen werden können. 

Insgesamt stellt sich die Höhe der öffentlichen Kredite in Deutschland gegenwärtig auf 
37—38 Milliarden Mk. und die Summe der festverzinslichen Obligationenschuld (öffentl. wie 
privater Schuldner) auf nicht weniger wie 47 — 18 Milliarden Mk. 



170 Otto Schwarz, Der Kurs der dentschen Reichs- und Staatsanleihen. 

9. Konkurrenz ausländischer AVerte. 

Der neueren Entwickelunt? auf dem Effektenmarkte cliarakteristiscli ist die Konkurrenz, 
welche dem inländischen Kapitalmarkte und vor allem dem Markt der festverzinslichen Werte 
durch ausländische Werte, Staatspapiere und sonstige Obligationen gemacht wird. 

In Deutschland sind aus dem Nachbarstaat Russland grosse Posten an Staats- 
werten und staatlich garantierten Eisenbahnobligationen, ferner erhebhche Summen amerika- 
nischer Eisenbahnfonds, endlich \äele Goldminen- und Diamantminenshares, Gummi- 
werte pp. untergebracht. Immerhin halten sich die Jahresemissionen ausländischer Werte an 
der Berliner Börse durchschnittlich erst auf der Höhe einiger hundert Millionen Mark. In Frank- 
reich und England dagegen spielt die Anlage ausländischer Werte eine von .Jahr zw .Tahr 
steigerdf und manchen der dortigen Patrioten beängstigende Rolle. Sie machen dort jährlich jj 
2 — 4 Milliarden M. aus. 

Wir begnügen uns an dieser Stelle damit, diese Konkurrenz der ausländischen Werte für 
unsere Staatsanleihen zu konstatieren. Die Frage der Zulässig keit und Bedeutung 
der Anlage von einheimischen Kapitalien in ausländischen Werten zu erörtern, erscheint ims liier 
nicht der Ort. Die Frage kann nicht allein oder auch nur vorwiegend unter dem Gesichtspunkte der 
Stellung des Staatskredits beurteilt, sondern muss vor allerq imter allgemein volks- und 
weltwirtschaftlichen, wie pohtischen Gesichtspunkten betrachtet werden. 

10. Einfluss der intensiven Wirtschaftsentwickelung. 

Haben wir in Vorstehendem eine ganze Reihe von Ursachen kennen gelernt, welche zu 
dem Kursrückgange unserer Staatspapiere mehr oder weniger beigetragen haben, so sind 
sie doch alle nicht ausreichend, einen so grossen Kurssturz herbeizuführen, wie wir 
ihn tatsächlich seit lyi Dezennien erlebt haben. Es muss neben ihnen ein bisher noch 
nicht berührter Faktor mitgewirkt haben, der um so mehr als die weitaus wichtigste 
Ursache anzusehen ist, als er selbst wieder mehrere der schon genannten Ursachen seinerseits 
erst hervorgerufen oder doch wenigstens stark befördert hat. Das ist d e r s t a r k e w i r t s c h a f t- 
1 i c h e A u f s c h w u n g, welchen National- wie W e 1 1 Wirtschaft in dem in Rede stehenden 
Zeitraum genommen haben. Die Tatsache dieses Aufschwungs selbst hier näher zu erweisen, wird 
entbehrlich sein. Dass sie aber auf die Entwickelung der Staatspapierkurse und in den grossen 
Kulturstaaten, welche am stärksten an diesem Wirtschaftsaufschwung beteiligt waren und die zu- 
gleich ihren Staatsanleihebedarf am eigenen Markte decken, besonders nachteilig wirken musste, 
und gewirkt hat, lässt sich ebenso a priori wie a posteriori beweisen. 

Zunächst ist klar, dass bei den starken wirtschaftlichen und technischen Fort- 
schritten von Handel, Industrie und Landwirtschaft enorme, zum grossen Teil dem Markte 
der sicheren Anlagen entgehende oder ihm entnommene Kapitalien zur Aufrechterhaltung 
des Geschäftsbetriebs, wie vielfach auch zu Neu-, Vergrösserungs-, Erweiterungsanlagen erforder- 
lich wurden. Dieser Mehrbedarf äusserte sich zum Teil in der Vermehrung von Wertpapieren, von 
Aktien und Dividendenwerten, sowie von Industrieobligationen. Die zahllosen privaten Einzel- 
betriebe hielten aber natürlich ebenfalls viele ersparte Kapitalien für sich zurück, die in wirt- 
schaftlich stilleren Zeiten ganz oder zum Teil an den Staatspapiermarkt geflossen sein würden. 
Denn eine volle wirtschaftliche Hochkonjunktur macht sich schliesslich in dem Betriebe de? 
kleinsten Krämers bemerkbar. Dass die steigende Gewinnquote das aniasesuchende Publikum 
zum Teil dem Markte der niedrig, aber fest verzinslichen Werte entfremdete und dem- 
jenigen der industriellen und Dividendenwerte zuführen musste, liegt hiernach auf der Hand. 
Dazu kommt, dass gute Dividendenpohtik, grosse Rücklagen usw. es grossen Werken und 
Banken vielfach ermöglicht haben, eine solche Stetigkeit in ihre Dividendenverteilungen 
zu bringen und dem Publikum die Überzeugung von einer solchen Sicherheit und Gefestigtheit 
ihrer Unternehmungen cinzuflössen, dass auch der Vorzug der Festigkeit und Gieich- 
mässigkeit der Verzinsung der Staatswerte jenen Werten gegenüber an Zuglcraft einbüssen 
musste. Auch bei anderen Dividendenwerten liess der mit geringen Unterbrechungen fort- 
dauernde wirtschaftliche Aufsch^vung den Gedanken der Notwendigkeit einer angemessenen 



Otto Schtvarz, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 171 

Risikoprämip hoi Dixnrlpndonwerten immer mehr zurücktreten, bezw. in den hohen Dividenden 
einen genügenden Risikoersatz finden. So wurden die festverzinslichen Werte immer mehr durch 
die Dividendenwerte verdrängt. 

Auch in sekundärer Weise muss eine wirtschaftliche Hochkonjunktur die Staats- 
papierkurse nachteilig beeinflussen. 

Die mit wirtschaftlicher Hochkonjunktur meist Hand inHand gehende stärkere Bevölkerungs- 
zunahme, die Steigerung des gesamten Staats- und Gemeindebedarfs, die zunehmende Bau- 
tätigkeit und damit Belebung und Inanspruchnahme des Hypotheken- und Pfandbriefmarktes, 
die mit der gesteigerten Weltwirtschaftskonjunktur in engstem Zusammenhange stehende Steige- 
rung des Anleihebodarfs der produzierenden, am Weltmarkt von Jahr zu Jahr mehr beteiligten 
auswärtigen Länder, all diese Folgen und Begleiterscheinungen einer Hochkonjunktur zeigen deut- 
lich an, dass dieselbe in letzter Linie auch für mehrere der schon behandelten Vorgänge und Ur- 
sachen (Nr. 7 und 9) zum grossen Teile mit verantwortlich zu machen ist. 

Als weitere indirekte Folge der wirtschaftlichen Hochkonjunkturperiode ist die Steige- 
rung der Lebens- und Genussmittel preise und vieler Gebrauchs waren anzusehen, 
die in manchen Ländern noch durch erhöhte Schutzzölle weitere Steigerungstendenz erfuhren. Dies 
hat die allgemeine Lebenshaltung sehr verteuert, und die Bevölkerungskreise, welche für ihre 
Lebensführung ganz oder teilweise auf Zinserträge angewiesen sind, haben stellenweise geradezu 
gezwungenermassen den ertragreicheren, wenn auch weniger sicheren vor den sicheren 
aber niedrigverzinslichen Werten den Vorzug gegeben. 

Auch a posteriori, in induktiver Weise lässt sich nachweisen, dass die intensive Wirt- 
schaftstätigkeit der weitaus wichtigste Grund für den Kursrückgang unserer, der 
englischen pp. Staatspapiere, ja der fest, aber niedrig verzinslichen Werte überhaupt gewesen ist. 

Vergleicht man nämlich (wie es in unserer Sonderbroschüre imter Beifügung von mehreren 
Diagrammen geschehen ist) die Entwicklungshnien der Jahresemissionen, des Aussenhandels und 
des Bankdiskonts, die für das Auf und Ab des Wirtschaftslebens eine Art Thermometer bilden, 
mit dem Verlauf der Kurse der Staatspapiere, so tritt der Zusammenhang der Kursentwickelung 
mit der Wirtschaftskonjunktur in auffälhgste Weise zutage. 

B. Beurteilung der Bedeutung der Kursrückgänge vom Standpunkt des kredit- 
suchenden Staates und der Staatsgläubiger. 

Mit den vorangeführten Ursachen ist die Aufzählung aller Gründe, welche einen Kurs- 
rückgang der Staatsfonds herbeigeführt haben oder herbeiführen können, natürhch nicht er- 
schöpft. Von Kursstürzen im Kriegsfalle ist ganz abgesehen worden. Aber auch Kriegsbefürchtungen 
{Marokkowirren, Balkanlcriege) können den Rentenlcurs stark beeinflussen. Ebenso können 
Positionslösungen infolge grosser Bankbrüche (Birkbeckbank) oder von Ultimo- und Quartals- 
hquidationen, wie wir es im September 1911 und 1912 in ziemlich augenfälliger Weise an unseren 
und anderen Börsen beobachten konnten, eine herabdrückende Wirkung haben. Hier pflegt es 
sich aber stets mehr um Ursachen vorübergehender Natiu* zu handeln. 

Dagegen dürften die nachhaltigeren und ständigen Ursachen des Kursrückganges 
unserer Reichs- und Staatsanleihen und zugleich das Mass ihrer Stärke und Bedeutung in Vor- 
stehendem vollständig dargelegt sein. Nach ihrem Ergebnis können wir die vielfach aufge- 
worfene Frage: ob der Staatslcredit in den letzten anderthalb Dezeiniien bei uns in seinem Li- 
nersten gelitten habe, und ob etwa aus dem starken Rückgange der Kurse der Staatspapiere die 
Besorgnis hergeleitet werden könne, wir möchten nicht in der Lage sein, im Falle der Not und bei 
kriegerischen Verwickelungen uns die erforderlichen Anleihemittel zu beschaffen, nur g 1 a 1 1 v e r- 
n 6 i n e n. Denn keine der behandelten Ursachen hat irgend etwas mit verminderterBe- 
wertung unserer staatlichen Kreditfähigkeit zu tun. 

In der Tat wird — abgesehen von Kriegszeiten — sowohl bei uns wie in England, Österreich 
oder Frankreich selten jemand aus Zweifeln an der Sicherheit des Staatskredits sich seines 



172 Otto Schwarz, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 



Besitzes an Staatspapieren entledigt haben. Ein vernünftiger Grund für solche Befürchtungen 
wäre auch schlechterdings nicht zu finden. Der Wohlstand sowie die Steuerkraft haben bei 
uns wie in England und übrigens auch in Franlareich und Österreich gerade während des Eückganges 
der RentenkuTse ganz ausserordentlich zugenommen, und wir sahen bereits („öffentliche 
Kredite"), dass es gerade die S t e u e r k r a f t der Bevölkerung ist, welche in letzter Linie über die 
Stärke und Sicherheit des Staatskredits entscheidet. 

Waren die deutschen Regierungen gezwungen, in neuerer Zeit von 3 und 3% % Nominal- 
zins wieder zum 4°ni2en Tvp hinaufzucrehen, so ist das im wesentlichen eine Folge des in- 
folge der steigenden Wirtschaf tskonjunktm- gestiegenen Kapitalgebrauchs- 
wertes überhaupt. Diese Tatsache ist aber so wenig ein Zeichen für Minderung des 
Staatskredits, so wenig man von einer Minderung des Kredits einer Bank sprechen wird, wenn 
sie bei steigenden Geldbedürfnissen des Marktes oder vermehrter Geldknappheit den Zins 
für ihre Depositeneinlagen erhöhen muss. 

[Wir haben aber den Rückgang der Rentenkurse nicht allein vom Standpunkte des kredit- 
bedürftigen Staats, sondern auch von dem seinerGläubiger, des anlagesuchenden 
Publikums, zu betrachten. Den grossen Verlusten derer, die ihre Kapitalien in Staats- 
fonds angelegt haben und durch die Kursrückgänge erhebliche Summen eingebüsst haben, seien es 
nun einzelne Private, öffentliche Institute oder Gesellschaften, kann und darf der Staat, auch abge- 
sehen von dem eigenen finanzieller Interesse, schon aus ethischen und moralischen 
Gründen nicht teilnahmslos gegenüberstehen. Wenn man neuerdings einerseits den Realzins des 
Staates mit dem anderer festverzinslicher Werte im Lande verglichen und dabei festgestellt hat, dass 
der Kurs der Staatspapiere immer noch um 1 bis 2 % denjenigen dieser anderen Werte übertrifft, 
oder wenn man den Realzins unserer Staatspapiere mit demjenigen Frankreichs und Eng- 
lands vergleicht und konstatiert, dass bei unserm verhältnismässig weit höheren kurz- 
fristigen Leihzins der Realzins unserer Staatspapiere gegenüber jenen Ländern noch verhältnis- 
mässig hoch zu nennen sei, und wenn man aus diesen Vordersätzen ableiten will, dass 
Regierungs-JIassnahmen zur Hebung der Rentenkurse im Grunde überflüssig, nutzlos und fast 
unberechtigt seien, so kann dem keineswegs beigestimmt werden. So gut wie Frankreich und 
Italien durch steuerliche und sonstige Massnahmen erreicht haben, dass die Kurse ihrer Staats- 
werte mehrfach weit grössere Spannungen georenüber andern erstklassigen festverzinslichen 
Werten aufweisen, als 1 bis 2 %, wie gegenwärtig bei uns, muss e=! au^h bei uns das Ziel der 
Regierung bleiben, das bestehende Spannungsverhältnis zugunsten der Staatspapiere zu verbessern. 

Die Herbeiführung eines günstigen Kursstandes der Staatsanleihen auf jede nur irgend 
zulässige Weise zu fördern, wird auch in der Tat nicht nur bei uns, sondern anderwärts überall für 
ein eminentes Staatsinteresse angesehen. Die Reichsregierung wie die Bundesregierungen 
haben daher allen Anlass, nicht müde zu werden, kein geeignetes Mittel unversucht zu lassen, um 
eine Besserung und grössere Stabilität der Rentenkurse zu erzielen. Das ist der Staat nicht 
nur dem eigenen Kreditinteresse, sondern auch den Staatsgläubigern schuldig. 

Man wird der Reichs- und preussischen Rtaatsregierung das Zugeständnis nicht vorenthalten 
können, dass sie nicht nur seit Jahr und Tag eifrig und unverdrossen an der Hebung der Staatsrenten- 
kurse arbeitet und nichts unversucht lässt, was sie auf diesem Wege weiter bringen kann, sondern 
auch, dass sie sich in ihren gesetzgeberischen Massnahmen durchaus in angemessenen und mass- 
vollen Grenzen gehalten hat. 



Die Lehren , welche die Staaten aus der Kursentwickelung ihrer Schuldpapiere in den 
letzten Dezennien zu entnehmen haben, müssen nach allem Vorgesagten dahin gehen, dass sie 
einmal ihre Zinspolitik zu verbessern haben, indem sie einerseits bei ihren Konvertierungen grössere 
Vorsicht walten lassen, andererseits nicht durch AVahl nominell zu niedriger Zinsfüsse 
ein zu grosses Spekulationsmoment in ihre Staatawerte bringen. Dass sie ferner 



Otto Schwär», Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 173 

bei Neuemissionea den veränderten Marktverhältnissen durch schnellere Anpassung an den 
jeweiligen allgemeinen Zinsfuss Rechnung tragen, wobei die Politik der Pfandbriefinstitute 
ihnen vorbildhch sein kann. Sodann müssen sie in der Schuldenvermehrung grössere 
Zurückhaltung üben und müssen für eine fortdauernde angemessene Tilgung sorgen. 
Endlich müssen sie der Emissionstechnik, der Entwickelung des Marktes und seiner Pflege 
ihre dauernde und vollste Aufmerksamkeit widmen, dürfen den Markt nicht „sich selbst 
überlassen", und müssen behufs Intervenierung mit Tilgungs- und sonstigen zur Verfügung 
stehenden Staatsgeldern rechtzeitig am Platze sein. Die Einführung gesetzUchen Zwanges 
zur Anlage gewisser Gelder und Vermögenswerte von Instituten und Gesellschaften, die 
ihre Mittel besonders liquide zu gestalten haben, dem Staate besondere Kosten für ihre Beauf- 
sichtigung veriu-sachen oder besondere Vorteile von ihm geniessen, ist ins Auge zu fassen, wird 
sich aber in Grenzen zu halten haben, welche nachhaltige allgemeinwirtschafthche Schäden aus- 
schliessen. 

Den Staatsgläubigern müssen die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zum 
Bewusstsein gebracht haben, dass die Forderung unbeweglichen Zinsfusses und gleich- 
zeitig stabiler Kurse eine unerfüllbare Utopie ist, und dass die grösste Sicherheit 
des Staatskredits die Kurssenkungen, welche die Erhöhung des. allgemeinen 
Kapitalgebrauchswertes hervorruft, in Zeiten wirtschaftücher Hochkonjunktur 
nicht verhindern kann. Wer in der ersten Hälfte der 90er Jahre, wo die Kurse der 3 % 
und 314% Staatspapiere im Laufe von 5 Jahren um 7 bezw. 14% gestiegen waren, wo 
die wirtschaftliche Unternehmungslust auf dem Nullpunkt stand, der Kapitalnutzungswert ein 
minimaler war und das Kapital, scheu geworden durch grosse wirtschaftliche Krisen und 
finanzielle Zusammenbrüche vieler Staaten, die Sicherheit von Kapital und Zins aufs 
höchste bewertete — wer damals Anleihen kaufte, in der Meinung, dass sich bei so geringer Ver- 
zinsimg jene hohen Kurse dauernd halten Hessen oder gar noch steigen würden, hat eben die Grund- 
lagen der Preisbildung für Staaspapiere verkannt und kann hierfür nicht lediglich den Staat ver- 
anwortüch machen, selbst wenn die Staatsbehörden s. Zt. dem gleichen Irrtum unterlagen. 

Die so gewonnene Erkenntnis muss zugleich den heutigen Rentenbesitzer und 
denjenigen, der einer Neuemission von Staatspapieren gegenübersteht, mit der Überzeugung 
erfüllen, dass mit rücldäufiger Entwickelung der Wirtschaftskonjunktur und der allgemeinen Zins- 
verhältnisse, die sich nach Erfahrung und nach allgemeinen Wirtschaftsgesetzen immer mit 
Zeiten aufsteigender Tendenz ablösen werden, auch das Kursniveau der Staatspapiere wieder eine 
ansteigende Richtung nehmen wird. Mit dem Umschwung der Konjunktur, der in absehbarer 
Zeit eintreten muss, und mit den damit zumeist verbundenen wirtschaftlichen Zusammenbrüchen 
und oft auch finanziellen Schwierigkeiten kreditschwacher Staaten wird der Sicherheits- 
faktor der Kapitalsanlagen wieder stärker in den Vordergrund treten. Dann werden auch den 
Staatswerten wieder zahlreiche Freimde und Käuferschichten zugeführt werden. 



Neuntes Hauptstück: 

AUg-emeine Wirtschaftsfragen. 



43. Abschnitt. 

a) Das Deutsche Volk in seinen sozialen und wirtschaft- 
lichen Beziehungen. 

Von 

Ministerialrat Dr. Friedrich Zahn, 

Direktor des Kgl. Bayerischen Statistisclien Landesamts und üniversitätsprofessor in München. 

Literatur: 

Friedrich Zahn, Die Volkszählung im Deutschen Reich, Bd. 150 der Statistik des Deutschen Reichs. 

— Ders., Deutschlands wirtschaftliche Entwicklung mit besonderer Bemcksichtigung der Volkszänlung 1905 
und der Berufs- und Betriebszählung 1907. Aunalen des Deutschen Reichs 1910 und 1911 (auch als Sonder- 
ahdruck erschienen München 1911). — Ders., Haushaltsstatistik und lleiratsstatistik. Handwörterbuch der Staatswissen- 
schaften. 3. Aufl. Jena 1910. — Ders., Die Frau im Erwerbsleben der Hauptkulturstaaten. Allgem. Statistisches 
Archiv Bd. VII. Tiibingen 1914. — Ders, Verbreitung der Deutschen im Ausland. Verhandlungen des Deutschen 
Kolonialkongresses 1905. Berlin 1906 S. 894 fg. — Robert Höniger, Das Deutschtum m Übersee. Ver- 
handlungen des Deutschen Kolonialkongresses 1910. Berlin 1911 S. 1088 fg. — Ders., Das Deutschtum im 
Ausland. Hermann MüUer-Bohn's Werk ,.des Deutschen Vaterland", Stuttgart 1912. — Arthur Dix, 
Materialien zur internationalen Wanderungsbewegung. Weltwirtschaftliches Archiv 1913. — Rudolf Gold- 
scheid, Höherentwicklung und Menschenokonomie. Grundlegung der Sozialhiologie. Leipzig 1911. — ^^ Anton 
von Vogl, Die Sterblichkeit der Säuglinge in ihrem territorialen Verlialten in Württemberg. Bayern, Österreich 
und die Wehrfähigkeit der Jugend. München 1910. — Ders., Die Armee, die schulentla,ssene Jugend und der 
Staat. München 1911. — J. von Schjerning, Sanitätsstatistische Betrachtungen über Volk und Heer. 
Berlin 1910. — Max Serin g. Die Verteilung des Grundbesitzes imd die Abwanderung vom Lande. Berlin 1910. 

— Wilhelm Stieda, Ausländische Arbeiter in Deutschland. Zeitschrift für Agrarpolitik 1911 Nr. 9. — 
Reichsarbeitsblatt 1913. — Die deutsche Ostmark. Lissa 1913. — WaldemarMitscherlich, Die Aus- 
hreitung der Polen in Preussen. Leipzig 1913. — Otto Most, Die deutsche Stadt und ihre Verwaltung. 
Berlin 1912. — Ders., Bevölkerungswissenschaft. Sammlung Göschen 1913. — Arthur Steinhart, Ge- 
büriigkeit der deutschen Grossstadtbevölkerung. Berlin 1912. — Siegmund Schott, Die grossstädtischen 
Agglomerationen 1871 — 1910. Breslau 1912. — Otto Landsherg, Eingemeindungsfragen. Breslau 1912. — 
Julius Pierstorf f. Der moderne Mittelstand. Leipzig 1911. — G. Schmoller, Über Wesen und Ver- 
fassung der grissen Unternehmungen. Sozial- und Gewerhepolitik der Gegenwart 1890 S. 391 fg. — Wilhelm 
B öhm e rt , Das Berufsschicksal der Arbeiier und Angestellten nach Überschreitung des 40. Lebensjahrs. Der Arbeiter- 
freund 1913 S. 233 fg. — Wilhe Im Schallmayer. Soziale Massnahmen zurBesserung der Fortpflanzungsauslese. 



176 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



Handbuch von Mosse und Tugendieich über „Krankheit und Soziale Lage". München 1913. — F. Zahn und 
Jos. Kleindinst, Beliämpfung der sozialeu Krankheitsursachen durch den Staat. Ebenda München 1913. — 
Karl Kindermann, Die Fülirer im modernen Völkerleben. Stuttgart 1910. — Friedrich Naumann, 
Neudeutsche Wirtschaftspolitik. 3. Aufl. Berlin 1911. — Andrew Carnegie, Kapital und Aiheit. 
Leipzig 1912. — Statistik des deutscheu Reichs Bd. 211 (ßerufsstatistik 1907). — Reichs- Arbeitsblatt 1913 mit 
den Artikeln : Gliederung der deutschen Lohnarbeiterschaft. Die Angestellten in Deutschland. Die ausländischen 
Wanderarbeiter in Deutschland. 

Inhalt : 

Eloleitnng. — I. Wachstnm des Deutschen Tolkes. — 11. Das Dentschtnm Im Ansland. — 
III. Blnnenwandernngen In Deutschland. — IV. (Grössere Bliineiimischnng unseres Volke» uach 
Gesclilecht, Alter, Familienstand, Haushaltung, Muttersprache, Staatsangehörigkeit, Religion. — 
V. Änderungen im bernfllchen Aufbau des Volkes. — VI. Soziale Umschichtung des Volkes. — 
Schlnss. 

Einleitung. 

Ausgangspunkt und Ziel der Politik ist das Volk. 

Ausgangspunkt ist es insofern, als die Politik bedingt wird und abhängig ist von der Be- 
schaffenheit des Volkes. Das Niveau, die Art, die Intensität der Politik, insbesondere der 
Wirtschaftspolitik, wird von der Grösse, der natürlichen, sozialen und beruflichen Gliederung des 
Volkes entscheidend beeinflusst. Nach der quantitativen Höhe und qualitativen Reife der Be- 
völkerung bemisst sich ganz wesentlich der Erfolg der Politik. 

Aber die Politik hat auch die Bevölkerung zum Ziel. Ist doch das kostbarste Gut eines Volkes 
die Volkskraft, das Volk selbst. Es ist das organische Nationalkapital, das in weitem Umfang 
Mutterboden der Kultur und der wirtschaftlichen Produktivität darstellt. Die Kräfte des Volkes 
müssen — nach Art andrer wertvoller Kapitalien — daher von der Politik so gebraucht werden, 
dass hierbei Entwicklungswerte geschaffen werden, ohne dass das Volk .'selbst in seinem inneren, in 
seinem Kapitalwert beeinträchtigt wird. Nur ein Volk mit den besternährten, organisch gepflegten 
Individuen entfaltet auch die höchste wirtschaftliche Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit, die 
grösste Reproduktivkraft. Die Politik muss daher letzten Endes organisches Kapitalisieren sein, 
sie muss darauf abzielen, unser organisches Kapital nach Quantität und Qualität zu erhalten 
und zu fördern, um so die grösstmögliche Vollendung des Einzelnen und der ganzen Nation 
herbeizuführen. 

Gleichwie die beste Theorie unentbehrlich für die beste Praxis, so erscheint die Kenntnis 
von unserem Volk in seiner natürlichen, sozialeu und beruflichen Gliederung und seinen Entwick- 
lungstendenzen notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche wirtschaftliche und soziale Politik, 
für die Politik überhaupt. 

I. 

Wachstnm des Deutschen Volkes. 

Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 wurden im Deutschen Reich auf einer Fläche 
von 540 857,62 qkm 64,9 Millionen Einwohner gezählt, die bis Mitte 1913 sich auf 67 Mil- 
lionen vermehrt haben. Eine grössere Bevölkerung als Deutschland haben von den wichtigeren 
Kulturstaaten die Vereinigten Staaten von Amerika mit 92,0 Millionen nach dem Zensus von 1910 
und Russland mit 168 Millionen anfangs 1911. Die übrigen Länder folgen erst in weitem Ab- 
stand hinter Deutschland, obschon ihre räumliche Ausdehnung der deutschen zum Teil ziemlich 
nahe kommt beziehungsweise sie noch übertrifft. Zieht man die Bevölkerung der deutschen 
Schutzgebiete mit heran, die auf 12,9 Millionen zu veranschlagen ist, so ergibt sich als Gesamt- 
zahl aller Angehörigen des Deutschen Reichs mit Einschluss der Kolonien rund 80 Millionen. 
Damit erreicht Deutschland freihcli bei weitem noch nicht die Bcvölkerung.-^zahl, über die das 
grosse Britischo Reich (420 Millionen). Frankreich mit seinen Kolonien (92 Millionen), die Ver- 
einigten Stuaten von Amerika (102 Millionen), das europäische und asiatische Russland (171 
Millionen) und China (438 Millionen) verfügen. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 177 



Die jetzige Ziffer des Deutschen Volkes ist das Ergebnis eines stetigen Wachs- 
tums, dessen sich die deutsche Bevölkerung erfreut. Besonders erheblich ist dieser Zuwachs 
seit 1885: 

Zuwachs von Jahrfünft zu Jahrfünft 





Einwohner 


absolut 


Prozei 


1885 


46 857 704 






1890 


49 428 470 


2 570 766 


5,49 


1895 


52 279 901 


2 851 431 


5,77 


1900 


56 367 178 


4 087 277 


7,82 


1905 


60 641 489 


4 274 311 


7,58 


1910 


64 925 993 


4 284 504 


7,07 



An dieser Entwicklung sind die einzelnen Bundesstaaten und Reichsgebietsteile nicht 
gleichmässig beteiligt. Besonders rasch und gross war das Wachstum der Bevölkerung rings um 
Berlin, dann in der Provinz AVestfalen, im Rheinland, in Hessen-Nassau, ferner im Königreich 
Sachsen und in den Stadtstaaten der Hansastädte, langsamer und geringer war das Wachstum 
in den süddeutschen Staaten und insbesondere in den ostelbischen Provinzen Preussens: 

Bevölkerungswaohstum seit der Reiohsgründung : 

Einwohnerzahl Zunahme seit 1871 

1871 1910 absolut «/o 

Stadt Berlin 826 341 2 071 257 1 244 916 150,6 

Prov. Brandenburg 2 036 844 4 092 616 2 0.55 772 100,9 

„ Westfalen 1 775 175 4 125 096 2 349 921 132,4 

„ Rheinland 3 579 347 7 121 140 3 541 793 98,9 

„ Hessen-Nassau .... 1400370 2221021 820651 58,6 

Kgr. Sachsen 2 556 244 4 806 661 2 250 417 88,0 

Bremen 122 402 299 526 177 124 144,7 

Hamburg 338 974 1014 664 675 690 199,3 

Prov. Ostpreussen 1 822 934 2 064 175 241 241 13,2 

„ Westpreussen 1314 611 1703 474 388 863 29,5 

„ Pommern 1431796 1716 921 285 125 19,9 

Bayern 4 863 450 6 887 291 2 023 841 41,6 

Württemberg 1818 539 2 437 574 619 035 34,0 

Baden 1 461 562 2 142 833 681 271 46,6 

Elsass-Lothringen 1 549 738 1 874 014 324 276 20,9 

Mecklenburg-Schwerin .... 557 707 639 958 82 251 14,7 

So verschieden die Entwicklung in den einzelnen Teilen des Reiches vor sich geht, so darf 
die Entwicklung des Volkes als Ganzes doch als günstig bezeichnet werden. Beruht sie ja auf eigener 
Kraft ohne nennenswerte Beihilfe fremdländischer zugewanderter Elemente. 

Aus welchen Faktoren setzt sich doch unser B e v ö 1 k er u n gs- 
wachstum zusammen? Es kommen in Betracht ziemlich grosse Geburtenhäufigkeit, 
eine mittlere Sterbehäufigkeit und endlich eine verschwindend geringe Auswanderung, der eine 
noch kleinere Einwanderung gegenübersteht. So kommt es, dass wir über einen starken 
natürlichen Zuwachs verfügen, der in den Jahrfünften 1895 — 1900 und 
1900 — 1905 zugunsten unserer tatsächlichen Zunahme sogar noch 
durch einen kleinen Wanderungsgewinn erhöht wurde; in den anderen 
Jahren der Neuzeit erfolgte zwar ein Wanderungsverlust, aber nur ein sehr unerheblicher. 

Was die erwähnten Faktoren im einzelnen betrifft, so beläuft sich die Zahl der Geburten 
jährlich auf rund 2 Millionen (in Frankreich 770 000). Diese Zahl ist im vergangenen Jahrzehnt 
sowohl absolut wie relativ, d. i. im Vergleich zur Bevölkerung, zurückgegangen — eine Erscheinung, 
die sich auch in anderen Kulturstaaten zeigt: 

Hindbuch der Politik. U. Auflage. II. Band. 12 



178 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



Zahl der Geborenen (einschl. Totgeborene) 

überhaupt berechnet auf 1000 der Bevölkerung 
1880 1 764 096 39,1 

1890 1 820 264 37,0 

1900 2 060 657 36,8 

1905 2 048 453 34,0 

1910 1 982 836 30,7 

1911 1927 039 29,r, 

1912 1925 883 29,i 

Dieser Geburtenrückgang, auf den ich in einem besonderen Artikel (Abschnitt 43 b.) näher 
eingehe, ist, wie Rudolf Goldscheid treffend bemerkt, „die notwendige Resultante im Parallelo- 
gramm der gesamten historischen Kräfte." Als solche wirken hier mit: grössere Langlebigkeit, 
späteres Heiratsalter und längere Ausbildungszeit in den höheren Gesellschaftsklassen, Steigerung 
der Lebensansprüche. Kampf um Reichtum und AVissen, Ausbreitung des weiblichen ausserhäuslichen 
Erwerbs, Anwachsen der städtischen, unter teueren Wohnungs- und Lebensverhältnissen leidenden 
Bevölkerung, grösseres Verantwortungsgefühl in bezug auf Aufzucht der in die Welt gesetzten 
Kinder auch bei der Arbeiterschaft. Ebenso .sind gebuitenhemmend: Kinderschutz, Schulzwang 
und allgemeine Militärpflicht, sie haben zur Folge, class das Kind länger als früher ein un- 
produktiver inid kürzer als zuvor ein produktiver Faktor ist. Nebenher mögen auch, zum Teil 
im Zusammenhang mit den erwähnten wirtschaftlichen Ursachen, eine Reihe sozialpathologischer 
Momente (Zunahme der prophylaktischen Aborten, Geschlechtskrankheiten, Nervosität usw.) in 
Betracht kommen. 

Die sinkenden Geburtenziffern, die übrigens noch keineswegs das Zweikindersystem in 
Deutschland deklarieren, können einstweilen noch nicht als Degenerationssymptome gelten. Die 
geringere Natalität wird stark überkompensiert von der höheren Lebenskraft und Lebensdauer der 
geborenen Bevölkerung, die sich vor allem in der zurückgehenden Sterbehäufigkeit äussert. 

Die Sterbeverhältnisse haben sich gerade in den letzten Jahrzehnten sehr erfreulich 
verbessert. Die Zahl der Gestorbenen betrug 1912 l,08f'> Millionen — eine Zahl, die schon absolut 
niedriger ist als in früheren Jahren, wo beispielsweise im Jahre 1900 bei einer kleineren Volksziffer 
1,3 Mill onen starben. Besonders deutlich erhellt aber die Verbesserung der Sterbeverhältnisse aus 
der relativen Zahl: 1912 betrug die Sterbeziffer 16,4 vom Tausend der Bevölkerung, 1900 dagegen 
noch 23,2''/„„, 1890 25,6 %o, 1880 27,5%! Das Jahr 1911 mit 1,19 Millionen Gestorbenen oder 
18,2 Voo kann wegen seines anormalen Charakters (grosse Sommerhitze) zum Vergleich nicht 
gut herangezogen werden. 

Diese Verbesserungen der Sterbeverhältnisse bedeuten — positiv ausgedrückt — eine 
längere Erhaltung der Lebenskraft, eine Verlängerung der Lebensdauer. 

Es ist die mittlere Lebensdauer (d. i. die Zahl der Jahre, die durchschnittlich von jedem 
Mitglied einer Generation unter den obwaltenden Sterbeverhältnissen durchlebt werden) in 
den Jahrzehnten 1871/80 bis 1901/10 beim männlichen Geschlecht von 35,58 auf 44,82 Jahre 
oder um 25,97%, beim weiblichen von 38,45 auf 48,33 oder um 25,70% gestiegen: 

Mittlere Lebensdauer 

1871/80 1881/90 1S9I/1900 1901/10 

männliches Geschlecht 35,58 Jahre 37,17 Jahre 40,nG Jahre 11.82 Jahre 

\veibliclie.s Geschlecht 38,45 „ 40,25 ,, 43,97 ,, 48,33 „ 

Mithin Zunahme 

1H71/80— 1881/90 1K81/90— 1891/1900 1S91-19O0— 1901 '10 187 1;80— 1901/10 

mäunliches Geschlecht 1,59 Jahre :-!.39 Jahre 4,20 Jahre 9.24 Jahre = 25.97 % 

weibliches Geschlecht 1,8Ü „ 3,72 .. 1.3(1 ., 9,88 ., = 25,70 % 

Noch stärker hat die sogenannte ,, wahrscheinliche Lebensdauer" zugenommen. Man 
versteht hierunter das Alter, bis zu dem die Hälfte aller Personen gestorben ist, so dass also 



FriedricJi Zahn, Das Deutsche Volk. 



179 



für ein neugeborenes Kind die gleiche Wahrscheinlichkeit besteht, vor dem durch die wahr- 
scheirliche Lebensdauer angezeiiiteii Alter zu sterben, wie auch diese Altersgrenze zu über- 
schreiten. Nach der Steibetafel von 1871,80 betrug diese Zal.l beim mäimüchen Geschlecht 
38,1 Jahre, beim weibhchen 42,5 Jahre, bis 1901/10 war sie auf eine Höhe von 55,2 bezw. 
60,6 Jahren angewachsen. 

Was besonders bedeutsam erscheint, an der in diesen Zahlen zum Ausdruck kommenden 
allgemeinen Besserung der Sterbcverliältnisse haben fast alle Altersklassen, vor allem auch die 
produktiven, teil. Für die im erwerbsfähigen Alter stehenden Klassen (von 15 bis 60 Jahren) 
ergibt sich seit 1871,80 eine namhafte Erhöhung der mittleren Lebensdauer, beim männlichen 
Geschlecht um 2,53 und beim weiblichen Geschlecht um 2,46 Jahre. Es werden also von 
diesen produktiven Klassen jetzt durchschnitthch 23-^ Jahre mehr durchlebt als vor 30 Jahren. 
Hieraus ergibt sich allein für das männliche Geschlecht ein Gewinn von P/^ Millionen Arbeits- 
jahren in jeder Generation. 

Der Vorteil, der hierdurch erreicht ist sowohl vom Standpunkt der Privatwirtschaft wie 
für den Staat, liegt auf der Hand. Er beruht nicht nur in der längeren Erhaltung der wertvollen 
Arbeitskraft des Einzelnen, sondern auch in der längeren Verwertbarkeit der reichen, kostbaren 
Erfahrungen, über die das höhere Lebensalter verfügt, und die vom Standpunkt der Interessen des 
Staates und der Gesellschaft so hochwillkommen sind. Die Verlangsamung des Generations- 
wechsels, das längere Zusammenleben und die intensivere Wechselwirkung der einzelnen Genera- 
tionen bedeutet eine grössere individuelle und gesellschaftliche Ausnutzung der Lebensarbeit und 
ihrer Erfolge und eine gesichertere Übertragung der Errungenschaften der einen Generation 
auf die nächstfolgende. Es wird, wie Heinrich Rauchberg gelegentlich sich ausdrückt, ein 
Maximum der Bevölkerung und Kultur durch ein Minimum von persönlichem Wechsel erstellt. 

Diese trotz der aufreibenden Hast des modernen, insbesondere städtischen und industriellen 
Erwerbslebens eingetretene günstige Gestaltung unserer Lebensdauer steht in innigem Zu- 
sammenhang mit den hervorragenden medizinischen Fortschritten sowohl in bezug auf Bekämpfung 
und Heilung der Krankheiten wie in bezug auf die Hygiene (Kanalisation, Wasserleitung, Des- 
inf( ktion) und die prophylaktischen Massnahmen (vor allem gegen die Volkskrankheiten, z. B. 
Tuberkulose). Weiter war von Einfluss die bessere Versorgung der Bevölkerung mit Ärzten und 
entsprechenden gut geleiteten Krankenhäusern und nicht zuletzt die Arbeiterschutz- und 
Arbeiterversicherungs- Gesetzgebung, deren Seele bekanntlich die Prophylaxis ist und die gerade 
dadurch wesentlich mithilft, dem Arbeiter die Gesundheit, der Nation die Lebenskraft zu erhalten. 
Neben dieser zielbewussten Gesundheitspflege spielt die mit der Zunahme des Volkswohlstandes 
ermöglichte instinktive Verbesserung unserer Ernährungs-, Wohnungs- und Pflegeverhältnisse 
eine Rolle. 







Im 1. Lebensjalir Gestorbene (ohn 


3 Totgeborene) 


.Tuhr 








auf 100 Lebendgeborene 




überhaupt 


eheliche') 


uneheliche *) 


überhaupt 


eheliche') 


uneheliche*) 


1901 


420 223 


361 745 


58 478 


20,7 


19.4 


33,9 


1902 


370 799 


321 055 


49 744 


18,3 


17,3 


29,3 


1903 


404 529 


351 086 


53 437 


20,4 


19,3 


32,7 


1904 


397 781 


344 972 


52 809 


19,6 


18,6 


31,4 


1905 


407 999 


353 342 


54 654 


20,5 


19,4 


32,6 


1906 


374 636 


324 592 


50 044 


18,5 


17,5 


29,4 


1907 


351 046 


302 920 


48 126 


17,6 


16,6 


28,0 


1908 


359 022 


308 680 


50 342 


17,8 


16,8 


28,5 


1909 


335 436 


288 202 


47 234 


17,0 


16,0 


26,8 


1910 


311 462 


267 171 


44 291 


16,2 


15,2 


25,7 


1911 


359 522 


308 765 


50 757 


19,2 


18,2 


29,9 



') Da von den gestorbenen ehelichen Kindern einige unehelich geboren wurden, so sind die hier berech- 
neten Sterblichkeitszablen bei den ehelichen Kindern etwas zu gross und bei den unehelichen etwas zu klein. 

12* 



180 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 

Ausserdem ist der Rückgang der allgemeinen Sterbezi ff er mitbedingt durch die Verminderung 
der Säuglingssterblichkeit (vergl. Tabelle S. 179 unten), und diese ist ihrerseits zu- 
rückzuführen auf die Hebung der allgemeinen Hygiene, die gesteigerte Sauberkeit, das häufigere 
Stillen an der Mutterbrust und auf eine Reihe staatlicher und gemeindlicher Massnahmen — 
Mutterschutz, Gebiirts- und AVochenbetthygiene, Förderung des Stillgeschäfts durch Beratungen, 
Stillprämien etc., Milchküchen, Säuglingspflege- und Krankenanstalten. Kostkinderaufsicht, 
Einrichtung von Beratungsstellen etc. Die Säuglingssterblichkeit hat hierdurch ihre früheren 
Schrecken schon wesentlich verloren; ihr Rückgang kommt ebenfalls unserer volklichen, ethischen 
und wirtschaftlichen Kraft zustatten, bedeutet doch jedes dem Tod entrissene, an sich lebens- 
fähige Kind die Erhaltung eines guten Stückes Nationalkapital von ideellem und materiellem Wert. 

Ohne Zweifel kann noch viel geschehen, um die derzeitige Sterbeziffer weiter herabzu- 
drücken. Xamcnthch sind von dem jetzt allenthalben aufgenommenen Kampf gegen die 
Säuglingssterblichkeit und gegen die hauptsächlichsten Volkski-ankheiten (Tuberkulose, Alkohohs- 
mus, Geschlechtskrankheiten, Krebs usw.) sowie von der Förderung der Hygiene in der Stadt 
und auf dem Land noch beträchtliche Erfolge für das natüi-liche Wachstum unserer Bevölkerung 
zu erwarten. 

Freilich ist die Sterbeziffer für sich allein kein verlässiger Massstab für die konstitutionelle 
Gesundheit und körperliche Tüchtigkeit der Bevölkerung. Eine Bevölkerung kann, worauf Max von 
Gruber mit Recht aufmerksam macht, infolge Beseitigung einer äusseren Todesgefahr langlebiger 
werden und trotzdem schwächlich, kränklich, zur Fortpflanzung mitauglich werden, ja sogar ihre Be- 
schaffenheit verschlechtern. Indessen besteht nach den sachkundigen Untersuchungen der General- 
stabsärzte von Schjerning und von Vogl einstweilen kein Anlass zur Annahme eines Niedergangs 
des physischen Werts der deutschen (wehrpflichtigen) Jugend oder gar eines Rückstands gegenüber 
anderen Nationen. Immerhin mögen Symptome, die darauf schliessen lassen, dass es mit der 
Gesundheit der städtischen und industriellen Bevölkerung trotz ihrer grösseren Langlebigkeit nicht 
völlig befriedigend bestellt ist, im Aussterben von Familien erblickt werden. Vielfach handelt es 
sich um Familien der oberen Gesellschaftsschichteu mit älterer Kultur und höherer Bildung. Inso- 
fern hierdurch wichtige vererbbare Werte von Wissen imd Können dem Volke verloren gehen, lässt 
sich in gewisser Beziehung von einem Degenerationsvorgang sprechen, der zugleich bewirkt, dass 
der durchschnittliche Pegelstand des Volkes sich nicht in einer an sich möglichen Weise hebt, 
sondern infolge des Wegsterbens der genannten Familien immer wieder herabgedrückt wird. 

Das natürliche Wachstum des Volkes, wie es in der Differenz zwischen Geburten und Sterbe- 
fällen, also imGeburtenüberschuss — 1912 in Höhe von 839 887 oder 12,7 %o (1911 : 
739 945 oder 11,3''/qo) — sich äussert, lässt unser Volkstum jedenfalls noch derzeit als sehr 
jugendkräftig und weit entfernt von einer Greisenhaftigkeit erscheinen. Auch im Lichte der 
internationalen Statistik stellt sich die natürliche Bevölkerungsbewegung in Deutschland durch- 
aus befriedigend dar. Sie bat bei starker Geburtenhäufigkeit und mittlerer Sterblichkeit den 
Vorzug eines relativ regelmässigen und doch raschen Fortschritts. Sie unterscheidet sich 
dadurch namentlich von Frankreich, das im Jahre 1910 nur einen Geburtenüberschuss von 
70 581 oder 1,8 0/00 (774 358 Geburten, 703 777 Sterbefälle), im Jahre 1911 nicht nur keinen 
Geburtenüberschuss (742 114 Geburten, 776 983 Todesfälle), sondern sogar ein Geburtendefizit 
von 34 869 hatte. In Russland wird trotz höherer Fruchtbarkeit nur ein klein wenig grösserer 
Nettoertrag erzielt als in Deutschland; es betrug im Jahre 1911 dort die Geburtenziffer 42,0, 
die Sterbeziffer 25,3, der Geburtenüberschuss 16,6 "/qq. Auch gegenüber den Vereinigten 
Staaten von Amerika schneidet Deutschland besser ab. Dort beruht die Zunahme in erster 
Linie auf starkem Negerzuwachs und auf. Einwanderung von gegen früher — was Besitz, 
Bildung, Gesundheitswert, Unterstützung.^bedürftigkeit anlangt — erheblich verschlechterten 
Elementen, sie ist bei dem Rückgang der weissen Geburten mit einer bedenklichen tief- 
greifenden Umgestaltung der rassenmässigen Zusammensetzung der Bevölkerung verbunden. 

Im Gegensatz zu Frankreich und den Vereinigten Staaten ist in Deutschland von einer 
Stockung der natürlichen Bevölkerungszunahme.dieeine patriotisch-politische Angst vor Erschöpfung 
der bevölkerungserhaltenden Volkskraft rechtfertigt, geschweige von Rassenselbstmord keine Rede. 



Friedrief i Zahn, Das Deutsche Volk. \^\ 



Im letzten Jahrzehnt 1901 '10 betrug in Deutschland trotz der erwähnten Geburtenabnahme die 
Zahl der Geburten noch etwa 40 % mehr, als zur eigenen Forterhaltung notwendig gewesen 
ist, während in Frankreich (1898/1903) 2,47 % an der hierzu erforderlichen Geburtenzahl fehlten. 

Allerdings hat die Auswanderung aus Deutschland neuerdings stark nachgelassen, so 
dass in den Jahren 1895 1900 und 1900/1905siesogar vonder Einwanderung etwas übertroffen wurde. 

Während in den 80 er Jahren beispielsweise die überseeische Auswanderung aus dem Reich 
eine Höhe von über 200 000 Köpfen erreichte, beträgt sie jetzt nur noch rund 20000. Die wirtschaft- 
lichen Verhältnisse des Reiches haben eben eine derartige Erwerbsgelegenheit geschaffen, dass 
nicht nur die deutschen Arbeitskräfte im wesentlichen im Inland verbleiben, sondern auch noch 
ausländische Arbeiter hier Beschäftigung finden. 

Freilich ist diese Einwanderung qualitativ kaum so hoch einzuschätzen wie die Zahl 
unserer deutschen Auswanderer, die an Wissen, Können, Bildung und Vermögen das Gros der 
Elemente von anderen Auswandererstaaten vielfach übertreffen. Die Wanderungsbilanz ist 
daher qualitativ trotz zeitweisen zahlenmässigen Wanderungsgewinns eher passiv als aktiv zu 
bewerten. 

Um so mehr wird mau in diesem Urteil bestärkt, wenn man sich die Elemente der zu uns 
kommenden ausländischen Arbeiter näher ansieht. Es sind grösstenteils Saisonarbeiter, die haupt- 
sächlich für Feldbestellung und andere landwirtschaftliche Arbeiten verwendet werden, und 
Arbeiter, welche unsere Industrie, speziell die Montanindustrie und das Baugewerbe vielfach be- 
schäftigt. Sie kommen in der Hauptsache aus Russland (Polen), Österreich (Böhmen und Gali- 
zien) und Italien, zum geringen Teil auch aus Dänemark, Holland und Belgien. Ihre Zuwanderung 
ist nicht ganz unbedenklich. Einmal vom Standpunkt der Rassenfrage. Es mischt sich durch diese 
Zuwanderer häufiger, als sonst es der Fall wäre, germanisches Blut mit polnischem, ruthenischem, 
italienischem und jüdischem Blut. Für die Volksgesundheit bringen sie erhöhte Gefahren von 
Erkrankungsmöglichkeiten. Denn die aus Russland und Österreich Kommenden sind nicht selten 
Träger von Pocken, Fleckfieber, Typhus, Granulöse, Grind, Krätze, die Italiener Träger des Typhus, 
die holländischen und belgischen Gruben- und Ziegelarbeiter Träger der Wurmkrankheit. Politisch 
bedeuten die polnischen Elemente eine Hemmung der Germanisierung im Osten, eine Förderung 
der Polonisierung im Westen, eine Art nationaler Expropriierung. Und wirtschaftlich ver- 
drängen jene Ausländer die bisherige einheimische Bevölkerung, welche dem auf dem Land 
ansässigen Mittelstand eine viel grössere Kaufkraft und Kauflust bedeutete als die ausländischen 
.b-beiter mit ihrer geringeren Lebenshaltung und dem Bestreben, ihre Ersparnisse möglichst in 
die eigene Heimat zurückf Hessen zu lassen. Ausserdem gerät durch die Deckung unseres 
heimischen Arbeiterbedarfs mit Ausländern unsere Volkswirtschaft in Abhängigkeit von unseren 
Nachbarstaaten, die mit der intensiveren Entwicklung ihrer eigenen Volkswii-tschaft und dem 
damit sich mehrenden eigenen Arbciterbfdarf uns leicht diesen Zuwandererstrom ablenken 
können, ganz abgesehen davon, dass der Zufluss jener fremden Arbeiter neuestens noch erschwert 
wird durch die Nachfrage anderer Länder (Franla-eich, Skandinavien, Amerika, Canada). 

Mit Rücksicht hierauf erheischt die Beschäftigung ausländischer Arbeiter im Inlande be- 
sondere Aufmerksamkeit seitens der Verwaltung. Soweit sie unbedingt notwendig erscheint, wie 
in der Landwirtschaft und in gewissen Industriezweigen, wo es sich um harte, schwere Arbeit 
handelt, gegen die weite Kreise des deutschen Volkes immer grössere Abneigung zeigen, wird eine 
dauernde Beschäftigung einer genauen Kontrolle zu unterstellen sein. Selbstverständlich kann 
nicht von einer etwaigen Parole ,, Deutschland ausschliesslich den Deutschen" die Rede sein. 
Eine solche Maxime würde, wenn gleichmässig auch von den Auslandsstaaten angewandt, 
vor allem sich gegen die Deutschen selber kehren, die in grösserer Zahl in gut bezahlten und 
angesehenen Stellungen im Ausland tätig sind. Anderseits ist unter den inländischen Arbeitern 
ein besserer Ausgleich zwischen Ai'beitsangebot und -nachfrage herbeizuführen durch Aus- 
gestaltung des Arbeitsnachweises, durch Verlegung gewisser Arbeiten (Eisenbahn-, Kanal-, Weg- 
bauten usw.) in andere Jahreszeiten. Daneben erscheint die energische Durchführung einer 
inneren Kolonisation, die Kultivieruna; unserer Moore und Heiden, die vermehrte Ansiedlung 
von Bauern und Landarbeitern, die Förderung des Arbeiter-Familienlebens geboten. Hierdurch 



182 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 

kommen wir in der Selbstdeckung des steigenden Kräftebedarfs voran und benötigen weniger 
aus fremdem Kräfte-Reservoir. Erst wenn diese Selbstdeckung in befriedigender Weise möglich 
ist, kann die m hrfach vorgeschlagene Steuer auf ausländische Arbeiter zum Schutz des 
nationalen Arbeitsmarkts zur Erwägung kommen, kann ein derartiger Schutz des nationalen 
Arbeiters als Glied in den sonstigen Schutz der nationalen Arbeit einbezogen weiden. 

II. 

Das Deutschtum im Ausland. 

Wie schon erwähnt, war die Zuwanderung nach Deutschland nui' in den Jahrfünften 
1895/1900 und 1900 1905 grösser als die Auswanderung. Sonst überwog die Auswanderung, be- 
stand m. a. W. ein W a n d e r u n g s V e r I u s t. Er bezifferte sich für die Periode 1871/1910 auf 
nicht weniger als 2,47 Millionen. Es betrug nämlich 

die natürl'che Bevölkerungsmehrung 26 339 528 
die tatsächliche Bevölkerimgsmehrung 23 866 990 
mithin der W^anderungsverlust 2 472 538 

Für die einzelnen Volkszählimgsperioden verteilt sich diese Zahl in folgender Weise: 

mehr (+), weniger ( — ) zu- als abgewandert 





absolut 


auf 


1000 der Bevölkerung 




durchschnittlich jährlich 


1871—1875 


— 319 750 




— 1,91 


1875—1880 


— 381 181 




— 1,73 


1880—1885 


— 980 215 




— 4,26 


1885—1890 


— 329 110 




— 1,38 


1890—1895 


— 448 810 




— 1,77 


1895—1900 


+ 94 125 




+ 0,35 


1900—1905 


+ 52 307 




+ 0,18 


1905—1910 


— 159 904 




— 0,51 



Soweit es sich dabei um die überseeische Auswanderung handelt, ist diese am stärk- 
sten in den Jahren 1881 und 1882 mit 220 902 und 203 585 deutschen Auswanderern gewesen. 
Seitdem ging sie mit geringen Unterbrechungen ständig zurück; im Jahre 1912 betrug sie 18 545 
(oder nur 0,28 f*/^,, der Bevölkerung). In den letzten 3 Jahrfünften war die nachgewiesene 
Übersee-Auswanderung nahezu gleich gering. Der neuerliche Wanderungsverlust kann nur durch 
Zunahme der trockenen Auswanderung über Land (z. B. Wanderung von Elsass-Lothringen nach 
Frankreich) und (bczw. oder) Abnahme der Zuwanderung verursacht sein. 

Eine nähere Kenntnis von der Ausbreitung des Deutschturas im Auslande 
ist — obschon in Hinsicht auf die neuzeitliche Ausgestaltung der volks- und weltwirtschaftlichen 
Lage und die Beziehungen der verschiedenen nationalen Volkswirtschaften zueinander von grossem 
Belang — nicht leicht zu beschaf en. 

Natürlich kommen als ,, Deutsche im Ausland" nur solche in Betracht, die ausserhalb des zum 
Deutschen Reich gehörigen Gebiets, also auch ausserhalb der deutschen Schutzgebiete sich befinden. 
Aber woran sind die Betreffenden als Deutsche zu erkennen ? An der Staatsangehörigkeit ? Der Be- 
griff unterliegt vielen Irrtümern. Daher gelingt schon innerhalb des Reichs die Ermittlung der 
Reichsangehörigkeit mangelhaft, noch mangelhafter natürlich für die im Ausland befindlichen 
Deutschen bei dem dort meist viel unvollkommeneren Zählapparat. Dazu kommt aber, dass viel- 
fach, namentlich in englischen und sonstigen Kolonialgebieten sowie in den mittel- und südameri- 
kanischen selbständigen Staaten, die Aufnahme in die dortige Staatsangehörigkeit und die Preis- 
gabe der deutschen Staatsangehörigkeit sehr erleichtert st, und die wenigsten sind sich bcwusst, 
dass sie mehrere Staatsangehörigkeiten nebeneinander besitzen können, überdies stellen die als 
,, deutsche Reichsangehörige" im Auslande ermittelten Personen auch sonst die Gesamtzahl des 
Deutschtums keineswegs erechüpfeud dar. Es gibt genug Deutsche, die die Reichsangehörigkeit 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 183 



durch Entlassung oder zehnjährigen Aufenthalt im Auslande oder durch yerheiratung mit einem 
Ausländer oder aus and ren Gründen verloren haben, die aber trotz dieser Änderung ihres formal- 
rechtlichen Charakters tatsächlich vorzügliche Elemente des Deutschtums im Auslande sind. 
Bei der Reichserhebung vom Jahr 1900 wurde für 708 071 Personen im Auslande die Reichsange- 
hörigkeit nachgewiesen. 

Brauchbarerista's Anhalt für unser Auslandsdeutschtumder Geburtsort, den man nicht ablegen, 
abstreifen, den man höchstens verleugnen kann. Freilich sind auch diese Nachweise der Personen, 
die das Ausland als aus dem Deutschen Reich Gebürtige verzeichnet, nicht einwandfrei. Sie skizzieren 
das Deutschtum nur für eine Generation, unterliegen dem Einfluss von Zufälligkeiten des Ge- 
burtsorts, umschliessen auch Angehörige fremden Volkstums, sind nur für verhältnismässig wenig 
Länder vorhanden und untereinander nicht gleichwertig. Wenn die amtliche Reichserhebung 
1900 etwas über 3 Millionen (3 094 692) deutsche Reichsgebürtige im Auslande imd von den obigen 
708 071 Reichsangehörigen 457 702 nicht Reichsgebürtige aber Reichsangehörige feststellt, so 
repräsenteren diese rund ZVo Millionen Reichsgebürtige oder Reichsangehörige im Auslande eine 
Minimalzahl für die Verbreitung der Deutschen im Auslande. (Näheres darüber in meinem oben 
zitierten Vortrag be'm Kolonialkongress 1905.) 

Der Begriff Volkstum oder Nationalität geht eben viel weiter als der von Gebürtigkeit oder 
Staatsangehörigkeit. Er umfasst die Gesamtheit von Menschen gemeinsamer Abstammung, die 
ein und dieselbe Sprache sprechen, eine gemeinsame politische und kulturelle Entwicklung durch- 
gemacht haben und das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit besitzen. 

Namentlich die Sprache ist es, in der sich das Gepräge einer Nation äussert. Sie i.st das 
Werkzeug des Denkens, an ihr haftet die Kultur mehr als am Boden, an Regierungsformen, 
Bauten etc., ihr folgt der Handel lieber als der Flagge. 

Mangels genauer Feststellung der Sprachenverhältnisse in den einzelnen Ländern muss man 
sich freilich mit Schätzungen begnügen über das Auslandsdeutschtum, das — ohne Unterschied 
der Staatsangehörigkeit — deutsch spricht und deutsch fühlt, das sich der innern Gemeinschaft 
mit dem deutschen Muttervolk bewusst ist und dies durch Festhalten ihrer deutschen Muttersprache 
bekimdet. Nach Robert Höniger ist die Zahl derer, die ausserhalb des Deutschen Reichs Deutsch 
als ihre Muttersprache sprechen, auf etwa 32 Millionen zu veranschlagen. Sie lassen sich in 3 Gruppen 
des Auslandsdeutschtums gliedern: 

1. Etwa 13 Millionen Deutschösterreichs, der deutschen Schweiz und Luxemburgs, die, an 
das Deutsche Reich unmittelbar angrenzend, mit diesem das geschlossene deutsche 
Sprach- und Siedlungsgebiet Mitteleuropas bilden. 

2. Die deutsche Diaspora im übrigen Europa, etwas über 5^ Millionen : 
davon 21/2 Millionen in Ungarn, denen man im Hinblick auf die geographische Lage und unter Be- 
rücksichtigung unserer Interessen im nahen Orient die Deutschen der Balkanstaaten mit etwa 
100 000 Seelen anreihen darf, weitere 2 Mill. in Russland, endlich nahe an 1 Mill. zu einem er- 
heblichen Teil nicht bodenständiger Deutscher in den sonstigen Staaten unseres Erdteils. 

3. Die Deutschen in Übersee, etwas über 13^-2 Millionen. Davon treffen 
ca. 12 Millionen auf die Vereinigten Staaten von Amerika. 

An sich müsste die Zahl der Deutschen in der Union an 25 Millionen betragen, hat sich doch der 
weitaus grösste Teil der deutschen Auswanderer Jahrzehnte hindurch nach Nordamerika gewendet. 
Aber Nordamerika wurde wie kein anderes Gebiet ,,ein Massengrab deutschen Volkstums." Ein 
gewaltiger Bruchteil der Nachkommen der deutschen Auswanderer dorthin hat die angestammte 
Sprache und Art nicht behauptet. Es maugelte den deutschen Einwanderern zu sehr politischer 
Ehrgeiz und nationales Selbstgefühl, sie begegneten allzuoft einer niederdrückenden Geringschätzung 
ihres heimischen AVeseus. Drum vollzog sich nicht selten schon für die erste Geschlechtsfolge die 
Verschmelzung mit dem rasseverwandten Angelsachsentum. Die ehemalige Zwiespältigkeit und 
Ohnmacht des Mutterlandes wirkte schädigend auch auf das Deutschtum im Ausland. 
Dies rächte sich am Mutterland selbst, das die Rolle einer wohlfeilen Kinder- und 



j§4 Friedrich Zahn, Das Dentsche Volk. 



Schulstube für das Ausland spielte; die 6 bis 7 Mill. deutschen Auswanderer im 19. Jahrhundert 
kosteten dem He matland 6—8 Milliarden Mk. an unvergolteneu Erziehungskosten, an mitgenomme- 
nem Kapital. Der Verlust, den durch diese Abwanderung die deutsche Volkswirtschaft erlitt, 
war doppelt empfindlich, weil die Ausgewanderten, wie erwähnt, vielfach in der 2. Generation 
aufhörten, Deutsche und Konsumenten deutscher Ware zu sein, statt dessen Kulturdünger für 
andere mit uns im Wettbewerb befindliche Völker wurden und zur Erschwerung unserer Stellung 
auf dem Weltmärkte beitrugen. 

Umgekehrt in der Neuzeit. Die Einigung des Reichs, sein wirtschaftlicher Aufschwung, 
seine Ausbildung zur Weltmacht und zum Welthandelsstaat, sein wirksames auf achtung- 
gebietende Land- und Seemacht gestütztes Auftreten nach ausseu, unsere Stellung im 
Rat der Völker hat das Ansehen des deutschen Namens im Ausland und damit zugleich 
das Selbstbewusstsein unseres Auslandsdeutschtums bedeutsam gehoben. Das Ausland 
selbst begrüsst die deutsche Zuwanderung vielfach geradezu als hervorragendes Heil- 
mittel gegen wirtschaftliche Rückständigkeit und gegen politische Gefahren und Krank- 
heiten, als ein E ement des Fortschritts und der ruhigen Ordnung zugleich. Vom Stand- 
pimkt Deutschlands sind die Deutschen draussen — wenn auch staatsrechtl ch ausgeschieden — , 
diese deutschen Menschenkolonien unter fremder Herrschaft, wichtige Vorkämpfer und Bahn- 
brecher unserer Wirtschaftsinteressen, sie ebnen den Weg für lohnende Arbeit des deutschen 
Kapitals in ausländischer Landwirtschaft und Industrie und tind wertvolle Pioniere für unsern 
Handel. Von der Haltung und Gesinnung der Auslandsdeutschen hängt wesentlich die Kultur- 
steilung des deutschen Volks ab, die Verbreitung seiner Sprache, die Wirkung seiner AVissenschaft, 
Literatur und Kunst — kulturelle Errungenschaften, die sich ebenfalls in wirtschaftliche Vorteile 
umsetzen. So sind denn auch unsere Auslandsdeutschen dem Reich ganz namhafte Hilfe in seiner 
bei unserem Kräfte-Überschuss (an Menschen und sonstigen Kapitalien) immer vitaler werdenden 
Aufgabe, unsere nationalen imd wirtschaftlichen Literessen auch im A\'eg der Expansion wahr- 
zunehmen. 

Alles in allem bildet mithin das Deutschtum im Auslande, die Wanderungsbilanz, die Deutsch- 
land im internationalen Bevölkerungsverkehr aufweist, einen eminent wichtigen Posten in uuserer 
Zahlungsbilanz gegenüber dem Auslande. Bekanntlich kommt diese keineswegs in der blossen 
Handelsbilanz richtig zum Ausdruck, vielmehr erst in der Abgleichung aller Elemente inter- 
nationaler Wertübertragungen, wie des Zahlungsmittel-, des Kreditwesens, des Verkehrswesens 
(Schiffahrt und Eisenbahn) und auch der Wanderbewegung. Dieser letztere Posten fällt neben 
den Kapitalien, die wir dem Auslande zur Verfügung stelleu, um so vorteilhafter 
für uns in die Wagschale, je mehr es uns gelingt, zu verhindern, dass die abgewanderten Deutschen 
dem Mutterlande dauernd verloren gehen. Und darum mag die Abwanderung definitiven, kolo- 
nisatorischen oder nur temporären Charakter haben, auf alle Fälle müssen die Beziehungen dieser 
unserer fremdländischen Menschenkolonien zur Heimat rege erhalten werden. Darum zielbewusste 
Stärkung der nationalen AViderstandskraft des Deutschtums, eifrige Pflege deutscher Sprache, 
deutschen Geistes, deutscher Sitte, deutscher Staatsangehörigkeit, kräftiger diplomatischer, kon- 
sularischer, maritimer Schutz der deutschen Interessen im Ausland! Was bisher zur Sicherung 
und Pflege des Auslandsdeutschtums von der Reichsregierung geschah im Weg der Auswanderer- 
fürsorge, Erleichterung der Überseeverbindungen, Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes, 
namentlich im Weg der Förderung der Auslandsschulen, muss in erhöhtem Masse fort- 
gesetzt werden; insbesondere bedarf auch die deutsche Presse und der deutsche Film im Aus- 
land sowie die ausländische Presse und der ausländische Film bezüglich deutscher Verhältnisse 
weit besserer Bedienung als seither. Daneben muss in der Jugendleitung des nachwachsenden 
Geschlechts gebessert werden, was bei der Erziehung früherer Geschlechter versäumt wurde, es 
muss schon in unseren Schulen (nach dem Vorbild von Sachsen und Württemberg) das Ver- 
ständnis und die rechte Schätzung des eigenen Volkstums auf breiterer Grundlage als bisher 
gepflegt werden, insonderheit durch eine tiefer greifende Belehrung über das Auslandsdeutschtum 
und Beine rühmlichen Leistungen. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk, 185 



Dann wird das leider bisher so häufif;;e Aufgehen in fremder Nationalität immer mehr 
deutschem Nationalstolz in der Fremde weichen. Dann werden unsere Ausgewanderten 
die nationale und kultiurelle Gemeinschaft mit uns bewahren und werden zu dauernden Trägern 
des deutschen Volkstums im Auslande. Dann wird unser Wanderungsverlust im internationalen 
Völkerverkehr zu einer Erweiterung unserer Macht und Herrschaft, und zwar ideell, kulturell und 
auch wirtschaftlich. Dann ist Deutschland „die grosse Kinderstube der AVeit" zum eigenen Glück 
und Wohlstand unseres Vaterlandes. 

III. 
Binuenwandernngeu iu Deutschland. 

Mit der grossen Bevölkerungszunahme hat das innere Gefüge des Volkskörpers iu mehrfacher 
Richtung Wandlungen erfahren. An Stelle der ehedem starken Auswanderung über die Reichs- 
grenzen trat eine ungeheuere Binnenwanderung, die an Umfang und Intensität die Völker- 
wanderung früherer Jahrhunderte, auch das verflossene ,, Völkerwanderungs-Jahrhundert", 
weit übertrifft. Der Schauplatz der Tätigkeit des Volkes hat sich hierdurch nicht unwesentlich 
verschoben. Geleitet vom Streben nach besseren Futterplätzen, nach höheren Futteranteilen, 
wenden sich viele Elemente des Volkes von ihrem Geburts- und ihrem bisherigen Erwerbsort 
ab, um in Städten und industriellen Gegenden sich niederzulassen. 

Infolgedessen wurde die Siedlungsweise stark verändert. Das platte Land 
erlitt stellenweise eine beträchtliche Entvölkerung. Die Gegenden des Westens in der Nähe von 
Kohle und Eisen, an den Hochstrassen des Weltverkehrs bewirkten grosse Anziehungskraft. Der 
Verstadtlichungsprozess machte ungemein rasche Fortschritte. Infolge der jir<"isseren Dichtigkeit 
der Bevölkerung in weiten Gebieten des Reichs treffen auf 1 qkm jetzt (1910) durchschnittlich 
120 Einwohner (1871: 75,9; 1890: 91,4). 

Wohl sind schon früher von den ländlichen Gemeinden Besitz und Intelligenz immer wieder 
abgewandert. Jetzt aber folgen ihnen die langsamen und schwerfälligen Massen so zahlreich, dass 
die Abwanderung grosse Dimensionen annimmt und bedenkliche Erscheinungen hervorruft. AVährend 
im Jahre 1880 auf dem platten Lande (Gemeinden mit unter 2000 Einwohnern) 58,6% der Reichs- 
bevölkerung wohnten, waren es 1910 niu- mehr 40,0%. Umgekehrt stieg die Stadtbevölkerung 
von 41,4 auf 60,0%. Allerdings spielt bei diesen Veränderungen noch der Umstand mit, dass eine 
Reihe von Gemeinden sich aus kleineren Ortschaften mit imter 2000 Einwohnern zu grösseren 
„städtischen" entwickelfen und so einerseits zur Verminderung der ländlichen, anderseits zur Ver- 
grössenmg der städtischen Bevölkerung beitrugen. Aber zahlreiche ländliche Gemeinden sind 
tatsächlich im Laufe der letzten Jahrzehnte an Bevölkerung zurückgegangen. Von 8000 baye- 
rischen Gemeinden verloren beispielsweise in der Zeit 1855, 1905 2882 direkt an Einwohnern, 48 ver- 
zeichneten einen Stillstand, 500 eine Mehrung von nur höchstens 10 Personen, mithin war bei 3430 oder 
43% aller bayerischer Gemeinden im verflossenen halben Jahrhundert die Entwicklung ungünstig. 
Diese Entwicklung ging so weit, dass ganze Bezirksämter (von 161 sind es 27) jetzt eine geringere 
Bevölkerungsziffer haben als vor 50 Jahren. Ähnliche Klagen sind aus Preussen, besonders aus 
den östlichen Gegenden Preussens bekannt. 

Diese Massenabwanderung vermindert nicht nm' die Leistungsfähigkeit der ländlichen 
Gemeinden, da gerade die jungen, arbeitskräftigen Elemente — freilich gibt es auch Minus- Vari- 
anten darunter, Gesindel, Streuner usw. — das Hauptkontingent der Abwanderung stellen. Sie 
bedeutet vielfach eine erhebliche Steigerung der Ai'menlasten, die zurückbleibenden Familienmit- 
glieder fallen nicht selten der öffentlichen Armenpflege anheim. Unterstützungsfälle, auch noch von 
auswärts, überraschen die Gemeinden, nehmen die Steuerkraft übermässig in Anspruch und führen 
zu hohen Gemeindeumlagen und zu weiterer Abwanderung. Sie ist vor allem nicht unbedenk- 
lich in Hinblick auf die bisherige grosse Wichtigkeit der ländlichen Bevölk rurg für die Volks- 
vermehrung, die Wehrhaftigkeit und die Volksgesundheit; auch was die ländliche Bevölkerung 
zur Blutauffrischung für die immermehr sich verstadtlichende Bevölkerung hefern soU, fällt ihr- 
fortgesetzt schwerer, da schon jetzt nicht niu: der entbehrliche Überschuss vom platten Land 
abgegeben, sondern ein gut Teil des Stammkapitals an bäuerlicher Kraft mit angegriffen wird- 



186 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



Dieser Wanderungsprozess, der die gegenwärtig lebende Generation wenig bodenständig er- 
scheinen lässt, bringt es mit sich, dass Gegenden mit an sich hoher natürlicher Fortpflanzung (Ge- 
burtenüberschuss) gleichwohl ein relativ geringes Wachstum aufweisen, weil sie durch Wanderungen 
viel mehr verlieren als gewinnen, während andere Gebiete mit mittlerer Fortpflanzungskraft sich 
dank der erhöhten Wanderungsgewinne eines grösseren tatsächlichen AVachstums erfreuen . Wie 
nachstehende Tabellen S. 186 u. 187 dartun, sind a meisten von einem Wanderungsverlust 
betroffen die vorwiegend landwirtschaftlichen Gebietsteile, also der preussische Osten, ferner 
Bayern, Württemberg, Elsass-Lothringen. Umgekehrt haben die grössten Wanderungsgewinne 
zu verzeichnen Gross-Berlin, die Hansastädte (vor allem Hamburg), der niederrheinisch- 
westfälische Industriebezirk und das Mittelrhein-Maingebiet. Als eine weitere Folge ergibt 
sich aus dieser Entwicklung ein immer grösseres Überwiegen von Norddeutschland, ein 
allmähliches Zurückweichen des süddeutschen Anteils an der Bevölkerungsziffer. 

Hand in Hand mit diesem Zug nach dem Westen und der Entvölkerung 
des platten Landes geht der Zug nach den Städten. Im Gegensatz zu dem platten 
Land imd den Landstädten erfreuen sich die Mittelstädte und vor allem die Grossstädte mit 



Abgleicliung zwischen der natürlichen und der tatsächlichen Bevölkerungszunahme 
(Wandeningsgewinn und -verlnst) 1905 bis 1910. 



Staaten 


Zahl der vom l.XII. 1905 
bis 30. XL 1910 


Geburten- 
überschuss 


Tat- 
sächliche 
Bevöl- 
kerungs- 
zunahme 
1905/1910 


Mithin Ge- 
winn (-|-) 
oder Ver- 
lust (-) 
durch 
Wande- 
rungen 


Auf 1000 der mittleren Bevöl- 
kerung trafen 1905/1910 
durchschnittlich jährUch 


und 
I,andesteile 


Geborenen 


Gestorbenen 


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1 

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Totgeborenen 


1» 1 


Dputselies Reich 


10 247 257 


5 802 849 


4 444 408 


4 284 504 


—159 904 


32.64 


T8.49 


14,16 


13.65 


— 0,51 


Preusseti 


6 401 173 


3 542 366 


2 918 807 


2 871 955 


— 46 852 


33,37 


18,29 


15,07 


14,83 


— 0,24 


I. W i c h t i g e A b- 






















Wanderungs- 






















gebiete. 






















Prov. Oslpreussen . 


337 811 


207 948 


129 863 


33 999 


— 95 864 


33.00 


20.32 


12.69 


3,32 


— 9,37 


„ Westpieussen 


32f) 994 


176 041 


150 953 


61 600 


— 89 353 


.39.10 


21,05 


18.05 


7,37 


—10,68 


Stadt Berlin . . 


2.->l 340 


168 692 


82 648 


31 109 


— 51 539') 


24.45 


16,41 


8.04 


3,03 


—5,01') 


Prov. Pommern . . 


271 270 


163 418 


107 852 


32 ,576 


— 75 276 


31,90 


19,22 


12,08 


3,83 


— 8,85 


„ Posen . . . 


404 207 


203 332 


200 875 


113 194 


— 87 681 


39.57 


19.90 


19.06 


11,08,— 8,58 


„ Schlesien . . 


927 873 


570 263 


3.->7 610 


283 237 


— 74 373 


36..50 


22,43 


14.07 


11,14 — 2,93 


„ Sachsen . . 


470 184 


281 703 


197 421 


110 026 


— 87 395 


31. .58 


18,.57 


13.01 


7,25 — 5.76 


Kgr. Bayern . . . 


1 14.'-) 291 


717 407 


427 824 


362 919 


— 64 905 


.34.10 


21.40 


12.76 


10,82 


— 1,94 


„ Württemberg 


380 267 


229 421 


1.50 846 


135 395 


— 21 451 


32.60 


19,36 


13.24 


11.43 


— 1,81 


Elsass-Lothringen . 


259 213 


170 034 


88 579 


59 450 


— 29 129 


28,11 


18,50 


9,61 


6,45 


— 3,16 


II. ^VichtiReZu- 






















w a n d e r u n g B • 






















gebiete. 






















Prov. Brandenburg 


523 181 


322 951 


200 230 


560 760 


-1-360,530') 


27,45 


16,94 


10.50 


29,42 


H-18,91>) 


,, Wostf.ilcn 


706 621 


335 696 


430 925 


507 006 


-i- 76 081 


39.60 


17,34 


22.26 


26,19 -f 3,93 


„ Rheinland 


1 181 IJ.'ie 


583 038 


598 318 


684 803 


f 86 485 


34.85 


17,20 


17,65 


20,20 


+ 2.55 


Bremen 


41 411 


22 728 


18 683 


36 086 


-i- 17 403 


29.42 


16.15 


13,27 


25,64 


+ 12.37 


Hamburg .... 


121 222 


72 912 


48 310 


139 515 


-t- 91205 


25,00 


15,43 


10,23 


29,53 


-i 19,30 



') Der Wandonin^sverlust von Berlin erklärt .sich aus der neuerdings verstärkt eingetretenen Abwande- 
rung aus der Altstadt Berlin in die an der Peripherie liegenden Vorstädte: daher auch (z. T.) der grosse Wande- 
rungsgewinn der Prov. Braadeaburg. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



187 






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188 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 

der vielseitigen Erwerbsmöslichkeit. die dasplbst namentlich Gewerbe, Industrie und Handel 

bieten, einer starken Vermehrunji ihrer Einwohnerzahl. 

Einwohnerzahl absolut ",„ derGesamt- 

bevolkerung 

18S5 1910 1885 1910 

I,andgeiueinden (unter 2000 Emw.) 26 376 927 25 954 587 56,3 40,0 

Landstädte (2000— 5000 Einw.) 5 805 900 7 297 77(1 12.4 11,2 

Kleinstädte (5000— 20 000 Einw.) 6 054 600 9 172 33.3 12,9 14,1 

Mittelstädte (20 000— 100 000 Einw.) 4 171900 8 677 955 8,9 13,4 

Grossstädte (100 000 Einw. und darüber) 4 446 400 13 823 348 9,5 21,3 

"Während das Jahr 1885 noch 21 Grossstädte (mit über 100 000 Einwohnern) und eine Gross- 
stadtbevölkerung von -4,4: Millionen zählte, sind es 1910^) bereits 48 Grossstädte mit 13,8 Millionen. 
(In England gibt es 41, in Frankreich 15, in den Vereinigten Staaten von Amerika 50 Grossstädte.) 
Der Anteil der Grossstädte an der Gesamtbevölkerung stieg in diesen 25 Jahren von 9,5 auf 21,3 %. 
In Wirklichkeit ist dieser Prozentsatz noch beträchtlich grösser, da die städtische Interessen- und 
Einflusssphäre noch weit über den Burgfrieden der einzelnen Stadt hinausreicht. Ausserdem haben 
sich Millionenkomplexe von Einheiten grossstädtischer Art herausgebildet, welche weiten Um- 
gegenden einzelner Städte städtisches, speziell gi'ossstädtisches Gepräge geben. Nimmt man 
noch die wirtschaftliche, technische und intellektuelle Bedeutung der Grossf5tadtbevölkerung hinzu, 
so kann man bereits von einem Überwiegen des Grossstadttums innerhalb unseres Volkstums 
sprechen und man versteht es, dass den Grossstädten heute die Führung im wirtschaftlichen, gei- 
stigen und künstlerischen Leben des Volkes gehört, wie sie auch zu den öffentlichen Lasten am 
meisten beisteuern. 

Gross-Berlin zahlt beispielsweise allein etwa ein Viertel der direkten Staatssteuern Preussens 
oder soviel als die 7 preussischen Pro\'inzen Ostpreussen, Westpreussen, Posen, Pommern, Branden- 
burg (ohne Gross-Berlin), Schlesien, Schleswig-Holstein zusammen. Der Haushalt der blossen 
,, Stadt" Berlin mit über 300 Millionen Mk. ist grösser als der württembergische Staatshaushalt 
(249 Mill. Mk. im Jahre 1911/12). Das Gewcrbepersonal von Gross-Berlin wird nach Heinrich 
Silbergleit an Zahl nur vom Rheinland, von Sachsen und Bayern übertroffen; die 4 Pro\'inzen 
Ostpreussen, Westpreussen, Posen und Pommern beschäftigen zusammen noch nicht 80% des Ge- 
werbepersonals von Gross-Berlin; Württemberg und Baden zusammen erst 90%! 

Einen so intensiven Verstadtlichungsprozess hat ausser Grossbritannien und den Vereinigten 
Staaten von Amerika wohl kein anderer Staat aufzuweisen. Dieser Prozess macht die städtische 
Kommunalwirtschaft immer verantwortungsvoller, gehen doch die neuen Ziele und Aufgaben, vor 
die sie sich gestellt sieht, immer mehr und immer stärker an den Lebensnerv der Gesamtbevölkerung. 

Selbstredend ist bei dem Anwachsen der Grossstädte auch die natürliche Vermehrung der 
heimischen Bevölkerung beteiligt. Allerdings machte sie nicht so viel aus als die Einverleibungen 
und Zuwanderungen. Nach der Berufszählung von 1907 waren von der grossstädtischen Bevölkerung 
42% einheimisch (imd dabei sind die Kinder eingerechnet, deren Eltern erst zugezogen sind und die 
daher selbst, wenn auch in der betreffenden Stadt geboren, noch keineswegs als waschechte Ein- 
heimische gelten können), 58% zugezogen. (In Berlin 59,5% Zugezogene, in Charlottenbiu-g 81,4, 
München 59,5, Dresden 57,0%.) Diese Zuwanderung ist übrigens vielfach selbst Anziehungskraft für 
weiteren Zuzug, insofern als die betreffenden Städte eine grosse Anzahl steuerkräftiger Elemente 
empfangen, dadurch ihren Wohlstand vermehren, infolgedessen weniger Gemeindeumlagen zu er- 
heben brauchen und auf diese Weise zu weiterer Zuwanderung aus ärmeren Gegenden am-eizen. 
Allerdings ist die Zuwanderung nach Alter und Besitz für die cinzehien Städtegruppen nicht 
gleichartig. Je nach dem Charakter der Stadt als Industriestadt (z. B. Gelsenkirchen, Plauen) 
oder als Handels-, Verkehrs- und Konsumtionsstadt (z. B. Berlin, Frankftut a. M.) oder als 
Konsumtions- und Beamtenstadt (AViesbaden, München) rela-utieren sich die Einwanderer 
mehr aus Arbeiterschichten im zeugimgsfähigen Alter und mit relativ früher VcreheUchung, 
oder mehr aus Mittelklassen mit hohen .\nteilen an Personen im reifereu, auch im hohen Alter. 

') EinBohlieasiich der am 1. April 1911 zur „Stadt" erhobenen Gemeinde Hamborn. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



189 



"Was die in Grossstädten Geborenen anlangt, so bekunden sie eine bedeutende Sesshaftigkeit. 
Von der 5,4 Millionen zählenden Grossstadt- Geburtsbevölkerung imJahre 1900 sind %, nämlich 
■i Millionen in ihrer Geburtsstadt verblieben, nur 1,4 Millionen nach auswärts gewandert. Beispiels- 
weise fanden sich damals im ganzen Reich 1 Million geborene Berliner; davon waren 772 784 der 
Reichsresidenz treu geblieben, nur 275 370 hatten ihren Aufenthaltsort ausserhalb ihrer Geburts- 
stadt und da vielfach unmittelbar vor den Toren Berlins. 

Innerhalb des Weichbildes der Grossstädte gehen allerdings bemerkenswerte Verschiebungen 
vor. Die inneren Stadtteile der eigentlichen City erfahren fortgesetzt eine Verringerung ihrer Wohn- 
bevölkerung, die äusseren Stadtteile (die Peripherie des Grossstadtkerns und der Aussenring) eine 
um so namhaftere Vermehrung. Es vollzieht sich eine Art Aushöhlung der Grossstädte in bezug auf 
die Wohnbevölkerung der inneren Teile zugunsten der Umwandlung dieser zentral gelegenen 
Stadtteile in Amts-, Geschäfts-, Vergnügungs viertel. Soweit sich die dabei stetig wachsende Ein- 
wohnerschaft über die Grossstadtgrenze hinausbegibt und in den Vororten niederlässt, ist mit den 
wirtschaftlichen Verschiebimgen zugleich eine Verschiebung der Steuerkraft, ein Verlust an steuer- 
Icräftigen Elementen für die Grossstadt verbunden; daher haben auch die Eingemeindungsflagen, 
die Gründung von Zweckverbäuden, Interessengemeinschaften eine so hervorragende Aktualität 
für unsere Grossstädte. Die genannte Entwicklung stellte sich beispielsweise für Berlin, Ham- 
burg und München folgendermassen : 



Jahr 



Gemarkungs- 

fläche 

ha 



Einwohnerzahl 

(nach dem jeweiligen 

Gebietsstand am Zäh- 

lungstag) 



Einwohnerzahl 
auf der Gemarkungs- 
fläche 
vom 1. Dezemberl871 



Einwohnerzahl 

des 

Stadtkerns '} 

(City) 



Einwohnerzahl 

der Agglomeration 

im Umkreis von 

10 km 



Berlin. 

1871 
1880 
1890 
1900 
1905 
1910 

1871 
1880 
1890 
1900 
1905 
1910 

1871 
1880 
18! lO 
1900 
1905 
1910 

IV. 

Grössere Binnenmischung unseres Volkes nach Geschlecht, Alter, Familienstand, Haushaltung, 
Muttersprache, Staatsangehörigkeit, Religion. 

Mit der Änderung der Szenerie, mit dem vorgeschilderten Zug nach dem Westen und in die 
Städte ist mehr als ein Ortswechsel verbunden. Der ganze Habitus des Volkskörpers wurde beein- 
f lusst. Die verstärkte Binnenmischung innerhalb Deutschlands zeigt 



5 923 


825 937 


825 937 


154 662 


886 574 


6 061 


1 122 330 


1119 360 


134 826 


1250 615 


6 338 


1 578 794 


1570 471 


126126 


1 854 494 


6 333 


1888 848 


1 865 121 


101 102 


2 534 021 


6 349 


2 040 148 


1998 249 


92 983 


2 876 768 


6 352 


2 071257 


2 010 703 
Hamburg. 


73 730 


3 417 678 


6 344 


300 504 


300 504 


156 722 


435 096 


6 344 


410 127 


410127 


170 875 


583 492 


6 344 


569 260 


569 260 


160 403 


803 884 


7 690 


705 738 


701671 


139 221 


986 411 


7 700 


802 793 


795 521 


127 757 


1 112 783 


7 793 


931 035 


923 554 
Miinclicu. 


102 069 


1270 467 


3 551 


169 693 


169 693 


49 4312) 


193 044 


4 709 


230 023 


222 418 


48 671 


260 543 


6 399 


349 024 


305 884 


48 743 


368139 


8 696 


499 932 


395 997 


43 955 


,526 163 


8 756 


538 983 


•') 


40 223 


•") 


8 871 


596 467 


428 312 


40 562 


632 853 



1) Der Stadtkern (City) umfasst in B e r 1 i n : Alt-Berlin, Alt-Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt, Fried- 
richsstadt; in Hamburg: das vom alten Festiingsgürtel umspannte Gebiet; in München: die Altstadt. 
2 Zahl von 1875. 
' "Wird für München nur von 10 zu 10 Jahren berechnet. 



190 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 

sich in den verschiedensten Richtungen, insbesondere in bezug auf die Ver- 
teilung der Bevölkerung auch nach Geschlecht, Alter, Familienstand, Haushaltungen, Mutter- 
sprache, Staatsangehörigkeit, Religion, sowie in beruflicher und sozialer Hinsicht. 

Der Frauenüberschuss, den das Reich aufweist (auf 1000 männliche trafen 
1910 1026 weibliche Personen gegen beispielsweise 1039 i. J. 1880) und der unter andc rem mit der 
stärkeren Beteiligung der Männer an den Fern-, an den Übersee Wanderungen zusamnenhängt, 
ist infolge Nachlassens der ehemaligen Auswanderung etwas zurückgegangen. Anderseits ist durch 
die Binnenwanderung, namentlich der männlichen Arbeitskräfte von der Landwirtschaft zur 
Industrie, auch info'ge Verlegung von Garnisonen das Bild von der Verteilung der Geschlechter 
in den einzelnen Reichsgebieten teilweise so erheblich verschoben, dass in einer Reihe von Bezirken 
(in Rheinland, "\A'estfalen, Elsass-Lothringen) ein Männerüberschuss vorhanden ist. Übrigens 
existiert der für den Durchschnitt des Reiches festgestellte Frauenüberschuss keineswegs in allen 
Altersklassen, er gewinnt erst in den Altersklassen mit über 20 Jahren und zwar besonders in den 
höheren Altersklassen Bedeutung, er ist nicht eine Frage der Jungfrauen, sondern der älteren 
Witwen und daher für die Heiratsfrage nicht entscheidend. 

Bei der Alters- und Familienstands gliederung des Volkes bewirken die Binnen- 
wanderungen, dass die produktiven Altersklassen und die Ledigen eine stärkere Besetzung in den 
Grossstädten aufweisen als im Reichsdurchschnitt und insbesondere auf dem Lande, wo die jüngeren 
und älteren Jahrgänge sowie die verheirateten stärker vertreten sind. Die Familienstands- 
gliederung zeigt zu Gunsten des verheirateten EL mcnts eine Verschic bung gegen früher. Die Zahl 
der Vcrhiiratetcn ist stärker gewachsen als die der Ledigen und der Verwitweten. Ihr Ant<il 
an der Gsamtbevölkerung hat S( it 1871 um 2% zugenommen (1871: 33,54%; 1880: 33,99; 
1890: 33,93; 1900: 34,76; 1910: 35,78). Ander erwachsenen (über 15 Jahre alten) Bevölkerung 
sind die einzelnen Familienstände wie folgt betciUgt (%): 





1900 


1910 


Ledige 
Verhf iratete 
Verwitwete 
Geschiedene 


37,99 

53,18 

8,58 

0,25 


37 37 

54 25 

8,06 

0,32 



Der Grund dieser Er.'chcinung hegt am veränderten Verhalten der einzelnen sozialen 
Klassen gegenüber der V( n lu lichung. In den an Zihl ausschlaggebenden unteren Kassen wird 
mehr und frühzeitiger, in den oberen Klassen weniger und später als ehedem geheiratet Im 
ersteren Falle spielt die verringerte, früher vielfach abgewartete Aussicht auf die Möglichkeit, 
sich selbständig machen zu können, eine Rolle, im letzteren sind es die längere Berufs- 
vorbereitung und die höheren Kulturansprüche, die jetzt für die Eheschliessung, Familien- 
grüudung, Kinderzahl mit massgebend geworden sind. 

Mit dem eben erwähnten steht in Zusammenhang, dass die Familien haushaltungen 
zugunsten der E nzelhaushaltungen etwas zurückgehen, an Zahl ihrer Mitglieder sich vermindern, 
d e einen geringeren Bestand von Familienangehörigen, dagegen einen grösseren Bestand von fa- 
milienf emden Mitgliedern (Einmieter, Schlafgänger etc.) aufweisen. Die städtische Entwicklung 
führt a'so dazu, d e Menschen räumlieh anzuhäufen, aber haushaltlich zu zersplittern, wobei die 
Wohnungsnot, d e teueren AVohnungspreise in den Städten nicht unerheblich mitwirken. Grössere 
Familienhaushaltungcn s nd hauptsächlich nur auf dem Lande nachgewiesen. 

Hinsichtlich der S p r a c h e n Verhältnisse hat Deutschland im grossen und ganzen den 
Vorzug der Spi acheneinhe t : 92% der Bevölkerung bezeichnen ( 1 900) Deutsch als ihre Muttersprache. 
Der Vorzug wird uns namentlich in den Schwierigkeiten der Sprache nfrage n anderen Ländern, 
vor allem in Österreich, deutlich crs chtlich. Unsere Spracheneinheit machte im allgemeinen noch 
weitere Fortschritte, speziell zum Beispiel auch in bezug auf die französisch sprechenden Be- 
völkerungselemente. Nur die Polen in Preusscn machen eine Ausnahme durch ihre fortgesetzt 
starke Vermehrung: ihre Zahl stieg von 2 Millionen im Jahre 1852 auf 2,8 Millionen im Jahre 1890, 
auf 3,1 Millionen i. J. 1900, auf 3,3 Millionen i. J. 1905, auf 3,5 Millionen i. J. 1910. Sie befinden sich 



Friedrieh Zahn, Das Deutsche Volk. 



191 



nicht mehr wie früher bloss im Osten Preussens, sondern bilden dem Z\\^ nach Westen sich an- 
schliessend auch anderwärts eine Reihe von polnischen Sprachinseln, z. B. in den Kreisen Reck- 
linghausen, Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund, Essen. Aber in der Ostmark (in den vier 
östlichen Provinzen Preussens) ging der Anttil dir Polen an der Bevölkerung 1890/1910 derart 
(von 28,47 auf 27 12%) zurück, dass seine im übrigen Preusscn erfolgte Zunahme in der Gesamt- 
ziffer Preussens mehr als ausgeglichen und auch da ein geringerer polnischer Anteil (8,71 gegen 9,23 
i. J. 1890) zu konstatieren ist. Drmgf mäss sind wir dem Bi^marck'schen Zii 1 schon etwas 
näher gekommen, wonach die Verhältniszahl zwischen der polnischen und der deutschen Be- 
völkerung zum Vorteil der Deutschen gebessert werden muss, um sichere Leute, die am 
preussischen Staat festhalten, in der Ostmark zu gewinnen. Auch die zunehmende Ausbrc itung der 
Polen über immer grössere T^ ile des Staats macht deren Position ungünstiger, sie vergiössert 
ihre Kampfesfront im Nationalitätenkampf und stärkt die strategische Position der Deutschen. 



Entwicklung der konfessionellen Gliederung der Bevölkerung in einzelnen Staaten 

und Landesteilen seit 1871. 



Staaten und Landesteile 


Ortsanwesende evang. bezw. kathol. Bevölkerung 


Von 1000 Einw. waren ev. 
bezw. kath. 




1871 


1880 


1890 


1900 1910 


1871 \ 1880 1890 


1900 1910 


Deutsches Reich ' *j' 


2.-> 081685») 
14 869 292 ij 


28 318 592 
16 229 290 


31026 810 
17 674 921 


35 231 104 39 991 431 
30 327 913.3 821453 


633 626 628 
362 359 358 


625 616 
361 367 



I. Gebiete mit evangelischrr Mehrheit bezw. liatliolischr Minderheit, 



Ostpreussen 
Berlin 

Brandenburs; 
Pommern 

Prov. Sachsen 
Schleswig-Holstein 
Kgr. P r e u s s e n 

„ Sachsen 

„ Württemberg 
Hamburg 

Westfalen 

Rheinland 

Bayern 

Baden 

El sass-Loth ringen 



1 ev. 
(kath, 
) ev. 
(kath 
) ev. 
\k;ilb 
) ev. 
I katli 
/ ev. 
(kath 
/ ev. 
l kath 
( ev. 
( kath 
f ev. 
\kath 
/ ev. 
tkath, 
i ev. 
1 kath 



1 .^69 365 

233 007 

735 783 

51729 

1987 891 

34 530 

1 397 41 -.7 

11) «.58 

1 9Gli ü96 

126 735 

1 034 363 

(i276 
16 040 750 
S - (>S 206 

2 493 556 

53 (i42 

1 248 860 

553 542 

806 553 

7 748 



1654 510 


1 675 792 


1 698 465 


1 740 82- 


861 


856 


856 


851 


249 708 


257 1.59 


269 196 


290 877 


128 


130 


131 


135 


982 346 


1 3.52 559 


1 590115 


1689 1U 


886 


875 


857 


842 


SO ()03 


135 407 


l.s8 440 


243 02(1 


62 


72 


86 


100 


2 199 516 


2 431 307 


2! '07 863 


3 676 693 


976 


970 


957 


935 


50 926 


89 910 


160 305 


300 320 


17 


22 


35 


52 


1 498 809 


1 476 300 


1 579 080 


1 637 29t 


976 


973 


971 


966 


23 873 


27 476 


38169 


56 28f 


12 


16 


18 


23 


2 1.54 274 


2 383 561 


2 610 080 


2 830 151 


935 


932 


924 


921 


145 498 


1S3 233 


206 121 


232 57S 


60 


63 


71 


73 


1 110 8.50 


1 190 793 


134' 1297 


1 549 03l 


989 


986 


976 


972 


8891 


21 807 


30 524 


53 51c 


6 


8 


18 


22 


17 627 658 


19 2.32 449 


21817 577 


24 830 547 


650 


646 


642 


633 


9 204 '.'30 


10 252 818 


12 113 670 


14 581 82i 


335 


337 


342 


351 


2 885 62-' 


3 351 751 


3 972 063 


4 520 835 


976 


971 


957 


945 


73 009 


129 382 


198 265 


236 05i 


21 


25 


37 


47 


361 559 


1407 176 


1 497 299 1 671 18.S 


687 


692 


691 


690 


590 183 


60' 1794 


650 392 739 995 


304 


299 


299 


311O 


419 937 


571497 


712 338 


929 758 


904 


925 


918 


927 


12 035 


23 444 


30 903 


51 036 


23 


27 


38 


40 



II. Gebiete mit liatholisrher Mehrheit bezw. evangelischer Minderheit. 



( ev 

Ikath. 

( ev. 

(kath. 

( ev 

(kath. 

/ ev. 

(kath 

fev. 

Ikath 



806 464 
949 118 
906 867 

2 628 173 
1 342 592 

3 464 364 
491 008 
942 560 
270 251 

1 235 706 



949 414 


1 1 52 985 


1 537 94S 


1 947 67:- 


454 


465 


475 


482 


1 070 207 


1 250 603 


1 616 462 


2 121 534 


535 


524 


515 


507 


1 076 3.55 


1 295 673 


I 663 21s 


2 097 61! 


253 


264 


275 


289 


2 944 150 


8 351864 


4 '1388 


4 916 02: 


7.-i4 


723 


712 


698 


1 477 320 


1 571 863 


1 749 206 


1 942 65.'- 


276 


280 


281 


2-3 


3 748 032 


3 962 941 


4 363 178 


4 863 251 


712 


709 


708 


707 


546 777 


598 678 


704 058 


826 36- 


336 


349 


361 


377 


992 938 


1 028 222 


1 131 6.39 


1 271 011: 


645 


632 


620 


606 


305 167 


337 476 


372 078 


408 274 


174 


195 


210 


216 


1218 468 


1 227 225 


1 310 450 


1 428 34£ 


797 


778 


765 


7ü2 



843 
141 
816 
117 
898 

73 
954 

33 
916 

75 
956 

33 
618 
363 
941 

49 
686 
304 
916 

50 



472 
514 
295 
690 
282 
706 
386 
593 
218 
762 



») 1871 einsohl, der Truppen in Frankreich. 



192 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



Noch besser als mit dem in den Sprachenverhältnissen zum Ausdruck gelangenden Deutsch- 
tum steht es mit der nationalstaatlichen Kompaktheit der Bevölkerung, wie sie sich in der staats- 
rechtlichen Zugehörigkeit zum Reich äussert. Nur 1,4% sind staatsrechtlich 
Fremde unter der deutschen Bevölkerung, nicht viel mehr (1,5%) nach ihrer Geburt Fremde. Der 
Einschlag staatsfremder und fremdgeborener Elemente ist also ziemlich unerheblich, wenn er 
auch in den letzten Jahrzehnten etwas zugenommen hat. Von den 1,26 MiUionen Ausländern, 
die 1910 (allerdings im Winter!) im Reich ermittelt wurden, waren über die Hälfte (634 983) 
Österreicher, ihnen folgen die Nirderländer mit 144 175, die Russen mit 137 697, die Itaüener 
mit 104 204, die Schweizer mit 68 257. Auf diese fünf Staaten treffen 86,5 % unserer Reichs- 
ausländer. 

Im Gegensatz zu der eben geschilderten sprachlichen und nationalstaatlichen Kompaktheit 
zeigt Deutschland in religiöser Beziehung nach wie vor eine politisch wenig vorteilhafte Zer- 
splitterung. Es sind von der Reichsbevölkerung 61,6 % evangelisch, 36,7 % katholisch, 0,4 % 
andere Christen, 0,9 % Israehten (der tatsächliche %-Satz der Bevölkerung jüdischer Rasse lässt sich 
wegen der vielen Übertritte zahlenmässig nicht ausdrücken). An dieser Relig'onsgliederung hat sich 
in den letzten Dezennien verhältnismässig wenig geändert. Immerhin bekundet die Entwicklung 
die Richtung auf Minderung des Anteils der evangelischen und auf Mehrung desjenigen der 
katholischen Bevölkerung. Es hängt dies, abgesehen vom grösseren Kinderreichtum der landwirt- 
schaftlichen, vielfach katholischen Bevölkerung des Reiches, auch mit der aus den angrenzenden 
vorwiegend katholischen Ländern (Russland, Österreich, Italien) erfolgenden Einwanderung 
zusammen, durch welche die Katholiken mehr als andere Konfessionen Zuwachs erhalten. Daneben 
vollzogen sich in den einzelnen Teilen des Reiches, namentlich im Anschluss an die bereits skizzierte 
Wanderbewegung, gewisse konfessionelle Verschiebungen. Frühere glaubenseinheitliche Bezirke 
werden mehr und mehr konfessionell gemischt, weshalb auch die Zahl der Mischehen, die Zahl 
der Familien mit gemischter religiöser Kindererziehung sich mehren. Die in der ausgesprochenen 
Minorität befindlichen Konfessionen folgen dem Gesetz der Minoritäten, denen die Tendenz inne- 
wohnt, raschere Zunahme zu bewirken, sie erhöhen ihren bisherigen Anteil. Doch geht dabei die 
in der Mehrheit befindliche, die vorherrschende Konfession in den betreffenden Bezirken — dies 
wird von der politischen Presse häufig übersehen — an absoluter Zahl keineswegs zurück . (cf . S. 191 .) 

Die verstärkte deutsche Binnenmischung, welche durch die Wanderungen herbeigeführt ist, 
bedeutet also gleichzeitig eine grosse Binnenmischung in konfessioneller Beziehung und ist mit der 
mancherseits gewünschten vollkommeneren Absperrung der Konfessionen, mit Bestrebungen, 
die imser ganzes soziales Leben konfessionalisieren möchten, unvereinbar. Wohl aber erhöhen 
sich jetzt die Pflichten zur gegenseitigen religiösen Duldung und Achtung. Nebenbei bemerkt, 
verringert sich bei jenem Mischungsprozess von selbst die sog. wirtschaftliche und kulturelle 
Inferiorität der deutschen Katholiken, wie sie neuerdings auf Grund der gegenüber den Evan- 
gelischen geringeren Steucrleistung der katholischen Bevölkerung, ihrer Vertretung in besseren 
sozialen und wirtschaftlichen Berufen und ihrer Beteiligung am höheren Studium von katho- 
lischen Schriftstellern dargetan wird (Hans Rost, Die wirtschaftliche und kulturelle Lage der 
deutschen Katholiken. Cöln 1911). 

Tatsächlich treffen nach der Berufsstatistik von 1907 von der Gesamtzahl der Erwerbs- 
tätigen auf die Evangelischen 61 ',',, auf die Katholiken nicht, wie es ihrer Gesamtvolksstärke 
entspricht, 36,5 sondern mehr, 37,8%. Diese grö.ssere Beteiligung des katholischen Volksteils 
am Erwerb rührt von der relativ grösseren Zahl landwirtschaftUcher Berufskräfte unter den 
Katholiken her, insbesondere aus der Mithilfe, die von ibigehörigcn bei Bewirtschaftung länd- 
lichen Besitzes geleistet wird. In der Industrie, im Handel und Verkehr sowie in den freien 
Berufen zählt die katholische Bevölkerung eine geringere Anzahl von Berufstätigen als ihrer 
Gesamt volksstärke entspräche. In grö.sserem Masse gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt 
sind die katholischen Berufstätigen vertreten nur in Land- und Forstwutschaft, Bergbau, Stein- 
und Erdindustrie, Baugewerbe, also in Erwerbszwoigen mit den meistern ländlichen Arbeitü- 
kräften und (ausgenommen die Forstwirtschaft) den meisten ausländischen Wanderarbeitern. 



Friedrich Zahn. Das Deutsche Volk. 193 



Israeliten kommen meistens vor im Handels-, Nahrungsmittel-, Bekleidungsgewerbe und in 
den freien Berufen. Im übrigen bestätigt die Statistik, dass die Evangelischen imd Juden 
besonders in Berufszweigen, die akademische Bildung voraussetzen, stärker vertreten sind als 
die Katholiken. 

V. 

Änderungen im beruflichen Aufbau des Volkes. 

Die eben geschilderte Entwicklung der Bevölkerung, ihre grosse Zunahme, die erhöhte Lebens- 
kraft auch in den produktiven Altersklassen, der Zug in die Stadt und nach dem Westen zu besseren 
Futterplätzen und Futtergegenden steht in Wechselverbindung mit unserem kapitalistischen Zeit- 
alter, mit dem Zeitalter der Arbeit, mit dem Zeitalter der Maschine, mit dem Zeitalter des Dampfes 
und der Elektrizität, mit dem Zeitalter des Verkehrs. Dieses Zeitalter hat uns eine quanti- 
tative und qualitative Steigerung der Erwerbstätigkeit, eine 
wirtschaftliche und soziale Umschichtung des Aufbaus unserer 
Bevölkerung, eine erhöhte Intensität des gesellschaftlichen 
Lebens gebracht. 

Was die Erwerbstätigkeit im allgemeinen anlangt, so wurden bei der 
Berufszählung 1907 von 61,7 Millionen Reichsbevölkerung 28 Millionen oder 45,51% ermittelt, 
die die eigentliche Arbeitskraft des Volkes repräsentieren. Und zwar schaffen 26,8 Millionen oder 
43,46% unmittelbar für die Volkswirtschaft, 1,3 Millionen oder 2,05% als Hausgesinde. 

Für das männliche Geschlecht beträgt die Erwerbsziffer 61,06%, für das weibliche Geschlecht, 
in dem die zahlreichen, nur in der Haushaltung tätigen Ehefrauen und Töchter hier ausser Betracht 
bleiben, 30,37%. 

Im wesentlichen ist es die Bevölkerung im Alter von 14 — 60 Jahren, auf der die wirtschaft- 
liche Leistungsfähigkeit des Reiches beruht. Rund ^/jq der Männer dieses Alters üben eine Erwerbs- 
tätigkeit aus. Das weibliche Geschlecht ist in erheblicherem Masse nur bis zum 30. Jahr erwerbs- 
tätig (55% aller erwerbenden Frauen stehen im Alter von unter 30 Jahren); späterhin wird seine 
Tätigkeit mehr durch die Aufgaben der Ehefrauen in Anspruch genommen, die aber als solche — 
da nach aussen nicht hervortretend — von der Berufsstatistik nicht registriert wird. 

Den übrigen Teil der Bevölkerung bilden 30,2 Millionen nichterwerbstätige 
Familienangehörige (48,97%), worunter neben den ebengenannten, mit der Besorgung 
des Hauswesens befassten Hausfrauen, die noch nicht und die nicht mehr erwerbstätigen Haus- 
haltungsmitglieder inbegriffen sind. 

Ferner sind zu nennen 3,4 Millionen (5,52%) sogenannte berufslose Personen — 
eine Sammelgruppe, die sich aus Rentnern, Pensionären, auch Armenunterstützten, Anstalts- 
insassen und solchen, deren Beruf nicht feststellbar ist, zusammensetzt; diese Berufsgruppe 
umfasst Volksteile aus allen anderen Berufsstellungen, die ihnen aber nach den tatsächlichen Ver- 
hältnissen nicht mehr, nicht, oder noch nicht zugerechnet werden können. 

In den letzten 25 Jahren hat die Erwerbstätigkeit der Bevölkerung von 
41,92% auf 45,51% der Gesamtbevölkerung sich erhöht. An der Mehrung sind beide Ge- 
schlechter beteiligt, und zwar stieg die Erwerbsziffer des männlichen Geschlechts von 60,57 
auf 61,06%, die des weiblichen Geschlechts von 24,02 auf 30,37%. 

Doch hat in dem Mass, wie es die Berufsstatistik zeigt, die weibliche Erwerbstätigkeit 
kaum zugenommen. Bei den einschlägigen Zahlen dieser Statistik handelt es sich zweifellos zum 
grössten Teil um Verschiebungen formaler Art, die nur auf schärferer Erfassung der Mithilfe von 
solchen Familienangehörigen beruhen, die früher in der Gruppe der (nichterwerbstätigen) Familien- 
angehörigen gezählt wurden, jetzt dagegen in der Gruppe der Erwerbstätigen erscheinen. Dieser- 
halb zeigt sich auch bei der Gruppe der nichterwerbstätigen Familienangehörigen ein Rückgang, 
der ebenfalls zum Teil lediglich formaler Natur ist. Immerhin wird tatsächlich — entsprechend 
der immer grösseren Einengimg des Tätigkeitsbereiches der Familie und dem gesteigerten wirtschaft- 
lichen Druck im allgemeinen — ein grosser Teil der Familienangehörigen j etzt ausserhal b der Familien- 
wirtschaft mithelfen und früher als ehedem dem eigenen Erwerb nachgehen. In der Landwirtschaft 

Hnriibnch der Politik. II. Anflafe-e. Band II. 13 



\n 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



wie im Kleingewerbe spielt diese Familienarbeit eine erhöhte Rolle angesichts der wachsenden 
Lohnansprüche der Arbeiter und Angestellten, namentlich in Anbetracht der zimehmenden Be- 
deutimg der kleinen und mittleren Bauerngüter innerhalb unserer heutigen Agrarverfassung. Ab- 
gesehen davon wird das Streben nach einem Hauptberuf durch das Verlangen nach einer Anwart- 
schaft auf die AVohltaten der Versicherungsgesetzgebung erhöht. 

Bei den Dienstboten ist nach dem Berufszählungsergebnis von 1907 ein Rückgang gegen früher 
zu verzeichnen. Die Einschränkung der Dienstbotenhaltung hängt teils mit den gesteigerten An- 
sprüchen dieser Dienstnehmer, mit der schwierigen Erlangung dieser Kräfte, die sich lieber der 
ungebundenen Fabrikarbeit und dem Handelsgewcrbe (als Verkäuferinnen, Kontoristiimen) 
zuwenden, teils mit ihrer Entbehrlichkeit bei der modernen "Wohnungsausstattung zusammen. 

Der Anteil der berufslosen Selbständigen hat sich in den letzten 25 Jahren nahezu verdoppelt. 
Die soziale Fürsorge für die arbeitenden Klassen und der erhöhte Wohlstand leisteten der Möglich- 
keit Vorschub, sich früher als dies ehedem timlich gewesen, von der beruflichen Tätigkeit zurück- 
zuziehen und von Rente und Pension zu leben. Auch spielt die gestiegene Zahl derer, die zu Aus- 
bild ungs- und Fortbildujigszwecken ausserhalb des Haushalts leben, ohne sich noch einem be- 
stimmten Beruf zugewendet zu haben, eine Rolle. 

Ziffernmässig ergibt sich das Gesagte aus folgenden Übersichten:*) 



a) Erwerbstätigkeit der Bevölkerung. 








BevöLkenmgsgruppe 


1907 


1895 


1882 


absolut 


7o 


absolut 


/o 


absolut 


% 


Erwerbstätige im Hauptberuf . . . 

Dienende für häusliche Dienste im 

Haushalte der Herrschaft . . . 


18 583 864 

15 372 I 
10 249 088 
1612 776 


j 

61,01 

0,05 

33,65 

5.29 


Männliche Bevö 
15 506 482 

25 359 
8 850 061 
1 027 259 


Ikeruug 
61,03 

0,10 

34,83 

4.04 


13 372 905 

42 510 

8 082 973 

652 361 


60,38 

0,19 
36,49 


Berufslose Selbständige 


2.94 


Männliche Gesamtbevölkerung 

Erwerbstätige im Hauptberuf . . . 

Dienende für häusliche Dienste im 

Haushalte der Herrschaft . . . 

Angehörige 

Berufslose Selbständige 


30 461 100 

8 243 498 

1 249 383 
19 974 341 

1 792 207 


100,00 

I 
26,37 

4,00 
63,90 

5.73 


25 409 161 

:. Weibliche Bev 
5 264 393 

1 313 957 

18 667 224 

1 115 549 


100,00 

lilkerun 
19,97 

4,99 

70,81 

4,23 


22 150 749 

IT. 

4 259 103 

1282 414 

16 827 722 
702 125 


100,00 

18,46 

5,56 

72,94 

3,04 


Weibliche Geaamtbevölkerung 

Erwerbstätige im Hauptberuf . . . 

Dienende für häusliche Dienste im 

Haushalte der Herrschaft . . . 


31259 429 

26 827 362 

1 264 755 

30 223 429 

3 404 983 


100,00 

III. 
43,40 

2,05 
48,97 


26 361 123 

G esamtbevölkeru 
20 770 875 

1 339 316 

27 517 285 

2 142 808 


100,00 

ng (I ^ 
40,12 

2,59 

53,15 

4.14 


23 071364 

-II). 

17 632 008 

1 324 924 

24 910 695 
1 354 486 


100,00 

38,99 

2,93 
55,08 


Berufslose Selbständige 


3.00 


Gesamtbevölkerung überhaupt 


«1 72(» 529 


1(1(1,0(1 


öl 77(1 2X4 


1(10,(10 


4;i 222 11:! 


100.00 



Die Zunahme der Erwerbstätigkeit vollzog sich vornehmlich 
in Berufen, die zu Gewerbe und Industrie sowie zu Handel und 
Verkehr zählen. Von den 16 Millionen Mehrvolk in der Periode 1882 1907 haben 10 -(- 4 



*) Übaraichl b) und o) auf folgender Seile. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



195 



b) Zunahme der Erwerbstätigen und der GesamtbeTölkerung. 





1882-1895 


1895-1907 


1882-1907 




absoUite Zu- 


0/ 

/o 


absolute Zu- 


"/o 


absolute Zu- 


0/ 

/o 




nahme 


nahme 


nahme 


Erwerbstätige 














(ausschl. häusl. Dienstboten) 














männliche 


2 133 577 


15,95 


3 077 382 


19,85 


5 210 959 


38,97 


weibliche 


1 005 290 


23,60 


2 979 105 


56,59 


3 984 395 


93,55 


überhaupt 


3 138 867 


17,80 


6 056 487 


29,10 


9 195 354 


52,15 


Gesamtbevölkerung 














männliche 


3 258 412 


U,71 


5 051 939 


19,88 


8 310 351 


37,52 


weibliche 


3 289 759 


14,26 


4 898 306 


18,58 


8 188 065 


35,49 


überhaupt 


6 5-18 171 


14,48 


9 950 245 


19,22 


10 498 416 


36,48 





c) Gliederung der berufslosen Selbständig 


en 1907 und 1895. 














Zu- bei 


,w. Abuahme ( — ) 






Insgesamt 


Märrnlir,}! 


"Weiblich 


1. Reihe 


absol.; 2. 


Reihe "/o 










insgesamt 


miinnlich 


weiblifh 


F 1 


Von eigenem Vermögen, von Ren- ) 19U7 


2278022 


1051414 


1226608 


989538 


453972 


535566 




ten und Pensionen Lebende ( 1895 


1288484 


597442 


691042 


76,8 


76,0 


77,5 


F 2 


Von Unterstützung Lebende (ohne / 1907 


126653 


24003 


102650 


—47200 


—21100 


—26100 




die zu Nr. 5) \ 1895 


173853 


45103 


128750 


—27,2 


-46,8 


—20,3 


F 3 


Nicht in ihrer Familie lebende 
Studierende, Seminaristen und 
Schüler, Zöglinge in Anstalten 
für Bildung, Erziehung und 
















Unterricht, in Kadettenhäu- / 1907 


606341 


363259 


243082 


191754 


113382 


78372 




Sern, Waisenanstalten usw. . 1 1895 


414587 


249877 


164710 


46,3 


45,4 


47,6 


F 4 Insassen V. Invaliden-, Versorgungs- / 1907 


66801 


22829 


43972 


12550 


4754 


7796 




und Wohltätigkeitsanstalten . | 1895 


54251 


18075 


36176 


23,1 


26,3 


21,6 


F 5 


Insassen von Armenhäusern (so- 
weit nicht als gewöhnliche Haus- 
















haltungen und einzeln Lebende j 1907 


26149 


12197 


13952 


— 9913 


— 4554 


— 5359 




zu zählen) \ 1895 


36062 


16751 


19311 


—27.5 


—27,2 


—27,8 


F6u 


. 7 Insassen von Siechen- und / 1907 


127837 


64710 


63127 


46100 


23630 


22470 




öffentlichen Irrenanstalten . . \ 1895 


81737 


41080 


40657 


56,4 


57,5 


55.3 


F 8 


Insassen von Straf- und Besse- / 1907 


66374 


52950 


13424 


5129 


1124 


4005 




rungsanstalten \ 1895 


61245 


51826 


9419 


8,4 


2,2 


42.5 


F 9 


Ohne eigentlichen Beruf und ohne / 1907 


106806 


21414 


85392 


74217 


14309 


59908 




Berufsangabe ^ 1895 


32589 


7105 


25484 


227,7 


201,4 


235,1 



Millionen bei Industrie und Handel Aufnahme gefunden. Demzufolge haben die beiden grossen 
Schlagadern unserer Volkswirtschaft, Landwirtschaft und Industrie, ihre Stellung im Gesamtorga- 
nismus vertauscht. Deutschland hat sich, wie schon in der Periode 1882/1895, so w e i t e r 
in der Periode 1895/1907 aus einem überwiegenden Agrikultur- zu einem 
überwiegenden Industriestaat entwickelt — ein Prozess (der sogenannte 
Industrialisierungsprozess), der auch bei anderen wirtschaftlich rührigen Ländern, vor allem in 
Grossbritannien und in den Vereinigten Staaten von Amerika wahrnehmbar ist. 

Der berufliche Aufbau unserer Bevölkerung stellt sich hiernach wie folgt: zunächst eine 
zwar noch breite aber gegen früher etwas geringer gewordene Agrarbasis, darauf eine ständig 
mächtiger werdende Industrieschicht, darauf eine nicht so starke, aber rasch sich entwickelnde 
Schicht von Handel und Verkehr, zu oberst Armee und Beamtenschaft, freie Berufe und alle son- 
stigen Erwerbszweige.*) 



*) Vergl. hierzu auch Übersicht d) auf der nächsteu Seite. 



13« 



196 



friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



d) Berufliche Gliederung; im Eeich 1907, 1895 und 1882 nach Berufsabteilungen.') 



Berufsabteilung 




Erwerbs- Dienende 
tätige im für 
Haupt- i häusliche 
brruf Dienste 



An- 
Kehöritre 



Berufs 



«eliöriKe 



>3=- 


mit 

Ulf? 


32,7 
36,2 
43,4 


28,6 
35,8 
42,5 


37,2 
36,1 
33,7 


42,8 
39,1 
35,5 


11,5 

10,2 

8,3 


13,4 
11,5 
10,0 


1,6 
1,9 
2.1 


1,3 

1,7 
2.1 


5,7 
6,2 
5,4 


0,5 
0,5 
4,9 


8S,7 
90,6 
92,9 


01,6 

93,6 
95,0 


11,3 
9,4 
7.1 


8,4 
6,4 
5,0 


100 

100 

100 


100 
100 
100 



Von 1000 Bernfszugehör. 

jeder Berafsabteilung 

kamen auf 



Er- 

werbs- 

tätire 



Die- 
nende 



Ange- 
hörige 



A) Landwirtschaft, 
Gärtnerei u. Tier- 
zucht, Forstwirt- 
schaft u. Fischerei 

B) Industrie einschl. 
Bergbau u. Bau- 
gewerbe . . . 

C) Handel und Ver- 
kehr einschl. Gast- 
u. Schankwirtsch. 

D) Häuslich. Dienste, 
auch Lohnarbeit 
wechselnder Art . 

E) Militär-, Hof-, 
bürgerl. u. kirchl. 
Dienst, auch sog. 
freie Berufsart. . 



A bis E zusammen 

F) Ohne Beruf und 
Berufsangabe . . 



A InsF zusammen 



1907 
1895 

1882 

1907 
1895 
1882 

1907 
1895 

1882 

1907 
1895 

1882 

1907 
1895 

1882 

1907 
1893 

1882 

1907 
1895 

1882 

1907 
1893 

1882 



9 883 257 i 
8 292 692 
8 236 496 

11 256 254: 
8 281 220, 
6 396 465 

3 477 626; 
2 338 511; 
1 570 318 

471 695 
432 491 

397 582 



163 829 
374 697 
424 913 

331 756 
320 134 
302 561 



7 634 090 
9 833 918 

10 564 046 

14 798 527 

11 651 887 
9 359 054 



342 955 1 4 457 658 
283 977 I 3 344 358 
295 451 I 2 665 311 



1226 
1270 
2 189 



1 738 530 223 388 
1425 961 191122 

1 031 147; 164 570 

26 S27 362\ 1 063 154 
20 770 875] 1 171200 
17 632 00S\ 1 189 6S4 

3 404 983' 201 001 

2 142 808 168 116 
1 354 486 135 240 

30 232 345\ 1264 755 
22 913 683\ 1 339 316 
IS 986 494\ 1 324 924 



319 827 
453 046 
538 523 

1 445 208 
1 217 931 
1 027 265 

28 655 310 
26 501 140 



17 681 176 

18 501 307 

19 225 455 

26 386 537 

20 253 241 

16 058 OSO 

8 278 239 
5 966 846 
4 531 080 

792 748 
886 80' 
938 294 

3 407 126 
2 835 014 
2 222 982 

56 545 826 
48 443 215 



24 154 199 42 975 891 



1 568 119 

1 016 145 

756 496 

30 223 429 
27 517 285 
24 910 695 



5 174 703 
3 327 069 

2 246 22: 

61 720 529 
51 770 284 
45 222 113 



.559,0 
448,2 
428,4 


9,2 
20,3 
22,1 


426,6 
408,9 
398,3 


12,6 
15,8 
18,9 


420,1 
391,9 
346,6 


41,4 
47,6 
65,2 


595,0 

487,7 
423,7 


1,5 
1,4 
2.4 


510,3 
503,0 
463,9 


65,5 
67,4 
74,0 


474,4 
428,8 
410,3 


18,8 
24,2 
27,7 


658,0 
644,1 
603,0 


39,0 
50,5 
60,2 


489,8 
442,6 
419,8 


20,5 
25,9 
29.3 



431,8 
531,5 
549,5 

560,8 
575,3 
582,8 

538,5 
560,5 
588,2 

403.5 
510,9 
573,9 

424,2 
429,6 
462,1 

506,8 
547,0 
562,0 

303,0 
305,4 
336,8 

489,7 
531,5 
550,9 



Die erwähnte Verschiebung des Schwerpunktes unserer Gesamtwirtschaft ist bei unserer 
starken Volksvcrmehrung naturnotwendig. Ohne Vermehrung der Arbeitsgelegenheit keine ge- 
sunde Volksvermehrung. Darum ist unsere industrielle Entfaltung geradezu eine Lebensfrage 
für die Ernährungsmöglichkeit unserer gewachsenen Volksziffer, wenn anders diese im Inland ge- 
halten und nicht wie früher ihr Ventil in hoher Säuglingssterblichkeit und in Abwanderung 
nach dem Ausland finden soll. Denn die Aufnahmefähigkeit der Landwirtschaft ist infolge 
ihrer natürlichen Produktionsbedingungen beschränkt. Sie vermag ihren eigenen Nachwuchs 
im grossen und ganzen nur soweit aufzunehmen, als er zur Rekrutierung ihres Bestandes 
notwendig ist. Der Uberschuss muss anderweitig sich Erwerbsgelegenheit suchen. Der grösste 
Teil desselben wurde von Handel und Industrie aufgenommen, d. h. von denjenigen Erwerbs- 
zweigen, die ihrer Natur nach die grösste Ausdehnungsfähigkeit besitzen, und die in Deutschland 
gerade in den letzten 25 Jahren sich auch tatsächlich in ganz hervorragendem Masse entfaltet 
haben. Relativer Rückgang der landwirtschaftlichen Bevölkerung und Zunahme der Industrie- 
und Handelsbevölkerung stehen also in AVechselwirkung. 

Allerdings wandern aus der Landwirtschaft mehr ab, als für den landwirtschaftlichen Betrieb 
erwünscht ist, und wenden sich, angelockt durch die besseren Löhne und die gTÖssere persönliche 
Selbständigkeit, gewerblichen und städtischen Berufen zu. Die Lücke, die so in der Landwirtschaft 

*) Vergl. guch Übersicht e), die nach Berufsgruppen gliedert. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



197 



an deutschen Arbeitern entsteht, wird teilweise durch angestrengtere Arbeit der übrigen landwirt- 
schaftlichen Arbeiter, durch umfassendere Mitarbeit der weiblichen Kräfte (freilich Gefahr der 
Überanstrengung, Nachteil für die Wehrhaftigkeit des Nachwuchses!), teilweise durch Nachschübe 
ausländischer, insbesondere slavischer Arbeiter und durch erhöhte Maschinenverwendung ausge- 
füllt, teilweise bewirkt die Abwanderung, wie oben geschildert, eine Verödung des platten Landes. 



e) Berufsgruppen im Reich 1907, 1895, 1882. 



Berufsgmppe 



Erwerbstätige 

im 

Hauptberuf 

1907 



Benifs- 

zugehörige 

überhaupt 

1907 



Auf die einzelnen Berufsgruppen 
entfielen von je 100 



Erwerbstätigen 



190711895 1883 



Berufszugeliöri- 
gen überhaupt 



1907 1895 1883 



I. 

II. 

III. 

IV. 

V. 

VI. 

VII. 
VIII. 



IX. 

X. 

XI. 

XII. 
XIII. 

XIV. 

XV. 

XVI. 

XVII. 

XVIII. 

XIX. 



XX. 

XXI. 

XXII, 

XXIII. 



Landwirtschaft, Gärtnerei u. Tierzucht 
Forstwirtschaft und Fischerei .... 
Bergbau, Hütten- u. Salinenwesen, 

Torfgräberei 

Industrie der Steine und Erden . . . 

Metallverarbeitung 

Industrie der Maschinen, Instrumente 

u. Apparate 

Chemische Industrie 

Industrie der forstwirtschaftl. Neben- 
produkte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette 

Öle und Firnisse 

Textilindustrie 

Papierindustrie 

Lederindustrie u. Industrie lederart. 

Stoffe 

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe 
Industrie der Nahrungs- u. Genuss 

mittel 

Bekleidungsgewerbe 

Reinigungsgewerbe 

Baugewerbe 

Polygraphische Gewerbe 

Künstlerische Gewerbe 

Fabrikanten, Fabrikarbeiter, Gesellen 
u. Gehilfen, deren nähere Erwerbs- 
tätigkeit zweifelhaft bleibt . . . 

Handelsgewerbe 

Versicherungsgewerbe 

Verkehrsgewerbe 

Gast- und Schankwirtschaft . . . 

Zusammen I^XXIII: 



'.) 732 472 
150 78.5 

963 278 

714 520 

1 186 099 

907 048 

158 776 



75 879 

1 057 243 

206 763 

219 443 

787 754 

1 127 516 
1 421 695 

270 374 
1 905 987 

197 903 
37 111 



18 865 

1 739 910 

60 531 

1 026 288 

650 897 

24 617 137 



17 242 935 
438 241 

2 982 161 

1 796 798 

2 826 623 

2 241 057 
421 122 



217 262 

1 940 818 

441 022 

534 677 

1 989 096 

2 511013 
2 645 531 

458 788 

4 854 836 

401 643 

79 904 



44 186 

3 724 347 

148 805 

3 157 872 

1 247 215 

52 345 952 



39.54 
0,61 

3,91 
2,90 

4,82 

3,68 
0,65 



43,13 
0,72 

3,00 
2,65 
4,56 

2,04 
0,54 



0,31 
4,29 
0,84 

0,89 
3,20 

4,58 
5,78 
1,10 
7,74 
0,80 
0,15 



0,08 
7,07 
0,25 
4,17 
2,64 

100 



0,23 
5,00 
0,72 

0,89 
3,42 



4,64 

[8,00 

7,16 
0,63 
0,15 



0,16 
6,37 
0,13 
3,25 
2,61 
100 



50,12 
0,72 

2,72 
2,05 
3,26 

1,76 
0,36 



0,19 
5,25 
0,56 

0,80 
3,22 

4,09 

8,23 

5,84 
0,43 
0,15 



0,56 
5,20 
0,07 
2,70 
1,72 
100 



32,94 
0,84 

5,70 
3,43 
5,40 

4,28 
0,81 



0,42 
3,71 
0,84 

1,02 
3,80 

4,80 
5,05 
0,88 
9,27 
0,77 
0,15 



0,08 
7,12 
0,28 
6,03 
2,38 
100 



40,40 
0,97 

4,13 

2,94 
4,81 

2,33 
0,65 



0,30 
4,25 
0,68 

0,96 
3,78 

4,65 

[6,65 

8,29 
0,56 
0,14 



0,17 
6,57 
0,16 
4,48 
2,13 
100 



47,32 
0,97 

3,39 
2,25 
3,37 

2,01 
0,42 



0,24 
4,65 
0,50 

0,83 
3,45 

4,29 

6,86 

6,98 
0,37 
0,13 



0,59 
5,73 
0,09 
3,66 
1,90 
100 



Indessen hat bei dem Rückgang des landwirtschaftlichen Personals die deutsche 
Landwirtschaft an qualitativer, dynamischerBedeutung keines- 
wegs verloren, eher noch zugenommen. Ihre Leistungen vom Standpunkt der 
Versorgung des Reichs mit Getreide, Vieh und Viehnutzung, namentlich mit Brot, Fleisch, 
Milch, Butter, sind den grösseren Aufgaben, welche unsere wachsende Bevölkerung mit sich 
bringt, in weitem Umfang gerecht geworden, wenn auch zu einem — verhältnismässig 
geringen — Teil noch das Ausland liier mithelfen muss. 



198 



Friedlich Zahn, Das Deutsche Volk. 



Bekanntlich empfängt die deutsche Landwirtschaft ihr Gepräge vom Bauerngut, 
das fast % der landwirtschaftlichen Betriebsfläche in sich schliesst, und zwar speziell vom mittleren 
Bauerngut, das fast 1/3 der landwirtschaftlichen Fläche auf sich vereinigt: 



Landwirtschaftliche Betriebe im Reich 1907, 1895, 1882 

ZaU der Betriebe 



Auf die einzehien Grössenklassen 
entfallen von je 100 Betrieben 



Grössenkiasse 


1907 


1896 


1882 


1907 


1895 


1882 


unter 2 ha 


3 378 509 


3 236 367 


3 061 831 


58,9 


58,2 


58,0 


2 ha bis „ 5 ,, 


1 006 277 


1016 318 


981 407 


17,5 


18,3 


18,6 


5 „ „ ., 20 „ 


1 065 539 


998 804 


926 605 


18,6 


18,0 


17,6 


20 „ „ „ 100 „ 


262 191 


281 767 


281 510 


4,6 


5,1 


5,3 


100 „ u. darüber 


23 566 


25 061 


24 991 


0.4 


0,4 


0.5 


Zusammen 


5 736 082 


5 558 317 


5 276 344 


100 


100 


100 










Auf die einzelnen Grössenklassen 




lÄndwirtschaftlich benutzte Fläche 


entfallen von 


ie 100 ha landw. 










benutzter Fläche 




Grössenkiasse 


1907 


1896 


1882 


1907 


1895 


1882 


unter 2 ha 


1731311 


1 808 444 


1 825 938 


5,4 


5,6 


5,7 


2 ha bis „ 5 „ 


3 304 878 


3 285 984 


3 190 203 


10,4 


10,1 


10,0 


5 „ „ „ 20 „ 


10 421 564 


9 721 875 


9 158 398 


32,7 


29,9 


28,8 


20 „ „ „ 100 „ 


9 322 103 


9 869 837 


9 908 170 


29,3 


30.3 


31,1 


100 „ u. darüber 


7 055 018 


7 831 801 


7 786 263 


22.2 


24.1 


24,4 


Zusammen 


31 834 874 


32 517 941 


31 868 972 


100 


100 


100 



Grössenkiasse 

unter 2 ha 

2 ha bis „ 5 „ 

5 ,* ,, ,, .-0 „ 

20 „ „ „ 100 „ 

100 „ u. darüber 



Gesamtfläche der landw. Betriebe 

1907 1896 1882 



Auf die einzelnen Grössenklassen 

entfallen von je 100 ha der 

Gesamtfläche 



2 492 002 

4 306 421 

13 768 521 

12 623 011 

9 916 531 



2 415 914 
4 142 071 

12 537 660 

13 157 201 
11 031 896 



2 159 358 

3 832 902 

11 492 017 

12 415 463 
10 278 941 



1907 

5,8 
10,0 
31,9 
29,3 
23,0 



1895 

5,6 

9,6 

28,9 

30,4 

25.5 



1882 
5,4 
9,5 
28,6 
30,9 
25,6 



Zusammen 



43 106 486 



43 284 742 



40 178 681 



100 



100 



100 



D'eses Bauerngut, das sich durch Selbstbewirtschaftung und Selbsteigentum des Inhabers 
sowie durch grosse Ausdehnung der Familienwirtschaft auszeichnet, das in seinen Leistungen her- 
vorragend wichtig ist für die Volksernährung und Viehzucht, hat sich in den letzten 25 Jahren 
in starkem Masse behauptet. Es bewährte — insbesondere das mittlere Bauerngut — seine Selbst- 
behauptungskraft sowohl als "Widerstands- wie als Anziehungskraft. Und darum ist auch der auf 
ihm wirtschaftende Bauernstand (9,58 Jlillionen oder 63% des in der Landwirtschaft tätigen Per- 
sonals), speziell der mittlere Bauernstand (4,6 Millionen Personal oder 30%) uns erhalten geblieben. 
Eine erfieuliche Erscheinung! Erweist sich doch der Bauernstand als die Verkörperung von eminent 
wichtigen Lebensintoressen unseres Volkes, denen in der heutigen Zeit der immer grösseren Indu- 
strialis'eruug und Vcrstadtlichung der Gesamtbevölkerung gegen früher doppelt und dreifach er- 
höhte Bedeutung zukommt. Er ist der Jungbrunnen der physischen, geistigen und moralischen 
Kraft und Gesundheit unseres Volkes. Er ist der konstitutionell wertvollste Teil unseres Volkes 
mit unerniesslichcn rassenhygienischen Werten. Er ist der Hauptversorger des Reiches mit Brot, 
Fleisch, Milch, Butter, ein sicherer und wichtiger Abnehmer unsrer industriellen Produkte. Er 
ist die Grundlage unseres ländlichen Gemeindewesens, der Berufszweig mit besonders günstigen 
Vorbedingungen für zahlreiche selbständige Existenzen, wie überhaupt der widerstandskräftigste 
Bestandteil des selbständigen Mittelstandes, ein mächtiges Bollwerk gegen umstürzlerischc Be- 
strebungen, eine der festesten Säulen unseres gesamten Staatswesens. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



199 



Dem gegenüber bedeutet die grosse Entfaltung von Gewerbe und In- 
dustrie, Handel und Verkehr, die innerhalb der letzten 25 Jahre in Deutschland 
in grossartiger Weise sich vollzogen hat, nicht bloss reiche Erwerbsgelegenheit für das Inland, An- 
ziehungskraft für ausländische Arbeitskräfte, sondern auch Ermöglichung des deutschen Expan- 
sionsdranges im Ausland, indem unsere Industrie gleichzeitig zu einem hochwertigen (der Zahl der 
Arbeitskräfte nach an erster Stelle unter den Nationen rangierenden) Bestandteil der Weltindustrie, 
unser Handel zur zweitgrössten Stellung auf dem Weltmarkt und Welthandel sich emporgearbeitet 
hat. Dieser Erfolg wurde ganz wesentlich erzielt mit der Ausbildung zum Grossbetrieb, 
mit der Erstarkung der Grossindustrie und des Grossbetriebs. 

Zwar ist laut nachstehender Übersicht von einem förmlichen Verschwinden der Kleinbetriebe 
nicht die Rede. Ihre Zunahme hält jedoch nicht gleichen Schritt mitderjenigen der grösseren Betriebe. 
Diese verstanden es, sich die Vorzüge der Betriebskonzentration, die Vorteile einer rationellen Arbeits- 
teilung und Arbeitsvereinigung zu nutze zu machen, sowie die motorischen Kräfte und Arbeits- 
maschinen in ihrer modernen Ausbildung besonders vorteilhaft zu verwerten. Sie haben ferner im 



Entwicklung vom gewerblichen Klein-, Mittel- und Grossbetrieb 1882 bis 1907. 





Zahl der gewerbüchen 


Von je 100 Betrieben sind 


Gewerheabteilung 


Klein- 


davon 

AUein- 


Mittel- 


Gross- 


Klein- 


davon 
Allein- 


Mittel- 


Grcss- 




Betrlebe 


Betriebe 


Gewerbe über- .goi 
hauptM. . . . S 

A) Gärtnerei, Tier- 1907 
zucht und 1895 
Fischerei . . . 1882 

B) Industrie einschl. 1907 
Bergbau u. Bau- 1895 
gewerbe . . . 1882 

C) Handel U.Verkehr 1907 
einschl. Gast- u. 1895 
Schankwirtschaft 1882 


3 124 198 
2 934 723 
2 882 768 

49 200 
39 698 
30 673 

1 870 261 

1 989 572 

2 175 857 

1 204 737 
905 453 
676 238 


1 446 286 
1714 351 

1 877 872 

17 547 
22 462 
17 582 

994 743 
1 237 349 
1 430 465 

433 996 
454 540 
429 825 


267 430 
191 301 
112 715 

3 970 
2 571 
1183 

187 074 

139 459 

85 001 

76 386 
49 271 
26 531 


32 007 

18 953 

9 974 

146 
52 
30 

29 033 

17 941 

9 481 

2 828 
960 
463 


91,3 
93,3 
95,9 

92,3 
93,8 
96,2 

89,6 
92,7 
95,8 

93,8 
94,7 
96,1 


42,2 
54,5 
62,5 

32,9 
53,1 
55,1 

47,7 
57,6 
63,0 

33,8 
47,6 
61,1 


7,8 
6,1 
3,8 

7,4 
6,1 
3,7 

9,0 
6,5 
3,8 

6,0 
5,2 
3,8 


0,9 
0,6 
0,3 

0,3 
0,1 
0,1 

1,4 

0,8 
0,4 

0,2 
0,1 
0,1 



Gewerbeabteilung 



Gewerbetätige Personen in den 



Klein- 



davon 
Allein- 



Mittel- 



Gross- 



Betrieben 



Von je Im.t ffowerbetätigen Personen 
jeder Abteilung entfallen auf 



Klein- 



davon 
Allein- 



Mittel- 



Gross- 



Betriebe 



Auf je einen 



Klein- Mittel- Gross- 



Betrieb 
entfallen Personen 



Gewerbe über- 
haupt') . . 



1907 
1895 

1882 



5353576' 1446286 3644751 ;5350025 
4770669' 1714351 !2454333 3044267 
4335822 11877872 1391720 1613247 



A) Gärtnerei, Tier- 1907 
zucht und 1895 
Fischerei . . . 1882 

B) Industrie einschl. 1907 
Bergbau u. Bau- 1895 
gewerbe . . . 1882 

C) Handel U.Verkehr 190' 
einschl. Gast- u. 1895 
Schankwirtschaft 1882 



963781 17547 40820 
70091 I 22462 25853 
51437' 175821 11422 

3200282^ 994743i2714664 
3191125ll237349'1902049 
3270404;i430465|ll09128 

2056916' 433996 889267 
1509453! 454540 526431 
10139811 4298251 271170 



16913 
7184 
4559 

493792' 

2007329 

1554131 

395185 

129754 

54557 



37,3 
46,5 
59,1 

62,5 
68,0 
76,3 

29,5 
39,9 
55,1 

61,6 
69,7 

75,7 



10.1 
16,7 
25,6 


25,4 
23,9 
18,9 


11,4 

21,8 
26,1 


26,5 
25,1 
16,9 


9,2 
15,5 
24,1 


25,0 
23,8 

18,7 


13,0 

1 21,0 

32,1 


26,6 
24,3 
20,2 



37,3 
29,6 
22,0 

11,0 
6,9 
6,8 

45,5 
36,3 

26,2 

11,8 
6,0 
4,1 



1,7 
1,6 
1,5 

2,0 
1,8 
1,7 

1,7 
1,6 
1,5 

1.7 
1,7 
1.5 



13,6 
12,8 
12,3 

10,3 

10,1 

9,7 

14,5 
13,6 
13,0 

11,6 
10,7 
10,2 



167,2 
160,6 
161,7 

115,8 
138,2 
152,0 

170,1 
162,0 
163,9 

139,7 
135,2 
117,8 



') Ohne Musik-, Theater- und Sohaustellungsgewerhe. 



200 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



Weg der Vergesellschaftung die Befriedigung des Geldbedarfs und des Kreditbedürfnisses ihrer 
Unternehmungen erleichtert. Zugleich ist dabei der Unternehmer unter Entlastung von initiativ- 
feindlichen finanziellen Sorgen in Stand gesetzt worden, sein technisches Können, seine kauf- 
männische Gestaltungskraft, sein starkes Selbständigkeitsgefühl, seine kräftige Organisationsgabe, 
seinen kaufmännischen Weitblick voll zu entfalten. 

Welche zahlenmässige Bedeutung den Grossbetrieben im Rahmen sämtlicher Betriebe zu- 
kommt, erhellt aus folgender Tabelle, die nicht nur die Zahl der Betriebe und der beschäftigten Per- 
sonen berücksichtigt, sondern auch die motorischen Arbeitskräfte umfasst. 

Ausrüstimg der Unternehmungen mit menschlicher und motorischer Kraft 1907 

(bei Zählung der Gesamt betriebe als Betriebseinheiten). 



Grössenklasse 


Betriebe 


Personen 


Pferdestäi'ken 


Kilowatt 


absolut 


% 


absolut 


% 


absolut 


0/ 

/o 


absolut 


% 






Gewerbe überhaupt.') 










Alleinbetriebe 


1 451 701 


44,4 


1 451 701 


10,1 


— 


— 


— 


— 


Betriebe mit 

bis 3 Personen . . . 
4 u. 5 „ ... 


1 294 362 
229 .'i20 


39,7 

7,0 


2 776 645 

1 007 978 


192 

7,0 


437 251 
215 438 


5,0 
2,4 


62 302,1 
46 899,1 


4,1 
3,0 


Zus. Kleinbetriebe .... 


1 523 882 


46,7 


3 784 623 


26,2 


652 689 


7.4 


109 201,2 


7.1 


ß bis 10 Personen . . 
11 „ 50 „ . . 


146 272 

113210 


4,5 
3,5 


1 089 041 

2 426 685 


7,5 
16.8 


304 178 
1 222 657 


3,4 
13,9 


69 297,6 
172 884,3 


4,5 
11,2 


Zus. Mittelbetriebe . . . 


259 482 


8,0 


3 515 726 


24,3 


1 526 835 


17,3 


242 181,9 


15,7 


51 bis 200 Personen . 
201 „ 1000 
über 1000 


24 677 

5 295 

586 


0,7 

0,2 

0,02 


2 286 521 
2 018 282 
1 378 886 


15,8 

14.0 

9.6 


1 774 231 

2 029 984 
2 835 026 


20,1 
23.0 
32,2 


247 086,3 
446 127,4 
493 532,1 


16,1 
29,0 
32,1 


Zus. Grossbetriebe .... 


30 558 


0,9 


5 683 689 


39,4 


6 639 241 


75,3 


1 186 745,8 


77.2 


Zusammen . 


3 265 623 


100 


14 435 739 


100 


8 818 765 


100 


1 638 128,9 


100 


davon Gesamtbetnebe*) . . 


334 783 
Indastrlc 


10,3 
(einsc 


3 954 470 
iL Bergbau un 


27,4 
d Baug 


4 424 476 
ewerbe). •) 


50,2 


735 578,3 


47,8 


Alleinbetriebe 


987 403 


48,8 


987 403 


0,1 


— 


— 


— 


— 


Betriebe mit 

bis 3 Personen . . . 
4U.5 „ 


687 832 
146 999 


34,0 

7,2 


1 534 756 

644 575 


14,1 
5,9 


405 119 
204 5U9 


5,1 
2,6 


58 334.0 
43 031,4 


4,3 
3,2 


Zus. Kleinbetriebe . . . 


834 831 


41,2 


2179 331 


20,0 


609 628 


7,7 


101 365,4 


7,5 


6 bis 10 Personen . . 
11 „ 50 „ 


93 670 
82 433 


4,6 

4,1 


695 941 
1 830 195 


6,4 
16,8 


287 483 
1 177 333 


3,6 

14,8 


62 840,4 
148849,3 


4,6 
10,9 


Zus. Mittelbetriebe . . . 


176 103 


8,7 


2 526 136 


23,2 


1 464 816 


18,4 


211 689,7 


15.5 


51 bis 200 Personen . 
201 „ lOnO 
über 1000 „ 


21782 
4 875 

548 


1.1 

0,2 

0,03 


2 034 020 
1 869 0-'3 

1 277 788 


18,7 
17,2 
11,8 


1 706 441 

1 891 978 

2 289 064 


21,4 
23,8 

28,7 


205 057,9 
406 354,0 
436411.1 


15,1 
29,8 
32.1 


Zus. Grosabelriebe . . . 


27 205 


1,3 


5 180 831 


47,7 


5 887 483 


1 73,9 


1 047 823,0 


77,0 


Zusammen . 


2 026 542 


100 


10 873 701 


100 


7 961 927 


100 


1360878,1 


100 


davon Gesamtbetriebe*) . . 


191658 


9,5 


3 219 805 


29,6 


3 755 957 


47,2 


682 502,6 


50,2 



') Einschliesslich Gruppe XXÜI Musik-, Tlieater- und Schaustellungsgewerbe. 

') Die gewerbsmässige Kunst- und Handelsgartnerei, Tierzucht und Fischerei ist nur unter „Gewerbe 
überhaupt" berücksichtigt. 

•) Das sind diejenigen Betriebe, welche (nach dorn allgemeinen betriebsstatistischea System) aus mehrerea 
Einzel- und Teilbetrieben bestehen. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



201 























Betriebe 


Personen 


Pferdestärken 


Küowatt 




Grössenklasse 




















absolut 


% 


absolut 


% 


absolut 


% 


absolut 


% 


Haudel und Verkehr { 


einschl. Gast- 


und Schankwirtschatt) 


.') 






Alleinbetriebe 


429 639 

17 209 2) 


36,9 

70,3 


429 639 

17 209 


13,0 

19,6 


— 




— 


— 


Betriebe mit 


















bis 3 Personen . . . 


577 429 


49,6 


1 178 551 


35,5 


30 852 


3,7 


3 723,6 


2,2 




3 481 


14,2 


7 782 


8,9 


213 


3,8 


175,4 


5,1 


4u. 5 „ ... 


76 379 


6,6 


336 387 


10.2 


9 832 


1,2 


3 467.0 


2,0 




1013 


4,2 


4 482 


5,1 


631 


11,2 


300,3 


8,8 


Zus. Kleinbetriebe . . . 


653 808 


56,2 


1 514 938 


45,7 


40 684 


4,9 


7 190,6 


4,2 




4 493 


18,4 


12 264 


14,0 


844 


15,0 


475,7 


13,9 


6 bis 10 Pereonen . . 


48 588 


4,2 


363 587 


11,0 


14 873 


1.8 


6 026.0 


3,5 




1127 


4,6 


8 659 


9,8 


1282 


22,9 


350,1 


10,2 


11 „ 50 „ 


28199 


2,4 


542 354 


16,3 


43 659 


5,2 


23 245,4 


13,4 




15ü8 


6,2 


34 768 


39,6 


1161 


20,7 


688,1 ■ 


17,1 


Zics. mttelbetriebe . . . 


76 787 


6,6 


905 941 


27,3 


58 532 


7,0 


29 2714 


16,9 




2 665 


lü,8 


43 317 


49,4 


2 443 


43,6 ■ 


938,2 


27,3 


51 bis 200 Pereonen . 


2 656 


0,3 


231 684 


7,0 


56 032 


6,7 


40 461,7 


23,4 




105 


0,4 


8 343 


9,5 


1638 


29,2 


1 290,4 


37,6 


201 „ 1000 


380 


0,03 


136190 


4.1 


131 456 


15,8 


39027,6 


22,5 




16 


0,1 


5 374 


6,2 


685 


12,2 


727,7 


21,2 


über 1000 „ 


36 


O.ÜO 


97 658 


2,9 


545 962 


65^6 


57 121,0 


33,0 




1 


0,00 


1154 


1,3 


— 











Zus. Orossbctriebc . . . 


3 072 


0,3 


465 532 


14,0 


733 450 


88,1 


136 610,3 


78,9 




122 


0,5 


14 871 


17,0 


2 323 


41,4 


2018,1 


68,8 


Zasammen . 


1163 306 


100 


3 316050 


100 


832 666 


100 


173 072,3 


100 




■-'4 479 


KXI 


87 661 


100 


5 610 


100 


3 432,0 


100 


davon Gesamtbetriebe*) . . 


139 749 


12,0 


712233 


21,5 


658087 


79,0 


52 388,0 


30,3 




995 


4,1 


6B26 


7,4 


1628 


29,0 


425,5 


12,4 



Unter den 30 500 Grossbetrieben befinden sieb allein 586 Riesenbetriebe (mit über 
1000 Personen). Obschon sie der Zahl nach nur 0,02% sämtlicher Betriebe ausmachen, vereinigen 
sie auf sich nicht weniger als 1,4 Millionen oder 9,6% des gesamten gewerblchen Personals, 2,8 
Millionen Pferdestärken und 500 000 Kilowatt, d. s. 32% aller motorischen EJ:äfte! Wie sehr sich 
gerade auch diese grössten Gebilde unserer gewerblichen Unternehmungen seit 1895 vermehrt imd 
erweitert haben, zeigt folgende Übersicht: 



1895 

296 
562 628 
665 265 
unermittelt 



1907 

586 

1 378 886 

2 835 026 
493 532 



Zahl der Riesenbetriebe 
Personen 
Pferdestärken 
Kilowatt 
Auf 1 Riesenbetrieb entfallen 

Personen 1 901 2 353 

Pferdestärken 2 247,5 4 837,9 

Kilowatt unermittelt 842,2 

Auf 100 Personen treffen in den Riesenbetrieben 

Pferdestärken 118,2 205,6 

Kilowatt unermittelt 35,8 

Diese modernen Gebilde unserer volkswirtschaftlichen Organisation, in denen Tausende von 
Menschenhänden nebeneinander arbeiten und in ihrer Tätigkeit von gewaltigen Motoren und 
technisch sehr vervollkommneten Arbeitsmaschinen unterstützt werden, sind in ihrer äusseren Er- 

^) Eisenbahn-, Post- und Telegraphenbetrieb fallen nicht in den Rahmen der Gewerbestatistik. 

'■") Die kleinen Ziffern beziehen sich auf die Gruppe XXI II llusik-, Theater- und Sohaustellungsgewerbe. 
Sie sind nicht unter den Ziffern für „Handel und Verkehr etc." enthalten. 

*| Das sind diejenigen Betriebe, welche (nach dem aUgemeiaeii batriebsstatiBtischeii System) aus mehreren 
Einzel- und Teilbetrieben bestehen. 



202 



FriedHch Zahn. Das Deutsche Volk. 



scheinung ziemlicli allgemein bekannt; ich verweise nur beispielsweise auf Betriebe wie Friedr. 
Krupps Werke, Badische Anilin- und Sodafabrik (Ludwigshafen), Hamburg-Amerika-Linie, Waren- 
haus Wertheim (Berlin, Leipzigerstrasse), Deutsche Bank. Aber, was hier Hervorhebung verdient, 
sie sind gemäss ihrer Verfassung, Ausdehnung und Produktivkraft von so weit tragendem Einfluss 
auf die Volkswirtschaft, dass private und öffentliche Interessen in ihnen aufs engste verbunden er- 
scheinen. Die sozial verschiedensten Klassen von Familien sind in ihrer wirtschaftlichen Existenz 
von ihnen abhängig, zunächst die leitenden Persönlichkeiten, die Aktionäre, stillen Teilhaber, 
sonstige Kapitalinteressenten, die Gläubiger, die Werkmeister imd Arbeiter. Daneben verfolgen 
Hunderte xmd Tausende von Kunden aus Nah und Fern das Geschäft; zahlreiche Händler, Liefe- 
ranten, Konkurrenten, endlich die Nachbarn, die ganze Stadt, der Kreis, die Provinz, haben Inter- 
esse am Auf- und Niedergang der betreffenden Unternehmen. Die Lage, die baulichen Ein- 
richtungen, die guten oder schlechten Verkehrsbeziehungen des Grossbetriebs werden zu einer 

Deutscher Binnen- und Seeverkehr, Aussenhandel seit 1889. 



1889 



1901 



1904 



1907 



1908 



1909 



1910 



1911 1912 



Post anstalten 

Telegraphenanstalten 

Telegraphennetz,') Länge der 

Linien (km) 

Post- u. Telegraphengebiihien in 

1000 M.'») 

Telegraphen- u. Telephongebiihren 

besonders in 1000 M 

Telephonstellen 

Telephonnetz (km) 

Zahl der Telephongespräche in 

Tausenden 

Eisenbahnnetz: 

Voll- u .Schmalspurbahn (km) . 

.'Anlagekapital liis zum Jahre>5- 

ende (Mill. M.) 

Zurückgelegte Personenkilometer 

(Mill.) 

Zurückgelegte Tonnenkilometer 

(Mill.) 

Binnen wasserstrassen (km) 
Fluss-, Kanal-, Haff-, Küsten- 
schiffe (Zahl) 

Tragfähigkeit (Tonnen) .... 
Tonnenkilometer (MilHonen) . . 
Seeschiffe (Zahl) .... 
Tragfähigkeit (Reg. -Tonnen 

brutto) 

Seereisen beladener Schiffe (Zahl 

der Schiffe) 

Nettoraumgehalt derselben 

(Reg. -Tonnen) 

Aussenhandel (einschl. 

Edelmetall verkehr): 

Ausfuhr (Millionen M.) 

Einfuhr (Millionen M.) 



23396 
16408 

98391 

217508 



31618 

115007 

17740 

446941 

41793 
10304 
1022-2 
22050 

19989 

2100705 

2900 

3653 

1969238 

55934 

21398522 



37702 
25600 

133315 

434540 

80108 

341134 

95749 

766226 

52933 

13250 

20793 

35390 i 
14366 

21945 
3370447 
11500'! 
3833 

2826400 

84851 

53948615 



3339,8«) 
4403,4 «jl 



4512,6 
5710,3 



38658 
29978 

142100 

513349 

107689 
515300 
126600 

1069100 

55817 

14326 

24051 

41292 
13749 

24839 2j 

48775092) 
12000") 

4224«)! 

3517647«) 

94559 
70622118 



5315,4 
6854,5 



40083 
37309 

152600 

628319 

150177 
766200 
157600 

1466800 

58291 

15794 

29873 

51372 

26191 
5914020 
15000», 
4430 

4002896 

86055 

40327880 



7094,9 
9000,6 



40566 
41276 


40769 
43680 


211700 


219200 


661904 


701934 


161216 


176912 



849800 
106700 



40816 
45116 

225800 

738223 

193459 
9389001 1039200 
109500' 111200 



1519400, 1670200 
59241 60389 



16428! 

31208 

49978| 
15000 



17037 

33932 

52930 
15000 



4571 1 4640 

4282720^ 4356067 

85434 87768 

38735041 41172584 



6481,5 
8077,] 



6858,7 
8860,4 



1850700 
61209 
17518 
35696 
56397 



4658 

4430227 

89797 

43911689 



7644,2 
9310,0 



40987 
46444 

228600 

783919 

214401 

1154500 

117600 

2074000 

61978 

18009 

38152 

61995 



4675 

4513191 

89410 

44525317 



8224,4 
10007,0 



4732 
4711993 



9099,5 
11017,1 



') Die Linien der Fernsprech-Verbindungsanlagen sind seit 1908 beim Telegraphonnetz mitgerechnet. 

'«) Ohne die Einnahmen aus dem Absätze von Zeitungen und ohne Personenfahrgeld. 

=) Im Jahre 1902. 

■■] Im Jahre 1900. 

') Im Jaliro 1005. 

') Im Jahre 1905. 

«) Im Jahre 1891. 



Fniedr^ich Zahn, Das Deutsche Volk. 2Ü3 



Gemeinde- und Bezirksangelegenheit; von dem Betrieb werden Schulwesen, Steuerkraft, Bevöl- 
kenmgszu- und -abnähme, AVohlstand und Verarmung der ganzen Gegend, Art der Siedelung und 
Grundeigentumsverteilimg beeinflusst. Diese von G. Schmoller betonte volkswirtschaftliche 
Bedeutung kommt mehr oder minder allen grösseren Unternehmungen zu, namentlich aber den 
erwähnten Riesenunternehmungen; bei ihnen tritt der öffentliche gemeindeähnliche Charakter 
ganz besonders deutlich hervor. 

Unterstützt wurde diese Entfaltung unserer Gewerbetätigkeit, insbesondere unseres gross- 
industriellen Gewerbefleisses durch die Ausbildung des modernen Verkehrs, 
den die Zahlen S. 202 veranschaulichen. (Tabelle: Deutscher Binnen- und Seeverkehr). 

Für alle Verkehrsarten brachten die letzten Jahrzehnte eine bedeutsame Vermehrung, Ver- 
besserung und Verbilligung der Verkehrseinrichtungen. Die Transportverbesserungen hatten eine 
gewaltige Steigerimg des Verkehrs auf fast allen seinen Gebieten zur Folge und übten kraft ihres 
eminent produktiven Charakters, der speziell der von ihnen bewirkten Verkürzimg von Raum- und 
Zeitdistanz zukommt, auf das ganze Wirtschaftsleben, die Gütererzeugung, auf Handel und Ver- 
brauch den nachhaltigsten Einfluss aus. Der Bezug von auswärtigen, auch ausländischen Rohstoffen, 
die TJbernahme von Aufträgen dvirch und die Lieferung an ausserhalb des Betriebssitzes vorhandene 
Auftraggeber wurde erleichtert, der Markt für gewerbliche Einkäufe oder Verkäufe erfuhr erheb- 
liche Erweiterung. Viele Gewerbezweige konnten ihre frühere, mehr lokale Bedeutung mit einer 
nationalen oder auch internationalen vertauschen. Natürlich wm-de der Verkehr seiner- 
seits wieder stark belebt und befruchtet durch unsere industrielle Entwicklung, namentlich durch 
Entwicklung der Kohlen- und Eisenindustrie, durch die inländische Kohlen- und Eisenproduktion, 
ohne die die grossen Maschinen zur Bewältigung der Massenfabrikation imd des heutigen Verkehrs 
überhaupt nicht möglich wären. 

Mit dem gewerblichen Aufschwung war gleichzeitig Hebung unseres Volkswohlstandes, 
unserer Finanz- und Steuerkraft verbunden, so dass reiche und immer reichere Mittel zur Pflege und 
Förderung der einzelnen Kulturaufgaben auf dem Gebiete der geistigen und sittlichen Bildung, 
auf dem Gebiete von Wissenschaft und Kunst, Gesundheitspflege, AVehrkraft, namentlich auch auf 
weiten Gebieten der Wohlfahrtspflege imd Sozialpolitik zur Verfügung gestellt werden konnten. 

Aus dem Gesagten ergibt sich zugleich die Erklärung, dass neben den drei materiellen Berufs- 
zweigen auch die Berufsabteilung des öffentlichen Dienstes und der 
freien Berufsarten im Lauf der letzten Jahrzehnte ihre Bedeutung verstärkt hat : 
Von 1882 auf 1907 von 2,2 Millionen auf 3,4 Millionen oder von 4,92% auf 5,53%. Diese Zunahme 
hat ihren Grund in den immer weiter um sich greifenden Aufgaben der öffentlichen Verwaltung, 
im steigenden Bedarf an Kulturgütern und Dienstleistungen (Schule, Unterricht, Kunst, Wissen- 
schaft, ärztliche Hilfe) sowie in der Erhöhimg des Wehrbedarfs. 

VI. 

Soziale Umschichtung des Volkes. 

Hand in Hand mit der vorgeschilderten wirtschaftlichen Umschichtung vollzog sich eine 
soziale Umschichtung. 

Diese Entwicklung wird gekennzeichnet durch Verstärkung derLohnarbeiter- 
schicht und des verheirateten Elements in derselben, durch Auf- 
kommen einer neuen Mittelklasse in der Kategorie der Angestellten (kleine und 
mittlere Beamte des öffentlichen und des Privatdienstes), durch Abnahme der Selb- 
ständigen, durch vermehrte Beteiligung der Frau am Erwerbsleben, 
insbesondere am Lohnerwerb. (Siehe Tabelle S. 204.) 

Wie aus dieser Tabelle erhellt, die die soziale Gliederung der Erwerbstätigen für 
das Jahr 1907 und 1895 veranschaulicht, so stellte zu der Zunahme der Erwerbstätigen, die in der 
Zeit 1895/1907 6 Millionen betrug, die Arbeiterklasse allein 5 Millionen. Allerdings 
treffen — mehr aus formalstatistischen wie aus tatsächlichen Gründen — von den 5 Millionen 2,2 



204 



Friedrich Zahn, Das Deutsche VoUi. 





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Fi'iedrich Zahn, Das T)(Mitscb<> Volk. 20ö 

Millionen auf die im Betrieb des Mannes oder Vaters mithelfenden Familienangehörigen. Aber die 
verbleibenden 2,8 Millionen repräsentieren die Zunahme der sonstigen, der eigentlichen Arbeiter. 
Von der Gesamtheit der erwerbstätigen c-Personen („Arbeiter") in Höhe von 19,80 Millionen sind 
nach der Berufszählung von 1907: 4,29 Millionen mithelfende Familienangehörige (cl-Pers.), 
6,92 Millionen Gesellen und Gehilfen mit Vorbildung sowie (in der Landwirtschaft) Knechte 
und Mägde (c2) und 6,02 Millionen Hilfspersonen ohne Vorbildung (c3 bis c5). Die eigentliche 
Arbeiterschaft, also alle c-Personen mit Ausnahme von cl (mithelfenden Familienangehörigen), 
umfasst 15,52 Millionen. 

An der Mehrung der Lohnarbeiterschaft sind alle drei materiellen Berufszweige, Landwirt- 
schaft, Gewerbe und Handel, beteiligt, und zwar die männliche wie die weibliche Arbeiterschaft. 
Nur in der Landwirtschaft ist ein Rückgang der männlichen Arbeiter, die anderen Berufen sich zu- 
gewendet haben, zu konstatieren, während die Zunahme der weiblichen Kräfte in der Landwirt- 
schaft wesentlich durch Familienangehörige bewirkt ist, deren Zahl — teils aus formalen Gründen, 
teils infolge stärkerer Heranziehung der weiblichen Familienangehörigen — sich fast verdreifacht hat. 

Das verheiratete Element, das jetzt innerhalb der Arbeiterschaft, speziell innerhalb der 
gelernten, stärker als früher hervortritt, ist vor allem in den Beamtenbetrieben (Post, Eisen- 
bahn, Strassenbahn usw.) und in den Gewerben mit vorherrschendem Grossbetrieb (Montan-, 
Maschinen , chemische Industrie, Baugewerbe) sehr gewachsen, während der Anteil der ledigen 
Arbeiter in den handwerklichen imd ländlichen Kleinbetrieben nach wie vor überwiegt. Diese 
Tatsache verdient für die Bestrebimgen, die auf ein gesteigertes Famihenleben innerhalb der 
Arbeiterschaft abzielen, besondere Beachtung. 

Was die Möglichkeit des beruf üchen Aufstiegs betrifft, so zeigt sich, dass, wer einmal 
Fabrikarbeiter ist, es im allgemeinen auch bleibt, solange ihn nicht seine Körperkräfte im 
Stich lassen; soweit er über diese Stellung hinauskommt, erreicht er es regelmässig in einem 
anderen AVirkungski-eis und zumal unter anderen Betriebsverhältnissen innerhalb und ausserhalb 
der industriellen Tätigkeit. Die fachlich Ausgebildeten haben auf jene Selbständigkeit grössere 
Anwartschaft als die Ungelernten. Namentlich in den vorwiegend handwerksmässigen Betrieben 
und Erwerbszweigen haben sie vorzugsweise Chancen auf eigene Selbständigkeit. In grösseren 
fabrikmässigen Betrieben sind auch die gelernten Arbeiter ganz überwiegend auf Verbleib in 
Arbeiterstellung beschränkt; soweit .sie sich zur- Selbständigkeit emporarbeiten, ist es vorwiegend 
die eines kleinen gewerbUchen Meisters. Diese Feststellungen sind von Belang für unsere 
Aibeiterpohtik, insonderheit für die Fachausbildungs-Bestrebungen. Überdies verlassen zahl- 
reiche Arbeiter aus Industrie und Handel (ca. ein Fünftel aller in Betracht kommenden Per- 
sonen) nach dem 40. Lebensjahr diesen Beruf und wenden sich der Landwirtschaft zu, von 
der sie vermutlich lu-sprünglich hergekommen sind. Sie sind da teils als Lohnarbeiter, zum 
grösseren Teil — dank der vorher erzielten Ersparnisse — als landwiitschafthche Besitzer tätig. 

Die Angestellten, deren Zahl in den Berufsabteilungen Landwirtschaft, Gewerbe 
und Handel seit 1895 von 600 000 auf 1,3 Millionen stieg, erfuhren ebenfalls grossen Zuwachs in 
allen drei materiellen Berufszweigen an männlichen wie an weiblichen Erwerbstätigen. Die grosse 
Zunahme ist die selbstverständliche Begleiterscheinung der fortschreitenden Betriebskonzentration. 
Letztere stellt erheblich höhere Ansprüche an die geistige Arbeit des Unternehmers, steigert also 
auch das Bedürfnis, die geistige Arbeit des Unternehmers durch die Tätigkeit der technisch und 
kaufmännisch geschulten Beamten zu ergänzen. Die grössere Verwendung von körperlicher und 
mechanischer Arbeitskraft verlangt daher eine grössere Menge auch von Kopfarbeitern im Betrieb. 
Es handelt sich bei diesen Angestellten um sozial und wirtschaftlich — im Vergleich zu den Ar- 
beitern — in gehobener Stellung befindliche Gruppen,^) die berufen sind, den Prinzipal zu vertreten 
und ihn in der Leitung des Unternehmens zu unterstützen, anderseits die Arbeiter anzustellen, zu 
beraten und zu führen. Es handelt sich um Personen, die durch besondere Kenntnisse, durch 



1) Von der Gruppe der Angestellten, des Verwaltungs-, Aufsichts- und Bureaupersonals im Gesamt- 
umfang von 1,69 Millionen (1907) sind ausgeschieden aU technisch gebildete Beamte, Wirtschaftfibeamte: 
170 540, als Aufsichtspersonal; 272175, als Bureau-, kaufmännisch gebildetes Verwaltungsperaonal: 322 734. 



206 Friedrich Zahn. Das Deutsche Volk. 



besondere Vertrauenswürdigkeit für den betreffenden Betrieb von "Wichtigkeit sind, um Personen, 
die nach ihren Beziehungen zum Betrieb, nach der Art ihrer Vorbildung, nach der Art ihres Arbeits- 
vertrags beamtenähnlicheStellung haben. Zu diesen wichtigenGruppcn gehören nicht bloss Techniker, 
Werkmeister, kaufmännische Angestellte, sondern auch intelligente und strebsame Arbeiter, die 
in diesen Stellungen sich emporgearbeitet haben. Aus diesem Grund hat bekanntlich auch das Eeichs- 
gesetz vom 20. Dezember 1911 sich um die Versicherung der Angestellten besonders angenommen, 
wenigstens soweit Angestellte mit einem Einkommen von weniger als 5000 Mark in Frage kommen. 

Die ganze Kategorie der Privatangestellten entwickelt sich jetzt im sozialen Leben zu immer 
grösserer Bedeutung als neuer Mittelstand , der eine wichtige Stütze der modernen AVirtschafts- 
und Gesellschaftsentwicklung bildet. Zu dem neuen Mittelstand zählt übrigens noch das mittlere 
Beamtentum, das in Staat und Gemeinde mit der Ausdehmmg der öffenthchen Aufgaben eine grosse 
Verstärkung erfahren hat und insbesondere infolge der Ausdehnung der öffentlichen Betriebe 
(Eisenbahn, Post, Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerke) auch an der Erfüllung grosser geschäftlicher 
Aufgaben erheblich beteiligt ist; ferner zählen hierher die zu Hunderttausenden vorhandenen 
Arbeiter, die nach Leistung und Einkommen sich vielfach weit über die selbständigen Handwerker 
imd Händler erheben und eine ebenso sichere Stellung, wie wenn sie unabhängig geblieben wären, 
errungen haben. 

Was die Selbständigen betrifft, so haben sie bei Landwirtschaft und Industrie — 
teils im Zusammenhang mit der Abwanderung vom platten Land, teils infolge der Ausbildung der 
Grossbetriebe — einen Rückgang erfahren, und zwar sowohl die männlichen wie die weiblichen. 
Umgekehrt ist eine Mehrung der männlichen und weiblichen Selbständigen erfolgt im Handel und 
Verkehr. 

In der Klasse der Selbständigen sind die verschiedensten Elemente vereinigt, die an der 
Hand der Berufsstatistik sich nicht ohne weiteres spezialisieren lassen. i) Sie umspannen die Kreise 
von der Näherin und Obstlerin bis zu den Grossunternehmern wie Kirdorf, Stinnes usw., insbe- 
sondere auch den ganzen selbständigen Mittelstand, zu dem der kleine und mitt- 
lere Bauer, der Handwerker und Kleingewerbetreibende, der kleine und mittlere Händler gehören. 

Von diesen Bestandteilen des selbständigen Mittelstandes hat sich der landwirtschaftliche 
widerstandskräftiger erwiesen als der von Gewerbe und Handel, weil entgegen früherer sozialistischer 
Behauptung die ökonomische Entwicklung weniger in der Landwirtschaft als in Gewerbe und 
Handel zum kapitalistischen Grossbetrieb tendiert. Alle di-ei Kategorien der mittelständischen 
Klassen erfahren jedoch nachhaltige Förderung in den modernen Organisationen, die unter Zurück- 
drängung des übertriebenen Individuaüsmus auf wirtschaftlichem Gebiet genossenschaftliche Ge- 
bilde in neuer Form imd auf neuer Grundlage wieder erwecken. Namentlich hat das neuzeitliche 
Genossenschaftswesen viel dazu beigetragen, dem Kleingewerbe, Handwerker xmd der bäuerlichen 
Landwirtschaft die Vorteile des Grosskapitals, des Grossbetriebs imd Grosshandels zugänglich zu 
machen und sie auf diese Weise dem Grossbetrieb gegenüber zu stärken. Sache der Mittelstands- 
politik bleibt CS, weiter in dieser Richtimg zu arbeiten. Angesichts der Tatsache, dass die grossen 
Massen schlecht ausgebildeter Arbeiter imd Betriebsinhaber die Hauptfeinde für den Aufstieg des 
gewerblichen Mittelstandes sind, anderseits heute mehr als früher Nachfrage nach Qualitäts- 
leistungen (Kunsthandwerk) ist, wird neben der kaufmännisch-wirtschaftlichen auch der rein tech- 
nischen Ausbildung des Mittelstandes besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden sein; auf dem 
Boden der Arbeitsschule, die bisher im Volks- und realistischen Mittelschulwesen zu kurz kam, 
also auf dem Boden der praktischen Arbeit dürfte am ehesten die Erziehung von Arbeitsfreude 
und Arbeitsehrlichkeit gelingen. Zum andern wii-d für Erfolge der Mittelstandsbestrebungen die 
Elektrizität stark mithelfen, insbesondere die von ihr im Genossenschafts- oder Gesellschaftsweg 
ermöglichte billige Uebertragung von motorischer Elraft oder deren Lieferung in die einzelnen Werk- 
stätten, auf die einzelnen Bauerngüter usw. 



') Nach dor Boruf.szfthlung von 1007 sind von den 6,05 Millionen Selbständigen ausge.schieden als 
Eigentümer und Miteigentümer 4,87 Millionen, als Pächter (auch Erbpaohter) 210 419, als sonstige Betriebi- 
leiter, leitend« Beamte 140 17G und als selbständige Hausgewerl^treibende 247 770. 



Fnedrich Zahn, Das Deutsch« Volk. 



207 



Will man übrigens die soziale Gliederung unserer Gesellschaft in tuniichster Anlehnung an 
unser tatsächliches Gesellschaftsleben skizzieren, so tut man gut, nach Familien zu schichten, 
also den Erwerbstätigen auch die von ihnen ernährten Angehörigen zuzurechnen. Hiernach stellt 
sich im Gegensatz zu obiger Berechnung der Anteil der Selbständigen und Angestellten gegenüber 
dem der Arbeiterschicht naturgemäss etwas höher: 

ohne mit 

Berofsabteilung A bis E (oline El) + G Einreohnung der 

Angehörigen ') 

Selbständigenschicht (ohne afr) 21,14 % 38,04 % 

Angestelltensohicht 5,79 % 6,61 % 

Arbeiterschioht (ohne c 1 ) 56,54 % 54,41 % 

Dazu Hausgewerbetreibendeschioht (afr) 0,90 % 0,94 % 



Soziale Scliichtung der Gesamtbevölkeriiiig 

(Erwerbstätige -j- Angehörige). 



Nach der ZähJuncr vom 12. Jani 1907 gehörten Erwerbstätige 
und Anpehöripo (zrisammen) zur Berufsstollung der 



Berufsabteilung 



[I Selbständigen!) 
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' ]der Hausgewerbe - 
treibenden 






Angestellten 



Haus- 
gewerbe- 
treibendeal) 



Arbeiter (ausschl. 
der mithelfenden 

Famitien- 
angehürigen c 1 1 



Von lOU Erwerbstätigen und Angehörigen 
entfielen auf die Schicht der 



Selb- 
ständigen 



An- 
gestellten 



Haus- 
gewerbe- 
treibenden 



Arbeiter 

(ausschl. der 

mithelfenden 

Familienang.) 



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A Land-nirtsohaft . 
B Industrie . . . 
C Handel u. Verkehr , 

A bis C 

A bis E (ohne E 1) 
+ G 



11 634 773 
5 321 967 
3 096 507 

20 053 247 

21 300 327 



239 111 
1 691 570 

1 052 808 

2 983 489 

3 702 451 



149 
524 398 

524 547 

524 547 



5 643 314 
18 516 846 

3 785 969 
27 946 129 



66,42 
20,43 
39,02 
38,93 



30 460 761 38,04 



1,36 

6,49 

13,27 

5,79 

6,61 



0,00 
2,01 

1,02 

0,94 



32,22 
71,07 
47,71 
54,26 

64,41 



Weiter interessiert die Frage: Wieviel ist von dem seit 1882 ermittelten Plus 
an Bevölkerung den drei sozialen Schichten zugewachsen? Dies soll wenigstens 
für die Berufsbevölkerung von Landwirtschaft, Industrie und Handel gezeigt werden. Dabei 
werden die mithelfenden Familienangehörigen in der Landwktschaft (AI) zweckmässig der Selb- 
ständigenschicht zugerechnet. Alsdann ergibt sich, dass andemPlus von 12,5 Millionen, 
welches für die Berufsbevölkerung von A, B und C ( — 1,5 -f- 10.0 -f 4,0 = 12,5 Millionen) in 
der Zeit 1882/1907 eingetreten ist, die Arbeiterschicht mit 10,0, die A n - 
gesteUtenschichtmit 2,2 Millionen und die Selbständigenschicht 
mit rund 300 000 beteiligt ist: 



Selbständige (a einschl. A 1 c 1) 

Angestellte 

Arbeiter (c ohne A 1 c 1) . . 



1882 

20 586 372 

829 865 

18 398 378 



Berufszugehörige 2) 
1907 



Zunahme 

"/o-AnteU 



51,7 

2,1 

46,2 



20 881 542 

3 067 649 

28 396 761 



39,9 

5,9 

54,2 



295 170 
2 237 784 
9 998 383 



2,4 
17,9 
79,7 



Summe 39 814 615 



100 



52 345 952 



100 



12 531 337 



100 



Hat sich auch hiernach der Anteil der Abhängigenschicht innerhalb unserer Gesellschafts- 
gliederung im Lauf der letzten Jahrzehnte verstärkt und die Selbständigenschicht verringert, 

*) Als Angehörige sind hier auch die mithelfenden Familienangehörigen (c 1) eingeschlossen; die häus- 
lichen Dienstboten sind hier nicht berücksichtigt. 

') Das sind Erwerbstätige einschl. ihrer Famihenangehörigen und ihrer häuslichen Dienstboton. Die 
hier abgedruckten Zahlen können mit denen der oben gegebenen Tabelle nicht verglichen werden, da in letzteren 
die Dienstboten nicht enthalten sind und ferner die c 1-Personen auch von B und C (nicht nur die von A 1) au3 der 
Summe der c-Personen ausgeschieden sind. 



20S Friedrirh Zahn. Das Deutsche Volk. 



so ist doch keineswegs eine Proletarisierung der Gesellschaft, keine zunehmende Verelendung der 
Massen eingetreten. Dies war so wenig der Fall, dass die gegenteilige Annahme (Karl Marx) auch 
von den Sozialdemokraten selbst (Bernstein, Schönlank, Kautsky usw.) nicht mehr aufrecht er- 
halten, sondern zum alten Eisen geworfen wird. 

Anderseits ist selbstverständlich, dass bei dem sozialen Aufbau der Bevölkerung die Arbeiter- 
klasse die breiteste Schicht einnimmt. Indessen finden sich in der untersten Klasse keineswegs die 
schlechtesten Elemente der Gesellschaft, sondern viele verjüngende, belebende Kräfte des Volks- 
tums. "Während die verlebten Elemente von oben nach unten herabsinken, erfolgt im weiten Um- 
fang ein Aufstieg junger, tüchtiger Elemente des Volkes von unten durch den neugeschaffenen 
Mittelstand in die Höhe der sozial besser gestellten Kategorien. Das Volk verjüngt sich von 
unten nach oben. 

Bei all diesen Betrachtungen bilden übrigens die berufsstatistischen Nachweise zwar wichtige 
Unterlagen für die Kenntnis der bestehenden Klassenunterschiede. Aber die soziale Schichtung 
wird keineswegs bloss durch die Stellung im Beruf bedingt. Fast noch mehr von Einfluss ist Be- 
sitz und Höhe des Einkommens und dessen Verhältnis zu den 
Bedürfnissen. Der Gegensatz des Besitzes teilt jeden Berufsstand in einen vermögenden 
und einen vermögenslosen Teil und bringt in die gesamte soziale KJassenbildung manche wesent- 
liche Modifikation, wie wir beispielsweise bereits oben zum neuen Mittelstand die qualifizierte 
Arbeiterschaft zu rechnen hatten, deren Gehalt und Lohn den Verdienst des selbständigen Hand- 
werkers übersteigt. Das Besitzmoment ist für die moderne Klassenbewegung noch besonders von 
Belang in Anbetracht der heutigen Beweglichkeit der Arbeit sowie der Beweglichkeit und Teil- 
barkeit des Besitzes, wonach man mit seinem Besitz — Grundbesitz, Kuxe, chemische, Brauerei-, 
Bank- Aktien usw. — in den verschiedensten Berufen stehen kann, ohne s ch mit seiner Person an- 
passen zu müssen oder zu können. Indessen hat gerade die Vergesellschaftung unserer Grossbetriebe 
eine Milderung im Gegensatz des Besitzes ermöglicht. Anstatt dass, wie Karl Marx meinte, je ein 
Kapitalist viele totschlug, erzeugte das vergesellschaftete Grossunternehmen eine Mehrzahl von 
Kapitalisten, als Aktionäre, Gesellschafter usw., als welche heute auch kleinere Kapitalsbesitzer 
und besser gestellte Arbeiter am Kapitalgewinn der Grossbetriebe partizipieren. Mit anderen 
Worten, die Dezentralisierung des Kapitals im Zusammenhang mit der Entwicklung der Aktien- 
gesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung etc. wirkte dem an sich vorhandenen 
Gegensatz des Besitzes innerhalb der Klassen wenigstens etwas entgegen. 

Überdies muss bei Abmessung des sozialen Gewichts der sozialen Schichten nicht bloss 
die Quantität berücksichtigt werden, sondern auch ihre qualitative oder dynamische Be- 
deutung, nämlich die Bedeutung der Individuen für das Ganze nach Massgabe persönlicher Eigen- 
schaften des Geistes, Charakters usw. Die Industriekapitäne, die Betriebsleiter von Hunderten oder 
Tausenden von Personen, die Männer, die einen entscheidenden Einfluss im wirtschaftlichen Leben, 
ausüben bezw. ausgeübt haben, die Pioniere der industriellen und kommerziellen Armee, die 
sogenannten Kulturträger, können nicht auf gleicher Stufe sozial eingeschätzt werden wie die 
ebenfalls in der Selbständigen- Schicht von der Statistik gezählten Näherinnen, "Waschfrauen usw. 
Es handelt sich im erstcren Fall um Führer, Organisatoren grossen Stils, kulturelle Vorkämpfer 
die mit "Wagemut und kräftiger Energie, mit Kenntnis des Bedarfs und der Absatzfähigkeiten, 
mit sicherem Blick für die Vorbedingungen einer weiteren nationalen "Wohlfahrt, mit Übung in 
der Kunst der Menschenbehandlung sich als geistige Triebkräfte — jeder innerhalb seines Wirkungs- 
kreises — durchsetzen und Grosses im Gesamtinteresse, im Dienste der wirtschaftlichen, politischen, 
kulturellen Mission des Vaterlandes leisten. Solche Individualitäten, solche Persönlichkeiten, die 
sich nicht bloss in der statistischen Klasse der Selbständigen, sondern auch in der der Angestellten 
und Arbeiter finden, kommen in der alles nivellierenden Statistik nicht gebührend zur Geltung. 
Und doch sind sie für das Emporsteigen des Volkes von hohem Belang. Bei Analysierung des Volks- 
gefüges nach der quantitativen Seite darf man also die qualitative nicht ausser acht lassen, sonst 
kommt man bei einer Ghederung nach sozialen Schichten zu unrichtigen Massverhältnissen, die 
in der Sozial- wie in der AVirtschaftspolitik leicht Schaden anrichten. 



Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



209 



Das Gesagte ist auch zu berücksichtigeu bei Betrachtung einer weiteren bemerkenswerten Er- 
scheinunginunserersozialenUmschichtuug,nämlichder A u sdehnungdes Frauenerwerbs. 

In der Statistik tritt der Frauenerwerb gegenüber der Männerarbeit bedeutend zurück. 
Es wvirden 1907 gezählt 18,6 Millionen männliche Erwerbstätige oder 61,0C % der männlichen Be- 
völkerung, 9,5 Millionen weibliche Erwerbstätige oder 30,37 % der weiblichen Bevölkerung. In 
dieser Erwerbsziffer ist nicht inbegriffen die Hausfrauentätigkeit, ihre Kinderfürsorge, kurz jenes 
natürliche Arbeitsgebiet des weiblichen Geschlechts, das in seinem volkswirtschaftlichen Wert 
keineswegs hinter der anderen Erwerbstätigkeit zurücksteht. Immerhin ist eine von Zählung zu 
Zählung steigende Beteiligung der Frau am allgemeinen Erwerbs- 
leben zu konstatieren : 



Jahr 


Weibliche Erwerbstätige 


Prozentanteil an der weiblichen 




(einschl. Dienstboten) 


Bevölkerung 


1882 


5.541517 


24,02 


1895 


6 578 350 


24,90 


1907 


, 9 492 881 


30,37 



Darnach wären seit 1895 nicht weniger als 2,9 Millionen, seit 1882 fast 4 Millionen Frauen 
mehr in das Erwerbsleben eingetreten. Ein solcher Grad der Zunahme ist, wie schon oben angedeutet, 
jedoch kaum erfolgt, es handelt sich bei diesen Zahlen zum guten Teil um Verschiebungen formaler 
Art, die lediglich auf schärfere Erfassung der Mithilfe von Familienangehörigen beruhen, die früher 
in der Gruppe der Familienangehörigen gezählt wurden, jetzt in der Gruppe der Erwerbstätigen 
erscheinen. 

Gleichwohl bleibt die tatsächliche Vermehrung der weiblichen Erwerbstätigen gross. Haupt- 
sächlich vollzog sie sich in der Klasse der mithelfenden Familienangehörigen 
und in der Klasse der Arbeiterinnen: 



Weibliche Erwerbstätige 
im Jahre 1907 



Zunahme bezw. Abnahme ( — ) 



seit 1895 



abs. 

a Selbständige 1 197 593 

b Angestellte 192 619 

Häusliche Dienstboten 1 249 383 
cl Mithelfende Familien- 
angehörige 3 177 734 

c2 — 5 Sonstige Arbeite- 
rinnen 3 075 552 

Zusammen 9 492 881 



/o 

12,02 

:.',03 

13,10 

33,47 

38,72 



abs. 
26 148 
138 577 
— 64 574 

2 018 790 

795 590 



seit 1882 



0/ 

/o 

2.23 

256.42 

— 4,91 

174,19 

27.03 



abs. 

118 462 

108 407 

- 33 031 



3 697 526 



0/ 

/o 
10.98 
695,55 
— 2,58 



117,17 



100 



2 914 531 



44,30 



3 951364 



ri,30 



Das Plus der mithelfenden Famihenangehörigen (1895 bis 1907 : 2 Millionen) entfällt vor- 
nehmlich auf die Landwirtschaft (1,8 Millionen); am Eest von 200 000 ist der Handel mehr als 
doppelt so stark wie die Industrie beteiligt (136 000 bezw. 55 000). Das Plus an Arbeiterinnen 
von rund 800 000 (1895/1907) hat fast zur Hälfte in Gewerbe und Industrie Unterkommen ge- 
funden, im übrigen im Handel, bei Lohnarbeit wechselnder Art und ausserdem in Landwirtschaft 
und in freien Berufen. 

Diese Vermehrung der weiblichen Erwerbsarbeit bedeutet, wie ausdrücklich erwähnt sei, 
nicht etwa eine Verdrängung der Männerarbeit durch Frauen. Haben doch die männlichen Erwerbs- 
tätigen 1895/1907 um über 3 Millionen zugenommen (überwiegend in der Klasse der Arbeiter bei 
Industrie und Handel). Die Männerarbeit stellt nach wie vor das Hauptkontingent unserer Erwerbs- 
kraft, wenn auch der Abstand zwischen den Geschlechtern sich im Laufe der letzten Jahrzehnte 
abschwächte. Aber es hat sich die Erwerbsgelegenheit im ganzen, dank des Aufschwungs von 
Gewerbe, Handel und Verkehr, vermehrt und daran partizipieren neben den männlichen auch die 
weiblichen Personen und zwar letztere mit um deswillen, weil sie in der modernen (mehr auf Ord- 
sung des Konsums als auf Produktion sich erstreckenden) Hauswirtschaft keine genügende Be- 
nchäftigung mehr finden und wegen der anspruchsvolleren Haushaltung und des teurer gewordenen 



Handbach der Politik. II. Auüase. Band II. 



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210 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 



Unterhalts zum Miterwerb genötigt sind. Die Männer wenden sich dabei den neuen von der Technik 
erschlossenen und lohnenderen Arbeitsgebieten zu, während die Frauen, im allgemeinen wenig- 
stens, die von den Männern verlassenen Arbeitsstellen (in der Landwirtschaft) und die von Natur 
aus ihnen mehr als den Männern gelegenen Arbeitsverrichtungen übernehmen. Dieser Einzug der 
Frauen ins Erwerbsleben wird begünstigt einerseits dittch die immer weitere Absplitterung der 
Hauswirtschaft, durch die Familienwirtschaft im Bauernbetrieb und im gewerblichen Kleinbetrieb 
(die etwa ^/jq aller Familienangehörigen beschäftigen), anderseits durch die Schwierigkeit der 
Arbeiterverhältnisse in der Landwirtschaft sowohl wie in der Industrie und durch das Vordringen 
der Arbeitsmaschinen, welche so manche gewerbliche Arbeit im Mittel- und Grossbetrieb gegen 
früher vereinfachen und so die Frau daselbst festen Fuss fassen lassen. 

A\'as den näheren Charakter des Frauenerwerbs betrifft, so finden sich 
von 9,5 Millionen Erwerbstätigen 1,2 Millionen in selbständiger Stellung, sie haben als solche einen 
landwirtschaftlichen Betrieb, ein Gewerbe oder ein Geschäft, sind Erzieherinnen, Hebammen, 
Schauspielerinnen, Musikerinnen, Künstlerinnen, Lehrerinnen. Soweit sie der Landwirtschaft, 
der Industrie und dem Handel angehören, handelt es sich bei vielen weniger um die Ausübung 
eines Berufes als um die Verwaltung eines übernommenen Besitzes seitens der Witwe. 

4,4 Millionen von den erwerbstätigen Frauen verrichten Dienste in engster Beziehung zur 
Familie. Es sind dies 3,2 Millionen Frauen und Töchter, die im Betrieb des Haushaltungsvorstandes 
mithelf